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Donnerstag, 25. Juli 2019

Gary Shteyngart / WIllkommen in Lake Success (1)

Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre 

Fünf Wochen habe ich für dieses Buch benötigt, da ich derzeit meinen Kopf nicht freibekomme, da so viel anderes ansteht. Das ist das erste Mal, wofür ich für ein Buch so lange gebraucht habe.

Warum schreibe ich das? Hauptsächlich für mich, wenn ich diese Buchbesprechung nach einer gewissen Zeit wieder nachlesen möchte, und ich mich nicht wundern muss, weshalb mich das Buch so viel Zeit beansprucht hat.

Aber hat es wirklich nur an mir gelegen? Nein, nicht nur an mir, es hat auch etwas an dem Buch gelegen. Es war sehr zäh, hat sich gezogen, sodass die Handlung für mich nach etwa zweihundert Seiten die Glaubwürdigkeit verloren hat. Deshalb werde ich mich in dieser Besprechung kurzhalten.

Außerdem wurden viele Themen angerissen, die nicht zu Ende gedacht wurden.

Hier geht es zur Buchvorstellung; zum Klappentext, zum Autorenporträt, zu meinen ersten Leseeindrücken und zu den Buchdaten.

Die Handlung
Die Handlung beschreibt das Leben einer Kleinfamilie namens Cohen. Barry Cohen ist etliche Jahre älter als seine Frau Seema. Seemas Eltern sind Einwanderer und kamen ursprünglich aus Indien, während sie selbst in den Staaten geboren ist und dadurch die amerikanische Staatsbürgerschaft erworben hat. Barry, Ende dreißig, ist Jude und seit über zwanzig Jahren in der Finanzbranche tätig. Er verwaltet Wertpapiere bis zu 2,4 Milliarden Dollar.

Seema ist Juristin und 29 Jahre alt.
Sie haben einen gemeinsamen Sohn namens Shiva. Ein langersehntes Kind, da es mit dem Kinderkriegen zuvor nicht wirklich klappen wollte, bis Seema einer künstlichen Befruchtung zugestimmt hat. 

Der kleine Shiva ist aber kein normales Kind. Es ist autistisch. Die Eltern müssen lernen, mit der Besonderheit ihres Kindes umzugehen. Aber der Autismus fordert die Eltern heraus. Eigentlich passt er nicht in das Lebensbild des Vaters, denn Barry kommt aus einer perfekten Welt, in der Schwächen nicht geduldet werden. Das Kind spürt die mangelnde Zuneigung seines Vaters und lehnt ihn vehement ab. Die Ehe der Eltern wird auf die Probe gestellt.

Seit Seema die Diagnose ihres Sohnes erfahren hatte, verbringt die junge Mutter jede freie Minute, für das Kind da zu sein. Sie nimmt alle Stränge in die Hand, organisiert eine Tagesmutter und medizinische Hilfe, in der das Kind gefördert werden kann, während Barry gar nicht wahrhaben will, dass sein Sohn autistisch ist. Dadurch, dass Seema jede freie Minute für ihr Kind investiert, so ist es Barry, der glaubt, zu kurz zu kommen.

Seema wirft ihm bedingt durch seinen Beruf Empathie- und Fantasielosigkeit vor.

Barry besitzt viele teure und anspruchsvolle Uhren.
Die Uhr schmiegt sich um sein Handgelenk wie ein Artefakt aus einem goldenen, technisch ausgereiftem Universum, und sie tat kund, was für ein Mann Barry eigentlich war. (2018, 28)
Die Probleme zu Hause hält Barry nicht aus und macht sich auf, mit einem Bus nach Richmond zu reisen, um seine alte Jugendfreundin zu finden. Doch eigentlich ist er auf der Flucht. Auf der Flucht vor seinem Sohn, vor seiner Frau, nicht zuletzt auch vor sich selbst.

Welche Szenen haben mir gar nicht gefallen?
Mich hat genervt, dass der Autor ein großes Geheimnis um den Autismus gemacht hat. Er hat die Erkrankung viele Seiten über umschrieben, um wahrscheinlich die Thematik spannender aufzuziehen. Aber ich glaube, dass jeder anspruchsvolle Leser*in weiß, was Autismus ist. Ich bin sehr schnell hinter seine Umschreibung gekommen.

Welche Szene hat mir besonders gut gefallen?
Politisch: Die kritische Sichtweise zu Donald Trump.
Barry ist ein Trump – Gegner.

Welche Figur war für mich ein Sympathieträger?
Keine

Welche Figur war mir antipathisch?
Barry aber auch seine Frau. Eigentlich fand ich alle Figuren unsympathisch, vor allem die, die in einer starken materiellen Welt gefangen sind und wenige innere Werte besitzen.

Meine Identifikationsfigur
Keine.

Cover und Buchtitel  
Beides sehr ansprechend.

Zum Schreibkonzept
Auf den 430 Seiten ist das Buch in 13 Kapiteln gegliedert. Es gibt keinen Prolog aber einen Epilog.

Meine Meinung
Eigentlich hatte mich das Buch anfangs fasziniert. Den Klappentext fand ich ansprechend, aber die ganze Thematik hat mich irgendwann angefangen zu langweilen. Dann war mir das Bild  zwischen den Amerikaner*innen und den Migrant*innen zu einseitig und zu dick aufgetragen. Und überhaupt viel zu viele Gedanken über die Hautfarbe. Warum müssen Menschen so viel über die Hautfarbe schreiben? Es gibt dunkle Menschen. Es gibt helle Menschen. Es gibt braune Menschen … Wo ist das Problem, wenn die Menschenwelt von Natur aus bunt ist? 

Mein Fazit
Ich freue mich, dass ich nun mit dem Buch durch bin, und dass ich durchgehalten habe, ohne es vorzeitig abzubrechen.

Da dieses Buch auf Whatchareadin gelesen wurde, verlinke ich meine Besprechung mit der Leserunde.

Meine Bewertung
2 Punkte: Sprachlicher Ausdruck (Anspruchsvoll, keine saloppe Schreibweise)
1 Punkte: Differenzierte Charaktere
1 Punkte: Authentizität der Geschichte
1 Punkte: Fantasievoll, ohne dass es kitschig oder zu sentimental wirkt
2 Punkte: Frei von Stereotypen,Vorurteilen, Klischees und Rassismus
2 Punkte: Cover und Titel stimmen mit dem Inhalt überein

Hat mir die Geschichte an sich gut gefallen?
Trotz guter Bewertung meinerseits, nein.
Neun von zwölf Punkten.

Weitere Informationen zu dem Buch:

Hier geht es zu Whatchareadins Leserunde. 

Ein herzliches Dankeschön an den Penguin Verlag für das Bereitstellen des Leseexemplars. 
________________
Vertraue auf dein Herz.
Denn dann gehst du niemals allein.
(Temple Grandin)

Gelesene Bücher 2019: 22
Gelesene Bücher 2018: 60
Gelesene Bücher 2017: 60
Gelesene Bücher 2016: 72
Gelesene Bücher 2015: 72
Gelesene Bücher 2014: 88
Gelesene Bücher 2013: 81
Gelesene Bücher 2012: 94
Gelesene Bücher 2011: 86




Montag, 11. Februar 2019

Paolo Cognetti / Sofia trägt immer schwarz (1)

Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre 

Leider kommt dieses Buch von Paolo Cognetti nicht an seinen Vorgänger Acht Berge ran. Dieser Band hat mich etwas gelangweilt und auch der Stoff war sehr klischeehaft bearbeitet worden.

Aber es war nicht alles schlecht. Meine Anfangsvermutung, dass es sich hier wieder um Armut und um den katholischen Glauben dreht, hat sich nicht ganz bestätigen können.

Die Familie, um die es hier geht, ist eine gutbürgerliche, italienische Durchschnittsfamilie aus Mailand mit ihren eigenen Problemen.

Hier geht es zum Klappentext, zum Autorenporträt, zu meinen ersten Leseeindrücken und zu den Buchdaten.


Die Handlung
Man lernt hier eine mailändische Kleinfamilie kennen, die aus drei Personen besteht. Als klassisches Modell von Vater, Mutter und Kind. Die Hauptperson ist Sofia Muratore, 1978 geboren, die schon als kleines Mädchen gegen ihre Eltern rebelliert, da sie sich unentwegt streiten, sie es aber nicht schaffen, sich im schlimmsten Fall scheiden zu lassen, weil ihr Glaube es nicht zulässt. Die Mutter, Rosanna, ist Malerin ohne Universitätsabschluss, der Vater, Roberto, ist Maschinenbauingenieur bei Alfa Romeo, und schafft es nicht, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Rossanna leidet unter schweren Depressionen, sehnt sich als Frau nach einem autonomen Leben, ist aber wirtschaftlich völlig von ihrem Mann abhängig. Die Handlung spielt im Lagobello, ein Vorort von Mailand, in den 1980er und 1990er Jahren. Sofia hat Angst, zu werden wie ihre Mutter und durchläuft im Laufe ihrer Jugend mehrere Identitätskrisen. Robertos Schwester Marta hat sich gegen eine Ehegemeinschaft entschieden und lebt ein Leben, von dem Rossanna nur träumen kann. Marta lehnt die Ehe als Institution ab. Rossanna hatte ihr Studium an der Kunstakademie nicht abgeschlossen, da sie schwanger wurde. Sie versuchte aber auch später nicht, ihr Studium nachträglich zu beenden, und flüchtet stattdessen immer wieder in eine schwere Depression. Schon Virginia Woolf, die vom Autor zitiert wird, träumt als Frau von einem Zimmer für sich allein. Nur hat Viginia Woolf in einer anderen Zeit gelebt ...  Roberto dagegen, der auch unglücklich mit Rossanna ist, verliebt sich in seine Kollegin Emma und geht mit ihr heimlich eine zweite Bindung ein. Auch Emma möchte gerne emanzipiert sein, und lehnt den Ehebund  ab … Mehr möchte ich nun nicht verraten, vor allem auch nicht, wie sich Sofia weiter entwickeln wird, und wie sie es schafft, aus ihrem verhassten Elternhaus zu entrinnen ...

Welche Szene hat mir nicht gefallen?
Dass Emma sich auf die Beziehung mit Roberto eingelassen hat, obwohl er verheiratet und Familienvater ist. Und dass Roberto und Rossanna sich ihren Problemen ausgeliefert hatten, ohne etwas dagegen zu tun ... Immerhin gibt es die Möglichkeit zu einer Paartherapie ... 

Welche Szenen haben mir besonders gut gefallen?
Sofia, 12 Jahre alt, sollte in der Schule einen Aufsatz über ihren Vater schreiben. Sie schrieb, dass sie keinen habe, und überhaupt sei sie ein adoptiertes Kind. Die Lehrerin stimmte dieser Aufsatz stutzig, kopierte ihn und schickte das Exemplar an die Eltern. Als ihr Daddy den Aufsatz gelesen hatte, war er schockiert. Durch den Aufsatz wird ihm bewusst, dass er durch seinen Beruf zu wenig für sein Kind da sei. Wie oben schon gesagt, schafft er es nicht, Familie und Beruf in Einklang zu bringen. Was macht er? Er nimmt Sofia mit in seine Firma, in der er der Chef ist. Er wollte Sofia zeigen, was er beruflich macht und weshalb er so wenig zu Hause sei. Mir hat diese Szene sehr gut gefallen.

Zweite Szene: Rossanna bittet Marta bei der Wohnungssuche um Hilfe. Eigentlich sucht sie ein Atelier, um für sich und für ihre Kunst alleine sein zu können. Die Mieten sind allerdings überteuert, der Vermieter spürt, dass Rossanna sich die Miete nicht leisten kann und betrachtet sie von oben herab. Sowohl Rossanna als auch Marta sind sehr feinfühlig, nehmen die abwertende Haltung des Vermieters wahr, und veräppeln ihn, in dem sie die Wohnung auf Schwachstellen monierten. Sie gaben ich als reiche Leute aus, für die diese Wohnung zu schade sei. Sie schaffen es, den Vermieter in eine andere Haltung zu versetzen und so entschuldigte er sich bei den beiden Frauen. Als sie wieder draußen auf der Straße waren, prusteten sie beide vor Lachen los.

Welche Figur war für mich Sympathieträger?
Ich stehe dieses Mal ziemlich neutral den Figuren gegenüber, da mir die tieferen psychologischen Hintergründe fehlen.

Welche Figur war mir antipathisch?
Robertos Geliebte Emma.

Meine Identifikationsfigur
Marta Muratore und Sofia als Kind und Jugendliche.

Cover und Buchtitel
Hat mir gut gefallen. Ein schönes Motiv auf dem Buch. Interessant fand ich auch das italienische Cover, siehe oben. Dazu habe ich mir die Rezensionen der italienischen Leser*innen durchgelesen. Viele machten dieselben Beobachtungen und waren derselben Meinung wie ich, dass die Charaktere und die Thematik zu oberflächig und zu klischeebehaftet waren ...
Der Buchtitel wird einem recht schnell klar, weshalb Sofia immer schwarz trägt.

Zum Schreibkonzept
Auf den 234 Seiten wird die Geschichte in zehn Kapiteln gepackt. Hinten findet man die Anmerkungen des Autors, anschließend folgt eine Seite zu den Zitatnachweisen, und zum Schluss ist das Inhaltsverzeichnis mitabgedruckt. Irritiert hat mich auf der ersten Seite das Gedicht von Sylvia Plath, in dem es um das Sterben als eine Kunst geht. Auf den ersten Seiten der Geschichte konnte ich das Gedicht noch gut in dem Kontext zuordnen, da der kleine Oscar keine Eltern mehr zu haben scheint, zumal die Mutter an Krebs gestorben ist oder noch sterben wird. Hier dachte ich, diese Thematik wird das ganze Buch füllen, war aber nicht. Man verlor den Oscar wieder aus den Augen, und somit auch die Thematik über das Sterben. Nun, wo ich die ganze Geschichte kenne, finde ich den Vers von Sylvia Plath völlig deplatziert. Viele Seiten später stirbt zwar eine weitere Bezugsperson, aber im Durchschnitt wird hier nicht mehr gestorben, um den Vers erklärbar zu machen. Ein Vers über die Emanzipation eines Ehepaares, speziell über die einer Ehefrau, wäre hier angebrachter gewesen.

Meine Meinung
Leider sind mir in dem Buch viel zu viele Klischees. Die Franzosen werden hier idealisiert, obwohl auch sie ihre Ghettos haben … Süditaliener werden durch das inszenierte Nord/Südgefälle abgewertet, werden als die ewigen Verlierer gebrandmarkt ...

Auch wenn Cognetti selbst Italiener ist, scheint ihm vielleicht entgangen zu sein, dass es im Süden Italiens die Drei- bis Vierkopffamilie gängig ist. Die Geburtenrate Italiens ist seit über zehn Jahren stark zurückgegangen. 2016 wurden nur 1,35 Kinder im Durchschnitt geboren. Die wenigsten Kinder bekommen Italienerinnen aus Sizilien und Sardinien. Das Argument, dass man sich durch die desaströse Familienpolitik des Landes nicht mehr Kinder leisten könne, hinkt meiner Meinung nach. Italien war nie besonders reich, trotzdem hatten sie früher ihre Kinder bekommen. Auch in Spanien ist die Geburtenrate seit vielen Jahren rückläufig. Beide Länder, Spanien und Italien, liegen noch vor Deutschland, was der demografische Wandel betrifft, dass es mehr alte als junge Menschen gibt. Beide Länder sind auf den Zuzug von Migrant*innen angewiesen, um die Sozialkassen aufzufüllen. Cognetti aber stellt in seinem Buch die Dreikopffamilie als besonders nordisch dar.

Hier geht es zu einem Artikel vom Neue Züricher Zeitung über das klischeebehaftete kinderliebende Bambini-Land Italien. Erstens mal war Italien noch nie kinderliebender als andere Länder. Auch in diesem Land gab es eine Zeit, in der die Schwarze Pädagogik als Erziehungsstil dominierte. Und noch in den 1960er und 1970er Jahren hatten die Italienerinnen nicht mehr Geburten als hier in Deutschland. In den 1960er Jahren zählte auch Deutschland zu den geburtsstarken Ländern. Und niemand würde einfallen, Deutschland als das Bambini-Land zu bezeichnen.  

Gestört hat mich noch, dass Cognetti einen Süditaliener mit schwarzem Schnauzbart mit einem sizilianischen Mafioso verglichen hatte. Von einem emanzipierten Autor erwarte ich, sich frei zu machen von solchen rassistischen Zuschreibungen, die ihm sicher nicht bewusst sind und unbeabschtigt erfolgen, denn mir hat gefallen, als er eine Erklärung hat finden können, weshalb Italien eigentlich als ein reiches Land ständig in den Miesen steckt ...

Wer es noch nicht weiß, viele Italiener*innen betreiben Rassismus mit dem eigenen Volk. Die italienischen Medien sind voll davon. Die Regierung spaltet den Norden mit dem Süden, spaltet in Arme und Reiche, in hell und dunkel, was die Haut- und die Haarfarbe betreffen … Und wenn man sich die Bücher anschaut, in denen Italien mit seinen Landsleuten beschrieben werden, findet man immer wieder dieselben Themen, dieselben Klischeebilder. Der Norden ist westlich, der Süden archaisch, man erfährt wenig Neues, obwohl es auch dort Entwicklungen gegeben hat ...

Mein Fazit
Schade, dass mich das Buch nicht so packen und überzeugen konnte. Der Autor hätte mehr daraus machen können. Außerdem wusste ich anfangs nicht, wohin mich die Geschichte führen sollte. Wer war der kleine Oscar? Ich weiß schon gar nicht mehr, ob seine Eltern tot sind oder ob die Mutter an Krebs erkrankt ist und die Chemo abgebrochen hat? Später verliert man Oscar, er taucht nicht mehr auf. Auch manche späteren Szenen fand ich nicht passend und aus dem Zusammenhang herausgerissen. Außerdem hat es mir an psychologischer Tiefe gefehlt. Die Charaktere waren mir nicht tiefgründig genug. Und die Struktur etwas unsortiert.

Ich benötige jetzt eine Cognetti Pause, bin nun auf langer Sicht von ihm gesättigt, vielleicht waren meine Erwartungen durch die Acht Berge zu weit nach oben geschraubt. Doch in dieser Lektüre sagt mir sein Welt- und Menschenbild definitiv nicht zu.

Meine Bewertung
2 Punkte: Sprachlicher Ausdruck (Anspruchsvoll, keine saloppe Schreibweise)
1 Punkte: Differenzierte Charaktere, psychologischer Tiefgang
1 Punkte: Authentizität der Geschichte, Inhalt konnte überzeugen, roter Faden
0 Punkte: Literaturwissenschaftliches, gut recherchiertes Buch
0 Punkte: Frei von Stereotypen, Vorurteilen, Klischees und Rassismus
2 Punkte: Cover, Titel und Klappentext stimmen mit dem Inhalt überein
6 von 12 Punkten

Vielen herzlichen Dank an den Penguin-Verlag für das Bereitstellen des Leseexemplars.
________________
Vertraue auf dein Herz.
Denn dann gehst du niemals allein.
(Temple Grandin)

Gelesene Bücher 2019: 07
Gelesene Bücher 2018: 60
Gelesene Bücher 2017: 60
Gelesene Bücher 2016: 72
Gelesene Bücher 2015: 72
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Gelesene Bücher 2012: 94
Gelesene Bücher 2011: 86

Dienstag, 15. Januar 2019

Dörte Hansen / Mittagsstunde (1)

Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre  

Ein wunderschönes Buch, das mich nicht mehr losgelassen hat. Auch wenn ich anfangs etwas Mühe hatte, reinzukommen, habe ich es trotzdem von der ersten bis zur letzten Seite genossen. Eine versierte, literarische Sprache, eine differenzierte Figurenbeschreibung, ein interessantes norddeutsches Familienporträt.

Dadurch, dass wir das Buch im Bücherforum besprechen, werde ich hier nur die wichtigsten Fakten beschreiben. Am Ende der Besprechung verlinke ich meine Seite mit der auf Whatchareadin. Ich habe dort ein paar schöne Zitate hinterlassen, und werde morgen Abend mich weiter an der Diskussion beteiligen. 

Hier geht es zum Klappentext, zur Vita der Autorin, zu meinen ersten Leseeindrücken und zu den Buchdaten.


Die Handlung
Die Handlung spielt in Brinkebüll, eine kleine Ortschaft im Norden Deutschlands.
Auf den ersten Seiten lernt man Marret Feddersen kennen, eine merkwürdige Figur, die überall in der Ortschaft tagtäglich den Untergang preist. Doch die Apokalypse lässt bis dato noch auf sich warten ;-). Marret scheint intellektuell ein wenig retardiert zu sein, hört permanent Schlagerlieder, die nicht nur von einer heilen Liebeswelt singen … Marret stammt aus einer dreiköpfigen Familie. Der angebliche Vater, Sönke Kröger, hat noch vor Marrets Geburt in die Familie Feddersen hineingeheiratet. Sönke besitzt eine Gaststätte und ist noch als Landwirt tätig. Ella Feddersen, Marrets Mutter, ist eine sehr stille und stark introvertierte Figur, die Probleme innerhalb der Familie innerlich eher aushält, als dass sie sie anspricht. Als Sönke im Krieg war, musste sie ihren Mann auf dem Feld und in der Kneipe ersetzen. Als der Krieg vorbei war und Sönke nichts hat von sich hören lassen, rechnete Ella nicht mehr mit seiner Rückkehr …  Marret ist ein Nachkriegskind …

Eine weitere wichtige Figur ist Ingwer Feddersen, der uneheliche Sohn von Marret. die damals 17-jährige Marret wollte das Kind nicht, und so versuchte sie es durch verschiedene Selbstverletzungen abzutreiben …

Ingwer wurde trotzdem geboren und wuchs bei Sönke und Ella auf. Marret kümmerte sich nur wenig um ihr Kind.

Als Ingwer schulpflichtig wurde, entpuppte er sich zum Klassenbesten, sodass er nach der Grundschule das Gymnasium außerhalb von Brinkebüll besuchte. Sönke hatte eigentlich mit ihm andere Pläne. Er wollte, dass Ingwer beruflich in seine Fußstapfen tritt. Durch den weiteren Bildungsweg über Studium und Promotion entfremdeten sich Sönke und Ingwer immer mehr voneinander. Seinen Wohnsitz verlegte Ingwer nach Kiel, etwa 100 Kilometer von Brinkebüll entfernt, wo er an der Universität eine Dozentenstelle innehat ... Seit mehr als zwei Jahrzehnten lebt Ingwer in einer Dreier-WG ... Eine feste Bindung hat er nicht, eine klassische Ehe als Institution lehnte er ab. Es ist für mich noch nicht ganz klar, ob die Mitglieder in dieser Dreier-WG, zusammengesetzt aus Ingwer, Claudius und Ragnhild, ihr sexuelles Liebespotential in ihrer Dreiecksbeziehung entfalten.

Als promovierter Landvermesser kehrt Ingwer beruflich nach vielen Jahren wieder nach Brinkebüll zurück und ist erstaunt, wie sehr sein Heimatdorf sich verändert hat. Es sind kaum noch Landwirte zu sehen. Viele haben Land und Hof verkauft … Brinkebüll wird modernisiert …

Sönke und Ella, 90 Jahre alt, sind mittlerweile alte Leute, die Unterstützung in der Pflege und im Haushalt benötigen ...

Welche Szene hat mir gar nicht gefallen?
Besonders abstoßend habe ich den eher selbstgerechten Dorfschullehrer namens Steensen erlebt, als er seine Schüler geschlagen hat, wenn sie nicht pariert haben. Vom Schulamt wurde durch die 1968er Bewegung die antiautoritäre Erziehung an den Schulen vorgeschrieben, an die sich Steensen bis zu seiner Pensionierung nicht halten wollte. Auch wenn er gerecht gewirkt hat, reicht mir das nicht ... 

Welche Szenen haben mir besonders gut gefallen? Drei Szenen
1) Gefallen hat mir, dass Marret von der Gesellschaft und von ihrer Familie wegen der unehelichen Schwangerschaft nicht verstoßen wurde. Marret selbst hatte allerdings keine Ahnung, wie das Kind aus ihrem Körper geboren werden soll. Früher sprach man nicht über die Sexualität, auch nicht über Verhütung und nicht über die Geburt eines Neugeborenen. Ella hatte auch nicht den Mut, Marret aufzuklären. Aus der Schulbibliothek lieh sie sich den Atlas über die Anatomie des menschlichen Körpers. Mit Hilfe dieses Atlas` half sie ihrer Tochter, die bevorstehende Geburt verständlich zu machen ... Wie Marret diese Informationen aufgefasst hat, ist dem Buch zu entnehmen. Bücher können viel, aber doch nicht alles ... 

2) Wahnsinnig angenehm fand ich, als Sönke den kleinen schreienden Säugling Ingwer, der erst kaum zu bändigen war, ihn als kleines Bündel auf seiner Männerbrust in seiner Jacke gewärmt hat und ihn so überall hin mitgetragen hat. Sönke wirkte vom Charakter her sehr spröde und trocken, dass ich ihm diese Form von Liebe niemals zugetraut hätte, wo doch die Hebamme den Tipp gegeben hatte, das Kind einfach schreien zu lassen.

3) Gefallen haben mir auch die Szenen, in denen Ingwer Sönke und Ella in Brinkebüll gepflegt hat, als er sich beruflich dafür für ein Jahr eine Auszeit nimmt, um sich um die alten Eltern/Großeltern zu kümmern. Ella entwickelte schleichend eine Demenz, während Sönke körperlich stark geschwächt und pflegebedürftig ist.

Welche Figur war für mich ein Sympathieträger?
Ella Feddersen.

Welche Figur war mir antipathisch?
Ragnhild Dieffenbach, Dipl. Ingenieurin, die, als Ingwer als Endvierziger in eine Midlife-Crisis gerät, kommt sie ihm mit naiven psychologischen Theorien, in der er sich nicht verstanden gefühlt hat. Ich vermisste bei ihr die Empathie und Ingwer sicher auch.

Meine Identifikationsfigur
Ingwer Feddersen.

Cover und Buchtitel 
Vosicht Spoiler
Das Cover hat mir sehr gut gefallen. Und den Titel Mittagsstunde, was darunter gemeint ist, wird später auf verschiedenen Seiten deutlich. Vor der Modernisation von Brünkebüll wurde die Mittagsstunde als Ruhezeit zelebriert, und nach der Modernisation wurden diese Ruhezeiten aufgelöst, als sich mit ihr auch ganz Brinkebüll aufgelöst hat. Die Städter zogen aufs Land, um die Natur zu erleben, und die jungen Leute zogen vom Land in die Stadt, weil für sie der Beruf als Landwirt nicht mehr lukrativ genug war.

Zum Schreibkonzept
Die Zeiten, in denen die Handlung sich abspielt, sind nicht chronologisch aufgebaut. Sie pendelt zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Marret muss Ende der 1940er Jahre geboren worden sein, Ingwer kam Anfang bis Mitte der 1960er Jahre auf die Welt.

Meine Meinung
Wie ich anfangs schon geschrieben habe, hat mir das Buch sehr zugesagt. Die Lebensweise der Dorfbewohner*innen war so prägnant, dass mich das tief berührt hat. Die Autorin hat es geschafft, die Figuren so zu beschreiben, dass es für mich möglich wurde, in das Innenleben dieser Menschen zu schauen, das voller Abgründe ist. Auf mich wirkten all diese Menschen innerlich sehr einsam, nur jeder auf seine eigene Weise. Probleme wurden nicht angesprochen. Es war üblich, sie zu ertragen. Jede Figur wirkte auf mich wie eine einsame Insel. Daher auch ein sehr nachdenkenswertes Buch. Aber ob die Themen wirklich so spezifisch sind, dass man sie nur in Brinkebüll finden kann, das glaube ich eher nicht. Kürzlich hatte ich zwei italienische Autoren gelesen, auch darin ging es um italienische Dörfer, um Landflucht, um Modernisierung dieser Dörfer, und die Italiener waren dort ähnlich nach innen gekehrt wie die Menschen aus dem hohen Norden von Deutschland. Auch sie konnten nicht offen über ihre Probleme reden ... 

Mein Fazit
Eine faszinierte und sehr lesenswerte Familienbiografie mit ihren Besonderheiten an Lebensweisen in einer Dorfgemeinschaft.  

Meine Bewertung
2 Punkte: Sprachlicher Ausdruck (Anspruchsvoll, keine saloppe Schreibweise)
2 Punkte: Differenzierte Charaktere
2 Punkte: Authentizität der Geschichte
2 Punkte: Sehr gute Übersetzung
2 Punkte: Frei von Stereotypen, Vorurteilen, Klischees und Rassismus
2 Punkte: Cover, Titel und Klappentext stimmen mit dem Inhalt überein
12 von 12 Punkten

Klare Leseempfehlung.

Weitere Information zu dem Buch
Vielen herzlichen Dank an den Penguin Verlag für das Bereitstellen des Leseexemplars.

Ein herzliches Dankeschön auch an die Moderator*innen des Bücherforums Whatchareadin für das Engagement.

Hier geht es zu der Leserunde.

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Vertraue auf dein Herz.
Denn dann gehst du niemals allein.
(Temple Grandin)

Gelesene Bücher 2019: 03
Gelesene Bücher 2018: 60
Gelesene Bücher 2017: 60
Gelesene Bücher 2016: 72
Gelesene Bücher 2015: 72
Gelesene Bücher 2014: 88
Gelesene Bücher 2013: 81
Gelesene Bücher 2012: 94
Gelesene Bücher 2011: 86


Donnerstag, 13. Dezember 2018

David Foenkinos / Das geheime Leben des Monsiur Pick (1)

Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre  

Leider ist dieses Buch kein Lennon und auch keine Charlotte. Von den drei Büchern, die ich bisher vom David Foenkinos gelesen habe, hat mir das vorliegende Buch am wenigsten gefallen. Obwohl es ganz gut angefangen hat, konnte mich die Geschichte später nicht mehr wirklich überzeugen, trotz der besonderen Thematik.

Hier geht es zum Klappentext, Autorenporträt, zu meinen ersten Leseeindrücken und zu den Buchdaten.

Die Handlung
Anfangs geht es um eine fiktive amerikanische Bibliothek, die von gescheiterten Autor*innen abgelehnte Manuskripte entgegennimmt und sie dort archiviert. Nun machte ein Bretone namens Jean-Pierre Gourvec aus dieser fiktiven Bibliothek eine reelle. Gourvec liebte das gedruckte Wort. Er war ein recht besonnener und überlegter Mensch, der zurückgezogen lebte. Er benötigte nicht viel Gesellschaft, aber er benötigte die Bücher als Lebensbegleiter*innen. Ähnlich wie ein Buch im Regal konnte Gourvec ganz in sich ruhen.

Einzige Bedingung: Die abgelehnten Autor*innen sind gezwungen, ihr Manuskript hier persönlich abzugeben.

Einmal hatte Courvec geheiratet, eine deutsche Frau, in den 1950er Jahren. Die Ehe ging recht schnell wieder in die Brüche, da es nur eine politische Zweckheirat war. Seine Frau Marina wurde durch die Nazivergangenheit von den Französ*innen eher verstoßen. Dabei hatte Marina wenig mit den Nazis zu tun. Es waren eher ihre Eltern, die sich den Nazis angeschlossen hatten und Marina dadurch Probleme mit ihrer Identität bekam und sie aus diesem Grund ihr Land und ihre Eltern nach dem Krieg verlassen hatte. Um ihre deutsche Herkunft zu verschleiern, damit sie in Frankreich konfliktfrei leben konnte, heiratete sie den Bibliothekar. Gourvec war mit dieser Zweckehe einverstanden. Als Marina ihn kurze Zeit später verlassen hatte, wusste sie noch nicht, dass Gourvec ganz allein im Stillen in diese Frau verliebt war.
Die Handlung spielt in Crozon, in einem kleinen abgeschiedenen Dorf Bretaniens.

In dieser Bibliothek war eine Assistentin namens Magali Croze beschäftigt. Magali hatte kein sonderliches Interesse an Büchern. Sie brauchte aber dringend diesen Job, den sie mittlerweile schon über viele Jahre ausübt …
Die Bibliothek der abgelehnten Manuskripte sollte ein Denkmal gegen das Vergessen darstellen. 
Eine Wertschätzung Autor*innen gegenüber, die von den Verlagen eben keine Anerkennung entgegengebracht bekommen haben.
Als könnte man öffentliche Anerkennung mit Verstandenwerden gleichsetzen. Niemand wird je verstanden, und Schriftsteller am allerwenigsten. Sie irren durch ihre Königreiche der wankelmütigen Gefühle und verstehen sich meist selber nicht. (2016, 125)
Die junge Delphine Despero, die in Paris als Lektorin im Verlagswesen beschäftigt ist, scheint ein Händchen zu haben, unter den vielen unverlangten Manuskripten das Richtige zu finden. Delphine ist auch Bretonin, lebt aber seit zehn Jahren aus beruflichen Gründen in Paris. Jedes Jahr zu den Sommerferien fährt sie nach Hause zu den Eltern.

Zusammen mit ihrem Schriftstellerfreund Frédéric fuhr sie in die Bibliothek nach Crozon. Obwohl der Bibliothekar schon längst verstorben ist, wird sie von der Gemeinde noch immer durch die Assistentin Magali weitergeführt. Delphine und ihr Freund interessierten sich für die unveröffentlichten Manuskripte. Aus dieser Masse fischten sie das Manuskript von Henri Pick heraus. Der Titel:
Die letzten Stunden einer Liebe.

Das Buch wird zur Veröffentlichung freigegeben und alle Welt wundert sich, dass der Autor Pizzabäcker war und selbst keine Bücher gelesen haben soll. Henri Pick kann nicht mehr befragt werden, da er nicht mehr am Leben ist. Und so wendet man sich an die Ehefrau Madeleine. Auch sie wundert sich, da sie ihren Mann niemals hat schreiben gesehen und fragt sich, ob er Geheimnisse vor ihr gehabt hat? Ein Literaturwissenschaftler, Jean-Michel Rouge, macht sich detektivisch auf die Suche nach dem wahren Autor, nachdem seine Recherchen ergeben haben, dass Henri Pick nicht einmal die Rechtschreibung beherrscht hatte …

Eine Szene, die mir besonders gefallen hat
Gefallen hat mir, als die fünfzigjährige Bibliotheksassistentin Magali ihren Ehegatten dazu bewegen konnte, von jetzt auf gleich aus dem monotonen Alltag auszubrechen ... Eigentlich wollte sie mit dem jungen Schriftsteller Jérémie, der auch sein abgelehntes Manuskript in dieser Bibliothek abgeliefert hat, aus ihrem muffigen Alltag entfliehen und um mit ihm in einer Nacht-und-Nebelaktion in Paris eine neue Zukunft aufzubauen. Auch die Ehe mit ihrem Mann schien mit den Jahren (sexuell) einseitig und einfältig geworden zu sein. Von dem Jungen, der auch hätte ihr Sohn sein können, hatte sie sich dagegen sexuell aufgewertet gefühlt … Ich finde, es hat jeder eine Chance verdient, vor allem ihr Gatte, um zur eventuellen Konfliktbewältigung auch beitragen zu können. Einfach mit einem jungen Mann abzuhauen, schien mir eine unreife Lösung zu sein. Aber klar, solche Menschen gibt es …

Auch Magali fand in ihrer Arbeit keine Ruhe mehr, denn nun liefern alle ihr Manuskript hier ab, weil sie die Hoffnung hatten, entdeckt zu werden, und die Chance sei hier größer als in den Verlagen. Aus allen Regionen kamen sie angereist. Und tatsächlich. Die Verlage haben Kontakt mit unbekannten Autor*innen aufgenommen und die mit den höchsten Ablehnungen fielen in die engere Wahl. Dabei schaute man gar nicht mal mehr auf den Inhalt ... Nun hatte es den Anschein, dass es mehr Autor'innen als Leser*innen gab ...

Eine Szene, die mir nicht gefallen hat
Ich fand es nervig, dass die Presse ein so großes Aufsehen über dieses Pick-Buch erregte. Noch nerviger habe ich die Leser*innen empfunden, die sich so stark haben beeinflussen lassen. Sie suchten die ehemalige Pizzeria auf, und wühlten in dem Leben der Picks (Ehefrau und Tochter) und brachen jegliche Privatsphäre. Auch auf dem Friedhof wurde man gestört, besonders Madeleine fand hier keine Ruhe mehr. Die Leute schienen wie in einem Wahn behaftet zu sein. Alle wollten sie das Buch lesen, alle wollten sie wissen, wo und wie Henri Pick gelebt hat …

Zum Schreibkonzept
Auf den 330 Seiten ist das Buch in neun Teilen gegliedert und in jedem Teil beginnen die Kapitel wieder mit dem ersten. Die Kapitel sind recht kurzgehalten und mit vielen Absätzen bestückt, was das Lesen noch zusätzlich leicht macht. Der Schreibstil ist flüssig und leichtverständlich. Sehr ungewöhnlich finde ich in einem belletristischen Buch die Fußnoten. Aber die haben mich nicht gestört. Französische Dichtverse wurden ins Deutsche übersetzt. Es gibt keine Einleitung aber ein Epilog.

Cover und Buchtitel   
Mich hat eher der Buchtitel beschäftigt. Auf jeder gelesenen Seite habe ich mich anfangs gefragt, was der Buchtitel bedeuten könnte? Wer ist denn dieser Monsieur Pick? Das hat mir sehr gut gefallen, als schließlich die Lösung kam, und dieser Mann, obwohl er nicht mehr lebte, bis zum Schluss eine wichtige Figur blieb ...

Meine Identifikationsfigur
Keine

Meine Meinung
Die Thematik mit den abgelehnten Manuskripten, diese in einer Bibliothek zu archivieren, fand ich gut, hat mich gepackt. Mir hat es dadurch sehr gut gefallen, dass es ein Buch über Bücher ist, und man so die verschiedenen Perspektiven zu lesen bekommen hat, welche Beziehung Menschen zu Büchern haben. Manche gar keine, manche ganz viel. Und viele lassen sich von dem Rummel eines Buches beeinflussen, jagen den journalistischen Kritiken und Bewertungen hinterher, und am Ende würde ich mich gefoppt fühlen, würde ich eine von diesen fanatischen Leser*innen sein, die sich keine eigene Meinung bilden können und angewiesen sind auf fremde Beurteilungen, die doch sehr gelenkt sind. Aber auch mir ist das schon passierrt, besonders wenn ich mir die preisgekrönten Bücher anschaue ... 

Manche Episoden waren mir zu klischeehaft, (der italienische Macho und der deutsche Nazi lassen grüßen … ) und die verschiedenen Liebesbeziehungen, mit einer Ausnahme, waren mir alle zu glatt. Auch verschiedene Ausgänge zu bestimmten Ereignissen waren mir viel zu einfach inszeniert. Es gab kaum Reibungsfläche. Die Figuren wirkten auf mich zu facettenarm. Alle nach einem selben Muster gestrickt. So einfach geht es aber auf der wirklichen Lebensbühne nicht zu. Der Mensch ist viel zu komplex, als dass immer alles in Wohlgefallen sich auflöst. Der Schluss hat mich nur teilweise überzeugen können.

Und viel zu viele Figuren ... 

Mein Fazit
Eine nette Unterhaltungsgeschichte.

Meine Bewertung
2 Punkte: Sprachlicher Ausdruck (Anspruchsvoll, keine saloppe Schreibweise)
1 Punkte: Differenzierte Charaktere
1 Punkte: Authentizität der Geschichte
2 Punkte: Fantasievoll, ohne dass es kitschig oder zu sentimental wirkt
1 Punkte: Frei von Stereotypen, Vorurteilen, Klischees und Rassismus
2 Punkte: Cover, Titel und Klappentext stimmen mit dem Inhalt überein
9 von 12 Punkten

Vielen Dank an den Penguin Verlag für das Leseexemplar.
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Vertraue auf dein Herz.
Denn dann gehst du niemals allein.
(Temple Grandin)

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