
Dieses Buch hat mich
von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt. Ich konnte nicht mehr aufhören
zu lesen. Dieser Autor passt wunderbar in mein Leseprojekt Italienische Autor*innen. Frei von Stereotypen und Klischees, dafür
aber mit psychologischem Tiefgang. Auch die äußere Beschreibung der Figuren hat
gepasst. Rothaarig, blond, schwarzhaarig und hellhäutig, so wie ich es von
meinen eigenen Familienmitgliedern väterlicher und mütterlicherseits her kenne,
die sogar noch aus dem Süden Italiens kommen. In der deutschen Literatur werden die Italiener*innen immer als schwarzhaarig und dunkelhäutig beschrieben. Eine total verzerrte Wahrnehmung.
Anfangs hatte mich die
Geschichte etwas an die von Paolo Cognetti Acht
Berge erinnert, denn auch hier geht es um die Vater-Sohn-Beziehung. Und
beide Geschichten stammen aus der Bergregion Veneto.
Hier geht es zum Buchcover, Klappentext, Autorenporträt, zu meinen ersten
Leseeindrücken und zu den Buchdaten.
Die Handlung
Auf den ersten Seiten bekommt man es mit einem kleinen Jungen zu tun, den
zwölfjährigen Domenico, der zu Hause nach der Schule den Haushalt schmeißt und das Abendessen für
sich und seinen Vater zubereitet, auf dem Feld mithilft, und die Tiere versorgt.
Domenico ist eine Halbwaise, seine Mutter kam in der Arbeit auf dem Feld durch
einen Unfall ums Leben. Domenicos Vater Pietro Sieff hat diesen Verlust nicht verwinden
können, und verfällt seit diesem Unglück jeden Abend in einer Kneipe dem
Alkohol und kommt betrunken nach Hause. Die Beziehung zu seinem Sohn kühlt
merklich ab. Er lässt seine miese Stimmung an dem Sohn aus, nicht selten
versetzt er ihm auch Ohrfeigen, wenn der Junge nicht spurt, wie er es gerne
hätte. Domenico vermisst schmerzlichst seine Mutter, aber auch den Vater, der
sich verändert hat.
Domenico langweilt sich. Der Alltag nach der Schule kommt ihm monoton vor,
verbringt ihn meist allein und träumt von den Abenteuern Tom Sawyers. Verliebt
ist der Junge in Maria aus seiner Klasse, die ein Jahr älter ist und nur Augen
für ältere Jungen hat. Er träumt davon, mit ihr zusammen an den Fluss zu gehen
und mit ihm Fische zu angeln.
Domenico besucht die siebte Klasse einer Mittelschule und wünscht sich, danach
auf eine weiterführende Schule zu gehen, um eines Tages Abitur machen zu können,
damit er studieren kann. Bis zum
Ende der achten Klasse besuchen die Kinder alle die Mittelschule. Danach ist
die Schulpflicht erfüllt. Domenico gehört zu den Besten in seiner Klasse, nur
der Vater durchkreuzt seine schulischen Pläne, und honoriert ihm die guten schulischen
Leistungen nicht an. Er wartet, bis Domenico die Schulpflicht erfüllt hat, um
ihn anschließend von der Schule zu nehmen.
Der Vater ist von Beruf Tischler und betreibt eine eigene Werkstatt.
In dem Dorf wird die Gemeinde von einem Dolomitenbraunbären heimgesucht,
der die Bewohner*innen in Angst und Schrecken versetzt. Sie bezeichnen den
Bären als einen Sohn des Teufels, da er kein gewöhnlicher Bär sei. Wer ihm über
den Weg laufen würde, dem würde er Unglück bringen.
In der Kneipe wird rege über diesen sogenannten satanischen Bären
gesprochen, als Pietro sich breitschlagen ließ, in die Berge zu ziehen, um den
Bären eigenständig zu erlegen.
Der Lebensmittelhändler Mario Crepaz bot im Beisein von Zeugen an, Pietro
eine Million Lire auszuzahlen, sollte er es tatsächlich schaffen, das Raubtier
zu töten.
Tags darauf begibt sich Pietro zusammen mit seinem Filius auf eine mehrtägige
Wanderschaft in die Wälder der Berge. Ausgerüstet auch mit zwei Gewehren und Munition.
Während dieser Wanderschaft bringt Pietro seinem Sohn das Schießen bei und
spricht ihm Mut zu.
Auf den Bergen verbringt auch ein alter deutscher Eremit namens Pepi Zelger
seine Lebenszeit, hat sich vor vielen Jahren von der Gesellschaft abgewendet. Pepi
Zelger ist mit Pietro befreundet. Der Freund weiß, wo sich der Bär aufhält, rät
aber Pietro ab, ihn zu jagen, da er damit sein eigenes Leben und das Leben
seines Jungen gefährden würde ...
Die Handlung spielt sich im Herbst des Jahres 1963 ab.
Eine Szene, die mir besonders gefallen hat
Es waren mehrere Szenen, die mich beeindruckt haben. Mich hat im Laufe
der Geschichte die Beziehung zwischen Vater und Sohn berührt. Aber auch die
Freundschaft des Eremiten, wie er dem Jungen gegenübergetreten ist, hat mir imponiert.
Warm und herzlich, unterstützend, hilfsbereit. (Leider kann ich diese Begebenheiten
nur andeuten, um nicht zu viel zu verraten).
Eine Szene, die mir nicht gefallen hat
Es gibt keine. Jede Szene war gut und keine zu viel. Sie waren alle gut
in die Geschichte gepackt.
Zum Schreibkonzept
Auf den 169 Seiten ist die Handlung in 63 Kapiteln gegliedert. Auf der
ersten Seite ist ein wunderschönes Zitat von Ernest Hemingway abgedruckt. Dieses
Zitat muss man nach dem Lesen des Buches nochmals lesen, denn erst dann ergibt
dieser Vers einen Sinn, wenn man die Hintergründe kennt.
Der Schreibtstil ist genial, mit dem mich der Autor gepackt hat. Keine
Zeile ist zu viel, keine zu wenig. Er hat es sehr gut drauf, Spannung zu
erzeugen und sie bis zur letzten Seite zu halten.
Cover und Buchtitel
Meine Identifikationsfigur
Mir hat die Geschichte trotzdem gut gefallen, auch wenn ich jetzt keine
Figur hatte, mit der ich mich identifizieren konnte. Aber Domenico erinnerte
mich hier in Deutschland an mein eigenes Schulerlebnis mit meinem Vater. Wenn
ich eine gute Note, eine Zwei, nach Hause brachte, und ich sie meinem Vater
zeigte, dann fragte er mich, ob es in der Klasse auch Einser gab? Ich bejahte.
Dann sagte er, ich solle auf die schauen, die besser seien als ich, und nicht
auf die, die schlechter seien ...
Eine weitere Ähnlichkeit mit Domenico: Ich war auch ein Kind mit vielen
Tagträumen.
Meine Meinung
Sich einen Bären aufbinden
lassen, das waren die Gedanken, die ich anfangs hatte, als die Bewohner*innen
von dem Satans-Bären sprachen, und sie ihn dadurch töten mussten, weil sie
einen bösen Fluch fürchteten. Armer Bär, arme Tiere, die von den Menschen aus
den verschiedensten Gründen getötet werden. Ich denke dabei auch hier bei uns
an den Bären namens Bruno zurück, der in Bayern 2006 ganz real von den Jägern erschossen
wurde.
Mein Fazit
Eine sehr spannende, bewegende und sehr nachdenklich machende Lektüre.
Meine Bewertung
2 Punkte:
Sprachlicher Ausdruck (Anspruchsvoll, keine saloppe Schreibweise)
2 Punkte: Differenzierte Charaktere 2 Punkte: Authentizität der Geschichte 2 Punkte: Fantasievoll, ohne dass es kitschig oder zu sentimental wirkt 2 Punkte: Frei von Stereotypen, Vorurteilen, Klischees und Rassismus
2 Punkte: Cover, Titel
und Klappentext stimmen mit dem Inhalt überein
|
12 von 12 Punkten
Vielen Dank an den Verlag von Blessing für das zur Verfügung gestellte
Leseexemplar.
Vertraue auf dein Herz.
Denn dann gehst du niemals allein.
(Temple Grandin)
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