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Montag, 20. Januar 2020

Ulrich Ladurner / Der Fall Italien (1)

Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre  

Eine andere Form von Buchbesprechung, mehr ein Reflektieren, ein Diskutieren über verschiedene Ideen und Gedanken, was die triste, desaströse politische Landschaft Italiens betrifft, in der am Ende des Tunnels irgendwie kein Licht zu sehen scheint. Ein paar Fakten möchte ich hier hineinbringen, die ich mit Zitaten belegen möchte. Ich zitiere nicht nur aus Ulrich Ladurners Werk, sondern auch ein Zitat aus der Welt.de

Hier geht es zum Klappentext, zu den ersten Leseeindrücken und zu den Buchdaten.

Das Buch hat mich lange beschäftigt und passt wunderbar zu dem Buch, das ich noch vor Ladurner gelesen habe. Welch ein Zufall. Ian McEwan, Die Kakerlake. Eine Politsatire; eine kritische Auseinandersetzung mit dem Brexit. Was hat Brexit aber mit Italien zu tun?

Auch italienische Politiker scheinen mir, hier die Kakerlake als eine Metapher gebrauchend, nichts anderes als diese Nimmersattinsekten, Parasiten, zu sein. Sie scheinen für mich sogar EU-weit die gefräßigsten Parasiten zu sein, um dies symbolisch auszudrücken. Zumindest hatte ich diesen Eindruck, als ich das Buch gelesen habe. Aber es ist absurd, Länder miteinander zu vergleichen, da jedes Land nur mit sich selbst verglichen werden kann, da jedes Land seine Geschichte hat. 

Vieles, was Ulrich Ladurner hier in seinem Werk beschreibt, war mir schon bewusst, aber vieles ist mir auch neu, und so konnte er mir zumindest auch die Frage beantworten, weshalb die Italiener wiederholt Berlusconi gewählt hatten. Und weshalb sie nach der Berlusconi-Ära weiterhin auf populistische Parteien zugegriffen haben? Alle Antworten werde ich hier der Länge wegen nicht liefern können, aber zumindest ein paar Anregungen.

Es würden in Italien derzeit keine seriösen Parteien geben, absolut keine Alternativen. Auch wirken sie auf mich wie ein Wolf im Schafspelz. Sie alle, die Politiker, versprechen dem Volk ein besseres Leben, wie z. B. durch die Schaffung besserer Arbeitsplätze, durch günstigere Mieten ... und wenn sie schließlich gewählt sind, zeigen sie ihr wahres Gesicht und schlagen ordentlich zu, in dem sie eine Steuer nach der anderen einführen, und andere Errungenschaften einfach wieder abschaffen.

Ich wusste schon, dass Italiens Regierung korrupt ist, aber ich wusste auch, dass der normale italienische Mensch nicht die Regierung ist, selbst wenn dieser seine Politiker gewählt hat. Aber, ich möchte darauf auch hinweisen, dass es in Italien ein sehr differenziertes Wahlverhalten zwischen Passivwählern, Frustwählern, Nichtwählern und  Protestwählern gibt.

Das Buch hat mir gezeigt, wie die Menschen benutzt und hinters Licht geführt werden, wie mit deren Psyche gespielt und manipuliert wird. Es zeigt, dass es keine sauberen Politiker in diesem Land zu geben scheint, keine sauberen Parteien, sodass viele Italiener es leid sind, die Politik meiden und den Zusammenhalt nur noch in der Familie suchen. Wenn es keine sauberen Politiker in diesem Land zu geben scheint, so frage ich mich, wie die Zukunft dieses Landes noch aussehen wird? 

Ich habe wirklich die Sorge, dass in Italien erneut der Faschismus ausbrechen wird. Muss ein Krieg kommen, damit das Böse ausgemerzt wird? Damit die Menschen wach werden? Aber was ist, wenn das Böse siegt? Was wäre mit Italien, hätte Mussolini gesiegt? Auf die Geschichte zeigend lehnt die Regierung die Geschichte vehement ab, mit der Begründung, dass die Geschichte schließlich Geschichte und damit abgeschlossen sei. Und doch gibt es so viele Parallelen zu der Politik heute und zu der Politik damals. 

Italien ging es aber nicht immer schlecht. Italien feierte auch einen wirtschaftlichen und einen sozialen Aufschwung, und zwar nach dem Zweiten Weltkrieg.
Der schnelle Aufstieg Italiens begann nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Die sechziger Jahre war geradezu ein rauschhaftes Jahrzehnt. Fünfzehn Jahre nach Kriegsende feierte das Land Erfolge auf allen Ebenen. Es begann mit der Olympiade 1960, bei der Italien 13 Medaillen gewann und damit hinter der Sowjetunion und der USA auf Rang drei landete. 1964 wurde die Autostrada del Sole (…) fertiggestellt, die den Norden mit dem Süden verband. (…) Die Wirtschaft boomte, und die Massen konnten sich Konsumgüter leisten. (…) Vergessen waren die Verehrungen des Krieges, vergessen die Verehrungen in den Faschismus. Die Zukunft war ein offenes Feld voller Verheißungen, man musste es nur entschlossenen Schrittes betreten. (2019, 17)

Damals wurden die Politiker noch in die „Schule“ geschickt. Es gab starke Gewerkschaften, große Parteien, eine mächtige Kirche, die ihren Mitgliedern Fortbildungen angeboten hatten, um sie auf die Politik vorzubereiten, doch leider konnte dieser Anspruch auf Dauer nicht aufrecht erhalten bleiben. 
Allein zwischen 1945 und 1954 durchliefen 300 000 Mitglieder Ausbildungskurse, die Besten wurden ausgewählt und auf die Parteischule Frattocchie bei Rom geschickt. Aus ihr ging eine Reihe von später bekannt gewordenen Politikern hervor. Die Gewerkschaften hatten ihre eigenen Ausbildungszentren, die ebenfalls viele Persönlichkeiten hervorbrachten, die eine prägende Rolle in der italienischen Nachkriegsrepublik spielten. (18)

Diese stabilen Zeiten waren nicht von Dauer. In den späteren Jahren wurden die Italiener von ihren Politikern erneut enttäuscht und betrogen. Besonders in der ...
... Gegenwart (hatte) kein führender Politiker mehr eine spezifische Ausbildung durchlaufen, die ihn hätte vorbereiten können, denn die Schulen der Parteien und der Gewerkschaften hatten sich fast alle aufgelöst. Es wird offenbar nicht mehr erwartet, dass der Politiker komplexe Probleme intellektuell durchdringt, sie verständlich darlegt und schließlich für Lösungen bei den Bürgern um Zustimmung wirbt. (20)

Das Volk entpuppte sich immer mehr zu einem Wutbürger, viele reagierten desillusioniert, viele sind nur noch misstrauisch, stehen den Medien missmutig gegenüber. Sie erlebten eine massive Deindustrialisierung, den Niedergang der Volksparteien, die Schwächung der Gewerkschaften.
Wer immer ihnen Nachricht überbringt, sie glauben ihm nicht. Sie fühlen sich hintergangen und umgeben von Lügnern und Betrügern. Das Misstrauen sitzt in ihren Knochen und macht sie schwer wie Blei. (22) 

Man fragt sich, wie Berlusconi es geschafft hat, an die Macht zu kommen? Erstmal, nicht alle haben ihn gewählt. Für mich aber auch eine ganz klare Sache, wie ich von Italienern zu hören bekommen habe, als ich sie danach fragte. Er scheint die Medien, die in seiner Hand lagen, manipuliert zu haben, und vielleicht hat er als Milliardär mithilfe von Schmiergeldern Stimmen gekauft. Dies vermute ich. Hier würde sich leider mancher Italiener, wenn er sich hat kaufen lassen, mitschuldig an diesem politischen Verbrechen machen. Aber es gibt auch andere Antworten:
Als die Italiener 1994 Silvio Berlusconi zum Ministerpräsidenten wählten und ihn dreimal im Amt bestätigten, schüttelte das Ausland den Kopf. Wie konnte ein so kultiviertes Volk einem Illusionskünstler vom Schlage Berlusconis hinterherlaufen? Wie konnten die Italiener ihn immer wieder wählen, trotz seiner zahllosen Skandale und Affären? (22)

Doch was ich nämlich nicht wusste, ist, dass bei der Einführung des Euros alle Italiener dafür zahlen mussten. Romano Prodi, damaliger Ministerpräsident, führte eine Eurosteuer ein.
Die Regierung zog direkt von den Bankkonten der Italiener Geld, um die Kriterien des Vertrags von Maastricht erfüllen zu können. Somit zahlten die Italiener aus eigener Tasche für den Beitritt zum Euro. Doch die Italiener waren bereit (…) zu zahlen, weil sie mit dem Euro viel Hoffnung verbanden. Europa verlangte es, und die Italiener wollten gute Europäer sein. Sie waren es aus Überzeugung und aus Notwendigkeit, denn sie hatten wenig Vertrauen in die Fähigkeiten der eigenen politischen Klasse. Brüssel sollte die Modernisierung vorantreiben. (23)

Aber mit Europa wurde es nicht besser. Im Gegenteil, der Druck nahm durch Brüssel noch mehr zu und das nutzte der wiedergewählte Berlusconi aus und führte eine Antieuropa – Politik ein und stärkte das Volk, erneut auf die nationalistischen Werte zurückzugreifen und darauf zu vertrauen. Zum Beispiel würde Italien den Italienern gehören und nicht der EU. Berlusconi nutzte das geschwächte Selbstvertrauen seiner Landsleute aus.
Mit Ausbruch der Eurokrise 2010 zerstoben diese Hoffnungen. Italien geriet ins Hintertreffen: Die Arbeitslosigkeit stieg, die Kaufkraft sank, die Wettbewerbsfähigkeit ging verloren, der Anteil der Industrieproduktion am Bruttoinlandsprodukt schrumpfte. Es war ein bitteres Erwachen. Und aus Brüssel kamen die ständigen Ermahnungen zum Sparen, zu mehr Disziplin, zu mehr Reformen. Die Italiener sollten so werden wie die Deutschen – doch da das nicht möglich war, entstand das nagende Gefühl des ständigen Ungenügens. Die EU war wie ein strenger Schulmeister, der Italien ohne Unterlass schlechte Noten gab. (…) Erst Jahre später sollte man erkennen, dass Berlusconi keine Ausnahme war, sondern ein Vorläufer-ein frühes Modell von Donald Trump, der 2016 überraschend zum US-Präsidenten wurde. Berlusconi lebte das Modell des radikalen politischen Narzissmus vor.  

Dies erklärt natürlich, dass die Italiener auf Prodi wütend wurden und ihn abgewählt haben, weil sich an der politischen Lage nichts gebessert hatte. Dann die vielen Beschimpfungen aus Brüssel, das waren die Italiener leid. 
Seit der Eurokrise scheinen die Italiener aus deren Blickwinkel wie ungezogene Kinder, die nicht recht wissen, wie man mit Geld umzugehen hat. Sie schmeißen zum Fenster hinaus, was andere hart verdient haben. Diese Vorstellung hat sich, auch dank entsprechender Berichterstattung, tief in die Köpfe, insbesondere der Deutschen, eingenistet. Da ist viel Herablassung im Spiel, viel Besserwisserei und Ignoranz. Die strengen Sparmeister des Nordens sollten aber berücksichtigen, dass andere europäische Länder enorm von der Kreativität, dem Talent und dem Leistungswillen der italienischen Auswanderer profitieren. Es war in erster Linie der viel gescholtene italienische Staat, der diese Menschen ausgebildet hat, bevor sie ins Ausland gingen. (218)

Und trotzdem steht Italien an vierter Stelle, was die Zahlung an die EU betrifft. Noch 2016 zahlte das Land 11,48 % des Bruttoinlandprodukts an die Europäische Union. An erster Stelle steht Deutschland, an zweiter Frankreich, an dritter England, dann kommt Italien. Das allerdings habe ich aus einer anderen Quelle herausfinden können, siehe hier.
Und es gibt noch einiges mehr, was in der Rede vom angeblichen liederlichen Italien untergeht: Laut einer Studie der Europäischen Zentralbank ist das durchschnittliche Vermögen der Italiener fast dreimal so groß wie das der Deutschen, nämlich 173 600 zu 51 400 €. Auch die Schulden in ihrer Gesamtheit – Staat, Familien, Unternehmen – sind geringer als die der Dänen oder Schweden. Der italienische Staat ist arm, die italienische Gesellschaft dagegen reich. Fakten wie diese spielen in der Debatte über Italien nur selten eine Rolle. Sie finden keinen Platz zwischen all den Vorurteilen, die sich längst zu Gewissheiten verfestigt haben. (Ladurner 218) 

Schuld daran seien auch die italienischen Politiker, die in Brüssel mit einem opportunistischen Auftreten auf den Tisch hauen und so tun, als würden sie im Auftrag des Volkes so agieren. Dabei sei das Volk selbst ganz verzweifelt über die peinlichen Auftritte ihrer Politiker.
Europäische Politik ist eine heikle, mitunter explosive Angelegenheit, weil jede Nation ihre eigene Geschichte hat. (…) Nationalgefühle sind auch mehr als sechzig Jahre nach Gründung der Europäischen Union noch nicht abgekühlt. (219)

Wie sollte denn Brüssel und der Norden auf die Italiener reagieren?
Nicht nur, aber auch darum ist die Art, wie man übereinander redet, von größter politischer Bedeutung. Europäische Politik hat sehr viel mit gegenseitigem Respekt zu tun. Millionen Italiener fühlen sich in der Europäischen Union nicht respektiert, (…). Die Union, die sie erleben, ist nicht ihre Union, sondern ein Zwangsverein. (…) Es hätte gewiss nicht geschadet, wenn man den Millionen Italienern, die in den letzten Jahren verzweifelt gegen den Abstieg in die Armut kämpften, mit etwas mehr Großzügigkeit begegnet wäre. Es hätte nicht geschadet, wenn man in Brüssel wie auch in Berlin immer wieder darauf hingewiesen hätte, dass die Italiener den Europäern trotz all der Schwierigkeiten immer noch viel geben. Man muss bei solchen Reden die Probleme nicht verschweigen – sie liegen offen auf der Hand: Die Schwächen der Institutionen, die Unzulänglichkeit der politischen Klasse. Das sind die Kernprobleme Italiens. Das italienische Volk leidet darunter ebenso, wie Europa daran Schaden nimmt. (Ebd)

Man sollte diesen Respekt nicht nur ITALIEN, sondern allen Ländern entgegenbringen, die aus einer schwierigen Regierung kommen, und man sollte aufhören, die Menschen darin durch Arroganz und Besserwisserei  abzustrafen. Diese Haltung löst einen starken diskriminierenden und rassistischen Charakter aus, den ich traurigerweise immer wieder aus vielen belletristischen Büchern entnehmen muss. Dass wir anderen in einem Land geboren wurden, in dem es solche Probleme nicht gibt, dafür aber genug andere, ist nicht unserem Können geschuldet. Die meisten Errungenschaften haben wir doch nur unseren Vorkämpfern zu verdanken. 

Wo ein Mensch hineingeboren wird
Die Geburt eines Kindes ist wie ein Lotteriespiel. Niemand sucht sich sein Land, seine Eltern und seine Gesellschaft aus. Jeder Mensch muss in dem Land, in dem er geboren und seine Wurzeln geschlagen hat, bestmöglich klarkommen.

Probleme gemeinsam angehen, dann findet man auch wieder das Vertrauen der Menschen, die sich abgeurteilt fühlen. Und man darf nicht vergessen, dass Menschen auch individuell Entwicklungen durchlaufen, besonders dann, wenn eine Gesellschaft dafür noch nicht reif genug ist.

Aber sind die Italiener nun alle Opfer?, habe ich mich gefragt. Ganz bestimmt nicht. Sie tragen mit die Verantwortung, was die "gefräßige Nimmersattpolitik" ihres Landes betrifft. Aber sie alle als Mafiosi zu beschimpfen, davor distanziere ich mich. Ich selbst vermisse den politischen Italiener, der so wie früher auf die Straße geht, und für seine Rechte kämpft. Italiener, die die Lügen ihrer Politiker durchschauen, sie aufdecken, statt sich von ihnen von einer schöneren und heileren Welt vollsülzen zu lassen. Und ich stelle mir die Frage, wie man seriöse Politiker wieder ins Land bekommt? Wie können Gewerkschaften wieder stark und autark werden und wie saubere Parteien gegründet werden? Das stelle ich mir nicht einfach vor. Um wieder zurück in McEwans Metapher zu schwelgen, muss eine Insektenplage, wie die der Kakerlaken, gründlichst ausgemerzt werden. Da benötigt man gute Kammerjäger.

Ich selbst wüsste nicht mal, wie ich mich politisch und gesellschaftlich verhalten würde, wenn ich in Italien leben würde.

Auf jeden Fall wünsche ich den Italienern ihren Kampfgeist zurück. 

Keine Ratschläge
Ansonsten habe ich keine Ratschläge, und ich finde es auch gut, dass der Autor keine anbietet. Als Nichtbetroffene glaubt man immer schlauer zu sein, und weiß angeblich immer besser, was für andere gut ist. Wenn das nur so einfach wäre!!!

Mitgefühl ist keine Schwäche
Trotzdem habe ich auch großes Mitgefühl mit den Menschen, weil mir bewusst ist, wie schwer eine Politik zu durchschauen ist, vor allem, wenn es in den Parteien keine Alternativen gibt. Und hier in Deutschland gehört meine Partei, die ich wähle, selbst zu einer Minderheit. Alle schreien sie, wenn im sozialen Bereich Kürzungen vorgenommen werden, aber die meisten wählen weiterhin Parteien, die sich nicht für die sozialen Interessen der Menschen einsetzen. Wie kommt das? Auch bei uns geht es nicht immer sauber zu, was das Wahlverhalten deutscher Wähler betrifft. Auch bei uns läuft so viel schief, auch bei uns werden Versprechungen nicht gehalten. 

Großartig demonstriert wird bei uns hier allerdings auch nicht. Eine Volkspartei gibt es auch keine mehr und die großen Parteien leiden auch unter kräftigem Stimmenverlust.

Leere Rentenkassen könnten bei uns ausgefüllt werden, wenn auch Politiker und Beamten in die Rentenversicherung einzahlen würden. Rentenkassen könnten ausgefüllt werden, wenn eine Vermögenssteuer eingeführt werden würde. Wie passt das, dass die Reichen geschont und die Armen belastet werden?

Der erste Schritt zum Weltfrieden wäre, Respekt anderen Menschen, besonders auch aus  aus anderen Ländern mit ihren spezifischen Sorgen und Problemen gegenüber zu treten, mit denen diese Menschen ihren Lebenskampf führen müssen. Man muss nicht alles für gut heißen, das tue ich ja auch nicht, aber eine respektvolle Haltung anstelle einer diskriminierenden, abfälligen und ausgrenzenden wäre schon ein Anfang. 

Jeder, der möchte, kann aus den eigenen Fehlern und aus den Fehlern anderer lernen. Was uns alle verbindet, ist, dass wir alle Menschen sind. 

McEwan / Italexit 
Wieder zurück zu McEwan und zu seinem neusten Buch, Die Kakerlake.
Wenn ich könnte, würde ich dem Schriftsteller Ian McEwan gerne einen Brief schreiben, mit der Bitte, die Kakerlake á la italian zu verfassen, aber der arme Mann hat sicher andere Sorgen, als sich mit den Sorgen der Italiener zu befassen, zumal die Engländer nun draußen sind, nichts mehr mit der EU verbindet. Sollen sich die Italiener doch selbst mit ihren Sorgen herumschlagen, würde er vielleicht antworten. 

Aber es würde mir auch schon genügen, wenn Die Kakerlake ins Italienische übersetzt werden würde, deshalb erwähne ich McEwan hier, und hoffe, die Italiener auf ihn aufmerksam machen zu können und um Interesse zu wecken. Ich habe gerade auf Amazon.it entnehmen können, dass McEwan in Italien bekannt ist. Verschiedene Werke von ihm sind ins Italienische übersetzt worden. Ich hoffe, dass ich mit meinem Blogbeitrag viele Italiener erreichen werde.

Mein Fazit  
Ein sehr interessantes, bewegendes und ein nachdenkenswertes Sachbuch, das mir viele Antworten liefern konnte. Es hatte mich zwar viele Tage über die politische Lage dieser Nation richtig betrübt, weil sie ein so düsteres politisches Profil darstellt, dann aber konnte ich diese Stimmung wieder überwinden und weiterlesen. Wie gefräßig auch
  italienische Politiker sein können, wird hier in diesem Sachbuch neben McEwan auch sehr deutlich. Der Hunger nach Macht und die Profitgier scheinen nicht zu stillen zu sein ... Viele Textstellen konnte ich nur markieren, aber nicht herausschreiben, weil sie einfach zu heftig waren und so muntere ich andere stattdessen zum Selberlesen auf. 

Das Buch habe ich auf der Buchmesse 2019 entdeckt. Und bin recht froh darüber. Ohne die Buchmesse wäre es mir nie in die Hände gefallen. Auf Amazon.de befindet sich noch keine Rezension. Wird wohl nicht so viel gelesen.

Es hat mich sehr bereichert und hat mich in meinem Denken absolut weitergebracht.

Eine klare Leseempfehlung. 12 Punkte.

Hier geht es zur Buchbesprechung von Ian McEwans Politsatire.
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Es geht nicht um den Verstand,
es kommt alles aus dem Herzen.
(Tracy Barone)

Gelesene Bücher 2020: 02
Gelesene Bücher 2019: 29
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Gelesene Bücher 2012: 94
Gelesene Bücher 2011: 86


Der Mensch ist mehr als nur die biologische Erbmasse.
Er ist, was er innerlich denkt und fühlt.
(M. P.)
Die Herkunft eines Menschen
Die Wurzeltheorie verdammt Menschen zu ewigen Ausländer*innen, nur, weil sie eine andere Hautfarbe, eine andere Religion oder einen anderen Namen tragen. Die meisten haben ihre Wurzeln dort geschlagen, wo sie geboren wurden und / oder dort, wo sie ihr ganzes Leben zugebracht haben.

Es lebe die Vielfalt.
(M. P.)


Samstag, 14. Dezember 2019

Tracy Barone / Das wilde Leben der Cheri Matzner (1)

@ Canva / Pixabay
Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre  

Gleich vorneweg gesagt; das Buch ist dermaßen interessant geschrieben, dass ich Mühe hatte, es für eine Lesepause mal wegzulegen. Jede Figur war faszinierend, so viel Facette, so viele Geschichten in einer einzigartigen Familie, die sich in keine Schublade pressen lässt. 

Hier geht es zum Klappentext, zu den ersten Leseeindrücken und zu den Buchdaten.

Die Handlung
Die 16-Jährige drogenabhängige Miriam bringt in einem Armenkrankenhaus ein Kind zur Welt. Gleich nach der Geburt befreit sich Miriam von ihrer Infusion, verlässt die Klinik und lässt aber ihr Kind zurück. Der gleichaltrige Billy Beal, der in der Klinik Sozialstunden ableistet, nimmt das Kind zu sich, um es nach Hause zu den Eltern zu bringen. Billys Mutter versorgt das Kind, bis eine neue Elternschaft gefunden werden konnte. Es ist das Jahr 1962, im August.

Die Uhr um ein paar Jahre zurückgedreht, Ende der 1959er Jahre, lernen wir die Italienerin Carlotta D´Ameri kennen, Kurzform Cici, die in Varese aufgewachsen ist. Auf einer Mailänder Messe lernt sie ihren zukünftigen 32- Jährigen jüdischen Mann Solomon Matzner kennen, Amerikaner und der von Beruf Doktor der Medizin ist. Es scheint Liebe auf den ersten Blick zu sein, beide fühlen sich wie magisch zueinander hingezogen. Cici ist erst 18 Jahre alt, als sie sich bereit erklärt, nach großen familiären Konflikten durch den Stiefvater ihre Familie und ihr Land zu verlassen, um mit Solomon nach Amerika auszuwandern, damit sie dort mit ihm ein neues und glücklicheres Leben beginnen kann. Innerlich klagt Cici ihre Mutter an, die nach dem Tod ihres geliebten Vaters mit einem anderen Mann eine Zweckehe eingegangen ist.

Anfang der 1962er Jahre wird die junge Cici schwanger und freut sich auf ihr Kind. Doch leider stellen sich ihr im August 1962 schwere Komplikationen ein und musste notoperiert werden. Das Kind wurde chirurgisch geholt, aber es starb wenige Stunden danach im Brutkasten. Dazu kommt, dass Cici die gesamte Gebärmutter entfernt bekommen hat, und sie keine eigenen Kinder mehr bekommen kann. Sie erleidet einen schweren psychischen Zusammenbruch, als ihr die schlechten Nachrichten übermittelt wurden.

Zuhause igelt sich Cici ein, und verweigert jeglichen Kontakt zur Außenwelt und zu ihrem Mann. Durch ihren tiefen seelischen Schmerz neigt sie zu Autoaggressionen. Solomon erträgt es nicht, und versucht seiner Frau zu helfen, indem er ihr ein Kind kauft.

Es ist das Kind von Miriam, an das er durch einen guten Anwalt kommt. Die Familie Beal erhält Geld für das Baby, und das nicht zu knapp. Solomon tut alles, um seine geliebte Frau wieder zurückzubekommen. Und tatsächlich, das Kind bringt eine Wende in Cicis Leben, doch aber nicht für Solomon. Durch den Verlust ihres eigenen Kindes erdrückt Cici das Adoptivkind mit all ihrer Liebe. Sie lebt nur noch für das Kind und vernachlässigt dabei ihren Ehemann. Neue Konflikte sind dadurch vorprogrammiert. 
Du bist nicht nur Mutter, du bist auch Ehefrau. Ich war zuerst da, und ich sollte an erster Stelle stehen. (2019, 231)

Solomon macht die bittere Erkenntnis, dass man Glück nicht kaufen kann. Das Mädchen bekommt den Namen Cheri, und es spürt recht früh, dass in ihrer Familie etwas nicht stimmt. Solomon baut eine recht kühle Beziehung zu ihr auf. Unbewusst macht er sie für den Liebesverlust seiner Frau verantwortlich. 

Solomon hat eine ganz andere Vorstellung von Familie:
Sol träumt von einer Verwandtschaft wie die der Filmfamilie Cleaver, wo Streitigkeiten mit Händedruck und Versprechen begraben werden, an die man sich hält. Verwandte, die mit herzhaftem Essen vor der Tür stehen und nicht die Taktlosigkeit besitzen, alle paar Sekunden zu fragen, wie es einem geht. (65)
Und von der Mutterliebe fühlt sich Cheri erdrückt ... 
Auf einem Italienausflug zu Cicis Familie erfährt Cheri im Alter von acht Jahren rein zufällig, dass sie ein Adoptivkind ist.

Im Laufe ihrer Jugend begibt sich Cheri durch die Konflikte ihrer Eltern immer wieder in eine stille Rebellion. Sie lehnt das spießige Leben ihrer Eltern ab und flieht immer mehr in ihre eigene Welt. Sie fängt an, sich für Menschen zu interessieren, die keinen geraden Weg gehen, wie z. B. Junkies, Prostituierte, Kriminelle, etc., da Cheri dieses überpriviligierte Leben ihrer Eltern einfach nur satthat. Später ergreift sie den Beruf als Polizistin und glaubt, dies gegenüber ihren Eltern aus einer Protestreaktion heraus tun zu müssen. Später studiert sie Religionswissenschaften und altorientalische Philologien und bringt es mit Ende dreißig zu einer Professorenstelle, in der sie sich als Frau allerdings schwer durchschlagen muss …

Cheri führt eine Ehe mit Michael, der zwanzig Jahre älter ist und der auch seine eigenen Wege zu gehen scheint. Kinder konnten sie trotz medizinischer Hilfen nicht bekommen, und so blieb der Kinderwunsch unerfüllt, wobei Cheri gar nicht weiß, ob sie wirklich Kinder haben wollte. Cheri führt einen lebenslangen Kampf mit ihrem Leben, mit ihrer Identität und begibt sich auf eine lange Suche nach einem Platz in dieser Welt. Sie glaubt, dass die Weichen dieses Kämpferlebens schon in der Kindheit durch ihre Adoptiveltern gelegt wurden.

In ihrer Kindheit, als sie erfuhr, dass sie ein Adoptivkind ist, fing sie an, ihre leiblichen Eltern zu idealisieren. Die Suche nach diesen fand aber erst sehr viel später statt …

Welche Szenen haben mir nicht gefallen?
Der Rassismus wurde in allen Breiten deutlich, mal eher latent und mal ganz offensichtlich. Cici, die als junges Mädchen sich im Nebensatz abfällig über Sizilianer*innen geäußert hat, erinnert nochmals an den Rassismus, den Italien mit seinen eigenen Landsleuten zwischen Nord und Süd begeht, der von der italienischen Regierung bis heute noch weiter forciert wird. Und dann sind in Amerika Solomos Eltern, die ihn aus der Familie verstoßen hatte, da er zum Katholizismus konvertiert ist und eine Schickse geheiratet hat. Nicht zu vergessen Cookie, eine schwarze Bedienstete der Matzners, die für wenig Geld in den Dienst dieser Familie getreten ist, wobei Cookie noch Glück hatte, da Solomon ihr im Alter eine Rente zugesichert hatte. Und auch der Rassismus gegen Juden musste Cheri in der Arbeit bei der Polizei immer wieder über sich ergehen lassen.
Cheri war es gewohnt, für eine Jüdin gehalten zu werden. In ihrem früheren Leben als Polizistin (…) hatte man sie als >Bagel-Schlampe< und Schlimmeres verhöhnt, doch sie hatte darauf verzichtet, sich damit zu wehren, dass sie keine Jüdin sei. Dies hätte impliziert, dass der Antisemitismus ihrer Kollegen nur deshalb verwerflich war, weil er auf falschen Annahmen über ihre Person beruhte. (125)

Des Weiteren fand ich eine Szene mit Cicis Stiefvater dermaßen brutal, dass sie mich noch lange beschäftigt hat. Der Stiefvater betritt ohne Begrüßung den Raum, in dem sich die achtjährige Cheri ohne ihre Mutter befand. Er ging auf das Kind zu, packt es an der Schulter, und ohne sich ihr vorzustellen weist er ihr gestikulierend, mit ihm mitzukommen. Er händigt Cheri eine Kinderpistole aus. Er nahm Cheri mit auf die Jagd. Sie musste mit ihm ohne Pause einen langen Waldweg zurücklegen. Der Großvater schoss auf Vögeln und zeigte dem Kind die Technik, bis es die Anweisung erhielt, nun auch auf einen Vogel zu schießen.

Als Cici erfuhr, dass ihr verhasster Stiefvater das Kind mit auf die Jagd nahm, beschimpfte sie ihn, bis sie schließlich mit Cheri verärgert wieder abgereist ist.

Weil Cici wie ein Junge gewirkt hatte, und nicht so adrett wie ein Mädchen gekleidet war, behandelte der alte Mann das Kind auch wie einen Jungen. Er wirkte wortkarg, kalt und hartherzig, so wie damals, als ihre Mutter diesen Mann geheiratet hatte. Aber Cheri fand das ganz toll und war stolz, dass sie einen Vogel erlegen durfte und sie die harte Tortur hat über sich ergehen lassen können, ohne schlapp gemacht zu haben.

Aber Vorsicht, nun bitte nicht mit dem Zeigefinger auf Italien zeigen, das angeblich auf ihre traditionellen Rollenmuster bestehen würde. Wir befinden uns hier Anfang der 1970er Jahre. Ich selbst war auch in diesem Alter wie ein Junge gekleidet, und ich wurde deshalb an meiner deutschen Grundschule diskriminiert. Als wir in den Sommerferien für sechs Wochen nach Italien gereist sind, hat mich niemand meines Aussehens wegen beschimpft.

Welche Szenen haben mir besonders gut gefallen?
Darüber musste ich lange nachdenken. Beeindruckt haben mich Szenen der Selbsterkenntnis, die auch bei Cici erfolgt sind.
Sie hatte einen so großen Teil ihrer Liebe und Energie in die Mutterschaft investiert, weil sie es besser machen wollte als ihre Mama. Sie hatte nur ein Kind und glaubte, es sei genügend Platz in ihrem Herzen. Aber es war nicht genug für Sol übrig geblieben, das ist ihr inzwischen klargeworden. Wie jung sie damals noch war! Und wie ahnungslos. (407)

So wie Cheri innerlich gegen ihre Mutter rebelliert hat, so hegte auch Cici Groll gegen ihre eigene Mutter.
Cicis Papa war gestorben, als sie noch klein war, aber sie erinnerte sich an den Gesichtsausdruck ihrer Mutter an dem Tag, als es geschah, ein Ausdruck, der sagte, dass die Welt niemals wieder dieselbe sein und sich nie wieder sicher anfühlen würde. Sol hatte Cicis Welt sicher gemacht. (410)

Cheri war wütend auf ihre Mutter, da sie sich wirtschaftlich von ihrem Vater abhängig gemacht hat. In diese Fußstapfen wollte Cheri niemals treten und so tut sie alles, um ihr Leben als eine emanzipierte Frau souverän zu meistern und sich niemals von dem Gehalt eines Mannes abhängig machen zu wollen. Sogar in ihrer Ehe gibt es einen Rollentausch, da ihr Mann Michael durch seinen Künstlerberuf sehr wenig verdient hatte.

Welche Figur war für mich eine Sympathieträgerin?
Die schwarze Haushälterin Cookie. Ohne große Bildung ist sie eine so weise Persönlichkeit, die mir wirklich sehr imponiert hat. Sie half Cici und auch Cheri immer mal wieder aus ihren Krisen heraus. Als Cheri psychisch zusammenbricht und in ein tiefes Loch fällt, weil ihr Mann Michael an einem schweren Krebsleiden verstorben ist, konnte Cici, die weit weg von der Tochter wohnte, am Telefon keinen Zugang zu ihr finden, und so beschließt sie, zu ihr zu reisen. Cookie gibt Cici daraufhin folgenden Rat, weil sie Angst hatte, ihre Tochter seelisch nicht erreichen zu können:
Wenn sie nicht reden will, setzt du dich einfach zu ihr und bist still. Dein Kind bleibt immer dein Kind, egal, wie alt es ist. Du sollst da nicht hinfahren, um von dir zu reden, mit den Händen zu fuchteln und rumzujammern. Fahr einfach hin und sei ihre Mutter. (2019, 388)
Welche Figur war mir antipathisch?
Cicis Stiefvater.

Meine Identifikationsfigur
Ich habe mich episodenhaft fast mit jeder Figur identifizieren können. Das macht das Menschsein aus, so denke ich mir. Es ist schon möglich, sich in jedem Menschen zu finden, wenn man nur will.

Cover und Buchtitel
Wer ist die Person auf dem Cover? Eigentlich müsste das Cheri Matzner sein, aber nach meinem Gefühl ist das eher Cici. Cheri habe ich mir nämlich ganz anders vorgestellt. Den Buchtitel finde ich nicht wirklich passend. Ein wildes Leben hat Cheri keineswegs gehabt. Zusammen mit ihren Eltern eher ein sehr, sehr trauriges Leben.

Zum Schreibkonzept
Auf den fünfhundert Seiten befindet sich zu Beginn eine Widmung, auf der darauffolgenden Seite folgt ein Zitat von Leo Tolstoi aus der Anna Karerina. Danach gibt es einen recht kurzen Vorspann im Telegrafenstil zum Geburtstag von Cheri, was sich alles in der Welt an diesem Tag, 5.08.1962, ereignet hat.
Der Roman besteht insgesamt aus vier Teilen. Jeder Teil ist spannend konstruiert, und man wird immer wieder in verschiedene Lebenswelten geführt. Am Schluss wird man wieder im Telefegrafenstil daran erinnert, was sich neben Cheris Geburt an diesem Tag in der Welt ereignet hat. Es gibt einen kurzen Abschlussbericht, was sich für mich wie ein Epilog gelesen hat.

Meine Meinung
Als ich das Buch ausgelesen hatte, gab es viele, viele Eindrücke und Gedanken mehr, die dieses Buch in mir ausgelöst hat, über die ich schreiben wollte. Und viele, viele weitere schöne Zitate wollte ich noch einbringen, und habe mich schließlich dagegen entschieden, um anderen Leser*innen nicht zu viel vorwegzunehmen. Einerseits finde ich es schade, weil ich sehr gerne über meine Eindrücke schreibe, weil es schön ist, später, nach ein paar Jahren, daran erinnert zu werden. Ich schreibe nicht gerne, was andere Rezensent*innen schreiben und ich mag auch nicht von anderen beeinflusst werden. Aus diesem Grund liebe ich persönliche Buchbesprechungen. 

Mein Fazit
Mit diesem Buch wird man erinnert, dass jede Familie anders ist. Jede Familie hat ihre Facetten, ihre eigenen Tabus und Geheimnisse. Sie zu kategorisieren oder sie in eine Schublade pressen zu wollen, das hat auch Cheri irgendwann begriffen, dass man damit nicht weiterkommt, wenn man versuchen will, sie zu verstehen.

Meine Bewertung
2 Punkte: Sprachlicher Ausdruck (Anspruchsvoll, keine saloppe Schreibweise)
2 Punkte: Differenzierte Charaktere
2 Punkte: Authentizität der Geschichte
2 Punkte: Fantasievoll, ohne dass es kitschig oder zu sentimental wirkt
2 Punkte: Frei von Stereotypen,Vorurteilen, Klischees und Rassismus
1 Punkte: Cover und Titel stimmen mit dem Inhalt überein
Elf von zwölf Punkten.

Eine ganz klare Leseempfehlung.

Vielen herzlichen Dank an den Diogenes-Verlag für das Leseexemplar.
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Es geht nicht um den Verstand,
es kommt alles aus dem Herzen.
(Tracy Barone)

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Der Mensch ist mehr als nur die biologische Erbmasse.
Er ist, was er innerlich denkt und fühlt.
(M. P.)
Die Herkunft eines Menschen
Die Wurzeltheorie verdammt Menschen zu ewigen Ausländer*innen, und dies nur, weil sie eine andere Hautfarbe, eine andere Religion oder einen anderen Namen tragen. Die meisten haben ihre Wurzeln dort geschlagen, wo sie geboren wurden und / oder dort, wo sie ihr ganzes Leben zugebracht haben.
Es lebe die Vielfalt.
(M. P.)



Mittwoch, 23. Oktober 2019

Henning Mankell / Die italienischen Schuhe (1)

Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre 

Nun habe ich gestern mein 24. Buch in diesem Jahr beendet.

Das Buch war nicht schlecht, aber es hat mich nicht richtig gefangen. Mal schauen, was ich aus mir heraus noch quetschen werde. Wenn ich nicht viel in mir finden kann, was das Buch angestoßen haben könnte, dann wird es eine kurze Besprechung geben. Aber die Sprache fand ich sehr schön. Ruhig und besinnend.

Hier geht es zur Buchvorstellung; zum Klappentext, zum Autorenporträt, zu meinen ersten Leseeindrücken und zu den Buchdaten.

Die Handlung
Der Roman behandelt die Lebensweise einer recht einsamen Figur von 66 Jahren. Sein Name ist Fredrik Welin. Fredrik Welin ist Rentner, von Beruf war er ein orthopädischer Chirurg. Sein Vater hatte in einer Kneipe gearbeitet, während seine Mutter Hausfrau war.
Ein Mann von sechsundsechzig Jahren, finanziell unabhängig, der eine Erinnerung in sich trägt, die ihn ständig plagt. Ich bin in einer Armut aufgewachsen, die man sich heute in diesem Land kaum noch vorstellen kann. Mein Vater war ein übergewichtiger Kellner, den man häufig schikanierte, und meine Mutter versuchte, mit dem Geld auszukommen.

Deshalb ist es nicht selbstverständlich, dass der junge Welin es zu einem Studium gebracht hat. Sein Vater hatte ihn dahingehend unterstützt. Trotzdem hatte er keine einfache Kindheit, da seine Eltern ständig Ehekrach hatten, und sich die Mutter häufig weinend zurückgezogen hatte, und der Vater mit Zinnsoldaten spielte. Seine Art, mit dem dauerhaften Ehekrach fertig zu werden, in dem er seine Wut über die Zinnsoldaten zum Ausdruck brachte.

Der junge Welin verliebte sich in jungen Jahren in ein gleichaltriges Mädchen namens Harriet Hörnfeld, das war vor knapp vierzig Jahren.

Welin zog es damals nach Amerika, ohne sich von Harriet zu verabschieden, und brach somit durch seine Gedankenlosigkeit die Beziehung zu ihr ab, und ahnt nicht, welche weitreichende Folgen sein Fortgehen mit sich brachte. In Wirklichkeit flüchtete er regelrecht vor Harriet, da er ihr übermäßiges Verlangen nach Nähe nicht erwidern konnte.

Nun lebt der alte Welin mit einem alten Hund, einer alten Katze und mit einem alten Ameisenhügel im Haus auf einer einsamen Insel, auf den Stockholmer Schären. Völlig abgeschieden. Er bekommt lediglich Besuch von dem Postboten Jure Jansson, der mit seinem Hypochonder-Syndrom auch ein wenig schräg zu sein scheint. Da Welin durch sein zurückgezogenes Leben wenig Post von anderen Menschen bekommt, bringt Jansson ihm mit seinem Hydrokopter Werbeprospekte, die Welin eigentlich gar nicht haben wollte. Aber er hatte keine Chance, der Postbote kam immer wieder mit lästigem Werbematerial.
Das Leben handelt nicht von Sonderangeboten, versuchte ich ihm zu erklären. Das Leben handelt von etwas Wesentlichem. (18)

Was meinte er damit? Das wurde schließlich auf den nächsten Seiten deutlich.
Jeden Morgen hackt Welin bei Minus 19 Grad ein Loch ins Eis, damit er darin völlig nackt baden konnte, um sich selbst spüren zu können.

Eines Tages steht eine dunkle Gestalt auf dem Eis etwas entfernt von seinem Haus, eine ältere Person mit einem Rollator, wie Welin durch das Fernglas erkennen kann. Welin erkennt sofort seine Jugendliebe Harriet wieder. Harriet hat ihr ganzes Leben nicht verwinden können, dass Welin sie ohne ein Wort verlassen hatte. Außerdem hatte er noch ein Versprechen nicht eingehalten, das Harriet dazu bewogen hat, Welin nach so langer Zeit neu aufzusuchen, um ihn zu zwingen, dieses Versprechen endlich einzulösen. Doch hinter dem Versprechen verbirgt sich noch viel mehr ... 

Harriet ist sterbenskrank, weshalb sie unbedingt Welin aufsuchen musste, damit sie noch vor ihrem Tod sämtliche Fronten mit ihm klären konnte.

Das Leben durch Harriet bekommt für Welin eine absolute Wende.

Aber Harriet ist nicht die einzige Frau, mit der er es hier zu tun bekommt. Auf der Insel hat Weli genug Zeit nachzudenken. Als er beruflich noch als Chirurg tätig war, begann er an einer Patientin, die musisch begabt war, einen Kunstfehler. Die 33-jährige Patientin hieß Agnes und sie war damals noch sehr jung, knapp über zwanzig. Agnes wurde an ihrem Arm ein bösartiger Tumor diagnostiziert, der nicht herauszuoperieren war, ohne den Arm abzunehmen. Der Arm wurde von Welin amputiert. Später stellte sich heraus, dass es der falsche Arm war, der abgenommen wurde. Die Musikkarriere dieses Mädchens war dahin.

Obwohl Welin angezeigt wurde, hatte er noch immer ein schlechtes Gewissen dieser Patientin gegenüber. Er nimmt nun Kontakt zu ihr auf. Agnes stößt Welin nicht ab, und so entsteht zwischen beiden ein dauerhafter Kontakt. Hierbei erfährt Welin, dass Agnes in ihrer Wohnung ein Betreuungsheim leitet, indem sie Flüchtlingsmädchen bei sich aufgenommen hat. Alle Mädchen sind durch den erfahrenen Krieg aus der Heimat stark traumatisiert und dadurch psychisch sehr auffällig.

Welche Szenen haben mir gar nicht gefallen?
Es kann sein, dass Mankell mit diesem Buch ein Tabubrecher ist. Hier wird der Tod behandelt, aber nicht nur durch die krebskranke Harriet. Das Alter spiegelt sich auch in den Haustieren von Welin wider. Nicht mehr lange und so hatte auch sein alter Hund sein Leben ausgehaucht. Welin begräbt ihn im Garten vor seinem Haus. Tage oder Wochen später gräbt er das Grab wieder auf und nimmt teil an der Verwesung des Hundes, der überall mit Maden gesät war. Vor allem der Darm sah sehr parasitär aus. Er holte seine alte Katze und setzte sie auf den verwesenden Hund. Die Katze schrie und rannte schleunigst davon.

Ich finde die Handlung mit dem Hund und der Katze eine sehr perverse Szene, dass ich mich fragen musste, was hat den Autor dazu bewogen, diese Szenen aufzuschreiben? Und auch noch die Katze auf den verwesenden Hund zu setzen, grauenvoll.

Welche Szene hat mir besonders gut gefallen?
Mir hat es gefallen, dass Welins Vater, der es beruflich nicht ganz einfach hatte, seinen Sohn auf die höhere Schule und auf die Universität geschickt hatte.

Welche Figur war für mich ein Sympathieträger?
Mich haben alle Figuren kalt gelassen.

Welche Figur war mir antipathisch?
Kann ich nicht beantworten. Keine Figur hat mich positiv oder negativ berührt. Ich stehe ihnen neutral gegenüber.

Meine Identifikationsfigur
Keine.

Cover und Buchtitel
Das Cover finde ich passend, der Buchtitel ist mir nicht ganz schlüssig gewesen. Es gibt zwei Metapher. In einem Zimmer von Welin befindet sich ein Ameisenhügel, den er erst am Ende seiner Geschichte entfernt. Dann die italienischen Schuhe. Der Ameisenhügel könnte symbolisch für Fleiß und Strebsamkeit stehen, während die italienischen Schuhe genau das Gegenteil ausdrücken könnten. Denn Welin lässt sich von einem virtuosen italienischen Schuhmacher perfekte Schuhe anfertigen, für die der Schuster aber ein Jahr benötigt. Dieser italienische Schuster zog auch eine einsame Lebensform vor, weshalb er der Stadt, das hektische Treiben, den Rücken zugekehrt hatte. Hier auf der Insel kann er sich so viel Zeit lassen, wie er braucht, um gute Schuhe herzustellen.
Ich wuchs in einem Niemandsland auf, zwischen Tränen und Zinnsoldaten. Und mit einem Vater, der hartnäckig behauptet, dass das, was einen Kellner mit einem Opernsänger verbinde, die Notwendigkeit sei, bei der Arbeit ordentliche Schuhe zu tragen. (14)
Aber diese Metapher passen nicht so recht ins Konzept. Wirken ohne Zusammenhänge. Man bekommt es schließlich hier nicht mit arbeitswilligen und mit faulen Menschen im Ganzen zu tun.

Zum Schreibkonzept
Der Roman ist aus der Ichperspektive des Fredrik Welin geschrieben. Er besteht auf den 364 Seiten aus vier Teilen, die aber nicht nummeriert sind. Nummeriert sind die Kapitel. Nach jedem neuen Teil beginnen die Kapitel wieder von neuem in der Aufzählung. 

Meine Meinung
Die Geschichte in diesem Roman wirkte auf mich alles andere als authentisch. Mich hat sie nicht überzeugen können. Lediglich den ruhigen Schreibstil fand ich sehr angenehm. Alle Figuren waren in ihrer Art einsame Figuren, nicht nur die, die einsam auf der Insel ihr Leben gefristet haben. Außerdem hat der Autor sehr klischeehaft geschrieben. Welin wurde z. B. in Rom ausgeraubt. Und ein Mädchen namens Sima aus Agnes´ Betreuungsheim konnte die schwierigsten Autoschlösser knacken, die es von einem Italiener beigebracht bekommen hat. 
Sima hatte einmal einen Freund, Filippo hieß er, ein freundlicher junger Mann aus Italien, der ihr alles darüber beibrachte, wie man verschlossene Autos knackt und Motoren startet. (210)

Mankells Vater war Jurist, sodass der Sohn an der Quelle kriminalistischer Fälle saß. Es gibt auch in Schweden Verbrecher*innen sämtlicher Couleurs. Warum aber wählen nordische Autor*innen immer wieder Italiener, die sie zu Tätern ihrer Figuren machen? Das Böse immer schön im Außen suchen und nie bei sich selbst. Wie feige ist das denn?

Der Schwede setzt sich hier wiedermal ins beste Licht, auch was die Aufnahme von Flüchtlingskindern betrifft. Warum schreibt der Autor nicht über die rechte Partei, die in Schweden zusammen mit den Sozialdemokraten eine Regierung gebildet hat? Viele Schweden lehnen Ausländer*innen vehement ab. 

Mein Fazit
Würde ich kein zweites Mal lesen. 

Meine Bewertung
2 Punkte: Sprachlicher Ausdruck (Anspruchsvoll, keine saloppe Schreibweise)
1 Punkte: Differenzierte Charaktere
1 Punkte: Authentizität der Geschichte
2 Punkte: Fantasievoll, ohne dass es kitschig oder zu sentimental wirkt
0 Punkte: Frei von Stereotypen,Vorurteilen, Klischees und Rassismus
0 Punkte: Cover und Titel stimmen mit dem Inhalt überein

Hat mir die Geschichte an sich gut gefallen?
Trotz mittelmäßiger Bewertung meinerseits nur mittelmäßig.
Sechs von zwölf Punkten.

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Vertraue auf dein Herz.
Denn dann gehst du niemals allein.
(Temple Grandin)

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