Samstag, 28. März 2020

Hasnain Kazim / Auf sie mit Gebrüll!

... und mit guten Argumenten 

Klappentext

Lernen vom Profi: Hasnain Kazim zeigt, wie man Paroli bietet
Man muss sich wirklich nicht alles sagen lassen! Mit seinem neuen Buch macht Bestsellerautor Hasnain Kazim Lust darauf, sich mal wieder richtig zu fetzen. Viele begeisterte Leser von »Post von Karlheinz« wissen, wie unterhaltsam und gewinnbringend die heftigen Auseinandersetzungen sein können, die Kazim ständig führt, nun gibt er auf vielfachen Wunsch konkrete Tipps fürs richtige Streiten. Dabei darf es gerne laut, hart und lustig zugehen: Hauptsache, man hat die richtigen Argumente parat, um dumpfem Hass und platten Parolen Einhalt zu gebieten. Eine dringend benötigte Anleitung für all die Diskussionen, denen wir sonst lieber aus dem Weg gehen – und verdammt unterhaltsam noch dazu. 
Autorenporträt
Hasnain Kazim ist gebürtiger Oldenburger und Sohn indisch-pakistanischer Einwanderer. Er wuchs im Alten Land, vor den Toren Hamburgs, und in Karatschi in Pakistan auf, studierte Politikwissenschaften und schlug eine Laufbahn als Marineoffizier ein. Er liebt Grünkohl und Curry, aber nicht zusammen. Das journalistische Handwerk lernte er im Schwäbischen, bei der »Heilbronner Stimme«, schrieb unter anderem für das dpa-Südasienbüro in Delhi und von 2004 bis 2019 für den SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE, die meiste Zeit davon als Auslandskorrespondent in Islamabad, Istanbul und Wien. Für seine Arbeit wurde er mit diversen Preisen ausgezeichnet, darunter dem »CNN Journalist Award«. Er lebt als freier Autor nach wie vor in der österreichischen Hauptstadt und hat mehrere Bücher veröffentlich, darunter »Grünkohl und Curry«, »Plötzlich Pakistan« und »Krisenstaat Türkei«. Das Taschenbuch »Post von Karlheinz« (2018), das seine Dialoge mit wütenden Lesern versammelt, stand viele Wochen auf der Bestsellerliste.

Meine ersten Leseeindrücke

Ich habe die ersten hundert Seiten durch, und der Autor spricht mir so aus der Seele. Sehr spannend, nicht zu theoretisch, leicht verständlich aus dem politischen Alltag. Ein sehr schlagfertiges Buch. Viele Fragen, die ich mir häufig selber auch gestellt habe, finden hier Antworten. Ich wünschte, ich hätte dieselbe Schlagfertigkeit wie der Autor, der von Beruf Journalist ist, und das Diskutieren mit anderen Diskutanten gewohnt ist.  

Weitere Informationen zu dem Buch

·         Broschiert: 208 Seiten
·         Verlag: Penguin Verlag; Auflage: Originalausgabe (10. Februar 2020)
·         Sprache: Deutsch
·         ISBN-10: 3328104933

Hier geht es zu der Verlagsseite von Penguin, Random House.

Sonntag, 22. März 2020

Marcel Proust und seine kranke Mutter

Weiter geht es mit den Seiten von 423 bis 434 

Marcel Proust ist noch immer krank, und sicher immens gebeutelt, dass er als ein großer Gesellschafter in gesunden Tagen keine einzige Party verpassen möchte, so ist er jetzt dazu verdammt, sich zurückzuhalten und das Bett zu hüten. Seine multiplen Erkrankungen führen ihn in eine  langwierige Zwangsisolation. Wer Proust kennt, der kann sich schwer vorstellen, dass er monatlich nur eine Stunde ausgeht. Hinzu kommt seine plötzlich schwer erkrankte Mutter, die ihm große Sorgen bereitet.

An Robert Dreyfus
Mitte Mai 1905, noch ist Proust 33 Jahre alt
Ich gehe ungefähr einmal im Monat für eine Stunde aus und liege danach eine Woche im Bett, habe Fieber, ganz zu schweigen von meinen Asthma-Anfällen. Was meinen Freund angeht, so kann ich Dich, wenn es dienlich sein sollte, nur brieflich mit ihm in Verbindung setzen. (423)

Aber Proust macht das Beste daraus. Er weiß sich zu Hause geistig zu betätigen. Das zeigt die große Anzahl seiner Briefe.
Ich hoffe, das Leben ist Dir hold und dass Du das Glück in fruchtbarer Arbeit findest. Meinerseits bin ich zurzeit, da Du Dich so liebenswürdig danach erkundigst, nicht allzu unglücklich. Ich schaffe es, ein wenig zu arbeiten – außer seit meinen entsetzlichen Anfällen – und führe ein sehr sanftes Leben, das aus Ruhe, Lektüre und einem ganz arbeitsamen Zusammensein mit Mama besteht. (424)

Auf den folgenden Seiten erkrankt allerdings auch seine Mutter seit zwei Wochen an einer schweren Harnvergiftung. Proust ist besorgt, verzweifelt, sie verweigert sogar seit zwei Wochen die Nahrung, während die Mutter sehr unvernünftig mit ihrem Leiden umgeht. Er schreibt an eine Freundin.

An Geneviève Straus
25.09.1905, Proust ist hier 34 Jahre alt
Sie ist gegenwärtig in einem entsetzlichen Zustand. Mama, die uns so sehr liebt, begreift nicht, wie grausam es von ihr ist, sich nicht behandeln lassen zu wollen. Sie ist schon mit einer akuten Urämie nach Evian gefahren, von der niemand etwas ahnte und die sich erst in Paris herausgestellt hat, denn in Evian selbst war sie nicht zu bewegen, eine Analyse durchführen zulassen. Während ich allein mit ihr in Evian war, musste ich zu meinem Kummer und trotz allen Zuredens mitansehen, wie sie auf dem Höhepunkt ihrer Schwindelanfälle schon am frühen Morgen in den Salon des Hotels hinunterging und sich dabei auf zwei Personen stützen musste, um nicht zu stürzen. Trotz ihrer Schwäche, von deren Ausmaß Ihnen allein schon die Tatsache, dass sie seit zwei Wochen nichts mehr zu sich genommen hat, eine Vorstellung zu geben vermag, lässt sie sich auch weiterhin jeden Morgen wecken, waschen, peinlich genau ankleiden, was Gift für sie ist. (433)

Schon kompliziert. Die Erkrankung nicht einsehen zu wollen, und ich mich beim Lesen dieser Zeilen gefragt habe, ob sich Madame Proust für unsterblich hielt? Nun wird mir auch klar, wieso Prousts Eltern die Ernsthaftigkeit seiner eigenen Erkrankung so wenig in Betracht haben ziehen können. Die Krankheiten scheint man in diesem Haus sehr leichtfertig hingenommen zu haben. Mir scheint, dass Jeanne Proust wie eine Pubertierende bockt, da sie nicht einmal einen Arzt an sich heranlassen möchte.
Und unmöglich, sie dazu zu bringen, ein Medikament zu nehmen oder etwas zu essen. (…) Immerhin geht es seit gestern etwas besser, nur ganz geringfügig, doch der Arzt (sofern Mama seine Besuche zulässt), versichert uns, dass Mama, sollte sie die Krise überwinden, wieder zu ihrer alten Gesundheit zurückfinden wird. Mir fällt es schwer, das zu glauben. (…) Ich habe mir immer gewünscht, nach ihr zu sterben, damit ihr der Schmerz erspart bliebe, mich zu verlieren. (Ebd)

Marcel Proust hat sich durch seine eigene schwere Erkrankung bereits in jungen Jahren mit Leben und Tod befasst. Sein Wunsch, nach seiner geliebten Mama zu sterben, um ihr den Trauerschmerz zu ersparen, ist sehr außergewöhnlich. Aber der Sohn erkennt ohnehin, dass sein Leben ohne seine Mutter ebenso qualvoll empfunden werden kann, besonders, weil er auch bis zum Schluss eine enge Bindung zu ihr gehalten hatte, obwohl er mittlerweile durch und durch zu einem erwachsenen Mann herangewachsen ist. Es war seine Mutter, die ihn an kranken Tagen am meisten versorgt hatte.
Aber ich weiß nicht, ob ihre Angst bei dem Gedanken, vielleicht von uns zu gehen, mich, der ich so unfähig dazu bin, allein im Leben zurückzulassen, oder vielleicht eingeschränkter, gebrechlicher noch weiterzuleben, ihr vielleicht noch größere Qualen bereitet. (433)

Die Mutter überlebt die Krankheit bedauerlicherweise nicht. Aus der Fußnote ist zu entnehmen:
Wie Marcel Proust am selben Tag an Robert de Billy schreibt, (…) war seine Mutter an einer Urämie (...) erkrankt. Sie stirbt knapp zwei Wochen später, am 26. September, in Paris. (432)

Telefongespräch mit Anne 
Wir haben nicht nur aber hauptsächlich über Prousts kranke Mutter gesprochen. Anne nannte sie die sture Kranke, passte zu meiner Interpretation die bockige Pubertierende. Jeanne Proust nahm ihr Leiden zu leichtfertig hin, was sie letztlich in den Tod führte. Sie hätte mit zeitiger und richtiger medizinischer Behandlung genesen können. Anne und ich sind neugierig, wie Marcel nun sein Leben fortsetzen wird, nachdem seine wichtigste Bezugsperson nur noch auf dem Friedhof zu finden sei. Wir haben uns beide daran erinnert, wie sehr Prousts Erkrankung von den Eltern auch auf die leichte Schulter genommen wurde, mit dem Vorwurf, er würde seine Leiden zu arg hochspielen. Anne zeigte sich betroffen darüber, dass die Mutter zwei Wochen lang die Nahrung verweigert hatte und hat versucht, sich in sie hineinzuversetzen. Wie ist das, zwei Wochen lang nichts zu essen und nichts zu trinken?, war ihre Frage. Als gesunder Mensch ist das auch schwer vorstellbar. 

Auch sprachen wir über die intellektuellen Gespräche, die Proust mit seinen Briefpartner*innen weiterhin führte. Probleme zeigten sich wiederholt mit Robert de Montesquiou, und lässt sich darüber in einem Brief an Maurice Duplay aus. Montesquiou hatte Marcel ein Fragment aus seinem neuen Buch vorgelesen. Montesquiou bat Proust, sieben Personen seiner Wahl für eine Lesung einzuladen. In einem Brief hatte Proust gebeten, noch weitere Personen hinzuzufügen, mitunter auch Maurice Duplay einzuladen, wies der Schriftsteller ab, da dies den Charakter seiner Lesung verändern würde. (426f). Uns beiden, Anne und mir, wird dieser Montesquiou immer unsympathischer. Siehe auch letzte Briefe, letzte Buchbesprechung.

Weiter geht es nächstes Wochenende auf den Seiten von 434 – 447.

___________________
Wie schön ist doch ein Leben, das mit der Kunst beginnt
und bei der Moral endet.
(Marcel Proust)


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Freitag, 20. März 2020

Ian McEwan / Liebeswahn (1)

Foto: Pixabay
Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre 

Nun habe ich meinen achten McEwan beendet und ich kann gar nicht sagen, welcher mir am besten gefallen hat. Welcher mir partout nicht zugesagt hat, weil er mich nicht überzeugen konnte, gab es nur einen. Auf meinem Blog habe ich den Autor als Leseprojekt laufen, und alle Rezensionen sind hier abrufbar.

Obwohl ich bewusst keine Krimis und auch keine Psychothriller lese, es sei denn, dass sich der Lesestoff in diese Richtung entpuppt, ohne dass man vorgewarnt wurde, muss ich dann Ausnahmen machen. Meistens bekommt man es in diesem Genre mit grausamen Szenen zu tun, ganz häufig brutale Tierszenarien, wie auch bei Liebeswahn aber hier nur vereinzelt. Allerdings habe ich diese über meinen gut funktionierenden Verdrängungsmechanismus schnell wieder vergessen können.

Bei Krimis und Psychothrillers halte ich mich immer kurz, um inhaltlich nicht zu viel von der Spannung preiszugeben. Mal schauen, was ich hier zusammenbekomme, ohne zu viel zu verraten.

Hier geht es zum Klappentext, zu den ersten Leseeindrücken und zu den Buchdaten.


Die Handlung
Der Held dieser Geschichte ist Joe Rose. Er ist von Beruf ein naturwissenschaftlicher Schriftsteller, Physiker, und lebt mit seiner Lebensgefährtin namens Clarissa Mellon. Clarissa ist Hochschuldozentin. Sie unterrichtet Linguistin und englische Literatur. Sie und Joe leben in einem Apartment im Norden Londons. Sie sind beide ein glückliches Paar, sozusagen ein Dream - Paar, bis das Schicksal ihre Beziehung unter eine schwere Prüfung stellt.

Joe und Clarissa befinden sich auf einem Picknick, als sie mitbekommen, wie ein großer Ballon, der mit Helium gefüllt ist, und in dem sich ein Kind in dem Korb befindet, technisch gesehen in Schwierigkeiten gerät. Joe und andere Männer, die sich in der Nähe befanden, rennen zu dem Ballon, um das Kind zu retten. Neben dem Korb, an ein Tau festhaltend, befand sich der Großvater des Jungen, der versucht, Herr der Lage zu werden, verliert aber selbst die Kontrolle. Die Retter klammerten sich an das Seil, um den Ballon auf die Erde zu bugsieren, doch irgendwas ging schief, sodass er unaufhaltbar wieder nach oben trieb. Nun hatten auch die Helfer die Kontrolle verloren. Nach und nach ließen sie sich zu Boden fallen, außer John Logan, der einfach nicht rechtzeitig loslassen konnte, weil er unbedingt das Kind retten wollte. Logan stürzt, als der Ballon schon zu hochgestiegen war, und kommt dadurch ums Leben.
Joe leidet durch Logans Tod unter Schuldgefühlen.
Ich hatte das Seil losgelassen. Ich hatte geholfen, John Logan zu töten. (2000, 49)
Nach dem Sturz lernt er noch am Unfallort Jed Parry kennen, seinen Stalker, und wird ihn nicht mehr los. Parry bekennt seine Liebe zu ihm, die allerdings in keine sexuelle Richtung geht, eher in eine obsessiv - religiöse …

Welche Szenen haben mir nicht gefallen?
Die Szenen mit der Polizei fand ich grausam, als Joe sich hilfesuchend an sie wendet, weil er sich durch Parry bedroht fühlt. Aber die Sicherheitskräfte schätzen den Zwischenfall mit Parry nicht als gefährlich ein. Von zu starken objektiv infizierten Fragen wird es für die Profis schwierig, auf Joes Nöte einzugehen.

Die Szenen mit Clarissa fand ich ebenfalls deprimierend, die ähnlich wie die Polizeibeamten reagiert. Auch sie nimmt ihren Partner nicht für voll, und strickt daraus ein psychisches Leiden, das von ihm selbst ausgehen würde ...

Welche Szene hat mir besonders gut gefallen?
Dass am Ende die Abrechnung kam.

Welche Figur war für mich eine Sympathieträgerin?
Keine. Irgendwie standen mir die Figuren fast neutral gegenüber.

Welche Figur war mir antipathisch?
Clarissa Mellon.

Meine Identifikationsfigur
Joe Rose.

Cover und Buchtitel
Das Cover ist selbsterklärend. Der Buchtitel ist sehr gut getroffen. 

Zum Schreibkonzept
Auf den 356 Seiten ist das Buch in 24 Kapiteln gegliedert. Die Geschichte ist aus mehreren Perspektiven erzählt. Am Ende gibt es einen Anhang, den ich nur quergelesen habe, da ein Teil davon aus einer Begriffsklärung besteht. McEwan geht auf den klinischen Fachbegriff Clérambault-Syndrom ein. Da ich beruflich aus der Psychiatrie komme und mir der Terminus vertraut ist, habe ich ihn im Buch nicht weiter vertiefen müssen. Aber für andere Leser*innen kann dieser Part des Buches hilfreich sein. Es folgt ein Fallbeispiel. Im Anschluss gibt es eine Erörterung, dann eine Schlussbetrachtung, die aus zwei Teilen besteht. Die Handlung wird aus Jeds Ichperspektive beendet, als er Joe seine Sichtweise in einem Brief offenbart. Leider kann ich hier keine Details nennen, sonst nehme ich den anderen Leser*innen die Spannung weg. Das ist der Nachteil bei Krimis und Psychothrillers, dass man bestimmte Details rauslassen muss. Obwohl ich hier aus Parrys Brief sehr gerne herauszitiert hätte.

Meine Meinung
Das Buch ist kein typischerer Psychothriller, dafür ist er von der kriminalistischen Seite her nicht spannend genug. Außerdem gibt es hier auch keine wirklich bösen Menschen. Parry ist nicht böse, sondern einfach nur krank. Daher zeugt das Buch an Spannung von der Konstruktion der menschlichen Psyche her bei mehreren Figuren des Romans. Der Focus ist hier mehr auf menschliches und psychologisches / psychiatrisches Verhalten gesetzt, was sehr wohl mit realistischen Fällen verglichen werden kann. Hierbei hat der Autor über seinen Stoff sehr gut recherchiert. Mit dem Ende war ich allerdings nicht ganz zufrieden, da er im Anhang gepackt war. Hier erfährt man zum Beispiel erst, was mit Parry zum Schluss passiert ist.

Mein Fazit
Sehr lesenswert. Mit bester Empfehlung.

Wie ist das Buch zu mir gekommen?
Ich habe letztes Jahr selber beim Diogenes Verlag eine Anfrage gestellt. Vielen herzlichen Dank an die Pressereferentin für die Zusendung dieses Leseexemplars.

Meine Bewertung
2 Punkte: Sprachlicher Ausdruck (Anspruchsvoll, keine saloppe Schreibweise)
2 Punkte: Differenzierte Charaktere
2 Punkte: Authentizität der Geschichte
2 Punkte: Fantasievoll, ohne dass es kitschig oder zu sentimental wirkt
2 Punkte: Frei von Stereotypen, Vorurteilen, Klischees und Rassismus
2 Punkte: Cover und Titel stimmen mit dem Inhalt überein
Zwölf von zwölf Punkten.

________________
Jeder kann die Welt mit seinem
Leben ein wenig besser machen.
(Charles Dickens)

Gelesene Bücher 2020: 06
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Gelesene Bücher 2011: 86


Der Mensch ist mehr als nur die biologische Erbmasse.
Er ist, was er innerlich denkt und fühlt.
(M. P.)
Die Herkunft eines Menschen
Die Wurzeltheorie verdammt Menschen zu ewigen Ausländer*innen, nur, weil sie eine andere Hautfarbe, eine andere Religion oder einen anderen Namen tragen. Die meisten haben ihre Wurzeln dort geschlagen, wo sie geboren wurden und / oder dort, wo sie ihr ganzes Leben zugebracht haben.

Es lebe die menschliche Vielfalt in Deutschland und überall.
(M. P.)


Dienstag, 17. März 2020

Ian McEwan / Liebeswahn

Klappentext       
Ein Roman darüber, was mit dem Leben und mit der Liebe passiert, wenn sie der Obsession eines Eindringlings ausgesetzt werden. Ein aufwühlender Roman, der zwischen den hellen und den dunklen Seiten der Liebe oszilliert, bis die Nerven reißen.

Autorenporträt
Ian McEwan, geboren 1948 in Aldershot (Hampshire), lebt bei London. 1998 erhielt er den Booker-Preis und 1999 den Shakespeare-Preis der Alfred-Toepfer-Stiftung. Seit seinem Welterfolg ›Abbitte‹ ist jeder seiner Romane ein Bestseller. Zuletzt kamen Verfilmungen von ›Am Strand‹ (mit Saoirse Ronan) und ›Kindeswohl‹ (mit Emma Thompson) in die Kinos. Ian McEwan ist Mitglied der Royal Society of Literature, der Royal Society of Arts und der American Academy of Arts and Sciences. Im Mai 2019 erschien sein erfolgreicher Roman ›Maschinen wie ich‹ und kurz darauf, aus gegebenem Anlass, ›Die Kakerlake‹.

Meine ersten Leseeindrücke

Anfangs wusste ich nicht, wo der Autor mich als Leserin hinführen wollte. Zusehr grübelte ich über den Sinn des Buchtitels nach. Ich denke nach ca. einhundert Seiten wurde er mir klar, dass hinter dem Liebeswahn eine Obsession versteckt zu sein schien. Joe Rose, die Hauptfigur, wird von einem jungen Mann, der recht religiös, schon fast jesuitisch wirkt, gestalkt ... und manche Protagonisten*innen nerven mich ziemlich, vor allem seine Lebensgefährtin und auch die Szenen mit der Polizei sind wundervoll und authentisch aber nervenaufreibend geschildert, da Joe bei keinem glaubwürdig erscheint. Ich konnte mich so gut in diese Szenen hineinversetzen.

Wie immer bei McEwan sehr spannend geschrieben. Der Roman gleitet allerdings immer mehr in Gefilde eines Psychothrillers ab.

Weitere Informationen zu dem Buch

·         Taschenbuch: 368 Seiten
·         Verlag: Diogenes Verlag; Auflage: 16 (28. Juni 2000)
·         Sprache: Deutsch
·         ISBN-10: 9783257231625
·         ISBN-13: 978-3257231625

Hier geht es zu der Verlagsseite von Diogenes.

Hier geht es zur Buchbesprechung. 


Sonntag, 15. März 2020

Der kranke Marcel Proust und die Enttäuschung zu seinen Mitmenschen

Foto: Pixabay
Weiter geht es mit den Seiten von 412 bis 422 

Endlich gibt es mal wieder Ausschnitte aus dem Buch, die ich gerne festhalten und herausschreiben möchte, auch wenn es seit den letzten zwanzig Seiten immer wieder um Prousts chronische Atemwegserkrankung geht, die seine Lebensqualität richtig beeinträchtigt, sodass auch sein gesellschaftliches Leben in Mitleidenschaft gerät. Marcel Proust ist Asthmatiker. Mich und Anne hat erstaunt, dass seine schwere Erkrankung selbst bei seinen Freunden nicht für voll genommen wird. Wenn schon die Eltern die Erkrankung nicht ernstnehmen, wie sollen das Fremde tun? Neben seiner Erkrankung leidet Proust seelisch massiv an der Reaktionen seiner Mitmenschen, wenn er krankheitsbedingt Lesungen oder andere intellektuelle Veranstaltungen absagen muss, und stattdessen das Bett hüten muss.

An Robert de Montesquiou
April 1905, hier ist Proust 33 Jahre alt

Der Schriftsteller Montesquiou ist mit Proust sehr nah. Wir vermuten, dass zwischen ihnen beiden auch ein sexuelles Verhältnis besteht, siehe Textstelle weiter unten. Proust ist erbost, dass Montesquiou kein Verständnis für seine eingeschränkte Lebensform hat erübrigen können. Mancher Federzug stimmte uns schon sehr betroffen, wie folgende Zeilen, in der Proust die katholische Kirche anprangert, die die Krankheit eines Menschen als Folge einer schweren Sünde begriffen hatte:
Sie sind, Monsieur, grausamer als die grausamsten katholischen Theologen, die uns erklärten, dass wir unsere Krankheiten als Strafe für unsere Verfehlungen anzusehen hätten. Sie verlangen, dass wir die Krankheit selbst schon als eine Verfehlung betrachten und dass wir nicht nur physisch unter unseren Beschwerden leiden, sondern ihretwegen auch ein schlechtes Gewissen haben sollen, und dass diese Leiden, wiewohl unvermeidlich und schon schmerzlich genug, auch noch schuldhaft seien. Ich gestehe, dass in Ihrem Brief auch etwas steht, an das ich mich zwinge, nicht zu denken (…). Ich weiß sehr wohl, dass es einer Reihe von Leuten rechtens vorkäme, wenn man mich das ganze Jahr nicht zu Gesicht bekäme, nur weil ich an diesem oder jenem Tag krank und zu nichts in der Lage bin, und die andernfalls sagen: >Sieh einer an, wenn´s darum geht, sich zu amüsieren, sind Sie ganz gut beieinander. < Aber, dass Sie mir fast dasselbe sagen und dabei nicht bedenken, dass ich, wenn ich denn für die Dinge, die mir die größte Freude bereiten, gesundwerden könnte, das schmerzt mich sehr.
Der Schriftsteller hatte Lesungen gehalten, an denen Proust nicht teilnehmen konnte, was den Freund narzisstisch gekränkt haben muss. Die Traurigkeit Prousts:
Wann werde ich dem Menschen begegnen, der für mein wirkliches Leben, für meine innersten Empfindungen ein wahrhaftes Verständnis aufbringt und der, nachdem er mir angesehen hat, wie ich, da ich leidend war, das größte Vergnügen versäumte, mich eine Stunde danach (…) in den banalsten aller Gesellschaften erblickt, auf mich zutritt und in aller Aufrichtigkeit sagt: >Was für ein Glück, dass Ihr Anfall vorüber ist!< (413)
Proust vermisst die seelische Fürsorge besonders bei seinem Freund.
Sie können sich nicht vorstellen, welch nervliche Erschöpfung den Kranken befällt, der sich von jemandem, den er liebt, falsch beurteilt fühlt und der spürt, wie seine harmlosesten Ablenkungen gegen ihn ausgelegt werden. (414)

An Geneviève Straus
Ende April 1905

Proust spricht sich bei der Freundin Genevière Straus über seine Enttäuschung mit Montesqiuou aus.
Ich bin vollkommen erschlagen von Montesquoius Briefen. Jedes Mal, wenn er einen Vortrag hält, ein Fest gibt (…), will er nicht einsehen, dass ich krank bin, und vorher gibt es Mahnungen, Drohungen, Besuche von Yturri, der mich wecken lässt, und nachher Vorwürfe, weil ich nicht gekommen bin.
Die Eitelkeit der Künstler, die keine Ausnahmen, nicht mal durch eine ernste Erkrankung, zulassen kann. Mangelndes Verständnis, mangelnde Empathie, weil die eigenen Interessen ganz oben stehen. Was hat Proust denn nur für Freunde?, so fragen wir uns.
Ich glaube, man könnte noch genesen, wenn nur >die anderen< nicht wären. Aber die Erschöpfung, zu der sie uns treiben, die Ohnmacht, ihnen die Leiden begreiflich zu machen, die manchmal einen Monat lang die Folge der Unvorsichtigkeiten sind, die man begeht, um das zu tun, was sie für ein Vergnügen halten, all das ist der Tod.
Ich persönlich finde das Lesen dieser Zeilen psychisch betrachtet recht anstrengend, denn ich stelle mir diesen kranken Proust vor, der permanent herausgefordert wird, sich bzw. seine Erkrankung zu erklären. Schwierig, gesund zu werden, wenn einem das Umfeld in einer destruktiven Form permanent herausfordert.

Auf der Seite 417 bringt Proust einen kritischen Liebes-Dichtvers von Sainte-Beuve und überträgt ihn auf die Situation mit seinem Partner Montesquiou:
Das Erschreckende ist, dass man hieran ersieht, wie egoistisch die Liebe ist. Sobald der Liebhaber tot ist, ist alles vorbei, da man ja nichts mehr von ihm zu erwarten hat (was im Übrigen nicht für alle gilt.)
Hier habe ich mit Proust mitgetrauert. Die Enttäuschung, sich von liebenden Menschen verstoßen zu fühlen, weil diese nicht bereit sind, die ernste Lage des anderen zu begreifen. Hierbei scheint Montesquious Selbstliebe größer zu sein als die Liebe zu seinem Partner. 

Telefongespräch mit Anne
Anne hat sich dieselben Zitate angestrichen, die ich mir herausgeschrieben habe. Auch, weil sie so eindeutig sind. Sie war ebenso wie ich von der Verständnislosigkeit von Prousts Mitmenschen erstaunt, die man aber auch auf die heutige Zeit übertragen könne. Auch bei uns werden bestimmte chronische Erkrankungen wie z. B. Adipositas oder psychische Behinderungen nicht für ernst genommen. Bezogen auf Proust dachten wir, dass er sich ein neues Umfeld suchen müsse, was wohl nicht so einfach zu bewerkstelligen sei. Freunde finden, die beides in sich tragen; Intellektualismus und Empathie.

Weiter geht es nächstes Wochenende mit den Seiten von 423 - 434
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Wie schön ist doch ein Leben, das mit der Kunst beginnt
und bei der Moral endet.
(Marcel Proust)


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Samstag, 7. März 2020

John Okada / No - No Boy (1)

Foto: Pixabay
Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre  

Das Buch hat mir sehr gut gefallen. So viele Gedanken sind dadurch in mir entstanden, die ich hier unbedingt festhalten möchte. 

Der Autor schreibt aus eigener Betroffenheit, das heißt, er kennt sich aus mit seinem Stoff, in dem es um multiple Identitäten zwischen den Japaner*innen und den Amerikaner*innen geht. Man nennt sie hier die Japanese Americans. Für mich immer eine spannende und brisante Thematik, da ich mich auch schon ähnlich wie die Protagonist*innen dieses Buches in meiner Kindheit angefangen habe, damit zu beschäftigen, und ich niemals aufgehört habe, mir weiter Gedanken zu machen, auch aus meiner eigenen Betroffenheit heraus. Erst an der Universität konnte ich in meinen Fächern der Psychologie, Soziologie, Empirie und der Migrationspädagogik vieles an eigener Theorie verglichen mit den wissenschaftlichen Theorien und den empirischen Studien bestätigt bekommen. Ich habe die Bücher damals geradezu verschlungen. Ein Wissen, das mir bis heute erhalten geblieben ist, und das ich auch heute noch erweitere ... 

Viele Menschen bekommen ihre Identität in die Wiege gelegt, viele andere dagegen müssen sie sich erarbeiten, da ihr heterogenes Leben, aus dem sie kommen, viel zu differenziert und viel zu facettenreich ist, und sie sich dadurch nicht so schnell auf eine Identität festlegen können. Doch was wir Menschen alle gemeinsam haben, ist, dass die Identitätsentwicklung bei keinem Menschen wirklich abgeschlossen ist. Bis zu dem Tod kann sie wandelbar sein. Nur, das wissen nicht sehr viele Menschen, vor allem die, die glauben, ihre Identität sei durch die Geburt in Stein gemeißelt und hinterfragen sie sie nur in den seltensten Fällen. Der Autor dieses Buches hat diese Thematik wunderbar in Worte fassen können.

Wir sind auch von unseren Genen her alles Individuen
Wir sind alles Individuen. Den Körper erben wir von unseren Eltern, der bei allen Menschen unterschiedlich ist. Alle Menschen sehen anders aus. Das haben wir schon damals in der Schulzeit in Biologie gelernt. Nicht einmal eineiige Zwillinge sind hundertprozentig identisch. Aber alle sind wir Menschen. Doch was den Menschen ausmacht, um als Mensch in einer Gesellschaft auch leben zu können, ist die Aneignung von Kulturgütern durch eigene Anstrengung. Diesen Lernprozess nehmen uns die Gene nicht ab ... 
Wie viel Farbe man daher in einem Menschenleben einbringen möchte, kann nur jeder selber für sich bestimmen und oder zulassen. Doch je bunter, desto reicher. 

Warum also darf ein Kind mit japanischen Eltern, das in einem anderen Land aufwächst als das der Eltern, nicht die Identität eines Landes aufnehmen, in dem es sozialisiert und geprägt wird? Man kann diesen Gedanken beliebig mit Kindern anderer Ethnien weiterspinnen. Auch bei uns in Deutschland kann man beobachten, dass Kinder, die sich für die Identität ihrer Eltern entschieden haben, weil sie sich hier nicht anerkannt fühlen, und so wirft man ihnen mangelnde Bereitschaft an Integration vor. Andere dagegen, die die Identität eines Deutschen entwickelt haben, werden trotzdem nicht als Deutsche anerkannt, da sie zum Beispiel eine dunkle Hautfarbe haben, oder einen ausländischen Namen tragen. Diese sind in der Gesellschaft hineingewachsen, haben ihren Weg gemacht, gehören als Deutsche trotzdem nicht dazu. Nun kann man hier nicht mehr die Schuld bei den angeblich bösen lernunwilligen Migrant*innen suchen ... 
Was es mit einem Menschen macht, der von der Gesellschaft aufgrund seiner Herkunft oder aufgrund seiner diversen Lebensform verstoßen wird, zeigt der Autor John Okada sehr gekonnt in seinem Roman.

Hier geht es zum Klappentext, zu den ersten Leseeindrücken und zu den Buchdaten.

Die Handlung
Eigentlich ist die Handlung recht schnell erzählt. Die Hauptfigur namens Ishiro Yamada
ist 25 Jahre alt. Zusammen mit seinem jüngeren Bruder ist er Amerikaner, da sie beide in Amerika geboren wurden. Seine Eltern sind vor 35 Jahren von Japan nach Amerika immigriert, um in Amerika Geld zu machen, um später, als reiche stolze Japaner*innen wieder zurück in die Heimat zu kehren. Die vierköpfige Familie lebt in Seattle. Ishiros Mutter führt zu Hause einen kleinen Lebensmittelladen, mit dem sie gerade so über die Runden kommt. Die häusliche Umgebung ist sehr einfach und ärmlich gestaltet, da der Laden nicht genug abwirft. In Ishiros Familie schwelen Konflikte. Hier hat die Mutter die Hosen an, während der verweichlichte Vater sich ihr fügt, da er die Probleme nicht verträgt, und so spült er sie mit Alkohol hinunter. Ishiros jüngerer Bruder Taro ist 16 Jahre alt und besucht noch die Highschool.

Während in Europa der Zweite Weltkrieg tobte, befand sich Amerika mit Japan im Pazifikkrieg. Ishiro, der für Amerika in den Krieg einziehen sollte, verweigerte, da er unter einem Loyalitätskonflikt geriet, und er dadurch nicht gegen die Landsleute seiner Eltern kämpfen wollte. Wie so viele andere Japanese Americans wurde er dadurch in ein Internierungslager gesteckt und verbüßte zwei Jahre seines Lebens in Haft. Sein Bruder Taro will es anders machen als er. Er will nach der Schule unbedingt in den Krieg ziehen und für Amerika kämpfen. Ishiro entwickelt starke Identitätskonflikte. Fühlt sich zwar Amerika näher, aber da ist seine Mutter, die vehement an Japan festhält. Als Japan den Krieg gegen Amerika verliert, verleugnet die Mutter die Realität und redet sich ein, dass ihr Land den Krieg gewonnen habe. Identitätskonflikte hat Ishiro aber nicht nur wegen seiner japanischen Mutter, sondern auch durch die Amerikaner*innen, die ihm sein asiatisches Aussehen übel nehmen, und sie ihn niemals als einen Amerikaner akzeptieren können. Und so sind diese Menschen vor den Weißen, wie sich die Amerikaner*innen selber bezeichnen, massiven rassistischen Diskriminierungen ausgesetzt.

Welche Szene hat mir nicht gefallen?
Ich fand die Szenen sehr traurig, als Amerikaner mit japanischem Hintergrund gut genug waren, um in den Wehrdienst und anschließend in den Krieg entsendet zu werden, aber als Bürger erster Klasse mit weißen Amerikaner*innen sind sie noch weit entfernt gewesen. Anders bei Ishiros Freund Kenji. Während Ishiro seinen Kriegsdienst verweigert hat, weil er auf der Seite der Amerikaner keinen Japaner töten wollte, ist sein Freund Kenji in den Krieg gezogen, um als Amerikaner für Amerika zu dienen. Kenji kam nach dem Krieg wieder als Kriegsinvalide zurück. Er bekam sein wundes Bein, das zu faulen begonnen hatte, amputiert. In den Augen von Ishiros Mutter galt Kenji als Verräter und als Versager. Sie erwidert, als Ishiro ihr von ihm spricht:
>>Ah<<, sagte sie mit schriller Abscheu, >>der, der ein Bein verloren hat. Wie kannst du mit so jemand befreundet sein? Der taugt nichts.<< (…)>>Warum?<<, krächzte Ishiro. Sein Unbehagen schien ihr merkwürdigerweise Freude zu machen. Sie reckte das Kinn hoch und sagte: 
>>Er ist kein Japaner. Er hat gegen uns gekämpft. Er hat Schande gegen seinen Vater gebracht und Leid über sich selbst. Es wäre besser, er wäre getötet worden.<<
>>Was ist am Japanischsein so gut?<< Sie schien ihn nicht zu hören. Ganz ruhig fuhr sie in mütterlichem Ton fort: 
>>Sei ein guter Junge, ein guter Sohn. Um meinet- und auch deinetwillen – triff dich nicht mehr mit ihm. Es ist besser so.<< (2018, 123f)

Diese Szene hat mich sehr betroffen gestimmt. Welche Vorstellung Menschen von anderen Menschen nur haben. Das ist nicht typisch Japanisch. In allen Ländern findet man Leute, die in ihrem Land an solchen kruden Vorstellungen zu anderen Ethnien oder zu anderen Lebensformen festhalten.

Welche Szene hat mir besonders gut gefallen?
Gut fand ich auch, dass Kenji zu Lebzeiten mit seinem Vater vereinbart hat, dass er nach seinem Ableben auf keinem japanischen Friedhof bestattet werden wollte. Das zeigt, wie sehr er mit Amerika verwurzelt war. 
"Wenn ich sterbe, Pop, (...) keine riesige Beerdigung. Sollte ich in Portland sein, wenn´s passiert, soll man sich da um mich kümmern, sollen die das Loch puddeln. (...) Wenn du mich zu den anderen Japsen nach Washelli steckst, dann suche ich dich für den Rest deines Lebens heim. Ich habe bestimmte Vorstellungen über das Leben danach und will nicht am falschen Ort damit anfangen." 
Doch auch Kenji sehnte sich nach einem Ort, an dem alle Nationalitäten aufgehoben werden und alle Menschen Menschen sein dürften.
Trink einen für mich. Trink auf den Ort, an den es mich jetzt verschlägt, wo immer das sein mag, und dass es dort ja keine Japse oder Schlitzaugen hat oder Juden oder Polen oder Nigger oder Franzmänner, nur Menschen. (190)
Welche Figur war für mich eine Sympathieträgerin?
Das war für mich hauptsächlich Kenji, der es geschafft hat, für seine amerikanische Identität gerade zu stehen. Aber er hatte auch anders als Ishiro Eltern, die gelernt haben, Amerika als ihre neue Heimat zu begreifen. Obwohl Kenji als Kriegsinvalide zurückgekehrt ist, trug er sein Schicksal selbstbewusst und meisterhaft, obwohl er durch seine Beinamputation eine tödliche Erkrankung mit sich trug. Dennoch litt auch er unter rassistischen Übergriffe weißer Amerikaner. 

Welche Figur war mir antipathisch?
Mir war keine Figur wirklich antipathisch. Ishiros Mutter war so gefangen in ihrer antiquierten Welt, und sie Probleme hatte, die Realität anzuerkennen, hat mir eigentlich leidgetan. Vielleicht konnte sie nicht anders. Psychisch ist sie selbst an ihrem verlogenen Weltbild desillusionierend zerbrochen.

Meine Identifikationsfiguren
Ishiro und Kenji.

Cover und Buchtitel
Erst wusste ich das Cover und den Buchtitel überhaupt nicht einzuordnen. Aber mit dem Lesen des Romanstoffes erschloss sich mir der Sinn immer mehr. Die japanische Flagge und die amerikanische Kultfigur von Walt Disney sind zwei Kulturträger, die zu diesen Helden wie Ishiro, Kenji und viele andere ihrer Lage gehören. Der Buchtitel ist mir nach dem Lesen auch deutlich geworden. Ishiro war ein No - No Boy, da er den Kriegsdienst verweigert hatte, um nicht gegen das Land seiner Eltern zu kämpfen, und dadurch im Gefängnis gesessen hat. Er ist dadurch eigentlich ein Niemand. Weder ein Japaner, noch ein Amerikaner. 

Zum Schreibkonzept
Auf den 292 Seiten ist das Buch in elf Kapiteln gegliedert. Es beginnt mit einem Vorwort und endet mit einem Anhang, der ein paar Seiten zur Entstehung der japanisch-amerikanischen Literatur beschreibt. Auch historisch gibt es hier ein paar Fakten zu entnehmen, dass z. B. der amerikanische Präsident Reagen sich bei den zu Unrecht internierten Japanese Americans entschuldigt hatte. Leider kam diese Entschuldigung für viele zu spät. Ab 1990 wurde eine Wiedergutmachungsgebühr an jeden Überlebenden entrichtet.

Das Buch ist flüssig geschrieben. Den Schluss hätte ich gerne noch etwas in die Länge gezogen.

Meine Meinung
Das Buch hat mich nachdenklich gestimmt, da es mir zeigt, dass diese Probleme in jedem Land existieren. Überall auf der Welt gibt es Kinder, die mit mehreren Kulturen aufwachsen, und diese aber häufig auf die Herkunftskultur der Eltern herabgesetzt werden. Obwohl es eine Bereicherung ist, Expert*innen von Kulturgütern mehrerer Länder zu werden, dringt diese Bereicherung nicht wirklich in das Bewusstsein jener Menschen, die nur auf ihre und nur auf eine einzige Kultur beharren. Aber die Vielfalt bringt weltliche Vorzüge und man sollte diese stärker hervorheben, statt sich immer nur auf die Nachteile zu fokussieren, damit betroffene Kinder schon früh lernen, dass sie große Vorteile gegenüber ihren Kameraden haben, die aus einer Monokultur kommen. Wenn ihnen diese Wertschätzung nicht von der Gesellschaft entgegengebracht werden kann, müssen sie es selber lernen, sich diese zu geben. Aber im beruflichen Zweig sind Menschen, die z. B. mit mehreren Sprachen aufgewachsen sind, in der Wirtschaft erwünscht, da sie mit vielen Ländern kooperieren und verhandeln können. Große Vorteile haben sie allerdings durch ihre Mehrsprachigkeit auch auf Reisen und auch in den Ländern, in denen sie leben.

Mein Fazit
Es gibt nicht nur eine, zwei oder drei Identitäten. Es gibt auch vier und fünf Identitäten, und je mehr, desto reicher sollte sich ein Mensch in einer Gesellschaft fühlen dürfen. Ich selbst fasse meine Identität als Deutsche und als ein Weltmensch zusammen. Differenziert kann eine Identität auch für einen Menschen verlaufen, der aus einer Monokultur kommt. 

Wie ist das Buch zu mir gekommen?
Im Mai letzten Jahres habe ich mich mit meinen beiden Lesepartnerinnen Tina und Sabine in Heidelberg getroffen und sind zufälligerweise an einem Buchladen der Büchergilde geraten, den wir auch betreten hatten. Mir fiel John Okadas Buch sofort auf. Ohne, dass ich von dem Inhalt etwas wusste, griff ich danach. Wahrscheinlich war es die Comicfigur, die mich inspirierte, da sie meine Kindheit in Deutschland mitgeprägt hatte.

Meine Bewertung
2 Punkte: Sprachlicher Ausdruck (Anspruchsvoll, keine saloppe Schreibweise)
2 Punkte: Differenzierte Charaktere
2 Punkte: Authentizität der Geschichte
2 Punkte: Fantasievoll, ohne dass es kitschig oder zu sentimental wirkt
2 Punkte: Frei von Stereotypen, Vorurteilen, Klischees und Rassismus
2 Punkte: Cover und Titel stimmen mit dem Inhalt überein
Zwölf von zwölf Punkten.

_______________
Man sollte stolz auf sich sein,
wenn man es geschafft hat,
sich eine interkontinentale Identität 
aufzubauen.

Gelesene Bücher 2020: 05
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Der Mensch ist mehr als nur die biologische Erbmasse.
Er ist, was er innerlich denkt und fühlt.
(M. P.)
Die Herkunft eines Menschen
Die Wurzeltheorie verdammt Menschen zu ewigen Ausländer*innen, nur, weil sie eine andere Hautfarbe, eine andere Religion oder einen anderen Namen tragen. Die meisten haben ihre Wurzeln dort geschlagen, wo sie geboren wurden und / oder dort, wo sie ihr ganzes Leben zugebracht haben.

Es lebe die menschliche Vielfalt in Deutschland und überall.
(M. P.)