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Freitag, 20. März 2020

Ian McEwan / Liebeswahn (1)

Foto: Pixabay
Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre 

Nun habe ich meinen achten McEwan beendet und ich kann gar nicht sagen, welcher mir am besten gefallen hat. Welcher mir partout nicht zugesagt hat, weil er mich nicht überzeugen konnte, gab es nur einen. Auf meinem Blog habe ich den Autor als Leseprojekt laufen, und alle Rezensionen sind hier abrufbar.

Obwohl ich bewusst keine Krimis und auch keine Psychothriller lese, es sei denn, dass sich der Lesestoff in diese Richtung entpuppt, ohne dass man vorgewarnt wurde, muss ich dann Ausnahmen machen. Meistens bekommt man es in diesem Genre mit grausamen Szenen zu tun, ganz häufig brutale Tierszenarien, wie auch bei Liebeswahn aber hier nur vereinzelt. Allerdings habe ich diese über meinen gut funktionierenden Verdrängungsmechanismus schnell wieder vergessen können.

Bei Krimis und Psychothrillers halte ich mich immer kurz, um inhaltlich nicht zu viel von der Spannung preiszugeben. Mal schauen, was ich hier zusammenbekomme, ohne zu viel zu verraten.

Hier geht es zum Klappentext, zu den ersten Leseeindrücken und zu den Buchdaten.


Die Handlung
Der Held dieser Geschichte ist Joe Rose. Er ist von Beruf ein naturwissenschaftlicher Schriftsteller, Physiker, und lebt mit seiner Lebensgefährtin namens Clarissa Mellon. Clarissa ist Hochschuldozentin. Sie unterrichtet Linguistin und englische Literatur. Sie und Joe leben in einem Apartment im Norden Londons. Sie sind beide ein glückliches Paar, sozusagen ein Dream - Paar, bis das Schicksal ihre Beziehung unter eine schwere Prüfung stellt.

Joe und Clarissa befinden sich auf einem Picknick, als sie mitbekommen, wie ein großer Ballon, der mit Helium gefüllt ist, und in dem sich ein Kind in dem Korb befindet, technisch gesehen in Schwierigkeiten gerät. Joe und andere Männer, die sich in der Nähe befanden, rennen zu dem Ballon, um das Kind zu retten. Neben dem Korb, an ein Tau festhaltend, befand sich der Großvater des Jungen, der versucht, Herr der Lage zu werden, verliert aber selbst die Kontrolle. Die Retter klammerten sich an das Seil, um den Ballon auf die Erde zu bugsieren, doch irgendwas ging schief, sodass er unaufhaltbar wieder nach oben trieb. Nun hatten auch die Helfer die Kontrolle verloren. Nach und nach ließen sie sich zu Boden fallen, außer John Logan, der einfach nicht rechtzeitig loslassen konnte, weil er unbedingt das Kind retten wollte. Logan stürzt, als der Ballon schon zu hochgestiegen war, und kommt dadurch ums Leben.
Joe leidet durch Logans Tod unter Schuldgefühlen.
Ich hatte das Seil losgelassen. Ich hatte geholfen, John Logan zu töten. (2000, 49)
Nach dem Sturz lernt er noch am Unfallort Jed Parry kennen, seinen Stalker, und wird ihn nicht mehr los. Parry bekennt seine Liebe zu ihm, die allerdings in keine sexuelle Richtung geht, eher in eine obsessiv - religiöse …

Welche Szenen haben mir nicht gefallen?
Die Szenen mit der Polizei fand ich grausam, als Joe sich hilfesuchend an sie wendet, weil er sich durch Parry bedroht fühlt. Aber die Sicherheitskräfte schätzen den Zwischenfall mit Parry nicht als gefährlich ein. Von zu starken objektiv infizierten Fragen wird es für die Profis schwierig, auf Joes Nöte einzugehen.

Die Szenen mit Clarissa fand ich ebenfalls deprimierend, die ähnlich wie die Polizeibeamten reagiert. Auch sie nimmt ihren Partner nicht für voll, und strickt daraus ein psychisches Leiden, das von ihm selbst ausgehen würde ...

Welche Szene hat mir besonders gut gefallen?
Dass am Ende die Abrechnung kam.

Welche Figur war für mich eine Sympathieträgerin?
Keine. Irgendwie standen mir die Figuren fast neutral gegenüber.

Welche Figur war mir antipathisch?
Clarissa Mellon.

Meine Identifikationsfigur
Joe Rose.

Cover und Buchtitel
Das Cover ist selbsterklärend. Der Buchtitel ist sehr gut getroffen. 

Zum Schreibkonzept
Auf den 356 Seiten ist das Buch in 24 Kapiteln gegliedert. Die Geschichte ist aus mehreren Perspektiven erzählt. Am Ende gibt es einen Anhang, den ich nur quergelesen habe, da ein Teil davon aus einer Begriffsklärung besteht. McEwan geht auf den klinischen Fachbegriff Clérambault-Syndrom ein. Da ich beruflich aus der Psychiatrie komme und mir der Terminus vertraut ist, habe ich ihn im Buch nicht weiter vertiefen müssen. Aber für andere Leser*innen kann dieser Part des Buches hilfreich sein. Es folgt ein Fallbeispiel. Im Anschluss gibt es eine Erörterung, dann eine Schlussbetrachtung, die aus zwei Teilen besteht. Die Handlung wird aus Jeds Ichperspektive beendet, als er Joe seine Sichtweise in einem Brief offenbart. Leider kann ich hier keine Details nennen, sonst nehme ich den anderen Leser*innen die Spannung weg. Das ist der Nachteil bei Krimis und Psychothrillers, dass man bestimmte Details rauslassen muss. Obwohl ich hier aus Parrys Brief sehr gerne herauszitiert hätte.

Meine Meinung
Das Buch ist kein typischerer Psychothriller, dafür ist er von der kriminalistischen Seite her nicht spannend genug. Außerdem gibt es hier auch keine wirklich bösen Menschen. Parry ist nicht böse, sondern einfach nur krank. Daher zeugt das Buch an Spannung von der Konstruktion der menschlichen Psyche her bei mehreren Figuren des Romans. Der Focus ist hier mehr auf menschliches und psychologisches / psychiatrisches Verhalten gesetzt, was sehr wohl mit realistischen Fällen verglichen werden kann. Hierbei hat der Autor über seinen Stoff sehr gut recherchiert. Mit dem Ende war ich allerdings nicht ganz zufrieden, da er im Anhang gepackt war. Hier erfährt man zum Beispiel erst, was mit Parry zum Schluss passiert ist.

Mein Fazit
Sehr lesenswert. Mit bester Empfehlung.

Wie ist das Buch zu mir gekommen?
Ich habe letztes Jahr selber beim Diogenes Verlag eine Anfrage gestellt. Vielen herzlichen Dank an die Pressereferentin für die Zusendung dieses Leseexemplars.

Meine Bewertung
2 Punkte: Sprachlicher Ausdruck (Anspruchsvoll, keine saloppe Schreibweise)
2 Punkte: Differenzierte Charaktere
2 Punkte: Authentizität der Geschichte
2 Punkte: Fantasievoll, ohne dass es kitschig oder zu sentimental wirkt
2 Punkte: Frei von Stereotypen, Vorurteilen, Klischees und Rassismus
2 Punkte: Cover und Titel stimmen mit dem Inhalt überein
Zwölf von zwölf Punkten.

________________
Jeder kann die Welt mit seinem
Leben ein wenig besser machen.
(Charles Dickens)

Gelesene Bücher 2020: 06
Gelesene Bücher 2019: 29
Gelesene Bücher 2018: 60
Gelesene Bücher 2017: 60
Gelesene Bücher 2016: 72
Gelesene Bücher 2015: 72
Gelesene Bücher 2014: 88
Gelesene Bücher 2013: 81
Gelesene Bücher 2012: 94
Gelesene Bücher 2011: 86


Der Mensch ist mehr als nur die biologische Erbmasse.
Er ist, was er innerlich denkt und fühlt.
(M. P.)
Die Herkunft eines Menschen
Die Wurzeltheorie verdammt Menschen zu ewigen Ausländer*innen, nur, weil sie eine andere Hautfarbe, eine andere Religion oder einen anderen Namen tragen. Die meisten haben ihre Wurzeln dort geschlagen, wo sie geboren wurden und / oder dort, wo sie ihr ganzes Leben zugebracht haben.

Es lebe die menschliche Vielfalt in Deutschland und überall.
(M. P.)


Montag, 11. November 2019

Henning Mankell / Die schwedischen Gummistiefel (1)

Quelle Myriam / Pixabay
Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre  

Weiter setzt sich die Geschichte von Die italienischen Schuhe fort mit Die schwedischen Gummistiefel. Dieser Band hat mir etwas besser gefallen. Aber die Figuren waren für mich nach wie vor gestört, kalt und abweisend. Hier suchen Menschen einander Nähe, können aber mit der Nähe nicht wirklich umgehen, wenn sie diese bekommen.  

Der Schluss ist Geschmackssache, mich konnte er nicht befriedigen. Manche Episoden fand ich sehr unlogisch, und manche Sichtweisen sehr einseitig, wenig differenziert.

Ich werde mich hier wieder kurzhalten.

Damit ich nicht alles von Neuem schreiben muss, werde ich am Ende dieser Buchbesprechung sie mit der Besprechung des ersten Bands verlinken.

Hier geht es zum Klappentext, zu den ersten Leseeindrücken und zu den Buchdaten.

Die Handlung
Der einsame Fredrik Welin wird eines Nachts in seinem Bett aus seinen Träumen gerissen, als er von einer Hitzewelle erfasst wird. Panisch sieht er, wie Flammen sein Haus abbrennen. Schnell rennt Welin aus dem Haus und wird selbst Zeuge, wie sein Haus, das er von seinen Großeltern geerbt hatte, niederbrennt. Viele Nachbarn aus anderen Schären kamen mit ihren Booten zur Hilfe, so auch die Feuerwehr, um den Brand zu löschen, wobei das Haus nicht mehr zu retten war, obwohl der Postillion Ture Jansson den Brand von Weitem gesehen haben soll, und schnelle Hilfe gerufen hatte.

Der Kontakt zu Welins Tochter Louise wurde weiter aufrechterhalten. Als Welins Haus abgebrannt ist, und er für einige Zeit obdachlos wurde, war er gezwungen, sich in Louises Wohnwagen einzuquartieren. Zur Erinnerung: Louise ist im letzten Band mit dem Wohnwagen auf Welins Schären gezogen, sie aber hier nicht wohnen blieb, sondern nach Paris gezogen ist. Noch auf der Insel erfährt Welin von ihr, dass er Großvater wird. Welin weiß nicht, ob es ihn freut oder ob es ihn kalt lässt ...

Die Polizei ermittelt, sucht den Brandstifter. Wobei nicht klar ist, ob es ein Brandstifter oder ein Pyromane war, der das Haus angezündet haben könnte. Die Polizei verdächtigt sofort Welin. Was könnte der Grund sein, dass Welin sein eigenes Haus anzündet?

Wie geht das, ein eigenes Haus abzufackeln, während man selbst im Bett liegt und schläft? Denn die Polizei hat durch einen Brandingenieur herausfinden können, dass der Brand nicht an irgendeinem technischen Defekt hätte ausgemacht werden können, denn sie konnten Spuren entnehmen, die besagten, dass Benzin rund um das Haus gelegt und anschließend angezündet wurde. Ohne große Anhörung wurde Welin verdächtigt, und so warfen sie ihm Versicherungsbetrug vor …

Louise kam auf die Insel, als sie hörte, dass Welins Haus abgebrannt wurde. Von der Versicherung konnte er erst dann Ersatzansprüche geltend machen, wenn geklärt wurde, wie das Haus zu Schaden kam. 

Durch den Hausbrand lernt Welin die Journalistin Lisa Modin kennen. Zwischen ihnen beiden entwickelt sich eine freundschaftliche / sexuelle Beziehung. Welin verliebt sich in Lisa, leider stößt er nicht auf Gegenliebe, sodass Welins Bedürfnisse nicht erwidert werden konnten.  

Louise entpuppt sich in Paris zu einer professionellen Taschendiebin. Einmal wird sie dabei erwischt und wird eingebuchtet. Louise bittet von ihrem Handy aus Welin um Hilfe, der schnellstmöglich von Stockholm nach Paris angereist kam ... In Paris lernt er den Vater von Louises werdendem Kind kennen. Es war ein dunkelhäutiger Mann, dessen Herkunft ich wieder vergessen habe. 

Welche Szene hat mir so gar nicht gefallen?
Mich konnten die meisten Szenen einfach nicht überzeugen. Die Journalistin fand ich nicht richtig authentisch. Ich habe sie hier kaum als Journalistin erlebt. Die Polizei selbst zeigte sich ebenso wenig professionell. Wie Mankell die Polizei beschrieben hat, fand ich arg merkwürdig.

Aber welche Szene mich tatsächlich angewidert hat, war Großvaters Tat gegenüber einem Hirsch. Welin denkt über seine Kindheit nach, als er seinen Großvater zum Fischen hinaus auf´s Meer begleitet.
Großvater erblickte einen Rehbock, der angeschwommen kam. Ohne zu zögern ließ er das Netz fallen, das er in den Händen hielt, schob mich zur Seite und setzte sich selbst an die Ruder. Er holte das Reh ein, stand im Boot auf und schlug dem Tier mit einem der Ruder auf den Kopf. Das Ruder zerbrach und das Reh schwamm weiter. Aber Großvater warf sich halb aus dem Boot, und es gelang ihm, das Tier am Geweih zu packen. Zugleich zog er sein Moramesser und schnitt ihm die Kehle durch. (2017, 132)

Mir liefen bei dieser Szene die Tränen. Solche heftigen Tiergeschichten treten häufig bei Mankell auf. Er erinnert mich daran, dass in der realen Welt viele Menschen eine Lust haben, unschuldige Tiere zu quälen und zu töten. Das muss ich mir nicht noch fiktiv reinziehen.

Der kleine Welin war über Großvaters Tat stark irritiert, aber das Kind wird später selber zum Täter, indem es lebendigen Insekten die Flügel ausreist.

Welche Szene hat mir besonders gut gefallen?
Gefallen hat mir, als bei Wiederholungsbränden sich die Menschen auf den Inseln versammelt haben, und sie sich berieten, wie sie sich gegenseitig besser schützen könnten. Es kam auch die Frage nach dem möglichen Täter auf, und die meisten suchten den Täter nicht in den eigenen Reihen, sondern bei den Ausländern. Diese Szene hat Mankell sehr gut beschrieben, wie verzerrt die Wahrnehmung vieler Menschen sein kann. Schade, dass er dieses Niveau im gesamten Ablauf seines Romans nicht hat aufrechterhalten können.

Welche Figur war für mich eine Sympathieträgerin?
Keine.

Welche Figur war mir antipathisch?
Sie wirkten auf mich alle ziemlich gestört, wie ich oben schon geschrieben habe.

Meine Identifikationsfigur
Keine.

Cover und Buchtitel
Ich weiß immer noch nicht, für was die Gummistiefel stehen. Symbolisch betrachtet könnte es den Wunsch Welins ausdrücken, in der Welt unter dem Allwetterschutz mutiger auftreten zu können, ohne nasse Füße zu bekommen, da er hier als ein wenig verweichlicht erscheint. Welin erhält erst am Ende der Geschichte seine Gummistiefel, die er in einem Laden bestellt hat. Er musste lange auf seine Lieferung warten.

Zum Schreibkonzept
Auf den 475 Seiten ist der Roman in fünf Teilen gegliedert, die Anzahl der Kapitel habe ich mir diesmal nicht gemerkt. Mal fangen die Teile mit Kapitel eins an, mal sind sie fortlaufend.

Meine Meinung
Mich hat die gesamte Geschichte nicht überzeugen können. Häufig sehr einseitige Beschreibungen, manchmal auch wieder sehr klischeehaft was die Zuordnung verschiedener Menschen betrifft. Auch den Begriff Rasse ist heute auf Menschen bezogen politisch nicht mehr korrekt. Der Duden schreibt:
BESONDERER HINWEIS In der Biologie wird der Begriff der Rasse nicht mehr auf Menschen angewendet. Wenn auf entsprechende Unterschiede Bezug genommen werden muss, sollten deshalb Ausweichformen wie Menschen anderer Hautfarbe gewählt werden.

Mein Fazit
Eine schlecht recherchierte Handlung, die mich nicht hat überzeugen können, dafür aber ein wundervoller Erzählstil.

Hier geht es zur Besprechung von Die italienischen Schuhe.

Meine Bewertung
2 Punkte: Sprachlicher Ausdruck (Anspruchsvoll, keine saloppe Schreibweise)
1 Punkte: Differenzierte Charaktere
1 Punkte: Authentizität der Geschichte
1 Punkte: Fantasievoll, ohne dass es kitschig oder zu sentimental wirkt
1 Punkte: Frei von Stereotypen,Vorurteilen, Klischees und Rassismus
1 Punkte: Cover und Titel stimmen mit dem Inhalt überein
Sieben von zwölf Punkten.

________________
Vertraue auf dein Herz.
Denn dann gehst du niemals allein.
(Temple Grandin)

Gelesene Bücher 2019: 26
Gelesene Bücher 2018: 60
Gelesene Bücher 2017: 60
Gelesene Bücher 2016: 72
Gelesene Bücher 2015: 72
Gelesene Bücher 2014: 88
Gelesene Bücher 2013: 81
Gelesene Bücher 2012: 94
Gelesene Bücher 2011: 86

Der Mensch ist mehr als nur die biologische Erbmasse.
Er ist, was er innerlich denkt und fühlt.
(M. P.)

Die Herkunft eines Menschen
Die Wurzeltheorie verdammt Menschen zu ewigen Ausländer*innen, nur weil sie eine andere Hautfarbe, eine andere Religion oder einen anderen Namen tragen. Die meisten haben ihre Wurzeln dort geschlagen, wo sie geboren wurden und / oder dort, wo sie ihr ganzes Leben zugebracht haben.
Es lebe die Vielfalt.
(M. P.)

Freitag, 1. März 2019

Ferdinand von Schirach / Verbrechen

Lesen mit Tina

Klappentext
Die Wahrheit. Nichts als die Wahrheit.
Ferdinand von Schirach hat es in seinem Beruf alltäglich mit Menschen zu tun, die Extremes getan oder erlebt haben. Das Ungeheuerliche ist bei ihm der Normalfall. Er vertritt Unschuldige, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten, ebenso wie Schwerstkriminelle. Deren Geschichten erzählt er – lakonisch wie ein Raymond Carver und gerade deswegen mit unfassbarer Wucht.

Autorenporträt
Der SPIEGEL nannte ihn einen »großartigen Erzähler«, die NEW YORK TIMES einen »außergewöhnlichen Stilisten«, der INDEPENDENT verglich ihn mit Kafka und Kleist, der DAILY TELEGRAPH schrieb, er sei »eine der markantesten Stimmen der europäischen Literatur«. Ferdinand von Schirachs Erzählungsbände »Verbrechen« und »Schuld« und seine Romane »Der Fall Collini« und »Tabu« wurden zu millionenfach verkauften internationalen Bestsellern, die bisher in mehr als 40 Ländern erschienen sind. Sein erstes Theaterstück »Terror« wurde parallel am Deutschen Theater Berlin und am Schauspiel Frankfurt uraufgeführt. Schirach wurde mit mehreren – auch internationalen – Literaturpreisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Kleist-Preis. Seinen Erfolg erklärt die französische LIBÉRATION so: »Schirachs Meisterleistung ist, uns zu zeigen, dass – egal wie monströs dessen Taten zunächst scheinen mögen – ein Mensch doch immer ein Mensch ist.« Ferdinand von Schirach lebt in Berlin.

Meine ersten Leseeindrücke

Leider musste ich das Buch wieder abbrechen, da es mir zu gewaltträchtig ist und noch dazu viel zu blutrünstig. Ich finde es sehr schade, da mir der Schreibstil sehr gut gefällt. Aber ich habe keine Lust, meine Seele mit diesen grausamen Geschichten zu füllen. Es gibt genug Gewalt auf der Welt, ich muss sie nicht noch literarisch haben.

Sicher schreibt Schirach Geschichten als Jurist aus seiner Berufspraxis. Ich muss aber nicht überall Bescheid wissen, wie es auf der Welt an Grausamkeiten zugeht. Ich habe wirklich hohen Respekt vor Menschen, die sich dieser Materie annehmen. 

Eine Geschichte habe ich geschafft, eine zweite nicht mehr.

Tina findet den Schreibstil ein wenig reserviert, und auch ihr hatte die Gewalt ein wenig zugesetzt, aber sie hat ausgehalten. Tina ist verglichen zu mir eine echte Krimileserin, während ich Krimis nur sehr selten lese. Die Geschichten hinter der Gewalt findet Tina gut.

Hier geht es zu Tinas Buchbesprechung.

Weitere Informationen zu dem Buch

·         Taschenbuch: 246 Seiten
·         Verlag: Piper Taschenbuch (1. September 2011)
·         Sprache: Deutsch, 10,00 €
·         ISBN-10: 3492272436


Sonntag, 4. November 2018

Ian McEwan / Nussschale (1)

Lesen mit Monerl
Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre   

Mein fünfter McEwan. Doch leider hat mich dieser so gar nicht überzeugen können, während die anderen vier alle phänomenal waren. Doch was wollte McEwan mit diesem Buch bezwecken? Was wollte er uns Leser*innen sagen? Was ist seine Botschaft? Ehrlich gesagt weiß ich das nicht. Ich bin etwas enttäuscht, da meine Erwartungen sich dieses Mal nicht erfüllen konnten. Wollte McEwan einen Krimi schreiben? Als einen richtigen Krimi konnte ich das Buch nicht begreifen. Politische Ambitionen? Dafür waren mir die paar Thesen zur politischen Weltlage zu oberflächlich. Auf jeden Fall ist das Buch voller Metapher. Hut, Haus, Nussschale, Fötus. Mal schauen, welche Gedanken sich mir während des Schreibens auftun.

Hier geht es zum Klappentext, zum Autorenporträt und zu den Buchdaten.

Die Handlung
Die Handlung wird aus der Sicht eines ungeborenen Kindes erzählt. Der Fötus wird Zeuge, als seine Mutter namens Trudy zusammen mit ihrem neuen Lebensgefährte Claude einen Mord plant. Der Mord soll an Trudys Exmann John Cairncross, an den Vater des Ungeborenen und den Bruder von Claude, verübt werden. Motiv: reine Raffgier. John soll weg, damit das Haus, eine alte Villa, das von Zerfall bedroht ist, verkauft werden kann. Mit dem Geld möchten sich Trudy und Claude eine neue Existenz aufbauen. Das Ungeborene? Soll nach der Geburt weggeben werden, weil Claude das so möchte. Trudy lebt mit Claude in der alten Villa und steht kurz vor der Geburt des Kindes.
Der Fötus ist entsetzt, dass sein Vater getötet werden soll, und gerät so langsam in eine Identitätskrise. Er ist sich bewusst, dass, würde der Mord wie geplant durchgeführt werden, wäre er das Kind einer Mörderin und der Neffe eines Mörders. Das Kind passt so gar nicht in die Pläne dieser beiden Leute und so hofft es insgeheim, dass der Mord misslingt, und der Vater am Leben bleibt. John Cairncross ist ein erfolgloser Dichter und Verleger. Sein Verlag schreibt allerdings rote Zahlen, aus denen er nicht wieder herausfindet. John ist hoch verschuldet und leidet unter einer schweren Depression. Privat quälen ihn massive Eheprobleme … All dies erfährt man von dem ungeborenen Kind, das mit seinen Ohren alles mitbekommt, was draußen, außerhalb des Mutterleibs, gesprochen wird.

Das Kind selbst empfindet existenzielle Sorgen, bekommt Ängste, ungewollt auf die Welt zu kommen, aber auch Angst, im Mutterleib umzukommen.
Meine Gedanken drehen sich mit der Welt meiner Mutter. Die Ablehnung seitens meines Vaters, sein mögliches Schicksal, meine Verantwortung dafür, dass mein eigenes Schicksal, meine Unfähigkeit zu handeln oder ihn zu warnen. (…) Mir fällt kein Plan ein, kein plausibler Weg zu einem dankbaren Glück. Ich wünschte, ich würde nie geboren. (2016, 111f)

Die Beziehung mit Claude ist aber auch nicht das, was sich Trudy erhofft hatte und fängt an, an der Beziehung zu zweifeln, als der Mord getätigt wurde. Sie fühlt sich als Frau von Claude nicht wirklich ernst genommen …

Auch der Fötus hat Pläne. Wünscht sich ein langes Leben, um mitzuerleben, wie sich die aktuelle, politische Weltlage in Zukunft, bis ins Jahr 2099, weiter entwickeln wird.

Das Schreibkonzept
Der Roman besteht auf den 277 Seiten aus zwanzig Kapiteln und wird aus der Ichperspektive eines Fötus erzählt.

Nussschale (detebe)Cover und Buchtitel?  
Finde ich beides gut getroffen. Vor allem der Buchtitel brachte mich zum Nachdenken und fand auf Seite 93 folgendes Zitat:
In eine Nussschale eingesperrt sein und zwei Zoll Elfenbein oder einem Sandkorn die ganze Welt sehen. Warum nicht, wenn alle Literatur, alle Kunst, alles menschliche Trachten nur ein Staubkorn im Universum des Möglichen ist. Wenn selbst dieses Universum vielleicht nur ein Staubkorn in einer Vielzahl möglicher und tatsächlicher Universen ist.

Mich erinnert diese Vorstellung an die menschliche Zelle, oder an den Samen einer Pflanze, die beides so klein sind, und trotzdem alle Informationen in sich trägt, um das zu werden, was es werden soll.

Meine Identifikationsfigur
Keine.

Meine Meinung
Auch wenn ich die vielen Symbole in Betracht ziehe, mir die Sinnhaftigkeit dieser Geschichte philosophisch daraus erschließe, konnte mich das Buch noch immer nicht überzeugen. Es hat nicht meinen Geschmack getroffen. Ich fand den Stoff viel zu trocken und immer aus der Perspektive eines ungeborenen Kindes erzählt, hat mich definitiv gelangweilt.

Mein Fazit?
Ab und zu den alten Hut lüften, dadurch neue Gedanken und Einsichten einlassen … Wichtige Lebensentscheidungen nicht immer aus dem Bauch heraus fällen, aber dennoch auf die innere Stimme hören … Den Mord an John habe ich symbolisch mit einem gewaltvollen Ende einer Lebenssituation assoziiert. Dadurch, dass Trudy schwanger ist, steht für mich die Schwangerschaft für geplante Projekte, die reifen müssen.

Lesen mit Monerl
Monerl hatte eine ähnliche Meinung wie ich. Wir wussten beide nicht, was der Autor mit seiner Geschichte bezwecken wollte, was er seinen Leser*innen sagen möchte. Ich selbst bin von dem Genre Krimi abgekommen, als ich mir die vielen Symbole angeschaut habe. Ich habe das gelesene Buch über Nacht reifen lassen und so konnte ich heute im Laufe des Tages Assoziationen zu der Geschichte und den Metaphern entwickeln. Aber lieb gewonnen habe ich den Roman noch immer nicht.

Wenn Monerl ihre Rezension freigeschaltet hat, verlinke ich meine mit ihrer. Hier ist die Verlinkung. 

Meine Bewertung
2 Punkte: Sprachlicher Ausdruck (Anspruchsvoll, keine saloppe Schreibweise)
1 Punkte: Differenzierte Charaktere
1 Punkte: Authentizität der Geschichte
1 Punkte: Fantasievoll, ohne dass es kitschig oder zu sentimental wirkt
2 Punkte: Frei von Stereotypen, Vorurteilen, Klischees und Rassismus
2 Punkte: Cover und Titel stimmen mit dem Inhalt überein
9 von 12 Punkten

Vielen Dank an den Diogenes - Verlag für das Bereitstellen des Leseexemplars.
________________
Entscheidend ist nicht, dass die Liebe überdauert. 
Entscheidend ist, dass es sie gibt.
(Ian McEwan)

Gelesene Bücher 2018: 46
Gelesene Bücher 2016: 72
Gelesene Bücher 2015: 72
Gelesene Bücher 2014: 88
Gelesene Bücher 2013: 81
Gelesene Bücher 2012: 94
Gelesene Bücher 2011: 86


Sonntag, 16. September 2018

Paul Auster / Stadt aus Glas (1)

Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre   

Das Buch fand ich anfangs superinteressant und spannend, aber später, ab der hundertsten Seite, verlor ich immer mehr den roten Faden.

Auf der ersten Seite ist gleich zu entnehmen, dass die Geschichte selbst, die hier später erzählt wird, ein Problem sei, da der Erzähler nicht wisse, ob die Geschichte etwas zu bedeuten habe. Das Buch hat surreale Züge, und ich nehme Paul Auster ernst, wenn er so etwas gleich auf der ersten Seite schreibt.

Ich glaube, Paul Auster treibt mit seinen Leser*innen ein Spiel, ein Sinn und ein Verwirrspiel.

Hier geht es zum Klappentext und zu den Buchdaten.

Die Handlung
Man bekommt es auf den ersten Seiten mit dem 35-jährigen Daniel Quinn zu tun. Daniel Quinn schreibt unter dem Pseudonym William Wilson Detektivromane ... Er besaß eine Familie, seine Frau und sein Sohn sind allerdings nicht mehr am Leben ... Was Daniel Quinn am liebsten tut, ist Gehen. Ohne ein bestimmtes Ziel lässt er sich von seinen Beinen treiben … Er lebt in New York und führt ein recht einsames Leben. Die Figuren William Wilson und Daniel Quinn scheinen eine Verschmelzung zwischen fiktiver und realer Person zu ergeben. Später bekommt man es noch mit einer dritten Identität zu tun, mit der imaginären Figur Max Work, der Erzähler seiner Detektivromane. Auster nennt es die Dreiheit in einer Person. Wilson dient als Bauchredner, Quinn stellt die Puppe dar, und Work ist die belebte Stimme. Wilson blieb für Quinn nur eine abstrakte Figur, während er Work in seiner Einsamkeit als seinen inneren Bruder, als seinen inneren Gefährten betrachtet. Quinn hatte vor einiger Zeit aufgehört, sich selbst für wirklich zu halten.

Weil diese drei Identitäten nicht ausreichen, kommt noch eine vierte hinzu. Paul Auster selbst. Dies aber war nicht von Quinn beabsichtigt, da er zu dieser Figur gezwungen wurde.

Eines Tages bekommt er einen Anruf von einer Frau, die einen Privatdetektiven namens Paul Auster sucht … Daniel Quinn hatte keine Chance, der Dame zu sagen, dass er nicht Auster war. Sie ließ sich nicht abwimmeln, so blieb Quinn nichts anderes übrig, als in diese Rolle des Austers zu schlüpfen und den Privatdetektiven zu spielen …

Er lernt später die Dame kennen, Virginia Stillman, die mit dem geistig retardierten Peter Stillman verheiratet ist. Peter ist von seinem Vater, der auch Peter heißt, schwer misshandelt worden. Mit zwei Jahren starb seine Mutter, womit der Vater nicht zurechtgekommen ist und schloss seinen Sohn neun Jahre lang in ein Zimmer ein und blieb von der Außenwelt abgeschnitten, sodass Peter sich seelisch und geistig nicht weiter entwickeln konnte. Mich erinnerte diese Szene an Casper Hauser, der in der Gesellschaft nicht sozialisiert wurde und Defizite in der Körperhaltung, kognitiv und emotional entwickelt hatte. Wie Caspar Hauser war auch Peter Stillman nach seiner Freilassung in der geistigen, seelischen und körperlichen Entwicklung zurückgeblieben ...

Peters Vater wurde verhaftet, der Sohn kam in ein Heim, und seine Krankenschwester namens Virginia hatte Mitleid mit Peter und so heiratete sie ihn, als er erwachsen wurde, um ihn zu beschützen. Der Vater sollte nach 15 Jahren Haft entlassen werden, und beide, sowohl Virginia als auch Peter haben Angst, er könnte sich an seinen Sohn für die Verurteilung rächen.

Virginia und Peter geben Paul Auster den Auftrag, den Vater Peter Stillman nach der Freilassung aufzuspüren, um herauszufinden, welche Ziele er verfolgen werde, und ob er eine Bedrohung für den Sohn darstellen würde.

Das Schreibkonzept
Darüber gibt es nicht viel zu sagen. Es gibt einen Erzähler, der diese Geschichte mit Quinn und den anderen Protagonisten beschreibt.

Cover und Buchtitel? 
Dieses Buch stammt aus der New York – Trilogie. Es geht demnach noch mit Band zwei und Band drei weiter. Aber ich bin jetzt richtig abgeschreckt und lasse es mit dem ersten Band bewenden, zumal die Geschichten abgeschlossen sind. Ich denke, dass der zweite und der dritte Band neue Themen behandeln werden.
Buchcover und Buchtitel finde ich beides schön. Stadt aus Glas hat etwas Fragiles, so wie auch die daraus hervorgehenden Figuren habe ich in ihren Charakteren alle als sehr zerbrechlich erlebt.

Identifikationsfigur
Keine

Meine Meinung
Ich fand das Buch sehr verwirrend. Von Tina habe ich erfahren, dass das Buch autobiografische Züge aufweist. Außerdem sei dies Austers erstes Buch und zeigte sich damit auch extrem experimentierfreudig. Dann hatte Auster Glück, dass seine ersten drei Bücher von den Verlagen angenommen wurden. Dieses Glück hat nicht jeder junge Autor.
Ich hätte mir gewünscht, Auster wäre bei seinen Themen geblieben, die er anfangs angeschnitten hatte. 

Mein Fazit?
Ich bin noch immer der Meinung, Auster hat sich mit uns Leser*innen ein Spiel erlaubt.

Meine Bewertung
Eine Buchbewertung werde ich hier nicht vornehmen können.

Hier geht es zur Leserunde auf Whatschareadin.
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Gelesene Bücher 2018: 39
Gelesene Bücher 2016: 72
Gelesene Bücher 2015: 72
Gelesene Bücher 2014: 88
Gelesene Bücher 2013: 81
Gelesene Bücher 2012: 94
Gelesene Bücher 2011: 86