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Montag, 20. Januar 2020

Ulrich Ladurner / Der Fall Italien (1)

Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre  

Eine andere Form von Buchbesprechung, mehr ein Reflektieren, ein Diskutieren über verschiedene Ideen und Gedanken, was die triste, desaströse politische Landschaft Italiens betrifft, in der am Ende des Tunnels irgendwie kein Licht zu sehen scheint. Ein paar Fakten möchte ich hier hineinbringen, die ich mit Zitaten belegen möchte. Ich zitiere nicht nur aus Ulrich Ladurners Werk, sondern auch ein Zitat aus der Welt.de

Hier geht es zum Klappentext, zu den ersten Leseeindrücken und zu den Buchdaten.

Das Buch hat mich lange beschäftigt und passt wunderbar zu dem Buch, das ich noch vor Ladurner gelesen habe. Welch ein Zufall. Ian McEwan, Die Kakerlake. Eine Politsatire; eine kritische Auseinandersetzung mit dem Brexit. Was hat Brexit aber mit Italien zu tun?

Auch italienische Politiker scheinen mir, hier die Kakerlake als eine Metapher gebrauchend, nichts anderes als diese Nimmersattinsekten, Parasiten, zu sein. Sie scheinen für mich sogar EU-weit die gefräßigsten Parasiten zu sein, um dies symbolisch auszudrücken. Zumindest hatte ich diesen Eindruck, als ich das Buch gelesen habe. Aber es ist absurd, Länder miteinander zu vergleichen, da jedes Land nur mit sich selbst verglichen werden kann, da jedes Land seine Geschichte hat. 

Vieles, was Ulrich Ladurner hier in seinem Werk beschreibt, war mir schon bewusst, aber vieles ist mir auch neu, und so konnte er mir zumindest auch die Frage beantworten, weshalb die Italiener wiederholt Berlusconi gewählt hatten. Und weshalb sie nach der Berlusconi-Ära weiterhin auf populistische Parteien zugegriffen haben? Alle Antworten werde ich hier der Länge wegen nicht liefern können, aber zumindest ein paar Anregungen.

Es würden in Italien derzeit keine seriösen Parteien geben, absolut keine Alternativen. Auch wirken sie auf mich wie ein Wolf im Schafspelz. Sie alle, die Politiker, versprechen dem Volk ein besseres Leben, wie z. B. durch die Schaffung besserer Arbeitsplätze, durch günstigere Mieten ... und wenn sie schließlich gewählt sind, zeigen sie ihr wahres Gesicht und schlagen ordentlich zu, in dem sie eine Steuer nach der anderen einführen, und andere Errungenschaften einfach wieder abschaffen.

Ich wusste schon, dass Italiens Regierung korrupt ist, aber ich wusste auch, dass der normale italienische Mensch nicht die Regierung ist, selbst wenn dieser seine Politiker gewählt hat. Aber, ich möchte darauf auch hinweisen, dass es in Italien ein sehr differenziertes Wahlverhalten zwischen Passivwählern, Frustwählern, Nichtwählern und  Protestwählern gibt.

Das Buch hat mir gezeigt, wie die Menschen benutzt und hinters Licht geführt werden, wie mit deren Psyche gespielt und manipuliert wird. Es zeigt, dass es keine sauberen Politiker in diesem Land zu geben scheint, keine sauberen Parteien, sodass viele Italiener es leid sind, die Politik meiden und den Zusammenhalt nur noch in der Familie suchen. Wenn es keine sauberen Politiker in diesem Land zu geben scheint, so frage ich mich, wie die Zukunft dieses Landes noch aussehen wird? 

Ich habe wirklich die Sorge, dass in Italien erneut der Faschismus ausbrechen wird. Muss ein Krieg kommen, damit das Böse ausgemerzt wird? Damit die Menschen wach werden? Aber was ist, wenn das Böse siegt? Was wäre mit Italien, hätte Mussolini gesiegt? Auf die Geschichte zeigend lehnt die Regierung die Geschichte vehement ab, mit der Begründung, dass die Geschichte schließlich Geschichte und damit abgeschlossen sei. Und doch gibt es so viele Parallelen zu der Politik heute und zu der Politik damals. 

Italien ging es aber nicht immer schlecht. Italien feierte auch einen wirtschaftlichen und einen sozialen Aufschwung, und zwar nach dem Zweiten Weltkrieg.
Der schnelle Aufstieg Italiens begann nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Die sechziger Jahre war geradezu ein rauschhaftes Jahrzehnt. Fünfzehn Jahre nach Kriegsende feierte das Land Erfolge auf allen Ebenen. Es begann mit der Olympiade 1960, bei der Italien 13 Medaillen gewann und damit hinter der Sowjetunion und der USA auf Rang drei landete. 1964 wurde die Autostrada del Sole (…) fertiggestellt, die den Norden mit dem Süden verband. (…) Die Wirtschaft boomte, und die Massen konnten sich Konsumgüter leisten. (…) Vergessen waren die Verehrungen des Krieges, vergessen die Verehrungen in den Faschismus. Die Zukunft war ein offenes Feld voller Verheißungen, man musste es nur entschlossenen Schrittes betreten. (2019, 17)

Damals wurden die Politiker noch in die „Schule“ geschickt. Es gab starke Gewerkschaften, große Parteien, eine mächtige Kirche, die ihren Mitgliedern Fortbildungen angeboten hatten, um sie auf die Politik vorzubereiten, doch leider konnte dieser Anspruch auf Dauer nicht aufrecht erhalten bleiben. 
Allein zwischen 1945 und 1954 durchliefen 300 000 Mitglieder Ausbildungskurse, die Besten wurden ausgewählt und auf die Parteischule Frattocchie bei Rom geschickt. Aus ihr ging eine Reihe von später bekannt gewordenen Politikern hervor. Die Gewerkschaften hatten ihre eigenen Ausbildungszentren, die ebenfalls viele Persönlichkeiten hervorbrachten, die eine prägende Rolle in der italienischen Nachkriegsrepublik spielten. (18)

Diese stabilen Zeiten waren nicht von Dauer. In den späteren Jahren wurden die Italiener von ihren Politikern erneut enttäuscht und betrogen. Besonders in der ...
... Gegenwart (hatte) kein führender Politiker mehr eine spezifische Ausbildung durchlaufen, die ihn hätte vorbereiten können, denn die Schulen der Parteien und der Gewerkschaften hatten sich fast alle aufgelöst. Es wird offenbar nicht mehr erwartet, dass der Politiker komplexe Probleme intellektuell durchdringt, sie verständlich darlegt und schließlich für Lösungen bei den Bürgern um Zustimmung wirbt. (20)

Das Volk entpuppte sich immer mehr zu einem Wutbürger, viele reagierten desillusioniert, viele sind nur noch misstrauisch, stehen den Medien missmutig gegenüber. Sie erlebten eine massive Deindustrialisierung, den Niedergang der Volksparteien, die Schwächung der Gewerkschaften.
Wer immer ihnen Nachricht überbringt, sie glauben ihm nicht. Sie fühlen sich hintergangen und umgeben von Lügnern und Betrügern. Das Misstrauen sitzt in ihren Knochen und macht sie schwer wie Blei. (22) 

Man fragt sich, wie Berlusconi es geschafft hat, an die Macht zu kommen? Erstmal, nicht alle haben ihn gewählt. Für mich aber auch eine ganz klare Sache, wie ich von Italienern zu hören bekommen habe, als ich sie danach fragte. Er scheint die Medien, die in seiner Hand lagen, manipuliert zu haben, und vielleicht hat er als Milliardär mithilfe von Schmiergeldern Stimmen gekauft. Dies vermute ich. Hier würde sich leider mancher Italiener, wenn er sich hat kaufen lassen, mitschuldig an diesem politischen Verbrechen machen. Aber es gibt auch andere Antworten:
Als die Italiener 1994 Silvio Berlusconi zum Ministerpräsidenten wählten und ihn dreimal im Amt bestätigten, schüttelte das Ausland den Kopf. Wie konnte ein so kultiviertes Volk einem Illusionskünstler vom Schlage Berlusconis hinterherlaufen? Wie konnten die Italiener ihn immer wieder wählen, trotz seiner zahllosen Skandale und Affären? (22)

Doch was ich nämlich nicht wusste, ist, dass bei der Einführung des Euros alle Italiener dafür zahlen mussten. Romano Prodi, damaliger Ministerpräsident, führte eine Eurosteuer ein.
Die Regierung zog direkt von den Bankkonten der Italiener Geld, um die Kriterien des Vertrags von Maastricht erfüllen zu können. Somit zahlten die Italiener aus eigener Tasche für den Beitritt zum Euro. Doch die Italiener waren bereit (…) zu zahlen, weil sie mit dem Euro viel Hoffnung verbanden. Europa verlangte es, und die Italiener wollten gute Europäer sein. Sie waren es aus Überzeugung und aus Notwendigkeit, denn sie hatten wenig Vertrauen in die Fähigkeiten der eigenen politischen Klasse. Brüssel sollte die Modernisierung vorantreiben. (23)

Aber mit Europa wurde es nicht besser. Im Gegenteil, der Druck nahm durch Brüssel noch mehr zu und das nutzte der wiedergewählte Berlusconi aus und führte eine Antieuropa – Politik ein und stärkte das Volk, erneut auf die nationalistischen Werte zurückzugreifen und darauf zu vertrauen. Zum Beispiel würde Italien den Italienern gehören und nicht der EU. Berlusconi nutzte das geschwächte Selbstvertrauen seiner Landsleute aus.
Mit Ausbruch der Eurokrise 2010 zerstoben diese Hoffnungen. Italien geriet ins Hintertreffen: Die Arbeitslosigkeit stieg, die Kaufkraft sank, die Wettbewerbsfähigkeit ging verloren, der Anteil der Industrieproduktion am Bruttoinlandsprodukt schrumpfte. Es war ein bitteres Erwachen. Und aus Brüssel kamen die ständigen Ermahnungen zum Sparen, zu mehr Disziplin, zu mehr Reformen. Die Italiener sollten so werden wie die Deutschen – doch da das nicht möglich war, entstand das nagende Gefühl des ständigen Ungenügens. Die EU war wie ein strenger Schulmeister, der Italien ohne Unterlass schlechte Noten gab. (…) Erst Jahre später sollte man erkennen, dass Berlusconi keine Ausnahme war, sondern ein Vorläufer-ein frühes Modell von Donald Trump, der 2016 überraschend zum US-Präsidenten wurde. Berlusconi lebte das Modell des radikalen politischen Narzissmus vor.  

Dies erklärt natürlich, dass die Italiener auf Prodi wütend wurden und ihn abgewählt haben, weil sich an der politischen Lage nichts gebessert hatte. Dann die vielen Beschimpfungen aus Brüssel, das waren die Italiener leid. 
Seit der Eurokrise scheinen die Italiener aus deren Blickwinkel wie ungezogene Kinder, die nicht recht wissen, wie man mit Geld umzugehen hat. Sie schmeißen zum Fenster hinaus, was andere hart verdient haben. Diese Vorstellung hat sich, auch dank entsprechender Berichterstattung, tief in die Köpfe, insbesondere der Deutschen, eingenistet. Da ist viel Herablassung im Spiel, viel Besserwisserei und Ignoranz. Die strengen Sparmeister des Nordens sollten aber berücksichtigen, dass andere europäische Länder enorm von der Kreativität, dem Talent und dem Leistungswillen der italienischen Auswanderer profitieren. Es war in erster Linie der viel gescholtene italienische Staat, der diese Menschen ausgebildet hat, bevor sie ins Ausland gingen. (218)

Und trotzdem steht Italien an vierter Stelle, was die Zahlung an die EU betrifft. Noch 2016 zahlte das Land 11,48 % des Bruttoinlandprodukts an die Europäische Union. An erster Stelle steht Deutschland, an zweiter Frankreich, an dritter England, dann kommt Italien. Das allerdings habe ich aus einer anderen Quelle herausfinden können, siehe hier.
Und es gibt noch einiges mehr, was in der Rede vom angeblichen liederlichen Italien untergeht: Laut einer Studie der Europäischen Zentralbank ist das durchschnittliche Vermögen der Italiener fast dreimal so groß wie das der Deutschen, nämlich 173 600 zu 51 400 €. Auch die Schulden in ihrer Gesamtheit – Staat, Familien, Unternehmen – sind geringer als die der Dänen oder Schweden. Der italienische Staat ist arm, die italienische Gesellschaft dagegen reich. Fakten wie diese spielen in der Debatte über Italien nur selten eine Rolle. Sie finden keinen Platz zwischen all den Vorurteilen, die sich längst zu Gewissheiten verfestigt haben. (Ladurner 218) 

Schuld daran seien auch die italienischen Politiker, die in Brüssel mit einem opportunistischen Auftreten auf den Tisch hauen und so tun, als würden sie im Auftrag des Volkes so agieren. Dabei sei das Volk selbst ganz verzweifelt über die peinlichen Auftritte ihrer Politiker.
Europäische Politik ist eine heikle, mitunter explosive Angelegenheit, weil jede Nation ihre eigene Geschichte hat. (…) Nationalgefühle sind auch mehr als sechzig Jahre nach Gründung der Europäischen Union noch nicht abgekühlt. (219)

Wie sollte denn Brüssel und der Norden auf die Italiener reagieren?
Nicht nur, aber auch darum ist die Art, wie man übereinander redet, von größter politischer Bedeutung. Europäische Politik hat sehr viel mit gegenseitigem Respekt zu tun. Millionen Italiener fühlen sich in der Europäischen Union nicht respektiert, (…). Die Union, die sie erleben, ist nicht ihre Union, sondern ein Zwangsverein. (…) Es hätte gewiss nicht geschadet, wenn man den Millionen Italienern, die in den letzten Jahren verzweifelt gegen den Abstieg in die Armut kämpften, mit etwas mehr Großzügigkeit begegnet wäre. Es hätte nicht geschadet, wenn man in Brüssel wie auch in Berlin immer wieder darauf hingewiesen hätte, dass die Italiener den Europäern trotz all der Schwierigkeiten immer noch viel geben. Man muss bei solchen Reden die Probleme nicht verschweigen – sie liegen offen auf der Hand: Die Schwächen der Institutionen, die Unzulänglichkeit der politischen Klasse. Das sind die Kernprobleme Italiens. Das italienische Volk leidet darunter ebenso, wie Europa daran Schaden nimmt. (Ebd)

Man sollte diesen Respekt nicht nur ITALIEN, sondern allen Ländern entgegenbringen, die aus einer schwierigen Regierung kommen, und man sollte aufhören, die Menschen darin durch Arroganz und Besserwisserei  abzustrafen. Diese Haltung löst einen starken diskriminierenden und rassistischen Charakter aus, den ich traurigerweise immer wieder aus vielen belletristischen Büchern entnehmen muss. Dass wir anderen in einem Land geboren wurden, in dem es solche Probleme nicht gibt, dafür aber genug andere, ist nicht unserem Können geschuldet. Die meisten Errungenschaften haben wir doch nur unseren Vorkämpfern zu verdanken. 

Wo ein Mensch hineingeboren wird
Die Geburt eines Kindes ist wie ein Lotteriespiel. Niemand sucht sich sein Land, seine Eltern und seine Gesellschaft aus. Jeder Mensch muss in dem Land, in dem er geboren und seine Wurzeln geschlagen hat, bestmöglich klarkommen.

Probleme gemeinsam angehen, dann findet man auch wieder das Vertrauen der Menschen, die sich abgeurteilt fühlen. Und man darf nicht vergessen, dass Menschen auch individuell Entwicklungen durchlaufen, besonders dann, wenn eine Gesellschaft dafür noch nicht reif genug ist.

Aber sind die Italiener nun alle Opfer?, habe ich mich gefragt. Ganz bestimmt nicht. Sie tragen mit die Verantwortung, was die "gefräßige Nimmersattpolitik" ihres Landes betrifft. Aber sie alle als Mafiosi zu beschimpfen, davor distanziere ich mich. Ich selbst vermisse den politischen Italiener, der so wie früher auf die Straße geht, und für seine Rechte kämpft. Italiener, die die Lügen ihrer Politiker durchschauen, sie aufdecken, statt sich von ihnen von einer schöneren und heileren Welt vollsülzen zu lassen. Und ich stelle mir die Frage, wie man seriöse Politiker wieder ins Land bekommt? Wie können Gewerkschaften wieder stark und autark werden und wie saubere Parteien gegründet werden? Das stelle ich mir nicht einfach vor. Um wieder zurück in McEwans Metapher zu schwelgen, muss eine Insektenplage, wie die der Kakerlaken, gründlichst ausgemerzt werden. Da benötigt man gute Kammerjäger.

Ich selbst wüsste nicht mal, wie ich mich politisch und gesellschaftlich verhalten würde, wenn ich in Italien leben würde.

Auf jeden Fall wünsche ich den Italienern ihren Kampfgeist zurück. 

Keine Ratschläge
Ansonsten habe ich keine Ratschläge, und ich finde es auch gut, dass der Autor keine anbietet. Als Nichtbetroffene glaubt man immer schlauer zu sein, und weiß angeblich immer besser, was für andere gut ist. Wenn das nur so einfach wäre!!!

Mitgefühl ist keine Schwäche
Trotzdem habe ich auch großes Mitgefühl mit den Menschen, weil mir bewusst ist, wie schwer eine Politik zu durchschauen ist, vor allem, wenn es in den Parteien keine Alternativen gibt. Und hier in Deutschland gehört meine Partei, die ich wähle, selbst zu einer Minderheit. Alle schreien sie, wenn im sozialen Bereich Kürzungen vorgenommen werden, aber die meisten wählen weiterhin Parteien, die sich nicht für die sozialen Interessen der Menschen einsetzen. Wie kommt das? Auch bei uns geht es nicht immer sauber zu, was das Wahlverhalten deutscher Wähler betrifft. Auch bei uns läuft so viel schief, auch bei uns werden Versprechungen nicht gehalten. 

Großartig demonstriert wird bei uns hier allerdings auch nicht. Eine Volkspartei gibt es auch keine mehr und die großen Parteien leiden auch unter kräftigem Stimmenverlust.

Leere Rentenkassen könnten bei uns ausgefüllt werden, wenn auch Politiker und Beamten in die Rentenversicherung einzahlen würden. Rentenkassen könnten ausgefüllt werden, wenn eine Vermögenssteuer eingeführt werden würde. Wie passt das, dass die Reichen geschont und die Armen belastet werden?

Der erste Schritt zum Weltfrieden wäre, Respekt anderen Menschen, besonders auch aus  aus anderen Ländern mit ihren spezifischen Sorgen und Problemen gegenüber zu treten, mit denen diese Menschen ihren Lebenskampf führen müssen. Man muss nicht alles für gut heißen, das tue ich ja auch nicht, aber eine respektvolle Haltung anstelle einer diskriminierenden, abfälligen und ausgrenzenden wäre schon ein Anfang. 

Jeder, der möchte, kann aus den eigenen Fehlern und aus den Fehlern anderer lernen. Was uns alle verbindet, ist, dass wir alle Menschen sind. 

McEwan / Italexit 
Wieder zurück zu McEwan und zu seinem neusten Buch, Die Kakerlake.
Wenn ich könnte, würde ich dem Schriftsteller Ian McEwan gerne einen Brief schreiben, mit der Bitte, die Kakerlake á la italian zu verfassen, aber der arme Mann hat sicher andere Sorgen, als sich mit den Sorgen der Italiener zu befassen, zumal die Engländer nun draußen sind, nichts mehr mit der EU verbindet. Sollen sich die Italiener doch selbst mit ihren Sorgen herumschlagen, würde er vielleicht antworten. 

Aber es würde mir auch schon genügen, wenn Die Kakerlake ins Italienische übersetzt werden würde, deshalb erwähne ich McEwan hier, und hoffe, die Italiener auf ihn aufmerksam machen zu können und um Interesse zu wecken. Ich habe gerade auf Amazon.it entnehmen können, dass McEwan in Italien bekannt ist. Verschiedene Werke von ihm sind ins Italienische übersetzt worden. Ich hoffe, dass ich mit meinem Blogbeitrag viele Italiener erreichen werde.

Mein Fazit  
Ein sehr interessantes, bewegendes und ein nachdenkenswertes Sachbuch, das mir viele Antworten liefern konnte. Es hatte mich zwar viele Tage über die politische Lage dieser Nation richtig betrübt, weil sie ein so düsteres politisches Profil darstellt, dann aber konnte ich diese Stimmung wieder überwinden und weiterlesen. Wie gefräßig auch
  italienische Politiker sein können, wird hier in diesem Sachbuch neben McEwan auch sehr deutlich. Der Hunger nach Macht und die Profitgier scheinen nicht zu stillen zu sein ... Viele Textstellen konnte ich nur markieren, aber nicht herausschreiben, weil sie einfach zu heftig waren und so muntere ich andere stattdessen zum Selberlesen auf. 

Das Buch habe ich auf der Buchmesse 2019 entdeckt. Und bin recht froh darüber. Ohne die Buchmesse wäre es mir nie in die Hände gefallen. Auf Amazon.de befindet sich noch keine Rezension. Wird wohl nicht so viel gelesen.

Es hat mich sehr bereichert und hat mich in meinem Denken absolut weitergebracht.

Eine klare Leseempfehlung. 12 Punkte.

Hier geht es zur Buchbesprechung von Ian McEwans Politsatire.
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Es geht nicht um den Verstand,
es kommt alles aus dem Herzen.
(Tracy Barone)

Gelesene Bücher 2020: 02
Gelesene Bücher 2019: 29
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Gelesene Bücher 2016: 72
Gelesene Bücher 2015: 72
Gelesene Bücher 2014: 88
Gelesene Bücher 2013: 81
Gelesene Bücher 2012: 94
Gelesene Bücher 2011: 86


Der Mensch ist mehr als nur die biologische Erbmasse.
Er ist, was er innerlich denkt und fühlt.
(M. P.)
Die Herkunft eines Menschen
Die Wurzeltheorie verdammt Menschen zu ewigen Ausländer*innen, nur, weil sie eine andere Hautfarbe, eine andere Religion oder einen anderen Namen tragen. Die meisten haben ihre Wurzeln dort geschlagen, wo sie geboren wurden und / oder dort, wo sie ihr ganzes Leben zugebracht haben.

Es lebe die Vielfalt.
(M. P.)


Sonntag, 1. Dezember 2019

Simone Lappert / Der Sprung (1)

Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre 

Mir hat das Buch im Ganzen recht gut gefallen, wenn mich auch vereinzelt ein paar Szenen nicht ganz überzeugen konnten, weil sie mir etwas zu dick aufgetragen erschienen. Mir hat die Sprache sehr gut gefallen und auch der tiefe Blick in die Thematik hat mich innerlich sehr berührt. An manchen wenigen Stellen erwies sich mir die Geschichte etwas zu langatmig, man hätte deutlich abkürzen können. Zwei Figuren haben mitunter nicht dazu gepasst.

Hier geht es zum Klappentext, zu den ersten Leseeindrücken und zu den Buchdaten.

Die Handlung
Gleich zu Beginn der Handlung bekommt man mit, wie an einem heißen Sommertag eine junge Biologin mit dem Kurznamen Manu auf dem Dach eines Mietshauses steht, um einen Suizid zu begehen. Die Handlung spielt in einem kleinen Dorf namens Thalbach. Warum will Manu springen? Was ist passiert? Welche Verzweiflungstat führt sie in diese Handlung? Fragen, die mich gleich zu Beginn beschäftigt haben. Lange bekommt man keine Antwort. Ich musste geduldig abwarten, durch viele Charaktere anderer Figuren wandeln, bis ich erfahren konnte, was mit Manus Psyche tatsächlich los war. Manu ist eigentlich eine recht interessante Persönlichkeit, die verwaiste oder schlecht geführte Pflanzen anderer Leute stiehlt, um ihnen bei sich ein besseres, artgerechteres Zuhause zu schenken. Viele Menschen halten allerdings Manu für verrückt, glotzen sich die Augen aus ihren Köpfen raus, und können den Sprung nicht abwarten, bis er endlich vollzogen wird, denn Manu lässt sich damit viel Zeit. Polizei und Feuerwehr schreiten ein, und je mehr Profis zum Einsatz kommen, desto mehr sollte sich der Sprung in die Länge ziehen. Die Menschen unten schreien ihr böse Worte zu, dass sie z. B. eine Memme sei.
>>Spring doch endlich, du Pussy! (…) Na los, spring runter!<< (154)

Manu wurde immer unsicherer, und fing an, Dachziegel auf die Menschen zu werfen. Selbst die Polizei hat es nicht geschafft, die ganze Sache unter den neugierigen Menschen zu entschärfen, sodass sich der Platz trotz Absperrung immer mehr zu füllen begann ...

Welche Szene hat mir nicht gefallen?
Darunter befanden sich einige Szenen. Aber vor allem hat mir nicht gefallen, dass die Polizei die neugierigen Menschen nicht zu unterbinden wusste. Einige Leute hatten sich auf Klappstühle gesetzt, um nichts von dem Spektakel zu verpassen. Sie zückten Kameras, drehten Videos … Ist das tatsächlich so passiert?

Mir hat auch nicht gefallen, dass die Polizei so ausgerüstet war, als hätte sie es nicht mit einer verzweifelten Person zu tun, sondern mit einer Schwerverbrecherin.
>>Kein Wunder, dass sie Angst hat, runterzukommen. (…) Die sehen ja zum Fürchten aus mit ihren Schildern und Helmen. (229)

Welche Szene hat mir besonders gut gefallen?
Es waren zwei Szenen. Finn, ein junger Mann, der Manu kannte und sie mochte, zeigte Zivilcourage und stellte sich gegen die Lästerer, die Manu für eine Verrückte hielten.
>>Die Verrückten sind immer die anderen, nicht wahr? (…) Findet ihr das geil, da draußen zu hocken und Sandwiches zu essen und Eis und Kekse und euch überlegen zu fühlen und die Ärmel hochzukrempeln, damit ihr beim Gaffen schön braun werdet, he? Findet ihr das geil? Gibt euch das ein gutes Gefühl? Erbärmlich seid ihr, einfach erbärmlich! << (164)

In einer weiteren Szene hat mir die Teenie Winnie gefallen, die einer Gleichaltrigen geholfen hat, ihren Freund auszutricksen, der sie unter Druck setzen wollte. Wenn sie nicht bald mit ihm schlafen würde, würde er ein Foto von ihr, auf dem sie oben ohne abgebildet war, öffentlich ins Netz stellen.  

Welche Figuren waren für mich Sympathieträger*innen?
Das waren für mich Finn und Winnie.

Welche Figuren waren mir antipathisch?
Edna und der Polizeibeamte Blaser.

Aber die beiden italienischen Figuren, die haben gar nicht dazu gepasst. Rennen von Mailand nach Deutschland als Modedesigner einem Hut hinterher, und ich habe nicht herausfinden können, was damit ausgedrückt werden sollte. Während im Fernsehen die Tragik dieser Frau ausgestrahlt wurde, werden die beiden Modedesigner auf einem Mann mit einem besonderen Hut aufmerksam, den sie unbedingt haben mussten. Vielleicht zeigt diese absurde Szene die Banalität im Leben auf, während sich auf der anderen Seite von Welt ein Mensch das Leben nehmen möchte. 

Cover und Buchtitel
Seit ich das Buch habe, also noch vor dem Lesen, habe ich mich gefragt, wer die Figur auf dem Cover sein könnte? Auf jeden Fall nicht Manu, was ich gut finde, sonst würde die Person sich für mich wie ein Stigma anfühlen. Vor ein paar Tagen, auf dem Weg zur Arbeit, kam mir der Gedanke. Für mich hat sich die Figur Achtung Spoiler, als Finn herauskristallisiert.

Zum Schreibkonzept
Auf den 334 Seiten ist die Geschichte folgendermaßen gegliedert:
Das Buch trägt am Anfang eine Widmung. Anschließend gibt es auf der folgenden Seite ein Gedicht von Newton, das sich mit der Schwerkraft beschäftigt. Was tut ein Körper, der fällt?

Das zweite Gedicht von Gnarls Barkley ist auf Englisch, dass die Wahrscheinlichkeit, dass alle Menschen verrückt sind, nicht unwahrscheinlich ist.

Dann geht es mit einem Vorspann weiter, das, was die noch Unbekannte vor dem Sprung auf dem Dach fühlt. Sie spielt den Sprung gedanklich minutiös durch.

Auf der nächsten Seite beginnt das Kapitel mit Der Tag davor. Danach lernen wir die erste Figur namens Felix kennen, der in anderen Abschnitten von vielen anderen Figuren im Wechsel abgelöst wird, aber immer wieder in weiteren Kapiteln in Erscheinung tritt.

Der erste Tag beginnt auf der Seite 65. Auf der Seite 287 setzt sich das Buch mit Zweiter Tag fort. Das Buch endet technisch, wie es begonnen hat. Aber anstelle eines Vorspanns endet es mit einem abschließenden Bericht über den Sprung. Ganz am Schluss gibt es eine Danksagung.

Meine Meinung
Ein wirklich sehr interessantes Buch, das regelrecht nach mehr Mitmenschlichkeit schreit. Auch die Figuren fand ich spannend. Wie oben schon geschrieben, gab es wenige Szenen, die mich kritisch gestimmt hatten, ohne die Glaubwürdigkeit dieser Geschichte schmälern zu wollen. Dass dieser Akt des Sprunges sich über viele Stunden in die Länge zog, ohne dass die Polizei etwas zur Verhinderung beitragen konnte, hat mich ein wenig stutzig werden lassen. Mit etwas geschulter Psychologie schafft man es in der Regel schon, einen Menschen von einem Suizidversuch dieser Art abzuhalten, denn auch die Polizei wird regelmäßig psychologisch gebildet. Schwierig wird es bei Menschen, die ihre Verzweiflungstat ohne großes Nachdenken in die Tat umsetzen. Hierbei würde tatsächlich jede Hilfe zu spät kommen. Aber mit Manu hätte die Polizei fertig werden können. Wie Profis kamen mir die Beamten nicht vor. Unglaublich war für mich auch, dass sich die Gaffer, nachdem sie sahen, dass die Frau sich mit dem Sprung viel Zeit lassen würde, sie sich auf Klappstühlen gemütlich gemacht haben. Das ist eigentlich strafbar. In der Regel unterbindet die Polizei solch ein Verhalten. Zumindest hier in Deutschland. Hat die Autorin das wirklich so erlebt?
Manche hatten sich auf dem Platz gemütlich eingerichtet, die Liegestühle von den Balkonen heruntergetragen, Badetücher und Picknickdecken ausgebreitet. (155)

Warum tun Menschen das?
Leute, die sich durchs Zuschauen überlegen fühlen, ihre Kraft aus der Schwäche anderer entwickeln. (Ebd)

Könnte eine Antwort auf die Frage sein, wobei Lappert nicht nur eine mögliche Antwort dazu geliefert hat. Es bleibt aber noch viel Spielraum für eigene Gedanken.

Ich denke hierbei an das Mittelalter, in dem z. B. kriminelle Straftäter öffentlich am Galgen hingerichtet wurden, und eine Masse an sensationshungriger Menschen es nicht abwarten konnte, bis der Kopf endlich zum Rollen gebracht wurde. Wir Menschen haben uns technisch weiterentwickelt, aber unsere Gefühle sind trotz besserer Schulbildung noch genauso primitiv geblieben wie einst.

Mein Fazit
Man merkt ganz deutlich, dass Simone Lappert sich viele Gedanken über diese brisante Thematik gemacht hat. Hierbei fällt mir ein, dass sie auf der diesjährigen Buchmesse gesagt hat, dass sie, um eine Manu wirklich verstehen zu können, selbst auf ein Dach gestiegen ist, und sie sich einen Sprung nach unten versucht hat in allen Details vorzustellen.

Dies in sich hineinfühlen in eine andere Person ist Simone Lappert absolut gelungen. Das würde die Welt viel menschlicher machen, würde jeder Mensch versuchen, sich in das Innenleben seines Gegenübers hineinzuversetzen, statt die Dinge immer nur aus seiner Perspektive zu betrachten. 

Ein dringender Appell für mehr Mitmenschlichkeit und Empathie. 

Meine Bewertung
2 Punkte: Sprachlicher Ausdruck (Anspruchsvoll, keine saloppe Schreibweise)
2 Punkte: Differenzierte Charaktere
1 Punkte: Authentizität der Geschichte
2 Punkte: Fantasievoll, ohne dass es kitschig oder zu sentimental wirkt
2 Punkte: Frei von Stereotypen,Vorurteilen, Klischees und Rassismus
2 Punkte: Cover und Titel stimmen mit dem Inhalt überein
Elf von zwölf Punkten.

Eine ganz klare Leseempfehlung. 

Vielen herzlichen Dank an den Diogenes Verlag für das Bereitstellen des Leseexemplars. 
________________
Vertraue auf dein Herz.
Denn dann gehst du niemals allein.
(Temple Grandin)

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Der Mensch ist mehr als nur die biologische Erbmasse.
Er ist, was er innerlich denkt und fühlt.
(M. P.)
Die Herkunft eines Menschen
Die Wurzeltheorie verdammt Menschen zu ewigen Ausländer*innen, nur, weil sie eine andere Hautfarbe, eine andere Religion oder einen anderen Namen tragen. Die meisten haben ihre Wurzeln dort geschlagen, wo sie geboren wurden und / oder dort, wo sie ihr ganzes Leben zugebracht haben.

Es lebe die Vielfalt.
(M. P.)


Donnerstag, 21. November 2019

Juli Zeh / Unterleuten (1)

Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre   

Das Buch habe ich vor drei Tagen beendet, und komme erst jetzt dazu, die Buchbesprechung zu schreiben.

Mir hat es recht gut gefallen, wo ich anfangs ein wenig ungeduldig war, siehe Buchvorstellung, Meine ersten Leseeindrücken. Es hat ein wenig gedauert, bis ich hinter die Fassade der Protagonist*innen eindringen konnte. Da dies als ein Gesellschaftsroman deklariert ist, kann man sich denken, dass man es mit überaus vielen Figuren zu tun bekommt. Aber Juli Zeh kommt uns Leser*innen entgegen, in dem sie hinten im Anhang zum Nachschlagen eine Personenliste erstellt hat, was ich sehr nützlich und hilfreich fand.

Wegen der Vielzahl an Leuten in Unterleuten werde ich meine Buchbesprechung dieses Mal ein wenig anders aufziehen, werde mehr über meine Eindrücke schreiben.

Hier geht es zum Klappentext, zu den ersten Leseeindrücken und zu den Buchdaten.


Die Handlung
Unterleuten ist ein sehr kleines fiktives Dorf aus der ehemaligen DDR, das sich nicht weit von Berlin befindet. Viele Menschen aus dem Osten sind nach der Wende weggezogen aber andere sind der Idylle wegen aus dem Westen hinzugezogen. Die Handlung spielt im Jahr 2010/2011. Für die Dagebliebenen ist Unterleuten eine Herausforderung. Zu DDR – Zeiten kämpften sie gegen den Kommunismus an, nach der Wende kämpften sie gegen den Kapitalismus. Richtig glücklich sind sie nie gewesen, wenn sie sich auch wieder nach alten Zeiten zurücksehnen.

Die Zugezogenen erleben in Unterleuten durch die malerische Landschaft eine wahrhafte Idylle. Eine Figur ist von Beruf Pferdeflüsterin und benötigt, um ihren Beruf auch ausführen zu können, dafür viel Weideland. Mit eigenen Pferden möchte sie anderen Menschen den richtigen Umgang zu den Tieren beibringen. Ein anderer ist Vogelschützer, und möchte alles tun, außergewöhnliche Vogelarten, die es in Unterleuten gibt, in ihrer Art zu erhalten. Dieser setzt sich für die Vögel ein, damit sie ihren gesunden Lebensraum erhalten können, wären da nicht die Windräder, die wiederum eine andere Figur unbedingt bauen möchte, aber sehr schlecht für die Vögel wären.

Der Roman spitzt sich zu einem Drama ab, da jede Figur andere Ziele verfolgt, die auch politisch nicht unter einem Hut zu bringen sind. Man hat den Eindruck, dass jede wie Ketten mit der anderen verbunden ist, da sie, um ihre Pläne umsetzen zu können, von den anderen Dorfbewohner*innen abhängig ist. Und niemand ist wirklich frei. 

Welche Szene hat mir so gar nicht gefallen?
Mir hat gar nicht gefallen, dass Gerhard Fließ, 50 Jahre alt, von Beruf Soziologe und Hochschuldozent, zusammen mit seiner jungen Frau Jule und ihrem kleinen Säugling Sophie die ganze Zeit passiv geblieben sind, als der Nachbar absichtlich Brände gelegt hat, um ihnen zu schaden. Der Nachbar hieß Schaller, den Juli Zeh aber lange Zeit nur als das Tier von nebenan bezeichnet hat. Ich war etwas irritiert. Was meinte sie mit Tier? Erst sehr viel später verriet sie den Namen dieser grässlichen Person, die die Luft seiner Nachbarn verpestet. Schaller ist von Beruf Automechaniker. Absichtlich verbrennt er Autoreifen und andere Stoffe, sodass die Luft der Familie Fließ einfach verpestet wird. Die Familie kann die Räume im Haus nicht mehr lüften, da sie sonst die ganzen Schadstoffe einatmen würden. Der Rasen war nicht mehr grün, sondern pechschwarz. Mich hat gewundert, dass die Familie hinter verschlossener Türe ihren Frust zollte, aber sonst lange Zeit nichts dagegen unternommen hat. Erst am Ende wird Fließ gegenüber Schaller gewalttätig und schlägt den Mann krankenhausreif. Mir schien diese Szene partout nicht glaubhaft. Jeder normale Mensch würde schon viel früher etwas unternehmen, um dem Mann Einhalt zu gebieten. Und wenn es über eine Anzeige bei der Polizei auslaufen würde, wenn sonst nichts anderes greifen würde. Aber wie das Dorf eben so eingestellt ist, regeln die Menschen hier ihre Probleme selbst, und zur Not greifen sie sogar zur Selbstjustiz. Die Zugezogenen haben sich dem Milieu der langansässigen Dorfbewohner*innen angepasst. Trotzdem fand ich es widernatürlich, dass das Paar nicht einen Versuch unternommen hat, sich beim Nachbar zu beschweren.

Für mich war zudem auffallend, dass die Autorin in der Personenbeschreibung sehr viele Vergleiche zu Tieren aufgestellt hat. Leider haben die Tiere dabei sehr schlecht abgeschnitten. Doch es gibt keine bösen Tiere und das größte Monster ist nicht das Tier, sondern ganz allein der Mensch. Ich weiß nicht, ob Juli Zeh eine Verbindung zu Tieren hat ... 

Welche Szene hat mir besonders gut gefallen?
Dass am Ende jede Figur das bekommen hat, was sie verdient hat. Ich habe mit einem offenen Ende gerechnet.

Welche Figur war für mich eine Sympathieträgerin?
Keine, da auf mich alle Figuren irgendwie gestört gewirkt haben, mit Ausnahme von Schallers Tochter Miriam, die sich mit Erfolg für Familie Fließ gegenüber ihrem Vater eingesetzt hat.

Welche Figur war mir antipathisch?
Ein wenig alle.

Meine Identifikationsfigur
Keine.

Cover und Buchtitel
Beides passend. Der Vogel auf dem Cover zeigt diese besondere Vogelart, die in Unterleuten leben.

Zum Schreibkonzept
Auf den 650 Seiten besteht das Buch aus sechs Teilen und insgesamt aus 62 Kapiteln. Zu Beginn eines jeden Teils bekommt man einen kleinen einleitenden Spruch zu lesen, den ich immer gut fand. Das Buch endet mit einem Epilog. 

Meine Meinung
Mir waren die Figuren zu wenig differenziert. Und einige Episoden nicht glaubhaft genug. Wie ich eingangs schon geschrieben habe, bin ich zu Beginn schlecht in die Handlung reingekommen. Erst später nahm für mich die Spannung zu, als mir die Figuren von Seite zu Seite immer vertrauter wurden. Ich habe den Schreibstil sehr bewundert und viele tolle Gedanken, die ich mir im Buch alle markiert habe. Schade, dass ich es aus Zeitgründen nicht schaffe, sie hier herauszuschreiben, wie ich es sonst immer getan habe. Juli Zeh hat mit ihrem Buch sehr neutral die Missstände der Menschen aus der Zeit der DDR aufzeigen können, aber auch die Missstände aus dem Westen Deutschlands. Viele Westdeutsche denken, dass in der DDR alles schlecht verlief, während sie die BRD im Gegenzug idealisieren und vergessen dabei die eigene Geschichte und die eigenen Mängel im Land. Nein, auch in Westdeutschland gibt es viele Missstände. Und dies ist Juli Zeh gelungen, die Probleme beider Welten aufzuzeigen. Und das hat mir eigentlich am meisten imponiert.

Mein Fazit
Beharrlichkeit hat sich hier gelohnt. Nicht jedes Buch hat es verdient, bis zum Ende durchzuhalten. Doch hier freue ich mich sehr, dass ich dieses Buch gelesen habe, und habe es gleich meiner Freundin Anne weiterempfohlen, die das Buch auch lesen wird. Ich hoffe bald, dann können wir uns darüber noch austauschen.

Meine Bewertung
2 Punkte: Sprachlicher Ausdruck (Anspruchsvoll, keine saloppe Schreibweise)
1 Punkte: Differenzierte Charaktere
1 Punkte: Authentizität der Geschichte
2 Punkte: Fantasievoll, ohne dass es kitschig oder zu sentimental wirkt
2 Punkte: Frei von Stereotypen,Vorurteilen, Klischees und Rassismus
2 Punkte: Cover und Titel stimmen mit dem Inhalt überein
Zehn von zwölf Punkten.

Vielen herzlichen Dank an den btb-Verlag für das Leseexemplar.
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Vertraue auf dein Herz.
Denn dann gehst du niemals allein.
(Temple Grandin)

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Der Mensch ist mehr als nur die biologische Erbmasse.
Er ist, was er innerlich denkt und fühlt.
(M. P.)

Die Herkunft eines Menschen
Die Wurzeltheorie verdammt Menschen zu ewigen Ausländer*innen, nur weil sie eine andere Hautfarbe, eine andere Religion oder einen anderen Namen tragen. Die meisten haben ihre Wurzeln dort geschlagen, wo sie geboren wurden und / oder dort, wo sie ihr ganzes Leben zugebracht haben.
Es lebe die Vielfalt.
(M. P.)