Dienstag, 26. März 2019

Fatima Farheen Mirza / Worauf wir hoffen (1)

Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre   

Mir hat diese Lektüre ausgesprochen gut gefallen. Die Thematik, kulturelle und religiöse Unterschiede einer indischen Familie, die in Amerika lebt, hat mich sehr nachdenklich und auch betroffen gestimmt. Ein wichtiges Buch, das in die westliche und in die islamische Gesellschaft gehört. Die Auseinandersetzung damit hilft, die Welt ein bisschen besser zu machen für Menschen, die offen und bereit sind, aus ihrem Tellerrand zu schauen.

Ich möchte nicht zu viel verraten, aber ich muss Zitate einfügen, weil sie so treffend die Problematik unterstreichen. Wen das stört, die oder der möchte bitte mit dem Cursor diese Textstellen runterscrollen.

Am Ende werde ich einen kleinen Diskurs über diese Thematik halten.

Hier geht es zum Klappentext, zum Autor*inporträt, zu meinen ersten Leseeindrücken und zu den Buchdaten.


Die Handlung
Obwohl die Thematik facettenreich beschrieben ist, ist die Handlung schnell erzählt.

Der Familienvater Rafik Jaan wanderte von Indien nach Amerika aus, da er auch schon sehr früh in seiner Jugend seine Eltern verloren hatte. Seine spätere Ehe mit Leila wurde von Indien aus arrangiert. Leila lebte noch in Indien, und folgte dem Wunsch ihrer Eltern, Rafik nachzureisen, um dort mit ihm einen Lebensbund einzugehen. Aus dieser Ehe gehen drei Kinder hervor …

Das älteste Kind, ein Mädchen, ist Hadia, ein Jahr später folgt die Schwester Huda und nach weiteren drei Jahren kommt endlich der langersehnte Sohn namens Amar auf die Welt. Alle drei Kinder wachsen kulturell und religiös streng traditionell auf. Mit neun Jahren ist die Kindheit der Mädchen abgeschlossen. Sie dürfen zwar frei entscheiden, ob sie ihre Haare bedecken, aber sie stehen unter einem ganz strengen mütterlichen Einfluss, dass sie gar nicht anders können, als ihre Haare unter eine Haube zu legen ... 
Hadia hat es besonders schwer, denn sie wird als die ältere Schwester mit zur Verantwortung herangezogen, wenn vor allem der Bruder Amar Sorgen macht.

Denn Amar ist das Sorgenkind, das schwarze Schaf in der Familie. Schon früh lehnt er sich gegen die Konventionen der Eltern und der islamischen Gemeinde auf. Er weigert sich, Muslim zu werden. Er fühlt sich eher der amerikanischen Kultur zugehörig. Da die Kinder in Amerika geboren wurden, haben sie alle drei die amerikanische Staatsbürgerschaft …

Die beiden Schwestern sind eher dazu geneigt, sich den Erwartungen der Eltern anzupassen. Sie haben keine Schulprobleme, sie halten die muslimische Kleiderordnung ein, und versuchen für sich einen Weg zu finden, der auch mit dem amerikanischen Kulturverständnis konform geht, was ganz schwer ist, da die Eltern nicht einmal amerikanische Freunde im Haus dulden. Auch amerikanisch darf innerhalb der vier Wände nicht gesprochen werden, sie sprechen zu Hause nur Urdu. Leila hat den Anspruch, die Kinder, vor allem die Mädchen, immer im Auge zu behalten, um sie besser formen und lenken zu können. Da auch ihr Leben, ihre Ehe mit Rafik, von ihren Eltern arrangiert wurde, verlangt sie nun dasselbe auch von ihren Mädchen. Sie beeinflusst das Gewissen der Kinder z. B. in der Form, dass jede Sünde im Herzen einen schwarzen Fleck hinterlassen würde. Mehrere Sünden würden das Herz vollkommen schwärzen. Doch was der Mensch als Sünde begreift, kann weltweit unterschiedlich ausgelegt werden.
Ein Fleck, der nicht mehr weggeht. So fett und schwarz, dass das Herz nicht mehr imstande ist, Gut und Böse zu unterscheiden. (2019, 237)

Hadia, die überzeugte Kopftuchträgerin, wünscht sich dennoch hin und wieder mal eine ganz normale Jugendliche zu sein, um auf Partys gehen zu dürfen, um sich mit Gleichaltrigen Jungen und Mädchen auszutauschen. Sie hegt den Wunsch, sich die Haare blau zu färben, wie es ihre beste Freundin Danielle macht. Huda dagegen kann es kaum abwarten, endlich neun Jahre alt zu werden, damit sie ihren Kopf verkleiden kann …

Die Auseinandersetzung mit beiden Kulturen ist bei allen drei Kindern unterschiedlich, doch alle drei stellen sich dieselbe Frage, wieweit sie eigene Wege ausprobieren dürfen, um von den Eltern noch geliebt und nicht verstoßen zu werden …
Hadia kennt ihren Vater. Seinen Stolz, seine Werte, sein striktes Befolgen der religiösen Vorschriften. All dies ist ihm wichtiger als die Liebe zu seinen Kindern. Hadia hat immer gespürt, dass die Liebe ihrer Eltern an Bedingungen geknüpft ist. Für Amar ist das eine Herausforderung, er möchte herausfinden, wie weit er gehen kann, bis sie ihn aufgeben. (230)

Amar kommt mit dem Vater nicht zurecht, da er hohe Maßstäbe setzt, die er nicht erfüllen kann. In der Schule hat er Probleme mit dem Lernstoff, ganz anders die Schwestern, die Musterschülerinnen sind. In der Pubertät weigert er sich, Muslim zu werden, schreit es dem Vater regelrecht ins Gesicht, dass er kein Muslim sei. Amar zweifelt die Religion seiner Eltern vehement an …

Der Junge hat sich allerdings in das Mädchen Amira Ali aus der islamischen Gemeinde verliebt. Sie kennen sich von Kindesbeinen an ...

Amar wird mit den Problemen zu Hause nicht fertig, greift zu Drogen und zu Alkohol. Die ständige Konfrontation mit seinem Vater zermürbt ihn. Auch die islamische Gemeinde lehnt ihn ab. Es folgt ein Zitat, das richtig gut dazu passt.
Nimm dich in Acht mit Schuldzuweisungen. (…) Denk immer daran, dass jedes Mal, wenn du mit dem Finger auf jemand anderen zeigst, drei Finger auf dich selbst zurückweisen.

Probleme hat Amar auch mit der amerikanischen Gesellschaft, die ihn nicht als amerikanischen Staatsbürger aufgrund seines Namens anerkennt. Durch den terroristischen Anschlag vom 11. September 2001 auf das World Trade Center geraten alle Menschen unter einem Generalverdacht, die irgendetwas mit dem Arabischen zu tun haben.

Amar gerät in der Schule in eine Prügelei mit rassistischem Hintergrund. Seine Schulkameraden bezichtigen seinen Vater als Terrorist, weil er Muslim ist und einen Bart trägt. Und auch vor den Anschlägen hatte es Amar schwer, als Amerikaner anerkannt zu werden. Ständig wird er auf die Herkunft seiner Eltern reduziert.
Seit Kurzem hat Amar das Gefühl, in eine fremde Welt hineingeboren zu sein. Welche Rolle spielt es schon, dass seine Geburtsurkunde aus einem Krankenhaus in dieser Stadt stammt und dass das einzige Haus, in dem er je gelebt hat, hier steht. Wo kommst du denn her?, lautet die freundliche Version einer oft gestellten Frage. Als könnte er gar nicht von hier stammen. Als habe er etwas missverstanden, nicht die anderen. Er hat den Versuch aufgegeben, es zu erklären. Indien, murmelt er dann als Antwort. Obwohl er insgesamt höchstens zwei Wochen dort gelebt hat und seine Eltern inzwischen hier ihr halbes Leben verbracht haben. Manchmal stellt diese Antwort die Fragenden zufrieden, manchmal wirken sie verwirrt und haken nach: Aber haben Menschen aus Indien nicht dunklere Haut? (179)

Später, nach mehreren Jahren, setzt sich Rafik, der mittlerweile Großvater zweier Enkel geworden ist, mit sich und seinem Sohn mental auseinander und erkennt seine Fehler, die er bereut. Gedanklich spricht er mit Amar:
Weißt du - darum geht´s doch-, kein Mensch ist nur gut. Jeder versucht, gut zu sein. Und jeder hat manchmal das Gefühl, dass er nicht gut ist, und sogar bei dem Versuch scheitert, gut zu sein. (352)

Warum Rafik nicht persönlich mit dem Sohn spricht, um mit ihm diese Dinge zu klären, möchte ich nicht verraten. Daher sind weitere Details dem Buch zu entnehmen.

Welche Szene hat mir gar nicht gefallen?
Der Grundschüler Amar wünscht sich von den Eltern dieselben roten Schuhe, wie sein Schulfreund sie hat. Die roten Schuhe stehen für ein kindliches amerikanisches Statussymbol. Amar möchte dazu gehören. Der Vater lehnt die Schuhe ab. Das Kind kann sich damit nicht abfinden, und schreibt seinem Daddy eine Petition. Dieser macht daraufhin mit dem Sohn einen Deal. Er bekommt die Schuhe, wenn er im nächsten Diktat null Fehler hat. Der Junge geht auf den Deal ein und paukt die Rechtschreibung. Seine Schwester hilft ihm, gibt ihm Tipps … Er kommt tatsächlich mit der Höchstnote nach Hause, und weil er den Test nicht ehrlich bestanden hat, wie sich dies erst später herausstellt, bekommt er die roten Schuhe nicht. Das fand ich ganz furchtbar für das Kind, denn wieder fühlt es sich als Versager, niemals schafft er es, die hohe Messlatte seines Vaters zu erreichen.

Welche Szene hat mir besonders gut gefallen?
Rafiks Selbstreflexion vor allem seinem Sohn gegenüber auf den letzten Seiten. Und seine Weisheit hat mir gefallen. Eine Wiedergutmachung mithilfe seiner Enkelkinder, die er abgöttisch zu lieben gelernt hat.
Ich habe ihnen gegenüber keine andere Pflicht, als sie zu lieben, und werde deshalb auch von ihnen vorbehaltlos wieder geliebt. 382

Welche Figur war für mich ein Sympathieträger?
Alle drei Kinder. Und die Krankenschwester der Schule.

Welche Figur war mir antipathisch?
Keine. Jeder Erwachsene war irgendwie in seiner Welt gefangen.

Meine Identifikationsfigur
Amar.

Cover und Buchtitel
Finde ich farblich sehr ansprechend. Über den Buchtitel muss ich noch weiter nachdenken.

Zum Schreibkonzept
Das Buch ist auf 478 Seiten in vier Teilen gegliedert. Und in jedem Teil wird die Anzahl der Kapitel neu nummeriert. Der Schreibstil ist flüssig, aber nicht chronologisch aufgebaut. Es finden jede Menge retro- und prospektivische Zeitsprünge statt. Man kann sich die Details zwar gut behalten, aber am Ende habe ich gemerkt, dass ich nicht mehr wusste, welche Szenen wann zugeordnet waren.
Der dritte Teil hat sich stark gezogen. Vieles wiederholt sich, wo ich nah dran war, Seiten zu überspringen. Man hätte hier den Stoff ein wenig raffen können.
Doch am Ende, als Rafik sein und das Lebens seines Sohnes reflektiert, wird man erneut daran erinnert, wann gewisse Szenen aufgetaucht sind, und so war ich durch diesen Part wieder ausgesöhnt. Leider hat am Ende ein Glossar gefellt, in dem die fremden Begriffe hätten näher erläutert werden können. Dafür viele Seiten zur Danksagung. 

Meine Meinung / Ein kleiner Diskurs
Ich konnte mich gut in Amar hineinversetzen. Auch hier in Deutschland gibt es viele Kinder, die mit mehreren Sprachen und Kulturen aber nicht in dem Land ihrer Eltern aufwachsen oder aufgewachsen sind. Auch sie werden trotz der deutschen Staatsbürgerschaft immer wieder als die nationalen Stellvertreter ihrer Eltern betrachtet und auf deren kulturellen Herkunft reduziert, statt dass man sie wertschätzt mit ihrem Wissen, das sie mitbringen, das ein Kind aus einer Monokultur nicht besitzt. Mittlerweile wächst hier die vierte Migrantengeneration auf, und es hat sich in der Aufnahmegesellschaft vom Bewusstsein her nur sehr wenig verändert. Menschen mit dunkler Hautfarbe und/oder mit einem ausländischen Namen haben es besonders schwer, hier als vollwertige Deutsche anerkannt zu werden. Viele Deutsche sind der Meinung, dass Integration schwierig sei. Meine Frage: Was genau ist daran schwierig? Und wer sind die Schwierigen? Viele sind integriert und werden trotzdem in die Ausländerschublade gesteckt, mit allen Klischees und Vorurteilen beladen. Andere sind sogar assimiliert, und auch das reicht nicht, um zu den Deutschen zu gehören ... Soll tatsächlich das Blut die Zugehörigkeit eines Landes bestimmen, wo es weltweit nur vier Blutgruppen gibt?

Vielleicht wäre es hilfreich, die Fehler nicht immer im Anderen zu suchen und anzufangen, das eigene Weltbild zu hinterfragen, warum man denn Probleme hat, diese Kinder als vollwertige Deutsche anzuerkennen?

Ich bin dankbar für dieses Buch, das exakt die Missstände nicht nur bei dem vertrauten ewigen Fremden sucht, sondern in der Lage ist, diese auch bei der Aufnahmegesellschaft zu finden. Letztendlich sind die meisten Kinder, die hier aufwachsen, nicht integriert, sondern in diese Kultur hineingewachsen, wie dies auch bei deutschen Kindern der Fall ist. Man sagt ja auch nicht, dass deutsche Kinder in Deutschland integriert sind. 

Massive, psychische Probleme entstehen nämlich auch, wenn Menschen besonders in den Medien erfolgreich aus einer Gesellschaft ausgeschlossen werden, obwohl sie das Recht hätten, sich als zugehörige deutsche Menschen zu bezeichnen. Und viele Deutsche lassen sich stark von den Medien leiten und beeiflussen.

Und Kinder, die nicht dazugehören dürfen, flüchten häufig in die Herkunftsidentität der Eltern. Andere stehen drüber, und verteidigen ihre sog. deutsche Identität. 

Und diese Wurzeltheorie macht Hiergeborene, ganz gleich, aus welcher Generation sie kommen, zu ewigen Ausländern. 

Bei anderen, von draußen kommenden Menschen, die später nach Deutschland eingewandert sind, werden hier einem Integrationsprozess ausgesetzt, der leider noch zu sehr einseitig verläuft, der aber beidseitig, zwischen dem Deutschen und dem Migranten, sich abspielen sollte, denn Integration ist immer ein beidseitiger Prozess, wenn er gelingen soll. Aber das ist leider noch nicht in das Bewusstsein vieler Menschen, die deutsche Eltern haben, ganz gleich, aus welchem Bildungsniveau sie kommen, eingedrungen. Hierbei muss noch viel nachgearbeitet und nachgeholt werden. Die deutschen Medien machen über diese Menschen hauptsächlich negative Schlagzeilen, sprechen immer über Ausländer, die kriminell geworden sind, oder von denen, die nicht integriert sind und sie diese als die Integrationsversager bezeichnen. Von anderen, die sich hier zu Hause fühlen, sprechen sie nicht, weil sie nicht zu den Deutschen zählen dürfen.

Ein Prozess zum Verständnis der Integration wäre für mich, nicht über die Migranten zu sprechen, sondern mit ihnen. Nur so kann man erfahren, wie differenziert die Lebensweise dieser Menschen ist. Zu erleben, was sie innerlich fühlen und was sie denken, was sie können und was sie durch den Umgang mit mehreren Sprachen und Kulturen an Ressourcen mitbringen, wäre mal spannend als Außenstehende daran teilhaben zu können …

Mein Ideal wäre, nationale Identitäten abzuschaffen und die Identität als Mensch einzuführen. Das klingt utopisch, aber das geeinte Europa war ein Ideal, von dem der verehrte Friedrich Schiller einmal geträumt hat. Und heute leben wir in einem geeinten Europa, auch wenn wir alle im Prozess stecken, mit den vorhandenen politischen Problemen EU-weit fertig zu werden.

Der Mensch ist das, was er innerlich fühlt und denkt, und nicht das, was der Mensch zu fühlen und zu denken hat.

Mein Fazit
Eine sehr differenzierte, lesenswerte fiktive Familienbiografie, die Mut macht und die ich jedem Menschen ans Herz legen möchte, der bereit ist, sein eigenes Welt- und Menschenbild zu hinterfragen, und der aufhören möchte, integrative Fehler immer im Anderen zu suchen.

Meine Bewertung
2 Punkte: Sprachlicher Ausdruck (Anspruchsvoll, keine saloppe Schreibweise)
2 Punkte: Differenzierte Charaktere
2 Punkte: Authentizität der Geschichte
2 Punkte: Fantasievoll, ohne dass es kitschig oder zu sentimental wirkt
2 Punkte: Frei von Stereotypen, Vorurteilen, Klischees und Rassismus
2 Punkte: Cover und Titel stimmen mit dem Inhalt überein
Zwölf von zwölf Punkten.
  
Weitere Information zu dem Buch

Hier geht es zur Leserunde von Whatchareadin.

Auch meine Freundin Monerl hat das Buch gelesen, das sie tief berührt hat. Wir hatten uns am letzten Montag im Cafė Extrablatt getroffen und uns rege über diese Lektüre ausgetauscht.

 Hier geht es zu ihrer Buchbesprechung, die auch interessant zu lesen ist. 

Vielen Dank an den dtv Verlag für das Bereitstellen des Leseexemplars.

Vielen Dank auch an die Moderator*Innen von Whatchareadin für ihr Engagement mit den Verlagen.

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Ich spreche zwei Sprachen.
In die eine flüchte ich,
wenn die andere unmenschlich wird.
(Autor unbekannt)

Gelesene Bücher 2019: 13
Gelesene Bücher 2018: 60
Gelesene Bücher 2017: 60
Gelesene Bücher 2016: 72
Gelesene Bücher 2015: 72
Gelesene Bücher 2014: 88
Gelesene Bücher 2013: 81
Gelesene Bücher 2012: 94
Gelesene Bücher 2011: 86




Freitag, 22. März 2019

Fatima Farheen Mirza / Worauf wir hoffen

Klappentext   
Amar hat es sich nicht ausgesucht, einziger Sohn und Stolz der Familie zu sein. Wenn er gegen seine muslimischen Eltern rebelliert, ist es seine ältere Schwester Hadia, die ihn schützt. Bis sie sich fragt: wovor eigentlich? Vor den Möglichkeiten, die sie als junge Frau nicht hat? Nach einem Streit mit dem Vater läuft Amar von zu Hause weg. Und Hadia nimmt nach und nach seinen Platz ein. Drei Jahre später heiratet sie einen Mann ihrer eigenen Wahl: für die Familie die Chance, sich neu zu erfinden. Doch dann kehrt Amar zurück.Gibt es eine Eifersucht, die verzweifelter ist, als die unter Geschwistern? Müssen wir die Welt unserer Eltern erst akzeptieren, bevor wir uns daraus befreien können?»›Worauf wir hoffen‹ ist ein strahlend imaginierter, vollendeter Roman über fast alles, was uns etwas bedeutet: Liebe, Familie, Glaube, Freiheit, Reue, Vergebung. Fatima Farheen Mirza ist eine überwältigende neue Stimme.« Anthony Marra

Atorinnenporträt
Fatima Farheen Mirza, 1991 geboren, wuchs in Kalifornien auf. Sie studierte am renommierten Iowa Writers' Workshop und lebt heute in New York.

Meine ersten Leseeindrücke

Eine interessante fiktive fünfköpfige indische Familienbiografie namens Jaan, die in Kalifornien lebt. Die Eltern der Kinder sind in ihrer Erzeihung recht anspruchsvoll, legen viel Wert auf traditionelle, religiöse Konventionen. Ein schwarzes Schaf gibt es in jeder Familie, so auch in dieser, wobei alle Kinder ihren Preis zahlen, wenn es darum geht, entweder zu werden, wie man möchte, oder zu werden, wie die Eltern sie haben möchten ? ... Wie lebt es sich in einem Land, in dem es um Werteverschiebungen geht?

Mir gefällt das Buch sehr gut. Lediglich die vielen Zeitsprünge sind Geschmackssache. Mich stören sie noch nicht, finde es aber immer schade, wenn man einen Abschnitt gelesen hat, und man jeweils immer wieder aus dem Kontext herausgerissen wird. Viel zu plötzlich, so finde ich, ohne den letzten Abschnitt richtig verarbeitet zu haben. Man muss sich die Fakten im Kopf behalten. Da der Schreibstil leicht verständlich ist, kann man sich diese gut behalten.

Ich habe mich gefragt, ob das Buch autobiografische Züge hat.

Weitere Informationen zu dem Buch

·         Gebundene Ausgabe: 480 Seiten
·         Verlag: dtv Verlagsgesellschaft (28. Februar 2019)
·         Sprache: Deutsch
·         ISBN-10: 3423281766

Wir lesen das Buch wieder gemeinsam auf Whatchareadin.

Hier geht es zu der Verlagsseite von dtv.

Hier geht es zur Buchbesprechung.


Freitag, 15. März 2019

Nicoletta Giampietro / Niemand weiß, dass du hier bist (1)

Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre   

Mir hat das Buch, ein historischer Roman über den italienischen Faschismus, sehr gut gefallen. Manches hat sich bestätigt, was ich in der wissenschaftlichen Abhandlung gelesen hatte, dass viele Italiener die Juden nicht an Mussolini ausgeliefert hatten, und Hitler auf Mussolini Druck gemacht hat. Dadurch hatte diese Freundschaft der beiden Diktatoren einen starken Knick bekommen. Leider wurde dies  bei Giampietro nur peripher, am Ende dieses Buches, erwähnt. Allerdings hat sie sich über die Freundschaft zwischen diesen beiden Dikatatoren gar nicht ausgelassen. Ich sehe aber ein, dass diese Thematik belletristisch schwierig umzusetzen ist.  

Ich konnte das wissenschaftliche Buch, von dem ich in der Buchvorstellung schon gesprochen habe, in meinem Regal wiederfinden, das von dem Engländer Jonathan Steinberg, Deutsche, Italiener und Juden, geschrieben wurde.

Der Untertitel lautet: Der italienische Widerstand gegen den Holocaust, siehe Cover oben.

Ich hatte es 1999 gelesen und 2010 ein weiteres Mal. Erschienen wurde das Buch 1992 und 1993 im Steidl-Verlag.

Interessant war beim Steinberg zu lesen, wie die Italiener die Endlösung verhindern konnten. Leider ging die Autorin auch darauf nicht richtig ein. Bei ihr liest sich es so, als haben die Amerikaner Mussolini zum Sturtz gebracht. Soweit ich mich erinnern kann, war Mussolinis Sturtz den Partisanen geschuldet ... 
Aber Giampietro ist es total gutgelungen, sich in alle Figuren, ganz gleich auf welcher Seite sie stehen, hineinzuversetzen. Nur Gut und nur Böse gibt es hier nicht, es gibt so viel Fecette dazwischen.
Hier geht es zum Klappentext, zum Autorenporträt, zu meinen ersten Leseeindrücken und zu den Buchdaten.

Die Handlung
Zu Beginn der Handlung bekommt man es mit einer italienischen Familie namens Guerrini zu tun, die in Mittelitalien, in Siena, lebt. Sie ist seit dem Mittelalter adlig. Aber reich ist sie deshalb nicht, da ein Großonkel das Vermögen durch schlechte Geschäfte verspielt haben soll ...

Die Hauptfigur ist hier der zwölfjährige Lorenzo, der eigentlich in Tripolis, in der Hauptstadt von Libyen, aufgewachsen ist. Sein Vater ist Offizier, war in Neapel mit seiner Familie ansässig, und wurde vor mehreren Jahren in dieses arabische Land versetzt, Frau und Kind folgten nach. Libyen wird im Zweiten Weltkrieg von den Italienern besetzt und kolonialisiert. Nicht nur in Europa, sondern auch hier befindet sich ein Krisenherd … Um Lorenzo zu schützen, schicken ihn die Eltern 1942 zu seinem Großvater väterlicherseits nach Siena, bis der Krieg vorüber ist. Aber auch in Italien tobt der Krieg, außerdem werden die Juden von den italienischen Faschisten und den deutschen Nazis verfolgt … Lorenzo vermisst seinen arabischen Freund und ganz besonders seine Eltern, und gerät in eine schwere Krise, da er über einen längeren Zeitraum keine Notiz von ihnen erhält. In dem Haus seines Großvaters lebt eine Haushälterin, seine Tante Chiara, und sein Großvater.

Die Haushälterin, Cesarina, eine einfache aber eine herzensgute Persönlichkeit, ist sehr religiös und bettet in ihren Gebeten immerzu Mussolini mit ein, da er für eine kurze Zeit die Wirtschaft in italien anzukurbeln in der Lage war. Sie und viele andere Italiener sind dadurch treue Anhänger Mussolinis geworden. Auch Lorenzo scheint den Vater der Nation zu lieben, während er eines Tages merkt, dass seine Tante Heimlichkeiten mit seinem Großvater austauscht, und spürt, dass hintenrum etwas gegen Mussolini im Gange ist ...

Chiara ist Grundschulpädagogin, ihr Vater war ein Großoffizier …

Lorenzo lernt den gleichaltrigen Franco Taccini kennen, der Sohn einer Krämerin. Obwohl Franco vom Charakter her ganz anders gestrickt ist als Lorenzo, entsteht zwischen ihnen trotzdem eine außergewöhnliche Freundschaft. Auch wenn diese Freundschaft der beiden häufig zur schweren Prüfung wird. Was beide aber verbindet, ist, dass auch sie wie die Erwachsenen von Mussolini schwärmen, heroisieren den Krieg und können es kaum abwarten, älter zu werden, um endlich als richtige Soldaten einberufen zu werden, um für das Vaterland zu kämpfen. Politische, nationalsozialistische, ideologische Ideen werden ihnen in der faschistischen Jugendpartei namens Balilla eingeflößt. Auch in der Schule werden sie indoktriniert, von Lehrern, die politisch fundamentalistisch eingestellt sind. Sie erklären den Kindern die mythologische bzw. die symbolische Bedeutung des Faschismus:
Das Wort Faschismus kommt von >fascio<. Deshalb ist das Symbol des Faschismus ein Bündel von dünnen, eng zusammengeschnürten Stangen. Diese Stangen stellen die einzelnen Italiener dar. Ich habe genau dreiunddreißig Stöckchen verbunden, eines für jeden für euch. Gemeinsam, vom Duce und vom faschistischen Glauben vereinigt, sind die Italiener unbesiegbar. (2019, 63f)

In der Rassenlehre lernen sie:
Wir wollen nun unser Wissen über den Begriff >>Rasse<< auffrischen. Wir Italiener gehören dem mediterranen Typ der arischen, also der Herrenrasse an. Geformt und modelliert von den Römern, ist sie die glorreichste von allen und hat die größten Entdecker und Eroberer der Geschichte hervorgebracht (...). Die Reinheit unserer Rasse muss geschützt werden. Die Trennung der Rassen ist ein wichtiger Kampf um Kultur und Zivilisation. Gehören Juden der italienischen Rasse an? (83)

Unisono antworten die Kinder alle mit >Nein<.

Zudem lernen die Kinder in der Schule, dass die Juden potenzielle Verräter seien. Außerdem stellen die Schulbücher sie hier als besonders exotisch dar ...

In der Grundschule wird ein jüdisches Kind aus der Klasse verwiesen. Lorenzos Tante setzt sich für die Schülerin ein, und so wird auch sie von der Schule suspendiert. Lorenzo ist ganz entsetzt über das Verhalten seiner Tante und schämt sich vor seinen Mitschülern ...

Die Tante nimmt den Jungen von der Schule und unterrichtet ihn zu Hause selbst. Lorenzo gerät in eine Krise, hegt Groll gegen sie, da auch er sie als Landesverräterin bezichtigt …

Chiara lernt den Arzt Matteo kennen, der in der Klinik arbeitet. Ein polnischer Jude, der vor der Judenverfolgung aus seiner Heimat nach Italien geflüchtet ist. Erst später stellt sich auch für Chiara heraus, dass Matteo in Italien mit einer falschen Identität untergetaucht ist. Später ist Matteo gezwungen, sich unter die Partisanen zu mischen, als er auch in Italien nicht mehr sicher ist.

Chiara unterrichtet im Untergrund jüdische Kinder, und arbeitet im Krankenhaus, als sie die Stelle in der Schule verliert. Zu viele Kriegsinvaliden, jede helfende Hand wird gebraucht, sodass sie sich auch hier nützlich machen möchte ...

Lorenzo lernt später einen weiteren Jungen kennen, Daniele Neri, auch 12 Jahre alt, freundet sich mit ihm an. Als er durch besondere Umstände erfährt, dass Daniele Jude ist, gerät sein Weltbild ins Wanken und fängt an, seine Schulbücher und sämtliche rassische Ideologien kritisch zu hinterfragen. Lorenzo gerät dadurch in eine weitere schwere Lebenskrise … Seine Freundschaft zwischen seinem patriotischen Freund Franco und dem jüdischen Freund Daniele wird erneut auf die harte Probe gestellt, indem Lorenzo einem Loyalitätskonflikt ausgesetzt wird ...

Mehr möchte ich nicht verraten.

Welche Szene hat mir gar nicht gefallen?
Ich fand es ganz schrecklich, wie dieses Kind, Lorenzo, sich für das Land und für seine Mitmenschen eingesetzt hat, die ich für einen so jungen Menschen grausam fand. Er hätte gut daran zerbrechen können. Schwere Schuldgefühle omnipotentischer Art nagten an seiner Kinderseele. Daran kann man sehr gut sehen, wie die Indoktrination die Kinder erfolgreich manipuliert hat.

Welche Szene hat mir besonders gut gefallen?
Die Freundschaft zwischen den Kindern fand ich schön, wobei diese zwischen Lorenzo und Daniele eine sehr schwere Herausforderung war. Ich fand es schön, dass Chiara, die einst auch Anhängerin des Faschismus war, sich später einer Widerstandsbewegung angeschlossen hat.

Welche Figur war für mich ein Sympathieträger?
Mir war Matteo sehr sympathisch, seine sensible Art mit Menschen umzugehen, hat mich tief berührt.

Welche Figur war mir antipathisch?
Die faschistischen Lehrer und die Gruppenführer.

Meine Identifikationsfigur
Keine

Cover und Buchtitel
Mir hat das Cover sehr gut gefallen. Gestört hat mich nur, dass Lorenzo blondhaarig und Brillenträger ist, was aus dem Cover nicht hervorgeht. Deutsche Verlage erlauben den Südländern keine hellen Haare und keine helle Haut, das weiß ich mittlerweile. Aber auch keine Brille?
Der Titel, Niemand weiß, dass du hier bist, lässt ahnen, was darunter zu verstehen ist, bevor man mit dem Lesen begonnen hat, ich mich aber dazu trotzdem bedeckt halten möchte. 

Zum Schreibkonzept
Das Buch ist in drei Teilen gegliedert und beinhaltet fortlaufend insgesamt 34 Kapitel, die zum Ende hin immer kürzer werden. Der Schreibstil ist recht einfach. Man kann diesen historischen Roman gut auch Jugendlichen zum Lesen geben.

Meine Meinung
Ich habe durch das Buch viel Neues gelernt. Vor allem über den Begriff Faschismus hatte ich mir zuvor keine wirklichen Gedanken gemacht. Aufgrund der negativen Konnotation habe ich ihn inhaltlich immer mit den Ideologien des Nationalsozialismus á la Italien in Verbindung gebracht. Eigetlich ist der Begriff harmlos, wenn man die nähere Bedeutung betrachtet. Ich hätte nie irgendwelche Zweige oder Stöcke damit assoziiert.  

Wie ich an einzelnen Textstellen oben gezeigt habe, hat nicht nur Hitler, sondern auch Mussolini sein Volk als eine Herrenklasse deklariert. Die Italiener seien die Arier des mediterranen Typs.
Aber ich habe mich auch gefragt, wie der DUDEN den Arier definiert?
[*](Völkerkunde, Sprachwissenschaft) Angehöriger eines der frühgeschichtlichen Völker mit indogermanischer Sprache in Indien und Iran. [*](nationalsozialistisch) (in der rassistischen Ideologie des Nationalsozialismus) Angehöriger einer (besonders in Gegensatz zu den Juden definierten) angeblich geistig, politisch und kulturell überlegenen nordischen (2) Menschengruppe.

Man könnte den Faden noch weiterspinnen. Denn wer sind die Indogermanen? Ich habe folgendes im Netz gefunden:
"Seit aber der deutsche Sprachwissenschaftler Franz Bopp (*1791/°1867), etwa um 1820 herum, nachweisen konnte, dass fast alle heute gesprochenen Sprachen Europas (mit Ausnahme des Finnischen, Baskischen, Ungarischen und Estnischen) untereinander verwandt sind und sogar eine gemeinsame Wurzel mit dem Indischen und Persischen aufweisen, wird bis heute nach einem Volk „gefahndet“, das irgendwann einmal eine gemeinsame Sprache gesprochen haben muss.
Vermutungen 
Aber, unabhängig davon, dass bisher keinerlei eindeutige archäologischen Funde jedweder Art gemacht werden konnten, die auf eine mögliche Zivilisation mit einhergehender kultureller Eigenart schließen lassen, wird inzwischen – trotz nur vager Indizien – von der Wissenschaft mit einiger Sicherheit angenommen, dass dieses „geheimnisvolle“ Volk, wenn es es denn tatsächlich gegeben haben sollte, seinen Ursprung sowohl in mittel- und westeuropäischen Gegenden oder auch – nach anderer Auffassung – in den Steppen Osteuropas um 3500 v. Chr. gehabt, und sich sukzessive in alle Richtungen ausgebreitet haben muss."
Entnommen aus folgender Quelle, klick hier. Der restliche Artikel ist lesenswert. 

Mein Fazit
Auch wenn mich jetzt nicht alle Szenen überzeugen konnten, wirkt das ganze Buch authentisch. Es hat mich gepackt, und bis zum Schluss konnte mich die Autorin fesseln. 

Ein Appell, politisch wachsam zu bleiben, und aus der Geschichte lernen.


Meine Bewertung
2 Punkte: Sprachlicher Ausdruck (Anspruchsvoll, keine saloppe Schreibweise)
2 Punkte: Differenzierte Charaktere
2 Punkte: Authentizität der Geschichte
2 Punkte: Literaturwissenschaftliches, gut recherchiertes Buch
2 Punkte: Frei von Stereotypen, Vorurteilen, Klischees und Rassismus
2 Punkte: Cover, Titel und Klappentext stimmen mit dem Inhalt überein
12 von 12 Punkten

Weitere Information zu dem Buch
Ein herzliches Dankeschön an den Piper-Verlag für das Leseexemplar. Ein großes Dankeschön an die Moderatoren vom Bücherforum Whatchareadin für deren Einsatz.

Hier geht es zu zur Leserunde von Whatchareadin.

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Wer einen Menschen rettet,
rettet die ganze Welt.
(N. Gianpietro)

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