Montag, 15. Oktober 2018

Frankfurter Buchmesse 2018

Gastland Georgien

Messetagebuch von hinten nach vorne



Mein vierter Messetag, Sonntag, den 14.10.2018
Dies war von meinen vier Messetagen mein anstrengendster Tag. Was mir besonders aufgefallen ist, fehlten heute am Darmstädter Hauptbahnhof die vielen jungen Leute, die sich für die Buchmesse kostümiert haben …

Wie sonst auch, bin ich um 10:00 Uhr dort gewesen. Ich wollte heute keine Vorträge hören, sondern mich auf Entdeckungsreisen begeben. Ich hatte mir für den heutigen Tag auch keinen Messeplan erstellt. Und so besuchte ich gleich zu Beginn eine Halle, die ich bisher noch nie betreten hatte. In dieser Halle waren fast keine Bücher ausgestellt, sondern viele Artikel aus dem asiatischen Raum. Das Genre bewegte sich in dem Bereich der Fantasy. Viele Kostümierungen, viele Fantasiefiguren, viele Internetspiele, so gar nichts für mich, weshalb ich die Halle nach einer kurzen und überschaubaren Runde wieder verlassen habe.


Aber danach habe ich junge Leute in ihrer Verkleidung getroffen. Ich fragte, ob ich sie knipsen dürfte und ob ich das Foto auf meinen Blog setzen könne? Kein Problem, sie freuten sich auch, dass sie positiv aufgefallen sind. Auch auf dem Messeplatz gab es nicht mehr so viele narrative Figuren, die angeblich aus den Buchseiten herausgefallen sind. 😆


Ich habe mich erneut ins ARD-Forum begeben. Nur mal oberflächlich das Programm angeschaut, ob nicht doch eine Lesung oder ein Interview zu einem interessanten Thema/Autor*in angesagt ist. Anschließend ging ich erneut in das Agora-Yogi-Zelt, da ich mir ein Tee-Paket kaufen wollte. Da diese ausverkauft waren, bekam ich dieses Paket nicht mehr in der Geschenkbox, sondern in eine Korbtasche gelegt. Zwei Packungen Yogi-Tee meiner Wahl und eine sehr schöne Teetasse.



Danach bin ich wieder in die Halle 3.0. Von dem Messeplatz ziemlich gut zu erreichen. Ich ging zu dem Diogenes Stand, und kaufte mir jede Menge Bücher von Autor*innen, die auf der Buchmesse vertreten waren und denen ich lauschen durfte. Noch immer bin ich von diesem Verlag sehr angetan. Es fehlen aber noch Bücher, die ich mir anschaffen werde.

Mit schweren Büchern in meinem Rucksack zog ich weiter und blieb an dem Comic-Stand stehen. Donald-Duck ist für mich wie jedes Jahr ein Comeback aus meiner Kindheit. Jedes Jahr auf der Buchmesse kaufe ich mir einen dicken Comic.

Hier meine literarische Ausbeute ...



  
Ein paar Kinderbücher habe ich antiquarisch erworben. Es gibt Bücher, über die ich mich besonders gefreut habe. Das Buch, Die Sprache der Tiere, von Karsten Brensing, ein Naturwissenschaftler, sorgt für neues Futter meines Leseprojekts Den Tieren eine Stimme geben. Man findet immer mehr Autoren, die sich mit dieser Thematik befassen. Früher hieß es immer, dass dies esoterische Themen sei. Mag bei dem einen oder anderen Buch auch so seien, aber nicht bei allen. Karsten Brensing, Peter Wohlleben, David Precht, sind alles Autoren, die keine Esoteriker sind. Ich verfüge selbst über viele Erfahrungen mit Tierkommunikation, die ich in diesen und in anderen Büchern bestätigt bekommen habe. Man wird ja schnell für naiv gehalten bei Menschen, für die es diese Welt nicht gibt, und sie stets anzweifeln. 

Das Reportmagazin GEO hat einen Artikel dazu geschrieben, den ich hier verlinken möchte. Hier heißt es: Wir müssen Tiere vermenschlichen.


Danach bin ich durch die Halle 3.1 gegangen. Puh, so langsam ging mir echt die Puste aus und fing an, genervt zu sein, weil es einfach zu voll war.


Wo kommen alle diese Besucher*innen her? Heißt das nicht, dass hierzulande nicht genügend Menschen lesen würden? Das sah aber gar nicht danach aus. Eine Menschenansammlung, die die hohen Eintrittsgelder und die viele Zeit in Kauf nimmt? Keine Nichtleser*innen würde sich dieses Gedränge mischen. 

Und wieder ging ich zurück an den Diogenes-Stand in Halle 3.0, da mir eingefallen ist, dass ich ein Buch erwerben wollte, das von einer italienischen Autorin geschrieben wurde. Ich wusste den Namen nicht mehr, und hatte auch meine Notizen nicht dabei. An dem Stand fand ich nun von den ausgestellten Büchern keine italienische Autorin. Gerade habe ich mein Notizheft vor mir liegen. Die Autorin heißt Raffaela Romagnolo. Von Beruf ist sie Lehrerin und Schriftstellerin ... Ich habe mal etwas im Netz über die Autorin recherchiert. Sie kommt aus Piemont. Allerdings kann ich sie auch beim Diogenes nicht finden, was die ins Deutsche übersetzte Bücher betreffen. Auch von dem Autor Fauser Jörg möchte ich noch nachkaufen. Konnte ich auch kein Buch finden. Als ich den Stand wieder verlassen hatte, hörte ich meinen Namen rufen und dachte, dass eine Bloggerin mich gesehen hatte und so schaute ich, wo der Ruf herkam. Eine junge Frau neben mir reagierte darauf, und so wunderte ich mich, niemand, die ich kannte. Kann ich mich so verhört haben? Ich versuchte, unauffällig einen Blick auf die Messekarte zu werfen, die um dem Hals der jungen Frau lag. Die andere junge Frau, die meinen Namen gerufen hatte, bemerkte meinen Blick und fragte mich, warum ich so schauen würde? Das war mir unangenehm, fühlte mich ertappt, und so wusste ich nicht, wie ich mich aus dieser peinlichen Affäre rausbringen konnte. Und so entschied ich mich für die Wahrheit. Dass ich meinen Namen rufen hörte. Die beiden jungen Frauen wurden dann ganz freundlich und lachten, denn tatsächlich ist die eine junge Dame eine Namensvetterin von mir. Wir haben beide unsere Karten verglichen, nur dass sie mit einem geschrieben wird. So wie ich ist auch sie gebürtige Deutsche, aber ihre Eltern kommen aus dem ehemaligen Jugoslawien. Dort wird der Name nur mit einem L geschrieben, da es in dem Land unüblich sei, Doppelkonsonanten zu verwenden. 

Mirela ist auch Rezensentin, allerdings ist sie von Kassettenbox.de, und führt ein sogenanntes Hörspielblog. Sie hat sich meine Blogadresse aufgeschrieben. Auch weil sie lesen möchte, was ich über sie schreiben werde. Ein Hörspielblog finde ich auch nicht uninteressant. Werde mich mit der Seite mal anfreunden, aber nicht, weil ich scharf auf Rezensionsexemplare bin, sondern aus Interesse. Neben den Büchern könnte ich nicht noch Hörspiele rezensieren. Dazu würde es mir an Zeit fehlen. Und mal schauen, ob ich Mirela wieder finden kann, da ich ich es versäumt hatte, mir ihre Blogadresse geben zu lassen.

Danach bin ich zu verschiedenen Ständen gegangen, die mich angesprochen haben. Meist waren es Bilder, Poster oder Sprüche, die mich zurückgerufen hatten. Da wir meist alle über das Wetter schimpfen, erst recht, wenn es regnet, habe ich dazu ein schönes Cover eines Kinderbuches finden können. 

Danach bin ich vor einem anderen, schönen Spruch stehen geblieben.

Bücher sind fliegende Teppiche ins Reich der Fantasie. 



Erich Kästner hat mich auch gelockt und angehalten an dem Atrium Verlagsstand. So viele Bücher noch, die ich von Kästner noch gar nicht gelesen habe. Viele Kinderbücher, die ich vergessen hatte, aber auch viele Bücher für Erwachsene. Wo soll man nur anfangen zu lesen? Man möchte jedem guten Autor gerecht werden, und kann es nicht, weil es so viele sind. Derzeit lese ich eine Autobiografie von ihm. In einer Leserunde bei mir auf der Dienststelle.

Die Welt kann gar nicht so schlecht sein, sie hat uns schließlich Erich Kästner geschenkt. 


Auch wenn ich keine Leserin von Dora Heldt bin, musste ich an ihrem Stand, an dem sie ihre Bücher signiert hat, stehen bleiben. Ich wollte nur erleben, wie sie real auf mich wirkt. 


Der rechten Szene bin ich hier nicht begegnet, dafür aber Menschen, die sich für die Brüderlichkeit aller Menschen einsetzten. Junge Menschen in blauen Kostümen, die für Europa die europäische Nationalhymne von dem deutschen Komponisten Beethoven Alle Menschen werden Brüder sangen. Das fand ich sehr schön. Verschiedene Verlage haben sich gegen rechts gestellt und Buttons vergeben. Auch der Kinderbuchverlag wie Oetinger war vertreten.





An einer Wand waren Plakate angebracht, auch gegen rechts und wurde mit verschiedenen Fotos an den Nationalsozialismus erinnert. Die sog. Deutsche Banane Meine erste Banane fand ich witzig und trifft voll den Kern.










Nicht nur eine politsche Wand gab es zu sehen, sondern auch eine kreative Malwand, auf der verschiedene Buntstifte getestet werden konnten. 



Danach wollte ich nochmals das Gastland besuchen. Beim ersten Durchgang vor ein paar Tagen konnte ich den Besuch nicht vertiefen, weil ich wenig fand, was mich angesprochen hat. Doch auch beim zweiten Durchlauf fand ich wenig Ansprechendes und habe dieses Mal gar nichts abfotografiert. Aber ich genoss das georgische Nationalessen Auberginenauflauf. Und ich habe mich reichlich mit georgischer Literatur eingedeckt. 



Danach, um 15:15 Uhr, hatte ich genug. Ich konnte nicht mehr. Diese Menschenansammlung wurde mir zu viel, ich musste heim. Und somit konnte ich den vierten und den letzten Messetag gut abschließen. Ich bin jetzt dabei, das alles in mir noch sacken zu lassen.


Auf Wiedersehen, bis zum nächsten Jahr vom 16.10.19 bis 20.10.19.

Gastland 2019:  Norwegen


Dienstag, 9. Oktober 2018

Tommi Kinnunen / Wege, die sich kreuzen (1)

Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre

Es war schön, endlich mal wieder einen Finnen zu lesen. Man liest in der Presse nur Positives und ich mich häufig frage, ob die nordischen Länder keine Probleme zu wälzen haben? Natürlich haben sie welche, nur weil die hiesigen Medien Länder in gut und böse einteilen, und ich auch von Kind an mit solchen Bildern groß geworden bin, glaube ich mittlerweile nicht mehr an diese Schwarz-weiß-Facette, da die südlichen Länder eher eine Abwertung erfahren und sie als die sogenannten bösen Länder abgestempelt werden. Gutes wird hier verschwiegen, das Schlechte hochgekocht, während das Böse aus den nordischen Ländern wiederum verschwiegen wird und das Gute hochgelobt. In diesem Buch reist man nach Finnland, in die Wohnzimmer einer Familie, die aus mehreren Generationen besteht. Hier wird man mit Problemen konfrontiert, und ich mir sage, dass auch den Finnen viele Probleme nicht erspart bleiben. Es ist menschlich, Konflikte gesellschaftlicher, politscher, kriminalistischer und familiärer Art zu wälzen. Nur nimmt man aus der Tagespresse davon nichts wahr, weil sie darüber nichts schreibt. Damit ich mit meiner Beobachtung nicht alleine dastehe, zitiere ich aus einem Buch eines Isländers namens Jon Kalman Stefánsson:

Gedanken über Berge und den Staatlichen Schulbuchverlag
Hier sitze ich mit einem zwanzig Jahre alten Schulatlas und darin sind Staaten verzeichnet (...) und irgendwo ragt der Eiserne Vorhang eiskalt in den Himmel und teilt die Welt in eine gute und in eine böse Hälfte. (...) Man reist mit einer Landkarte von gestern durchs Leben. (2006, 35) Aus: Verschiedenes über Riesenkiefern und die Zeit.
Hier geht es zum Klappentext und zu den Buchdaten.

Die Handlung
Eine Familienchronik, die aus vier Generationen besteht. 1. Maria, 2. Lahja, 3. Anna, Helena und Johannes. 4. Kinder von Johannes und Kaarina.

Man bekommt es hier mit vier Protagonist*innen zu tun, die familiär zusammengehören bzw. zusammenfinden. Der Erzähler dieses Buchbandes beginnt mit der jungen Maria, die eine Ausbildung zur Hebamme gemacht hat. Man wird in die Zeit von 1895 versetzt. Maria ist nicht irgendeine Frau. Auf mich wirkt sie emanzipiert, kann sich gleich zu Beginn ihrer beruflichen Karriere alleine durchschlagen. Um Zeit für ihre Klientel zu gewinnen, kauft sie sich ein Fahrrad, damit sie schneller an ihr Zielort gelangen kann. Obwohl sie noch kein Fahrrad fahren kann. Sie bringt es sich selber bei. Eigentlich wollte sie ein Männerrad, so richtig eins mit einer Stange in der Mitte. Aber der Verkäufer bestellte ihr ein Damenrad, was sie anfangs ärgerlich stimmte, sie aber schließlich nachgibt und sich mit dem Damenrad anfreunden musste, nachdem der Verkäufer ihr die Vorteile eines Damenrads aufzählte. Maria ist stolz, dass sie es zu was gebracht hat. Als eine angesehene und patente Hebamme könne sie sich eine Arbeit als Küchenmagd, als Wäscherin … nicht mehr vorstellen. 
Maria musste durch ihren neuen Beruf keine existenziellen Nöte mehr erleiden. Sie brachte es zu Geld, mit dem sie sich ein Haus bauen ließ, das mit der Zeit durch Erweiterungen immer größer wurde ... Später bekommt Maria eine Tochter namens Lahja. Sie ist alleinerziehend. Wer der Vater von Lahja ist, wird nicht direkt benannt, aber durch aufmerksames Lesen kommt man dahinter … Dieser spielt nur im Hintergrund eine kurze Rolle …

Die Jahre vergehen zügig, Lahja ist mittlerweile ein junges Mädchen und befindet sich in den Anfängen einer Schwangerschaft. Der Mutter, der durch ihren professionellen Blick nicht entgeht, dass die Tochter schwanger ist, stellt Lahja liebevoll vor vollendeten Tatsachen ... Lahja bekommt ein Mädchen, das den Namen Anna erhält.

Die zweite Protagonistin ist Lahja
Auch Lahja hat wie ihre Mutter Maria ein uneheliches Kind auf die Welt gebracht. Es gibt keinen Mann, der sie beide ernährt. Aber Lahja wollte sich nicht von der Mutter aushalten lassen. Sie betreibt ein Fotoatelier und lernt einen anderen Partner kennen. Onni, ein sehr liebenswürdiger Mann, der Kinder liebt und Gewalt verabscheut. Ein Mann mit einem sehr weichen Charakter, was Lahja stört, denn sie sehnt sich nach einem richtigen Mann, der, wenn es darauf ankommt, mit der Faust auf den Tisch hauen kann. Onni lernt die kleine Anna zu lieben, als sei sie seine eigene Tochter. Später folgten noch zwei andere Kinder. Die von Geburt an blinde Tochter Helena und einen Sohn namens Johannes. Doch auch Lahja wird älter, die Kinder werden erwachsen und verlassen allesamt das Elternhaus. Der Sohn Johannes heiratet die junge Kaarina und bekommt mit ihr Kinder.

Kaarina wäre nun die dritte Protagonistin
Sie darf ihre Schwiegermutter nicht duzen. Kaarina muss lernen, ihre an Charakter unbequeme Schwiegermutter zu ertragen, da sie über vierzig Jahre zusammen in einem Haus leben. Lahja behält hier bis ins hohe Alter die Oberhand. Doch auch für Lahja ziehen die Jahre ins Land und so wird aus einer mächtigen Frau eine kleine gebrechliche Dame, die pflegebedürftig und dadurch von Kaarina abhängig wird.

Der vierte Protagonist ist Kaarinas Mann Onni
Onni ist psychisch instabil, da er an einer versteckten Depression leidet und ihn heimlich die Angst quält, psychiatrisch zwangseingewiesen zu werden. Onni ist eine sehr sensible Persönlichkeit, der die Probleme in der Familie, in die er hineingeheiratet hat, sehr deutlich wahrnimmt, über die nicht gesprochen wird. Er wundert sich.
Doch wenn Lasten nicht geteilt und Nöte nicht einmal erwähnt werden, können dafür auch keine Lösungen gefunden werden. Onni wundert sich, wie die anderen so ruhig lächelnd vor sich hin leben können. Er sitzt nachts auf seinem Bett und erlaubt seinen Händen zu zittern, da niemand es sieht. (2018; 274)

Richtig glücklich mit Lahja ist Onni nicht, aber Lahja mit Onni auch nicht. Onni schreibt Briefe an eine andere Person, da er eine Verbindung sucht zu einem Menschen, der ähnlich gestrickt ist wie er selbst. Er möchte ihm von seinen Wünschen und Sehnsüchten erzählen, die man sich zu der damaligen Zeit nicht wünschen durfte ...

Um nicht zu viel vorwegzunehmen, gehe ich hier nicht auf die Art der Wünsche ein und auch nicht auf die Person, mit dem Onni Briefkontakt hält …

Eine Szene, die mich negativ berührt hat
Mich hat eine Szene sehr schockiert. Als der Zweite Weltkrieg ausgebrochen ist, mussten die Finnen das Dorf verlassen. Sie wurden 1944 zwangsevakuiert. Maria lockte ihre Katze zu sich. Als sich die Katze ihr genähert hat, setzte Maria sie auf ihren Schoß, packte sie schließlich an den hinteren beiden Beinchen und schlägt den Katzenkörper heftigst gegen die Hausmauer ... Ich war so tief betroffen, dass ich dieses Bild nicht mehr aus meinem Kopf herausbekomme. Diese Szene hat mich sehr erschüttert, sodass ich mich fragen musste, warum der Autor eine so grauenvolle Szene hat erfinden müssen? Gibt es nicht schon genug Gewalt auf dieser Erde? Oder hat er diese Szene nicht erfunden? Vielleicht selbst erlebt? Ich weiß es nicht, und werde es auch nie herausbekommen. Man kann denken, dass Maria die Katze vor den Hungersnöten hat befreien wollen, denn wer sollte sich um die Katze kümmern, wenn die Menschen aus ihrem Dorf vertrieben wurden? Es ist nicht gesagt, dass die Katze verhungert wäre … Tja, wie Onni schon bemerkt hat, es wurde nicht darüber gesprochen … Eigentlich war mir Maria anfangs sympathisch, aber diese Szene mit dem eiskalten Mord und Totschlag ihrer Katze hat sie meine gesamte Sympathie eingebüßt, die ich für sie anfangs empfunden hatte. Menschen, die Tiere so grausam totschlagen können, sind in der Lage, auch Menschen zu töten, wenn es legal wäre. Seit dieser Episode habe ich mich innerlich von Maria stark distanziert.

Eine Szene, die mich positiv berührt hat
Lahja hat sich immer wieder gewundert, dass ihr Mann Onni ihre Tochter Anna ohne Probleme als das eigene Kind angenommen hat.
Manchmal fragte noch jemand, wer der Vater des Kindes sei, aber das interessierte Onni nicht. Er hatte nie danach gefragt. Am Tag ihrer ersten Begegnung hatte er ihr einen Antrag gemacht. Und lachend gesagt, er habe nur eine Frau gesucht und zwei gefunden. Dass er eine fertige Familie bekommen habe. Und als Helena geboren war, nannte Onni sie niemals seine Erstgeborene, sondern erzählte allen, dass er jetzt drei schöne Mädchen habe und mit der ältesten verheiratet sei, (110).

Das Schreibkonzept
Dieses Schreibkonzept ist Geschmackssache. Wie ich oben schon beschrieben habe, werden die vier Protagonisten im Wechsel vorgestellt, die in mehreren Kapiteln gegliedert sind. Man erfährt von jeder Figur verschiedene Geschichten, verschiedene Lebensweisen, und jede Figur zeigt eine besondere Art, ihr Glück zu finden. Das Auffällige: Wenn ein Problem am Ende eines Kapitels auftaucht, dann folgt keine Klärung dazu. Dann wechselt quasi die Perspektive mit jedem neuen Kapitel. Und es gibt jede Menge große Zeitsprünge, die mir persönlich zu gewaltig waren ... Auf der ersten Seite ist ein Zweizeiler abgedruckt, der darauf hinweist, dass man es in diesem Roman mit vielen Geschichten zu tun bekommen wird. Auf den folgenden Seiten ist ein Dreizeiler zu finden, der auf die Problemtik der Figuren hinweist, nach dem Motto Zähne zusammenbeißen und durch und bloß keine Schwäche zeigen, und bloß keine Tränen fließen lassen. Und bevor es mit Maria losgeht, gibt es ein einleitendes Buchkapitel Gesundheitszentrum, das ich nach dem Ende des Buches ein zweites Mal lesen musste, da mir anfangs die darin vorkommenden Figuren noch fremd waren. Die letzten Seiten des Schlusskapitels knüpfen an die ersten Seiten des Vorkapitels an. Auf der Seite 329 und folgende ist ein Glossar abgedruckt. Hilft ein wenig, geschichtliche Daten Finnlands und länderspezifische Eigenarten einzuordnen.
Was mir an der Konzeption sehr gut gefallen hat, war das Inhaltsverzeichnis. Vor jedem Kapitel ist die Jahreszahl abgedruckt, sodass man immer wieder nachschlagen kann, wann sich wo etwas ereignet hat.

Cover und Buchtitel
Finde ich beides passend. Was mir ganz besonders ins Auge geschossen ist, ist, dass Maria auf dem Cover schwarze Haare trägt. Meistens werden die Figuren nordischer Länder mit hellen Haaren abgebildet, auch, wenn die/der Protagonist im Buch dunkel ist. Umgedreht verfahren viele Verlage mit den Figuren südlicher Länder, die auf den Covers dunkel abgebildet sind, obwohl sie in der Geschichte als blond beschrieben werden. 

Identifikationsfigur
Onni war meine Identifikationsfigur.

Meine Meinung
Schneller Wechsel der Kapitel, nach dem ein Problem geschildert wurde. Ich hätte gerne mehr über die politischen Auswirkungen erfahren, wie z. B. in den Zeiten des Zweiten Weltkriegs ... Die Menschen wurden zwangsevakuiert. Danach war das Kapitel beendet und es ging dann mit einem neuen Kapitel weiter, zeitversetzt, neun Jahre später, als der Krieg längst schon vorbei war. Man bekommt erst nachher weitere Details zu lesen. Als unsympathisch war mir Lahja. Mit ihr unter einem Dach zu leben hätte auch ich meine Probleme. Warum sie wurde, wie sie war, kam psychologisch nicht richtig rüber. Weil sie vielleicht ohne Vater aufgewachsen ist? … Außerdem habe ich mich immer wieder gefragt, was Glück ist? Alles eine Relation. Frauen, die zum Beispiel einen Mann wie Onnu hätten, würden sich mega reich fühlen ...  

Mein Fazit?
Mir haben alle Geschichten relativ gut gefallen. Aber ich konnte mit einer Ausnahme mit den Figuren nicht warm werden. Zwischen ihnen und mir entstand innerlich eine ziemlich große Kälte und Distanz.
Was mich noch gestört hat, waren diese großen Zeitsprünge. Ich hätte die fehlenden Details gerne zeitnah beieinandergehabt, der Wechsel von Kapitel zu Kapitel erwies sich mir als zu radikal. Vermisst habe ich auch historische Bezüge und Hintergründe … Gewünscht hätte ich mir auch mehr psychologischen Tiefgang der Figuren. Ansonsten erwies sich das Buch für mich als sehr lesenswert.

Meine Bewertung
2 Punkte: Sprachlicher Ausdruck (Anspruchsvoll, keine saloppe Schreibweise)
1 Punkte: Differenzierte Charaktere
1 Punkte: Authentizität der Geschichte, Schreibkonzept
2 Punkte: Fantasievoll, ohne dass es kitschig oder zu sentimental wirkt
2 Punkte: Frei von Stereotypen, Vorurteilen, Klischees und Rassismus
2 Punkte: Cover und Titel stimmen mit dem Inhalt überein
10 von 12 Punkten

Vielen Dank an den DVA-Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.
_____________
Gelesene Bücher 2018: 43
Gelesene Bücher 2016: 72
Gelesene Bücher 2015: 72
Gelesene Bücher 2014: 88
Gelesene Bücher 2013: 81
Gelesene Bücher 2012: 94
Gelesene Bücher 2011: 86


Samstag, 6. Oktober 2018

Tommi Kinnunen / Wege, die sich kreuzen

Klappentext
In einem Städtchen im Norden Finnlands, 1996. Lahja liegt auf dem Totenbett. Sie kann zurückblicken auf ein langes Leben, in dem sie ihre Leidenschaft zum Beruf machen konnte: das Fotografieren. Aber eines war ihr nicht vergönnt: körperliche Erfüllung. Ihr treu sorgender Ehemann Onni konnte ihr nicht geben, nach was sie sich sehnte – bis sie sich nach Jahren der unterdrückten Gefühle zu einer grausamen Tat hinreißen ließ. Erst nach ihrem Tod findet ihre Schwiegertochter Kaarina auf dem Dachboden einen Brief, der die entsetzliche Wahrheit ans Licht bringt. Er erzählt von einer Familientragödie, die schon fast hundert Jahre zuvor mit Lahjas Mutter Maria ihren Anfang genommen hat.
Über das ganze 20. Jahrhundert mit all seinen Erschütterungen spannt dieser epochal-opulente Familienroman. Kunstvoll verwebt Tommi Kinnunen darin die Schicksale von vier Menschen, deren Träume größer sind als die Möglichkeiten, die das Leben offeriert. Und trotz Enttäuschungen erkämpfen sie sich ihr Glück.

Autorenporträt
Tommi Kinnunen wurde 1973 im nordfinnischen Kuusamo geboren, wo auch sein Erstling "Wege, die sich kreuzen" spielt. Heute arbeitet er als Lehrer in Turku, im Südwesten des Landes. Das Buch war ein großer Leser- wie Kritikererfolg und führte die finnische Bestsellerliste wochenlang an. Der Roman war für den renommierten Finlandia-Preis und den Europäischen Literaturpreis nominiert und wurde vielfach ausgezeichnet. "Wege, die sich kreuzen" erscheint in über 20 Ländern.

Weitere Informationen zu dem Buch

·         Gebundene Ausgabe: 336 Seiten
·         Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt; Auflage: 2 (19. März 2018)
·         Sprache: Deutsch
·         ISBN-10: 3421047715


Meine ersten Leseeindrücke

Einhundert Seiten habe ich gelesen und das Buch gefällt mir recht gut. Allerdings die Zeitsprünge sind mir etwas zu groß. Aber im zweiten Strang erfährt man Dinge, die im ersten nicht erzählt wurden. Bin neugierig, wie es weitergeht.

Hier geht es zur Verlagsseite von DVA.



Dienstag, 2. Oktober 2018

Erich Hackl / Am Seil (1)

Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre   

Mir hat das Buch sehr gut gefallen, trotz ernster Thematik. Man kommt leicht in das Geschehen rein. Ich hätte schon am vergangenen Samstag mit dem Buch durch sein können, da ich aber den ganzen Tag auswärts war, einen düsteren Ort aufgesucht habe, einen Ort, der gut zu diesem Buch gepasst hat. Ich war mit meiner Freundin im Konzentrationslager von Buchenwald bei Weimar. Hierzu gibt es auch einen Blogbeitrag ... Dass dies vom Umfang her ein recht dünn beseitetes Buch ist, werde ich meine Buchbesprechung kurzhalten. Die Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit.

Hier geht es zum Klappentext und zu den Buchdaten.

Die Handlung
Die Geschichte, die hier erzählt wird, findet im Nationalsozialismus in Wien statt. Und der Held dieser Geschichte ist Reinhold Duschka. Ein Mann im fortgeschrittenen Alter, der alleine lebt und selbstständig eine Werkstatt hält, in der er sein Gürtlergewerbe, ein Künstlerhandwerk, nachgeht. Sein langjähriges Hobby ist Klettern und so ist Duschka Mitglied im Alpenverein. Während des Zweiten Weltkriegs versteckt Duschka zwei Menschen in seiner Werkstatt, als Hitler in Wien die Juden hat deportieren lassen. Duschka war mit Reginas Vater befreundet und fühlt sich dadurch für Regina und ihrer Tochter verantwortlich. Regina Steinig, die ursprünglich aus Lemberg stammt, ist während des Ersten Weltkriegs mit ihren Geschwistern und den Eltern nach Wien geflüchtet. Mittlerweile ist Regina eine erwachsene Frau, war mit einem Juristen verheiratet, von dem sie ein Kind namens Lucia 1923 auf die Welt gebracht hat. Die Ehe ging in die Brüche, sodass Regina ihr Kind alleine großziehen musste. Regina war von Beruf Doktor der Chemie und ist gezwungen, im Nationalsozialismus ihren Beruf aufzugeben. Auch Lucia musste mit der Schule abbrechen, und so wurde sie von der Mutter ein wenig unterrichtet. Untergetaucht sind beide in Duschkas Werkstatt. Regina wird krank. Einen Arzt rufen geht nicht, das Leben von Regina, Lucia und sogar von Duschka steht auf dem Spiel, vier Jahre lang ... Obwohl Duschka nicht viel Geld hat, wer hat das schon in den Wirren des Krieges, schafft er es trotzdem, seine Schützlinge auch mit Lebensmitteln zu versorgen. Mutter und Tochter machen sich in der Werkstatt nützlich, damit Duschka seine Kunstobjekte schneller verkaufen konnte. 

Das Schreibkonzept
Diese Heldengeschichte wird retrospektivisch von Lucia erzählt, die mittlerweile verheiratet ist und mit Familiennamen Heilmann heißt. Die Erzählung ist auf 117 Seiten verfasst. Die Episoden sind nicht in Kapiteln gepackt, sondern abgetrennt durch Absätze. Der Schreibstil ist dermaßen flüssig, dass man beim Lesen in einen Sog gerät, weil man so schnell nicht damit aufhören kann.
Auf der allerersten Seite ist eine Widmung von Lucia Heilmann an Reinhold Duschka abgedruckt.

Am Seil
Cover und Buchtitel
Cover und Buchtitel finde ich beides gelungen. Auf dem Cover sind die Alpen abgebildet und deutet damit an, wie gefährlich dieses Hobby für Duschka ist. In der Tat machten sich Regina und Lucia Sorgen, wenn er an den Wochenenden in die Alpen zum Bergsteigen ging, denn er könnte beim Bergsteigen abstürzen. Ohne es zu wissen, befand Duschka sich tatsächlich in den Bergen dreimal in Lebensgefahr, aber er hatte immer Glück. Es durfte nichts passieren, denn das Leben von Regina und Lucia war von Duschka abhängig. Den Buchtitel Am Seil fand ich auch passend, denn das Seil, das am Körper richtig angelegt ist, gibt dem Alpinisten Halt und hilft, ihn festzuhalten. Das Seil hat eine symbolische Bedeutung. Nicht richtig fixiert, gefährdet es das Leben des Trägers.

Identifikationsfigur
Keine, denn ich kann niemals wissen, wie ich im Nationalsozialismus gelebt hätte, auf welcher Seite ich selber stehen würde. Aber Reinhold Duschka ist mir ein Vorbild, und gute Taten lassen sich zu jeder Zeit vollbringen.

Meine Meinung
Reinhold Duschka ist eine interessante Persönlichkeit gewesen. Er war ein sehr stiller und schweigsamer Genosse. Die wenigsten Menschen wussten, was er für eine Persönlichkeit war. Er sprach nie von sich, nie von seinem Leben, nie von seiner Kindheit. Und niemand fragte, weil sie Achtung vor ihm hatten. Schade, dass er so gar nichts von sich preisgab. Duschka heiratete spät, bekam auch Kinder und Enkelkinder. Und über sein Wagnis sprach er auch nach dem Krieg mit niemandem. Seine Angehörigen erfuhren es aus der Zeitung. Es war Lucia, die sich erinnert und so wurde 2013 am Werkstättenhof für ihn eine Gedenktafel angebracht. Nach seinem Tod, 1993, wurde ein Nachruf verfasst:
Es war für dich selbstverständlich und gar nicht erwähnenswert, daß Du in einer Zeit der Unmenschlichkeit Deinen Anspruch als Mensch gelebt hast. Und dafür möchte ich dir gerade jetzt, wo sich die Geschichte zu wiederholen droht, ganz besonders danken. (2018, 101)

Mein Fazit?
Eine sehr bewegende und mutige Geschichte. Es ist gut, zu wissen, dass es Menschen wie Reinhold Duschka gibt. Das sind für mich die Engel auf Erden. Und sie sind für mich Symbol- und Hoffnungsträger in Zeiten, wo mutige Helden benötigt werden. In Anbetracht der Tatsache, dass wir uns politisch in einer Zeit befinden, in der europaweit wegen der Flüchtlingsströme wieder rechts gewählt wird und man sich fragt, was der Mensch aus der Geschichte gelernt hat? Ich hoffe, nachdem ich nun auch das KZ im Buchenwald besichtigt habe, dass sich diese Zeiten niemals wiederholen werden. Ich brauche das nicht. Ich brauche keinen Krieg, ich brauche keinen Diktator, ich brauche keine rechten Wähler und ich brauche auch keinen Nationalstolz, stattdessen Solidarität mit allen Menschen der Erde, die für Frieden, Freiheit und Demokratie sind …

Ich werde mir den Autor merken und möchte mich noch für seine anderen Bücher öffnen.

Meine Bewertung
2 Punkte: Sprachlicher Ausdruck (Anspruchsvoll, keine saloppe Schreibweise)
2 Punkte: Differenzierte Charaktere
2 Punkte: Authentizität der Geschichte
2 Punkte: Fantasievoll, ohne dass es kitschig oder zu sentimental wirkt
2 Punkte: Frei von Stereotypen, Vorurteilen, Klischees und Rassismus
2 Punkte: Cover und Titel stimmen mit dem Inhalt überein
12 von 12 Punkten
______________
Die Gebote des Rechts sind folgende;
ehrenhaft leben
niemanden verletzen
jedem das Seine gewähren
(Corpus-Juris Civilis. DXXXIV)

Gelesene Bücher 2018: 42
Gelesene Bücher 2016: 72
Gelesene Bücher 2015: 72
Gelesene Bücher 2014: 88
Gelesene Bücher 2013: 81
Gelesene Bücher 2012: 94
Gelesene Bücher 2011: 86

Sonntag, 30. September 2018

Tagesausflug Buchenwald bei Weimar


Weimar, nicht nur eine Kulturstadt der Dichter und Denker, sondern auch des Nationalsozialismus, denn Weimar wird als die Hauptstadt der NSDAP bezeichnet. 

Weimar, eine Kulturstadt auf der Sonnen- und auf der Schattenseite. Zwei Kontraste, das Paradies und die Hölle auf Erden. Weimar, nicht nur eine Stadt der Verbrechen und der Morde; Weimar als eine wunderschöne, traumhafte und romantische Stadt mit vielen schönen Sehenswürdigkeiten. 

Wir, meine Freundin Monika S. und ich, sind entlang der Spuren von Goethe, Schiller und Hitler gewandert, denn  gestern hatten wir einen Tagesausflug nach Weimar getätigt, um die Gedenkstätte, das Konzentrationslager von Buchenwald, aufzusuchen. Wir sind sehr gut mit den öffentlichen Verkehrsmitteln von Darmstadt aus hingekommen. Buchenwald hat uns sehr nachdenklich, betroffen und traurig gestimmt. Das reale Erlebnis ist noch mal ganz anders als das aus Büchern.

Ich schreibe einen kleinen Erlebnisbericht, auch wenn es mir schwerfällt, über das Gesehene und das Gehörte zu schreiben.

Ich gebe mal ein paar Fotos von mir rein, die mir helfen sollen, in Worte zu fassen, was mir schwer fällt auszudrücken. 

Aber es gibt auch sehr viel Informationsmaterial dazu, wenn man das Informationsgebäude betritt ...

Für alle Interessierten: Es sind hier supergute Informationsmaterialen für die Besucher*innen erhältlich, in denen alle Gedenkstätten und Mahnmale abgebildet und beschrieben sind. Diese sind kostenlos in der Besucherinformation erhältlich. Es sind so viele Mahnmale, so viele Ereignisse, dass es unmöglich ist, sie alle zu erwähnen. Außerdem gibt es hier auch noch eine Jugendbegegnungssstätte. Interessant für junge Besucher*innen.

Die Führungen sind kostenlos. Spenden sind immer willkommen.

Die Gedenkstätte befindet sich zwischen Weimar und Buchenwald und wird als ehemaliges Häftlingslager bezeichnet.
Bevor wir uns in das Konzentrationslager begeben haben, bin ich in der Buchhandlung der Besucherinformation hängen geblieben. So viele interessante Bücher über den Nationalsozialismus, über die Verbrechen an allen Menschen, die nicht in das Weltbild des Führers gepasst haben. Ich habe schon viel darüber gelesen, aber man scheint nie fertig mit dieser Thematik zu sein, wenn man nun die aktuelle politische Lage beachtet, und eurapaweit wegen der Flüchtlingsströme größtenteils wieder rechts gewählt wird … Ich habe mich mit vier Büchern eingedeckt.

Buchenwald, ein KZ mitten im Wald, fern von den  Wohngebieten, damit die Nazis ungestört ihre Verbrechen verüben konnten.

Hier das Torgebäude



Über diesen Ausflug Buchenwald habe ich ein paar Fotos gemacht, aber ich habe nicht alles fotografieren können. Mir war einfach nicht danach, wie zum Beispiel die engen Arrestzellen, die sich links von dem Torgebäude befinden. Ich habe mir einen Bildband gekauft, und kann dort nachschlagen, wenn ich später noch etwas vertiefen möchte. 

In der Arrestzelle waren sehr kleine Zellen zu sehen. Richtige Betten gab es in den Zellen nicht. Nur ein Bettgestell, auf der anstelle einer Matratze ein dickes Brett aus Holz aufgelegt war. Dazu noch eine Zelle, in der die Häftlinge gefoltert und gemartert wurden. Das Folterwerkzeug wurde in der Zelle auch ausgestellt. In den Arrestzellen wurden im Auftrag Hitlers die Häftlinge von SS-Aufsehern gefoltert und ermordet. In manchen Zellen befand sich eine Fotografie eines Häftlings.
Das KZ Buchenwald wurde 1937 errichtet und nach dem Zweiten Weltkrieg 1945 wieder aufgelöst. Hier wurden 280 000 Menschen aus über 50 Nationen inhaftiert. Weitere Daten:
  • ·         400 000 qm Häftlingslager
  • ·         3500 qm Stacheldrahtzaun
  • ·         139 Außenlager
  • ·         277 800 Häftlinge
  • ·         30 000 Minderjährige
  • ·         28 230 Frauen
  • ·         249 570 Männer (Das KZ-Buchenwald war ein Männer-KZ)
  • ·         Menschen aus über 50 Ländern
  • ·         56 000 Tote
·         1944 Männer Frauen und Kinder mit Todestransporten nach Auschwitz
·         Alter der Häftlinge: 2 bis 86 Jahre

Auf dem Lagertor befindet sich eine Inschrift Jedem das Seine, ein Spruch des Römers Cicero, und sollte ursprünglich heißen, dass die Gerechtigkeit jedem das Seine zuteilt. Was aber wollte Hitler mit diesem Spruch bezwecken, der den Spruch auf seine Weise umgedeutet hatte?

Ich habe mal im Internet recherchiert und habe folgende Erklärung gefunden. Ich zitiere dazu die Welt+
„Jedem das Seine“ bedeutete im KZ eben den lebenswichtigen Unterschied zwischen der Volksgemeinschaft in der wenige Kilometer entfernten Klassikerstadt Weimar – und den „Gemeinschaftsfremden“, wie die Nazis die hier gefangenen Juden, Kommunisten, Sozialdemokraten und Zeugen Jehovas, die Homosexuellen, die Geistlichen, die Schriftsteller und Künstler abschätzig nannten.
Kurz gesagt; jeder bekommt das, was er verdient. Hier geht es zum ausführlichen Artikel. 


Hinter dem Stacheldrahtzaun befand man sich auf dem großen Gelände des Konzentrationslagers. Allerdings waren mit einer Ausnahme keine Baracken zu sehen, da sie nicht erhalten bleiben konnten. Auf dem Gelände wurden stattdessen dunkle, rechteckige Felder angelegt, um damit wenigstens symbolisch aufzuzeigen, wo die Baracken gestanden haben. Eine Holzbaracke wurde 1994 wieder aufgestellt.

Hier auf dem Foto befand sich eine Holzbaracke.

Es existiert eine U.S. amerikanische schwarz-weiß Luftaufnahme nach der Befreiung des KZ und ist in der Broschüre für Besucher*innen abgebildet. Die kleinen Steine auf den großen Steinen sollen die Besucher*innen darstellen. Auch auf den jüdischen Friedhöfen ist es üblich, von den Besucher*innen einen Stein auf das Grab zu legen ...

Das Gelände sah leer aus, auf dem zweiten Blick waren dort jede Menge Gedenkstätten zu sehen. Von den angeblich 22 Wachtürmen waren nur noch zwei erhalten. Sie waren aber geschlossen, nicht zugänglich.

Ein so großes Grundstück. Buchenwald soll nach Auschwitz, heute Polen, das zweitgrößte KZ in Deutschland sein. 


Es waren viele Schulklassen zugange, obwohl Samstag war, und ich bei einer stehen geblieben bin und der Lehrerin gelauscht habe, als sie den Schüler*innen an einer Gedenkstätte hinwies, dass es bei Menschen keine verschiedenen Rassen geben würde, sondern nur eine einzige Rasse. Hier habe ich mich zugehörig gefühlt, weil ich selbst davon überzeugt bin, dass es nur eine Menschenrasse gibt. Von den 194 Nationen gibt es nur vier Blutgruppen und keine 194. Es gibt zwischen den Nationen kulturelle Unterschiede, die allerdings nicht genetisch bestimmt sind, sondern tradiert. Hierbei ging es um einen großen, quadratischen Stein, der auf dem Boden gesetzt lag, und wenn man ihn berührte, dann hatte er eine warme Temperatur von 37°C. Dieser Stein sollte zum Nachdenken anregen. Eine Körpertemperatur, die nur bei Menschen gemessen werden könne, ganz unabhängig der Hautfarbe, der ethnichen- und der Religionszugehörigkeit. 

Mit meinem Welt- und Menschenbild wäre auch ich Hitler verhasst.

                                                                          Das Krematorium auf dem nächsten Foto.


Die Krematorien seit 1940 Verbrennungsanlage, Leichen- und Exekutionskeller, dienten dazu, auf schnellst möglichem Weg die vielen Leichen zu verbrennen, ohne Spuren von den Toten zu hinterlassen.  


Hier wurden die Leichen hineingeworfen und ins Krematorium gefahren. 

Auf dem KZ-Gelände befanden sich mehrere Gebäude, die zu Museen umfunktioniert wurden. Dazu auch das 1939 errichtete Kammergebäude, diente als ein Aufbewahrungsort, in dem die Kleider und Habseligkeiten der Häftlinge gelagert wurden.

Richtig schlimm fand ich das Haus der Toten. Ursprünglich befand sich in diesem Haus ein Pferdestall, der zu einer kaltblütigen Genickschussanlage sowjetischer Kriegsgefangener umfunktioniert wurde. Die Häftlinge wurden hinterrücks beim Messen der Körpergröße durch einen überraschenden Genickschuss ermordet. Diese Räume habe ich nicht fotografiert, und bereue es jetzt ein wenig. 

Dazu gab es durch die Führung noch mehrere Geschichten, die ich wieder vergessen habe, weil sie mir zu grausam waren. 


Ich denke an Franz Kafka, andere denken an Lord Voldemort. Wie real für mich viele Kafka-Geschichten geworden sind, wird für mich an diesem KZ-Besuch deutlich. Menschen werden unschuldig verhaftet, ohne dass sie etwas verbrochen haben. Das Urteil oder Der Prozess sind für mich Geschichten, die mir hierzu von Kafka einfallen. Bei einer anderen Schulklasse musste ich wieder meine Ohren spitzen, als die Jugendlichen gefragt wurden, ob sie Harry Potter gelesen und oder geschaut hätten. Lord Voldemort wurde mit Hitler verglichen, beides Diktatoren. In den Potterbänden gäbe es auch Rassentrennung, Mich- und die Reinblüter. Merkwürdig, ich selbst habe auch eine Verbindung zum Rassismus gesucht, zu Hitler, aber da sonst keiner über eine Assoziation zum Rassismus bei Potter gesprochen hat, habe ich diesen Gedanken wieder fallen lassen. Außerdem konnte dieser Gedanke aus meiner Sicht nicht wirklich erhärtet werden. Aber Voldemort hatte schon Ähnlichkeiten mit Hitler. Wer nicht seine Sichtweise teilt und sonst nicht in das Weltbild des dunklen Lords passt, der wird nach Askaban geschickt. Auch eine Stätte, in der die Häftlinge eingesperrt und massivst gequält werden. Ich habe im Netz ein wenig recherchiert und tatsächlich gibt es hier einen Artikel zur Rassentrennung, ein Vergleich, der zu Hitler und zu Voldemort führt. 


                                      Und auch die Kunst meldet sich zu Wort



                                                 Dieses obige Foto erklärt sich von selbst.

                                     

                                           Nächtes Foto unten: Stilles Orchester. Die Notenständer sind aus Gips.                                                           
                                

                                            Im nächsten Foto: Schuhe von Häftlingen



Dieses Foto fand ich auch schaurig, denn die Schuhe haben ihre Besitzer*innen überlebt. Gruselig fand ich die ganz kleinen Schuhe. Das jüngste Kind im KZ Buchenwald war gerade mal zwei Jahre alt.

Ich beende nun hier meinen Bericht. Ich wollte noch mehr schreiben, auch zu der traumhaften Stadt Weimar, aber mir genügt das jetzt. Meine Freundin und ich werden nächstes Jahr im Frühjahr nur nach Weimar fahren und nochmals die Stadt, Goethe und Schiller, visitieren, ohne sie mit grausamen Bildern der Morde im Kopf zu teilen. 

Ich war schon mal in Weimar, habe mit einer mehrtätigen Reisegruppe das Garten- und das Goethehaus besichtigt, anschließend auch das Haus von Schiller. Mir ist noch vieles in Erinnerung geblieben und kann dann selbst meine Freundin rumführen und erklären, die sonst noch nie in Weimar bei Goethe und Schiller war.

Ich habe ein paar Bücher von Schiller gelesen und mich hat er fasziniert. Schon damals träumte er als ganz junger Mensch von einem geeinten Europa. Wir haben heute ein geeintes Europa aber keine fähigen Politiker*innen ... Zudem würden sich Goethe und Schiller beide im Grab umdrehen, wenn sie wüssten, dass diese Kulturstadt auch die Hauptstadt der NSDAP und der Morde geworden ist. 
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Die Gebote des Rechts sind folgende;
ehrenhaft leben
niemanden verletzen
jedem das Seine gewähren
(Corpus-Juris Civilis. DXXXIV)