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Samstag, 23. Juni 2018

Liane Cornelius / Ich fühle so tief ich kann (1)

Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre  

Gestern Abend habe ich das Buch ausgelesen: Es ist eine ganz andere Form von Literatur gewesen, wie ich sie sonst gewohnt bin ... Das Buch hat psychologischen Tiefgang auf der Ebene von Selbsterfahrung.

Hier geht es zum Klappentext und zu den Buchdaten.

Die Handlung
Man bekommt es in dieser Geschichte mit zwei Menschen zu tun, die in der Kindheit ein schweres seelisches Trauma erlitten haben. Die Icherzählerin Liane, 57 Jahre alt, beschreibt aus ihrer Perspektive ihre gesamte psychische Lebenssituation und in Ansätzen auch die ihres Gefährten. Liane ist körperlich nicht ganz gesund und hat einige schwere Hürden zu überwinden. In kurzen Zeitabständen musste sie sich mehrere Operationen unterziehen. Liane, und sicher jeder andere Mensch in ihrer Lage, stellt sich die Frage, weshalb sie in diesem Alter schon so viele Gebrechen zu erleiden habe? Um die Antwort zu finden, geht sie weit zurück in ihre Kindheit und hinterfragt das Familiensystem, in das sie hineingeboren wurde und sie geprägt hat. Leider erfuhr Liane von ihren Eltern nicht die Liebe, die ein Kind braucht, um gesund aufwachsen zu können. Sehr kühle Eltern, die ihr materiell zwar nichts haben fehlen lassen, allerdings kam die emotionale Zuwendung, die Liebe, viel zu kurz. Liane ist mutig, sie gräbt und gräbt und gräbt tief in ihrer Psyche, um Antworten auf die vielen Fragen zu finden, die sich ihr stellen. Dabei erfährt man ein wenig von der Herkunft der Eltern, und dass auch sie selbst wenig Liebe von ihren Eltern bekommen haben. Dies zu wissen genügt Liane allerdings nicht, denn jeder Mensch sei mit dem Eintreten in das erwachsene Alter für sich selbst verantwortlich, ganz besonders, wenn man eigene Kinder bekommen möchte, um sie nicht mit ihren seelischen Defiziten zu belasten.

Nach den vielen Operationen bekommt Liane häusliche Krankengymnastik verordnet, da sie körperlich stark beeinträchtigt ist. Schon in der ersten Stunde kommen sich Liane und der Physiotherapeut namens Andreas recht nahe. Beide fühlen sich zueinander hingezogen, obwohl sie Lebenspartner haben. Liane ist mit Toni verheiratet, und Andreas liiert mit Laura. Wenn diese Anziehung fast magisch wirkt, dann spielen äußere Differenzen, wie zum Beispiel der Altersunterschied, keine Rolle, denn Andreas ist gerade mal Anfang dreißig, während Lianes Gemahl Toni schon Ende siebzig ist. Liane und Andreas kommen sich mit der Zeit immer näher, bis Liane entdeckt, was die Gründe dieser Anziehung sein könnten? Beide erlitten in ihrer Kindheit ein schweres seelisches Trauma, doch beide gehen unterschiedlich damit um. Während Liane sich intensiv damit befasst, macht Andreas lieber einen großen Bogen um alles, was mit unangenehmen Gefühlen zu tun hat. Es ist Andreas, der Liane von der ersten Behandlungsstunde anfängt zu duzen. Liane macht dies nachdenklich und vermutet dahinter einen Mutter-Sohn-Konflikt. Und in den weiteren Behandlungsstunden werden beide mit alten emotionalen Konflikten konfrontiert. Liane entgeht nichts. Sie ist aufmerksame Leserin ihrer Gefühle, aber auch die von Andreas, der ihre duale Seele zu sein scheint ...

Zwischendrin wird man immer wieder zurück in Lianes gefühlskarge Kindheit geführt, die auch geprägt war von Entwertung und mangelnder Wertschätzung vonseiten ihrer Eltern …

Andreas wird das zu viel, dieses wiederholte Hinterfragen seiner seelischen Blockaden, die er durch Liane widergespiegelt bekommt, und versucht, sich von ihr zurückzuziehen …

Liane ist adipos, und das schon von Kind auf, da sie das Essen unbewusst als ein Hungern ihrer Seele empfunden habe. Sie kompensiert ihren elterlichen Liebesmangel mit dem Essen.

Wie es mit den beiden weitergeht, ob Liane es schafft, sich und Andreas mit Hilfe von Selbstanalysen zu heilen, und woraus Andreas´ erlittener Missbrauch besteht, ist dem Buch zu entnehmen …

Das Schreibkonzept
Das Buch beginnt mit einem Prosavers und endet mit demselben Vers wieder. Eine Identifikation der Icherzählerin mit dem Fluss … Hier wird man etwas vorbereitet, dass der Roman sich mit tiefen Gefühlen beschäftigt. Man findet in dem Buch viele Reflexionen und Gedanken. Dialoge allerdings sind hier recht rar.

Anschließend beginnt der Roman, der auf 395 Seiten aus 31 Kapiteln besteht. Der Schreibstil ist in einer selbstreflektiven Form konstruiert, indem man hauptsächlich in die Perspektiven der Icherzählerin geworfen wird, die ihre Gefühle und ihre Gedanken und die ihres Partners schon fast detektivisch unter die Lupe nimmt …

Ich fühle so tief ich kannCover und Buchtitel?
Das Cover finde ich etwas zu abstrakt, denn es kann alles Mögliche bedeuten, ist aber trotzdem passend, denn man weiß oftmals nicht, was sich in der tiefen, menschlichen Seele so alles verbirgt, wenn man sich auf die innere Reise begibt. Der Buchtitel hat gehalten, was er versprochen hat. 

Ungeklärte Fragen
Dadurch, dass es kein Autorenporträt gibt, konnte ich meine Frage nicht klären, ob die Autorin aus der eigenen Betroffenheit dieses Buch geschrieben hat? Ich vermute eher schon. Außerdem deckt sich der Name der Autorin Liane, ein Pseudonym, mit dem der Protagonistin.

Meine Meinung
Die Auseinandersetzung mit den Abgründen der Psyche und den vielen blinden Flecken eines Menschen fand ich einerseits ganz interessant, andererseits erlebte ich diesen Leseprozess als etwas zu langatmig. Irgendwann hat man genug von den vielen recht persönlichen Psychoanalysen, auch wenn mir bewusst ist, dass die psychologische Auseinandersetzung in dieser Form viel Mut erfordert. Ich verstehe aber auch Menschen, die sich scheuen, an sich zu arbeiten, nicht, weil sie zu bequem sind, sondern weil sie einfach Angst davor haben, in eine Krise zu geraten, aus der sie selbst mit professioneller Hilfe nicht mehr herausfinden. Nicht jeder hat die Kraft dazu, tief, so tief es geht, in sich zu graben, um die Leichen im tiefsten Keller zu bergen. So manche Psychose entwickelte sich bei einigen Menschen durch die Auseinandersetzung mit ihrer Psyche, mit der sie nicht fertig geworden sind. Ein Selbstschutz, der uns von der Natur mitgegeben worden ist, wird häufig aktiviert, und es gut ist, dass es ihn gibt.

Mein Fazit?
Dies ist ein Buch für alle mit einer verletzten Psyche und für die, die Bereitschaft aufbringen möchten, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen, um an sich zu arbeiten, damit ein gesundes Leben auch mit Hilfe von Selbstheilungskräften möglich wird. Ein Buch für alle, die auf gedruckten Seiten erfahrbare Psychologie erleben möchten.

Liane Cornelius lässt anhand ihrer Figuren den psychologischen Selbsthilfeprozess vorleben. 

Vielen Dank an die Autorin für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Meine Bewertung
2 Punkte: Sprachlicher Ausdruck (Anspruchsvoll, keine saloppe Schreibweise)
1 Punkte: Differenzierte Charaktere
2 Punkte: Authentizität der Geschichte
0 Punkte: Fantasievoll, ohne dass es kitschig oder zu sentimental wirkt
2 Punkte: Frei von Stereotypen, Vorurteilen, Klischees und Rassismus
2 Punkte: Cover und Titel stimmen mit dem Inhalt überein
Neun von zwölf Punkten.
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Gelesene Bücher 2018: 26
Gelesene Bücher 2016: 72
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Gelesene Bücher 2014: 88
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Gelesene Bücher 2012: 94
Gelesene Bücher 2011: 86


Mittwoch, 6. Juni 2018

Ekaterine Togonidze / Einsame Schwestern (1)

Lesen mit Whatchareadin, Leserunde 

Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre

Ein Buch, das regelrecht nach Menschlichkeit schreit, nach Mitmenschlichkeit, es schreit nach Liebe und nach Zugehörigkeit.

Hier geht es zum Klappentext, der viel zu ausführlich ist. 

Die Handlung
Die beiden mutterlosen, jungen siamesischen Zwillinge, 16 Jahre alt, werden von der Großmutter versorgt. Die Großmutter bezieht Altersrente. Das Geld muss für sie drei gut eingeteilt werden, denn sonst reicht die Rente nicht aus. Die Mutter der Mädchen ist kurz nach der Geburt gestorben. Der leibliche Vater, Rostom Mortschiladze, Hochschulprofessor, ist bis dato unbekannt. Es gibt noch einen Cousin von der Mutter namens Zaza, der ab und zu Besorgungen für die Mädchen macht …

Die Großmutter war in ihrer Erwerbstätigkeit Lehrerin und brachte den Mädchen Lesen und Schreiben bei …

Die siamesichen Zwillinge gehen keinerlei Außenaktivitäten nach, und da sind Bücher ein idealer Zeitvertreib. Zum Selbstschutz sind die Mädchen von der Außenwelt abgeschnitten, um nicht in den Fängen der Ärzte zu gelangen. Die Welt kennen die Mädchen nur aus dem Fernsehen. Als sie noch klein waren, und die Großmutter das Haus wegen diverser Alltagspflichten verlassen musste, wurden sie von ihr an einem Tisch angebunden, damit sie keinen Blödsinn machen konnten.

Die Mädchen sind körperlich eingeschränkt aber geistig völlig gesund. Sie schreiben beide Tagebücher, um ihre tristen Tage darin festzuhalten. Das Tagebuch soll als ein Beweisstück dienen, dass sie existiert haben, wenn sie eines Tages nicht mehr leben sollten. Sie halten darin ihre tiefsten und intimsten Gedanken fest.  

Sie heißen Diana und Lina. Auch wenn sie äußerlich kaum voneinander zu unterscheiden sind, aber ihre Charaktere sind verschieden. Lina scheint die emotionalere von beiden zu sein, während Diana mehr von der Ratio geleitet wirkt. Lina schreibt Gedichte …

Plötzlich wird die Großmutter krank, die sich immer mehr zu einem Pflegefall entpuppt, während die Zwillinge rund um die Uhr für sie bis zur Erschöpfung sorgen, bis sie schließlich stirbt. Lina und Diana sind nun völlig auf sich selbst gestellt. Wohin mit dem Leichnam der Großmutter?
Parallel bekommt man Einblicke in das Leben des Vaters der Mädchen, der bis dato nichts über deren Existenz wusste. Es findet eine DNA-Analyse statt. Er kann nicht glauben, dass diese „missratenen“ Kinder aus seinen Genen stammen sollen. Es findet ein Prozess der Auseinandersetzung statt ...
Mit dem Tod der Großmutter erleiden die Mädchen verschiedene Schicksalsschläge, die ihr Leben komplett in eine andere Richtung lenken ...

Für mich besondere und fragwürdige Szenen
Achtung Spoiler
Ich habe nicht so ganz verstanden, weshalb die Großmutter die Mädchen nicht auf das Leben vorbereitet hat. Sie musste damit rechnen, dass sie nicht ewig für sie sorgen konnte, und dass sie spätestens nach ihrem Tod alleine sein würden. Von welchem Geld sollten sie leben? Nicht einmal Einkäufe konnten sie tätigen ... Traurig fand ich zudem, dass Diana und Lina sexuell nicht aufgeklärt wurden, weil die Großmutter die Sexualität wie ein Tabu behandelt hat. Dadurch konnten die Mädchen kein sexuelles Bewusstsein entwickeln, keine ausreichend entwickelte sexuelle Identität. Das brachte die Mädchen später in große Schwierigkeiten. Diese Fragen sind allerdings der Großmutter gegenüber nicht vorwurfsvoll gemeint, denn sie hat auch Großes geleistet, in dem sie ihren beiden Enkelinnen ein Zuhause gegeben hat und für sie bestmöglich gesorgt hat.

Das Schreibkonzept
Das Schreibkonzept finde ich sehr interessant. Aber ich habe vergessen, darauf zu achten, aus wie viel Teilen das Buch besteht. Ich war so in meinem Lesesog drin ... Auf der allerersten Seite findet man einen kleinen Bibelvers ... 

Inhaltlich bekommt man es mit drei Perspektiven zu tun. Die beiden unterschiedlichen Tagebücher von Diana und Lina und die Perspektive des Erzeugers, des leiblichen Vaters, der vom Staatsanwalt kontaktiert wird. Die Perspektiven wechseln einander ab. Dass die Mädchen nicht lange leben, wird schon recht früh deutlich. Die Gegenwart, in der Lina und Diana über ihr Leben schreiben, während in der Perspektive des Vaters die Mädchen bereits schon tot sind. Aber erst am Ende erfährt man, woran Lina und Diana gestorben sind.

Meine Meinung
Mir hat das Buch sehr gut gefallen. Einmal angefangen konnte ich nicht mehr aufhören zu lesen. Ein Buch, das sehr nachdenklich stimmt. Die Worte der Mädchen sind dermaßen ausdrucksstark, dass sie mich ganz tief in meiner Seele berührt haben. Ich weiß, dass in den ehemaligen Ostbklockstaaten behinderte Menschen bis heute noch gesellschaftlich nicht toleriert werden. Behinderte Menschen werden häufig weggesperrt und in die Obhut des Staates übergeben. Man nimmt sie aus der Familie raus und sperrt sie in staatlich, geschlossene Einrichtungen und bleiben sich selbst überlassen. Sie bekommen lediglich Nahrung und einen Schlafplatz. Integration und Inklusion, wie wir dies hierzulande kennen, sind dort Fremdwörter. Deshalb sind solche Bücher wie das vorliegende Buch sehr, sehr wichtig. 

Aber nicht nur die gesellschaftlichen Probleme zeigt das Buch gekonnt auf. Auch Probleme, die diese Mädchen miteinander haben, fand ich mehr als brisant. Die Vorstellung, keine Privatsphäre zu haben, ist für mich unvorstellbar. Diese beiden Mädchen würden gerne mal für sich sein, aber dadurch, dass sie körperlich miteinander verwachsen sind, gibt es diese Form, sich mal aus dem Weg zu gehen, nicht. Die Sehnsucht nach Freiheit, das Gefühl in beiden Körpern gefangen zu sein, wird in den Tagebüchern immer wieder hervorgebracht. 

Ungeklärte Fragen?
Wo hat die Autorin ihren Stoff her? Darauf wird es sicher eine Antwort auf Whatchareadin geben, da die Autorin sich bereit erklärt hat, im Chat persönlich auf unsere Fragen einzugehen.

Cover und Buchtitel  
Mit dem Cover bin ich nicht ganz klargekommen. Es gibt viele Unstimmigkeiten; Das Cover entspricht nicht der Beschreibung aus dem Buch, was das Alter und die Verwachsung der Körper betreffen. Wieso hat der Verlag Probleme, die Behinderung der Schwestern auf dem Cover darzustellen????
Auch die Äußerlichkeiten waren nicht stimmig. Diana und Lina haben eine helle Haut und blonde Haare. Verlage aus Deutschland, Österreich und aus den nordischen Ländern scheinen blonde und hellhäutige Menschen in der Literatur für sich gepachtet zu haben. Sehr wohl gibt es in Süd und in Südosteuropa auch Haut- und Haarfarben in mehreren Nuancen … Den Buchtitel fand ich treffend ausgewählt. Zu zweit einsam? Einsamkeit? Zweisamkeit?


Was hat mich zu diesem Buch veranlasst?
Die Neugier. Ich war gespannt, wie diese Menschen mit ihrem Anderssein ihr Leben verbringen. Während des Lesens habe ich mich gefragt, ob die Mädchen ihr Leben bewältigen können, oder ob sie sich selbst aus der Welt ausstoßen werden, weil die Gesellschaft keinen Platz für behinderte Menschen bereithält. Diana und Lina wirkten auf mich arg suizidal.


Und hier ein Bild zum Thema Siamesische Zwillinge


Ich zitiere Wikipedia: Die in Siam (heute Thailand) geborenen Brüder Chang und Eng Bunker (1811–1874), auf welche die Bezeichnung Siamesische Zwillinge zurückgeht.

Aufgepasst: Die Doppelfehlbildung auf dem Foto ist eine Art. Es gibt viele verschiedene Arten. Die beiden Mädchen Diana und Lina sind ab der Hüfte nach unten hin mit einem Körper verwachsen.

Begriffsdefinition, hier auf Wikipedia

Mein Fazit?
Ein Appell für mehr Toleranz, Differenz und Vielfalt.

Und hier geht es zu den Fragen an die Autorin.

Meine Bewertung?
2 Punkte: Sprachlicher Ausdruck (Anspruchsvoll, keine saloppe Schreibweise)
2 Punkte: Differenzierte Charaktere
2 Punkte: Authentizität der Geschichte
2 Punkte: Fantasievoll, ohne dass es kitschig oder zu sentimental wirkt
2 Punkte: Frei von Stereotypen, Vorurteilen, Klischees und Rassismus
1 Punkte: Cover und Titel stimmen mit dem Inhalt überein
Elf von zwölf Punkten

Weitere Informationen zu dem Buch
Vielen Dank an den Buchverlag und an Watchareadin für das Leseexemplar.

·         Gebundene Ausgabe: 180 Seiten
·         Verlag: Septime Verlag (19. Februar 2018)
·         Sprache: Deutsch
·         ISBN-10: 3902711744

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Gelesene Bücher 2018: 24
Gelesene Bücher 2016: 72
Gelesene Bücher 2015: 72
Gelesene Bücher 2014: 88
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Gelesene Bücher 2012: 94
Gelesene Bücher 2011: 86




Sonntag, 3. Juni 2018

Nickolas Butler / Die Herzen der Männer (1)

 Lesen mit Sabine St.

Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre

Ein Buch über die inneren Abgründe der Männer; über deren Schwächen, Hemmungen und Nöte ... Ein Buch über Mobbing ...

Gestern Nacht habe ich endlich das Buch ausgelesen. Leider hat es nicht gehalten, was es in den ersten Abschnitten versprochen hat. Und das sehe nicht nur ich so. Da ich das Buch zusammen mit Sabine gelesen habe, habe ich unten ein paar unserer gemeinsamen  Eindrücke festgehalten. Sabine besitzt keinen Blog. Schade, denn Sabine kann sich wahnsinnig gut über ein gelesenes Buch ausdrücken, ähnlich wie auch meine Freundin Christina Sauer. Aber ich kann von Monerl, eine Lesefreundin aus meiner Heimatregion, die Rezension schon mal verlinken. Monerl hat das Buch letzte Woche gelesen, und sie hat mich gebeten, ihre Rezi noch nicht zu lesen, solange ich mit dem Buch zugange bin, damit ich nicht beeinflusst werde. Sie sei neugierig auf unsere Meinung. Am Ende dieser Besprechung kann man durch einen Klick auf Monerls Buchbesprechung zugreifen, die ich mittlerweile gelesen habe. 

Die Handlung
Der Held dieser Geschichte ist Nelson Clouthy. Er feiert im Sommer 1962 seinen 13. Geburtstag. Die Geschichte beginnt recht dramatisch. Nelson hat viele Jungs zu seinem Geburtstag eingeladen, die mit einer Ausnahme alle nicht erschienen sind. Sie wollen nichts mit Nelson zu tun haben. Nelson hat nicht genug Selbstvertrauen und dadurch auch keine Freunde, obwohl er in der Schule und bei den Pfadfindern erfolgreich ist. Er weint ganz entsetzlich. Die Mutter, Dorothy, nimmt seinen Jungen in den Arm, spricht tröstend auf den Jungen ein, während der Vater erst verbalaggressiv wird und anschließend den Jungen mit dem Gürtel schlägt, weil er die Tränen seines Sohnes nicht auszuhalten weiß. Gefühle werden hier vonseiten der Männer als Schwäche angeprangert. Nelson ist eine gutmütige Figur, die sensibel ist und keiner Fliege etwas zuleide tut.  Nelson befindet sich während der Sommermonate im Lager der Pfadfinder und muss auch dort viele Hürden überwinden. Hier sind nur Jungens unterwegs, aus denen richtige Männer herangezogen werden sollen, die z. B. fähig sein wollen, später in den Krieg zu ziehen ...
Im weiteren Ablauf bekommt man es mit weiteren männlichen Figuren zu tun, die ebenfalls grausam sind. Bis zum Schluss lernt man Männer kennen, die gewaltträchtig sind. In den letzten Episoden vergewaltigt ein Arzt eine Frau, nachdem er sie erst mit Schlaftabletten im Getränk narkotisiert hat … Dieser Arzt wurde schließlich wegen Vergewaltigung und wegen versuchten Mordes eingebuchtet …

Das Schreibkonzept
Der Ablauf der Geschichte besteht aus vier Teilen und aus 48 Kapiteln. Er beginnt historisch, Sommer 1962, und endet in der Gegenwart, Herbst 2019. Manchmal gibt es zwischen den unterschiedlichen Epochen Sprünge. Das heißt, wenn man sich in der Gegenwart befindet, wird man im nächsten Absatz plötzlich wieder in die Geschichte zurückversetzt. Der Schreibstil ist leicht und flüssig. Man kommt schnell in die Handlung rein. Man hat es hier mit drei Generationen zu tun.

Für mich drei besondere aber fragwürdige Szenen
Vorsicht Spoiler

Erste Szene: Der Wettkampf
Die Pfadfinder entwickelten für einen Wettkampf zwei Mannschaften. Die Mannschaft, die den Wettkampf verloren hat, soll einen Nickel in die Latrine werfen. Ein Junge dieser Crew wird herausgepickt, der in die Latrine klettern soll, und in den Fäkalien nach dem Nickel suchen muss. Der Junge darf erst aus der Latrine herauskommen, wenn er den Nickel gefunden hat ... Mir war sofort klar, welche Mannschaft das Wettspiel verlieren, und welcher Junge auserkoren wird, in die Latrine zu steigen. Wollte der Autor uns mit dieser Szene schocken?

Zweite Szene: Die Ehefrau in der Selbstverteidigung
Nelsons Vater verliert seinen Job, angeblich, weil Nelson im Pfadfinderlager seine Kameraden wegen des gesetzeswidrigen Verhaltens an den Leiter des Lagers ausgeliefert hat. Als der Vater versucht, sich an seinen Sohn zu rächen und erneut gewalttätig wird, greift die Mutter ein, und sticht mit einer Gabel überall auf den Körper des Vaters ein und schmeißt ihn hochkant aus dem Haus. Dies war eine Szene, die mir eigentlich gut gefallen hat. Endlich wehrt sich mal eine Frau/Mutter gegen den fiesen Mann/Vater.

Dritte Szene: Das Versprechen
Nachdem Dorothy ihren Mann Glete aus dem Haus geworfen hat, muss sie schauen, wie sie alleine klarkommt. Nelson macht eine Ausbildung an der St. John Militärakademie ... Nach der Ausbildung kommt er wieder nach Hause. Als Nelson sich erneut aufmachen möchte, von zu Hause auszuziehen, um seinen eigenen Weg gehen zu können, muss er der Mutter zwei Versprechen abnehmen. Regelmäßig eine Karte schreiben, damit  sie weiß, dass ihr Sohn am Leben ist … Das zweite Versprechen bestand daraus,  jedes Jahr zu Weihnachten nach Hause zu kommen. Da Nelson die Mutter als sein bester Freund bezeichnet hat, geht man davon aus, dass er seine Versprechen halten wird. Tut er aber nicht. Nach seinem Auszug sieht er seine Mutter nicht mehr lebendig. Über ein Telegramm erfährt er viele Jahre später, dass die Mutter an einem Schlaganfall gestorben ist. Daraufhin fährt er zurück nach Hause, nimmt an der Beerdigung teil und macht eine Haushaltsauflösung, damit das Haus verkauft werden kann. In dem Kleiderschrank seiner Mutter findet Nelson alle Weihnachtsgeschenke, die sich im Laufe der Jahre angesammelt haben, die die Mutter für ihn gekauft hatte. Spätestens hier müsste Nelson vor dem schlechten Gewissen in den Boden versinken. Tat er aber nicht, es waren keine ausreichenden Gewissensbisse, und deshalb war uns diese Szene nicht glaubwürdig genug. Etwas von der guten Erziehung der Mutter hätte in Nelsons Herzen einen liebevollen Anklang finden müssen. Erstrecht, weil sie nach dem Rauswurf des Vaters alleine zu Hause war. Selbst von Nelson, der eigentlich ein guter und sensibler Junge war, entwickelte man als Leserin ihm gegenüber spätestens hier ein negatives Herzensbild. Wie lieblos muss man sein, um eine so gute Mutter, die sich schmerzlichst nach ihrem Sohn sehnt, für ihre restliche Lebenszeit alleine zu lassen?

Natürlich sind das nicht die einzigen Szenen, die Fragen aufwerfen und nachdenklich stimmen. Weitere sind dem Buch zu entnehmen. 

Welches Weltbild versucht der Autor uns LeserInnen aufzuzwingen?
Die Antwort hätte ich eigentlich lieber von dem Autor selbst gehört. Und weil ich den Autor nicht fragen kann, kann ich sie mir nur aus meiner Sicht versuchen zu geben ...
Ich habe echt ein Problem anzunehmen, dass es in den Herzen der Männer reihum, über Generationen hinweg, so grauenvoll ausschaut, wie der Autor uns mit seinem Buch weiszumachen versucht. Ich kenne viele gutmütige Männer und viele anstengende Männer, andersherum aber kenne ich auch Frauen, die in ihrem Herzen ähnlich hart sind wie die Männer in der hiesigen Männerwelt. Sie greifen sicher nicht nach einem Gürtel, tun aber andere Dinge, die nicht weniger harmlos sind. Frauen, die nicht das Herz am rechten Fleck haben. Doch hier im Buch werden die Frauen eher idealisiert, während der Mann global in seiner gesamten Rohheit dargestellt wird.

Meine Meinung
Wie schon gesagt, waren die ersten 150 bis 200 Seiten vielversprechend. Doch nach und nach flauten meine Konzentration und mein Interesse immer mehr ab. Und die letzten 150 Seiten haben sich für mich lesetechnisch als schleppend erwiesen. Am liebsten hätte ich das Buch abgebrochen. Vom Niveau her hat mich dies an Elena Ferrantes Buch erinnert, das ich im ersten Band auch als recht einseitig und sehr klischeehaft erlebt hatte, wenn es darum ging, die Gesellschaft eines Landes literarisch widerzuspiegeln. Ferrantes Folgebände musste ich wegen dieser Einseitigkeit auslassen. Es hat sich an der Aggressivität dieser Gesellschaft nichts verändert ... Zurück zum Buch; mich hat außerdem gewundert, wie der sensible Jason es geschafft hat, sich zu einem Soldaten ausbilden zu lassen, um anschließend für den Vietnamkrieg eingezogen zu werden. 

Lesen mit Sabine St.
Dieses Buch hat für Sabine und für mich für viele Diskussionen gesorgt. Wir waren einer Meinung, dass das Buch wenig anspruchsvoll ist, die Handlungen nicht ausreichend glaubwürdig, und die ProtagonistInnen nicht wirklich authentisch, wenn man von den ersten Abschnitten absieht. Insgesamt psychologisch wenig fundiert. Enttäuscht waren wir auch von dem Verlag Klett-Cotta, der sonst recht anspruchsvolle Bücher auf den Markt bringt. Das Buch Die Herzen der Männer wäre besser in einem Verlag aufgehoben, der ausschließlich einfache Unterhaltungsliteratur produziert. Es hätte die LeserInnen erreicht, die sich von diesem Inhalt leichter beeindrucken lassen. Für anspruchsvolle Leserinnen, wie wir es sind, stellte sich diese Literatur als eine glatte Enttäuschung heraus. Dies ist aber nicht überheblich gemeint.

Buchtitel und Cover
Schon der Titel Die Herzen der Männer hätte mich nicht angesprochen, wenn das Buch von einem weniger anspruchsvollen Literaturverlag aufgesetzt worden wäre. Ich habe so meine Probleme mit Stereotypen. Sind denn wirklich alle Herzen der Männer gleich? Sicher gibt es in der Erziehung zwischen den Geschlechtern Unterschiede, auch heute noch, aber jedes Kind, das Gewalt in der Kindheit erfährt, wächst mit einer Störung auf, Mädchen sind davon nicht ausgenommen. 
Das Cover war ansprechend aber leicht austauschbar, wie man hier das Buch von Tilman Röhrig, Thoms Bericht, sehen kann. 

Sabine hat noch folgendes Buch gefunden:

Mein Fazit?
Das Buch war mir viel zu trivial, zu leicht durchschaubar, zu facettenarm. 

Ungeklärte Fragen
Ein Buch über Männer, ein Buch über Mobbing unter Männern, aber wer sind die LeserInnen? Welche Zielgruppe will man mit diesem Buch erreichen? Lesen auch Männer dieses Buch, oder sind es wieder mal hauptsächlich nur die Frauen die Interessentinnen? Dies würde mich wirklich interessieren.

Was hat mich zum Kauf dieses Buches veranlasst?
Aus persönlichen Gründen hat mich die Thematik gereizt.

Weitere Rezensionen:
Hier geht es zu Monerls Buchbesprechung.

Weitere Informationen zu dem Buch
·         Gebundene Ausgabe: 477 Seiten
·         Verlag: Klett-Cotta; Auflage: 2. Druckaufl. (11. Februar 2018)
·         Sprache: Deutsch
·         ISBN-10: 3608983139

Meine Bewertung?
2 Punkte: Sprachlicher Ausdruck (Anspruchsvoll, keine saloppe Schreibweise)
1 Punkte: Differenzierte Charaktere
0 Punkte: Authentizität der Geschichte
2 Punkte: Fantasievoll, ohne dass es kitschig oder zu sentimental wirkt
0 Punkte: Frei von Stereotypen, Vorurteilen, Klischees und Rassismus
1 Punkte: Cover und Titel stimmen mit dem Inhalt überein
Schs von zwölf Punkten

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Gelesene Bücher 2018: 23
Gelesene Bücher 2016: 72
Gelesene Bücher 2015: 72
Gelesene Bücher 2014: 88
Gelesene Bücher 2013: 81
Gelesene Bücher 2012: 94
Gelesene Bücher 2011: 86

Montag, 14. Mai 2018

Fuminori Nakamura / Die Maske (1)

Die MaskeEine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre   

Ich bin durch mit dem Thriller. Nun bin ich doch noch auf meine Kosten gekommen. Mir hat das Buch gut gefallen, aber ich würde es kein zweites Mal lesen, da ich keine Krimi/Thriller-Leserin bin.

Die Handlung
Es geht um den elfjährigen Jungen namens Fumihiro Kuki, dessen Mutter nach seiner Geburt gestorben ist. Fumihiro wird in eine reiche Familie geboren, die politisch und gesellschaftlich sehr mächtig ist. Fumihiro hat noch fünf Geschwister, die alle wesentlich älter sind als er. Es gibt Brüder, die vom Altersunterschied seine Väter hätten sein können. Brüder, die er noch nie gesehen hat. Der eigentliche Vater namens Shozo Kuki zeugte mit über 60 Jahren noch ein Kind mit einer bestimmten Intention, ein Geschwür in die Welt zu setzen. Dieses Kind, Fumihiro, soll zu einem Geschwür heranwachsen. Es bekommt keine Liebe und keine Achtung zugeteilt. Diese Art von Erziehung folgt einer Familientradition, und bedeutet, die Welt ins Unglück zu stürzen. Der Vater von Fumihiro, am 18.05.1915 geboren, wurde selbst zwecks eines Geschwürs gezeugt. 
Ein Kind, das eine negative Kraft sein und überall Unglück säen sollte. Es sollte Menschen das Leben zur Hölle machen, sodass sie am Ende glaubten, das Leben hätte keinen Sinn. Und die Saat fiel auf fruchtbaren Boden. Auf dem Sterbebett (…) hätte sich der alte Mann nicht mehr vor dem Tod gefürchtet. Er sei zuversichtlich gewesen, dass die vom Geschwür unglücklich befallenen Menschen ihrerseits Unglück verbreiten, und sich immer mehr Geschwüre bilden würden, wie endlos überquellender Schaum. (2018,10f)

Der Alptraum von der Hölle sollte für Fumihiro mit 14 Jahren beginnen. Er bekommt eine wunderschöne Adoptivschwester namens Kaori, die im selben Alter ist wie er. Der Vater hat Pläne mit diesem Mädchen. Er will die beiden Kinder voneinander abhängig machen. 

Diese Kinder fühlen sich mit der Zeit sexuell zueinander hingezogen und so beginnen sie im pubertären Alter erste sexuelle Spiele. Auch dies gehört zu den Plänen des Vaters. Eines Tages, als Kaori geschlechtsreif wird, vergewaltigt der Vater das Mädchen erst passiv, dann später aktiv. Passiv bedeutet, Kaori musste sich vor dem alten Mann ausziehen und sich in Pose geben ...

Hier beginnt die Hölle für beide Kinder, aus der Fumihiro ausbrechen möchte. Er will seinen Vater rächen und hegt Tötungsabsichten. Mittlerweile befindet er sich kurz vor seinem 14. Geburtstag, und die Hölle hat mit diesen Missbräuchen schon begonnen. Kairo zieht sich von dem Jungen zurück, sie versucht auf ihre Weise, mit den sexuellen Missbräuchen fertig zu werden ...  
Fumihiro setzt sein Tötungsdelikt um. Er sperrt den Vater in den Keller ein, doch auch dies zählt zu dem Plan des Vaters. Er scheint alles vorkalkuliert zu haben. Auch diesen Mord. Der Vater wusste, dass er von dem kleinen Sohn getötet wird. Er hätte es verhindern können, was er nicht tat. Im Gegenteil. In der Tasche trug der Vater noch Gift mit sich, falls der Tod durch Hunger und Durst nicht schnell genug eintreffen würde.

Vater tot, doch im Hintergrund werden weiter die Fäden gesponnen. Die Familie Kuki ist eine Dynastie, die so viel Macht hat, dass man sie schwer zu fassen bekommt. Mit dem passiven Mord an dem Vater wird der Junge seines Lebens nicht mehr froh. Er leidet unter Alpträumen und wird immer wieder in den Sog dieser destruktiven Mächte gezogen. Er verliert Kaori aus den Augen …

Als Fumihiro erwachsen ist, möchte er aus dieser Familiendynastie ausbrechen und sucht einen plastischen Chirurgen auf, der ihm operativ kunstvoll ein neues Gesicht zaubert. Und somit beginnt Fumihiro ein Leben mit einer fremden Identität namens Shintani.

Im Laufe der Jahre wird er erneut mit Kaori und mit dem Bösen konfrontiert. Trotz neuer Identität wird Fumihiro sein Geschwür nicht los, und wird von einem der älteren Brüder, die einen Detektiven auf ihn gesetzt haben, gezwungen, ihnen Kaori auszuliefern, obwohl er noch immer den Beschützerinstikt Kaori gegenüber hat. Das Böse gegenüber seiner Familie? Oder gegenüber Kaori?

Am Ende des Buches erfährt man zusammen mit Fumihiro, weshalb sein Vater war, wie er war.

Mehr möchte ich nicht verraten.

Zum Schreibkonzept
Auf den 347 Seiten hat man es mit vier Teilen zu tun, die in mehreren Kapiteln unterteilt sind. Gegenwart und Vergangenheit wechseln sich ab. Der Protagonist Fumihiro Kuki ist der Icherzähler. Man kommt gut in die Geschichte rein, da sie flüssig geschrieben ist.

Meine Meinung
Mich wundert, dass der kleine Fumihiro an dieser Lieblosigkeit nicht schon als Kind verzweifelt ist. Der Vater ließ dem Kind nicht einmal Körperkontakt zukommen. Fumihiro erinnerte sich nur an einen Körperkontakt mit seinem Vater, als er zwei Jahre alt war. Er spielte auf dem Boden, als der Vater ihn mit dem Fuß zur Seite getreten hat, als wäre das Kind irgendein Insekt. Wie konnte dieses Kind so ganz ohne Liebe überleben? Villeicht sind es die Dienstboten gewesen, die ihm die Liebe schenkten.

Ich erinnere mich an eine psychologische Studie mit Säuglingen. Ein Säugling davon wurde gepflegt und gestillt und anschließend schlafen gelegt. Es fand kein weiterer Kontakt statt. Ein anderer Säugling bekam die gleiche Behandlung, es wurde aber getragen, und körperlich und verbal geliebkost. Während dieser Säugling durch die Pflege und die Liebe am Leben blieb, starb der andere Säugling an der Lieblosigkeit.
Mich hat das Buch aus diesem Grund nicht richtig überzeugen können. Auch der Vater, der von einem Kind sich in den Keller hat einschließen lassen, fand ich merkwürdig.

Das Böse und dieses Geschwür, das sind Metaphern. Auf den folgenden Seiten wird dies deutlich, wie sich Gewalt in der Welt breitmacht. Wie schnell Menschen sich untereinander bekriegen und wie schnell Länder gegeneinander Kriege führen. Diese Metapher fand ich schön, trifft auch voll den Kern. Länder sind politisch verstritten, Journalisten machen Schlagzeilen, teilen die Welt in Gut und Böse ein, und nur wenige durchschauen dies.
Warum konnte die simplifizierte Logik vom sogenannten >Krieg gegen den Terror< sich ungeachtet aller Kritik durchsetzen und zum alles dominierenden Thema werden? Warum ändert sich die Beliebtheit eines Politikers nur aufgrund von Fernsehbildern? Warum wurde in Japan das kaltherzige Wort >Eigenverantwortung< plötzlich so beliebt, als im Irak drei Japaner verschleppt und als Geiseln gehalten wurden? Warum reagiert die Öffentlichkeit so stark auf plakative Bilder, statt sich mit der komplexen Realität der Ereignisse auseinanderzusetzen? 
Die Antwort ist einfach: Weil die Leute beschäftigt sind. Natürlich gibt es auch andere Gründe. Aber dies ist der Hauptgrund. Sie sind beschäftigt mit ihrem Alltag, ihren Sorgen, ihrer Arbeit, ihrer Suche nach dem Glück. (…) Wer macht sich die Mühe, die Wahrheit hinter all den Nachrichten zu ergründen, mit denen wir täglich gefüttert werden? Wenn ein vermeintlicher Verbrecher als Monster bezeichnet wird, wer hat das Herz zu fragen, ob das >Monster< in Wahrheit nicht vielleicht ein unschuldiger Mensch ist? (…)
Stell dir vor, eine Rakete würde auf Japan abgefeuert werden. Die öffentliche Meinung würde sich schlagartig ändern, die pazifistische Verfassung von einem Tag auf den anderen ihre Gültigkeit verlieren. Mit der Zahl der Toten und dem Leid der Familien, über die pausenlos berichtet wird, steigert sich sowohl das Mitgefühl gegenüber den Opfern als auch der Hass gegenüber dem Feind im Norden ins Unendliche. Wenn Menschen glauben, die haben einen guten Grund, dann bricht es aus ihnen heraus wie aus einem Vulkan, maßlos, hemmungslos, als wäre es ihr heiliges Recht, mit tausendfacher Gewalt zu antworten. Das ist der grundlegende Mechanismus, nach dem Kriege funktionieren. (283f)

Dies ist ein langes Zitat, aber ich musste es herausschreiben, weil es zu unserer derzeitigen kritischen politischen Weltlage passt. Und auch damit ich nicht alleine bin, mit diesen Ansichten. Mir ist bewusst, dass die Medien uns mit Schwarz/Weiß-Bildern vollstopfen, die Welt in Gut und Böse einteilen. Und ich besitze auch kein Nationalbewusstsein. Mitleid habe ich mit allen Menschen dieser Erde, die durch Kriege u. a.  Böses erfahren, nicht erst, wenn Menschen meines sogenannten Landes angegriffen werden.

Cover und Buchtitel
Das Cover und den Buchtitel finde ich wunderschön. Ist der Vogel ein Aasfresser?

Mein Fazit?
Ganz klar, ein lesenswertes Buch. Vor allem für KrimileserInnen.

Meine Bewertung?
2 Punkte: Sprachlicher Ausdruck (Anspruchsvoll, keine saloppe Schreibweise)
2 Punkte: Differenzierte Charaktere
1 Punkte: Authentizität der Geschichte
2 Punkte: Fantasievoll, ohne dass es kitschig oder zu sentimental wirkt
2 Punkte: Frei von Stereotypen, Vorurteilen, Klischees und Rassismus
2 Punkte: Cover und Titel stimmen mit dem Inhalt überein
Elf von zwölf Punkten

Weitere Informationen zu dem Buch

Ein großes Dankeschön an den Verlag für das Leseexemplar.

·         Gebundene Ausgabe: 352 Seiten
·         Verlag: Diogenes; Auflage: 1 (28. Februar 2018)
·         Sprache: Deutsch
·         ISBN-10: 3257070217

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