Montag, 14. Oktober 2019

Eine belastende Mutter-Sohn-Beziehung

Auf den folgenden Seiten von 321-330 sind Anne und ich über den Konflikt zwischen Mutter und Sohn ein wenig schlauer geworden.

In dieser Besprechung werde ich nur auf einen Brief eingehen, und zwar geht es um einen recht langen Brief an die Mutter, den ich unbedingt analysieren möchte. Die anderen Briefe geben mir nicht so viele Inputs und lasse sie aus.

Des Weiteren erfährt man aus den Fußnoten wiederholt, dass Proust mehrere selbst verfasste literarische Texte im Pseudonym herausgebracht hat. Warum bringt er seine Schriftstücke im Pseudonym heraus? Eine Antwort ist aus den Briefen nicht herauszulocken. Das werden wir sicher in den späteren Briefen noch erfahren.

An Jeanne Proust
09.03.1903, Marcel ist hier noch 31 Jahre alt.

Schon die ersten Zeilen dieses Briefes wirken selbst für uns als Leserinnen recht belastend. Immer wieder bekommt man zu lesen, wie kränklich Proust ist, und dass die Mutter wenig Entgegenkommen und Verständnis für ihn aufbringen kann.

Auch sind wir dahintergekommen, weshalb Marcel in den letzten Briefen seine Dienstboten abgezogen bekommen hat. Seine Mutter möchte, dass der Sohn endlich auf die Beine kommt, und für sich selber sorgt. Was seine Erkrankungen betreffen, verlangt die Mutter von ihm, dass er eine gesündere Lebensweise einnimmt. Vor allem sein Tag / Nachtrhythmus sei dermaßen gestört, dass sich dies negativ auf die physische und auf die psychische Gesundheit auswirken würde.
Ma chére petite Maman, 
mit dem verqueren Vorauswissen könntest Du keinen passenderen Moment finden, um mit Deinem Brief gleich im Keim die dreifache Reform zu ersticken, die am Tag meiner letzten Abendgesellschaft (…) ins Werk gesetzt werden sollte und die durch meine erneute Erkältung aufgeschoben worden ist.

Unter der dreifachen Reform könnte, laut Fußnote, gemeint sein:

Den Tag / Nacht Rhythmus einhalten; nachts schlafen und am Tag Aktivitäten nachgehen.
Die Einhaltung der Essenszeiten und der Verzicht auf Schlafmittel.

Wie man weiter unten im Text entnehmen kann, ist Proust in den Frühjahrsmonaten erst am Abend aus dem Bett gestiegen. Das kann ich mir vorstellen, dass es der Mutter übel aufgestoßen ist. Aber wenn der Sohn unter Heuschnupfen leidet? Diese Krankheit schien damals noch wenig erforscht gewesen zu sein. Sehr wahrscheinlich gab es noch nicht einmal entsprechende Medikamente. Weiter geht es im Brief:
Das ist schade, denn nachher wird es zu spät sein. Von Mai bis Ende Juni wäre ich, keinesfalls vor sieben Uhr abends aufgestanden, weil ich nur zu gut weiß, was dabei in dieser Jahreszeit für mein Asthma herauskommt. Aber Du dachtest offenbar, dass, wenn ich die Absicht hätte, ein anderer zu werden, es genügen würde, mir zu sagen:  >Ändere Dich, oder aus Deiner Einladung wird nichts<, was mich sofort auf jede Änderung hätte verzichten lassen – wobei ich mich dabei nicht hätte als leichtfertig und launisch, sondern als ernst und vernünftig erwiesen hätte-. und dass, wenn ich eine solche Absicht nicht gehabt hätte, mich weder Drohungen und Versprechen dazu hätten bewegen können- denn wie hätte ich denn wohl vor mir selbst und vor Dir dagestanden?

Die Mutter setzte demzufolge Druckmittel ein. Wenn er sich nicht ändert, bestraft sie ihn in der Form, dass Marcel im Hause Proust keine Abendgesellschaft geben dürfe, was für Marcel schwer zu akzeptieren ist. Denn so wäre er gezwungen, die Dinnerparty in einer Gaststätte steigen zu lassen, was allerdings mit hohen Kosten verbunden wäre. Und Proust kann diese Kosten selber gar nicht aufbringen, da er mit seinem Schreiben nicht ausreichend zu verdienen scheint. Proust vergleicht, was für den Bruder oder für den Vater für ein gesellschaftliches Abendessen investiert wird.
Denn ich werde das Essen unweigerlich im Restaurant geben müssen, da Du mir verweigerst, es hier zu geben. Und ich mache mir nicht die geringste Illusion: Auch, wenn du sagst, es sei keine Repressalie, wirst du mir sicher, wenn ich es im Restaurant gebe, nicht die gleiche Summe bewilligen, die es dich hier gekostet hätte. (…) Ich verstehe also nicht, warum diese Abendessen, bei denen ich euch, trotz meines Gesundheitszustandes, der mir solches beschwerlicher macht als euch, nie meine Mithilfe verweigert habe, möglich sind, wenn sie Papa oder Robert nützen, und unmöglich, wenn sie mir nutzen könnten.

Und wieder kommt Proust in die Rechtfertigung, zeigt auf, dass er trotz Krankheit nicht untätig zu Hause rumsitzt, sondern seine Zeit mit der Ruskin-Übersetzung sinnvoll nutzt.
Heute Nacht habe ich, trotz starkem Fieber, an Ruskin gearbeitet und bin sehr erschöpft, was überhaupt das mich beherrschende Gefühl ist bei allen Widrigkeiten, die das Leben allen meinen Versuchen, es wieder an sich zu ziehen, ständig entgegensetzt; und so schreibe ich Dir nicht länger. Anfang Dezember, als Du Dich über meine geistige Untätigkeit beklagtest, sagte ich Dir, Du wärest unmöglich, wenn Du angesichts meiner Auferstehung, statt alles, was sie ermöglicht hatte, zu preisen und zu lieben, sofort von mir verlangtest, ich solle mich wieder an die Arbeit machen. Gleichwohl machte ich mich an die Arbeit, die Du wünschest. 

Aus der Fußnote ist zu entnehmen, dass die ambitionierte Mutter die Ruskin-Arbeit favorisierte, und sie andere schriftliche, literarische Tätigkeiten als weniger seriös gegenüberstand. Das Buch Jean Seanteuil war z. B. noch gar nicht abgeschlossen.
Ob es mich weniger angesträngt hätte, wenn ich es an einem gesünderen Ort ohne Ofenheizung hätte tun können, weiß ich nicht, ich glaube es, offengestanden, nicht. Nichtsdestoweniger lebe ich noch halbwegs, und trotz der gewaltigen Menge Arbeit, die ich geleistet habe, berichtest Du mir täglich von Leuten, die angeblich ihr Erstaunen darüber äußern und glücklich sein sollen, mich so wohlauf zu sehen.
In diesem Brief wird nun endlich der Konflikt deutlich ausgesprochen. Unter einem wahnsinnigen Leistungsdruck steht dieser Marcel, der sogar arbeitet, obwohl er krank ist. Und dass die Leute ihn so wohlwollend erleben, lassen den Eltern seine multiplen Erkrankungen anzweifeln.

Immer wieder liest man in diesem Brief, wie schlecht für diesen Marcel gesorgt wird, obwohl er kränklich ist. Mal schreibt er nachts der Mutter einen Brief, statt sich schlafen zu legen, mal schreibt er, dass er in einem kalten Speisezimmer zu Abend gegessen hat, und er ausgehen muss, um sich an der Luft gehend aufzuwärmen, und er dadurch erneut einen Fieberanfall erlitten hatte. Das ärgert den Sohn.
Du kannst mir nicht auf positive Weise Gutes tun und bist auch nicht auf dem richtigen Weg dahin. Aber wenn Du allzu häufige Erkältungen von mir fernhieltest, würdest Du mir auf negative Weise helfen, und zwar erheblich. Das würde ein Leben, das ich aus vielerlei Gründen lieber in einer getrennten Wohnung führen würde, weniger schwierig gestalten.

Warum der Proust – Kreis dies für ein starkes Stück hält, dass er für seine Medizin selbst aufkommt, ist uns nicht verständlich. Mit Anfang dreißig darf man das ruhig verlangen.
Ich finde mich also mit dem Leben ab, wie es ist. Die Betrübnis, in der ich lebe, schenkt mir wenigstens den Trost der Philosophie.

Das haben Anne und ich nicht ganz verstanden. Wieso findet er sich mit seinem Leben ab, als wäre es in Stein gemeißelt? Er kann von zu Hause ausziehen, sich einen Job suchen, um sich damit seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Scheinbar versucht Proust, es seiner Mutter in allem recht machen zu wollen, ohne ihren Ansprüchen tatsächlich gerecht werden zu können.
Dies hat indes den Nachteil, dass man die Betrübnis der anderen auf fast genauso natürliche Weise hinnimmt wie die eigene. Aber wenigstens liegt es, wenn ich Dir Kummer mache an Umständen, die nicht von mir abhängen.

Wahrscheinlich spielt er hier auf seine Erkrankungen an.
In allem anderen versuche ich stets, nur das zu tun, was Dir Freude bereiten kann.

Diesen Ansprüchen kann kein Kind gerecht werden, deshalb wäre es gut, wenn Junior auszieht und seinen Lebensweg so bestreitet, wie er es selbst für richtig hält.
Von Dir kann ich nicht das Gleiche sagen. Ich stelle mir vor, ich sei an Deiner Stelle, und male mir aus, wie es wäre, wenn ich Dir nicht ein, sondern hundert Abendessen abzuschlagen hätte. Aber ich bin Dir deswegen nicht böse und bitte Dich nur, mir keinen Brief mehr zu schreiben, auf den ich antworten müsste, denn ich fühle mich wie gerädert und sehne mich nur noch danach, all diese Mühseligkeiten hinter mir zu lassen.

Dies war ein sehr trauriger Brief. Aber dennoch wird es Zeit, dass erwachsene Kinder recht schnell pflüge werden, um den Eltern nicht weiter auf der Tasche zu liegen. Anne und ich hatten uns erinnert, als wir von zu Hause ausgezogen sind. Auch wir hatten es nicht leicht, und trotzdem war der Auszug eine Notwendigkeit, um richtig erwachsen werden zu können. Für Eltern bleibt man immer klein, was keinem Kind hilft, sich zu lösen.

Marcel Proust hatte viele Fähigkeiten, er hätte sich eine Arbeit suchen können, die ihn geistig fordert und körperlich schont. Wir fragten uns, in was für einer Welt Proust lebt? Anne hat sich zurückerinnert, als Proust beruflich noch in der Bibliothek Mazarine beschäftigt war, und er mehrere Jahre wegen der Krankheit mit der Arbeit aussetzen durfte, und er später versucht hatte, eine Unbefristung zu erwirken. Kein Arbeitgeber würde dies bewilligen, auch Prousts Arbeitgeber nicht, weshalb ihm schließlich gekündigt wurde.

Soviel zu Proust und zu der belastenden Mutter-Sohn-Beziehung.

Einen Nachgedanken gibt es noch hinzuzufügen. Anne und ich fragten uns, warum Proust immer Briefe schreiben muss, um die Konflikte zu Hause zu klären? Ich bin in mich gegangen, weil ich Proust in dieser Hinsicht auch sehr gut verstehen kann. Mir geht es ähnlich, ich schreibe lieber über Probleme, als sie mündlich auszusprechen. Dies scheint dem Marcel nicht anders zu ergehen. Schreibend kann man sich häufig besser ausdrücken, als es mit gesprochenen Worten der Fall ist. 

Nächstes Wochenende fällt Proust aus, da ich mich auf der Frankfurter Buchmesse befinde, und ich jede Menge Bucherlebnisse/Interviews transkribieren muss.

Weiter geht es dann am übernächsten Wochenende von Seite 331 – 341.

_________________
Unser aller Schicksale sind vermutlich geschaffen, 
um gelebt, nicht aber um verstanden zu werden.
(Marcel Proust)

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Montag, 7. Oktober 2019

Sinnwidrigkeiten zu Ruskin-Übersetzungen

Weiter geht es von der Seite 312 bis 321. 

Auf den folgenden Seiten gibt es drei Briefe, die mich noch weiter beschäftigen werden. Im ersten Briefwechsel scheint Proust mit seiner Mutter einen schweren Konflikt auszufechten, der doch eher psychologisch bedingt ist. Ich habe noch nicht erfassen können, aus was dieser Konflikt besteht. Die Mutter scheint ein nettes Verhältnis zu ihrem Sohn zu haben, wenn er erkrankt ist. Warum?

Im nächsten Brief steht Proust im Austausch mit seinem Freund Bibesco, dem er schreibt, dass er sich im Beruf nicht ausreichend ausgefüllt fühlt und schüttet ihm sein Herz aus.

Im darauffolgenden Brief wird Proust, was seine Ruskin-Übersetzungen betreffen, von seinem Verleger mit heftiger Kritik konfrontiert, dass seine Englischkenntnisse miserabel seien. Eine schwere Kränkung für Proust, der aber wieder alles gibt, sich dem Kritiker mit triftigen Gegenargumenten zu widersetzen. Trotzdem stellt sich hier die Frage, wie Proust es nur geschafft hat, trotz fehlender Englischkenntnisse Ruskin zu übersetzen? Mit Worten lässt sich ja vieles erklären, solange, bis es passt. Die Antwort bietet der Brief, der an den Verlagsdirektor geht.

Um die Reihenfolge einzuhalten, beginne ich mit dem Brief an die Mutter. Ich versuche, noch immer herauszufinden, was das ist, was Proust in der Beziehung zwischen Mutter und Sohn so sehr gequält hat. Mal schauen, im zweiten Lesedurchgang erfasst sich mir besser die Problematik. Was wirft die Mutter dem Sohn vor? Ich bin auf Annes Meinung noch gespannt.

An Jeanne Proust
6. Dezember 1902, Marcel Proust ist hier 31 Jahre alt
Ma petite Maman,da ich Dich nicht sprechen kann, schreibe ich Dir, um Dir zu sagen, dass ich Dich einigermaßen unbegreiflich finde. Du weißt doch (…) dass ich, kaum heimgekehrt, alle meine Nächte weinend verbringe, und das nicht ohne Grund; und Du sagst mir den ganzen Tag lauter Dinge wie: >>Ich habe vergangene Nacht nicht schlafen können, weil die Dienstboten um elf zu Bett gegangen sind.<< Ich wollte, es wäre nur das, was mich am Schlafen hindert! Heute, als ich keine Luft bekam, habe ich den Fehler begangen, nach Marie zu läuten (weil ich etwas zum Rauchen brauchte), nachdem sie mir gesagt hatte, sie habe gerade zu Mittaggegessen, und daraufhin hast du mich sofort bestraft, indem du, kaum dass ich mein Trional eingenommen hatte, den ganzen Tag hämmern und lärmen ließest. Durch Deine Schuld war ich in einen so nervösen Zustand geraten, dass ich, als der arme Fénelon mit Lauris kam, auf eine allerdings sehr unangenehme Bemerkung hin mit Faustschlägen über Fénelon herfiel. Ich wusste nicht mehr, was ich tat, ergriff seinen neuen Hut, den er sich gerade gekauft hatte, zertrampelte und zerfetzte ihn und riss schließlich das Innere heraus.

Aus der Fußnote ist zu entnehmen, dass Proust diesen Wutanfall im dritten Band der Recherche verarbeitet hat. Obwohl ich alle sieben Bände gelesen habe, kann ich mich an diese Details nicht mehr erinnern, obwohl mir damals schon klar war, dass Proust viele Lebenserfahrungen in seinem großen Roman hat einfließen lassen.

Fénelon scheint ein Freund zu sein. Weiter geht es im Brief:
Da Du glauben könntest, dass ich übertreibe, lege ich diesem Brief ein kleines Stück von dem Hutfutter bei, damit Du siehst, dass es stimmt.

Das finde ich eine merkwürdige Szene, dass er mit dem Stoff beweisen muss, dass er seinen Groll tätlich an einem Freund ausgelassen hat? Reichen die Worte dafür nicht aus? Stellt Proust sich damit in den Mittelpunkt, frage ich mich, um mit dieser peinlichen Szene die Aufmerksamkeit seiner Mutter einzufordern? Aber klar ist, dass die Schläge eigentlich der Mutter galten und nicht dem Freund.
Aber Du darfst es nicht wegwerfen, weil ich Dich eventuell bitten muss, es mir für den Fall, dass er noch Verwendung dafür hat, zurückzugeben.

In welcher Form noch Verwendung finden können? Leuchtet mir nicht ein. Kann man einen Hut mit solch einem Fetzen Stoff wieder herstellen?
Nach alldem fühlte ich mich so erhitzt, dass ich mich nicht mehr ankleiden konnte und bei Dir anfragen ließ, ob ich hier zu Abend essen solle oder nicht. Bei dieser Gelegenheit glaubst Du dem Personal ein Vergnügen zu bereiten und gleichzeitig mich zu bestrafen, indem Du mich mit Acht und Bann belegst und sagst, man solle auf mein Läuten nicht kommen, mich nicht bei Tisch bedienen usw. (313)

Nochmals gefragt; was ist der Konflikt? Die Mutter scheint den Sohn mit Entzug der Bediensteten zu bestrafen. Aber warum? Für mich als Außenstehende schwer nachzuvollziehen.
Du täuschst Dich sehr. Du weißt nicht, wie verlegen Dein Kammerdiener heute war, weil er mich nicht bedienen durfte. Er stellte alles in meine Reichweite und entschuldigte sich, indem er sagte: >>Madame befiehlt mir, es so zu machen. Ich muss mich daran halten. (Ebd)

Und so weiter und so fort. Ein schwerer Vorwurf an die Mutter folgt am Ende des Briefes.
Die Wahrheit ist, dass Du, sobald ich mich wohlbefinde, alles zerstörst, bis es mir abermals schlecht geht, weil das Leben, das mir Besserung verschafft, Dich verärgert.

Das sind ja böse Anschuldigungen, aber Proust scheint eine Mordswut auf die Mutter zu haben. Es scheinen schwere psychologische Probleme zwischen Mutter und Sohn zu bestehen.
Es ist nicht das erste Mal. Heute Abend habe ich mich erkältet; falls das Asthma umschlägt, was sich, bei jetziger Lage, bald einstellen wird, dann besteht kein Zweifel, dass Du von Neuem nett zu mir sein wirst, wenn ich in denselben Zustand geraten sollte wie letztes Jahr um die gleiche Zeit. Aber es ist traurig, dass ich nicht gleichzeitig Gesundheit und Zuneigung haben kann. Hätte ich beides in diesem Augenblick, so wäre es gerade recht, mir im Kampf gegen einen Kummer zu helfen, der vor allem seit gestern Abend (…) zu stark wird, als dass ich noch weiter gegen ihn ankämpfen könnte. (Ebd)

Diese wohlwollende Beziehung zwischen Mutter und Sohn scheint sich zum Schlechten hin verändert zu haben. Ich vermisse in letzter Zeit die fürsorgliche und verständige Mutter, die zu ihrem Sohn hält, statt ihn unter Druck zu setzen. Ich bin sehr neugierig, ob sich die Lage zwischen ihnen beide noch entspannen wird.

Doch trotz Unstimmigkeiten liest Madame Proust jeden Brief von Marcel, der mit den Verlagspartnern zu tun hat.

An Antoine Bibesco
Dezember 1902

Antoine Bibesco kennen wir aus den letzten Briefen. Ein Freund, dessen Mutter gestorben ist, und Bibesco durch die Trauer eine Wesensveränderung durchmachte, auf die Proust sehr sensibel reagierte.

In diesem Brief geht es wieder um Reisepläne, auf die ich nicht eingehen möchte, weil es immer so ein Hin- und Her ist, dauert lange, bis Proust sich ausgesprochen hat, um zum nächsten Thema überzugehen. Was für mich interessant war, ist, dass er mit seiner Arbeit sehr unzufrieden und frustriert zu sein scheint. Die langjährige Übersetzungsarbeit scheint ihn nicht ganz auszufüllen. Er schreibt an seinen Freund:
Und die scheinbare Arbeit, an die ich mich wieder gemacht habe, fällt mir in vielerlei Hinsicht schwer. Ganz besonders in dieser: Alles, was ich tue, ist keine wirkliche Arbeit, sondern nur Dokumentation, Übersetzung usw. Es ist dazu angetan, meinen Appetit darauf, etwas zu schaffen, zu wecken, aber es stillt ihn natürlich in keiner Weise. Seit dem Augenblick, da ich nach jener langen Zeit der Erstarrung zum ersten Mal den 1. Blick auf mein Inneres gerichtet habe, auf mein Denken, fühle ich die ganze Nichtigkeit meines Lebens, hundert Romanfiguren, tausend Ideen flehen mich an, ihnen Gestalt zu geben, wie jene Schatten, die Odysseus darum bitten, ihnen ein wenig Blut zu trinken zu geben, um sie zum Leben zu erwecken, und die der Held mit einem Hieb seines Schwertes verscheucht. Ich habe die schlafende Biene geweckt, und ich spüre mehr ihren grausamen Stachel als ihre ohnmächtigen Flügel. (316f)

Wow, das finde ich wieder so schön ausgedrückt, dass ich beim Lesen dabei zergehen könnte. Ich kann Proust so nachfühlen, wie traurig es ist, sich mit Arbeiten zu befassen, die nicht seinen Wünschen entsprechen. Auch den Satz oben, den Figuren Blut zu trinken zu geben, damit sie lebendig werden, finde ich wunderbar, wie er dieses Zitat auf seine Situation umzulegen weiß. Ich kann ihm nachfühlen, dass ihm durch seine Erkrankungen und durch seine Übersetzungsarbeiten wenig Zeit bleibt, sich literarisch, sich seiner eigenen Schreibkunst, hinzugeben.
Ich hatte meinen Geist meiner Ruhe unterworfen. Indem ich seine Ketten gelöst habe, glaubte ich einen Sklaven zu befreien, aber ich habe mir einen Herrn geschaffen, dessen Anforderungen ich körperlich nicht gewachsen bin und der mich töten wird, wenn ich ihm nicht widerstehe. (317)

Im nächsten Brief geht es wieder um den Ruskin. Proust muss sich hier schwere Vorwürfe gefallen lassen, dass sein Englisch zu schlecht sei für die Übersetzung. Erstaunlich, mit wie viel Kraft er es immer wieder schafft, sich der Kritik, die nicht ganz unberechtigt ist, zu stellen. Immerhin hat Proust viele andere Fremdsprachen gelernt, aber keineswegs Englisch. Interessant, wie er vorgibt, Kompetenzen entwickelt zu haben, auch ohne Englischkenntnisse den Ruskin zu übersetzen. Wie wir aber wissen, ist es die Mutter, die ihm dabei unter die Arme greift, wobei ihre Englischkenntnisse auch nicht ausreichend dafür sind.

An Constantin de Brancovan, Verlagsdirektor (der Mercure?)
Januar 1903

Lt. Google ist Constantin de Brancovan Verlagsdirektor, der Proust ganz ungeschminkt vorwirft, dass Proust kein Englisch könne. Seine Übersetzungen seien sinneswidrig. Teile davon wurden schon veröffentlicht, obwohl die Texte vom Verleger Alfred Vallette auch schon angezweifelt wurden, siehe letzte Buchbesprechung.

Weiter geht es im Brief, in dem Proust sich vehement der Kritik widersetzt. Erneut fällt mir auf, dass Proust fast jeden, mit dem er im Briefkontakt steht, als seinen Freund bezeichnet. Vielleicht war das damals die gängige Art, Floskeln zu verbreiten, oder es war ganz typisch für Proust, sich so auszudrücken, sich vielleicht auch einzuschmeicheln?
Chér ami,
Sie wissen, wie sehr ich sie schätze – und ausgerechnet in dem Moment, da Sie so nett zu mir und meinen Ruskins waren, will ich nicht den Eindruck erwecken, Ihnen Vorwürfe machen zu wollen, aber ich finde es schon allerhand, wenn man bedenkt, dass ich seit vier Jahren an einer Übersetzung der Bible d´Amiens arbeite, dass diese Übersetzung in Kürze erscheinen wird, dass sie mir viel Mühe bereitet hat und ich ihr große Bedeutung beimesse, wenn man also all das bedenkt, finde ich es allerhand, dass Sie im Beisein von Lauris (Prousts Freund, M. P.) (…) sagen, wie eben noch geschehen:
>Eigentlich können Sie ja kein Englisch. Das Ganze wird voller Sinnwidrigkeiten stecken.< Ich weiß sehr wohl, dass Sie das nicht aus Boshaftigkeit gesagt haben, (…). Aber jemand, der mich hasst, und mit einem Wort das Ergebnis von vier anstrengenden Jahren zunichtemachen wollte, einer Arbeit, die auch inmitten der Krankheit fortgeführt wurde, jemand, dem dran gelegen wäre, dass niemand meine Übersetzung liest und sie als null und nichtig angesehen wird – was könnte dem noch Schlimmeres einfallen, wenn ich mir die bescheidene Frage erlauben darf. Sie brauchen das nur vor drei Personen zu wiederholen, und ich hätte mir schon die erste von tausend Stunden Arbeit (…), die mich dieses Werk gekostet hat, sparen können. – Was die Sache selbst betrifft, so wissen Sie, dass ich nicht dazu neige, mich selbst zu überschätzen, noch, die Welt mit meinen Hervorbringungen zu belästigen. Aber ich glaube, dass diese Übersetzung, nicht meines Talents wegen, das mir vollkommen abgeht, wohl aber ob meiner Gewissenhaftigkeit, die keine Grenzen kannte, eine Übersetzung sein wird, wie es nur wenige gibt, eine wahrhafte Wiederherstellung.

Ich frage mich, wie Proust das beurteilen kann? Wenn er ohne Englischkenntnisse ein Buch übersetzt, fehlt ihm jegliche Kompetenz eines Profis, eine Arbeit dieser Art zu bewerten. Proust zitiert einen Freund, der ihm mündlich attestiert hatte, dass er ein besseres Englisch könne als ein Engländer. Schwer vorstellbar, ob der Freund das ernst gemeint hat oder ob er Proust nur schmeicheln wollte? Aber Proust gibt selbst zu, dass der Freund sich getäuscht hat, denn …
Ich verstehe kein Wort gesprochenes Englisch, und lesen kann ich es auch nicht gut. Aber seit ich vier Jahre mit der >Bible d`Ameniens< verbracht habe, kenne ich sie zur Gänze auswendig, sie hat für mich jenen Grad an vollständiger Anwandlung, an absoluter Transparenz erreicht, in der sich nur noch die Nebelschleier halten, die nicht der Insuffizienz unseres Auges geschuldet sind, sondern der nicht weiter hintergehbaren Obskurität des betrachteten Denkens.

Später im Brief zitiert Proust seinen Freund Antoine Bibesco:
>Ich hätte nicht gedacht, dass es möglich ist, jemanden so gut zu übersetzen<.

Ich denke, dass auch Bibesco aufgrund der Freundschaft nicht objektiv genug sein kann, Prousts Arbeiten zu bewerten. Außerdem ist auch Bibesco nicht vom Fach. Weiter Proust:
Es ist schon etwas komisch, dass ich Ihnen all diese Referenzen anführe, aber es war wohl nötig, nicht wahr? Das schließt nicht aus, dass, wenn Sie mich auf Englisch um etwas zu trinken bitten, ich Sie nicht verstehen werde, denn ich habe Englisch während meines Asthmas gelernt, als ich nicht sprechen konnte, habe es also mit den Augen gelernt und weiß nicht, wie man die Wörter ausspricht, und würde sie auch nicht wiedererkennen, wenn ich sie hörte.

Dennoch kann ich mir ganz schwer vorstellen, wie das möglich ist, dass Proust mit diesen schwachen Englischkenntnissen eine Profiarbeit hervorbringen kann.
Ich bilde mir nicht ein, Englisch zu können. Ich bilde mir ein, Ruskin zu kennen. Und Sie wissen, dass ich mir nicht viel einbilde. Vielleicht bleiben Sie vom Gegenteil überzeugt, und meine Übersetzung ist eine Ansammlung von Unsinn. Aber dann, um unserer Freundschaft willen, sagen Sie es niemandem, und lassen Sie es das Publikum ganz allein herausfinden. (319)

Das waren meine Zitate, die mir wichtig erscheinen.

Meine Meinung
Ich habe immer noch nicht kapiert, woraus der Streit zwischen Proust und seiner Mutter besteht. Warum bestraft sie ihn? Ich bin auf Annes Meinung noch immer gespannt.

Der Brief an den Verlagsdirektor hat mich ganz besonders gepackt. Wie viel Selbstbewusstsein muss ein Mensch haben, ein fehlerhaftes Buch zum Druck rauszugeben? Es ist schon mehreren Menschen aufgefallen, dass Prousts Englischkenntnisse dürftig sind. Ich erinnere mich sehr gut an vergangene Briefe. Ich glaube, so etwas schafft nur ein Marcel Proust, der mit seiner versierten Muttersprache Menschen bewusst oder unbewusst zu beeinflussen schafft. Den meisten wäre es peinlich gewesen, ein Buch zu übersetzen, dessen Sprache sie nicht mächtig sind. 
Proust bezeichnet viele Menschen als seine Freunde, und so frage ich mich erneut, ob ihm dies eine Hilfe war, seine Kritiker von seiner Meinung zu überzeugen.

Ich finde es ein wenig dreist, auf die Veröffentlichung zu pochen, trotz inhaltlicher Sinnfehler und es den Lesern zu überlassen, wie sie sein Machwerk beurteilen, in der Hoffnung, dass die Übersetzungsfehler nicht auffallen. Er muss die Leser für dumm halten, und außerdem zahlen die Leser für das Buch viel Geld. Dies wäre hier bei uns in Deutschland ein absolutes No Go. Und nur schade, dass John Ruskin nicht mehr am Leben ist. Ich glaube, der würde sich über die Übersetzung im Grabe umdrehen.

Aber wie kommt es, dass Proust, selbst wenn die Arbeit fehlerhaft ist, dass er trotzdem sich hat englisch ausdrücken können? Wahrscheinlich hat er sich in seiner langen Krankenperiode Englisch autodidaktisch beigebracht, wie oben zu entnehmen ist.

Aus der Fußnote geht hervor:
In der Tat hat Proust niemals Englisch gelernt. In der Schule standen Latein, Griechisch und Deutsch auf dem Stundenplan. Für die Ruskin-Übersetzungen lieferte (…) seine Mutter die Vorlagen, die er stilistisch aufpolierte. Zusätzlich holte er sich bei einer Reihe von Freunden und Spezialisten Rat, was einige Sinnfehler in der Bible d´Amiens nicht ausschloss. Georges Lauris schreibt im Vorwort zu seiner Ausgabe von Prousts Briefen an ihn (Marcel Proust, Á un ami, Paris 1948, S. 22): >Der Prince de Brancovan, der zu dieser Zeit noch die >Renaissance Latine< herausgab, fragte ihn (Proust) eines Tages: >Wie machen Sie das nur, Marcel, wo Sie doch gar kein Englisch können?< Tatsächlich kannte er nur das Englisch John Ruskins, dies aber in allen Nuancen. In Gesellschaft von Engländern wäre er arg in Verlegenheit geraten und wohl auch bei der Bestellung eines Koteletts in einem Restaurant.< Mit dem Abstand der Jahre machte Proust sich übrigens selbst lustig über seine Arbeit als Ruskin-Übersetzer.

Darüber musste ich selbst schmunzeln. Was einem anderen peinlich wäre, ist Proust es, der über sich und über seine eigenen Schwächen stehen kann, solange er seinen fulminanten französischen Ausdruck besitzt, womit sämtliche Ausdrucksfehler und inhaltliche Fehler irgendwie richtig klingen.
In seinem von Philip Kolb auf das Jahr 1909 datierten Ruskin-Pastiche (…) heißt es über den >Übersetzer< des vorliegenden Textes, einen gewissen Monsieur Proust, dieser sei sich seiner Fehlgriffe nicht bewusst gewesen, denn mehrfach danke er, in äußerst zahlreichen Fußnoten, überschwänglichst einem Theaterdirektor, einem Telefonfräulein, und zwei Mitgliedern der Société des Steeple-Chase dafür, ihm einige Passagen erhellt zu haben, die ihm dunkel geblieben seien. (320)

Ich freue mich, dass meine Frage, die sich ja auch Profis gestellt hatten, wie geht das, mit unzureichenden Englischkenntnissen ein Buch zu übersetzen, beantwortet wurde.

Mailaustausch mit Anne
Auch Anne konnte nicht explizit erklären, woraus der Konflikt zwischen Proust und seiner Mutter besteht, sodass ich doch denke, dass dies auf beiden Seiten psychische Probleme sein könnten. Vielleicht werden wir in den nächsten Briefen eines Besseren belehrt.

Im Folgenden die Dialoge zwischen Anne und mir:

Anne: Über seine Mutter habe ich auch viel nachgedacht. Besonders Dein Zitat:

"Die Wahrheit ist, dass Du, sobald ich mich wohlbefinde, alles zerstörst, bis es mir abermals schlecht geht, weil das Leben, das mir Besserung verschafft, Dich verärgert." gab mir sehr zu denken. Braucht sie es vielleicht, dass er krank ist und sich nicht gut fühlt, damit sie als diejenige dastehen kann, die ihm helfen kann? Und warum muss er ihr das überhaupt schreiben. Leben sie nicht zusammen?

Mira:  Das ist ein interessanter Gedanke, Anne. Mir fehlt es noch an Konkretem. Was hat Marcel angestellt, dass seine Mutter ihn wie einen kleinen Jungen bestrafen musste? 

Anne: Das habe ich auch nicht rausfinden können. 

Mira: Dann müssen wir es noch offen lassen. Auf Deine Frage hin: Marcel schreibt ihr, weil sie gerade nicht anwesend ist. Es scheint in dem Hause Proust außerdem üblich zu sein, sich über einen Briefverkehr auszutauschen, selbst wenn alle Anwesenden beisammen sind. 

Anne: Dass er sich über die Kritik wegen seines schlechten Englisch so echauffiert, da musste ich schallend lachen.
Ich habe eine englische Biografie meiner Lieblingsschriftstellerin Helene Hanff. Da kann ich mir ja ein Englisch-Deutsch-Wörterbuch nehmen, diese übersetzen und verkaufen.

Mira lacht: Genau, sowas Ähnliches hatte ich mir auch vorgestellt. Wie groteskt. Irgendwie schafft Proust es immer wieder, mit Worten seiner Muttersprache alles geradezubiegen, was gerade zu biegen ist. Das hat starke manipulative Tendenzen, Menschen gegenüber, weil er es doch immer wieder schafft, dass sie auf ihn eingehen. Auch der Verleger aus den letzten Briefen hatte seine Übersetzung erst abgelehnt, dann durch Prousts Einwand hat er die Ablehnung wieder rückgängig gemacht. Ich wiederhole; das wäre bei uns in Deutschland niemals möglich gewesen. Hier steht die Perfektion für die Veröffentlichung eines Sachbuches ganz oben. Dies ist man auch den Leser*innen schuldig, die für ein Buch Geld bezahlen.

Weiter geht es nächstes Wochenende von Seite 321 - 330.

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Unser aller Schicksale sind vermutlich geschaffen, 
um gelebt, nicht aber um verstanden zu werden.
(Marcel Proust)

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Samstag, 5. Oktober 2019

Meine literarische Reise nach Stockholm (6)

Meine literarische Reise nach Schweden von Dienstag, den 17.09.2019 bis Sonntag, den 22.09.2019

Mein sechster Tag, mein Abschlussbericht
In dieser Besprechung teile ich noch ein paar wenige Fotos, und halte Gedanken und Erfahrungen fest, mit denen ich in Stockholm konfrontiert worden war, auf die ich bisher noch gar nicht eingegangen bin. 

Sonntag, den 22.09.2019
Heute ist mein Abreisetag, weshalb ich nichts weiter großartig in Stockholm unternommen habe, außer nach dem Frühstück Koffer zu packen, damit ich mich um zwölf Uhr Mittag auf den Weg Richtung Flughafen machen konnte. Ein letztes Mal schaute ich aus dem Hotelzimmerfenster und machte ein Foto, denn jeden Abend fragte ich mich, als in den Fenstern die Lichter brannten, was das für Leute sind, die in den Wohnungen leben? 



Seit Tagen versuchte ich, an einen Zwanzig-Kronen-Schein zu kommen. Am Geldautomaten hatte ich kein Glück, da der Schein zu gering an Wert ist. 20 Kronen entsprechen ungefähr 1,85 €. Hat Astrid Lindgren nicht mehr verdient? Einen Abdruck auf einem wesentlich höheren Schein? Ich habe Großgeld abgehoben, es kamen aber keine Stückelungen heraus. Bei uns in Deutschland kann man an den Geldautomaten häufig angeben, wie man das Geld gestückelt haben möchte. Das ist in Schweden nicht der Fall. Ich habe in einem Geschäft etwas eingekauft, habe mit einem großen Schein bezahlt und habe gebeten, mir als Restgeld einen 20 Kronenschein mit auszuhändigen. Ich habe ihn bekommen, und so hielt ich dieses seltene Papier stolz in meinen Händen. Ich legte ihn gleich in ein separates Fach meiner Geldbörse ab. Vor allem, wenn man bedenkt, dass es in Schweden ab 2030 überhaupt kein Bargeld mehr geben wird, das bedeutet, dass auch die Kinderbuchautorin darauf abgeschafft wird. 

Da Stockholm eine literarische Reise werden sollte, möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass hier auch Krimiautoren gelebt haben und oder noch leben. Ich habe mittlerweile vergessen, welche es sind. Da ich aber keine Krimis lese, habe ich diese Schriftsteller auch nicht aufgesucht. Aber es gibt einen, den ich sehr schätze. Es ist Henning Mankell, der zwar auch als ein Krimiautor zählt, aber er ist kein typischer Kriminalbuchschreiber. Mankell wurde in Stockholm geboren, aber er wuchs, als seine Eltern sich haben scheiden lassen als er ein Jahr alt war, bei seinem Vater und seiner älteren Schwester in einer anderen schwedischen Provinz auf. Mankells Vater war Richter von Beruf, sodass der Sohn durch seinen Vater recht früh mit Kriminalitäten und mit Verbrechern konfrontiert wurde. Seine Krimiromane sind immer angelehnt an die Verbrechen aus der realen Welt. 

Mankell ist am 03.02.1948 in Stockholm geboren, und am 05.02.2015 in Göteborg gestorben. Er verbrachte in den 1970er Jahren über eine längere Periode sein Leben in Afrika.

Aber an Mankell hatte ich an den Tagen hier in Schweden gar nicht gedacht. Er fiel mir erst ein, als ich am Flughafen viel Zeit zum Reflektieren und zum Nachdenken hatte. Ich hatte hier etwas im Netz recherchiert und habe erfahren, dass Mankell mit 17 Jahren wieder in seine Geburtsstadt zurückgekehrt ist. Aber ein Mankell - Museum in Stockholm konnte ich im Nachhinein nicht ausfindig machen. Ich klickte mich auf meinen Blog ein, um noch mal zu rekonstruieren, was ich schon von Mankell bisher gelesen hatte. Der Chronist der Winde hatte ich 2015 gelesen. Mir hatte das Buch recht gut gefallen. Hier geht es zu meiner Buchbesprechung. Aus irgendeinem Grund hatte ich Mankell wieder aus den Augen verloren. Wahrscheinlich, weil ich zu viele Favoriten hatte, und ich noch immer nicht weiß, wie ich sie alle unter einen Hut bringen soll. Und so musste ich nach Stockholm reisen, um mich wieder an ihn zu erinnern. Ich hatte nun beschlossen, mir zu Hause ein paar seiner Bücher, ohne kriminalistischen Hintergrund, noch nachträglich zu bestellen und sie auch zeitnah zu lesen. Es sind drei Bücher:
1. Die schwedischen Gummistiefel 2. Die italienischen Schuhe 3.Treibsand - Was es heißt, ein Mensch zu sein.
Auf diese Bücher freue ich mich, da Mankell wirklich sehr feinfühlig und sehr tiefgründig schreibt.

Ich verabschiedete mich an der Hotelrezeption und lief Richtung U-Bahn. Ich musste mir ein neues Ticket kaufen. Am Hauptbahnhof habe ich schließlich den Arlanda - Express genommen, um den Flughafen zu erreichen. 



Es gab eine Fahrkartenkontrolle. Meine Fahrkarte, die ich soeben gekauft hatte, erwies sich als ungültig. Ich war sichtlich irritiert. Ich hatte 130 Konen dafür ausgegeben, und ich der Dame am Schalter deutlich gesagt habe, dass ich mit dem Alrlanda Express an den Flughafen fahren möchte. Die Kontrolleurin sagte, dass diese Fahrkarte nicht für Züge gelten würde. Ich entschuldigte mich, und sagte, dass hier ein Missverständnis vorliegen würde, ich aber bereit wäre, die Differenz zu zahlen. Die Kontrolleurin legte mir ihre Hand auf meine Schulter und erwiderte, dass sie hier eine Ausnahme machen würde, aber nächstes Mal sollte ich mir ein richtiges Ticket, speziell für den Arlanda Express, kaufen. Ich bejahte und bedankte mich. Aber ehrlich gesagt, ich habe das Fahrkartensystem immer noch noch nicht durchschaut. Es wurde schon in den Reisebüchern als kompliziert und umständlich dargestellt, was ich nicht wirklich glauben wollte. 

In Arlanda, Terminal 5, angekommen, zog ich am Schalter meine Bordkarte, eingecheckt hatte ich am Vorabend von meinem Handy aus im Hotel. Nun hatte ich noch Zeit, und schaute mich auf dem Flughafen um. Auch verfolgte ich gespannt die Reisenden aus allen Ländern der Welt. Hier sind wir alle eins, dachte ich mir. Egal wo wir herkommen, egal, welche Haut- bzw. Haarfarbe wir haben. 


Wieder die große Reisetafel, an der auch mein Flug angezeigt wurde. Ich liebe es, diese Wand jedes Mal aufs Neue abzufotografieren. 


Ich ging nun auf mein Gate zu und ließ mich durchleuchten. Bei mir piepsen ständig die Geräte, aber finden konnten sie nie etwas. Mal vergesse ich, mein Tablett rauszunehmen, mal meine Nasentropfen, mal mein Handy, etc. 

Als ich schließlich durch war, lief ich durch die vielen Duty Free-Läden. Immer wieder interessant, was die Flughäfen so alles anbieten. Das Duty - Free Logo scheint nur ein Witz zu sein, denn die Ware ist dermaßen überteuert, dass man genauso gut auch die Steuern hätten zahlen können. 

Mit dem schönen und freundlichen Schweden in meinem Kopf freute ich mich mittlerweile auch auf mein Zuhause. Mein Bruder, der von Riedstadt-Goddelau angefahren kam, war so lieb, und holte mich in Frankfurt ab und fuhr mich nach Darmstadt. Ich freute mich vor allem auch auf meine Katzen, die von Susanne über mir versorgt wurden. Ich hatte für ein paar Leute auch eine Zimtschnecke mit eingepackt, die so wunderbar riechen. Der Duft war in ganz Stockholm verbreitet. Am liebsten hätte ich den Duft eingefangen, und ihn mit nach Hause genommen, so intensiv und süßlich erlebte ich ihn. 

Zum Schluss ein paar kritische Gedanken zu meiner Herkunft und auf die Frage: Wer bin ich?
Ich setzte mich auf eine Bank und überlegte. Bei so viel Buntheit hier am Flughafen dachte ich wieder mal über meine eigene Herkunft nach. Wie wurde ich von den Schweden eingeschätzt? Immer wieder wurde ich in englischer Sprache gefragt, ob ich aus Deutschland käme? Ich bejahte, und fragte ganz gespannt, wie sie das gemerkt hätten? An dem deutschen Akzent, antworteten sie mir. Ein anderer fragte mich erst gar nicht nach meiner Herkunft, als ich ihm eine Frage zu einem Musikgeschäft gestellt hatte. Er gab mir sofort auf deutsch die Antwort. Erstaunlich, dass ich in Schweden wegen meines Akzentes die Deutsche bin, und in Deutschland bin ich meines Namens wegen und wegen meiner braunen Haare Italienerin. Die Schweden hätten auch sagen können, ich sei wegen meiner braunen Locken Italienerin. Taten sie aber nicht. Tja, meine braunen Locken waren nicht ausschlaggebend, nicht als Deutsche zu gelten. Trotz des deutschen Pass´ hat man in Deutschland kaum eine Chance, als Deutsche akzeptiert zu werden. Und das stinkt mir. Selbst wenn meine Haare blond wären, als Kind waren sie sogar hellblond, wie kann man glauben, dass man an der Farbe der Haare die Nationalität eines Landes ableiten könne? Und mal kritisch gefragt. Sind alle Deutschen blond und hellhäutig, oder sind das nur Wunschvorstellungen, wie sie einst Hitler verbreitet hatte?

Als ich mich wieder auf der Arbeit befand, haben mich meine Klient*innen während der Morgenrunde gefragt, wie mir Schweden gefallen hätte? Ich erzählte dies und das und stellte ihnen auch die Frage, was sie denn glauben würden, welcher Nationalität ich in Schweden zugeordnet wurde? Unisono kam die Antwort: Italien. Hm, sagte ich. Wie kommen Sie darauf? Wegen der dunklen Haare. Hm, sagte ich ein weiteres Mal. Dann gucken Sie sich doch bitte mal hier im Raum um. Wie viele Blonde sehen Sie? (16 Leute waren anwesend, 14 davon Deutsche, davon ein Rothaariger und eine Blonde). Sie schauten und antworteten: Eine, Frau K. Wie viele Hellhäutige sehen sie hier? Viele waren tatsächlich von ihrem Hauttyp olivenfarbig, da war meine Haut noch viel heller als deren Hautfarbe. Tja, das konnten sie schwer schlucken, bis eine gesagt hat; Ja, da kann man sehen, wie tief diese Zuschreibungen noch vom Nationalsozialismus sitzen, die bekommt man so leicht nicht mehr raus. Ein anderer, ein Rothaariger, sagte, Hitler sei ja schließlich auch dunkel gewesen, und niemand hat´s gesehen.

Puh, ich war erleichtert, ich hatte sie zum Nachdenken bewegt. Aber ob ich jetzt Deutsche bin? Für viele sicher immer noch nicht. Obwohl sie ganz häufig von mir gehört haben, dass ich Deutsche bin. Dass ich eine deutsche Identität habe, aber es bleibt einfach nicht hängen. Aber, was soll´s. Hauptsache ich kenne meine Identität, und die lasse ich mir von niemandem ausreden. Die meisten Menschen haben ihre Identität in die Wiege gelegt bekommen, und daran darf man nicht mehr rütteln, andere dagegen haben sie sich schwer erarbeiten müssen, weshalb ich sie mir nicht ausreden lasse. Schlimm genug, dass viele in meiner Lage sich die Identität aufdrücken lassen, weil auch sie diese nicht genug hinterfragen ... Eine junge Kollegin, 24 Jahre alt, sagte mir, sie hätte mich nie mit Italien in Verbindung gebracht. Schon öfters hatte ich das von jungen Leuten in Deutschland gehört. Das stärkte meine Hoffnung, dass vielleicht die meisten Leute zu alt für einen Perspektivenwechsel und zu festgefahren sind, andere Sichtweisen anzunehmen und zu respektieren und die jüngeren diesen Wandel, wir sind alle verschieden, aber wir haben alle vieles gemeinsam, durchlaufen. Ich hoffe, ich werde diese Entwicklung noch erleben. 

So, Schweden, das war´s. Du siehst mich auf jeden Fall wieder. Vimmerby werde ich unbedingt noch besuchen müssen. 

Kurzes Fazit:
Vorteil
  1. Man merkt Schweden die überfreundliche Familienpolitik an, dem sicher diese Kinderliebe zu verdanken ist.
  2. Schweden habe ich als ein sehr kreatives Land wahrgenommen. Kitsch habe ich dort nirgends gesehen. Alles, was sie herstellen, hatte einen besonderen Schönheitswert. 
  3. Obwohl es in dem Land Bettler gibt, weniger als in den vielen anderen europäischen  Ländern, spürt man, dass das Land ein stabiles soziales Netzgefüge hat. Und für Rentner*innen und für Student*innen gibt es ermäßigte Tarife. Das gibt es bei uns auch, aber vieles ist für sie auch kostenlos. Einen Kinderfahrschein bekommt man noch bis 16 Jahren, bei uns ist mit 14 Jahren Schluss. Über 16-Jährige zahlen trotzdem einen anderen Preis, der geringer ist als der für Erwachsene.
Nachteil:
Obwohl es den Menschen hier gut geht, haben auch die Schweden rechts gewählt, sodass die rechte Partei im Land zusammen mit den Sozialdemokraten regiert. Was würde Schweden nur machen, wenn die vielen Ausländer*innen nicht wären, die Arbeiten verrichten, für die sich die Schweden zu schade sind? 

Hier gibt es einen Artikel zu der rechten Schwedenpolitik. Es ist also nicht so, dass Armut den Rechtspopulismus schürt und pflegt, wie man dies hierzulande häufig hört oder liest. 

Komplizierte Nutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln
Auf den ersten Blick sieht das gar nicht so kompliziert aus, wie es erst im Reiseführer stand, denn die Schweden hatten ihr kompliziertes System ein wenig vereinfacht. Neu ist, dass man mit einer Fahrkarte alle Fahrzeuge wie Bus, Straßenbahn, U-Bahn und Schiff nutzen, hin- und zurück, bis der zeitliche Limit aufgebraucht ist. Aunahmen bilden nur die Express-Züge.  Das geht bei unserem System nicht. Eine Hinfahrkarte berechtigt keine Rückfahrt. In Schweden kann man sooft hin- und zurückfahren, bis die Zeit von mehreren Stunden abgelaufen ist. Auf dem Ticket ist die Fahrzeit mit abgedruckt. Kompliziert ist, dass es mehrere verschiedene Tickets gibt, wo mir das System nicht plausibel geworden ist. Aber ich hatte auch keine Lust, mich damit tiefergehend zu befassen, weil es einfach umständlich wurde, und ich sowieso lieber zu Fuß unterwegs war. Für Touristen ist dieses Fahrsystem sehr umständlich, da muss ich im Nachhinein meinen Reiseführer doch noch recht geben. 

Abschaffung von Bargeld
Hier fragt man sich, wie kommen Bettler in Zukunft aus, wenn es ab 2030 kein Bargeld mehr gibt? 
Und bekommen Kinder- und Jugendliche auch eine Kreditkarte?

Vegane Gerichte
Eine viel zu kleine Auswahl, und alle Salate, die ich verspeist habe, haben mir alle nicht geschmeckt. Vielleicht sind die Schweden Meister in Fleischgerichten. 

Nationale Zuordnung?
Der Mensch ist das, 
was er innerlich denkt
und was er innerlich fühlt
(M. P.)