Sonntag, 19. Mai 2019

Marcel Proust Briefe 1879 - 1913 (1)

Lesen mit Anne   

Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre

Wie ich in der Buchvorstellung schon verkündet habe, lesen Anne und ich die Briefe von Marcel Proust, BD 1 von 1879 – 1913, 2016 im Suhrkamp-Verlag erschienen, allerdings nur häppchenweise, damit wir den Inhalt besser reflektieren und verinnerlichen können. Wir lesen jeden Samstag / Sonntag zehn Seiten, deren Inhalt ich hier dann festhalten werde. Wir machen daraus ein literarisches Ritual. Jeden neuen Eintrag stelle ich oben an, damit wir immer auf dem neusten Stand sind. Die älteren Beiträge können unten im Text immer nachgelesen werden. Weiter unten, erster Beitrag von Mai 2017, befindet sich zu dem Buch der erste Blogeintrag. 

Wir hatten schon vor zwei Jahren, Mai 2017, mit den Briefen begonnen. Da sie aber so anstrengend zu lesen waren, hatten wir irgendwann den Faden verloren und aufgehört weiter zu lesen. Das waren sehr teure Bände, und es wäre sehr schade, wenn die Bücher im Regal ungelesen verkommen. Jetzt geben wir Proust eine weitere Chance, auch weil ich wieder totale Lust auf ihn habe, konnte ich somit glücklicherweise auch Anne mit ins Boot holen. 


Anne hat sich bereit erklärt, ein Personenregister zu entwerfen. Es werden verschiedene Listen sein, auf denen alle wichtigen Namen aus dem Buch darauf übertragen werden, denn sonst befürchten wir, irgendwann Probleme zu bekommen, wenn die Namen nicht mehr richtig zugeordnet werden können. Hier geht es zu Annes Leseprojekte - Blogseite, die sie auch regelmäßig mit neuen Einträgen ergänzen wird. 

Und im Folgenden geht es unten durch Mausklick zu den Listen, die Anne zügig umgesetzt hat, und die sie regelmäßig aktualisieren wird.
Prousts Briefpartner*innen
Fußnoten Frauen
Fußnoten Männer

Marcel Valentin Louis Eugéne Georges Proust kommt am 10.07.1871 in Auteuil zur Welt. Der Bruder Robert kommt am 24.05.1873 zur Welt.

Obere Abbildung, Proust-Briefe, die auf Wikipedia als gemeinfrei deklariert sind.

Hier geht es zum Klappentext, zum Autorenporträt, zu meinen ersten Leseeindrücken und zu den Buchdaten.

Vierter Eintrag, 19.05.2019
Seite 102 - 112


Mai 1888 bis Sept. 1888 (16 und 17 Jahre alt)

In diesen Briefen ist häufiger zu entnehmen, dass Marcel unter den verschiedenen Beziehungen leidet, die problembehaftet scheinen. Einmal mit seinem Freund Daniel Halévy und auch mit seiner Mutter. Mithilfe der Briefe versucht er, die Konflikte zu klären. Hier ein Auszug aus dem Brief an seinen Freund Daniel. 
Als ich anderntags sah, dass du nicht mehr mit mir sprichst, dachte ich, dass ich dich mit meinem Brief verärgert habe. Es war dumm von mir, ihn zu schreiben, ungeschickt von Dir, Dich darüber zu ärgern (…). Ich konnte Dir nichts sagen. Ich konnte nur darauf warten, dass deine schlechte Laune mir gegenüber verflöge (…). Aber Bizet sagt mir, dass du mir in Wirklichkeit aus einem viel ernsteren Grund, den er so wenig kennt wie ich, böse bist. (102)

Ich habe dann mal zurückgeblättert, zu dem vorletzten Brief, was Proust an seinen Freund geschrieben hat. Ich fand jetzt nichts Anstößiges, außer vielleicht die Thematik mit den Homosexuellen, die Proust versucht zu verteidigen. Wahrscheinlich hat der Freund sich abfällig über sexuell anders geartete Menschen geäußert. Für die damalige Zeit war die Homosexualität eine große Sünde. Die Antwort seines Freundes auf diesen Brief? Die bleibt leider aus. Lediglich in der Fußnote ist zu lesen, dass Daniel Tagebuch führt, und darin über Marcels Schreibstil sich ausgelassen hat. In Wirklichkeit denkt dieser Freund:
Dieser arme Proust ist vollkommen wahnsinnig – man schaue sich nur diesen Brief an (…) Das alles ohne eine einzige Durchstreichung. Dieser Wahnsinnige hat großes Talent, und ich kenne NICHTS, was trauriger wäre und wunderbarer geschrieben als diese beiden Seiten. (104)

Marcel empfindet eine starke sexuelle Affinität zu Jacques Bizet. Marcels Mutter bittet ihren Sohn, sich von dem Freund zu trennen. Als er sich weigert, verbietet sie ihm den Umgang. Es kommt zwischen Mutter und Sohn zu einem heftigen Disput.

Was mir nicht einleuchtet, ist, dass der Vater Marcel gebeten hat, wenigstens vier Tage mit dem Masturbieren aufzuhören. Der Vater soll ihn regelrecht angefleht haben.

Woher wissen die Eltern von seiner Masturbation? Macht er das nicht hinter verschlossener Türe?

Marcel fühlt sich aber nicht nur sexuell zu Bizet hingezogen, sondern auch vom Temperament und vom Geistigen her scheint er eine Seelenverwandtschaft in dem Freund gefunden zu haben.

Proust möchte nicht, dass Bizet in seinem Elternhaus nur als Geächteter toleriert wird. Er schreibt ihm:
Wenn ich es schaffe, (meinen Eltern) zu beweisen, dass Du ein kostbares Wesen bist – an diesem Tag wirst du zu mir kommen und umhegt werden. Und falls dieser Tag niemals kommt, nun, dann werde ich dich extra muros (außerhalb der Mauern, Anm. der Autorin) lieben. Und ich werde ein Café zu unser beider Domizil machen. (103)

In der weiteren Depesche an Bizet bewundert Marcel einerseits dessen Weisheit, die er gleichzeitig aber bedauert. Warum? Dies teilt er ihm darin auch mit. Er bestaunt nicht nur seine lebhaften Gedanken und schreibt ihm daraufhin, dass das Herz Gründe hat, die der Verstand nicht kennt.
Marcel ist aber selbst mit seinen noch 16 Jahren mit viel Weisheit gesegnet. Ich kann verstehen, dass er sich zu Bizet auch intellektuell hingezogen fühlt.

Auf Seite 105 schreibt Proust einen Brief an Robert Dreyfus. In seiner Recherche gibt es die Dreyfus – Affäre. Robert Dreyfus ist auch ein junger Mensch, der noch zur Schule geht. Es gibt auf der Schule einen Lehrerwechsel. Der Französischlehrer Maxime Gaucher verstarb Ende Juli 1888 in den Sommerferien. Hier war Marcel 17 Jahre alt. Der neue Lehrer Monsieur Dauphiné ersetzt den Kollegen am Lycee Condorcet. Dreyfus und Proust besuchen zwar dasselbe Gymnasium aber nicht dieselbe Klasse. Proust versucht, Dreyfus liebevolle Tipps zu geben, wie mit dem neuen Pauker umzugehen ist.

Auch dem Lateinlehrer Cuceval ist Proust aufgefallen. Aber leider eher negativ. Seine Schulaufgaben sahen nicht nach Schulaufgaben aus und wurde von dem Lateinlehrer als Verderber, als dekadent betrachtet, da seine Klassenkameraden es ihm gleichtaten. Aber wie genau sahen diese Hausaufgaben aus? Hat Proust einen Roman geschrieben? Wenn die Klassenkameraden es ihm gleichtaten, kann ich mir vorstellen, was der Lehrer mit Dekadenz gemeint haben könnte, da nicht jeder mit dieser fabulierfreudigen Begabung von Proust ausgestattet ist.

Proust kann sich nicht bremsen zu schreiben. Er entschuldigt sich bei Dreyfus für seine Orthografie und für seine Handschrift aber es dränge ihn wie die Fluten. (Was für ein schönes Bild.) Gegenstand der Diskussion waren zudem auch Literaturgespräche, Artikel von Paul Desjardins, dessen literarische Abhandlungen in der Literaturzeitschrift Revue blue erschienen sind.

Sept. 1888 schreibt Marcel einen Brief an seine Mutter. Der Bruder seiner Mutter namens George Weil, Marcels Onkel, war zu Besuch und Marcel schien dem Onkel auf dem Rückweg zum Bahnhof sein Herz ausgeschüttet zu haben. Ich musste hierbei lächeln, weil Marcel über einen so großen Gesprächsbedarf verfügte, dass er dafür sorgte, dass der Onkel zu spät an den Bahnhof gelangte, damit dieser den Zug verpassen konnte. Sein Herz hatte er aber auch seinem Großonkel, Louis Weil, ausgeschüttet. Hierbei ging es um die Probleme mit seiner Mutter, die er eigentlich lieben würde. Er fühlt sich von dem Großonkel allerdings nicht verstanden, der Marcels Kummer als Egoismus bezeichnet hatte. Verstanden würde sich Proust lediglich von den Bediensteten des Hauses fühlen. Marcel scheint sich ewiglich in dieser Schreib- oder Gesprächsnot zu befinden, dass er sein Herz auch dem Hauspersonal auszuschütten schien, und zeigt, dass er über ein reges Innenleben verfügt.  

19.05.2019 Telefonat mit Anne
Wir sind beide der Meinung, dass es anstrengend ist, die Briefe zu lesen. Da man immer wieder im Lesefluss durch zu viele, wenn auch hilfreiche, Fußnoten unterbrochen wird. Es würde wenig hängen bleiben. Würde ich diese Impressionen nicht aufschreiben, würde ich auch schnell alles wieder vergessen. Mühsam ist auch, dass die Antwortbriefe fehlen, damit man die Eindrücke der Briefepartner*innen mitverfolgen könnte. Es sind also viele Lücken, die entstehen, die ich versuche durch Interpretationen zu ersetzen.

 Es gibt noch sehr viele Namen von Literaten, die uns nicht bekannt sind. Anne und ich befürchten, dass mit der Zeit die Briefe immer schwerer werden. Hoffentlich halten wir durch. Deshalb ist es gut, sich an den Wochenenden nur zehn Seiten vorzunehmen.

Wir haben uns auch über Alfred Dreyfuß, ein französischer Hauptmann jüdischen Glaubens, ausgetauscht, der später noch über die Dreyfußaffäre Thema werden wird.

Fazit
Sowohl Anne als auch mir scheint der junge Marcel ein offenes Buch zu sein. Ein Privatleben in seinem Inneren scheint es nicht zu geben. Selbst Intimitäten teilt er nicht nur seinen Eltern, Großeltern, u.a.m. mit, sondern auch dem Hauspersonal. Besaß er so etwas wie Schamgefühle?

Weiteres gibt es nächstes Wochenende zu lesen. 


Dritter Eintrag, 12.05.2019
Seite 91 - 101

Proust-Briefe, 1886 – 1888 (15-17 Jahre alt)
  • -       Geschichtsprüfung
  • -       Sexuelle Orientierung, Homosexualität
Es geht hier sehr politisch zu, die Details hierzu sind dem Buch zu entnehmen. Die Niederlage des Deutsch-Französischen Krieges, 1870/1871. Elsass und weite Teile Lothringen wurden an das Deutsche Kaiserreich abgetreten, das neu gegründet wurde. Napoleon wurde gefangengenommen ...

Auf den folgenden zehn Seiten erfährt man zu dem noch, dass Marcel im Juli 1887 nach Sorbonne reist, um an der Geschichtsprüfung teilzunehmen. Er hat in der Geschichtsklausur fünf Stunden ohne Pause geschrieben. Es scheint eine Generalprüfung gewesen zu sein, in der Schüler*innen sämtlicher Gymnasien sich hier in der Prüfung eingefunden hatten.
Marcels erhielt im Fach Geschichte und Geografie den zweiten Preis.

Sexuelle Orientierung
Im Mai 1888 schreibt Marcel seinem Großvater einen Brief und bittet ihn um 13 Francs. Zehn Francs benötigt er für den Besuch eines Bordells, damit er aufhören würde zu masturbieren und drei Francs für den Nachttopf, den er in seiner Aufregung zertrümmert hatte. Marcels Vater fordert von ihm einen neuen ein. Es war die Mutter, die ihm riet, den Großvater anzupumpen. (Schade, dass man nicht weiß, wie der Großvater auf das Geldanpumpen u.a. reagiert hat).

Im Juni 1888 schreibt er an seinen Freund Jaques, bittet um seine Freundschaft, da er sich von seiner Familie schlecht behandelt fühlen würde. Wenn ich traurig bin ist mein einziger Trost zu lieben und geliebt zu werden.
Ich umarme dich und liebe dich von ganzem Herzen. (99)

Dann folgt ein Brief, in dem Gespräche über Literatur und Theater entnommen werden können. Proust schlägt seinem Freund Daniel Halévy vor, mit ihm zusammen eine Kunstzeitschrift zu gründen ...
Gesprächsstoff Homosexualität (Pédéraste): Marcel findet an der Homosexualität nichts Unanständiges.

Es ist noch nicht klar, wie er sich selbst sexuell entscheiden wird, verteidigt aber homosexuelle Liebende.
Und doch obsiegt im Allgemeinen die Liebe, und sie masturbieren gemeinsam. Aber mach dich nicht lustig über sie, und denjenigen, von dem du sprichst, wenn er denn so ist. Sie sind, alles in allem, Verliebte. Und ich wüsste nicht, warum ihre Liebe unreiner wäre als die gewöhnliche Liebe. (101)

Telefongespräch mit Anne, 11.05.19
Anne und ich waren beide erstaunt über die schulische Leistung, die Marcel erbracht hatte. Auch haben wir uns über die Eltern ausgetauscht, dass die Eltern, oder der Junge selbst ganz offen über die Masturbation gesprochen hat. Wurde er dabei ertappt? Damals zählte das Masturbieren als eine Sünde. Das war sehr fortschrittlich von Eltern- und Großelternseite so offen darüber sprechen zu können.

Dass er die Homosexuellen verteidigt, liegt vielleicht daran, weil er selbst eine Neigung dazu hat, wie im oberen Brief gezeigt wird. Aus der Recherche erinnere ich mich, als der fiktive junge Marcel Männer nachspäht, sich unter das Fenster einer betroffenen Figur stellt, und belauscht das Paar, um herauszufinden, ob sie homosexuelle Praktiken nachgingen.
Die literarischen Gespräche fanden wir beide etwas schwierig, da uns die Autor*innen fremd sind.

Weiter geht’s es nächstes Wochenende.


Zweiter Eintrag zu den Briefen, 05.05.2019

Die ersten Proust-Briefe, 1879-1887

Kindheit und Jugend in den Briefen
Mit den ersten beiden Briefen, April 1879 und Febr. 1881 war Marcel gerade mal sieben und neun Jahre alt, als er sich schon ans Schreiben machte, was ich phänomenal fand. Ein quicklebendiges, neugieriges und fabulierfreudiges Kind, das sich in der Auseinandersetzung mit hoher Literatur und im Umgang mit seinen Mitmenschen befindet. Was mir auffällt, ist, dass sich der kleine, sensible Proust in seinen Briefen hauptsächlich mit Erwachsenen beschäftigt und kaum etwas mit seinen Altersgenossen zu tun hat. Eine reife Seele in einem Kinderkörper? So kommt mir der Kleine vor. Er schreibt hier an seine Großeltern mütterlicherseits Nathé und Adèle Weil. Mit neun Jahren schreibt er seinen ersten Brief auf Deutsch. Mit neun Jahren lernt er auch Deutsch und Latein, 18 Monate bevor er aufs Gymnasium wechselt. Später scheint er ein humanistisches Gymnasium zu besuchen, da er hier auch Altgriechisch und Geschichte lernt. Dadurch wird er mit der griechischen Mythologie vertraut gemacht. Der junge Marcel saugt wie ein Schwamm alles auf, was er literarisch und zwischenmenschlich aufgetragen bekommt. Ein Junge mit so einer immensen Begabung kann unmöglich den Umgang zu Gleichaltrigen gesucht haben.

Auf Seite 87 geht aus dem Brief an die Großmutter hervor, dass er das Briefeschreiben vorzieht, um ihr eine Madame Catusse zu beschreiben, anstatt mit seinen Kameraden Krocket spielen zu gehen.
Mit zehn Jahren liest Marcel schon Dramen und Theaterstücke. Zudem liest er Honoré de Balzac, und Théophile Gautiers und zitiert daraus reichlich in seinen Briefen an die Großeltern.

Ein Faible hat er auch für ältere Frauen, was mir schon in seiner Recherche über die Madame Guermantes aufgefallen ist. Madame Marie-Marguerite Catusse ist hier eine junge Dame im geschätzten Alter zwischen 23 und 25 Jahren. Sie scheint eine Opernsängerin zu sein. Marcel war zu der Zeit 15 Jahre alt, als er ihren Umgang suchte. Die junge Frau ging eine Freundschaft mit Marcels Mutter ein. Der Kontakt mit dieser Frau blieb selbst dann noch bestehen, als seine Mutter 1905 aus dem Leben schied. Madame Catusse blieb eine intime Vertraute von Marcel ...

Eine prächtige Charakterisierung über diese Frau brachte der junge Marcel im Brief an die Großmutter zustande, die aber der Großmutter missfiel. Seine Reaktion dazu:
Ma chère Grand` mère,danke mir nicht für diesen Brief. Seit der Standpauke letzthin habe ich außerdem Angst, erneut gestriegelt zu werden. Aber Madame Catusse hat mir eine kleine Arie versprochen, wenn ich damit anfange, sie für dich zu porträtieren, eine große Arie, wenn ich damit fertig bin, und für alles zusammen alle Arien, die ich will. (2016, 87)

Hier habe ich mich gefragt, was eine Madame Catusse dazu treibt, sich mit einem minderjährigen Jungen abzugeben, doch es scheint wohl die Kunst, die sie beide verbindet, dazu geführt zu haben. Und hierbei zählt der Altersunterschied keine Rolle. Es sind die verwandten Seelen, die sich finden, würde der alte Goethe wohl sagen.

Madame Catusse schienen Prousts literarische Vorlieben und seine Fantasien dazu, Menschen zu beobachten und zu beschreiben, aufgefallen zu haben, zu denen sie sich ein wenig narzisstisch hingezogen fühlt, denn warum sonst möchte sie von dem jungen Proust porträtiert werden? Andere Künstler malen mit Aquarelle, Marcel malt seine Figuren mit der Feder.

Aus dieser Feder wurden schon die ersten Figuren der Recherche geboren. Marcel übt sein Metier über das Schreiben von Briefen, das später übergeht in seinen siebenbändigen Büchern Auf der Suche nach der verlorenen Zeit.

Was ist noch aus diesen zehn Seiten zu entnehmen? Proust hat noch einen jüngeren Bruder namens Robert, der auf diesen Seiten nur peripher erwähnt wird, weil Robert noch zu klein ist. Einen Robert gibt es aber auch in der Recherche … Marcels Vater, Adrien Proust, ist Zahnarzt von Beruf.
Marcel beschäftigt sich auch mit anderen Charakteren und lernt den Kollegen seines Vaters Magitot kennen, der aus den Briefen einer Madame Victorine Ackermann, geb. Choquet, Literatin, zitiert:
Um, wie der Burgherr von Auteuil zu sagen pflegt, der Wahrheit die Ehre zu geben, muss ich im Übrigen sagen, dass der Doktor ein sehr gutmütiger Mann ist, sehr offen, sehr natürlich, sehr gebildet, sehr klug. Er hat sich anderntags damit vergnügt, vor einem Publikum höchst devoter Frauen und Ehemänner atheistische und gotteslästerliche Verse einer Madame Ackermann zu lesen und von A bis Z zu beweisen, dass die Religionen menschliche Einrichtungen seien, die den gesellschaftlichen Fortschritt aufhielten (…). (89)

Auf Seite 91 geht hervor, dass Marcels Mutter, Jeanette Weil, ihren Vater bittet, einen Brief vom Enkel sofort nach dem Lesen wieder zu vernichten. Auch hier zeigt sich, dass die Briefe peinlich berühren konnten. Den Brief an eine Madame Antoinette Faure hatte die Mutter sogar selbst zerrissen, angeblich, weil die Schrift zu schlecht sei, aber Marcel vermutet eher politische Motive, die darin beschrieben wurden.

Meine Meinung zu den ersten zehn Seiten, (81-91)
Wie gehaltvoll Marcels Werke sind, sowohl seine Briefe als auch seine anderen Werke, zeigen, wie viel auf diesen zehn Seiten zu entnehmen ist. Wenn ich sie nicht aufschreiben würde, hätte ich das ganz schnell wieder vergessen, denn der Inhalt wird nach dem Lesen im Schreibprozess noch weiter intensiviert und dadurch besser verarbeitet.

Ich finde es schön, dass in den Briefen auch männliche Autoritäten erwähnt werden, wie zum Beispiel den Großvater und den Vater, die mir in der Recherche ein wenig zu kurz gekommen sind.

Ich finde diesen jungen Marcel sehr sympathisch, was später aber bei mir wieder kippen wird, wenn er Menschen von oben herab behandelt und so blasiert daherredet. Man merkt, dass er seine Zeit zu sehr mit Erwachsenen verbringt und sich schon recht früh mit schweren Themen befasst, sodass diese unbeschwerte Kindheit, die er auch hatte, aber einen Schatten abgeworfen zu haben scheint, wenn er als Erwachsener zu altklug erscheint.

Ich bin so neugierig auf die weiteren Briefe, und so lassen wir das Ganze noch weiter in uns sacken.

Marcel Proust ist für mich in der Literatur, was ein Wolfgang Amadeus Mozart in der Musik ist, denn auch Mozart begann schon recht früh zu musizieren; er komponierte im Kindesalter auch erste Musikstücke. 

Telefongespräch mit Anne, 05.05.19
Ich habe mit Anne telefoniert, und ich bin richtig froh, dass auch sie die Briefe interessant findet. Wir haben unsere gemeinsamen Eindrücke geteilt. Anne hat zudem herausgefunden, dass Marcel Prousts Mutter deutsche Jüdin ist. Das hatte ich nämlich auch vermutet, da die Mutter mit Mädchennamen Weil heißt. Dass Proust Jude war, das ließ sich schon aus der Recherche herauslesen. Anne und ich waren beide erstaunt darüber, wie früh der kleine Marcel schon begonnen hatte, sich literarisch auseinanderzusetzen. Seine Ausdrucksweise faszinierte uns einerseits, doch aus der Feder eines Zehnjährigen wirkte sie ein wenig zu reif. Lange Briefe erstaunten uns, aber auch die kurzen, die aus einem Vierzeiler stammen, sind sehr einfallsreich. Was wir als mühselig empfunden haben, sind die vielen Unterbrechungen durch die Fußnoten. Positiv haben wir erlebt, dass die Fußnoten nicht hinten in einem gesonderten Glossar abgedruckt sind, sondern noch auf derselben Seite, am Ende eines Schreibens. Uns beschäftigt noch die Frage, weshalb Marcel Proust seiner fiktiven Figur aus der Recherche seinen Namen vergeben hat? Wir hoffen auf eine Lösung durch die Briefe.

Am 06. Mai 2017 hatten wir begonnen zu lesen. Ich kopiere mal unsere ersten Leseeindrücke rein, ich zitiere:

Erster Eintrag von 06.05.2017
Ich habe mit den Briefen begonnen, ich habe allerdings aus dem ersten Band erst die Chronologie geschafft, die relativ umfangreich ist. Die Briefe daraus beginne ich nächste Woche mit meiner Lesepartnerin Anne-Marit zu lesen. Aus der Chronologie konnte ich viel Interessantes entnehmen, ein paar wenige Fakten möchte ich auch hier festhalten, Weiteres ist meiner separaten Buchbesprechung zu entnehmen.

Wie den meisten bekannt ist, ist Marcel Proust Asthmatiker gewesen. Dadurch hat er permanent den Tod vor Augen gehabt, musste jede Menge Anfälle über sich ergehen lassen. Solche Asthmaanfälle sind schon erschreckend, wenn man sich vorstellt, dass einem die Luft wegbleibt und man zu ersticken droht. Durch seine Atemwegserkrankung ist Proust tatsächlich nicht alt geworden. Er starb mit 51 Jahren (1871-1922).
Als er noch lebte, quälte ihn die Sorge, er würde vorzeitig sterben, ohne seine Recherche beendet zu haben. Außerdem hatte er Angst, seine vielen Briefe, die teilweise sehr persönlich sind, würden veröffentlicht werden, kaum dass er tot sei. Ich denke mir dabei, dass er selbst die Wahl hatte. Er hätte die Briefe vor seinem Tod verbrennen können. Aber er tat das nicht, also stand er einer Veröffentlichung ambivalent gegenüber.

Worunter er noch litt, war sein Ruf. Nicht wenige bezeichneten ihn als einen Snob. Darüber musste ich so schmunzeln, denn auch ich zähle mich zu den Leser*innen, die ihn für arg blasiert hielten, siehe im oberen Text. Interessant, dass ich mit dieser Charakterisierung nicht alleine dastehe.

Sorgen bereitete ihm auch, dass die Leser*innen zwischen dem fiktiven und dem realen Marcel nicht unterscheiden könnten. Diese Sorge ist berechtigt, denn ich selbst stellte mir wiederholt die Frage, weshalb Proust dem Protagonisten aus der Recherche denselben Vornamen verpasst hatte? Nicht nur die Leser*innen sind vor diese Herausforderung gestellt, die beiden Marcels auseinanderzuhalten. Auch er, Marcel Proust, der Vater des fiktiven Marcels, muss selbst vor dieser schweren Aufgabe gestanden haben, beide Marcels auseinanderzuhalten. Wie kann er einen fiktiven Marcel kreieren und gleichzeitig Abstand gewinnen zwischen den beiden gleichen Namensträgern?

In seinen siebenbändigen Büchern gibt es sehr wohl Parallelen zu seinem eigenen Leben. Dies zeigt mir, dass es ihm nicht gelungen ist, sich als realer Marcel von dem fiktiven Marcel zu distanzieren. Warum aber war es ihm so wichtig, seinem Protagonisten seinen Namen zu verpassen? Vielleicht gibt es in den Briefen eine Antwort dazu, denn er muss sich ja etwas dabei gedacht haben.
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Gelesene Bücher 2019: 17
Gelesene Bücher 2018: 60
Gelesene Bücher 2017: 60
Gelesene Bücher 2016: 72
Gelesene Bücher 2015: 72
Gelesene Bücher 2014: 88
Gelesene Bücher 2013: 81
Gelesene Bücher 2012: 94
Gelesene Bücher 2011: 86

Mittwoch, 15. Mai 2019

Erich Kästner / Der Gang vor die Hunde

Klappentext   
Fabian ist Erich Kästners Meisterwerk. Doch das Buch wurde vor seinem Erscheinen 1931 verändert und gekürzt, denn der junge Kästner hatte in seinem ersten Roman alle Register gezogen. Das machte das Manuskript für den Verlag zu einem Sprengsatz, den das Lektorat mit spitzen Fingern entschärfte. Das Buch erschien schließlich entgegen Kästners ursprünglicher Intention unter dem Titel Fabian. Jetzt liegt der Roman zum ersten Mal so vor, wie ihn Kästner geschrieben und gemein hat – unter dem Titel, den Kästner ursprünglich vorgesehen hatte: Der Gang vor die Hunde.

Autorenporträt
Erich Kästner, 1899 in Dresden geboren, begründete gleich mit zwei seiner ersten Bücher seinen Weltruhm: Herz auf Taille (1928) und Emil und die Detektive (1929). Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurden seine Bücher verbrannt, sein Werk erschien nunmehr in der Schweiz im Atrium Verlag. Erich Kästner erhielt zahlreiche literarische Auszeichnungen, u. a. den Georg-Büchner- Preis. Er starb 1974 in München.

Meine ersten Leseeindrücke

160 Seiten habe ich seit Sonntag gelesen. Mir gefällt das Buch recht gut, wobei ich auch die gekürzte Fassung Fabian vor mehreren Jahren gelesen habe. Manche Episoden kamen mir bekannt vor. Kästner besitzt genau den Humor, der zu meinem passt. Sehr satirisch geschrieben. Gefällt mir gut. Ich muss aber auch sagen, dass ich ein wenig Zeit gebraucht habe, bis ich in die Geschichte reingekommen bin. Mit dem ersten Band habe ich nicht so lange gebraucht. Aber egal, mir gefällt dieses Buch trotzdem gut.

Fabian habe ich im April 2013 gelesen und war auch davon sehr angetan. Auf meinem Blog gibt es hier dazu eine Buchbesprechung.

Und es werden zukünftig noch weitere Buchbesprechungen erfolgen, da ich Kästner auch zu meinem Leseprojekt, einer von vielen, gemacht habe. Ich liebe diesen Autor inbrünstig. Vielleicht, weil er meine Jugend mitgeprägt hat. Seine Kinderbücher fand ich faszinierend. So voller Liebe an die Jugend geschrieben. Nun bin ich erwachsen und beabsichtige seine Bücher zu lesen, die an Erwachsene gerichtet sind. 

Weitere Informationen zu dem Buch
·         Verlag: Atrium Verlag AG (10. Februar 2017)
·         Sprache: Deutsch, 12,- €
·         ISBN-10: 3038820016

Hier geht es zu der Verlagsseite von Atrium.

Kurze Buchbesprechung
Da ich schon Fabian gelesen und recht ausführlich besprochen habe, erspare ich mir hier die Rezension. Im Anhang habe ich entnommen, dass der Roman ein satirischer ist, so, wie ich ihn auch erlebt habe. Nicht jeder satirischer Roman erkenne ich als eine Satire an, bei Kästner war er für mich nicht zu übersehen. Hat mir Freude bereitet neben Fabian auch dieses Buch zu lesen, wenn auch die Menschenschicksale traurige und skurrile Figuren abgaben. Das Ende fand ich sehr dramatisch. Ebenso das Schicksal von Stephan Labuse fand ich ergreifend. Hierüber hätte ich Lust zu diskutieren, aber ich verzichte, denn sonst nimmt man anderen Leser'innen zu viel an Spannung ab. Vielleicht ergibt sich über die Kommantarfunktion eine Möglichkeit darüber zu sprechen. 
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Gelesene Bücher 2019: 19
Gelesene Bücher 2018: 60
Gelesene Bücher 2017: 60
Gelesene Bücher 2016: 72
Gelesene Bücher 2015: 72
Gelesene Bücher 2014: 88
Gelesene Bücher 2013: 81
Gelesene Bücher 2012: 94
Gelesene Bücher 2011: 86


Freitag, 10. Mai 2019

Temple Grandin / Ich sehe die Welt wie ein glückliches Tier (1)

Eine Autistin entdeckt die Sprache der Tiere    

Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre


Mir hat das Buch recht gut gefallen. Ein Buch über Tiere, das diesmal nicht esoterisch besetzt ist, sondern rein naturwissenschaftlich, das auf viele empirische Studien aufgebaut ist. Jede Menge Forschungsergebnisse
von Labor und Feldstudien, verschiedene Ergebnisse im Bereich der Verhaltensforschung und viele mehr sind dem Band zu entnehmen. Viele Theorien, die ich auch in seriösen esoterischen Büchern gelesen habe, werden hier bestätigt. Grob gesagt, Tiere können sehr wohl denken und fühlen, Tiere sind Persönlichkeiten. Dies wissen alle Tierhalter*innen, die in der Lage sind, den Alltag mit ihren Haustieren auf Augenhöhe zu gestalten und nicht von oben herab.

Ich habe mir in dem Buch ganz viel Text angestrichen, obwohl ich nicht auf alles eingehen kann. Aber meine Bücher betrachte ich häufig als Nachschlagewerke, wenn ich Zitate zu einer bestimmten Thematik suche, finde ich sie schneller, wenn ich mich an die Markierungen halte.

Hier geht es zum Klappentext, zum Autorinporträt, zu meinen ersten Leseeindrücken und zu den Buchdaten.

Interessant ist auch, dass die Autorin Autistin ist, und sie sich mit Tieren identifizieren kann. Ihre Denkart ist ähnlich wie bei Tieren. Beide Wesensarten denken rein visuell. Und Grandin bezeichnet ihre Muttersprache als eine Bildsprache, die frei vom Verbalen ist. Deshalb hat sie es geschafft, sich in die Tiere einzufühlen, und hat viele Methoden entwickelt, wie Tiere, vor allem die, die in Schlachthäusern getötet werden, human behandelt werden.

Herausgefunden hat sie auch die Formen der Intelligenz, die von Tier zu Tier verschieden sein soll, wie dies auch bei uns Menschen der Fall ist. Temple Grandin war in der Lage, auch mithilfe der Gehirnforschung Parallelen zwischen tierischer und menschlicher Intelligenz zu entdecken, die der normalen Tierforschung entgangen war. (2015, 13)

Die Autorin hat über vierzig Jahren mit Tieren zugebracht. Sie hat in Amerika und in Kanada Methoden entworfen, mit denen die Tiere in den Schlachthöfen so getötet werden, dass sie dabei nicht gequält werden und der Vorgang sich zügig abspielt. Sie hat sich schon in jungen Jahren mit Tierwissenschaft auseinandergesetzt. Sie ging an die Uni und studierte Tierpsychologie. Derzeit ist sie Professorin an der Colorado State University. Sie ist um die Welt gereist und hat sich viele Schlachthäuser angeschaut. Die Schlachthäuser in Europa wären katastrophal. Schlechte Behandlung, viele Tiere würden bei lebendigem Leib geschlachtet werden, wenn z. B. der Bolzenschuss versagt und die Tiere zeppelnd an den Haken hangen.

Sie konnte herausfinden, was Tieren Angst macht. Sie schafft es, sich auf die Ebene der Tiere zu begeben, um die Dinge aus deren Perspektive zu erschliessen.

Das sollte der Mensch nicht nur mit Tieren machen; Der Mensch sollte lernen, sich in sein menschliches Gegenüber hineinzuversetzen, um die Welt aus seiner Sicht besser erfassen zu können. Das nennt die Autorin auch empathisches Verstehen. Wie wollen Menschen Tiere verstehen, wenn sie nicht einmal in der Lage sind, Menschen zu verstehen, die anders denken und anders empfinden als der Durchschnitt es tut?

Interessant fand ich auch die Form der Wahrnehmung, die die Autorin beschreibt. Tiere und Autisten seien in der Lage, Details wahrzunehmen, die der „normale Mensch“ nicht kann.
Das liegt daran, dass das Nervensystem eines normalen Menschen unzählige Details vernachlässigt und die Lücken mit dem füllt, was er zu sehen erwartet. (303)

Grandin ging auch in die Hirnforschung und verglich das Gehirn von Menschen und das der Tiere. Darüber hat sich die Autorin über mehrere Kapitel ausgelassen, dass ich unmöglich auf die Details eingehen kann, werde aber ein Beispiel einbringen. Die Gehirne zwischen Mensch und Schwein würden zum Beispiel auf dem ersten Blick identisch aussehen. Unterschiede fand sie schließlich an dem Neokortex. Was ist ein Neokortex? Ist hier nachzulesen.

Hier sind die Gehirne ein wenig unterschiedlich, Mensch und Tier würden die Welt dadurch unterschiedlich wahrnehmen, aber Mensch und Tier hätten auch viele Gemeinsamkeiten. In dem Buch sind viele interessante Beispiele zur Gehirnforschung, Großhirn, Kleinhirn, etc. zu Mensch und Tier angegeben und so verweise ich Weiteres auf das Buch.

Aber Tiere hätten alle möglichen Rezeptoren, sog. Sinnesorgane, die die Menschen nicht haben würden, und die Tiere seien dadurch in der Lage, Dinge zu tun, die die Menschen wiederum nicht tun können.

Grandin spricht auch von Basisemotionen, die die Tiere gemeinsam mit den Menschen haben würden. Sexuelle Anziehung, Trennungsangst zwischen Muttertier und Kalb, Soziale Bindung, die Freude am Spielen und Herumbalgen. Wenn man Tierkinder beim Spielen beobachtet, dann ähneln sie dabei auch den Menschenkindern.

Was die wenigsten wissen, ist, dass
Die meisten Tiere >>übermenschliche<< Fähigkeiten haben. Tiere haben tierische Begabungen. Vögel sind Navigationsgenies, Hunde Geruchsgenies und Adler visuelle Genies – jedes Tier besitzt auf einem anderen Gebiet eine besondere Begabung.

Das soll aber nicht heißen, dass Hunde nur riechen können. Natürlich können sie wesentlich mehr, deshalb empfehle ich dieses Buch selbst zu lesen, um sich auch die Details vornehmen zu können.

Als besonders intelligent wurden Vögel bezeichnet.
Vögel benutzen für ihre Lieder dieselben Wechsel von Rhythmus und Tonhöhe wie menschliche Musiker und können sie auch in eine andere Tonart setzen. Vögel verwenden Accelerandos, Crescendos und Diminuendos und viele Tonleitern, die Komponisten auf der ganzen Welt verwenden. (280)

Wenigstens sind die Singvögel frei, sie landen in kein Schlachthaus und können ihr Potenzial in ihrem Umfeld völlig frei entfalten.

Interessant fand ich die These, dass Hunde von Wölfen abstammen, und durch die Domestizierung über den Menschen ist aus dem Wolf ein Haushund geworden. Bemerkenswert daran ist, dass nicht nur der Mensch den Hund domestiziert hat, sondern im Umkehrschluss auch der Hund den Menschen. Man fand durch Ausgrabungen heraus, dass vor etwa 10000 Jahren im Todesfall der Mensch zu seinem Hund bestattet wurde.

Am Ende des Buches habe ich mir die Frage gestellt, weshalb Temple Grandin als ein wirklich sehr tierliebender Mensch in der Lage war, in einer Fleischfabrik zu arbeiten? Wie schafft sie es, beim Schlachten zuzuschauen? Auch stellten ihr andere die Fragen. Darauf die Anrtwort der Autorin:
Ich weiß noch, wie ich nach der Entwicklung meines Schlachthofsystems den Blick über den Hof schweifen ließ, in dem hunderte von Tieren in den Gehegen standen. Ich fühlte mich ganz bedrückt, weil ich soeben eine hocheffektive Schalachtfabrik entworfen hatte. Und Kühe sind die Tiere, die ich am allermeisten liebe.
Damals wurde mir klar, dass keines dieser Tiere existieren würde, wenn sie der Mensch nicht gezüchtet hätte. Seitdem weiß ich, welche Verantwortung damit einhergeht: Wir schulden ihnen ein anständiges Leben und einen anständigen Tod. Ihr Leben sollte so unbelastet wie möglich sein, und genau das ist mein Job.
 Dieses Buch habe ich deshalb geschrieben, weil ich den Tieren mehr wünsche als nur ein unbelastetes Leben und einen schnellen schmerzlosen Tod. Ich will, dass sie auch ein schönes Leben haben und eine sinnvolle Beschäftigung bekommen. Ich glaube, das sind wir ihnen schuldig. (308)

Mich macht das jetzt nicht zu einer Fleischkonsumentin, Grandin selbst konnte nicht auf Fleisch verzichten, aber ihre Einstellung ist für mich nachvollziehbar. 

Die Natur ist grausam, aber wir müssen es nicht auch noch sein. 

Grandin beochtet in einer TV-Tierdokumentation, wie ein Löwe ein Beutetier jagt und zerlegt. Das hatte sie dermaßen erschreckt, dass sie persönlich, wäre sie das gejagte Tier, auch lieber in einem Schlachthaus getötet werden wolle, als die Eingeweide von einem Löwen herausgerissen zu bekommen. Deshalb spricht sie von einem humanen töten. Die Tiere bis zu dem Tod gut zu behandeln, einfach weil sie es verdient hätten gut behandelt zu werden, denn sie opfern sich für uns Menschen. (Zu entnehmen aus ihrem biografischen Film) 

Ich bin nach wie vor dafür, sämtliche Schlachthäuser zu schließen, denn auch glückliche Tiere leben gerne. Für mich selbst gibt es kein humanes Töten, gerade was die Art in unseren Schlachthäusern hierzulande betrifft. Die Tiere erleben schon vorher den Stress, wenn sie aus ihrem Umfeld herausgerissen werden. Die Kühe sehen, wie ihre Artgenossen vor ihnen niedergestreckt werden …

Mein Fazit?
Wie ich eingangs schon geschrieben habe, findet man in dem Buch wirklich viele interessante wissenschaftliche Untersuchungen, die mich alle sehr neugierig gestimmt haben, und mich in meinem Denken weitergebracht haben. Aber es sind sehr viele Fachbegriffe, die den einen oder anderen abschrecken könnten. Aber ich fand sie wichtig, weil sie ja auch dadurch das Naturwissenschaftliche unterstreichen, und ein Buch dadurch auch glaubwürdiger wird.

Und hier geht es zu dem biografischen Film Du gehst nicht allein auf Youtube, der sehr sehenswert ist, da es nicht nur um Tiere geht, sondern zusammen mit den Tieren steht auch der Autismus im Vordergrund. Den Film, den ich mir mehrmals angeschaut habe, gibt es auch bei Amazon auf DVD zu kaufen oder man kann sich den Film dort auch virtuell ausleihen.

Meine Gedanken zu dem Buch
Ich finde es sehr interessant, dass Temple Grandin sich mit den Tieren identifizieren konnte. Dass sie außerdem noch ihre Muttersprache als die visuelle bezeichnet und nicht als die Amerikanische, fand ich faszinierend. Sie bestätigt meine Theorie, dass die Identitätsentwicklung bei einem Menschen sehr unterschiedlich verlaufen kann und selten genetisch gesteuert wird. Auch ich habe mehrere Identitäten:

     1. Deutsche Identität
     2. Identität Weltmensch
     3. Tierische Identität

Ähnlich wie die Autorin kann ich mich mit meinen Haustieren identifizieren, nur habe ich nie darüber gesprochen, weil es so untypisch ist. Mein Kater Momo besaß Charaktereigenschaften, die sich absolut mit meinen gedeckt haben.
Doch um aus allen drei Identitäten eine zu machen, kam mir folgender Gedanke:
Der Mensch ist das, was er innerlich fühlt und denkt.

Nirgends abgeschrieben. Habe ich selber aus mir herausgezogen. 


Trotzdem möchte ich einen Naturwissenschaftler hinzuziehen, der meine These deckt, damit auch ich glaubwürdig erscheine. Ein Zitat von Erik Erikson, deutsch-amerikanischer Psychoanalytiker, der die Identitätsentwicklung folgendermaßen beschreibt:
 (= I.) [engl. identity development], [EW, PER]Identität wird laut Erikson (1968) durch Interaktion mit anderen und im Kontext der eigenen Kultur gebildet. Sie umfasst u. a. versch. Bereiche der Selbstwahrnehmung wie bspw. Geschlecht, Gruppenzugehörigkeiten, persönliche Eigenschaften (Persönlichkeitsmerkmal) oder eigenen Kompetenzen, wird während der gesamten Entwicklung gebildet und ist somit als ein Prozess zu verstehen, der lebenslang dauert.

Wie man lesen kann, ist die Identitätsentwicklung ein lebenslanger Prozess, das heißt, dass die Identität niemals abgeschlossen ist, und sich bis zum Lebensende jederzeit neu wandeln kann. Nur nutzen das so wenige, und übernehmen ein Leben lang die Identität, die ihnen von den Eltern in die Wiege gelegt wurde, ohne sie jemals hinterfragt zu haben.

Welches Buch über Tiere wird das nächste sein? Die heilende Kraft der Katzen. Aber wann ich mir dieses Buch vornehmen werde, das weiß ich nicht, da ich noch andere Leseprojekte am Laufen habe, und ich gerne abwechseln möchte. Erschienen ist das Buch 2019 im Goldegg - Verlag. Auf jeden Fall möchte ich es mir zeitnah vornehmen. 
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Vertraue auf dein Herz.
Denn dann gehst du niemals allein.
(Temple Grandin)

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