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Sonntag, 16. Februar 2020

Dombey und Sohn, BD 2

Foto: Pixabay
Zweite von zwei Buchbesprechungen zur o. g. Lektüre 

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute ...

Ein wenig märchenhaft haben sich die letzten Kapitel im Dickens gelesen. War mir etwas zu glatt, zu rosarot, eine zu heile Welt aus den Tiefen der scheinbar ewigen Pein des viktorianischen Zeitalters England …
           
Aber vielleicht idealisiert Dickens absichtlich, strickt literarisch aus einer dunklen, von Bosheit determinierten Welt eine heile, gute. Vielleicht will er eine bessere Welt nur vorleben. Er will die Welt zu einem Ort machen, an dem sich die Menschen alle wohlfühlen sollten.

Hier geht es zum Klappentext, zu den ersten Leseeindrücken und zu den Buchdaten.

Die Handlung
Die Handlung hatte ich schon im ersten Teil kurz wiedergegeben. Wie geht es nun im zweiten Teil weiter? Der zweite Teil setzt sich recht dramatisch fort. Zwar bekommt der alte verwitwete Dombey eine zweite Frau, mit dem Ziel, mit ihr eine neue Familie zu gründen, um evtl. nach dem verstorbenen einen weiteren Sohn zu zeugen, damit der Name Dombey und Sohn aufrecht erhalten bleiben kann. Doch leider scheitert diese Bindung, noch ehe sie begonnen hatte. Dombeys zweite Frau namens Edith Granger, die selbst Witwe ist und auch ein Kind verloren hat, schloss die Ehe mit Dombey durch falsche Empfehlungen.

Edith ist von ihrem Naturell her sehr eigensinnig und überhaupt nicht bereit, sich dem Familienoberhaupt Paul Dombey zu unterwerfen. Dombey erweist sich nach wie vor als engstirnig, kaltherzig und stark despotisch. Er besteht auf die klassische Rollenverteilung, die Edith vehement ablehnt.
Glaubt ihr, ihr könnet mich zu Unterwerfung und Gehorsam herabwürdigen – mich beugen oder brechen? (95)

Stattdessen geht sie eine enge Bindung mit Florence ein, die noch immer von ihrem Vater, weil sie ein Mädchen ist, verschmäht wird. In den Augen ihres Vaters hat sie keinerlei Daseinsberechtigung und so diskriminiert er sein eigenes Kind vehement. Florence ringt weiterhin um die väterliche Liebe. Sie freut sich aber, in Edith nun eine Mutter gefunden zu haben, von der sie sich geliebt fühlt. Das gefällt dem alten Dombey überhaupt nicht und verbietet Edith den Kontakt zu seiner Tochter. Die Ehekonflikte spitzen sich immer mehr zu. Dombey macht Florence dafür verantwortlich ...

Welche Szene hat mir nicht gefallen?
Sehr traurig fand ich das Schicksal des kleinen Paul Dombey. 
Und es war eine brutale Szene, die Dombey seiner mittlerweile 16- jährigen Tochter entgegengebracht hatte. Als der Vater von Edith verlassen wird, versuchte Florence, ihn in einer recht devoten Art liebevoll milde zu stimmen, während er ihr daraufhin ins Gesicht schlägt und sie aus dem Haus wirft.

Welche Szene hat mir besonders gut gefallen?
Als Florence nach dem Rauswurf einen Hafen im Hause von Solomon Gils hat finden können, in dem sie von Kapitän Cuttle aufgenommen wurde …

Welche Figuren waren für mich Sympathieträger*innen?
Kapitän Cuttle war mir sehr sympathisch. Er hatte ein sehr gutes Herz.

Florence, die trotz der Ablehnung ihres Vaters dennoch voller Liebe war, und ihr Charakter dadurch nicht geschwächt wurde. Sie zeigte ein gutes Herz auch gegenüber anderer notleidender Menschen. Aber sie war mir auch ein wenig zu demutsvoll. Ein rebellisches Auftreten vor allem in der Pubertät hätte ich ihr auch gegönnt. Aber dazu hatte sie zu viel Angst vor ihrem Vater. Dennoch eine überaus gütige Person, die vergibt, ohne ihrem Peiniger Vorwürfe zu machen. Ganz im Gegenteil. Die ganze Schuld ihres Vaters nimmt sie auf sich. Sie ist sehr altruistisch eingestellt. Ob auch das realistisch ist? Aber die Gerechtigkeit siegt. Florence bekommt einen Gatten, der ihr all diese Liebe gibt, die sie verdient hat und die sie entbehren musste. Gäbe es diese Gerechtigkeit doch nur auch in der wirklichen Welt. Ich könnte psychoanalytisch noch ausholen, wenn ich wollte, dass zum Beispiel Kinder, die so vernachlässigt werden, wie Florence, lebenslänglich mit einer gebrochenen Psyche zu kämpfen haben und nicht mit der Welt und mit Beziehungen jeglicher Art klar kommen ... 

Susanne Nipper, Florences Amme und Kindermädchen, die ihrem Pflegling viel Beistand bot. Außerdem zeigte Susanne Charakterstärke, als sie sich innerlich Mut zugesprochen hat, sich bei dem alten Dombey für Florence einzusetzen. Leider zeigte dieser Einsatz negative Folgen sowohl für Susanne als auch für Florence.

Mr. Toots, der viel von Florence hielt, und Größe gezeigt hat, als Florence eine Bindung mit Walter Gills eingegangen ist.

Welche Figur war mir antipathisch?
Neben dem hartherzigen Dombey auch James Carter, der sehr aufs Geld bedacht war. Auch die Vermieterin von Kapitän Cuttle fand ich sehr unsympathisch.

Meine Identifikationsfigur
Edith Granger. 

Cover und Buchtitel 
Das Cover hätte etwas kreativer und origineller ausfallen können. Jeder weiß, wie Charles Dickens aussieht, weshalb ich sein Porträt auf dem Cover nicht unbedingt als geeignet empfunden habe. Dickens ist zwar der Träger dieser Familiengeschichte, aber er ist nicht diese Familie Dombey. Mich hätte mehr eine Zeichnung zu dem gesellschafts- und Familienroman darauf angesprochen. Aber den Buchtitel finde ich sehr gut getroffen. 

Zum Schreibkonzept
Die beiden Bände beinhalten zusammen insgesamt 700 bis 750 Seiten. Der Roman ist mit 62 Kapiteln unterteilt. Absätze gibt es nur wenige, was das Lesen noch zusätzlich erschwert.

Meine Meinung
Das Buch war von der Aufmachung her etwas anstrengend zu lesen. Zu klein die Buchstaben und auch der Zeilenabstand war mir zu eng. Dabei habe ich beim Lesen schwer meine Konzentration halten können.

Und der Stoff ging mir häufig zu sehr ins Detail, was die vielen Nebenfiguren betreffen. Teilweise fand ich die Geschichte dadurch etwas zu langatmig. Aber Dickens ist ein Romancier, der einfach gerne und ausschweifend schreibt. Dennoch habe ich es nicht bereut, diese beiden Bände gelesen zu haben.

Gut fand ich, dass Dickens den gesellschaftlich benachteiligten Frauen eine Stimme gegeben hat. Wie kommen Männer weltweit eigentlich dazu, Frauen so herabzuwürdigen? Sind die Männer nicht von einer Frau ausgetragen worden? Ohne die Frau wären sie selbst gar nicht auf dieser Welt.

Daher fand ich am Ende des Buches eine Textstelle so wunderbar schön, als Florences Amme Susanne Nipper nach ihrer Heirat mit Mr. Toots ein Mädchen zur Welt bringt.
Da ist die Florence, die Susanne, und jetzt kommt wieder ein kleiner Fremdling.
>>Ein weiblicher Fremdling? Fragte der Kapitän.
>>Ja, Kapitän Cuttle<<, sagte Mr. Toots, >>und ich freue mich darüber. Ich bin der Ansicht, je öfter wir diese außerordentliche Frau wiederholen können, umso besser. << (350)

 Mein Fazit
Auf jeden Fall eine klare Leseempfehlung, weil das Buch die Welt tatsächlich ein wenig besser macht und zum Nachdenken anregt.

Meine Bewertung
2 Punkte: Sprachlicher Ausdruck (Anspruchsvoll, keine saloppe Schreibweise)
2 Punkte: Differenzierte Charaktere
2 Punkte: Authentizität der Geschichte
2 Punkte: Fantasievoll, ohne dass es kitschig oder zu sentimental wirkt
2 Punkte: Frei von Stereotypen, Vorurteilen, Klischees und Rassismus
1 Punkte: Cover und Titel stimmen mit dem Inhalt überein
11 Punkte

Hier geht es zur ersten Buchbesprechung, zum ersten Band. 

_________________________
Jeder kann die Welt mit seinem
Leben ein klein wenig besser machen.
(Charles Dickens)

Gelesene Bücher 2020: 04
Gelesene Bücher 2019: 29
Gelesene Bücher 2018: 60
Gelesene Bücher 2017: 60
Gelesene Bücher 2016: 72
Gelesene Bücher 2015: 72
Gelesene Bücher 2014: 88
Gelesene Bücher 2013: 81
Gelesene Bücher 2012: 94
Gelesene Bücher 2011: 86


Der Mensch ist mehr als nur die biologische Erbmasse.
Er ist, was er innerlich denkt und fühlt.
(M. P.)
Die Herkunft eines Menschen
Die Wurzeltheorie verdammt Menschen zu ewigen Ausländer*innen, nur, weil sie eine andere Hautfarbe, eine andere Religion oder einen anderen Namen tragen. Die meisten haben ihre Wurzeln dort geschlagen, wo sie geboren wurden und / oder dort, wo sie ihr ganzes Leben zugebracht haben.

Es lebe die Vielfalt.
(M. P.)

Freitag, 24. Januar 2020

Leena Lander / Die Gesichter des Meeres

Klappentext  
Kingstown, Heiligabend 1895. Vor der Küste Irlands läuft ein Frachter auf Grund. Während die Schiffbrüchigen auf Hilfe warten, kommen die Seenotretter in den eisigen Wellen ums Leben. Die Bewohner der Hafenstadt sind traumatisiert. Der 13-jährige Matias, der an Bord des havarierten Frachters war, findet sich in den hilfsbereiten Händen der Einheimischen wieder – und mitten im Strudel der Ermittlungen…
Über 100 Jahre später, auf den Spuren ihrer Vergangenheit, offenbart sich einer Schriftstellerin aus Finnland ein unbekannter Teil ihrer Familiengeschichte.

Autorenporträt
Leena Lander, geboren 1955, ist eine der international bekanntesten und erfolgreichsten Schriftstellerinnen der finnischen Gegenwartsliteratur. Ihre Bücher wurden in mehr als 20 Sprachen übersetzt und vielfach mit Preisen ausgezeichnet. Die Verfilmungen ihrer Romane »Die Insel der schwarzen Schmetterlinge« und »Die Unbeugsame« waren in Finnland große Erfolge. Leena Lander lebt mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Hannu Raittila, im Südwesten von Finnland in der Nähe von Turku.

Kurze Buchbesprechung
Leider hat mir das Buch so gar nicht zugesagt. Ich habe schnell den roten Faden verloren. Es waren zu viele Details, die man sich hätte sparen können. Wenig Spannung, viel zu flach vom Erzählstil. Fast sechshundert Seiten über ein Schiff namens Palme, das schon auf den ersten Seiten vor der Küste von Kingstown gekentert ist. Die Insassen wurden gerettet, aber die 15 Seenotretter kamen durch die eisigen Wellen ums Leben. Wie geht es den zurückgebliebenen Familien, die ihren geliebten Mann / Vater verloren haben? Doch nicht alle Leichen konnte geborgen werden, sodass die kleine Sarah nicht wahrhaben konnte, dass ihr Vater zu den Verunglückten gehört und wartet hoffnungsvoll auf seine Rückkehr. Die Handlung beginnt in Irland am Heiligabend 1895. Rückblickend wird eruiert, wer für das Schiffsunglück zur Rechenschaft hinzugezogen werden kann.

Es gibt zwei Zeitstränge, die im Wechsel voneinander abgelöst werden.

Der zweite Erzählstrang führt uns in die Gegenwart. 2012 recherchiert eine finnische Schriftstellerin über den Untergang der Palme. Dieser Erzählpart hätte man sich allerdings sparen können. Hat einfach nicht gepasst und hat von der eigentlichen Thematik eher abgelenkt, da man auch hier mit zu vielen Details und Geschichten erschlagen wird.

Mein Fazit
Mir hätte es vollkommen gereicht, wenn man die Gegenwart weggelassen hätte. Vielleicht hätte mir das Buch mehr zugesagt. Aber so hat es mich, wie es ist, leider nicht überzeugen können, was ich sehr, sehr schade finde.

Hier geht es zu der Verlagsseite von btb, Randomhouse.

Ein herzliches Dankeschön an den btb Verlag für das Leseexemplar.

________________
Es geht nicht um den Verstand,
es kommt alles aus dem Herzen.
(Tracy Barone)

Gelesene Bücher 2020: 03
Gelesene Bücher 2019: 29
Gelesene Bücher 2018: 60
Gelesene Bücher 2017: 60
Gelesene Bücher 2016: 72
Gelesene Bücher 2015: 72
Gelesene Bücher 2014: 88
Gelesene Bücher 2013: 81
Gelesene Bücher 2012: 94

Montag, 20. Januar 2020

Ulrich Ladurner / Der Fall Italien (1)

Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre  

Eine andere Form von Buchbesprechung, mehr ein Reflektieren, ein Diskutieren über verschiedene Ideen und Gedanken, was die triste, desaströse politische Landschaft Italiens betrifft, in der am Ende des Tunnels irgendwie kein Licht zu sehen scheint. Ein paar Fakten möchte ich hier hineinbringen, die ich mit Zitaten belegen möchte. Ich zitiere nicht nur aus Ulrich Ladurners Werk, sondern auch ein Zitat aus der Welt.de

Hier geht es zum Klappentext, zu den ersten Leseeindrücken und zu den Buchdaten.

Das Buch hat mich lange beschäftigt und passt wunderbar zu dem Buch, das ich noch vor Ladurner gelesen habe. Welch ein Zufall. Ian McEwan, Die Kakerlake. Eine Politsatire; eine kritische Auseinandersetzung mit dem Brexit. Was hat Brexit aber mit Italien zu tun?

Auch italienische Politiker scheinen mir, hier die Kakerlake als eine Metapher gebrauchend, nichts anderes als diese Nimmersattinsekten, Parasiten, zu sein. Sie scheinen für mich sogar EU-weit die gefräßigsten Parasiten zu sein, um dies symbolisch auszudrücken. Zumindest hatte ich diesen Eindruck, als ich das Buch gelesen habe. Aber es ist absurd, Länder miteinander zu vergleichen, da jedes Land nur mit sich selbst verglichen werden kann, da jedes Land seine Geschichte hat. 

Vieles, was Ulrich Ladurner hier in seinem Werk beschreibt, war mir schon bewusst, aber vieles ist mir auch neu, und so konnte er mir zumindest auch die Frage beantworten, weshalb die Italiener wiederholt Berlusconi gewählt hatten. Und weshalb sie nach der Berlusconi-Ära weiterhin auf populistische Parteien zugegriffen haben? Alle Antworten werde ich hier der Länge wegen nicht liefern können, aber zumindest ein paar Anregungen.

Es würden in Italien derzeit keine seriösen Parteien geben, absolut keine Alternativen. Auch wirken sie auf mich wie ein Wolf im Schafspelz. Sie alle, die Politiker, versprechen dem Volk ein besseres Leben, wie z. B. durch die Schaffung besserer Arbeitsplätze, durch günstigere Mieten ... und wenn sie schließlich gewählt sind, zeigen sie ihr wahres Gesicht und schlagen ordentlich zu, in dem sie eine Steuer nach der anderen einführen, und andere Errungenschaften einfach wieder abschaffen.

Ich wusste schon, dass Italiens Regierung korrupt ist, aber ich wusste auch, dass der normale italienische Mensch nicht die Regierung ist, selbst wenn dieser seine Politiker gewählt hat. Aber, ich möchte darauf auch hinweisen, dass es in Italien ein sehr differenziertes Wahlverhalten zwischen Passivwählern, Frustwählern, Nichtwählern und  Protestwählern gibt.

Das Buch hat mir gezeigt, wie die Menschen benutzt und hinters Licht geführt werden, wie mit deren Psyche gespielt und manipuliert wird. Es zeigt, dass es keine sauberen Politiker in diesem Land zu geben scheint, keine sauberen Parteien, sodass viele Italiener es leid sind, die Politik meiden und den Zusammenhalt nur noch in der Familie suchen. Wenn es keine sauberen Politiker in diesem Land zu geben scheint, so frage ich mich, wie die Zukunft dieses Landes noch aussehen wird? 

Ich habe wirklich die Sorge, dass in Italien erneut der Faschismus ausbrechen wird. Muss ein Krieg kommen, damit das Böse ausgemerzt wird? Damit die Menschen wach werden? Aber was ist, wenn das Böse siegt? Was wäre mit Italien, hätte Mussolini gesiegt? Auf die Geschichte zeigend lehnt die Regierung die Geschichte vehement ab, mit der Begründung, dass die Geschichte schließlich Geschichte und damit abgeschlossen sei. Und doch gibt es so viele Parallelen zu der Politik heute und zu der Politik damals. 

Italien ging es aber nicht immer schlecht. Italien feierte auch einen wirtschaftlichen und einen sozialen Aufschwung, und zwar nach dem Zweiten Weltkrieg.
Der schnelle Aufstieg Italiens begann nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Die sechziger Jahre war geradezu ein rauschhaftes Jahrzehnt. Fünfzehn Jahre nach Kriegsende feierte das Land Erfolge auf allen Ebenen. Es begann mit der Olympiade 1960, bei der Italien 13 Medaillen gewann und damit hinter der Sowjetunion und der USA auf Rang drei landete. 1964 wurde die Autostrada del Sole (…) fertiggestellt, die den Norden mit dem Süden verband. (…) Die Wirtschaft boomte, und die Massen konnten sich Konsumgüter leisten. (…) Vergessen waren die Verehrungen des Krieges, vergessen die Verehrungen in den Faschismus. Die Zukunft war ein offenes Feld voller Verheißungen, man musste es nur entschlossenen Schrittes betreten. (2019, 17)

Damals wurden die Politiker noch in die „Schule“ geschickt. Es gab starke Gewerkschaften, große Parteien, eine mächtige Kirche, die ihren Mitgliedern Fortbildungen angeboten hatten, um sie auf die Politik vorzubereiten, doch leider konnte dieser Anspruch auf Dauer nicht aufrecht erhalten bleiben. 
Allein zwischen 1945 und 1954 durchliefen 300 000 Mitglieder Ausbildungskurse, die Besten wurden ausgewählt und auf die Parteischule Frattocchie bei Rom geschickt. Aus ihr ging eine Reihe von später bekannt gewordenen Politikern hervor. Die Gewerkschaften hatten ihre eigenen Ausbildungszentren, die ebenfalls viele Persönlichkeiten hervorbrachten, die eine prägende Rolle in der italienischen Nachkriegsrepublik spielten. (18)

Diese stabilen Zeiten waren nicht von Dauer. In den späteren Jahren wurden die Italiener von ihren Politikern erneut enttäuscht und betrogen. Besonders in der ...
... Gegenwart (hatte) kein führender Politiker mehr eine spezifische Ausbildung durchlaufen, die ihn hätte vorbereiten können, denn die Schulen der Parteien und der Gewerkschaften hatten sich fast alle aufgelöst. Es wird offenbar nicht mehr erwartet, dass der Politiker komplexe Probleme intellektuell durchdringt, sie verständlich darlegt und schließlich für Lösungen bei den Bürgern um Zustimmung wirbt. (20)

Das Volk entpuppte sich immer mehr zu einem Wutbürger, viele reagierten desillusioniert, viele sind nur noch misstrauisch, stehen den Medien missmutig gegenüber. Sie erlebten eine massive Deindustrialisierung, den Niedergang der Volksparteien, die Schwächung der Gewerkschaften.
Wer immer ihnen Nachricht überbringt, sie glauben ihm nicht. Sie fühlen sich hintergangen und umgeben von Lügnern und Betrügern. Das Misstrauen sitzt in ihren Knochen und macht sie schwer wie Blei. (22) 

Man fragt sich, wie Berlusconi es geschafft hat, an die Macht zu kommen? Erstmal, nicht alle haben ihn gewählt. Für mich aber auch eine ganz klare Sache, wie ich von Italienern zu hören bekommen habe, als ich sie danach fragte. Er scheint die Medien, die in seiner Hand lagen, manipuliert zu haben, und vielleicht hat er als Milliardär mithilfe von Schmiergeldern Stimmen gekauft. Dies vermute ich. Hier würde sich leider mancher Italiener, wenn er sich hat kaufen lassen, mitschuldig an diesem politischen Verbrechen machen. Aber es gibt auch andere Antworten:
Als die Italiener 1994 Silvio Berlusconi zum Ministerpräsidenten wählten und ihn dreimal im Amt bestätigten, schüttelte das Ausland den Kopf. Wie konnte ein so kultiviertes Volk einem Illusionskünstler vom Schlage Berlusconis hinterherlaufen? Wie konnten die Italiener ihn immer wieder wählen, trotz seiner zahllosen Skandale und Affären? (22)

Doch was ich nämlich nicht wusste, ist, dass bei der Einführung des Euros alle Italiener dafür zahlen mussten. Romano Prodi, damaliger Ministerpräsident, führte eine Eurosteuer ein.
Die Regierung zog direkt von den Bankkonten der Italiener Geld, um die Kriterien des Vertrags von Maastricht erfüllen zu können. Somit zahlten die Italiener aus eigener Tasche für den Beitritt zum Euro. Doch die Italiener waren bereit (…) zu zahlen, weil sie mit dem Euro viel Hoffnung verbanden. Europa verlangte es, und die Italiener wollten gute Europäer sein. Sie waren es aus Überzeugung und aus Notwendigkeit, denn sie hatten wenig Vertrauen in die Fähigkeiten der eigenen politischen Klasse. Brüssel sollte die Modernisierung vorantreiben. (23)

Aber mit Europa wurde es nicht besser. Im Gegenteil, der Druck nahm durch Brüssel noch mehr zu und das nutzte der wiedergewählte Berlusconi aus und führte eine Antieuropa – Politik ein und stärkte das Volk, erneut auf die nationalistischen Werte zurückzugreifen und darauf zu vertrauen. Zum Beispiel würde Italien den Italienern gehören und nicht der EU. Berlusconi nutzte das geschwächte Selbstvertrauen seiner Landsleute aus.
Mit Ausbruch der Eurokrise 2010 zerstoben diese Hoffnungen. Italien geriet ins Hintertreffen: Die Arbeitslosigkeit stieg, die Kaufkraft sank, die Wettbewerbsfähigkeit ging verloren, der Anteil der Industrieproduktion am Bruttoinlandsprodukt schrumpfte. Es war ein bitteres Erwachen. Und aus Brüssel kamen die ständigen Ermahnungen zum Sparen, zu mehr Disziplin, zu mehr Reformen. Die Italiener sollten so werden wie die Deutschen – doch da das nicht möglich war, entstand das nagende Gefühl des ständigen Ungenügens. Die EU war wie ein strenger Schulmeister, der Italien ohne Unterlass schlechte Noten gab. (…) Erst Jahre später sollte man erkennen, dass Berlusconi keine Ausnahme war, sondern ein Vorläufer-ein frühes Modell von Donald Trump, der 2016 überraschend zum US-Präsidenten wurde. Berlusconi lebte das Modell des radikalen politischen Narzissmus vor.  

Dies erklärt natürlich, dass die Italiener auf Prodi wütend wurden und ihn abgewählt haben, weil sich an der politischen Lage nichts gebessert hatte. Dann die vielen Beschimpfungen aus Brüssel, das waren die Italiener leid. 
Seit der Eurokrise scheinen die Italiener aus deren Blickwinkel wie ungezogene Kinder, die nicht recht wissen, wie man mit Geld umzugehen hat. Sie schmeißen zum Fenster hinaus, was andere hart verdient haben. Diese Vorstellung hat sich, auch dank entsprechender Berichterstattung, tief in die Köpfe, insbesondere der Deutschen, eingenistet. Da ist viel Herablassung im Spiel, viel Besserwisserei und Ignoranz. Die strengen Sparmeister des Nordens sollten aber berücksichtigen, dass andere europäische Länder enorm von der Kreativität, dem Talent und dem Leistungswillen der italienischen Auswanderer profitieren. Es war in erster Linie der viel gescholtene italienische Staat, der diese Menschen ausgebildet hat, bevor sie ins Ausland gingen. (218)

Und trotzdem steht Italien an vierter Stelle, was die Zahlung an die EU betrifft. Noch 2016 zahlte das Land 11,48 % des Bruttoinlandprodukts an die Europäische Union. An erster Stelle steht Deutschland, an zweiter Frankreich, an dritter England, dann kommt Italien. Das allerdings habe ich aus einer anderen Quelle herausfinden können, siehe hier.
Und es gibt noch einiges mehr, was in der Rede vom angeblichen liederlichen Italien untergeht: Laut einer Studie der Europäischen Zentralbank ist das durchschnittliche Vermögen der Italiener fast dreimal so groß wie das der Deutschen, nämlich 173 600 zu 51 400 €. Auch die Schulden in ihrer Gesamtheit – Staat, Familien, Unternehmen – sind geringer als die der Dänen oder Schweden. Der italienische Staat ist arm, die italienische Gesellschaft dagegen reich. Fakten wie diese spielen in der Debatte über Italien nur selten eine Rolle. Sie finden keinen Platz zwischen all den Vorurteilen, die sich längst zu Gewissheiten verfestigt haben. (Ladurner 218) 

Schuld daran seien auch die italienischen Politiker, die in Brüssel mit einem opportunistischen Auftreten auf den Tisch hauen und so tun, als würden sie im Auftrag des Volkes so agieren. Dabei sei das Volk selbst ganz verzweifelt über die peinlichen Auftritte ihrer Politiker.
Europäische Politik ist eine heikle, mitunter explosive Angelegenheit, weil jede Nation ihre eigene Geschichte hat. (…) Nationalgefühle sind auch mehr als sechzig Jahre nach Gründung der Europäischen Union noch nicht abgekühlt. (219)

Wie sollte denn Brüssel und der Norden auf die Italiener reagieren?
Nicht nur, aber auch darum ist die Art, wie man übereinander redet, von größter politischer Bedeutung. Europäische Politik hat sehr viel mit gegenseitigem Respekt zu tun. Millionen Italiener fühlen sich in der Europäischen Union nicht respektiert, (…). Die Union, die sie erleben, ist nicht ihre Union, sondern ein Zwangsverein. (…) Es hätte gewiss nicht geschadet, wenn man den Millionen Italienern, die in den letzten Jahren verzweifelt gegen den Abstieg in die Armut kämpften, mit etwas mehr Großzügigkeit begegnet wäre. Es hätte nicht geschadet, wenn man in Brüssel wie auch in Berlin immer wieder darauf hingewiesen hätte, dass die Italiener den Europäern trotz all der Schwierigkeiten immer noch viel geben. Man muss bei solchen Reden die Probleme nicht verschweigen – sie liegen offen auf der Hand: Die Schwächen der Institutionen, die Unzulänglichkeit der politischen Klasse. Das sind die Kernprobleme Italiens. Das italienische Volk leidet darunter ebenso, wie Europa daran Schaden nimmt. (Ebd)

Man sollte diesen Respekt nicht nur ITALIEN, sondern allen Ländern entgegenbringen, die aus einer schwierigen Regierung kommen, und man sollte aufhören, die Menschen darin durch Arroganz und Besserwisserei  abzustrafen. Diese Haltung löst einen starken diskriminierenden und rassistischen Charakter aus, den ich traurigerweise immer wieder aus vielen belletristischen Büchern entnehmen muss. Dass wir anderen in einem Land geboren wurden, in dem es solche Probleme nicht gibt, dafür aber genug andere, ist nicht unserem Können geschuldet. Die meisten Errungenschaften haben wir doch nur unseren Vorkämpfern zu verdanken. 

Wo ein Mensch hineingeboren wird
Die Geburt eines Kindes ist wie ein Lotteriespiel. Niemand sucht sich sein Land, seine Eltern und seine Gesellschaft aus. Jeder Mensch muss in dem Land, in dem er geboren und seine Wurzeln geschlagen hat, bestmöglich klarkommen.

Probleme gemeinsam angehen, dann findet man auch wieder das Vertrauen der Menschen, die sich abgeurteilt fühlen. Und man darf nicht vergessen, dass Menschen auch individuell Entwicklungen durchlaufen, besonders dann, wenn eine Gesellschaft dafür noch nicht reif genug ist.

Aber sind die Italiener nun alle Opfer?, habe ich mich gefragt. Ganz bestimmt nicht. Sie tragen mit die Verantwortung, was die "gefräßige Nimmersattpolitik" ihres Landes betrifft. Aber sie alle als Mafiosi zu beschimpfen, davor distanziere ich mich. Ich selbst vermisse den politischen Italiener, der so wie früher auf die Straße geht, und für seine Rechte kämpft. Italiener, die die Lügen ihrer Politiker durchschauen, sie aufdecken, statt sich von ihnen von einer schöneren und heileren Welt vollsülzen zu lassen. Und ich stelle mir die Frage, wie man seriöse Politiker wieder ins Land bekommt? Wie können Gewerkschaften wieder stark und autark werden und wie saubere Parteien gegründet werden? Das stelle ich mir nicht einfach vor. Um wieder zurück in McEwans Metapher zu schwelgen, muss eine Insektenplage, wie die der Kakerlaken, gründlichst ausgemerzt werden. Da benötigt man gute Kammerjäger.

Ich selbst wüsste nicht mal, wie ich mich politisch und gesellschaftlich verhalten würde, wenn ich in Italien leben würde.

Auf jeden Fall wünsche ich den Italienern ihren Kampfgeist zurück. 

Keine Ratschläge
Ansonsten habe ich keine Ratschläge, und ich finde es auch gut, dass der Autor keine anbietet. Als Nichtbetroffene glaubt man immer schlauer zu sein, und weiß angeblich immer besser, was für andere gut ist. Wenn das nur so einfach wäre!!!

Mitgefühl ist keine Schwäche
Trotzdem habe ich auch großes Mitgefühl mit den Menschen, weil mir bewusst ist, wie schwer eine Politik zu durchschauen ist, vor allem, wenn es in den Parteien keine Alternativen gibt. Und hier in Deutschland gehört meine Partei, die ich wähle, selbst zu einer Minderheit. Alle schreien sie, wenn im sozialen Bereich Kürzungen vorgenommen werden, aber die meisten wählen weiterhin Parteien, die sich nicht für die sozialen Interessen der Menschen einsetzen. Wie kommt das? Auch bei uns geht es nicht immer sauber zu, was das Wahlverhalten deutscher Wähler betrifft. Auch bei uns läuft so viel schief, auch bei uns werden Versprechungen nicht gehalten. 

Großartig demonstriert wird bei uns hier allerdings auch nicht. Eine Volkspartei gibt es auch keine mehr und die großen Parteien leiden auch unter kräftigem Stimmenverlust.

Leere Rentenkassen könnten bei uns ausgefüllt werden, wenn auch Politiker und Beamten in die Rentenversicherung einzahlen würden. Rentenkassen könnten ausgefüllt werden, wenn eine Vermögenssteuer eingeführt werden würde. Wie passt das, dass die Reichen geschont und die Armen belastet werden?

Der erste Schritt zum Weltfrieden wäre, Respekt anderen Menschen, besonders auch aus  aus anderen Ländern mit ihren spezifischen Sorgen und Problemen gegenüber zu treten, mit denen diese Menschen ihren Lebenskampf führen müssen. Man muss nicht alles für gut heißen, das tue ich ja auch nicht, aber eine respektvolle Haltung anstelle einer diskriminierenden, abfälligen und ausgrenzenden wäre schon ein Anfang. 

Jeder, der möchte, kann aus den eigenen Fehlern und aus den Fehlern anderer lernen. Was uns alle verbindet, ist, dass wir alle Menschen sind. 

McEwan / Italexit 
Wieder zurück zu McEwan und zu seinem neusten Buch, Die Kakerlake.
Wenn ich könnte, würde ich dem Schriftsteller Ian McEwan gerne einen Brief schreiben, mit der Bitte, die Kakerlake á la italian zu verfassen, aber der arme Mann hat sicher andere Sorgen, als sich mit den Sorgen der Italiener zu befassen, zumal die Engländer nun draußen sind, nichts mehr mit der EU verbindet. Sollen sich die Italiener doch selbst mit ihren Sorgen herumschlagen, würde er vielleicht antworten. 

Aber es würde mir auch schon genügen, wenn Die Kakerlake ins Italienische übersetzt werden würde, deshalb erwähne ich McEwan hier, und hoffe, die Italiener auf ihn aufmerksam machen zu können und um Interesse zu wecken. Ich habe gerade auf Amazon.it entnehmen können, dass McEwan in Italien bekannt ist. Verschiedene Werke von ihm sind ins Italienische übersetzt worden. Ich hoffe, dass ich mit meinem Blogbeitrag viele Italiener erreichen werde.

Mein Fazit  
Ein sehr interessantes, bewegendes und ein nachdenkenswertes Sachbuch, das mir viele Antworten liefern konnte. Es hatte mich zwar viele Tage über die politische Lage dieser Nation richtig betrübt, weil sie ein so düsteres politisches Profil darstellt, dann aber konnte ich diese Stimmung wieder überwinden und weiterlesen. Wie gefräßig auch
  italienische Politiker sein können, wird hier in diesem Sachbuch neben McEwan auch sehr deutlich. Der Hunger nach Macht und die Profitgier scheinen nicht zu stillen zu sein ... Viele Textstellen konnte ich nur markieren, aber nicht herausschreiben, weil sie einfach zu heftig waren und so muntere ich andere stattdessen zum Selberlesen auf. 

Das Buch habe ich auf der Buchmesse 2019 entdeckt. Und bin recht froh darüber. Ohne die Buchmesse wäre es mir nie in die Hände gefallen. Auf Amazon.de befindet sich noch keine Rezension. Wird wohl nicht so viel gelesen.

Es hat mich sehr bereichert und hat mich in meinem Denken absolut weitergebracht.

Eine klare Leseempfehlung. 12 Punkte.

Hier geht es zur Buchbesprechung von Ian McEwans Politsatire.
________________
Es geht nicht um den Verstand,
es kommt alles aus dem Herzen.
(Tracy Barone)

Gelesene Bücher 2020: 02
Gelesene Bücher 2019: 29
Gelesene Bücher 2018: 60
Gelesene Bücher 2017: 60
Gelesene Bücher 2016: 72
Gelesene Bücher 2015: 72
Gelesene Bücher 2014: 88
Gelesene Bücher 2013: 81
Gelesene Bücher 2012: 94
Gelesene Bücher 2011: 86


Der Mensch ist mehr als nur die biologische Erbmasse.
Er ist, was er innerlich denkt und fühlt.
(M. P.)
Die Herkunft eines Menschen
Die Wurzeltheorie verdammt Menschen zu ewigen Ausländer*innen, nur, weil sie eine andere Hautfarbe, eine andere Religion oder einen anderen Namen tragen. Die meisten haben ihre Wurzeln dort geschlagen, wo sie geboren wurden und / oder dort, wo sie ihr ganzes Leben zugebracht haben.

Es lebe die Vielfalt.
(M. P.)


Samstag, 11. Januar 2020

Ian McEwan / Die Kakerlake (1)

Foto: Pixabay
Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre 

Mir hat das Buch recht gut gefallen, viele meiner Gedanken habe ich bei Facebook auf der Seite von Diogenes backlistlesen gepostet. Dadurch kam auch eine kleine Diskussion zustande. Damit ich nicht alles neu schreiben muss, kopiere ich hier weiter unten ein paar Gedanken daraus.

Besonders gut hat mir die Idee gefallen, stark kafkaeske Züge aufweisend zwar, aber dennoch spannend, eine super Idee, denn man bekommt es hier mit einer Kakerlake zu tun, die sich in einen Menschen verwandelt hat.

Da dies eine winzige Novelle von gerade mal 133 Seiten ist, länger hätte sie aber auch nicht sein dürfen, werde ich mich hier kurzhalten.      

Hier geht es zum Klappentext, zu den ersten Leseeindrücken und zu den Buchdaten.


Die Handlung
Man bekommt es hier in vielem mit einer Umkehrung zu tun. Gregor Sams hat sich von Mensch in einen Käfer verwandelt und bei McEwan verwandelt sich ein Käfer in einen Menschen, der in dem Bett des englischen Premierministers aufwacht. Es handelt sich hier nicht um Gregor Samsa, sondern um Jim Sams. Und Jim Sams krepiert auch nicht, weil er aus seiner Rückenlage nicht herausgefunden hat, nein, Jim Sams ist fidel, schafft es, seine Umgebung nach der Metamorphose zu verlassen, als es ihm gelungen ist, sich an seine neue körperliche Lage zu gewöhnen. Aber Sams ist nicht die einzige verwandelte Kakerlake, auch weitere Politkollegen gehörten einst zu diesen Nimmersatt- Insekten. Die Umkehrung findet man auch in anderen Bereichen. Wer zum Beispiel arbeiten geht, muss Geld bezahlen und bei Einkäufen bekommt man Geld. Diese Umkehrung gehört zu dem Reversalismus – Plan, der ziemlich vertrackt ist. Jim Sams tut alles, damit dieser Plan umgesetzt wird, selbst dann noch, als sich erweist, dass er nicht wirklich tragfähig ist.
Bevor der Reversalismus, dieser seltsame Wahn, die menschliche Bevölkerung in Armut stürzt, was notwendigerweise geschehen muss, werden wir gedeihen. (2019, 131)


Meine Meinung
Eine absolut Anti-Brexit-Satire mit viel Sarkasmus. Ich halte diese Novelle für eine sehr wichtige Polit-Satire. Endlich mal jemand, der sich kritisch zu Brexit bekennt. Jede Menge politische Lügen und Intrigen, Manipulationen ohne Ende, die ich aber nicht für wirklich typisch Brexit halte. Man findet diese in fast jeder Politik, auch bei uns. Und was die Kakerlake betrifft, diese Fühler, die sehr genau aufspüren, wie man das Volk hintergehen kann, die würde ich auch unseren Politikern aufsetzen. Typisch Brexit ist das Reversalismus-Projekt, aber der Inhalt erinnert mich symbolisch betrachtet an die Inhalte anderer Politiker*innen weltweit. Meine Mitstreiterinnen sehen das etwas anders, denn sie sind der Meinung, dass wir hier in Deutschland den Brexit durchschauen würden, während die Engländer nach der Wahl erst mal angefangen hatten zu googeln, was Brexit überhaupt bedeuten würde. Die Engländer wurden aber ein zweites Mal an die Wahlurne gerufen, und sie haben sich ein zweites Mal ganz bewusst für den Brexit, das heißt, sie haben sich ganz bewusst für den EU-Austritt entschieden. Mittlerweile dürfte auch ihnen bewusst geworden sein, was der Brexit bedeutet.

Sicher bekennen sich die meisten meiner Lesepartner*innen zum geeinten Europa, zu denen ich mich als ein Mensch mit zwei Nationalitäten auch zähle, aber ich befürchte, nur zu einer kleinen Minderheit zu gehören.

Ich bekomme es überall mit, wie hierzulande über Flüchtlinge gehetzt wird, und sich viele einen EU-Austritt á la Britania wünschen würden. 

Meine abschließende Frage; sind wir Europäer*innen reif für ein geeintes Europa? Ich bin dennoch der Meinung, würde hier in Deutschland eine Umfrage für oder gegen die EU starten, würden die meisten Wähler*innen dagegen sprechen. Aber ich stimme auch meinen Mitstreiterinnen zu, dass Reife erarbeitet werden könne, und dass sich Individuen schneller verändern würden als Gesellschaften. Ich bin auch der Meinung, dass dies ein Prozess ist, der mit viel Zeit und Geduld verbunden ist. Zu lösende Probleme würden global angepackt werden müssen, die man in einem Staatenverbund besser angehen könne, als in einem Einzelstaat. (B. H.)

Woher meine Skepsis im eigenen Land?
Ich habe es hierzulande selbst erlebt, als 1999 in Hessen gegen die doppelte Staatsbürgerschaft  Propaganda gemacht und dadurch Fremdenhass geschürt wurde. Roland Koch wollte unbedingt zum Ministerpräsidenten gewählt werden, und so standen in der Innenstadt Stände der CDU, die Unterschriften gesammelt hatten. Bis zu den Lebensmittelläden hatten sie sich mit ihren Ständen positioniert, um ihre Unterschriften einzukassieren. Und jeder, der unterschrieben hatte, wurde mit einem Weberli belohnt. (Weberli ist ein kleiner abgepackter Kuchen.) Roland Koch hatte Erfolg und ist gewählt worden. Und nach der Wahl folgte der absolute soziale Kahlschlag. Viele soziale Einrichtungen mussten geschlossen werden. In Nöten geratenen Menschen konnten nicht mehr überall geholfen werden. Mitarbeiter dieser Einrichtungen wurden entlassen. Und die Cloude; die doppelte Staatsbürgerschaft wurde für einzelne EU-Länder trotzdem eingeführt. Meine Frage; was ist hier anders als im Brexit? 

Sobald die Politiker*innen hier gewählt werden, werden erst mal gleich die Diäten erhöht, während der Mindestlohn gerade mal um ein paar lächerliche Cents angehoben wurde. Wenn das nicht parasitär ist, was ist das dann? Zu Roland Kochs Regierungszeiten gab es den Mindestlohn noch nicht einmal. Aber viele Menschen mussten und müssen sich noch neben der Vollzeitstelle noch einen Nebenjob suchen, weil das Gehalt zum Leben und zur Familiengründung nicht ausgereicht hat und noch immer nicht ausreicht. 

Nicht zu vergessen ist die Altersarmut hier im reichen Deutschland, die mit den Jahren immer weiter zunehmen wird, weil angeblich die Rentenkasse wegen des demografischen Wandels leer seien. Hm, würden z. B. Politiker*innen und Beamt*innen in die Rentenkassen einzahlen, hätte Deutschland noch mehr Geld. Aber sie zahlen nicht in die Rentenlasse ein, und kassieren trotzdem eine hohe Rente, die sich an der Höhe ihres Einkommens errechnet. Der Beispiele gäbe es noch viele ... 

Alle in Hessen beklagten sich über Roland Kochs Politik, aber Roland Koch wurde immer wieder zum Ministerpräsidenten gewählt, bis er 2010 freiwillig aus der Politik ausgeschieden ist, weil er es nicht geschafft hatte, an Merkels Stuhl zu sägen. Er gab sich als Ministerpräsidenten nicht mehr zufrieden und wollte unbedingt Bundeskanzler werden. Sein Hunger nach Macht schien erst nicht mehr zu stillen zu sein. Nun muss er sich mit kleineren Brötchen außerhalb der Politik zufrieden geben, verdient aber in der freien Wirtschaft immer noch mehr als im Durchschnitt der deutschen Bundesbürger*innen. Abgewählt wurde er im hessischen Landtag von den Wähler*innen allerdings nicht. 

Zu dieser Thematik zum Einlesen hier ein ARD-Link. 

Was habe ich bei McEwan vermisst?
Dass die Engländer*innen im Alleingang eine Weltmacht anstreben, ist auch nicht nur in England zu finden, aber was ist mit der Flüchtlingsproblematik, mit der in England alles begonnen hatte? Warum erwähnt McEwan diese in keinem Satz?

Nichtsdestotrotz, wird der Brexit eines Tages die Geschichtsbücher füllen, und vielleicht werden sich die Engländer*innen in Zukunft dafür schämen müssen. Sie selbst haben Mitte des 19. Jahrhunderts Indien erobert und kolonialisiert, hatten den Menschen ihre Rechte, ihr Land und ihre Kultur geraubt, und sie selbst verachten heute Flüchtlinge, mit der Angst, dass sie ihr Land arm machen könnten. Das hat stark parasitären Charakter, nur nehmen, aber nichts geben zu wollen, vor allem, wenn die nimmersatten Politiker so ein Verhalten den Menschen vorleben.

Aber auch hierzulande denken viele, dass Deutschland das Armenhaus Europas sei. 

Ich habe mich mit den Zitaten absichtlich zurückgehalten, aber es gibt viele Stellen, die ich gerne herausgeschrieben hätte, und ich mich nicht entscheiden konnte. Es wäre sonst hier eine lange Diskussion geworden.

Wer mehr über die Beweggründe dieser Satire erfahren möchte, kann hier auf ein englischsprachiges Interview zwischen dem Autor und der Tageszeitung Die Zeit zugreifen, zudem auch auf einem Podcast.

Mein Fazit
Eine sehr interessante und sehr wichtige Satire, die zum Weiterdenken bewegt. Ich habe tagelang über dieses Buch nachgedacht, bevor ich hier auf meinem Blog schreiben konnte und habe immer wieder bestimmte Seiten aufgeschlagen und nochmals gelesen. Da das Buch recht wenige Seiten hat, werde ich die Satire zeitnah ein zweites Mal lesen.

Danke an den Autor Ian McEwan für dieses so wichtige Buch. 

Meine Bewertung
2 Punkte: Sprachlicher Ausdruck (Anspruchsvoll, keine saloppe Schreibweise)
2 Punkte: Differenzierte Charaktere
2 Punkte: Authentizität der Geschichte
2 Punkte: Fantasievoll, ohne dass es kitschig oder zu sentimental wirkt
2 Punkte: Frei von Stereotypen,Vorurteilen, Klischees und Rassismus
2 Punkte: Cover und Titel stimmen mit dem Inhalt überein
Zwölf von zwölf Punkten.
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Es geht nicht um den Verstand,
es kommt alles aus dem Herzen.
(Tracy Barone)

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Der Mensch ist mehr als nur die biologische Erbmasse.
Er ist, was er innerlich denkt und fühlt.
(M. P.)
Die Herkunft eines Menschen
Die Wurzeltheorie verdammt Menschen zu ewigen Ausländer*innen, nur, weil sie eine andere Hautfarbe, eine andere Religion oder einen anderen Namen tragen. Die meisten haben ihre Wurzeln dort geschlagen, wo sie geboren wurden und / oder dort, wo sie ihr ganzes Leben zugebracht haben.

Es lebe die Vielfalt.
(M. P.)