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Donnerstag, 25. Juli 2019

Gary Shteyngart / WIllkommen in Lake Success (1)

Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre 

Fünf Wochen habe ich für dieses Buch benötigt, da ich derzeit meinen Kopf nicht freibekomme, da so viel anderes ansteht. Das ist das erste Mal, wofür ich für ein Buch so lange gebraucht habe.

Warum schreibe ich das? Hauptsächlich für mich, wenn ich diese Buchbesprechung nach einer gewissen Zeit wieder nachlesen möchte, und ich mich nicht wundern muss, weshalb mich das Buch so viel Zeit beansprucht hat.

Aber hat es wirklich nur an mir gelegen? Nein, nicht nur an mir, es hat auch etwas an dem Buch gelegen. Es war sehr zäh, hat sich gezogen, sodass die Handlung für mich nach etwa zweihundert Seiten die Glaubwürdigkeit verloren hat. Deshalb werde ich mich in dieser Besprechung kurzhalten.

Außerdem wurden viele Themen angerissen, die nicht zu Ende gedacht wurden.

Hier geht es zur Buchvorstellung; zum Klappentext, zum Autorenporträt, zu meinen ersten Leseeindrücken und zu den Buchdaten.

Die Handlung
Die Handlung beschreibt das Leben einer Kleinfamilie namens Cohen. Barry Cohen ist etliche Jahre älter als seine Frau Seema. Seemas Eltern sind Einwanderer und kamen ursprünglich aus Indien, während sie selbst in den Staaten geboren ist und dadurch die amerikanische Staatsbürgerschaft erworben hat. Barry, Ende dreißig, ist Jude und seit über zwanzig Jahren in der Finanzbranche tätig. Er verwaltet Wertpapiere bis zu 2,4 Milliarden Dollar.

Seema ist Juristin und 29 Jahre alt.
Sie haben einen gemeinsamen Sohn namens Shiva. Ein langersehntes Kind, da es mit dem Kinderkriegen zuvor nicht wirklich klappen wollte, bis Seema einer künstlichen Befruchtung zugestimmt hat. 

Der kleine Shiva ist aber kein normales Kind. Es ist autistisch. Die Eltern müssen lernen, mit der Besonderheit ihres Kindes umzugehen. Aber der Autismus fordert die Eltern heraus. Eigentlich passt er nicht in das Lebensbild des Vaters, denn Barry kommt aus einer perfekten Welt, in der Schwächen nicht geduldet werden. Das Kind spürt die mangelnde Zuneigung seines Vaters und lehnt ihn vehement ab. Die Ehe der Eltern wird auf die Probe gestellt.

Seit Seema die Diagnose ihres Sohnes erfahren hatte, verbringt die junge Mutter jede freie Minute, für das Kind da zu sein. Sie nimmt alle Stränge in die Hand, organisiert eine Tagesmutter und medizinische Hilfe, in der das Kind gefördert werden kann, während Barry gar nicht wahrhaben will, dass sein Sohn autistisch ist. Dadurch, dass Seema jede freie Minute für ihr Kind investiert, so ist es Barry, der glaubt, zu kurz zu kommen.

Seema wirft ihm bedingt durch seinen Beruf Empathie- und Fantasielosigkeit vor.

Barry besitzt viele teure und anspruchsvolle Uhren.
Die Uhr schmiegt sich um sein Handgelenk wie ein Artefakt aus einem goldenen, technisch ausgereiftem Universum, und sie tat kund, was für ein Mann Barry eigentlich war. (2018, 28)
Die Probleme zu Hause hält Barry nicht aus und macht sich auf, mit einem Bus nach Richmond zu reisen, um seine alte Jugendfreundin zu finden. Doch eigentlich ist er auf der Flucht. Auf der Flucht vor seinem Sohn, vor seiner Frau, nicht zuletzt auch vor sich selbst.

Welche Szenen haben mir gar nicht gefallen?
Mich hat genervt, dass der Autor ein großes Geheimnis um den Autismus gemacht hat. Er hat die Erkrankung viele Seiten über umschrieben, um wahrscheinlich die Thematik spannender aufzuziehen. Aber ich glaube, dass jeder anspruchsvolle Leser*in weiß, was Autismus ist. Ich bin sehr schnell hinter seine Umschreibung gekommen.

Welche Szene hat mir besonders gut gefallen?
Politisch: Die kritische Sichtweise zu Donald Trump.
Barry ist ein Trump – Gegner.

Welche Figur war für mich ein Sympathieträger?
Keine

Welche Figur war mir antipathisch?
Barry aber auch seine Frau. Eigentlich fand ich alle Figuren unsympathisch, vor allem die, die in einer starken materiellen Welt gefangen sind und wenige innere Werte besitzen.

Meine Identifikationsfigur
Keine.

Cover und Buchtitel  
Beides sehr ansprechend.

Zum Schreibkonzept
Auf den 430 Seiten ist das Buch in 13 Kapiteln gegliedert. Es gibt keinen Prolog aber einen Epilog.

Meine Meinung
Eigentlich hatte mich das Buch anfangs fasziniert. Den Klappentext fand ich ansprechend, aber die ganze Thematik hat mich irgendwann angefangen zu langweilen. Dann war mir das Bild  zwischen den Amerikaner*innen und den Migrant*innen zu einseitig und zu dick aufgetragen. Und überhaupt viel zu viele Gedanken über die Hautfarbe. Warum müssen Menschen so viel über die Hautfarbe schreiben? Es gibt dunkle Menschen. Es gibt helle Menschen. Es gibt braune Menschen … Wo ist das Problem, wenn die Menschenwelt von Natur aus bunt ist? 

Mein Fazit
Ich freue mich, dass ich nun mit dem Buch durch bin, und dass ich durchgehalten habe, ohne es vorzeitig abzubrechen.

Da dieses Buch auf Whatchareadin gelesen wurde, verlinke ich meine Besprechung mit der Leserunde.

Meine Bewertung
2 Punkte: Sprachlicher Ausdruck (Anspruchsvoll, keine saloppe Schreibweise)
1 Punkte: Differenzierte Charaktere
1 Punkte: Authentizität der Geschichte
1 Punkte: Fantasievoll, ohne dass es kitschig oder zu sentimental wirkt
2 Punkte: Frei von Stereotypen,Vorurteilen, Klischees und Rassismus
2 Punkte: Cover und Titel stimmen mit dem Inhalt überein

Hat mir die Geschichte an sich gut gefallen?
Trotz guter Bewertung meinerseits, nein.
Neun von zwölf Punkten.

Weitere Informationen zu dem Buch:

Hier geht es zu Whatchareadins Leserunde. 

Ein herzliches Dankeschön an den Penguin Verlag für das Bereitstellen des Leseexemplars. 
________________
Vertraue auf dein Herz.
Denn dann gehst du niemals allein.
(Temple Grandin)

Gelesene Bücher 2019: 22
Gelesene Bücher 2018: 60
Gelesene Bücher 2017: 60
Gelesene Bücher 2016: 72
Gelesene Bücher 2015: 72
Gelesene Bücher 2014: 88
Gelesene Bücher 2013: 81
Gelesene Bücher 2012: 94
Gelesene Bücher 2011: 86




Dienstag, 26. März 2019

Fatima Farheen Mirza / Worauf wir hoffen (1)

Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre   

Mir hat diese Lektüre ausgesprochen gut gefallen. Die Thematik, kulturelle und religiöse Unterschiede einer indischen Familie, die in Amerika lebt, hat mich sehr nachdenklich und auch betroffen gestimmt. Ein wichtiges Buch, das in die westliche und in die islamische Gesellschaft gehört. Die Auseinandersetzung damit hilft, die Welt ein bisschen besser zu machen für Menschen, die offen und bereit sind, aus ihrem Tellerrand zu schauen.

Ich möchte nicht zu viel verraten, aber ich muss Zitate einfügen, weil sie so treffend die Problematik unterstreichen. Wen das stört, die oder der möchte bitte mit dem Cursor diese Textstellen runterscrollen.

Am Ende werde ich einen kleinen Diskurs über diese Thematik halten.

Hier geht es zum Klappentext, zum Autor*inporträt, zu meinen ersten Leseeindrücken und zu den Buchdaten.


Die Handlung
Obwohl die Thematik facettenreich beschrieben ist, ist die Handlung schnell erzählt.

Der Familienvater Rafik Jaan wanderte von Indien nach Amerika aus, da er auch schon sehr früh in seiner Jugend seine Eltern verloren hatte. Seine spätere Ehe mit Leila wurde von Indien aus arrangiert. Leila lebte noch in Indien, und folgte dem Wunsch ihrer Eltern, Rafik nachzureisen, um dort mit ihm einen Lebensbund einzugehen. Aus dieser Ehe gehen drei Kinder hervor …

Das älteste Kind, ein Mädchen, ist Hadia, ein Jahr später folgt die Schwester Huda und nach weiteren drei Jahren kommt endlich der langersehnte Sohn namens Amar auf die Welt. Alle drei Kinder wachsen kulturell und religiös streng traditionell auf. Mit neun Jahren ist die Kindheit der Mädchen abgeschlossen. Sie dürfen zwar frei entscheiden, ob sie ihre Haare bedecken, aber sie stehen unter einem ganz strengen mütterlichen Einfluss, dass sie gar nicht anders können, als ihre Haare unter eine Haube zu legen ... 
Hadia hat es besonders schwer, denn sie wird als die ältere Schwester mit zur Verantwortung herangezogen, wenn vor allem der Bruder Amar Sorgen macht.

Denn Amar ist das Sorgenkind, das schwarze Schaf in der Familie. Schon früh lehnt er sich gegen die Konventionen der Eltern und der islamischen Gemeinde auf. Er weigert sich, Muslim zu werden. Er fühlt sich eher der amerikanischen Kultur zugehörig. Da die Kinder in Amerika geboren wurden, haben sie alle drei die amerikanische Staatsbürgerschaft …

Die beiden Schwestern sind eher dazu geneigt, sich den Erwartungen der Eltern anzupassen. Sie haben keine Schulprobleme, sie halten die muslimische Kleiderordnung ein, und versuchen für sich einen Weg zu finden, der auch mit dem amerikanischen Kulturverständnis konform geht, was ganz schwer ist, da die Eltern nicht einmal amerikanische Freunde im Haus dulden. Auch amerikanisch darf innerhalb der vier Wände nicht gesprochen werden, sie sprechen zu Hause nur Urdu. Leila hat den Anspruch, die Kinder, vor allem die Mädchen, immer im Auge zu behalten, um sie besser formen und lenken zu können. Da auch ihr Leben, ihre Ehe mit Rafik, von ihren Eltern arrangiert wurde, verlangt sie nun dasselbe auch von ihren Mädchen. Sie beeinflusst das Gewissen der Kinder z. B. in der Form, dass jede Sünde im Herzen einen schwarzen Fleck hinterlassen würde. Mehrere Sünden würden das Herz vollkommen schwärzen. Doch was der Mensch als Sünde begreift, kann weltweit unterschiedlich ausgelegt werden.
Ein Fleck, der nicht mehr weggeht. So fett und schwarz, dass das Herz nicht mehr imstande ist, Gut und Böse zu unterscheiden. (2019, 237)

Hadia, die überzeugte Kopftuchträgerin, wünscht sich dennoch hin und wieder mal eine ganz normale Jugendliche zu sein, um auf Partys gehen zu dürfen, um sich mit Gleichaltrigen Jungen und Mädchen auszutauschen. Sie hegt den Wunsch, sich die Haare blau zu färben, wie es ihre beste Freundin Danielle macht. Huda dagegen kann es kaum abwarten, endlich neun Jahre alt zu werden, damit sie ihren Kopf verkleiden kann …

Die Auseinandersetzung mit beiden Kulturen ist bei allen drei Kindern unterschiedlich, doch alle drei stellen sich dieselbe Frage, wieweit sie eigene Wege ausprobieren dürfen, um von den Eltern noch geliebt und nicht verstoßen zu werden …
Hadia kennt ihren Vater. Seinen Stolz, seine Werte, sein striktes Befolgen der religiösen Vorschriften. All dies ist ihm wichtiger als die Liebe zu seinen Kindern. Hadia hat immer gespürt, dass die Liebe ihrer Eltern an Bedingungen geknüpft ist. Für Amar ist das eine Herausforderung, er möchte herausfinden, wie weit er gehen kann, bis sie ihn aufgeben. (230)

Amar kommt mit dem Vater nicht zurecht, da er hohe Maßstäbe setzt, die er nicht erfüllen kann. In der Schule hat er Probleme mit dem Lernstoff, ganz anders die Schwestern, die Musterschülerinnen sind. In der Pubertät weigert er sich, Muslim zu werden, schreit es dem Vater regelrecht ins Gesicht, dass er kein Muslim sei. Amar zweifelt die Religion seiner Eltern vehement an …

Der Junge hat sich allerdings in das Mädchen Amira Ali aus der islamischen Gemeinde verliebt. Sie kennen sich von Kindesbeinen an ...

Amar wird mit den Problemen zu Hause nicht fertig, greift zu Drogen und zu Alkohol. Die ständige Konfrontation mit seinem Vater zermürbt ihn. Auch die islamische Gemeinde lehnt ihn ab. Es folgt ein Zitat, das richtig gut dazu passt.
Nimm dich in Acht mit Schuldzuweisungen. (…) Denk immer daran, dass jedes Mal, wenn du mit dem Finger auf jemand anderen zeigst, drei Finger auf dich selbst zurückweisen.

Probleme hat Amar auch mit der amerikanischen Gesellschaft, die ihn nicht als amerikanischen Staatsbürger aufgrund seines Namens anerkennt. Durch den terroristischen Anschlag vom 11. September 2001 auf das World Trade Center geraten alle Menschen unter einem Generalverdacht, die irgendetwas mit dem Arabischen zu tun haben.

Amar gerät in der Schule in eine Prügelei mit rassistischem Hintergrund. Seine Schulkameraden bezichtigen seinen Vater als Terrorist, weil er Muslim ist und einen Bart trägt. Und auch vor den Anschlägen hatte es Amar schwer, als Amerikaner anerkannt zu werden. Ständig wird er auf die Herkunft seiner Eltern reduziert.
Seit Kurzem hat Amar das Gefühl, in eine fremde Welt hineingeboren zu sein. Welche Rolle spielt es schon, dass seine Geburtsurkunde aus einem Krankenhaus in dieser Stadt stammt und dass das einzige Haus, in dem er je gelebt hat, hier steht. Wo kommst du denn her?, lautet die freundliche Version einer oft gestellten Frage. Als könnte er gar nicht von hier stammen. Als habe er etwas missverstanden, nicht die anderen. Er hat den Versuch aufgegeben, es zu erklären. Indien, murmelt er dann als Antwort. Obwohl er insgesamt höchstens zwei Wochen dort gelebt hat und seine Eltern inzwischen hier ihr halbes Leben verbracht haben. Manchmal stellt diese Antwort die Fragenden zufrieden, manchmal wirken sie verwirrt und haken nach: Aber haben Menschen aus Indien nicht dunklere Haut? (179)

Später, nach mehreren Jahren, setzt sich Rafik, der mittlerweile Großvater zweier Enkel geworden ist, mit sich und seinem Sohn mental auseinander und erkennt seine Fehler, die er bereut. Gedanklich spricht er mit Amar:
Weißt du - darum geht´s doch-, kein Mensch ist nur gut. Jeder versucht, gut zu sein. Und jeder hat manchmal das Gefühl, dass er nicht gut ist, und sogar bei dem Versuch scheitert, gut zu sein. (352)

Warum Rafik nicht persönlich mit dem Sohn spricht, um mit ihm diese Dinge zu klären, möchte ich nicht verraten. Daher sind weitere Details dem Buch zu entnehmen.

Welche Szene hat mir gar nicht gefallen?
Der Grundschüler Amar wünscht sich von den Eltern dieselben roten Schuhe, wie sein Schulfreund sie hat. Die roten Schuhe stehen für ein kindliches amerikanisches Statussymbol. Amar möchte dazu gehören. Der Vater lehnt die Schuhe ab. Das Kind kann sich damit nicht abfinden, und schreibt seinem Daddy eine Petition. Dieser macht daraufhin mit dem Sohn einen Deal. Er bekommt die Schuhe, wenn er im nächsten Diktat null Fehler hat. Der Junge geht auf den Deal ein und paukt die Rechtschreibung. Seine Schwester hilft ihm, gibt ihm Tipps … Er kommt tatsächlich mit der Höchstnote nach Hause, und weil er den Test nicht ehrlich bestanden hat, wie sich dies erst später herausstellt, bekommt er die roten Schuhe nicht. Das fand ich ganz furchtbar für das Kind, denn wieder fühlt es sich als Versager, niemals schafft er es, die hohe Messlatte seines Vaters zu erreichen.

Welche Szene hat mir besonders gut gefallen?
Rafiks Selbstreflexion vor allem seinem Sohn gegenüber auf den letzten Seiten. Und seine Weisheit hat mir gefallen. Eine Wiedergutmachung mithilfe seiner Enkelkinder, die er abgöttisch zu lieben gelernt hat.
Ich habe ihnen gegenüber keine andere Pflicht, als sie zu lieben, und werde deshalb auch von ihnen vorbehaltlos wieder geliebt. 382

Welche Figur war für mich ein Sympathieträger?
Alle drei Kinder. Und die Krankenschwester der Schule.

Welche Figur war mir antipathisch?
Keine. Jeder Erwachsene war irgendwie in seiner Welt gefangen.

Meine Identifikationsfigur
Amar.

Cover und Buchtitel
Finde ich farblich sehr ansprechend. Über den Buchtitel muss ich noch weiter nachdenken.

Zum Schreibkonzept
Das Buch ist auf 478 Seiten in vier Teilen gegliedert. Und in jedem Teil wird die Anzahl der Kapitel neu nummeriert. Der Schreibstil ist flüssig, aber nicht chronologisch aufgebaut. Es finden jede Menge retro- und prospektivische Zeitsprünge statt. Man kann sich die Details zwar gut behalten, aber am Ende habe ich gemerkt, dass ich nicht mehr wusste, welche Szenen wann zugeordnet waren.
Der dritte Teil hat sich stark gezogen. Vieles wiederholt sich, wo ich nah dran war, Seiten zu überspringen. Man hätte hier den Stoff ein wenig raffen können.
Doch am Ende, als Rafik sein und das Lebens seines Sohnes reflektiert, wird man erneut daran erinnert, wann gewisse Szenen aufgetaucht sind, und so war ich durch diesen Part wieder ausgesöhnt. Leider hat am Ende ein Glossar gefellt, in dem die fremden Begriffe hätten näher erläutert werden können. Dafür viele Seiten zur Danksagung. 

Meine Meinung / Ein kleiner Diskurs
Ich konnte mich gut in Amar hineinversetzen. Auch hier in Deutschland gibt es viele Kinder, die mit mehreren Sprachen und Kulturen aber nicht in dem Land ihrer Eltern aufwachsen oder aufgewachsen sind. Auch sie werden trotz der deutschen Staatsbürgerschaft immer wieder als die nationalen Stellvertreter ihrer Eltern betrachtet und auf deren kulturellen Herkunft reduziert, statt dass man sie wertschätzt mit ihrem Wissen, das sie mitbringen, das ein Kind aus einer Monokultur nicht besitzt. Mittlerweile wächst hier die vierte Migrantengeneration auf, und es hat sich in der Aufnahmegesellschaft vom Bewusstsein her nur sehr wenig verändert. Menschen mit dunkler Hautfarbe und/oder mit einem ausländischen Namen haben es besonders schwer, hier als vollwertige Deutsche anerkannt zu werden. Viele Deutsche sind der Meinung, dass Integration schwierig sei. Meine Frage: Was genau ist daran schwierig? Und wer sind die Schwierigen? Viele sind integriert und werden trotzdem in die Ausländerschublade gesteckt, mit allen Klischees und Vorurteilen beladen. Andere sind sogar assimiliert, und auch das reicht nicht, um zu den Deutschen zu gehören ... Soll tatsächlich das Blut die Zugehörigkeit eines Landes bestimmen, wo es weltweit nur vier Blutgruppen gibt?

Vielleicht wäre es hilfreich, die Fehler nicht immer im Anderen zu suchen und anzufangen, das eigene Weltbild zu hinterfragen, warum man denn Probleme hat, diese Kinder als vollwertige Deutsche anzuerkennen?

Ich bin dankbar für dieses Buch, das exakt die Missstände nicht nur bei dem vertrauten ewigen Fremden sucht, sondern in der Lage ist, diese auch bei der Aufnahmegesellschaft zu finden. Letztendlich sind die meisten Kinder, die hier aufwachsen, nicht integriert, sondern in diese Kultur hineingewachsen, wie dies auch bei deutschen Kindern der Fall ist. Man sagt ja auch nicht, dass deutsche Kinder in Deutschland integriert sind. 

Massive, psychische Probleme entstehen nämlich auch, wenn Menschen besonders in den Medien erfolgreich aus einer Gesellschaft ausgeschlossen werden, obwohl sie das Recht hätten, sich als zugehörige deutsche Menschen zu bezeichnen. Und viele Deutsche lassen sich stark von den Medien leiten und beeiflussen.

Und Kinder, die nicht dazugehören dürfen, flüchten häufig in die Herkunftsidentität der Eltern. Andere stehen drüber, und verteidigen ihre sog. deutsche Identität. 

Und diese Wurzeltheorie macht Hiergeborene, ganz gleich, aus welcher Generation sie kommen, zu ewigen Ausländern. 

Bei anderen, von draußen kommenden Menschen, die später nach Deutschland eingewandert sind, werden hier einem Integrationsprozess ausgesetzt, der leider noch zu sehr einseitig verläuft, der aber beidseitig, zwischen dem Deutschen und dem Migranten, sich abspielen sollte, denn Integration ist immer ein beidseitiger Prozess, wenn er gelingen soll. Aber das ist leider noch nicht in das Bewusstsein vieler Menschen, die deutsche Eltern haben, ganz gleich, aus welchem Bildungsniveau sie kommen, eingedrungen. Hierbei muss noch viel nachgearbeitet und nachgeholt werden. Die deutschen Medien machen über diese Menschen hauptsächlich negative Schlagzeilen, sprechen immer über Ausländer, die kriminell geworden sind, oder von denen, die nicht integriert sind und sie diese als die Integrationsversager bezeichnen. Von anderen, die sich hier zu Hause fühlen, sprechen sie nicht, weil sie nicht zu den Deutschen zählen dürfen.

Ein Prozess zum Verständnis der Integration wäre für mich, nicht über die Migranten zu sprechen, sondern mit ihnen. Nur so kann man erfahren, wie differenziert die Lebensweise dieser Menschen ist. Zu erleben, was sie innerlich fühlen und was sie denken, was sie können und was sie durch den Umgang mit mehreren Sprachen und Kulturen an Ressourcen mitbringen, wäre mal spannend als Außenstehende daran teilhaben zu können …

Mein Ideal wäre, nationale Identitäten abzuschaffen und die Identität als Mensch einzuführen. Das klingt utopisch, aber das geeinte Europa war ein Ideal, von dem der verehrte Friedrich Schiller einmal geträumt hat. Und heute leben wir in einem geeinten Europa, auch wenn wir alle im Prozess stecken, mit den vorhandenen politischen Problemen EU-weit fertig zu werden.

Der Mensch ist das, was er innerlich fühlt und denkt, und nicht das, was der Mensch zu fühlen und zu denken hat.

Mein Fazit
Eine sehr differenzierte, lesenswerte fiktive Familienbiografie, die Mut macht und die ich jedem Menschen ans Herz legen möchte, der bereit ist, sein eigenes Welt- und Menschenbild zu hinterfragen, und der aufhören möchte, integrative Fehler immer im Anderen zu suchen.

Meine Bewertung
2 Punkte: Sprachlicher Ausdruck (Anspruchsvoll, keine saloppe Schreibweise)
2 Punkte: Differenzierte Charaktere
2 Punkte: Authentizität der Geschichte
2 Punkte: Fantasievoll, ohne dass es kitschig oder zu sentimental wirkt
2 Punkte: Frei von Stereotypen, Vorurteilen, Klischees und Rassismus
2 Punkte: Cover und Titel stimmen mit dem Inhalt überein
Zwölf von zwölf Punkten.
  
Weitere Information zu dem Buch

Hier geht es zur Leserunde von Whatchareadin.

Auch meine Freundin Monerl hat das Buch gelesen, das sie tief berührt hat. Wir hatten uns am letzten Montag im Cafė Extrablatt getroffen und uns rege über diese Lektüre ausgetauscht.

 Hier geht es zu ihrer Buchbesprechung, die auch interessant zu lesen ist. 

Vielen Dank an den dtv Verlag für das Bereitstellen des Leseexemplars.

Vielen Dank auch an die Moderator*Innen von Whatchareadin für ihr Engagement mit den Verlagen.

________________
Ich spreche zwei Sprachen.
In die eine flüchte ich,
wenn die andere unmenschlich wird.
(Autor unbekannt)

Gelesene Bücher 2019: 13
Gelesene Bücher 2018: 60
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Gelesene Bücher 2011: 86




Montag, 12. Februar 2018

Lilli Beck / Glück und Glas (1)

Glück und Glas: Roman
Wie schön, jeden Sonntagabend beende ich ein Buch.

Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre
                                           
Die Autorin hat mich mit ihrem Buch erfreut. Wie war das noch mal mit dem trivialen Titel?, siehe Buchvorstellung aus dem letzten Posting. Mir gefällt der Titel zwar noch immer nicht, aber aus dem Kontext erschließt sich, weshalb die Autorin diese Bezeichnung gewählt hat. Sicherlich hätte man dasselbe mit einem anderen Titel ausdrücken können, denn gleich zu Beginn der Lektüre wusste ich auch ohne den Kontext, was Lilly Beck damit sagen wollte. Aber ich beuge mich dem Willen der Autorin dadurch, weil alles andere richtig stimmig war. Allerdings waren recht viele Schreibfehler zu finden. Auf einer Buchseite waren es gleich drei, auf anderen Seiten 1 bis 2 Schreibfehler. Diese sind aber dem professionellen Lektorat des Verlages anzulasten und man sich die Frage als Leserin stellt, ob die Manuskripte eher quer gelesen werden?

Wer von dem Inhalt nur wenig erfahren möchte, diejenigen können diese Passagen Worum geht es in diesem Buch? überspringen.

Zum Schreibkonzept
Ich fand die Struktur, die die Autorin gewählt hat, genial. Das Buch beinhaltet 58 Kapitel. Auf den ersten Seiten ist ein kleiner Vorspann abgedruckt, in dem man historisch in das Jahr 1969 versetzt wird. Die beiden Protagonistinnen Moon und Lore waren zu dieser Zeit erwachsene junge Frauen. 

Das erste Kapitel führt uns in die Gegenwart, 7. Mai 2015, zum 70. Geburtstag der beiden Frauen. Moon bereitet den Geburtstag vor, den sie zusammen mit Lore feiern wird.

Im zweiten Kapitel wird man wieder in die Geschichte geführt, 7. Mai 1945. Beide Mädchen werden geboren, als der Krieg in Deutschland am 8. Mai mit der Kapitulation zu Ende geht.

Drei Jahre später, 1948, drittes Kapitel.

Im vierten Kapitel befindet man sich erneut in der Gegenwart, Fortsetzung der Erzählung aus dem zweiten Kapitel ...

Und so setzt sich der Erzählstoff bis zum Ende fort und am Schluss wird das Ganze richtig rund. Der Roman endet, wo er mit dem ersten Kapitel angefangen hat. Diese Erzählstruktur fand ich wunderschön.

Der Inhalt / Worum geht es in diesem Buch?
Die Handlung spielt in München. Der Roman behandelt nicht nur die Nachkriegszeit, sondern alle historischen Epochen bis in die Zeit der Gegenwart.
  •        Das Wirtschaftswunder bis Ende der 1970er Jahre
  •       1961 Bau der Berliner Mauer
  •       1968 Jugendrevolte der 68er-Bewegung
  •       1970er Jahre Terroristische Anschläge
  •       1980er Jahre aus dem Wirtschaftswunder wird ein Wirtschaftsabfall, dadurch
  •        hohe  Arbeitslosigkeit
  •       1989 Fall der Berliner Mauer
  •       1990erJahre Beginn des digitalen Zeitalters
     Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden viele Menschen obdachlos, da deren Häuser verschüttet lagen. Die Regierung konnte sich nicht um alle Menschen kümmern, und so waren viele auf sich allein gestellt. Elsa Neubauer ist hochschwanger und sie wusste nicht wohin, als sie sich selbst in eine Klinik in München einweist und dort ihr Mädchen Marion zur Welt bringt.

In der Klinik lernt sie schicksalshaft Hilde Lemberg kennen, die am selben Tag auch ein Mädchen geboren hat, die den Namen Hannelore erhält. Elsa ist mit dem Kind alleine, da der Mann sich im Krieg befindet. Sie schildert Hilde ihr Unglück, als Hilde darauf mehr als empathisch reagiert. Sie bietet Elsa an, mit dem Säugling bei ihr einzuziehen, da sie ein Haus besitzt und genügend Räume zur Verfügung stehen hat. Hilde lebt in einer Villa zusammen mit ihrem Mann und ihren Eltern. Damit sich Elsa nicht wegen ihrer Not genieren muss, durfte sie als Gegenleistung für die Familie kochen, nähen und Hausarbeiten verrichten ...

Und so wachsen die beiden Mädchen, Kurznamen Moon und Lore, zusammen auf.

Moon ist rothaarig, Lore schwarzhaarig. Warum ich dies erwähne, weil die Haarfarbe von Moon eine große Rolle in ihrem weiteren Leben spielen wird. Wegen der roten Haare wird sie vom Vater abgelehnt, in der Schule von den MitschülerInnen und den LehrerInnen diskriminiert, und im Beruf später eher präferiert … In der Modelbranche und in der Tanzbar wirken rote Haare auf Männer sexuell anziehend …

Außer dem Geburtsdatum haben die beiden Mädchen erst mal nichts gemeinsam. Sie trennen die wirtschaftliche, die soziale und die gesellschaftliche Herkunft. Während die Neubauer mittellos sind, sind die Lembergs vermögend. Vater Lemberg betreibt erfolgreich eine Schuhfabrik. Während Lore in Liebe und in Geborgenheit aufwächst, wächst Moon eher in einer kalten Familie auf, wobei Moons Mutter ihr positiv zugewandt ist. Auch in der Schule machen sich die Unterschiede breit. Lore wird von den LehrerInnen ganz anders gefördert, während Moon sich in der Schule als ein Arbeiterkind durchbeißen muss. Lore schafft es ins Gymnasium, Moon geht auf die Volksschule, die sie später mit einem schlechten Abschluss verlassen wird, auch, weil Moons Vater eine Klassenwiederholung ablehnt. Er bezeichnet seine Tochter als faul und ist nicht willig, das ungerechte System in der Schule zu durchschauen …  

Die gravierenden Nöte in Deutschland waren bis zum Ende der 50er Jahren noch lange nicht überwunden … Überteuerte Lebensmittel, es gab noch immer nicht genug Wohnraum, und auch die Heizmittel waren knapp. Moon litt gewaltig unter diesen Nöten, sodass sie den Wunsch äußerte, wenn sie erwachsen sei, wolle sie schnellstmöglich reich werden, um nie wieder einen Mangel dieser Art erleiden zu müssen …

Zwischen Moon und Lore hat sich eine geschwisterähnliche Freundschaft entwickelt, die auch dann noch Bestand hatte, als ihre Wege sich trennten. Moon träumte von Paris und wollte unbedingt Näherin und damit verbunden Modedesignerin werden. Lore entwickelte so etwas wie Gerichtigkeitsempfinden und wollte nach der Schule unbedingt Jura studieren.

Auf einer politischen Veranstaltung lernt Lore 1968 einen Mann kennen, der im höheren Semester Jura studiert. Dieser Mann, Robert, aus gutem Hause, beeinflusst bewusst oder unbewusst nicht nur Lores Leben. Er tritt auch in Moons Leben ein. Robert, ein Macho, der es gewohnt ist, zu bekommen, was er möchte. Zudem mag er keine karrierebewussten Frauen …

Wie sich diese Wege der beiden jungen Mädchen weiter entwickeln werden, ob sie ihre Ziele erreicht haben, ihre Träume verwirklichen konnten, und wie sie beide in die Jahre kommen, diese Details sind dem Buch zu entnehmen. Es wird auf jeden Fall sehr spannend.  Längst habe ich nicht alle Themen hier in meiner Besprechung aufgeführt.

Abschließende Meinung
Mich haben der Klappentext und das Buchcover angesprochen, sodass ich mich von dem Buchtitel nicht so sehr habe beeinflussen lassen. 
Ein wunderschöner Roman über eine tiefe Freundschaft und über den Zusammenhalt in einer schweren Zeit. Aber nicht alles geht glatt auf. Man bekommt es noch mit vielen Ungereimtheiten zu tun, wie es nun mal auch im wahren Leben so ist. 

Es gab keine einzige Buchseite, die mich gelangweilt hätte. Die Befürchtung, es könnte ein schnulziger Roman werden, hat sich glücklicherweise nicht bestätigt. Ich fand den Stoff anspruchsvoll.

Und erst am Schluss zeichnen sich zwischen diesen beiden Frauen Gemeinsamkeiten ab. Anfangs hatte man den Eindruck, dass Lore es aufgrund ihrer Herkunft einfacher im Leben hat. Aber auch Lore musste stark für ihr Leben einstehen, und vieles als Frau hinnehmen, um den Erwartungen des Lebenspartners gerecht zu werden. Beide zahlten mit ihrem Leben, für das sie sich entschieden haben, ihren Preis. Am Ende findet zwischen den beiden Frauen eine Aussprache statt, die auch ich als Leserin sehr genossen habe.

Zum Buchcover
Schade, dass auf dem Cover die Unterschiede der beiden Mädchen nicht sichtbar gemacht worden sind. Rote Haare und schwarze Haare passen wohl nicht in die Vorstellung des künstlerischen Betrachters. Denn dort wirken sie eher als hätten beide Mädchen mittelblonde Haare. 

Mein Fazit?
Supergut recherchiert, sehr gut und authentisch geschrieben. Ein Buch, das von Seite zu Seite immer neugieriger stimmt. Dadurch, dass die Autorin teilweise Autobiografisches hat mit einfließen lassen, spürt man deutlich, dass sie manche Episoden aus ihrer eigenen Erfahrung kennt.

Ein Buch, in dem so viel Weisheit steckt.

Meine Bewertung?
2 Punkte: Sprachlicher Ausdruck (Anspruchsvoll, keine saloppe Schreibweise)
2 Punkte: Differenzierte Charaktere
2 Punkte: Authentizität der Geschichte
2 Punkte: Fantasievoll, ohne dass es kitschig oder zu sentimental wirkt
2 Punkte: Frei von Stereotypen, Vorurteilen, Klischees und Rassismus
2 Punkte: Cover und Titel stimmen mit dem Inhalt fast überein

12 von 12 Punkten

Weitere Informationen zu dem Buch

Ich möchte mich recht herzlich beim Verlag Blanvalet für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar bedanken. 

·         Taschenbuch: 512 Seiten
·         Verlag: Blanvalet Taschenbuch Verlag (18. September 2017)
·         Sprache: Deutsch
·         ISBN-10: 373410470X

Und hier geht es auf die Verlagsseite von Blanvalet.
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Wenn du nichts Gutes über einen Menschen sagen kannst, sag gar nichts.
(Lilli Beck)

Gelesene Bücher 2018: 07
Gelesene Bücher 2016: 72
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Gelesene Bücher 2014: 88
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Gelesene Bücher 2012: 94
Gelesene Bücher 2011: 86