Donnerstag, 30. September 2021

Louise Brown / Was bleibt wenn wir sterben - Erfahrungen einer Trauerrednerin

Klappentext 

Nach dem Tod ihrer Eltern versucht die Journalistin Louise Brown der Endlichkeit des Lebens etwas Sinnstiftendes abzugewinnen. Sie wird Trauerrednerin und Zeugin dessen, was von uns bleibt. Dies verändert nicht nur ihre Einstellung zum Tod, sondern auch ihre Haltung zum Leben. Louise Brown schenkt uns unvergessliche Bilder, die daran erinnern, was uns als Menschen ausmacht. Ein tröstendes und befreiendes Buch, das Mut macht, das Leben auf die Dinge auszurichten, die von Bedeutung sind.

Autor*inporträt

Als Trauerrednerin hat Louise Brown zwei wichtige Aufgaben: Zuhören und Erzählen. Zuhören darf sie den Hinterbliebenen, die im Trauergespräch vom Leben der Verstorbenen berichten. An der Trauerfeier erzählt sie dann deren Geschichte und verleiht damit diesem schwierigen Moment des Abschiednehmens menschliche Wärme und Trost. Louise Brown erkennt, dass man durch die Beschäftigung mit dem Tod viel fürs Leben lernen kann und es nicht die großen Errungenschaften sind, sondern Wesenszüge wie Humor, Mut, Zärtlichkeit und Widerstandsfähigkeit, die bleiben, wenn ein Mensch geht. Ein Buch voller Wärme und Menschlichkeit, das Raum schafft, über die eigene Endlichkeit nachzudenken und mit ihr Frieden zu schließen.

Meine ersten Leseeindrücke
Interessante Thematik. Ich werde das Buch am Wochenende lesen, um mich auch auf die Diogenes – Talk – Runde vorzubereiten, auf die ich mich wieder sehr freue. 
Ich habe mittlerweile 125 Seiten gelesen. Es ist ein wundervolles, tiefsinniges und ein erkenntnisreiches Buch, das einem die Einsamkeit im Falle eines Verlustes ein wenig zu nehmen weiß. Wenn ich wieder einen Verlust zu verwinden habe, dann weiß ich schon jetzt, dass ich mir dieses Buch als Begleitung vornehmen werde. 

Auf jeden Fall zeigt mir die Autorin, dass die Details über unsere Mitseelen, diese in ihrer Spezifizität wahrnehmen und benennen, sehr wichtig sind, weil sie sich von anderen unterscheiden und für die spätere Erinnerung bedeutsam sind. Wir sind eher objektiv orientiert, alles muss schnell, kurz, sachlich und rasterhaft beschrieben werden, damit diese wie Schablonen auf alle passen aber das ist letztendlich nicht wirklich erfüllend. 

Viele wichtige Themen behandelt die Autorin in ihrem Buch. Ich spare mir meine Gedanken für die spätere Buchbesprechung auf.

Auf jeden Fall ist dies ein tabubrechendes Buch, für mich aber nichts Neues, da  mich der Tod als Kind schon immer fasziniert hat. Früh schon stellte ich mir Fragen nach dem Woher und dem Wohin? Früh stellte ich mir fragen nach dem Warum?

Mir ist dadurch meine Endlichkeit bewusst und habe gelernt, bewusst durchs Leben zu gehen. Ich benötige keine Haarfärbemittel und auch kein Make Up, keine sonstigen Anti-Aging Präparate, um den Alterungsprozess zu kaschieren. Und so bewusst wie ich lebe, so bewusst möchte ich eines Tages auch sterben. 

Das heißt aber nicht, dass es nicht wehtut, wenn andere sterben. Aber auch ein Trauerschmerz kann bis zur Verarbeitung ein bewusst lebender Prozess sein. 

Buchdaten

·       Herausgeber ‏ : ‎ Diogenes; 1. Edition (29. September 2021)

·       Sprache ‏ : ‎ Deutsch

·       Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 256 Seiten

·       ISBN-10 ‏ : ‎ 3257071760

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Ich höre: Sten Nadolny /Weitlings Sommerfrische
Marcel Proust: Der geimnisvolle Briefeschreiber
Leo Tolstoi: Wo Liebe ist, da ist auch Gott
Marcel Proust: In Swanns Welt
Rachel Joyce: Mister Franks fabelhaftes Talent für Harmonie
Sy Montgomery: Rendezvous mit einem Oktopus

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Deine Probleme könnten meine Probleme sein,
und meine Probleme könnten Deine Probleme sein.
Mein Schmerz, Dein Schmerz
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Klopf an dein Herz, denn dort sitzt 
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Auch Expertenwissen ist subjektiv!
(Tom Andersen / Psychiater und Syst. Therapeut)

 

Mittwoch, 22. September 2021

Rainer Hagencord / Gott und die Tiere

Ein Perspektivenwechsel 

Klappentext  

Vegetarier und Veganer sind im Trend, die Massentierhaltung und Tierversuche werden heiß diskutiert, aber die Theologie schweigt dazu. Rainer Hagencord will das ändern. Sachkundig erschließt er uns den Reichtum der biblischen Aussagen zu unseren Mitgeschöpfen, und ausgehend von den Erkenntnissen der Verhaltensbiologie denkt er über das Bewusstsein, das Fühlen und das Empfinden von Tieren nach. Er ist davon überzeugt: Ein falsches Bild von den Tieren führt auch zu einer falschen Auffassung von Gott.

Autor*inporträt

Rainer Hagencord, geb. 1961, Dr. theol., studierte neben Theologie auch Biologie (Schwerpunkt Verhaltensbiologie) und Philosophie. Er ist Priester der Diözese Münster und Leiter des Instituts für Theologische Zoologie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Münster.

Meine ersten Leseeindrücke
Ich freue mich so wahnsinnig auf dieses Buch. Manches im Inhaltsverzeichnis ist mir nicht neu, wie die Haltung mancher Philosophen wie z. B. die von René Descartes den Tieren gegenüber. Descartes hatte die Tiere wie Objekte betrachtet und dadurch gefährliche Theorien entworfen, die noch bis heute für diese armen Mitseelen vielerorts mit fatalen Folgen Bestand haben; doch jede Menge andere Punkte werden mein eigenes Wissen sicher noch erweitern können. Ob Tiere ein Bewusstsein haben, wird gerade auch bei Montgomery diskutiert. Antworten konnten die Forscher*innen nur finden, in dem sie in der Lage waren, sich ganz in das Tier hineinzuversetzen. Mit ganzer Seele, mit dem ganzen Geist, zu denken und zu fühlen wie eine Krake. Viele Menschen schaffen es nicht mal, sich in ihre Mitmenschen hineinzuversetzen. Sind voller Bewertungen und Urteilen; wie schwer muss es erstmal sein, sich in Kreaturen hineinzufühlen, die ganz anders sind als die Spezies Mensch. 

Buchdaten

·  Herausgeber ‏ : ‎ Topos plus; überarbeitete und ergänzte Neuausgabe Edition (1. Juli 2018)

·  Sprache ‏ : ‎ Deutsch, 15,- €

·  Taschenbuch ‏ : ‎ 192 Seiten

·  ISBN-10 ‏ : ‎ 3836700476

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Samstag, 18. September 2021

Peter Hunt / Die Erfindung von Alice im Wunderland

 Wie alles begann

Klappentext  

Wir sind alle verrückt hier: 150 Jahre Alice im Wunderland

Zweifelsohne ist die Geschichte der kleinen Alice eines der verrücktesten Bücher der Welt und ein Meilenstein der Kinderliteratur. Genauso ungewöhnlich ist auch die Entstehungsgeschichte des Kinderbuch-Klassikers. Charles Dodgson alias Lewis Carroll, ein exzentrischer Oxford-Mathematiker, erfand die Grinsekatze, die Herzkönigin und das weiße Kaninchen eher beiläufig während einer Bootsfahrt auf der Themse.

Vor 150 Jahren erschienen »Alice im Wunderland« und »Alice hinter den Spiegeln«. Peter Hunt gratuliert mit einem wunderschön illustrierten Geschenkbuch, das viele Hintergrund-Informationen für Alice-Fans bereithält:

  • Wer war Lewis Carrol? Die Biografie und Gefühlswelt des Schriftstellers
  • Alice Pleasance Lidell und andere Vorbilder für die Romanfiguren
  • Leben in Oxford: Alice als satirischer Spiegel des viktorianischen Englands
  • Alice entschlüsselt: Fiktion, Wahrheit und Anspielungen in »Alice im Wunderland«
  • Ein Wiedersehen mit den klassischen Buch-Illustrationen von John Tenniel

Sinn, Unsinn, Hintersinn: warum »Alice im Wunderland« bis heute begeistert

In den Alice-Büchern gibt kaum einen Satz, der nicht mehrere Bedeutungen, verborgene Scherze und versteckte Anspielungen auf intellektuelle, politische und persönliche Ereignisse enthält. Peter Hunt entschlüsselt die Geheimnisse und erzählt, wie die berühmten Nonsens-Romane entstanden und ihren Siegeszug um die Welt antraten. Zeitgenössische Fotos lassen das Viktorianische England wieder aufleben, während uns John Tenniels unvergessliche Zeichnungen ein Wiedersehen mit Figuren wie der Cheshire Cat und dem verrückten Hutmacher bescheren. Die unglaubliche Fülle an Details zur Entstehungsgeschichte von »Alice im Wunderland« und »Alice hinter den Spiegeln« machen das Buch zu einem idealen Geschenk für alle großen und kleinen Fans!

Autor*inporträt

Peter Hunt ist emeritierter Professor für Englische Literatur und Kinderliteratur an der Universität Cardiff.

Meine ersten Leseeindrücke
Meine ersten Leseeindrücke stelle ich rein, sobald ich mit dem Buch zu lesen begonnen habe.

Buchdaten

·         Herausgeber ‏ : ‎ wbg Theiss in Wissenschaftliche Buchgesellschaft (WBG) (18. März 2021)

·         Sprache ‏ : ‎ Deutsch

·         Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 128 Seiten

·         ISBN-10 ‏ : ‎ 380624264X

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Sy Montgomery: Rendezvous mit einem Oktopus

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Donnerstag, 16. September 2021

Sy Montgomery / Rendezvous mit einem Oktopus - Extrem schlau und unglaublich empfindsam: Das erstaunliche Seelenleben der Kraken

Klappentext  

Extrem schlau und unglaublich empfindsam: Das erstaunliche Seelenleben der Kraken

Aus dem Amerikanischen von Heide Sommer. Mit einem Nachwort von Donna Leon

Er kann gleichzeitig 1600 Küsse verteilen, mit der Haut schmecken, seine Farbe 177-mal in der Stunde ändern und sich trotz seiner 45 Kilo durch eine apfelsinengroße Öffnung zwängen. Sy Montgomery erzählt von einem wahren Wunderwesen der Meere: dem Oktopus. In ihrem preisgekrönten Buch lässt sie uns ein Wesen entdecken, von dessen erfindungsreicher Schläue und Empfindsamkeit wir nichts ahnten. »Phantastische Tiere. Phantastisches Buch«, so Donna Leon.

Er ist der heimliche Star der Meere: der Oktopus. Mit acht Armen, drei Herzen und etwa 300 Millionen Neuronen verfügt das Ausnahmetier über körperliche Superkräfte, vor allem aber ist es schlau. Kraken können lernen, tricksen, spielen, und wenn sie etwas nicht können, ist es: Langeweile aushalten. Mit Witz, Sachkenntnis und Empathie erzählt Sy Montgomery von ihren Begegnungen mit diesen außergewöhnlichen Tieren und nimmt den Leser mit auf eine unvergessliche Reise.

Autor*inporträt

Sy Montgomery, geboren 1958 in Frankfurt am Main, ist die Autorin des Bestsellers ›Rendezvous mit einem Oktopus‹. Zur Recherche für ihre Bücher war sie mit Piranhas, rosa Delphinen, Zitteraalen und Schneeleoparden unterwegs – um dann die wahren Wunder der Natur vor dem eigenen Fenster zu entdecken. Montgomery lebt in New Hampshire.

Auszeichnungen

 Zum ›Literary Light‹ der Boston Public Library ernannt, eine Würdigung für außerordentliche Schriftsteller im Nordosten der USA, 2020

 ›Sarah Josepha Hale Award for Literary Excellence‹ der jährlich von den Kuratoren der Richards Free Library, Newport, New Hampshire verliehen wird, 2020

 ›Riverby Award‹ der John Burroughs Association für Bücher für junge Leser, 2020

 Würdigung mit dem ›Award for Environmental Excellence‹ der Antioch New England Graduate School, Fachbereich Umweltwissenschaften für herausragende Beiträge für Umwelt und Nachhaltigkeit, 2019

Meine ersten Lese- bzw. Höreindrücke

Tolle Eindrücke außerhalb meiner Lesestube. Ich höre das Buch gerade täglich zwei Stunden. Auf der Suche nach Zeit fand ich erstaunlich viel Zeit auf meinem E-Bike… Wie man sieht, kann man auch Zeit entdecken, finden und nutzen, dort, wo man sie nicht erwartet, dank der digitalen Medien. 

Das Buch ist fantastisch. Es geht runter wie Öl. Mir ist, als würde ich Montgomery schon immer kennen. Sie spricht mir aus der Seele. So viel von ihr schon gelernt. Nicht nur aus diesem Buch. Gelesen habe ich von ihr: Einfach Mensch sein. Heute Abend verlinke ich die Buchbesprechung dazu. Eine Selbsterfahrung mit vielen ihrer Tiere aber auch als als Naturforscherin in Feldstudien mit Wildtieren wie z. B. den Emus in Australien. 

Bei Montgomery und ihren Kolleg*innen muss sich nicht das Tier der Lebenswelt des Menschen anpassen, um als intelligent und gefühlvoll anerkannt zu werden. Hier geht der Mensch in die Lebenswelt des Tieres und forscht  z. B. aus der Beobachtung heraus ...  Verschiedene Wissenschaftler*innen, die in ihr Forschungsobjekt die Krabben sich vorgenommen haben, ist erstaunlich, was ich durch sie erfahren und neu lernen durfte.

Die auditive – Fassung hat einen Umfang von knapp zwölf Stunden, davon habe ich 3,5 Stunden schon einverleibt. Ich freue mich darauf, diese auch lesen zu können.

Selbst grammatikalisch kann man noch dazu lernen, nach zig- Jahren meiner Schulentlassung. Was ist die Pluralform von Oktopus?

Ich habe diese Frage auf der Arbeit an mein Team gestellt, und meine Kolleg*innen kannten die Antwort auch nicht.

Aber der DUDEN schreibt zwei mögliche Formen vor. Ich musste einfach mit dem DUDEN vergleichen und dort fand ich eine zusätzliche zweite Bezeichnung ...

Dass Oktopoden blaues Blut besitzen, und sie in meinen Augen, wenn auch nur witzig gemeint, die eigentlichen Adligen sind, da in unseren menschlichen Adligen nur rotes Blut in den Adern zirkuliert. Nur macht sich ein schlauer Oktopus nichts aus jenem Adelstitel, denn nur der Norm-unreflektierte Mensch benötigt diese Auszeichnung, um sich hierarchisch von anderen Mitmenschen abzuheben.

Immer wieder zeigen mir die Tiere durch diverse Autor*innen, durch mein eigenes Wissen und durch eigene Erfahrungen, dass es auf die inneren Werte ankommt.

So genial, dieses Buch, das ich vor allem als ein besonders aus meiner Prioritätenliste ausgewählt habe, weil ich mal andere Tiere studieren möchte, als immer nur die Haustiere, wobei ich demnächst meine Tierkommunikation ausweiten möchte, in dem ich Tiere anderer Leute in den Fokus rücken möchte, um meinen Wissensdrang zu stillen. Das macht sooo Spaß. und überlege doch wieder, eine komplette Ausbildung zur Tierkommunikatorin dranzuhängen. 

Sy Montgomery hat auch Bücher über die Felltiere geschrieben, die ich mir nach und nach auch alle vornehmen möchte.

Hier muss kein Tier eine Gebärdensprache lernen, und auch keine 500 Wörter, hier sind es die Menschen, die die Sprache der Tiere lernen. Einfach grandios. Und das ist artgerecht. 

Wie die Forscher*innen das handhaben, ist dem Buch zu entnehmen, bzw. in meiner späteren Buchbesprechung. Ich freue mich schon so sehr darauf, darüber zu schreiben. 

Toll, dass mein mental heimatverbundener Diogenes - Verlag auch Tierbücher dieser Art heraus gebracht hat.

Buchdaten

·           Herausgeber ‏ : ‎ Diogenes; 6. Edition (27. Februar 2019)

·           Sprache ‏ : ‎ Deutsch

·           Taschenbuch ‏ : ‎ 384 Seiten

·           ISBN-10 ‏ : ‎ 3257244533

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Deine Probleme könnten meine Probleme sein,
und meine Probleme könnten Deine Probleme sein.
Mein Schmerz, Dein Schmerz
Dein Schmerz, mein Schmerz.
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Montag, 13. September 2021

Amélie Nothomb / Klopf an dein Herz (1)

Bildquelle: Pixabay
Nichts ändert sich, bis man sich selbst ändert. 
Und plötzlich ändert sich alles.
(Verfasser unbekannt)

Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre

Zwei Mal habe ich das Buch gehört und einmal gelesen. Als ein Buchstaben – Junkie überwiegt bei mir das geschriebene Wort, an dem sich meine Gedanken orientieten und anlehnen können, ohne das Gefühl zu bekommen, ins Leere zu denken und zu deuten. Das Gehörte verflüchtigt sich so schnell in Richtung Nirwana

Das Buch ist sehr eindrucksvoll geschrieben. Im Brennpunkt steht das Schicksal zweier Familien, die mich sehr zum Nachdenken bewegt haben. Menschliche Probleme hinter Fassaden gepackt, bis sie einen Menschen treffen, der diese zum Bröckeln bringt.

Profane Themen wie Eifersucht und Konkurrenzdenken dominieren hier die Familiendramatik.

Ich wollte eigentlich auf alle Punkte eingehen, die mich beschäftigt haben. Aber das ist ja unmöglich. Schon alleine den Fokus auf eine einzige Figur zu setzen, würde sämtliche Seiten füllen, sodass auch dieser Punkt von mir nur fragmentarisch angerissen werden kann. Innerlich ist so viel los, dass ich es schade finde, die Figuren nur auf ihre Fakten zu reduzieren. Das liegt mir nicht. Denn es sind die vielen subtilen Vorgänge, unsichtbare Kräfte, die sich erst zu Fakten entwickeln. Fakten sind endgültige und abgeschlossene Prozesse, diese man am Ende einer Entwicklung erst abrufen kann. Diese feinen Mechanismen dagegen sind leise, aber dennoch sehr kräftig und brodelnd in der Auswirkung, die sich unbewusst und heimlich im Dunklen der Seele ganz selbständig abspielen und sind daher erst nicht seh- aber spürbar für einen selbst und aber auch für feinfühlige Menschen wie die junge Diane in diesem Buch.

Ich schaue während des Schreibens, welche Mitte und welchen Kompromiss ich mit meinen inneren Ideen schließen kann. Eigentlich ist die Hauptfigur Diane aber die beiden Mütter Marie und Olivia, die dermaßen krankhafte Züge aufweisen, dass ich verstehen möchte, warum sie sind, wie sie sind; welche psychische Kausalität sich dahinter verbirgt, zwingen mich zur näheren Betrachtung und zu einer kleinen Analyse. Sicher hat das wegen der ungleichen Geschlechterrollen auch seine Gründe, aber irgendwie nicht wirklich überzeugend genug, wie sie im Buch stellenweise nur kurz angedeutet wurden.

Hier geht es zum Klappentext, zum Autorenporträt, zu den ersten Leseeindrücken und zu den Buchdaten.

Die Handlung
Marie wird mit 19 Jahren schwanger, noch ehe sie die Jugend hinter sich gebracht hat. Sie heiratet daraufhin den sanftmütigen Sohn eines Apothekers namens Oliviere. Marie flüchtet während ihrer Schwangerschaft in eine Depression. Schläft viel und tut nur das Notwendigste, bis Diane geboren wird. Der Vater Oliviere verliebt sich in sein erstes Töchterchen, während Marie Diane ablehnt, der sie unbewusst die Schuld für ihre verlorene Jugend gibt. Marie hatte sich eigentlich auf das adulte Leben gefreut, frei sein von ihren Eltern, frei von ihrer älteren Schwester Brigitte, die es geschafft hat, die gesellschaftlichen Normen und die Vorstellungen der Eltern zu erfüllen. Glückliche Ehefrau und Mutter von zwei Kindern.

Marie wollte ihre eigene Geschichte kreieren und nach ihr leben. Sie wollte etwas ganz Besonderes aus ihrem Leben machen. Anders werden als ihre Schwester. Sich von den Träumen ihrer Schulkameradinnen abheben:

Wenn die Mädchen im Unterricht über ihre Zukunft sprachen, lachte Marie heimlich über sie. Ehe, Kinder, Haus - das war ihnen genug? Wie dumm, seine Hoffnungen in Wörter zu packen, noch dazu in so klägliche. Marie gab ihrer Erwartung keinen Namen, sie genoss das Grenzenlose daran. (2019, 7)
Diane spürt die Ablehnung ihrer Mutter, die unbewusst mit ihrer Schönheit konkurriert. Schon als Säugling brillierte sie damit, angeblich noch schöner als die Mutter selbst es war, wie die Großeltern ihr dies (vielleicht scherzhaft) ausdrückten. Scherz hin oder Scherz her, für Marie waren diese Kommentare todernst.

Zwei Jahre später wird ihr Bruder Nicolas geboren, und im Alter von fünf Jahren bekommt sie eine Schwester namens Célia.

Célia wird vor Dianes Augen von der Mutter mit symbiotischer Liebe regelrecht überschüttet, von der sie sich wiederum erdrückt fühlt. Sie verbrennt innerlich schon fast in der Hitze an mütterlicher Liebe, während Diane das Gegenteil erfährt und zu erfrieren droht, würden die Großeltern und der Vater nicht für Ausgleich sorgen. Doch Cécilia erleidet durch diese übertriebene mütterliche Fürsorglichkeit ein seelisches Trauma, das fatale Folgen nach sich zieht.

Diane findet Zuflucht bei ihren Großeltern mütterlicherseits, die ihr die Liebe geben, die sie von der Mutter nicht bekommen kann. Die Großeltern kommen allerdings durch einen tragischen Verkehrsunfall ums Leben, als Diane zwölf Jahre alt ist. Sie verkraftet die Todesnachricht nicht, erlebt einen massiven seelischen Zusammenbruch und wird in eine Klinik eingewiesen ... Als sie Wochen später wieder zu Kräften kommt, kehrt sie nicht wieder nach Hause zurück. Die Familie ihrer besten Schulfreundin Elisabeth Deux nimmt sie bei sich auf und behandelt sie wie ein echtes Familienmitglied.

Die hochbegabte Diane geht nach der Schule an die Universität mit dem Ziel, Kardiologin zu werden. Dass sie die Herzen der Menschen retten möchte, ist kein Zufall …

An der Universität lernt sie die 43- jährige Dozentin Olivia Aubusson kennen. Olivia ist Doktorandin der Kardiologie.

Zwischen Diane und Olivia entwickelt sich trotz des großen Altersunterschieds und der unterschiedlichen Rollen eine außergewöhnliche Freundschaft.

Die Freundschaft ist dermaßen außergewöhnlich, dass die studentische Diane es ist, die der Dozentin zu einer Habilitation verhilft ... Zu einem Professoren - Titel hatte Olivia es bisher abgesehen. Ihre Kollegen bezeichnete sie alle als Nullen. Später stellt sich heraus, weshalb sie den Titel selbst nicht angestrebt hatte …

Diane lernt Olivias dreiköpfige Familie kennen. Ihr Mann, Stanislaf, theoretischer Mathematiker von Beruf, und die zwölfjährige Tochter namens Mariel, die unter einer massiven seelischen Vernachlässigung leidet. Auffällig ist vor allem, dass Mariel trotz hochbegabter Eltern schlechte Schulnoten nach Hause bringt, und die Eltern nichts dagegen tun ... Eine besondere Beziehung entsteht dadurch zwischen Diane und Mariel, was Olivia durch ihre Eifersucht ein Dorn im Auge ist.
In dieser Familie scheint sich in Diane ein seelisches Trauma zu wiederholen, sie aber Zeit benötigt, bis ihr die vielen Facetten dieser Familie bewusst werden, vor allem die der mittlerweile zu einer Professorin aufgestiegenen Olivia, die plötzlich durch ihre bestandene Habilitation ganz andere Seiten von sich gibt.

Diane stürzt sich in Arbeit, um dieses Trauma mit der eigenen Mutter durch Olivia und Mariel nicht noch einmal spüren zu müssen ...

Welche Szene hat mir nicht gefallen?
Es waren eine ganze Menge, das ganze Buch ist voll davon, und ich aufpassen muss, das Menschliche nicht aus den Augen zu verlieren mit meinem häufig perfektionistischen Anspruch auf Gerechtigkeit und Humanität.

Dass Marie mit 19 Jahren schwanger wird und sich dieses Ereignis später durch die jüngste Tochter wiederholt, lässt moralische Rätsel aufkommen. Mit 19 Jahren der 1970er-Jahren ist man eigentlich sexuell aufgeklärt genug, um eine Schwangerschaft verhindern zu können. Cecilia beginnt denselben Fehler 19 Jahre später, wobei ich mich hier frage, ob Celias Schwangerschaft unbewusst nicht auch gewollt ist, um sich an die Mutter zu rächen, denn sie gibt ihren Säugling bei ihr ab und verschwindet aus deren Leben.

Schwierige Konstellation, da erneut auf Kosten eines unschuldigen Wesens Konflikte ausgetragen und gerächt werden.

Welche Szene hat mir besonders gut gefallen?
Das war der Schluss, der „süßeste“ Anteil von allen.

Doch eine von vielen anderen besonderen Szenen fällt mir noch ein: Als Diane in einer Auseinandersetzung mit Olivia Größe gezeigt hat, in dem sie sich von ihr nicht hat unterkriegen lassen, und sie sich dadurch selbst treu geblieben ist. Es entwickelte sich in Diane ein Selbstlösungs- und Heilungsprozess, durch die intensive Selbstreflektion, um auch aus Olivias Fehlern zu lernen:

Bisher war Diane der Meinung gewesen, Verachtung ergebe sich aus der Begegnung mit verächtlichen Menschen, etwa als Olivia zu Recht über den Dünkel der amtierenden Professoren gespottet hatte, bevor sie zu deren bester Freundin wurde, kaum dass sie selbst in die höhere Kaste aufgestiegen war. Jetzt wurde ihr klar, dass Olivia grundsätzlich auf andere herabsah. Verachtung lag ihr im Blut, sie suchte nach Objekten dafür und fand sie ganz leicht: dumme oder kranke Menschen, sogar ihre eigene Tochter. >In Zukunft gehöre ich bestimmt auch dazu<, dachte Diane bitter. (143)

In einer anderen Auseinandersetzung strafte Olivia Diane ab, indem sie ihr Hausverbot erteilte und auch den Kontakt zu Mariel verbot. Als Diane keinen Versuch mehr wagte, auf Olivia zuzugehen, war es Olivia, die es mit einer E-Mail tat und eine Lesebestätigung eingefordert hatte. Diane ließ die E-Mail kalt.

Und sie kannte Olivia gut, um zu wissen, wie rasend sie das machen würde.

Und denkt dabei an das Zitat von Gustave Flaubert:

>Nur die Dummheit verlangt nach einem Abschluss< (...). Das lässt sich am besten daran erkennen, dass der Dumme im Streit stets das letzte Wort haben will. (145)

Etwas traurig zurückgelassen hat mich diese Szene schon, denn Konflikte in einer Freundschaft sind natürliche Prozesse, die bei konstruktiver Auseinandersetzung befriedet werden können. Aber einer Freundin eine Chance zu geben, die durch und durch nur selbstsüchtig ist und damit sogar ihr eigen Fleisch und Blut geschadet hat, solche Menschen entpuppen sich zu einzigen Kraft- und Zeiträubern, wenn kein Ziel dahintersteckt, an den eigenen Defiziten zu arbeiten.

Diane hat den Absprung geschafft, ihren eigenen Weg gefunden und ihr Hauptziel erlangt, Medizinerin zu werden, um die Herzen der Menschen zu heilen. Denn das Herz ist nicht nur als Motor für den Körper das wichtigste Organ. Seelisch betrachtet sind die wahren Lösungen genau dort zu finden, die zur Problembewältigung beitragen können und der Mensch viel zu wenig auf seine innere Stimme, auf sein Herz hört.
Das fand ich grandios

Welche Figur war für mich eine Sympathieträgerin?
Diane.

Welche Figur war mir antipathisch?
Olivia und Stanislaf.
Sie bekommen ein Kind, weil die Gesellschaft das von ihnen erwartet, vor allem von Olivia, weil sie eine Frau ist. Beide Eheleute vernachlässigen das Kind, weil sie die Wissenschaft vorziehen, aber bei Olivia ist es noch mehr als bei Stanislaf. Sie ist selbstsüchtig geworden und das nicht erst seit ihrer Habilitation von einer Doktorandin zur Professorin avanciert. Stanislaf ist auf seine Weise auch selbstsüchtig, er scheint seine mathematischen Konstrukte mehr als die Tochter zu lieben. Verglichen zu Marie hätten sie mit ihrem Wissen, das sie haben, einen (jungen) Menschen nicht schaden dürfen, denn was aus Mariel wird, ist am Ende ihrer Kindheit mehr als tragisch.

Die Eltern besitzen so viel Intelligenz, die angeblich dennoch nicht ausreicht, sich gegen gesellschaftliche Konventionen zu stellen. Marie war erst 19 Jahre alt, als sie schwanger wurde, Olivia dagegen über 30, ihr Mann über 40, der das Kind gezeugt hatte. Mir ist das wichtig, nicht nur die schwangere Mutter zu erwähnen, die meist als die Alleinschuldige angeprangert wird, während man den Erzeuger häufig dabei außen vor lässt.

Bei Marie war es dagegen jugendlicher Leichtsinn, bei Olivia und Stanislaf eine bewusste Familienplanung.
Dianes Großeltern waren mir viel zu seicht. Auch Dianes Vater war zwar sanftmütig, aber er blieb genauso auf der Oberfläche haften, hinterfragte nie ernsthaft, was Diane so quälte, als sie z. B. nach dem Klinikaufenthalt in eine andere Familie zog.

Meine Identifikationsfigur
Diane, die sehr reflektiert ist und es immer wieder schafft, hinter die Fassaden ihrer Mitmenschen zu schauen, um das Konfliktmuster zu ergründen, um letztendlich den Knoten zu lösen, der zu ihrem Knoten geworden ist ... Sie ist Mensch geblieben und hat es geschafft, sich von den intellektuellen Dünkeln zu lösen, wenn man bedenkt, dass sie mit 27 Jahren selbst schon Dozentin war. Sie löste sich vor allem von Olivia und verkündet ihr, von der Universität in die Praxis zu gehen, um die Herzen der Menschen zu heilen, die aus Olivias Sicht zum Großteil aus übergewichtigen dummen und krankheitsuneinsichtigen Patienten bestehen würden. Das war Dianes erster Abnabelungsprozess von Olivia.

>>Du wirst noch deinen Studenten nachweinen, Mädchen! (...) . Noch bist du unter den intellektuellen. Aber du wirst die Herzpatienten kennenlernen: in neun von zehn Fällen kommt ihr Problem daher, dass sie zu fett sind, und deine ärztliche Tätigkeit wird darin bestehen, Ihnen eine Diät zu verschreiben. Wenn du ihn empfiehlst, auf Butter zu verzichten, werden sie dich anglotzen, als ob du sie ermorden wolltest. Und wenn sie nach drei Monaten wieder kommen und du dich wunderst, dass sich überhaupt nichts verändert hat, werden sie ohne Gewissensbisse lügen: > ich verstehe das auch nicht, Frau Doktor, dabei habe ich mich genau an ihrer Anweisung gehalten!< Kardiologie als Forschungsgebiet ist etwas Edles; als Ärztin hast du es jedoch mit Schweinen zu tun.<<  (140f)

Cover und Buchtitel
Ein wundervoller Titel, der 150 % zur Thematik passt. Ich 
musste dieses Zitat in meine Signatur aufnehmen, so wunderschön ist es.

Das Bildmotiv ist hübsch, aber viel zu erotisch für eine junge Frau, die ihr Leben nicht auf Männer und Sexualität ausgelegt hat. Habe es daher nicht unbedingt als passend empfunden. Als Botschaft allerdings, dass eine Frau mehr schön als klug sein soll???, hm, wenn dies die Botschaft sein soll, dann hätte diese mehr im Kontext herausgearbeitet werden sollen.

Zum Schreibkonzept
Auf den 151 Seiten sind die beiden Familiengeschichten in mehreren kurzen Kapiteln gesplittet. Es gibt keine numerische Chronologie, dennoch gut zusammenhängend narrativ gegliedert. Flüssiger Schreibstil vorhanden.

Meine Meinung
Diese Geschichte hat mich lange beschäftigt, vor allem die Probleme der Protagonistinnen. Aus beiden Familien der Hauptfiguren gehen keine existenziellen Nöte hervor, und dennoch wurden die Seelen junger Menschen gebrochen. Hintergründe waren wiederholte narzisstische, egozentrische Motive wie Eifersucht und Konkurrenzverhalten. Aber ein Mensch kommt nicht narzisstisch auf die Welt. Was hat ihn zu dem gemacht? Was war in Maries Kindheit los, dass sie so sehr auf banale und oberflächliche Äußerlichkeiten bedacht war? Von ihren eigenen Eltern geht nicht viel hervor, außer:

Am meisten aber verletzte sie die große Liebe ihrer Eltern für Diane. >>Dein Kind ist ja noch hübscher als du, alle Achtung!<<, sagte ihr Vater. (17)
Dass Menschen oberflächlich sein können, die meisten sind tatsächlich sehr stark nach außen orientiert, ist bekannt, aber das alleine reicht nicht aus, um die Seele eines Menschen dermaßen zu zerstören, dass sie symbolisch gedacht nicht lebensfähig ist. Hierbei muss schon mehr passiert sein, aber ich konnte keine weitere Textstelle finden, die darauf hinweist. Dass die Großeltern in den Enkelkindern sich als die besseren Eltern darstellen, als sie zu ihren eigenen Kindern waren, ist bekannt und auch erklärbar. Aber wie soll ich mir Maries Kindheit vorstellen? Ist sie permanent mit der älteren Schwester verglichen worden? Ging es hier immer nur um äußere Werte, mit denen man sich die Liebe der Eltern hat erkaufen können oder müssen? Das ist die einzige Erklärung, die ich habe finden können, um Maries gestörtes Seelenleben zu verstehen, das sie hauptsächlich auf ihre beiden Kinder Diane und Cécila, beides Mädchen, überträgt. Der Bruder Nicolas hat es am besten von den drei Geschwistern gehabt und hat ein normales und ein psychisch unauffälliges Leben führen können.

Maries Idealismus`, etwas Besonderes werden zu wollen, das dem symbolischen Bild einer Göttin gleicht, sonst konnte ich keine anderen Werte finden, ist aus meiner Sicht realitätsfremd, woran man einfach zerbrechen muss, weil man dieses Ziel niemals erreichen kann. Ihre Träume waren irgendwie inhaltsleer und unreif ...

Viel nachgedacht hat sie nicht, weint ihrer verlorenen Jugend nach, wobei man mit 19 Jahren trotz der Jugend erwachsen ist und man in diesem Alter weiß, dass die Babys nicht von Störchen geliefert werden.

Eifersüchtig auf Diane, die nicht geliebt hätte werden sollen, selbst vom eigenen Vater nicht?

>>Meine Hübsche, mein Schatz, mein Glück!<<, rief er und bedeckte ihr Gesicht mit Küssen. Er bemerkte nicht, dass Marie daneben erbleichte. (19)

Konkurrenzdenken auch während ihrer Heirat:

Der Hochzeitsgesellschaft gefiel das junge Paar. Deshalb fand Marie trotz intensiver Suche in keinem Gesicht den Ausdruck des Neides, der ihr das Gefühl gegeben hätte, dass dies der schönste Tag ihres Lebens war. Sie hätte sich ein rauschendes Fest gewünscht mit massenhaft Gaffern, missgünstigen Lästermäulern und eifersüchtigen Mauerblümchen, die mürrisch auf ihre Robe schielte. Peinlicherweise hatte sich mit dem Hochzeitskleid ihrer Mutter begnügen müssen. (11)

Ihre eigene Mutter wundert sich über die Eifersucht zu Diane und gibt eine oberflächliche und nüchterne Erklärung ab:

Brigitte hätte Grund gehabt, eifersüchtig zu sein auf ihre kleine Schwester, die viel hübscher war als sie. Aber sie war es nie, sondern Marie war es. Ich dachte, das Problem hätte sich nun bei ihr erledigt. Immerhin wurde sie zur schönsten Frau der Stadt und hatte eine großartige Hochzeit. Aber nein! Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie eifersüchtig sie auf ihre Tochter ist. (22)

Eine absolut banale und eine sehr beschränkte und wenig kluge Sichtweise. Wenn Marie als kleines Mädchen in ihrer Eitelkeit wegen der Schönheit von den Eltern noch bestärkt wurde, ihr aber keine anderen Werte vermittelt wurden, somit wird Maries krankhafter Narzissmus deutlich. Die Werte einer Frau waren auf Schönheit, Ehe, Familie gelegt. Andere hat sie möglicherweise nicht vorgelebt bekommen. Es dreht sich alles nur um Maries Schönheit. Nirgends eine Textstelle, worüber sich die Eltern über Marie noch hätten erfreuen können. Vielleicht wegen guter Leistungen in der Schule, oder weil sie musische Begabungen hat, oder wegen besonderer Charaktereigenschaften, die sie ausgezeichnet hätte; nein, nichts dergleichen. Alles dreht sich nur um die Schönheit.

Auf der Seite 25 wird Marie von ihrem Mann in die Buchhaltung geführt, und Marie entwickelt erst dann ein besonderes Interesse für Zahlen,

(…) sobald sie Geld darstellten. Denn Geld hatte die grandiose Eigenschaft, Neid zu erwecken. Marie merkte schnell, dass sie davon mehr besaß als der Durchschnitt der Stadtbewohner, und jubiliert innerlich. Sie wusste natürlich, dass man nicht zeigen durfte, wie sehr man es liebte. Und das steigerte wiederum die Lust. (25)
Die Großmutter offeriert Diane eine Erklärung für das lieblose Verhalten der Mutter:
>>Deine Mutter ist nicht böse, mein Engel. Sie ist nur eifersüchtig. So ist das einfach, und du kannst nichts dafür, so war sie schon immer. Verstehst du, was eifersüchtig heißt?<< (30)

Diane muss noch viele Jahre älter werden, und sie musste Olivia kennenlernen, ehe sie in die Lage kommt, die Haltung ihrer eigenen Mutter zu verstehen, auch wenn sie am Ende nur triviale Erklärungen findet.

Summa summarum
Beide Familien gegenübergestellt: Marie scheint aus einem einfacheren und bildungsärmeren Elternhaus zu kommen, während Mariels Familie, Tochter von Olivia und Stanilslaf, das totale Gegenteil bildet. Man könnte sagen, dass Maries Eltern es aus Unwissenheit nicht hätten besser machen können, als die Mädchen nach traditionellen- und gesellschaftlichen Maßstäben zu erziehen, während Mariels Eltern alles Wissen zur Verfügung hatten und zerstörten dennoch ihre kleine Seele, weil der Vater besser mit Zahlen umzugehen weiß und die Mutter ähnlich wie Marie narzisstisch geprägt war. 

Nun, mit für mich dieser vierten Auseinandersetzung, zwei Mal hören, einmal lesen und einmal schreiben, hat mich die Dramatik dieser Familiengeschichten dennoch nicht ganz überzeugen können. Man bekommt hier in Marie und Olivia fertige Psychen geliefert, deren Hintergründe, zumindest bei Marie, mir definitiv zu flach gewesen sind, trotz ihrer einfachen Herkunft.

Aber mehr gefallen hat mir auf jeden Fall die Geschichte mit Olivias Familie, die bessere Hintergründe hat liefern können, als es in Maries Familie der Fall war. Wobei ich im Gegensatz zu Marie gar nichts über Olivias Kindheit habe in Erfahrung bringen können. Ihre infame Charakterschwäche zeugt eines selbstgeschaffenen Defizits über die Selbstsucht nach Geltung und Prestige, hierbei müssen nicht immer die eigenen Eltern dafür verantwortlich gemacht werden. Schon gar nicht in diesem Alter. Deshalb hat mich ihre Geschichte eher überzeugen können, während Maries Herkunftsfamilie mich trotzdem noch mit Rätseln zurückgelassen hat.

Mein Fazit
Dennoch ein sehr lesenswertes Buch, das zwar von Tiefe zeugt, aber an vielen Stellen wichtige Details entweder nur kurz angerissen sind oder gänzlich fehlen.

Wie ist das Buch zu mir gekommen?
Durch meine Entdeckungsreise, die mich auf das Diogenes- Literatur - Programm geführt hat.

Meine Bewertung

2 Punkte: Sprachlicher Ausdruck
2 Punkte: Differenzierte, facettenreiche Charaktere 
1 Punkte: Authentizität der Geschichte;
2 Punkte: Erzähl-und Schreibstruktur, Gliederung: Ungebunden
1 Punkt: Frei von Stereotypen, Vorurteilen, Klischees und Rassismus
1 Punkte: Cover und Titel stimmen mit dem Inhalt überein.

9 von 12 Punkten

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Gelesene Bücher 2021: 09
Gelesene Bücher 2020: 24
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Gelesene Bücher 2017: 60
Gelesene Bücher 2016: 72
Gelesene Bücher 2015: 72
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