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Freitag, 24. Januar 2020

Leena Lander / Die Gesichter des Meeres

Klappentext  
Kingstown, Heiligabend 1895. Vor der Küste Irlands läuft ein Frachter auf Grund. Während die Schiffbrüchigen auf Hilfe warten, kommen die Seenotretter in den eisigen Wellen ums Leben. Die Bewohner der Hafenstadt sind traumatisiert. Der 13-jährige Matias, der an Bord des havarierten Frachters war, findet sich in den hilfsbereiten Händen der Einheimischen wieder – und mitten im Strudel der Ermittlungen…
Über 100 Jahre später, auf den Spuren ihrer Vergangenheit, offenbart sich einer Schriftstellerin aus Finnland ein unbekannter Teil ihrer Familiengeschichte.

Autorenporträt
Leena Lander, geboren 1955, ist eine der international bekanntesten und erfolgreichsten Schriftstellerinnen der finnischen Gegenwartsliteratur. Ihre Bücher wurden in mehr als 20 Sprachen übersetzt und vielfach mit Preisen ausgezeichnet. Die Verfilmungen ihrer Romane »Die Insel der schwarzen Schmetterlinge« und »Die Unbeugsame« waren in Finnland große Erfolge. Leena Lander lebt mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Hannu Raittila, im Südwesten von Finnland in der Nähe von Turku.

Kurze Buchbesprechung
Leider hat mir das Buch so gar nicht zugesagt. Ich habe schnell den roten Faden verloren. Es waren zu viele Details, die man sich hätte sparen können. Wenig Spannung, viel zu flach vom Erzählstil. Fast sechshundert Seiten über ein Schiff namens Palme, das schon auf den ersten Seiten vor der Küste von Kingstown gekentert ist. Die Insassen wurden gerettet, aber die 15 Seenotretter kamen durch die eisigen Wellen ums Leben. Wie geht es den zurückgebliebenen Familien, die ihren geliebten Mann / Vater verloren haben? Doch nicht alle Leichen konnte geborgen werden, sodass die kleine Sarah nicht wahrhaben konnte, dass ihr Vater zu den Verunglückten gehört und wartet hoffnungsvoll auf seine Rückkehr. Die Handlung beginnt in Irland am Heiligabend 1895. Rückblickend wird eruiert, wer für das Schiffsunglück zur Rechenschaft hinzugezogen werden kann.

Es gibt zwei Zeitstränge, die im Wechsel voneinander abgelöst werden.

Der zweite Erzählstrang führt uns in die Gegenwart. 2012 recherchiert eine finnische Schriftstellerin über den Untergang der Palme. Dieser Erzählpart hätte man sich allerdings sparen können. Hat einfach nicht gepasst und hat von der eigentlichen Thematik eher abgelenkt, da man auch hier mit zu vielen Details und Geschichten erschlagen wird.

Mein Fazit
Mir hätte es vollkommen gereicht, wenn man die Gegenwart weggelassen hätte. Vielleicht hätte mir das Buch mehr zugesagt. Aber so hat es mich, wie es ist, leider nicht überzeugen können, was ich sehr, sehr schade finde.

Hier geht es zu der Verlagsseite von btb, Randomhouse.

Ein herzliches Dankeschön an den btb Verlag für das Leseexemplar.

________________
Es geht nicht um den Verstand,
es kommt alles aus dem Herzen.
(Tracy Barone)

Gelesene Bücher 2020: 03
Gelesene Bücher 2019: 29
Gelesene Bücher 2018: 60
Gelesene Bücher 2017: 60
Gelesene Bücher 2016: 72
Gelesene Bücher 2015: 72
Gelesene Bücher 2014: 88
Gelesene Bücher 2013: 81
Gelesene Bücher 2012: 94

Samstag, 14. Dezember 2019

Tracy Barone / Das wilde Leben der Cheri Matzner (1)

@ Canva / Pixabay
Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre  

Gleich vorneweg gesagt; das Buch ist dermaßen interessant geschrieben, dass ich Mühe hatte, es für eine Lesepause mal wegzulegen. Jede Figur war faszinierend, so viel Facette, so viele Geschichten in einer einzigartigen Familie, die sich in keine Schublade pressen lässt. 

Hier geht es zum Klappentext, zu den ersten Leseeindrücken und zu den Buchdaten.

Die Handlung
Die 16-Jährige drogenabhängige Miriam bringt in einem Armenkrankenhaus ein Kind zur Welt. Gleich nach der Geburt befreit sich Miriam von ihrer Infusion, verlässt die Klinik und lässt aber ihr Kind zurück. Der gleichaltrige Billy Beal, der in der Klinik Sozialstunden ableistet, nimmt das Kind zu sich, um es nach Hause zu den Eltern zu bringen. Billys Mutter versorgt das Kind, bis eine neue Elternschaft gefunden werden konnte. Es ist das Jahr 1962, im August.

Die Uhr um ein paar Jahre zurückgedreht, Ende der 1959er Jahre, lernen wir die Italienerin Carlotta D´Ameri kennen, Kurzform Cici, die in Varese aufgewachsen ist. Auf einer Mailänder Messe lernt sie ihren zukünftigen 32- Jährigen jüdischen Mann Solomon Matzner kennen, Amerikaner und der von Beruf Doktor der Medizin ist. Es scheint Liebe auf den ersten Blick zu sein, beide fühlen sich wie magisch zueinander hingezogen. Cici ist erst 18 Jahre alt, als sie sich bereit erklärt, nach großen familiären Konflikten durch den Stiefvater ihre Familie und ihr Land zu verlassen, um mit Solomon nach Amerika auszuwandern, damit sie dort mit ihm ein neues und glücklicheres Leben beginnen kann. Innerlich klagt Cici ihre Mutter an, die nach dem Tod ihres geliebten Vaters mit einem anderen Mann eine Zweckehe eingegangen ist.

Anfang der 1962er Jahre wird die junge Cici schwanger und freut sich auf ihr Kind. Doch leider stellen sich ihr im August 1962 schwere Komplikationen ein und musste notoperiert werden. Das Kind wurde chirurgisch geholt, aber es starb wenige Stunden danach im Brutkasten. Dazu kommt, dass Cici die gesamte Gebärmutter entfernt bekommen hat, und sie keine eigenen Kinder mehr bekommen kann. Sie erleidet einen schweren psychischen Zusammenbruch, als ihr die schlechten Nachrichten übermittelt wurden.

Zuhause igelt sich Cici ein, und verweigert jeglichen Kontakt zur Außenwelt und zu ihrem Mann. Durch ihren tiefen seelischen Schmerz neigt sie zu Autoaggressionen. Solomon erträgt es nicht, und versucht seiner Frau zu helfen, indem er ihr ein Kind kauft.

Es ist das Kind von Miriam, an das er durch einen guten Anwalt kommt. Die Familie Beal erhält Geld für das Baby, und das nicht zu knapp. Solomon tut alles, um seine geliebte Frau wieder zurückzubekommen. Und tatsächlich, das Kind bringt eine Wende in Cicis Leben, doch aber nicht für Solomon. Durch den Verlust ihres eigenen Kindes erdrückt Cici das Adoptivkind mit all ihrer Liebe. Sie lebt nur noch für das Kind und vernachlässigt dabei ihren Ehemann. Neue Konflikte sind dadurch vorprogrammiert. 
Du bist nicht nur Mutter, du bist auch Ehefrau. Ich war zuerst da, und ich sollte an erster Stelle stehen. (2019, 231)

Solomon macht die bittere Erkenntnis, dass man Glück nicht kaufen kann. Das Mädchen bekommt den Namen Cheri, und es spürt recht früh, dass in ihrer Familie etwas nicht stimmt. Solomon baut eine recht kühle Beziehung zu ihr auf. Unbewusst macht er sie für den Liebesverlust seiner Frau verantwortlich. 

Solomon hat eine ganz andere Vorstellung von Familie:
Sol träumt von einer Verwandtschaft wie die der Filmfamilie Cleaver, wo Streitigkeiten mit Händedruck und Versprechen begraben werden, an die man sich hält. Verwandte, die mit herzhaftem Essen vor der Tür stehen und nicht die Taktlosigkeit besitzen, alle paar Sekunden zu fragen, wie es einem geht. (65)
Und von der Mutterliebe fühlt sich Cheri erdrückt ... 
Auf einem Italienausflug zu Cicis Familie erfährt Cheri im Alter von acht Jahren rein zufällig, dass sie ein Adoptivkind ist.

Im Laufe ihrer Jugend begibt sich Cheri durch die Konflikte ihrer Eltern immer wieder in eine stille Rebellion. Sie lehnt das spießige Leben ihrer Eltern ab und flieht immer mehr in ihre eigene Welt. Sie fängt an, sich für Menschen zu interessieren, die keinen geraden Weg gehen, wie z. B. Junkies, Prostituierte, Kriminelle, etc., da Cheri dieses überpriviligierte Leben ihrer Eltern einfach nur satthat. Später ergreift sie den Beruf als Polizistin und glaubt, dies gegenüber ihren Eltern aus einer Protestreaktion heraus tun zu müssen. Später studiert sie Religionswissenschaften und altorientalische Philologien und bringt es mit Ende dreißig zu einer Professorenstelle, in der sie sich als Frau allerdings schwer durchschlagen muss …

Cheri führt eine Ehe mit Michael, der zwanzig Jahre älter ist und der auch seine eigenen Wege zu gehen scheint. Kinder konnten sie trotz medizinischer Hilfen nicht bekommen, und so blieb der Kinderwunsch unerfüllt, wobei Cheri gar nicht weiß, ob sie wirklich Kinder haben wollte. Cheri führt einen lebenslangen Kampf mit ihrem Leben, mit ihrer Identität und begibt sich auf eine lange Suche nach einem Platz in dieser Welt. Sie glaubt, dass die Weichen dieses Kämpferlebens schon in der Kindheit durch ihre Adoptiveltern gelegt wurden.

In ihrer Kindheit, als sie erfuhr, dass sie ein Adoptivkind ist, fing sie an, ihre leiblichen Eltern zu idealisieren. Die Suche nach diesen fand aber erst sehr viel später statt …

Welche Szenen haben mir nicht gefallen?
Der Rassismus wurde in allen Breiten deutlich, mal eher latent und mal ganz offensichtlich. Cici, die als junges Mädchen sich im Nebensatz abfällig über Sizilianer*innen geäußert hat, erinnert nochmals an den Rassismus, den Italien mit seinen eigenen Landsleuten zwischen Nord und Süd begeht, der von der italienischen Regierung bis heute noch weiter forciert wird. Und dann sind in Amerika Solomos Eltern, die ihn aus der Familie verstoßen hatte, da er zum Katholizismus konvertiert ist und eine Schickse geheiratet hat. Nicht zu vergessen Cookie, eine schwarze Bedienstete der Matzners, die für wenig Geld in den Dienst dieser Familie getreten ist, wobei Cookie noch Glück hatte, da Solomon ihr im Alter eine Rente zugesichert hatte. Und auch der Rassismus gegen Juden musste Cheri in der Arbeit bei der Polizei immer wieder über sich ergehen lassen.
Cheri war es gewohnt, für eine Jüdin gehalten zu werden. In ihrem früheren Leben als Polizistin (…) hatte man sie als >Bagel-Schlampe< und Schlimmeres verhöhnt, doch sie hatte darauf verzichtet, sich damit zu wehren, dass sie keine Jüdin sei. Dies hätte impliziert, dass der Antisemitismus ihrer Kollegen nur deshalb verwerflich war, weil er auf falschen Annahmen über ihre Person beruhte. (125)

Des Weiteren fand ich eine Szene mit Cicis Stiefvater dermaßen brutal, dass sie mich noch lange beschäftigt hat. Der Stiefvater betritt ohne Begrüßung den Raum, in dem sich die achtjährige Cheri ohne ihre Mutter befand. Er ging auf das Kind zu, packt es an der Schulter, und ohne sich ihr vorzustellen weist er ihr gestikulierend, mit ihm mitzukommen. Er händigt Cheri eine Kinderpistole aus. Er nahm Cheri mit auf die Jagd. Sie musste mit ihm ohne Pause einen langen Waldweg zurücklegen. Der Großvater schoss auf Vögeln und zeigte dem Kind die Technik, bis es die Anweisung erhielt, nun auch auf einen Vogel zu schießen.

Als Cici erfuhr, dass ihr verhasster Stiefvater das Kind mit auf die Jagd nahm, beschimpfte sie ihn, bis sie schließlich mit Cheri verärgert wieder abgereist ist.

Weil Cici wie ein Junge gewirkt hatte, und nicht so adrett wie ein Mädchen gekleidet war, behandelte der alte Mann das Kind auch wie einen Jungen. Er wirkte wortkarg, kalt und hartherzig, so wie damals, als ihre Mutter diesen Mann geheiratet hatte. Aber Cheri fand das ganz toll und war stolz, dass sie einen Vogel erlegen durfte und sie die harte Tortur hat über sich ergehen lassen können, ohne schlapp gemacht zu haben.

Aber Vorsicht, nun bitte nicht mit dem Zeigefinger auf Italien zeigen, das angeblich auf ihre traditionellen Rollenmuster bestehen würde. Wir befinden uns hier Anfang der 1970er Jahre. Ich selbst war auch in diesem Alter wie ein Junge gekleidet, und ich wurde deshalb an meiner deutschen Grundschule diskriminiert. Als wir in den Sommerferien für sechs Wochen nach Italien gereist sind, hat mich niemand meines Aussehens wegen beschimpft.

Welche Szenen haben mir besonders gut gefallen?
Darüber musste ich lange nachdenken. Beeindruckt haben mich Szenen der Selbsterkenntnis, die auch bei Cici erfolgt sind.
Sie hatte einen so großen Teil ihrer Liebe und Energie in die Mutterschaft investiert, weil sie es besser machen wollte als ihre Mama. Sie hatte nur ein Kind und glaubte, es sei genügend Platz in ihrem Herzen. Aber es war nicht genug für Sol übrig geblieben, das ist ihr inzwischen klargeworden. Wie jung sie damals noch war! Und wie ahnungslos. (407)

So wie Cheri innerlich gegen ihre Mutter rebelliert hat, so hegte auch Cici Groll gegen ihre eigene Mutter.
Cicis Papa war gestorben, als sie noch klein war, aber sie erinnerte sich an den Gesichtsausdruck ihrer Mutter an dem Tag, als es geschah, ein Ausdruck, der sagte, dass die Welt niemals wieder dieselbe sein und sich nie wieder sicher anfühlen würde. Sol hatte Cicis Welt sicher gemacht. (410)

Cheri war wütend auf ihre Mutter, da sie sich wirtschaftlich von ihrem Vater abhängig gemacht hat. In diese Fußstapfen wollte Cheri niemals treten und so tut sie alles, um ihr Leben als eine emanzipierte Frau souverän zu meistern und sich niemals von dem Gehalt eines Mannes abhängig machen zu wollen. Sogar in ihrer Ehe gibt es einen Rollentausch, da ihr Mann Michael durch seinen Künstlerberuf sehr wenig verdient hatte.

Welche Figur war für mich eine Sympathieträgerin?
Die schwarze Haushälterin Cookie. Ohne große Bildung ist sie eine so weise Persönlichkeit, die mir wirklich sehr imponiert hat. Sie half Cici und auch Cheri immer mal wieder aus ihren Krisen heraus. Als Cheri psychisch zusammenbricht und in ein tiefes Loch fällt, weil ihr Mann Michael an einem schweren Krebsleiden verstorben ist, konnte Cici, die weit weg von der Tochter wohnte, am Telefon keinen Zugang zu ihr finden, und so beschließt sie, zu ihr zu reisen. Cookie gibt Cici daraufhin folgenden Rat, weil sie Angst hatte, ihre Tochter seelisch nicht erreichen zu können:
Wenn sie nicht reden will, setzt du dich einfach zu ihr und bist still. Dein Kind bleibt immer dein Kind, egal, wie alt es ist. Du sollst da nicht hinfahren, um von dir zu reden, mit den Händen zu fuchteln und rumzujammern. Fahr einfach hin und sei ihre Mutter. (2019, 388)
Welche Figur war mir antipathisch?
Cicis Stiefvater.

Meine Identifikationsfigur
Ich habe mich episodenhaft fast mit jeder Figur identifizieren können. Das macht das Menschsein aus, so denke ich mir. Es ist schon möglich, sich in jedem Menschen zu finden, wenn man nur will.

Cover und Buchtitel
Wer ist die Person auf dem Cover? Eigentlich müsste das Cheri Matzner sein, aber nach meinem Gefühl ist das eher Cici. Cheri habe ich mir nämlich ganz anders vorgestellt. Den Buchtitel finde ich nicht wirklich passend. Ein wildes Leben hat Cheri keineswegs gehabt. Zusammen mit ihren Eltern eher ein sehr, sehr trauriges Leben.

Zum Schreibkonzept
Auf den fünfhundert Seiten befindet sich zu Beginn eine Widmung, auf der darauffolgenden Seite folgt ein Zitat von Leo Tolstoi aus der Anna Karerina. Danach gibt es einen recht kurzen Vorspann im Telegrafenstil zum Geburtstag von Cheri, was sich alles in der Welt an diesem Tag, 5.08.1962, ereignet hat.
Der Roman besteht insgesamt aus vier Teilen. Jeder Teil ist spannend konstruiert, und man wird immer wieder in verschiedene Lebenswelten geführt. Am Schluss wird man wieder im Telefegrafenstil daran erinnert, was sich neben Cheris Geburt an diesem Tag in der Welt ereignet hat. Es gibt einen kurzen Abschlussbericht, was sich für mich wie ein Epilog gelesen hat.

Meine Meinung
Als ich das Buch ausgelesen hatte, gab es viele, viele Eindrücke und Gedanken mehr, die dieses Buch in mir ausgelöst hat, über die ich schreiben wollte. Und viele, viele weitere schöne Zitate wollte ich noch einbringen, und habe mich schließlich dagegen entschieden, um anderen Leser*innen nicht zu viel vorwegzunehmen. Einerseits finde ich es schade, weil ich sehr gerne über meine Eindrücke schreibe, weil es schön ist, später, nach ein paar Jahren, daran erinnert zu werden. Ich schreibe nicht gerne, was andere Rezensent*innen schreiben und ich mag auch nicht von anderen beeinflusst werden. Aus diesem Grund liebe ich persönliche Buchbesprechungen. 

Mein Fazit
Mit diesem Buch wird man erinnert, dass jede Familie anders ist. Jede Familie hat ihre Facetten, ihre eigenen Tabus und Geheimnisse. Sie zu kategorisieren oder sie in eine Schublade pressen zu wollen, das hat auch Cheri irgendwann begriffen, dass man damit nicht weiterkommt, wenn man versuchen will, sie zu verstehen.

Meine Bewertung
2 Punkte: Sprachlicher Ausdruck (Anspruchsvoll, keine saloppe Schreibweise)
2 Punkte: Differenzierte Charaktere
2 Punkte: Authentizität der Geschichte
2 Punkte: Fantasievoll, ohne dass es kitschig oder zu sentimental wirkt
2 Punkte: Frei von Stereotypen,Vorurteilen, Klischees und Rassismus
1 Punkte: Cover und Titel stimmen mit dem Inhalt überein
Elf von zwölf Punkten.

Eine ganz klare Leseempfehlung.

Vielen herzlichen Dank an den Diogenes-Verlag für das Leseexemplar.
________________
Es geht nicht um den Verstand,
es kommt alles aus dem Herzen.
(Tracy Barone)

Gelesene Bücher 2019: 29
Gelesene Bücher 2018: 60
Gelesene Bücher 2017: 60
Gelesene Bücher 2016: 72
Gelesene Bücher 2015: 72
Gelesene Bücher 2014: 88
Gelesene Bücher 2013: 81
Gelesene Bücher 2012: 94
Gelesene Bücher 2011: 86


Der Mensch ist mehr als nur die biologische Erbmasse.
Er ist, was er innerlich denkt und fühlt.
(M. P.)
Die Herkunft eines Menschen
Die Wurzeltheorie verdammt Menschen zu ewigen Ausländer*innen, und dies nur, weil sie eine andere Hautfarbe, eine andere Religion oder einen anderen Namen tragen. Die meisten haben ihre Wurzeln dort geschlagen, wo sie geboren wurden und / oder dort, wo sie ihr ganzes Leben zugebracht haben.
Es lebe die Vielfalt.
(M. P.)



Sonntag, 1. Dezember 2019

Simone Lappert / Der Sprung (1)

Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre 

Mir hat das Buch im Ganzen recht gut gefallen, wenn mich auch vereinzelt ein paar Szenen nicht ganz überzeugen konnten, weil sie mir etwas zu dick aufgetragen erschienen. Mir hat die Sprache sehr gut gefallen und auch der tiefe Blick in die Thematik hat mich innerlich sehr berührt. An manchen wenigen Stellen erwies sich mir die Geschichte etwas zu langatmig, man hätte deutlich abkürzen können. Zwei Figuren haben mitunter nicht dazu gepasst.

Hier geht es zum Klappentext, zu den ersten Leseeindrücken und zu den Buchdaten.

Die Handlung
Gleich zu Beginn der Handlung bekommt man mit, wie an einem heißen Sommertag eine junge Biologin mit dem Kurznamen Manu auf dem Dach eines Mietshauses steht, um einen Suizid zu begehen. Die Handlung spielt in einem kleinen Dorf namens Thalbach. Warum will Manu springen? Was ist passiert? Welche Verzweiflungstat führt sie in diese Handlung? Fragen, die mich gleich zu Beginn beschäftigt haben. Lange bekommt man keine Antwort. Ich musste geduldig abwarten, durch viele Charaktere anderer Figuren wandeln, bis ich erfahren konnte, was mit Manus Psyche tatsächlich los war. Manu ist eigentlich eine recht interessante Persönlichkeit, die verwaiste oder schlecht geführte Pflanzen anderer Leute stiehlt, um ihnen bei sich ein besseres, artgerechteres Zuhause zu schenken. Viele Menschen halten allerdings Manu für verrückt, glotzen sich die Augen aus ihren Köpfen raus, und können den Sprung nicht abwarten, bis er endlich vollzogen wird, denn Manu lässt sich damit viel Zeit. Polizei und Feuerwehr schreiten ein, und je mehr Profis zum Einsatz kommen, desto mehr sollte sich der Sprung in die Länge ziehen. Die Menschen unten schreien ihr böse Worte zu, dass sie z. B. eine Memme sei.
>>Spring doch endlich, du Pussy! (…) Na los, spring runter!<< (154)

Manu wurde immer unsicherer, und fing an, Dachziegel auf die Menschen zu werfen. Selbst die Polizei hat es nicht geschafft, die ganze Sache unter den neugierigen Menschen zu entschärfen, sodass sich der Platz trotz Absperrung immer mehr zu füllen begann ...

Welche Szene hat mir nicht gefallen?
Darunter befanden sich einige Szenen. Aber vor allem hat mir nicht gefallen, dass die Polizei die neugierigen Menschen nicht zu unterbinden wusste. Einige Leute hatten sich auf Klappstühle gesetzt, um nichts von dem Spektakel zu verpassen. Sie zückten Kameras, drehten Videos … Ist das tatsächlich so passiert?

Mir hat auch nicht gefallen, dass die Polizei so ausgerüstet war, als hätte sie es nicht mit einer verzweifelten Person zu tun, sondern mit einer Schwerverbrecherin.
>>Kein Wunder, dass sie Angst hat, runterzukommen. (…) Die sehen ja zum Fürchten aus mit ihren Schildern und Helmen. (229)

Welche Szene hat mir besonders gut gefallen?
Es waren zwei Szenen. Finn, ein junger Mann, der Manu kannte und sie mochte, zeigte Zivilcourage und stellte sich gegen die Lästerer, die Manu für eine Verrückte hielten.
>>Die Verrückten sind immer die anderen, nicht wahr? (…) Findet ihr das geil, da draußen zu hocken und Sandwiches zu essen und Eis und Kekse und euch überlegen zu fühlen und die Ärmel hochzukrempeln, damit ihr beim Gaffen schön braun werdet, he? Findet ihr das geil? Gibt euch das ein gutes Gefühl? Erbärmlich seid ihr, einfach erbärmlich! << (164)

In einer weiteren Szene hat mir die Teenie Winnie gefallen, die einer Gleichaltrigen geholfen hat, ihren Freund auszutricksen, der sie unter Druck setzen wollte. Wenn sie nicht bald mit ihm schlafen würde, würde er ein Foto von ihr, auf dem sie oben ohne abgebildet war, öffentlich ins Netz stellen.  

Welche Figuren waren für mich Sympathieträger*innen?
Das waren für mich Finn und Winnie.

Welche Figuren waren mir antipathisch?
Edna und der Polizeibeamte Blaser.

Aber die beiden italienischen Figuren, die haben gar nicht dazu gepasst. Rennen von Mailand nach Deutschland als Modedesigner einem Hut hinterher, und ich habe nicht herausfinden können, was damit ausgedrückt werden sollte. Während im Fernsehen die Tragik dieser Frau ausgestrahlt wurde, werden die beiden Modedesigner auf einem Mann mit einem besonderen Hut aufmerksam, den sie unbedingt haben mussten. Vielleicht zeigt diese absurde Szene die Banalität im Leben auf, während sich auf der anderen Seite von Welt ein Mensch das Leben nehmen möchte. 

Cover und Buchtitel
Seit ich das Buch habe, also noch vor dem Lesen, habe ich mich gefragt, wer die Figur auf dem Cover sein könnte? Auf jeden Fall nicht Manu, was ich gut finde, sonst würde die Person sich für mich wie ein Stigma anfühlen. Vor ein paar Tagen, auf dem Weg zur Arbeit, kam mir der Gedanke. Für mich hat sich die Figur Achtung Spoiler, als Finn herauskristallisiert.

Zum Schreibkonzept
Auf den 334 Seiten ist die Geschichte folgendermaßen gegliedert:
Das Buch trägt am Anfang eine Widmung. Anschließend gibt es auf der folgenden Seite ein Gedicht von Newton, das sich mit der Schwerkraft beschäftigt. Was tut ein Körper, der fällt?

Das zweite Gedicht von Gnarls Barkley ist auf Englisch, dass die Wahrscheinlichkeit, dass alle Menschen verrückt sind, nicht unwahrscheinlich ist.

Dann geht es mit einem Vorspann weiter, das, was die noch Unbekannte vor dem Sprung auf dem Dach fühlt. Sie spielt den Sprung gedanklich minutiös durch.

Auf der nächsten Seite beginnt das Kapitel mit Der Tag davor. Danach lernen wir die erste Figur namens Felix kennen, der in anderen Abschnitten von vielen anderen Figuren im Wechsel abgelöst wird, aber immer wieder in weiteren Kapiteln in Erscheinung tritt.

Der erste Tag beginnt auf der Seite 65. Auf der Seite 287 setzt sich das Buch mit Zweiter Tag fort. Das Buch endet technisch, wie es begonnen hat. Aber anstelle eines Vorspanns endet es mit einem abschließenden Bericht über den Sprung. Ganz am Schluss gibt es eine Danksagung.

Meine Meinung
Ein wirklich sehr interessantes Buch, das regelrecht nach mehr Mitmenschlichkeit schreit. Auch die Figuren fand ich spannend. Wie oben schon geschrieben, gab es wenige Szenen, die mich kritisch gestimmt hatten, ohne die Glaubwürdigkeit dieser Geschichte schmälern zu wollen. Dass dieser Akt des Sprunges sich über viele Stunden in die Länge zog, ohne dass die Polizei etwas zur Verhinderung beitragen konnte, hat mich ein wenig stutzig werden lassen. Mit etwas geschulter Psychologie schafft man es in der Regel schon, einen Menschen von einem Suizidversuch dieser Art abzuhalten, denn auch die Polizei wird regelmäßig psychologisch gebildet. Schwierig wird es bei Menschen, die ihre Verzweiflungstat ohne großes Nachdenken in die Tat umsetzen. Hierbei würde tatsächlich jede Hilfe zu spät kommen. Aber mit Manu hätte die Polizei fertig werden können. Wie Profis kamen mir die Beamten nicht vor. Unglaublich war für mich auch, dass sich die Gaffer, nachdem sie sahen, dass die Frau sich mit dem Sprung viel Zeit lassen würde, sie sich auf Klappstühlen gemütlich gemacht haben. Das ist eigentlich strafbar. In der Regel unterbindet die Polizei solch ein Verhalten. Zumindest hier in Deutschland. Hat die Autorin das wirklich so erlebt?
Manche hatten sich auf dem Platz gemütlich eingerichtet, die Liegestühle von den Balkonen heruntergetragen, Badetücher und Picknickdecken ausgebreitet. (155)

Warum tun Menschen das?
Leute, die sich durchs Zuschauen überlegen fühlen, ihre Kraft aus der Schwäche anderer entwickeln. (Ebd)

Könnte eine Antwort auf die Frage sein, wobei Lappert nicht nur eine mögliche Antwort dazu geliefert hat. Es bleibt aber noch viel Spielraum für eigene Gedanken.

Ich denke hierbei an das Mittelalter, in dem z. B. kriminelle Straftäter öffentlich am Galgen hingerichtet wurden, und eine Masse an sensationshungriger Menschen es nicht abwarten konnte, bis der Kopf endlich zum Rollen gebracht wurde. Wir Menschen haben uns technisch weiterentwickelt, aber unsere Gefühle sind trotz besserer Schulbildung noch genauso primitiv geblieben wie einst.

Mein Fazit
Man merkt ganz deutlich, dass Simone Lappert sich viele Gedanken über diese brisante Thematik gemacht hat. Hierbei fällt mir ein, dass sie auf der diesjährigen Buchmesse gesagt hat, dass sie, um eine Manu wirklich verstehen zu können, selbst auf ein Dach gestiegen ist, und sie sich einen Sprung nach unten versucht hat in allen Details vorzustellen.

Dies in sich hineinfühlen in eine andere Person ist Simone Lappert absolut gelungen. Das würde die Welt viel menschlicher machen, würde jeder Mensch versuchen, sich in das Innenleben seines Gegenübers hineinzuversetzen, statt die Dinge immer nur aus seiner Perspektive zu betrachten. 

Ein dringender Appell für mehr Mitmenschlichkeit und Empathie. 

Meine Bewertung
2 Punkte: Sprachlicher Ausdruck (Anspruchsvoll, keine saloppe Schreibweise)
2 Punkte: Differenzierte Charaktere
1 Punkte: Authentizität der Geschichte
2 Punkte: Fantasievoll, ohne dass es kitschig oder zu sentimental wirkt
2 Punkte: Frei von Stereotypen,Vorurteilen, Klischees und Rassismus
2 Punkte: Cover und Titel stimmen mit dem Inhalt überein
Elf von zwölf Punkten.

Eine ganz klare Leseempfehlung. 

Vielen herzlichen Dank an den Diogenes Verlag für das Bereitstellen des Leseexemplars. 
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Vertraue auf dein Herz.
Denn dann gehst du niemals allein.
(Temple Grandin)

Gelesene Bücher 2019: 28
Gelesene Bücher 2018: 60
Gelesene Bücher 2017: 60
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Gelesene Bücher 2015: 72
Gelesene Bücher 2014: 88
Gelesene Bücher 2013: 81
Gelesene Bücher 2012: 94
Gelesene Bücher 2011: 86


Der Mensch ist mehr als nur die biologische Erbmasse.
Er ist, was er innerlich denkt und fühlt.
(M. P.)
Die Herkunft eines Menschen
Die Wurzeltheorie verdammt Menschen zu ewigen Ausländer*innen, nur, weil sie eine andere Hautfarbe, eine andere Religion oder einen anderen Namen tragen. Die meisten haben ihre Wurzeln dort geschlagen, wo sie geboren wurden und / oder dort, wo sie ihr ganzes Leben zugebracht haben.

Es lebe die Vielfalt.
(M. P.)


Donnerstag, 21. November 2019

Juli Zeh / Unterleuten (1)

Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre   

Das Buch habe ich vor drei Tagen beendet, und komme erst jetzt dazu, die Buchbesprechung zu schreiben.

Mir hat es recht gut gefallen, wo ich anfangs ein wenig ungeduldig war, siehe Buchvorstellung, Meine ersten Leseeindrücken. Es hat ein wenig gedauert, bis ich hinter die Fassade der Protagonist*innen eindringen konnte. Da dies als ein Gesellschaftsroman deklariert ist, kann man sich denken, dass man es mit überaus vielen Figuren zu tun bekommt. Aber Juli Zeh kommt uns Leser*innen entgegen, in dem sie hinten im Anhang zum Nachschlagen eine Personenliste erstellt hat, was ich sehr nützlich und hilfreich fand.

Wegen der Vielzahl an Leuten in Unterleuten werde ich meine Buchbesprechung dieses Mal ein wenig anders aufziehen, werde mehr über meine Eindrücke schreiben.

Hier geht es zum Klappentext, zu den ersten Leseeindrücken und zu den Buchdaten.


Die Handlung
Unterleuten ist ein sehr kleines fiktives Dorf aus der ehemaligen DDR, das sich nicht weit von Berlin befindet. Viele Menschen aus dem Osten sind nach der Wende weggezogen aber andere sind der Idylle wegen aus dem Westen hinzugezogen. Die Handlung spielt im Jahr 2010/2011. Für die Dagebliebenen ist Unterleuten eine Herausforderung. Zu DDR – Zeiten kämpften sie gegen den Kommunismus an, nach der Wende kämpften sie gegen den Kapitalismus. Richtig glücklich sind sie nie gewesen, wenn sie sich auch wieder nach alten Zeiten zurücksehnen.

Die Zugezogenen erleben in Unterleuten durch die malerische Landschaft eine wahrhafte Idylle. Eine Figur ist von Beruf Pferdeflüsterin und benötigt, um ihren Beruf auch ausführen zu können, dafür viel Weideland. Mit eigenen Pferden möchte sie anderen Menschen den richtigen Umgang zu den Tieren beibringen. Ein anderer ist Vogelschützer, und möchte alles tun, außergewöhnliche Vogelarten, die es in Unterleuten gibt, in ihrer Art zu erhalten. Dieser setzt sich für die Vögel ein, damit sie ihren gesunden Lebensraum erhalten können, wären da nicht die Windräder, die wiederum eine andere Figur unbedingt bauen möchte, aber sehr schlecht für die Vögel wären.

Der Roman spitzt sich zu einem Drama ab, da jede Figur andere Ziele verfolgt, die auch politisch nicht unter einem Hut zu bringen sind. Man hat den Eindruck, dass jede wie Ketten mit der anderen verbunden ist, da sie, um ihre Pläne umsetzen zu können, von den anderen Dorfbewohner*innen abhängig ist. Und niemand ist wirklich frei. 

Welche Szene hat mir so gar nicht gefallen?
Mir hat gar nicht gefallen, dass Gerhard Fließ, 50 Jahre alt, von Beruf Soziologe und Hochschuldozent, zusammen mit seiner jungen Frau Jule und ihrem kleinen Säugling Sophie die ganze Zeit passiv geblieben sind, als der Nachbar absichtlich Brände gelegt hat, um ihnen zu schaden. Der Nachbar hieß Schaller, den Juli Zeh aber lange Zeit nur als das Tier von nebenan bezeichnet hat. Ich war etwas irritiert. Was meinte sie mit Tier? Erst sehr viel später verriet sie den Namen dieser grässlichen Person, die die Luft seiner Nachbarn verpestet. Schaller ist von Beruf Automechaniker. Absichtlich verbrennt er Autoreifen und andere Stoffe, sodass die Luft der Familie Fließ einfach verpestet wird. Die Familie kann die Räume im Haus nicht mehr lüften, da sie sonst die ganzen Schadstoffe einatmen würden. Der Rasen war nicht mehr grün, sondern pechschwarz. Mich hat gewundert, dass die Familie hinter verschlossener Türe ihren Frust zollte, aber sonst lange Zeit nichts dagegen unternommen hat. Erst am Ende wird Fließ gegenüber Schaller gewalttätig und schlägt den Mann krankenhausreif. Mir schien diese Szene partout nicht glaubhaft. Jeder normale Mensch würde schon viel früher etwas unternehmen, um dem Mann Einhalt zu gebieten. Und wenn es über eine Anzeige bei der Polizei auslaufen würde, wenn sonst nichts anderes greifen würde. Aber wie das Dorf eben so eingestellt ist, regeln die Menschen hier ihre Probleme selbst, und zur Not greifen sie sogar zur Selbstjustiz. Die Zugezogenen haben sich dem Milieu der langansässigen Dorfbewohner*innen angepasst. Trotzdem fand ich es widernatürlich, dass das Paar nicht einen Versuch unternommen hat, sich beim Nachbar zu beschweren.

Für mich war zudem auffallend, dass die Autorin in der Personenbeschreibung sehr viele Vergleiche zu Tieren aufgestellt hat. Leider haben die Tiere dabei sehr schlecht abgeschnitten. Doch es gibt keine bösen Tiere und das größte Monster ist nicht das Tier, sondern ganz allein der Mensch. Ich weiß nicht, ob Juli Zeh eine Verbindung zu Tieren hat ... 

Welche Szene hat mir besonders gut gefallen?
Dass am Ende jede Figur das bekommen hat, was sie verdient hat. Ich habe mit einem offenen Ende gerechnet.

Welche Figur war für mich eine Sympathieträgerin?
Keine, da auf mich alle Figuren irgendwie gestört gewirkt haben, mit Ausnahme von Schallers Tochter Miriam, die sich mit Erfolg für Familie Fließ gegenüber ihrem Vater eingesetzt hat.

Welche Figur war mir antipathisch?
Ein wenig alle.

Meine Identifikationsfigur
Keine.

Cover und Buchtitel
Beides passend. Der Vogel auf dem Cover zeigt diese besondere Vogelart, die in Unterleuten leben.

Zum Schreibkonzept
Auf den 650 Seiten besteht das Buch aus sechs Teilen und insgesamt aus 62 Kapiteln. Zu Beginn eines jeden Teils bekommt man einen kleinen einleitenden Spruch zu lesen, den ich immer gut fand. Das Buch endet mit einem Epilog. 

Meine Meinung
Mir waren die Figuren zu wenig differenziert. Und einige Episoden nicht glaubhaft genug. Wie ich eingangs schon geschrieben habe, bin ich zu Beginn schlecht in die Handlung reingekommen. Erst später nahm für mich die Spannung zu, als mir die Figuren von Seite zu Seite immer vertrauter wurden. Ich habe den Schreibstil sehr bewundert und viele tolle Gedanken, die ich mir im Buch alle markiert habe. Schade, dass ich es aus Zeitgründen nicht schaffe, sie hier herauszuschreiben, wie ich es sonst immer getan habe. Juli Zeh hat mit ihrem Buch sehr neutral die Missstände der Menschen aus der Zeit der DDR aufzeigen können, aber auch die Missstände aus dem Westen Deutschlands. Viele Westdeutsche denken, dass in der DDR alles schlecht verlief, während sie die BRD im Gegenzug idealisieren und vergessen dabei die eigene Geschichte und die eigenen Mängel im Land. Nein, auch in Westdeutschland gibt es viele Missstände. Und dies ist Juli Zeh gelungen, die Probleme beider Welten aufzuzeigen. Und das hat mir eigentlich am meisten imponiert.

Mein Fazit
Beharrlichkeit hat sich hier gelohnt. Nicht jedes Buch hat es verdient, bis zum Ende durchzuhalten. Doch hier freue ich mich sehr, dass ich dieses Buch gelesen habe, und habe es gleich meiner Freundin Anne weiterempfohlen, die das Buch auch lesen wird. Ich hoffe bald, dann können wir uns darüber noch austauschen.

Meine Bewertung
2 Punkte: Sprachlicher Ausdruck (Anspruchsvoll, keine saloppe Schreibweise)
1 Punkte: Differenzierte Charaktere
1 Punkte: Authentizität der Geschichte
2 Punkte: Fantasievoll, ohne dass es kitschig oder zu sentimental wirkt
2 Punkte: Frei von Stereotypen,Vorurteilen, Klischees und Rassismus
2 Punkte: Cover und Titel stimmen mit dem Inhalt überein
Zehn von zwölf Punkten.

Vielen herzlichen Dank an den btb-Verlag für das Leseexemplar.
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Vertraue auf dein Herz.
Denn dann gehst du niemals allein.
(Temple Grandin)

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Der Mensch ist mehr als nur die biologische Erbmasse.
Er ist, was er innerlich denkt und fühlt.
(M. P.)

Die Herkunft eines Menschen
Die Wurzeltheorie verdammt Menschen zu ewigen Ausländer*innen, nur weil sie eine andere Hautfarbe, eine andere Religion oder einen anderen Namen tragen. Die meisten haben ihre Wurzeln dort geschlagen, wo sie geboren wurden und / oder dort, wo sie ihr ganzes Leben zugebracht haben.
Es lebe die Vielfalt.
(M. P.)