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Dienstag, 26. Mai 2020

David Michie / Die Katze des Dalai Lama (1)

Klappentext         
»Der Dalai Lama ist ein Meister im Umgang mit dem Dosenöffner«, weiß die Katze Seiner Heiligkeit. Dass er zudem einer der wichtigsten spirituellen Führer der Welt ist, findet sie durchaus angemessen ... Auf leisen Pfoten und auf höchst vergnügliche Weise vermittelt die Hauskatze in Dharamsala die ganze Fülle buddhistischer Lebensweisheit. Eine bezaubernde Lektüre für Menschen, die Glück und Sinn suchen, für Katzenliebhaber und alle, die wissen wollen, warum der Dalai Lama kein Fan von toten Mäusen ist.

Autorenporträt
DER AUTOR David Michie, geboren in Zimbabwe, lebt heute in Australien. Ursprünglich Thriller­Autor, gelingt es dem praktizierenden Buddhisten und Meditationslehrer mit Bravour, buddhistische Gedanken in moderner, verständlicher Form einem breiten Publikum nahezubringen.
 David Michies Bücher wurden in 25 Sprachen übersetzt.

Weitere Informationen zu dem Buch

·         Taschenbuch: 272 Seiten
·         Verlag: Heyne Verlag (11. November 2019)
·         Sprache: Deutsch
·         ISBN-10: 3453703812

Hier geht es zu der Verlagsseite von HEYNE.

Kurze Buchbesprechung / Kritik / Buch abgebrochen

Leider haben mich schon die ersten Seiten nicht überzeugen können und so wurde ich recht schnell enttäuscht, dass diese Himalaja Katze mit den bernsteinblauen Augen sehr vermenschlicht wurde. Das Einzige, was an der Katze kätzisch war, war der Katzenkörper. Sie hat gefühlt wie ein Mensch, sie hat gedacht wie ein Mensch und sie hatte wie ein Mensch Gewissensbisse, wenn sie sich angeblich danebenbenommen hatte. Das hat mir gar nicht behagt. Als sie eine Maus jagt und die Katze sie im Tempel abliefert, wird sie getadelt, da Mäuse schließlich auch Lebewesen seien. Ein Assistent der Heiligkeit hat die Maus wieder ins Freie ausgesetzt. Gut, hatte ich mir gedacht, in dem Tempel wird scheinbar kein Fleisch gegessen. Von wegen. Sie alle im Tempel essen Fleisch, selbst die Katze bekommt Fleisch und Leber zu essen. Das fand ich widersprüchlich und irrational. Da werden in Massen Tiere für den Verzehr u. a. getötet und die Katze wird wegen der Maus gerügt, obwohl sie nur ihren Instinkten nachgegangen ist.

Aber dann waren die buddhistischen Weisheiten, die mir erst gefallen hatten, doch je weiter ich mich in die Geschichte hineingelesen hatte, desto mehr fing sie an, mich zu langweilen. Die vielen Klischees war der zweite Grund, der mich immer mehr frustriert hatte und die schnellen Lösungen auf Probleme stimmten mich kritisch. Außerdem erwarte ich von einem Buddhisten, dass er Menschen nicht in Schubladen packt, sie stattdessen, unabhängig aus welchem Land jemand kommt, differenziert wahrnimmt. Eine Italienerin wurde zum Beispiel als heißblütig dargestellt, die in ihrem vulkanischen Wutausbruch nicht zu bremsen war, als man ihre Vorräte in der Küche stibitzt hatte. Des Weiteren wurde die Italienerin wieder mal aufs`Kochen und auf die italienische Küche reduziert, die für den Dalai Lama und seine Mönche und Bedienstete als Köchin eingestellt war. Hier wurde die Italienerin für das Buch des Autors instrumentalisiert, denn an ihr wollte er zeigen, wie man einen Wutrausch mit buddhistischer Weisheit verwinden kann.  

Was schließlich zum Abbruch des Buches geführt hat, war die Szene eines größeren Kindes, ein Mädchen, das zusammen mit den Eltern sich vegetarisch ernährt hatte, und brachte so das Fass zum Überlaufen. Denn heimlich hatte es Steine verzehrt. Irgendwann fand die Mutter größere Steine unter dessen Bett und hat die Tochter zur Rede gestellt, die gestand, dass sie Steine essen würde. Die Mutter ist mit dem Kind zum Doktor, der herausgefunden hat, dass sie unter einem Eisenmangel litt. Eigentlich hätte das Kind sofort in die Chirurgie gemusst, um die Steine wieder aus dem Körper herauszuholen, wenn man wirklich glauben wollte, dass jemand Steine isst. Aber stattdessen diagnostiziert der Doktor einen Eisenmangel. Das war genauso unrealistisch, Steine zu essen, weil man einen Eisenmangel hat. Und auch hier das Klischee, dass Menschen, die kein Fleisch konsumieren, Mängel im Blut haben, wobei es mehr Fleischesser gibt, die von zu viel Fleisch richtig lebensbedrohlich krank werden. ich denke dabei an die Gicht, an die Fettleber, etc. In so viel Gemüse und Obst sind Eisen und andere Mineralstoffe zu finden. Sachlich betrachtet rechtfertigen fleischlose Mahlzeiten keinen Mangel jeglicher Art, es sei denn, der Mensch ernährt sich einseitig, das tun viele Fleischkonsumenten aber auch …

Nach 180 Seiten habe ich schließlich aufgegeben. Zu unsachlich, zu populistisch, zu flach, was mein Leseanspruch betrifft. Wer reine Unterhaltung sucht, und der Klischees liebt und dem es nicht auf Sachlichkeit ankommt, der kann ruhig dieses Buch lesen ... 
Buddhistische Weisheiten? Die kann ich nur ernst nehmen, wenn auch der Rahmen dafür stimmt.
Ich war in dem Buch Buddhismus für Mensch und Tier so verliebt, dass ich gehofft hatte, dass der Autor seine Kenntnisse in diesen Roman hineingepackt hatte. Aber nichts dergleichen. Diese beiden Bücher unterscheiden sich wie Tag und Nacht.

Ich selbst präferiere Sachbücher, wenn es um Tierthemen geht. Ich mag eigentlich keine Romane, weil hier häufig die Tiere vermenschlicht werden. Ausnahmen sind Comics. Aber mit diesem belletristischen Buch Die Katze des Dalai Lama hatte ich wirklich gedacht, ich bekomme es mit einer anderen Art von Buch zu tun, und muss erkennen, dass ich mich getäuscht habe.

Und dieser Dalai Lama? Der hat nichts mit dem Dalai Lama zu tun, den wir gegenwärtig politisch kennen. Dalai Lama kann sich dort jeder Buddhist nennen, der eine gewisse Erleuchtungsstufe erlangt hat. 

Ich werde David Michie nicht aufgeben. Ich habe noch sein neustes Werk Die drei magischen Worte – Buddhistische Weisheitsgeschichten vor mir liegen, da ich hoffe, dass seine späteren Werke besser und ausgereifter sind, als seine älteren. Das obige Buch Die Katze des Dalai Lama ist wahrscheinlich ein älteres Buch, das 2019 in der vierten Auflage gedruckt wurde. Aber zu welchem Zeitpunkt das Buch das erste Mal herausgebracht wurde, habe ich keine Ahnung. Demnach bekommt der Autor von mir noch eine Chance, ich selbst gebe mir noch eine Chance, da ich Weisheiten liebe, um mich in dem nächsten Werk wieder inspirieren zu lassen, wie ich es bei dem Buch Buddhismus für Mensch und Tier erlebt hatte. Hier geht es noch einmal zur Buchbesprechung. 

Also, auf eine zweite Chance.

Vielen herzlichen Dank an den HEYNE-Verlag für das Leseexemplar. 

___________________
Jeder kann die Welt mit seinem
Leben ein kleinwenig besser machen.
(Charles Dickens)

Gelesene Bücher 2020: 13
Gelesene Bücher 2019: 29
Gelesene Bücher 2018: 60
Gelesene Bücher 2017: 60
Gelesene Bücher 2016: 72
Gelesene Bücher 2015: 72
Gelesene Bücher 2014: 88
Gelesene Bücher 2013: 81
Gelesene Bücher 2012: 94
Gelesene Bücher 2011: 86

Der Mensch ist mehr als nur die biologische Erbmasse.
Er ist, was er innerlich denkt und fühlt.
(M. P.)
Die Herkunft eines Menschen
Die Wurzeltheorie verdammt Menschen zu ewigen Ausländer*innen, nur, weil sie eine andere Hautfarbe, eine andere Religion oder einen anderen Namen tragen. Die meisten haben ihre Wurzeln dort geschlagen, wo sie geboren wurden und / oder dort, wo sie ihr ganzes Leben zugebracht haben.

Es lebe die menschliche Vielfalt in Deutschland und überall.
(M. P.)


Freitag, 1. Mai 2020

Hendrik Lambertus / Das Erbe der Altendiecks (1)

Foto: Pixabay
Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre  

Mir hat dieser historische Roman sehr gut gefallen. Obwohl der Band über 600 Seiten umfasst, fand ich ihn nicht übertrieben ausschweifend. Die Uhrmacher-Familiendynastie Altendieck ist mir über mehrere Generationen durch ihre warme Art sehr ans Herz gewachsen, wenn auch deren Lebensläufe besonders am Anfang nicht besonders einfach waren, da ihr Schicksal von bösen Intrigen dominiert und erfasst wurde, und ich die Befürchtung hatte, diese Widrigkeiten würden sich über die gesamte Geschichte hinziehen.

Ich empfehle jedem, der nicht zu viel über dieses Buch erfahren möchte, nur die Handlung zu lesen, oder nur den Klappentext. Ich bemühe mich sehr, nicht zu viel zu verraten, aber es ist schwierig, eine Buchbesprechung zu schreiben, wenn viele Fakten ausgelassen werden, und man nur um den heißen Brei redet, wie man sie so häufig im Netz findet. Aber gerade eine längere Besprechung kann die Neugier und die Aufmerksamkeit im besonderen Maße wecken, wie ich so häufig rückgemeldet bekomme. 

Hier geht es zum Klappentext, zum Autorenporträt, zu den ersten Leseeindrücken und zu den Buchdaten.

Die Handlung
Man lernt hier die Familie Altendieck kennen, die 1766 in Bremen in drei Generationen unter einem Dach lebte. Der Uhrenmeister Johann Altendieck ist in den Vierzigern, ist Witwer und alleinerziehender Vater von drei Kindern. Mit im Haus lebt Johanns Vater Nicolaus, der aber aufgrund seines Alters nicht mehr in der Uhrenwerkstatt mitwirkt. Johann und sein Sohn Friedrich stellen Standuhren her und genießen in ihrer Heimatstadt durch ihre Präzisions- und Fleißarbeit einen angesehenen Ruf, bis zu dem Tag, als die neidvolle Konkurrenz Johann Altendieck mithilfe einer bösen Intrige in aller Öffentlichkeit diskreditiert hatte und ihn dadurch in den finanziellen Ruin stürzte. Nun steht Johann vor seiner Familie, die er nicht mehr ernähren kann, da seine Kundschaft ausbleibt. Er schickt seine beiden Töchter Clara und Gescha zum Arbeiten als Dienstmädchen in eine adlige Familie. Clara beugt sich ihrem Schicksal, um dem Vater die Last abzunehmen, der dadurch zwei Familienmitglieder weniger zu versorgen hätte, während Gescha es schwerer hat, denn Gescha ist ein ganz besonderes Mädchen, das eine ganz besondere Bindung zu ihrem Großvater und seinen Uhren hat. Gescha ist anders, sie interessiert sich nicht fürs Kochen, sie interessierte sich für keine Hausarbeit, stattdessen interessiert sie sich für Uhren. Sie will Uhrmacherin werden. Ihr Großvater bringt ihr alles bei, was sie dafür an Kenntnissen und an Fertigkeiten benötigt, wohingegen ihr Vater versucht, ihr diese Hirnspinnerei auszureden, da Frauen angeblich niemals Uhrmacherinnen werden können.

Gescha geht aber ihren Weg, selbst dann noch, als sie den Dienst einer Hausmagd betritt und sie sich mit harten, langweiligen Tätigkeiten abmühen muss. Dennoch schafft sie es, mit viel Unterstützung ihrer Schwester Clara heimlich ein Seechronometer herzustellen, da passable Seeuhren damals noch nicht auf dem Markt waren.

Bis zu fünf Generationen entwickelte sich die Uhrmacherfamilie weiter, die sich trotz harter Umstände nicht hat unterkriegen lassen. In dieser Familiendynastie lebt auch die Standuhr Hora, die auf mich gewirkt hat, als wäre sie beseelt. Mit viel Liebe und Sorgfalt wurde sie hergestellt, gepflegt und bis zum Schluss am Leben erhalten.

Welche Szene hat mir nicht gefallen?
Es waren viele Szenen. Neben der Intrige zu Beginn gibt es noch eine Handlung, die ich als sehr, sehr traurig erlebt hatte, ich mich dazu aber bedeckt halten möchte, um anderen Leser'innen nicht zu viel vorwegzunehmen.

Ich greife nun eine Szene auf, die man überall und zu jeder Zeit erleben kann. Eine ganz banale Begebenheit, die ich aber als grausam empfand, als Gesche und Clara durch die Armut gezwungen wurden, Hausrat von ihrer verstorbenen Mutter zu verkaufen. Die Arroganz jener vornehmen Dame, die empathielos in der Wunde der beiden Mädchen sticht, sodass ich mich immer wieder fragen musste, warum Bildung nicht ausreicht, um Menschen zu besseren Menschen zu machen? Reiche Leute verfügten wegen der genossenen Bildung über genug Potenzial, das sie wegen ihrer Eitelkeit aber lieber verschwendeten, als es einzusetzen.
>> Ich suche einige schöne Stücke für meine Tochter Charlotte (…). Möglicherweise nehme ich die Truhe, wenn ich noch etwas dazu finde. … Vielleicht die nette Uhr auf der Diele?<<>> Unverkäuflich<<, knurrte Gesche.
>> Sie hat einen sentimentalen Wert<<, erklärte Clara. Die Ohlandt´sche nickte verständnisvoll. >>Von manchen Dingen mag man sich selbst dann nicht trennen, wenn ein Unheilsstern über der Familie aufgegangen ist. Wirklich furchtbar … <<>> Nicht furchtbarer als in den Angelegenheiten anderer Leute zu wühlen, weil die eigenen zu langweilig sind <<, erwiderte Gesche. Sie hatte plötzlich das Gefühl, am pudrigen Geruch der wehrten Frau Ohlandt zu ersticken. (2020, 141)
Welche Szene hat mir besonders gut gefallen?
Gefallen hat mir, dass Gesche es tatsächlich geschafft hat, den Weg als Uhrmacherin zu gehen. Zu ihrem ersten Chronometer verhalf ihr der Großvater Nicolaus, der erkannte, dass seine Enkelin sich von ihrem Vorhaben nicht abbringen lässt. Sie eröffnet ihm ihre Pläne, als dieser sich danach erkundigt:
>> Hast du konkrete Pläne? <<, fragte der Großvater neugierig.
>> Ich denke, ich werde ein Seechronometer konstruieren <<, erwiderte Gesche halb verlegen und halb trotzig.
>> Das wird gewiss eine reizvolle Übung. <<>> Ich habe nicht vor, nur zu üben <<, erklärte Gesche bestimmt. >> Ich werde ein Chronometer bauen. Ein besseres als alle anderen! Wollen sehen, ob dieses kleine Seefahrtsproblem noch lange besteht … <<>> Daran haben sich schon viele kluge Köpfe vor dir versucht <<, stellte Großvater bedächtig fest.>> Ich will keine neue Methode erfinden, sondern eine Uhr konstruieren, die den Ansprüchen auf See genügt. << Gesche verschränkt die Arme. >> Immerhin bin ich die Tochter von Johann Christian Altendieck, der die große Uhr im Bremer Rathaus gebaut hat. <<>> Und die Tochter von Magdalena Altendieck, die stets alles vollbracht hat, was sie sich in den Kopf gesetzt hat <<, ergänzte Großvater mit der Andeutung eines Schmunzelns.>> Und nicht zuletzt die Enkelin von Nicolaus Christioph Altendieck <<, schloss Gesche ernst, >> der mir alles beigebracht hat, was er weiß. <<>> Dann solltest du es wohl versuchen. << (160)
Mir hat diese Szene so gut gefallen, weil der Großvater so fortschrittlich dachte, indem er seine Enkelin, obwohl sie ein Mädchen war, trotzdem in der Technik jener Uhren gefördert und sie darin gestärkt hatte, ihr Ziel zu verfolgen. Man bedenke, dass sich dies in der Zeit des späten 18. Jahrhunderts abspielte. Auch wenn diese Szene nur ausgedacht ist, glaube ich schon, dass es solche Menschen im Stillen überall auf der Welt gegeben hat. 

Welche Figur war für mich eine Sympathieträgerin?
Das waren mehrere. Der französische Offizier Laurent de Mondtidier war mir sehr sympathisch, da er nicht wie ein Soldat wirkte. Er wurde durch die Auswirkungen der Französischen Revolution und durch die Napoleon - Kriege im Kampf mit Deutschland ins Ausland versandt. Die besetzten Bremer wurden politisch von den Franzosen gezwungen, in ihren Häusern Soldaten aufzunehmen. Die Altendiecks hatten durch die politischen Auswirkungen selbst nicht genug zu essen, und bekamen nun noch ein Maul mehr zu stopfen. Hierzu Gesches erwachsener Sohn Nicolaus:
>> Wir bekommen eine Einquartierung <<, erwiderte er ein wenig ratlos. >> Ein Offizier, weil wir ihn als wohlhabenden Bürgerhaus standesgemäß versorgen können. Wir haben ihm bei 50 Reichstalern Strafe ein Mittagessen mit Fleisch, ein Abendessen mit Bier und eine tägliche Ration Kornbrand zu stellen. << (392)
Gesche hatte es tatsächlich geschafft, die Werkstatt ihres mittlerweile verstorbenen Vaters zu übernehmen. Auf ihrem Fachgebiet entwickelte sie sich zu einer Koryphäe. Sie bestand auf die Fortführung ihres Mädchennamen Altendiecks. Nicolaus, ihr ältester Sohn, ist allerdings Künstler, und möchte eigentlich kein Uhrmacher werden, doch der autoritäre mütterliche Einfluss lässt keinen anderen Beruf zu, sodass Nicolaus es nicht schafft, sich ihr zu widersetzen.

Als schließlich der französische Leutnant in die Schlafkammer bei ihnen einzieht, findet dieser die Bilder, die Nicolaus gemalt hatte, und ist total angetan von den Gemälden. Später stellte sich heraus, dass auch der Leutnant Künstler ist, und so entsteht zwischen Nicolaus und ihm eine besondere Bindung. Ähnlich wie bei Nicolaus durfte auch Laurent kein Künstler werden, da er vom Vater gezwungen wurde, eine militärische Laufbahn einzuschlagen. Obwohl beide Länder, Deutschland und Frankreich, gegeneinander verfeindet waren, wurden Laurent und Nicolaus trotzdem Freunde. Mit der Zeit entwickelte sich mehr als nur eine Freundschaft. Das finde ich so schön, dass der Krieg sie nicht zu Feinden gemacht hatte, weil sie zueinander eine geistige Verwandtschaft entdeckt hatten.
>> Das Handwerk Ihrer Familie, << Mondtidier seufzte wissend - so ist es auch bei mir. Die Mondtidier sind Soldaten, seit Jahrhunderten. Wir haben schon den Valois gedient, dann den Bourbonen – erst mit dem Schwert an der Seite in glänzenden Rüstungen, später in der Offiziersuniform. Dann kam die Revolution, unser Schloss wurde niedergebrannt. Und doch erging es uns glimpflich, im Vergleich zu vielen anderen. Aus der Republik wurde ein Kaiserreich, und der Soldat braucht Soldaten für sein riesiges Heer. Alle, die er kriegen konnte, auch die vom Adel der alten Zeit. <<>> Aber Sie sind kein Soldat? << fragte Nicolaus sanft.
>> Es heißt, ich hätte die Hände meiner Mutter <<, erwiderte  
Mondtidier . >> Sie hat mir das Zeichnen beigebracht. Doch mein Vater hält nichts von solchen weibischen Betätigungen, wie er es nennt. Für ihn kam nur die Militärakademie in Frage. (… ) Ich glaube, ich verstehe, was Sie meinen <<, sagte Nicolaus vorsichtig. >> Es fühlt sich … hoffnungslos an. Sich mit einem Platz abzufinden, auf dem man nicht wirklich gehört. << (407f)
Wer konnte Laurent Mondtidier besser verstehen als Nicolaus Altendieck? Sie teilen dasselbe Schicksal und dieselben Interessen.

Welche Figur war mir antipathisch?
In einem historischen Roman bekommt man es mit multiplen Figuren zu tun, und so halte ich mich lieber weiter an die Figuren der Familie Altendieck, weil sie mich so sehr beschäftigt und mir ans Herz gewachsen sind. Und mich beschäftigte Gesche, denn sie entwickelte sich zum Familienoberhaupt und zu einer Matrone, die in ihrem Haus, selbst dann noch, als sie eine alte Dame wurde, über alles wacht, dass ja alles seinen rechten Gang geht. In dieser neuen Rolle hat sie mir nicht gefallen, auch wenn dies eine außergewöhnliche Leistung ist, dass sie sich als Frau so hochgearbeitet und durchgesetzt hat. Selbst wenn die Frau nach dem Gesetz noch rechtlos war, schaffte sie es, sich innerhalb ihrer Familie zu emanzipieren, um in die väterlichen Fußstapfen treten zu können. Für die damalige Zeit war dies eine wahnsinnige Leistung. Aber die mangelnde Toleranz ihrem Sohn Nicolaus gegenüber stieß bei mir auf Unverständnis. Auch sie dachte, was viele damalige Männer dachten, dass Malereien keine ehrbaren Berufe seien, da Gesche die Profession eines Uhrmacherhandwerks an oberste Stelle setzte.

Nicolaus und Laurent hatten gemeinsame Träume, Ziele, berühmte Maler im Ausland zu besuchen. Da beide Länder verfeindet waren, mussten sie ihre Beziehung, auch die freundschaftliche Art, heimlich angehen.
Das waren Träumereien, die im tiefsten Winter begonnen hatten: eine gemeinsame Reise in den Süden, um die alten Meister vor Ort zu studieren – und die blütenferne Fülle der Ferne in sich aufzunehmen.
Folgendes Zitat hat mir besonders gut gefallen:
>> Zwei junge Edelmänner auf der Fahrt zu den Wurzeln der Schönheit <<, hatte Laurent geschwärmt.
>> Oder ein junger Edelmann und sein bürgerlicher Diener? <<, hatte Nicolaus mit einem schiefen Lächeln erwidert.
>> Unsinn, wir teilen den Adel des Geistes. <<
Den Adel des Geistes teilen, das fand ich so schön ausgedrückt, weil dieser über nationale Grenzen und über geistige Schranken hinausgeht.

Meine Identifikationsfigur
Ich habe mich sowohl mit Laurent als auch mit Nicolaus identifizieren können.

Cover und Buchtitel   
Es war das Cover, das mich angezogen hat. Über den Titel musste ich mich erst besinnen, bevor ich den Klappentext gelesen habe. Was könnte sich für ein Genre an Familie dahinter verbergen?, hatte ich mich gefragt, und habe mich auf eine Thomas Mann – Buddenbrook – Geschichte einer anderen Art vorbereitet. Aber außer den Vornamen der beiden Väter Johann konnte ich auf den ersten Blick kaum eine Affinität der beiden norddeutschen Familien entdecken, obwohl es im Nachhinein durchaus ein paar ganz wichtige Parallelen gab. Aber das Schicksal der beiden Dynastien zeigten antagonistische Anfänge und Ausgänge.  

Zum Schreibkonzept
Auf der ersten Seite findet man einen weiblichen Namen, für die das Buch evtl. geschrieben bzw. gewidmet wurde. Auf den folgenden Seiten ist das Inhaltsverzeichnis abgedruckt. Der Romanstoff besteht auf den 637 Seiten insgesamt aus fünf Teilen. Innerhalb dieser Teile finden zeitliche Umbrüche zwischen neun, fünfunddreißig und dreiundzwanzig Jahren statt. Im ersten Teil ist ein Stammbaum der Familie Altendieck abgebildet. Hier besteht die Familie noch aus drei Generationen. Einen weiteren Stammbaum findet man im dritten Teil auf der Seite 330, auf dem der Stammbaum um zwei weitere Generationen zugenommen hat. Die Geschichte endet mit einem Epilog. Auf den weiteren Seiten sind ein Glossar und ganz zum Schluss ein Nachwort zu lesen.

Der Schreibstil ist flüssig, und obwohl das Buch relativ umfangreich ist, ist der Autor nicht ausschweifend gewesen. Das hatte aber auch den Nebeneffekt, dass manche Figuren zu kurz gekommen sind. Ich weiß noch immer nicht, was aus Nicolaus` Bruder Arend geworden ist. Wahrscheinlich als Soldat in Russland verschollen, ohne dass jemals seine Leiche geborgen werden konnte, da im Stammbaum zu Arend kein Todessymbol abgebildet war, was dazu führte, dass ich ähnlich wie Gesche von Seite zu Seite auf seine Rückkehr gewartet habe. Auch Clara geriet in den späteren Teilen immer mehr in den Hintergrund, sie verschwand völlig von der Bildfläche. Aber das fand ich absolut passend.

Wie aus dem Nachwort entnommen wird, gibt es die Altendiecks nur fiktiv. Der Autor hatte allerdings reelle historische Daten in diese erdachte Familie hineingewoben, was mir die Mühe ersparte, mehr über diese Familie im Internet zu recherchieren, da es hier um eine sehr sympathische Familie ging, die selbst in schwersten Zeiten stets zusammenhielt.

Meine Meinung
Der ganze Roman ist sehr authentisch geschrieben, allerdings hatte mich auch das Ende nachdenklich gestimmt. War das Ende zu idealistisch?, habe ich mich gefragt: Ja, das war es, aber mittlerweile kann ich es als gelungen betrachten, da ich die Ausklänge nicht als kitschig erlebt habe. Auch wenn die Realität weitaus härter ist, wenn Generationen an Menschen sich als Konkurrenten feindselig gegenüberstehen, dann finde ich es schön, wenn Autor*innen ihre Figuren bessere Lösungen vorleben lassen, damit diese Feindschaft wenigstens literarisch endlich ein Ende findet. Gesche war eine sehr kluge Frau, aber in dieser Frage ist auch sie gescheitert. Sie hat die Feindschaft unausgesöhnt mit ins Grab genommen, auch wenn ich sie dafür nicht verurteilen möchte, denn sie ist es, die den Schmerz ihres Vaters durch die damalige öffentliche "Blasphemie" seines Berufstandes miterlebt hat.

Auch der historische Part war gelungen dargestellt. Bis in die letzte Generation sehnte sich die Frau nach Gerechtigkeit. Gleichheit, Freiheit … mit diesen Parolen der Französischen Revolution blieben Frauen weiterhin ausgeschlossen. Buchautorinnen mussten unter einem männlichen Pseudonym ihre Werke herausgeben. Auch Gesche musste den Meistern ihr erstes selbsterschaffenes Uhrwerk von einem männlichen Kollegen vorführen lassen. Insgesamt aber, neben den ausbleibenden Frauenrechten, konnte mich das Buch wieder in diese Zeit zurückversetzen, in der es noch keine Demokratie gab und die Menschenrechte lediglich auf die unterschiedlichen Stände verteilt waren, die durch die Geburt bestimmt waren ... Interessant war für mich auch zu lesen, wie und wann die ersten Taschenuhren entstanden sind.

Die Beziehung zwischen Gesches Enkel Ernst und dessen Freundin Anna Greven hatte starke Züge von Romeo und Julia, selbst wenn der Ausgang glücklicherweise ein anderer war.

Mein Fazit
Eine sehr lesenswerte Familiengeschichte, geschrieben von einem männlichen Autor, der sehr feinfühlig sich auch in die Rolle einer Frau hineinversetzen konnte. Dazu noch ein gut recherchiertes Buch, was der historische Anteil betrifft.

Meine Empfehlung?
Eine klare Leseempfehlung. Das Buch sollte unbedingt verfilmt werden. 

Wie ist das Buch zu mir gekommen?
Der Rowohlt – Verlag hatte mir eine Anfrage gestellt, die ich glücklicherweise angenommen habe. Herzlichen Dank an den Verlag für das Leseexemplar.

Meine Bewertung
2 Punkte: Sprachlicher Ausdruck (Anspruchsvoll, keine saloppe Schreibweise)
2 Punkte: Differenzierte Charaktere
2 Punkte: Authentizität der Geschichte
2 Punkte: Fantasievoll, ohne dass es kitschig oder zu sentimental wirkt
2 Punkte: Frei von Stereotypen, Vorurteilen, Klischees und Rassismus
2 Punkte: Cover und Titel stimmen mit dem Inhalt überein
Zwölf von zwölf Punkten.

________________
Jeder kann die Welt mit seinem
Leben ein klein wenig besser machen.
(Charles Dickens)

Gelesene Bücher 2020: 10
Gelesene Bücher 2019: 29
Gelesene Bücher 2018: 60
Gelesene Bücher 2017: 60
Gelesene Bücher 2016: 72
Gelesene Bücher 2015: 72
Gelesene Bücher 2014: 88
Gelesene Bücher 2013: 81
Gelesene Bücher 2012: 94
Gelesene Bücher 2011: 86


Der Mensch ist mehr als nur die biologische Erbmasse.
Er ist, was er innerlich denkt und fühlt.
(M. P.)
Die Herkunft eines Menschen
Die Wurzeltheorie verdammt Menschen zu ewigen Ausländer*innen, nur, weil sie eine andere Hautfarbe, eine andere Religion oder einen anderen Namen tragen. Die meisten haben ihre Wurzeln dort geschlagen, wo sie geboren wurden und / oder dort, wo sie ihr ganzes Leben zugebracht haben.

Es lebe die menschliche Vielfalt in Deutschland und überall.
(M. P.)

Montag, 20. April 2020

John Kaag / Das Bücherhaus

Klappentext 
Als der junge Philosophieprofessor John Kaag im Hinterland von New Hampshire die vergessene Bibliothek von William Ernest Hocking, einem der letzten großen amerikanischen Denker entdeckt, traut er seinen Augen kaum. Unter den halb verfallenen und vermoderten Bänden findet er zahlreiche Schätze: handgeschriebene Notizen von Walt Whitman, annotierte Bücher aus dem Besitz von Robert Frost, zahllose Briefe von Pearl S. Buck – und sogar dutzende Erstausgaben der Werke europäischer Geistesgrößen. Er beschließt, die Bücher zu restaurieren und begibt sich damit auf eine intellektuelle Reise durch die Geistesgeschichte Amerikas und seiner europäischen Grundlagen. Bald schon merkt er, dass die großen, lebensbejahenden Ideen in diesen Büchern auch ganz praktisch zu Werkzeugen für das Umkrempeln seines eigenen Lebens verwendet werden können. Ganz besonders, als sich ihm eine brillante Kollegin anschließt und ihm bei der Arbeit am Bücherhaus hilft...

Autorenporträt
John Kaag, Jahrgang 1981, ist Professor für Philosophie an der University of Massachusetts, Lowell. Er gilt als einer der spannendsten jungen Philosophen der USA und schreibt regelmäßig Artikel für Fachzeitschriften, aber auch für die »New York Times«, »Harper’s Magazine« und viele weitere Magazine und Zeitungen. »American Philosophy. A Love Story« wurde 2016 u.a. vom National Public Radio zum Besten Buch des Jahres gekürt. Er lebt mit seiner Familie in der Nähe von Boston.

Weitere Informationen zu dem Buch

·         Taschenbuch: 352 Seiten
·         Verlag: btb Verlag; Auflage: Deutsche Erstausgabe (14. Oktober 2019)
·         Sprache: Deutsch
·         ISBN-10: 3442718899

Kurze Buchbesprechung
Leider bin ich mit diesem Buch überhaupt nicht zurande gekommen. Ich hatte es mehrmals versucht. Ich kann nicht sagen, woran es gelegen hat. In meinem Leben habe ich schon mehrere philosophische Bücher gelesen, die ich nicht abbrechen musste.
Vielleicht ist es gerade nicht die richtige Zeit oder auch nicht das richtige Buch. Vielleicht brauche ich mehr Ruhe, die ich gerade nicht habe.

Das Cover finde ich wunderschön.

Hier geht es zu der Verlagsseite von btb / Randomhaus.

Ein herzliches Dankeschön an den btb - Verlag für das Leseexemplar.


Sonntag, 12. April 2020

Matthias A. K. Zimmermann / Kryonium (1)

Foto: Wikipedia / Brouhaha
Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre  

Was für ein Buch!!! Endlich habe ich es geschafft, durch alle Seiten zu kommen. Mir ging es nicht schnell genug. Zu ungeduldig bin ich mit jeder gelesenen Seite geworden, je weiter ich mich mit meinen Sinnen in dieser literarischen Welt vorangetastet habe. So ein spannender Fantasieroman ist mir ja noch nie in die Finger gekommen. Ich muss gestehen, dass ich nach ein paar Tagen es nicht mehr ausgehalten habe, und musste nach vorne blättern, weil ich unbedingt wissen wollte, wer z. B. dieser namenlose Icherzähler nur ist, und mit welcher Realität die Geschichte enden wird. Wie sollte die Kernbotschaft dieses Buches nur lauten? Dies und anderes wollte ich unbedingt vorzeitig in Erfahrung bringen. Ich habe das Lesen wirklich nicht genießen können, so sehr hat mich diese Geschichte in ihren Bann gezogen.

Hier geht es zum Klappentext, zu den ersten Leseeindrücken und zu den Buchdaten.

Aber ich kann versichern, dass inhaltlich alle meine Fragen beantwortet wurden, aber ob alle Probleme des Protagonisten in den Griff zu bekommen waren, das soll jeder selbst herausfinden.

Die Buchbesprechung muss ich bei dieser Lektüre ein wenig anders aufziehen. Ich kann auf vieles gar nicht eingehen, denn ein Satz zu viel geschrieben, ein Detail zu viel verraten sprengt die ganze Auflösung, was ich keinesfalls möchte. Sollen andere Leser*innen genauso leiden, wie ich gelitten habe, und sich schön von Frage zu Frage lesend hocharbeiten. Das klingt böse, nein, ich wünsche jedem dieselbe Spannung, die auch ich erfahren habe. Lasst euch überraschen!!!!

Die Handlung
Der Icherzähler befindet sich auf einer magischen Insel, in der er sich mehrfach gefangen fühlt. Diese Gegend ist ihm völlig unbekannt. Er weiß nicht, wie er dorthin gelangt ist und wie er wieder aus ihr herauskommen wird. Auf dieser bewaldeten Insel leben sämtliche Fabelwesen wie Zwerge, Gnome, Hexen, Zauberer, Einhörner, Drachen, etc. Der Wald ist verhext. Aber alles scheint beseelt zu sein, wie z. B. auch der erstarrte Schneemann, der ein Bewusstsein hat. Der Icherzähler wird in einem Schloss gefangen gehalten. Es ist Winter und ein gefrorener See umschloss wie eine Zange die Insel und hielt die Tiere, Fabelwesen und Schlossbewohner gefangen. Unter der Eisfläche lauerte das Ungeheuer. (2019, 13)
Das Schloss, im Vergleich zum Wald, wirkte alles andere als in sich ruhend und wurde von unentwegter Hektik und ständigem Unbehagen beherrscht. Seine Bewohner waren in eine strikte Hierarchie gegliedert: Die Obrigkeit bestand aus dem König und den Rittern; die Mittelschicht bildeten die Wachen und Hofdamen; und die Unterschicht (…) setzte sich aus den Untertanen zusammen. (Ebd.)

Der Icherzähler, in dieser Sparte Physiker von Beruf, wird von zwei Wachen jeden Morgen aus seiner Zelle geholt und in die Lichtwerkstatt begleitet. Hier pflegt er den wissenschaftlichen Auftrag ausfüllen zu müssen, die größte Glühbirne zu erstellen, die es jemals gab, damit diese viel Licht ausstrahlen kann, um das lichtempfindliche Ungeheuer aus den Tiefen des Sees auszumerzen ...

Der Icherzähler versucht, aus dem Schloss zu fliehen. Er befindet sich im verzauberten Wald und macht Bekanntschaft mit verschiedenen Märchenfiguren, die ihm helfen sollen, den Wald wieder zu verlassen, um nach Hause zu kommen. Wäre da nicht die Hexe, die scheinbar eine Flucht unmöglich macht …

Später findet sich der Icherzähler in einer psychiatrischen Klinik wieder, die ihn dort wegen einer Wahrnehmungsverzerrung festhält. In dieser Anstalt wird er gezwungen, Psychopharmaka einzunehmen, ohne zu wissen, wie lange er schon festgehalten wird und unter welcher Erkrankung er leidet. Er scheint von einer Amnesie befallen zu sein ... Die Psychiatrie lässt an Zeiten der 1950 / 1960er Jahre erinnern, wo Erkrankte wie Schwerverbrecher behandelt und von der Gesellschaft weggesperrt wurden.

Er wünscht sich wieder zurück in die Märchenwelt, da er die Psychiatrie noch weniger zu ertragen weiß. An allen Orten, wo er sich allerdings befindet, ist er bedroht und dadurch ständig auf der Flucht …

Welche Szene hat mir nicht gefallen?
Am Anfang waren das die Szenen in der Psychiatrie.
Aber auch die Szene mit der gierigen und gefräßigen Eule fand ich widerlich.

Welche Szene hat mir besonders gut gefallen?
Diese Aha-Erlebnisse in den letzten Kapiteln. Sehr originell fand ich allerdings, als der Icherzähler bei der Flucht aus der psychiatrischen Klinik draußen mit einer Glaswand zusammengestoßen ist und nicht weiterkam, und er schmerzvoll erkennen musste, dass er und das gesamte Umfeld in einer Schneekugel gefangen war. Was für eine tolle Idee.

Welche Figur war für mich eine Sympathieträgerin?
Mir war der Schneemann sehr sympathisch aber auch der Zauberer.

Welche Figur war mir antipathisch?
Die gesamte Belegschaft der Psychiatrie.

Meine Identifikationsfigur
Ich habe mich hin und wieder in dem Icherzähler gesehen ... 
Diese ständige Suche nach Lösungen, selbst wenn eine Situation aussichtslos erscheint, hält ihn nichts davon ab, weiter zu suchen. Es rattert im Kopf und rattert und rattert, bis er neue Wege gefunden hat, neue Ideen, neue Antworten auf Fragen, die, wenn man den Fabelwesen glauben wollte, völlig unlösbar erscheinen würden. genauso bin auch ich. Auch der Widerstand gegenüber dem Klinikpersonal war für mich nachvollziehbar. 

Cover und Buchtitel
Mir hat das Cover sehr gut gefallen, das mich so sehr angezogen hat. Die Symbole darauf konnte ich im Buch alle wiederfinden und so lernte ich nach und nach deren Bedeutung kennen. Was den Buchtitel betrifft, so benötigt man hierbei sehr viel Geduld und Ausdauer, bis man dessen Sinn und Zweck herausgefunden hat.

Zum Schreibkonzept
Auf den 324 Seiten ist der Roman in vier Teilen gegliedert. Die Teile bestehen fortlaufend aus 60 relativ kurzen Kapiteln. Auf der allerersten Seite bekommt man eine Widmung in Versform zu lesen, einleitend passend zum Inhalt des Romans. Auf der folgenden Seite ist ein Vers von einem tibetischen Yogi abgedruckt. Im ersten Teil lernt man die Ichfigur kennen, die Probleme mit ihrer Identität hat und gar nicht weiß, wer sie ist und wie sie in diese skurrilen Welten eingedrungen ist. Bis zum dritten Teil ist der Roman in der Ichperspektive erzählt. Im dritten Teil findet ein Wechsel zwischen dem Icherzähler und dem neutralen Erzähler statt. Im ersten Teil ist die Welt fiktiv, im zweiten Teil bekommt man es mit der Wirklichkeit zu tun, bis sich beides auch hier vermischt. Surreale Handlungen werden im zweiten Teil zur Normalität. Im dritten Teil gibt es eine neue Gegenwart, aus der ich meine Aha-Erlebnisse gewonnen habe. Im vierten Teil liest man ein Nachwort von Stephan Günzel, deutscher Philosoph und Medientheoretiker, der sich auf den Roman mit wissenschaftlichen Theorien bezieht.

Man hat es hier mit vielen bekannten Figuren in abgewandelter Form aus der Märchen- und der Fantasywelt zu tun. Aber man findet auch neue und unbekannte Wesen. Des Weiteren sind in dem Roman auch Archetypen aus der griechischen Mythologie mit eingewoben. Nicht, dass der Autor abgeschrieben hätte, nein, er hat mithilfe der vielen bekannten aber auch der vielen unbekannten Symbole eine eigene Geschichte kreiert.

Auch die Sprache fand ich sehr gelungen. Eine überaus gewählte und elaborierte literarische Ausdrucksweise, die dennoch gut zu verstehen ist.

Meine Meinung
Eigentlich bin ich genauso getäuscht und gefoppt worden, wie auch die Hauptfigur dieses Romans getäuscht worden ist. Im zweiten Kapitel hatte ich gedacht, die Botschaft des Romans schon erfasst zu haben, aber nein, ich lag völlig falsch. Meine gesamten Deutungstheorien haben mich fehlgeleitet. Alle meine Hypothesen wurden negiert. Ich hatte heute Nacht sogar von dem Buch geträumt, von ganz viel Algorithmen, sogar vom Satz des Pythagoras????

Nichts, aber auch gar nichts ließ sich voraussehen. Selbst mit einer Kristallkugel wäre man nicht weitergekommen. Einen so tollen Fantasieroman dieser Art habe ich noch nie vor mir liegen gehabt. Am Anfang wird Fiktion und Wirklichkeit getrennt, dann aber vermischt sich beides, und selbst die Wirklichkeit, wie wir sie kennen, wie wir sie leben, gibt es in mehreren Dimensionen. Richtig gut. Aber das Lesen hat mich erschöpft. Weil die Hauptfigur so überwältigend war, und man mit ihr fiebern konnte, mit ihr fliehen, mit ihr nach Lösungen suchen, war man eigentlich immer mit der Figur mitten im Geschehen und mitten auf der Flucht. Ich dachte, ich sitze in einem 3-D-Kino, weshalb mich die ganze Handlung innerlich gestresst hat ...

Diesen Roman muss ich auf jeden Fall ein weiteres Mal lesen. Unbedingt.

Mein Fazit
Dennoch fragt man sich immer wieder, was real ist, aus was Wirklichkeit gemacht ist, woraus sie letzten Endes besteht. Was ist Fiktion? Wenn man diesen Roman gelesen hat, weiß man es nicht mehr mit Bestimmtheit zu sagen, weshalb das Klinikpersonal so Probleme hatte, den Protagonisten zu verstehen, da es für sie nur eine Wirklichkeit gab. Für diese war alles erklärbar, alles erfassbar, alles berechenbar, verrückt waren demnach die Menschen, die über andere Bewusstseinsebenen als die der Realität verfügten. Und weil dies nicht sein darf, müssen solche Menschen eben weggesperrt werden. Dies allerdings ist nur ein kleiner Radius dieser monumentalen Geschichte, der vielleicht auch nur nebensächlich ist ...

Eine klare Leseempfehlung.

Wie ist das Buch zu mir gekommen?
Der Kadmos, Kulturverlag hat mir eine Anfrage gestellt und ich freue mich so sehr, diese angenommen zu haben. Ganz herzlichen Dank hierfür an den Verlag und an den Autor Matthias Alexander Kristian Zimmermann.

Ich habe noch vergessen zu erwähnen, dass das Buch auch einen Buchpreis gewonnen hat. Dadurch, dass ich mit Buchpreisen so etwas auf Kriegsfuß stehe, habe ich das hier völlig ignoriert. Ich hole es nach und möchte noch erwähnen, dass sich der Autor die Ehrung aber wirklich richtig gut verdient hat.

Das Buch ist ausgezeichnet worden mit dem Ersten Deutschen Verlagspreis.

Amazon hat meine Rezension auf den Namen Marianne freigeschaltet. Nur zur Klärung. Nicht dass man mir vorwerfen könnte, ich hätte von Marianne abgeschrieben. Nächstes Mal suche ich mir meinen Nick selber aus.

Meine Bewertung
2 Punkte: Sprachlicher Ausdruck (Anspruchsvoll, keine saloppe Schreibweise)
2 Punkte: Differenzierte Charaktere
2 Punkte: Authentizität der Geschichte
2 Punkte: Fantasievoll, ohne dass es kitschig oder zu sentimental wirkt
2 Punkte: Frei von Stereotypen,Vorurteilen, Klischees und Rassismus
2 Punkte: Cover und Titel stimmen mit dem Inhalt überein
Zwölf von zwölf Punkten.

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Jeder kann die Welt mit seinem
Leben ein wenig besser machen.
(Charles Dickens)

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Der Mensch ist mehr als nur die biologische Erbmasse.
Er ist, was er innerlich denkt und fühlt.
(M. P.)
Die Herkunft eines Menschen
Die Wurzeltheorie verdammt Menschen zu ewigen Ausländer*innen, nur, weil sie eine andere Hautfarbe, eine andere Religion oder einen anderen Namen tragen. Die meisten haben ihre Wurzeln dort geschlagen, wo sie geboren wurden und / oder dort, wo sie ihr ganzes Leben zugebracht haben.

Es lebe die menschliche Vielfalt in Deutschland und überall.
(M. P.)