Montag, 23. Dezember 2013

Metin Arditi / Tochter des Meeres (1)

 Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre

Ob mir das Buch gefallen hat, kann ich für mich noch gar nicht beantworten. Stehe dem eher mit gemischten Gefühlen gegenüber. Obwohl mir an einer Textstelle die Tränen flossen einerseits und andererseits lehnte meine Vernunft diejenige Textstelle ab... .
Nervend fand ich die vielen Todesfälle, zwei Mal sogar in doppelter Form... .

Es geht wieder einmal um ein griechisches Fischerdorf, das mit der Türkei den Krieg geführt hatte. In dem Dorf war es üblich, dass Geschwisterpaare den Bund der Ehe eingingen, weil es nicht mehr genug attraktive Frauen oder Männer gab... . Der Krieg verschluckte auch hier viele weibliche und männliche Opfer... .

Ein Inzucht treibendes Fischervolk Griechenlands, aus denen Kinder entstehen. Dadurch aber, dass die Kirche Inzucht als schwere Sünde begreift, sind es wieder mal die Frauen, die eine schwere Last auf ihren Schultern tragen, die sie ungewollt an ihre Kinder weitergeben.


Zur Erinnerung noch einmal der Klappentext:
Es ist Sommer 1957 auf Spetses, ein Sommer, dem die junge Näherin Pavlina lange entgegengefiebert hat. Mit ihrem Cousin fährt sie Touristen auf einem Boot zu den schönsten Stränden der kleinen griechischen Insel. Auf dem Meer zu sein ist Pavlinas größtes Glück, vor allem in Begleitung ihres angehimmelten Cousins. Umso schwerer wiegt die Enttäuschung, als sie feststellt, dass er ihre Gefühle nicht erwidert. Als es trotzdem zu einer Liebesnacht kommt, nimmt das Verhängnis seinen Lauf: Pavlina verliert zwei Menschen, an denen ihr Herz hängt.
Pavlina ist die Protagonistin dieses Romans. Als junges Mädchen von siebzehn Jahren verliebt sie sich in ihren Cousin ersten Grades. Dieser Cousin aber ist homosexuell und ist dadurch für Pavlinas Liebe nicht empfänglich. Er empfindet ihr Gegenüber eine andere Form von Liebe. Eine Zuneigung in der Art von Bruderliebe.

Pavlina wird von ihrem Vater abgöttisch geliebt. Er nimmt sie frühzeitig mit raus aufs Meer, sodass Pavlina, obwohl sie ein Mädchen ist, alles dort an Kunststücken erlernt und beherrscht, die auch Männer können. Pavlina wird immer größer, und dem Vater fällt auf, dass das Kind mehr Ähnlichkeit zu seinem Bruder als zu ihm hat. Indem er schließlich seine Frau zur Rede stellt, erfährt er schließlich, dass Pavlina nicht seine Tochter ist, sondern die seines Bruders. Das verkraftet der Vater nicht, und begeht Selbstmord, treibt aber gleichzeitig auch seinen Bruder mit in den Tod. Pavlina weiß nichts davon, dass der Vater nur der Aufziehvater ist. Erst in den späteren Jahren erfährt sie vom Pfarrer, dass sie das Kind ihres Onkels ist.

Pavlina kann von ihrem Cousin Aris nicht loslassen, schafft es, dass er sich doch mit ihr sexuell einlässt, um sie nicht zu verletzen. Kurze Zeit darauf stirbt auch Aris und Pavlina wird von ihm schwanger. Pavlina darf das Kind nicht behalten, da sie und ihre Mutter zu arm sind, für das Kind zu sorgen. Der Pfarrer hilft Pavlinas Mutter, eine Lösung zu finden. Gegen Pavlinas Willen wird das Kind nach der Geburt zur Adoption frei gegeben. Gleich nach der Geburt nimmt man ihr das Kind fort.
Pavlina begibt sich siebzehn Jahre lang auf die Suche nach ihrer Tochter. In der Schweiz macht sie Bekanntschaft mit einem Mädchen, das am selben Tag und im selben Jahr Geburtstag hat wie ihr Kind. Auch körperlich findet sie Ähnlichkeiten zu ihrer Tochter... . Sie ist sich sicher, ihre Tochter gefunden zu haben... .

Als Pavlinas Mutter stirbt, wird sie vom Pfarrer, der ihre Adresse hatte, angeschrieben und bittet auch um eine wichtige Unterredung. In der Unterredung mit dem Pfarrer erfährt Pavlina vier Geheimnisse. Ein Geheimnis war, dass Aris nicht ihr Cousin war, sondern ihr Bruder, da die Mutter mit dem Onkel verkehrt hatte. Pavlinas Tochter wäre demnach auch das Kind ihres Bruders gewesen.

Ein wenig verzwickt das Ganze.

Aber am Ende findet der Pfarrer doch ein wenig Weisheit, mit der er auf die Menschenwürde und auf die Barmherzigkeit hinweist, so wie auf die Liebe zum Menschen... . Im Folgenden ein Zitat:
Was die Würde eines Menschen ausmacht, (…) ist die Fähigkeit, mit seinen Sünden zu leben. Ihnen aufrecht zu begegnen.  (…). Der Herr verurteilt uns nicht für unsere Fehler, sondern für mangelnde Barmherzigkeit. Es gibt Sünden, aus denen ein wunderbares Strahlen der Liebe erwächst. (…) Die Barmherzigkeit ist nicht nur das Werk Gottes. Jeder muss sie in sich suchen und darf um ihretwillen den Nächsten nicht verurteilen. Muss versuchen, ihn zu verstehen. In seinem Herzen suchen. Das in den Falten seiner Sünden verborgene Strahlen der Liebe finden. Und ihn schließlich lieben. Ihn trotz allem lieben. Ihn von ganzem Herzen lieben, wie er sich wünscht, dass man ihn liebte, auch wenn er mit Schande bedeckt wäre. (237)
Fand ich sehr schön gesprochen, auch wenn ich mich ein wenig an dem Begriff Sünde störe, aber zu der damaligen Zeit zählte dieser Begriff zu dem Vokabular eines Priesters.

Es gibt dem nichts mehr hinzuzufügen. Finde in dem Zitat alle meine Gedanken zu dem Schicksal der Romanfiguren wieder.

Deshalb beende ich nun mit diesem Zitat  meine Buchbesprechung und hoffe, ich konnte ein wenig auf das Buch neugierig machen.

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Man muss dem Schicksal Zeit geben, sein letztes Wort zu sagen
(Metin Arditi)

Gelesene Bücher 2013: 79
Gelesene Bücher 2012: 94
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Sonntag, 22. Dezember 2013

Metin Arditi / Tochter des Meeres

Klappentext

Es ist Sommer 1957 auf Spetses, ein Sommer, dem die junge Näherin Pavlina lange entgegengefiebert hat. Mit ihrem Cousin fährt sie Touristen auf einem Boot zu den schönsten Stränden der kleinen griechischen Insel. Auf dem Meer zu sein ist Pavlinas größtes Glück, vor allem in Begleitung ihres angehimmelten Cousins. Umso schwerer wiegt die Enttäuschung, als sie feststellt, dass er ihre Gefühle nicht erwidert. Als es trotzdem zu einer Liebesnacht kommt, nimmt das Verhängnis seinen Lauf: Pavlina verliert zwei Menschen, an denen ihr Herz hängt.Ein Roman, der von tragischer Liebe und von Sehnsucht erzählt und dabei voller Lebensfreude ist, erfüllt von der Sonne und den Farben Griechenlands.




Autorenporträt
Metin Arditi wurde 1945 in Ankara geboren und lebt seit seiner Kindheit in Genf. Er studierte Physik und Wirtschaftswissenschaften und ist heute als Immobilienmakler, Präsident des Orchestre Suisse Romande und als Begründer einer Stiftung für Hochschulabsolventen tätig. Tochter des Meeres ist sein fünfter Roman, der in Frankreich mit dem Prix Version Femina ausgezeichnet wurde, zum Bestseller avancierte und von Luc Besson verfilmt werden wird. Die Übersetzerin Claudia Steinitz studierte Französisch und Italienisch. Sie ist seit fünfzehn Jahren als Literaturübersetzerin tätig und übertrug u. a. Gabriele D'Annunzio, Alice Ferney, Jean-Christophe Rufin, Véronique Olmi, Gilles Rozier, Bertina Henrichs und Isabelle Condou ins Deutsche.http://de.wikipedia.org/wiki/Metin_Arditi

Der Autor ist mir schier unbekannt. Entdeckt habe ich das Buch beim Restseller Jokers und war stark reduziert. Das Buch gibt es derzeit auch als Taschenbuch.

Samstag, 21. Dezember 2013

Jeffrey Eugenides / MIddlesex (1)

Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre

Das Buch hat mir sehr gut gefallen. Es ist so geschrieben, als habe der Autor das alles selbst erlebt ... .
Ein wenig hat er mich von der Thematik her zu den außergewöhnlichen geschlechtlichen Identitäten an John Irving erinnert, wobei mir Eugenides authenitischer schreibt. Bei Irving kommt mir vieles gekünstelt und einseitig intellektuell vor, dass ich manchmal davon unangenehme Gänsehaut bekommen habe.

Eugenides lässt seine Figuren auch aus der Seele heraus sprechen und gerade dies hat mir recht gut gefallen, weil es sich für mich einfach glaubwürdig liest.

Ich habe für das Buch lange gebraucht, weil es kein Buch ist, das man so einfach runterlesen kann. Vieles musste erst mal sacken. Und was den literarischen Aspekt betrifft, fand ich ihn gut getroffen, aber auch das Fachlich- Medizinische kommt recht fundiert rüber. Es ist eines der besten Bücher, die ich in diesem Jahr gelesen habe.



Ich hatte mich bisher mit der Thematik Intersexualität noch nicht wirklich befasst.

Unter dem Buchtitel Middlesex hatte ich erst gar keine Vorstellung, was damit gemeint sein könnte. Nach ein paar gelesenen Seiten wagte ich meine ersten Vermutungen, die aber daneben trafen. Ich verrate aber jetzt nicht, was mit dem Titel gemeint ist.

Als ich das Buch das erste Mal begonnen hatte, brach ich es schon nach den ersten Seiten wieder ab, da der Protagonist Cal, das ist der Ich-Erzähler, von seinen Geburten sprach. 1959 kam er erst als Mädchen auf die Welt, 1973 als Junge. Das war mir too much. Habe das Buch dann abgebrochen. Beim zweiten Anlauf hielt ich durch und später wurde dann deutlich, was es mit den zwei Geburten auf sich hatte... .

Damit ich mich nicht wiederhole, gebe ich zur Erinnerung noch einmal den Klappentext rein:
In einem kleinasiatischen Bergdorf fängt alles an. Ein junger Mann und eine junge Frau, Bruder und Schwester, fliehen vor den Türken nach Smyrna und, als die Stadt brennt, nach Amerika. Es ist das Jahr 1922. Auf dem Schiff heiraten sie und lassen sich später in der Autostadt Detroit nieder. Niemand ahnt das Geheimnis dieses Paares, doch nach Jahrzehnten hat der Tabubruch der beiden ungeahnte Folgen.
Der Roman erzählt von einer Familie, die aus drei Generationen besteht. Cal, die / der in seiner Mädchenzeit Calliope Helen Stephanides hieß, verwandelte später den Mädchennamen um in einen männlichen Namen, der Cal gerufen wird. Obwohl er / sie noch gar nicht geboren wurde, erzählte er / sie das Leben seiner Großeltern, Eltern und später sein eigenes Leben.

Der Autor konfrontiert die Leserin mit folgenden Themen.

Historische Ereignisse; der griechisch- türkische Krieg aus dem Jahre 1922. Damit verbunden die Flucht aus dem kleinen griechischen Dorf; die Immigration nach Amerika.
Rassismus in Amerika; verbunden zu nationaler und sozialer Herkunft
und zur geschlechtlichen Identität, androgyner Persönlichkeiten als eine abnorme Form; die Intersexualität, die als das dritte Geschlecht bezeichnet wird.
Die Auseinadersetzung und die Überwindung  oder Nichtüberwindung mit dem Anderssein, beginnend in der ersten Generation, fortlaufend bis zur dritten... .

Jede Menge brisante Themen. Es wird beim Lesen nicht langweilig.

Cals Großeltern schafften es, nach Amerika auszuwandern, allerdings mit falschen Papieren. Süd- und Osteuropäer waren in Amerika nicht willkommen. Sie wurden als die niederen Menschenrassen bezeichnet. Es war schwierig, dort Arbeit zu finden, da die Arbeitsstellen streng nach einem Punktesystem vergeben wurden. Man findet darin schon die erste Form von Diskriminierung.

Die Punkteverteilung auch in der Vergabe von Wohnung / Haus. Auch noch in der zweiten Generation werden persönliche Fragen gestellt und Punkte vergeben. Dadurch, dass es Cals Großeltern finanziell nicht gut geht, sind sie zum erwachsenen Sohn und dessen Frau eingezogen. Ein Nachteil:

Die Maklerin zählt nach der Befragung die Punkte zusammen:
Südliches Mittelmeer. Ein Punkt. Kein gehobener Beruf. Ein Punkt. Religion? Griechisch-orthodoxe Kirche. Das ist doch so etwas wie katholisch, oder? Also auch ein Punkt. Und seine Eltern wohnen bei ihm! Dafür gibts zwei Punkte. Macht-5! Oh, das geht nicht. Das geht überhaupt nicht. Ich muss Ihnen eine Absage erteilen. (357)
Cals Großvater Lefty Stephanides fand als Hilfsarbeiter eine Anstellung in einer Autofabrik. Er wurde verpflichtet, abends einen Sprachkurs zu besuchen. In dem Sprachkurs wurden  den KursteilnehmerInnen gewisse Regeln einverleibt. Eine weitere Form der Diskriminierung:
Arbeiter sollen Zuhause viel Seife und Wasser benutzen. Nichts ist dem richtigen Leben förderlicher als Sauberkeit. Nicht auf den Fußboden der Heimstatt spucken. Keine Fliegen ins Haus lassen. Die Fortgeschrittensten sind die Saubersten. (142)
Die Arbeiter werden zu Hause von zwei Herren im Anzug aus der Fabrik besucht, die sich als Hygieneunterweiser bezeichnen. Sie inspizieren die Lebensweise ihrer Arbeiter und deren Familien. Stephanides müssen verschiedene Fragen beantworten, ob sie sich zum Beispiel die Zähne putzen, und wenn ja wie und mit welchem Gegenstand. Sie wurden über die richtige Nutzung einer Zahnbürste unterwiesen.

Lefty versucht sich zu wehren:
"Wir sind zivilisierte Menschen."
"Verstehe ich das richtig, dass Sie sich der Hygieneunterweisung widersetzen?"
"Hören Sie, die Griechen haben den Parthenon gebaut und die Ägypter die Pyramiden, da haben die Angelsachsen noch Tierfelle getragen."
Nicht nur das. Mir fällt dazu die griechische Mythologie ein und die vielen griechischen Philosophen aus dem Abendland, die unsere literarische Landschaft stark geprägt und bereichert haben. Welch eine Arroganz diese AmerikanerInnen. Schade. Egal welches Buch ich über sie lese, immer wieder werde ich mit deren Überheblichkeit konfrontiert.

Selbst die Essgewohnheit der AusländerInnen wurden mit Argwohn betrachtet. Olivenöl, Knoblauch, eigentlich alles gesundes Gemüse verglichen zu dem ungesunden und fettem Zeug, das die AmerikanerInnen zu sich nehmen. Doch diese Produkte wurden als minderwertig und ungesund bezeichnet. Es gibt auch heute noch Leute, die sich abfällig zu Knoblauch verhalten. Nicht nur in Amerika...

Weiter im Text:
" Punkt eins. Mülleimer in Küche ohne Deckel. Punkt zwei. Stubenfliege auf Küchentisch. Punkt drei. Zu viel Knoblauch in Speise. Verursacht Verdauungsstörung. (…) Wir wollen doch nicht, dass jemand krank wird, nicht wahr? Könnt die Produktion verlangsamen." (148)
Den Migrationsprozess der ersten Generation überstanden die einen durch Assimilation an die amerikanische Gesellschaft, während die anderen in ihrer Herkunftskultur stecken blieben. Desdemona, Cals Großmutter, war es wichtig, ihre kulturelle Identität zu wahren, während ihre Cousine eine Amerikanerin geworden ist. Die Cousine legte das Griechische ab und sprach griechisch nur noch mit einem amerikanischen Akzent.

Ich fand das ganz schön, wie dieser Prozess beschrieben wurde, denn er zeigt, dass jede/r MigrantIn die Migration anders verarbeitet und jeder so frei sein kann, eine neue Identität anzunehmen, die alte zu bewahren, oder ein Mix von beidem zu kreieren, ohne dass daraus gleich ein pathologisches Krankheitsbild entstehen muss. (392)

Und nun zu Cal:

Dadurch, dass sie keine andere Möglichkeit sahen, gemeinsam nach Amerika auszuwandern, sind Cals Großeltern, beide ein Geschwisterpaar, die Ehe eingegangen. Die Not im Herkunftsland war zu groß, um dort weiter leben zu können. Mithilfe falscher Papiere als rechtmäßige Eheleute eingeschrieben, lebten sie auch den Bund der Ehe und betrieben Inzucht, der es zu verdanken ist, dass Cal mit einem "genetischen Defekt" geboren wird. Cals Großmutter, namens Desdemona, plagten ein Leben lang Schuldgefühle religiöser Art, dass sie von ihrem Bruder und Ehemann hat Kinder zeugen lassen. Sie glaubte nun, sie werde von Gott bestraft. Das erste Kind durchlief eine normale Geburt ohne Auffälligkeiten und Desdemona bedankt sich bei Gott und verspricht, sich von dem Bruder kein weiteres Kind machen zu lassen. Nun wusste sie aber nicht, wie man verhütet, lehnt ihren Bruder bei der nächsten sexuellen Annäherung ab. Damit verletzte sie ihren Bruder massiv. Sie hielt den Druck nicht aus und ließ sich doch wieder  mit ihm sexuell ein. Das zweite Kind wurde auch eine Normalgeburt. Dass Schwester und Bruder heirateten und Kinder zeugten, sollte ein Tabu sein und nur die in Amerika lebende Cousine wusste darüber Bescheid. Cals Eltern waren auch Cousine und Cousin ersten Grades.

Als Cal in die Pubertät kommt und eine reine Mädchenschule besucht, wundert er / sie sich, dass ihre Schulkameradinnen alle eine körperliche Veränderung durchliefen, die bei ihm / ihr ausblieb. Keine Menstruation, keine Brüste... . Sie und ihre Eltern nehmen dies als eine körperliche Verzögerung hin, sozusagen eine Spätentwicklung... . Die Zeit vergeht, und bei Cal tut sich nach wie vor nichts. Nun wird Cals Mutter misstrauisch und vereinbart einen Termin bei einem Gynäkologen, der in einer Klinik angestellt ist. Die Klinik ist auf sexuelle Störungen und auf geschlechtliche Anomalien spezialisiert. Auch hier erfährt Cal eine Form von Diskriminierung. Cal trägt einen griechischen Namen, hat aber mit Griechenland wenig am Hut. Die Ärzte, nachdem sie an Cal intensive Untersuchungen und Studien betrieben hatten, fanden heraus, dass Cal zwittrig ist. Sie suchten nach Erklärungen, an denen sie ihre Theorien entwickelten: Die Mehrgeschlechtigkeit käme überwiegend in minderwertigen Kulturkreisen vor, in denen es über Generationen hinweg üblich sei, Ehen innerhalb einer Sippschaft zu schließen und Kinder zu zeugen. Cals Eltern hatten verschiedene Fragebögen auszufüllen und den Theorien des Wissenschaftlers konnten nicht bestätigt werden. Cal war das einzige Kind mit dieser geschlechtlichen Andersartigkeit... . Während dieses ganzen Prozesses weiß noch niemand, dass die Großeltern Geschwister sind. Nun beginnt für Cal und den Eltern unbewusst die Spurensuche und die Suche nach der geschlechtlichen Identität. Die Ärzte raten zu einer Operation, damit Cal ein relativ normales Leben leben könne. Cal sucht Bibliotheken auf, und durchstöbert verschiedene Lexika, um sich zu dem sog.  Krankheitsbild zu informieren. Er /sie ist schockiert, als er / sie aus dem Buch die Bezeichnung liest, dass androgyne Persönlichkeiten mit Monstern verglichen werden. Die Forschung dazu befand sich noch in Kinderschuhen.
Wie geht Cal damit um? Begibt er / sie sich weiterhin in die Hände der Wissenschafler, die ihn / sie zu Forschungszwecken benutzten? Wie reagieren die Eltern auf die Untersuchungsergebnisse und die weiteren Verläufe?

Und hier mache ich Schluss. Wer mehr wissen möchte, so verweise ich auf das Buch.

Mein  Fazit:

Das Buch hat mich betroffen gestimmt. Und so fragte ich mich erneut, was normal und was nicht normal ist? Meine Antwort:

Wenn jeder Mensch sich nur mit sich selbst vergleichen würde, dann wäre jeder Mensch so wie er ist ein normaler Mensch. Lernen, mit dem Anderssein umzugehen, denn jeder ist anders, statt an sich und an den Erwartungen anderer Menschen zu verzweifeln. Diese Hürde stellt den Menschen vor große Herausforderungen.

Das Buch erhält von mir auch aufgrund seiner Vielfalt an Themen zehn von zehn Punkten.
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Wir alle bestehen aus vielen Teilen, anderen Hälften
(Jeffrey Eugenides)

Gelesene Bücher 2013: 78
Gelesene Bücher 2012: 94 
Gelesene Bücher 2011: 86

Freitag, 13. Dezember 2013

Jeffrey Eugenides / Middlesex

Klappentext
In einem kleinasiatischen Bergdorf fängt alles an. Ein junger Mann und eine junge Frau, Bruder und Schwester, fliehen vor den Türken nach Smyrna und, als die Stadt brennt, nach Amerika. Es ist das Jahr 1922. Auf dem Schiff heiraten sie und lassen sich später in der Autostadt Detroit nieder. Niemand ahnt das Geheimnis dieses Paares, doch nach Jahrzehnten hat der Tabubruch der beiden ungeahnte Folgen.

Autorenporträt
Jeffrey Eugenides, geboren 1960 in Detroit/Michigan, bekam 2003 für seinen weltweit gefeierten Roman „Middlesex“ den Pulitzer-Preis und den „Welt“-Literaturpreis verliehen. Sein erster Roman „Die Selbstmord-Schwestern“ wurde 1999 von Sofia Coppola verfilmt. Außerdem veröffentlichte er den Erzählungsband „Air Mail“ und „Der Spatz meiner Herrin ist tot. Große Liebesgeschichten der Weltliteratur“. Er lehrt Creative Writing an der Princeton University in New Jersey.

Das Buch habe ich antiquarisch beim Bücher - Oxfam erworben. Habe bei Amazon gesehen, dass es das Buch mittlerweile auch als Taschenbuch gibt.

Nach meinem Testlesen ist dies nun mein zweiter Anlauf. Beim ersten Mal musste ich das Buch wieder abbrechen. Jetzt, in Zeitabständen nach dem zweiten Versuch gefällt es mir richtig gut. Hoffe, es bleibt dabei. Man muss mit bestimmten Büchern sich mehr Zeit lassen reinzukommmen. Am besten, wenn man mehr Zeit zur Verfügung hat.

Das Buch hat meine Lesefreundin Anne aus meinem große SuB für mich ausgesucht.






Donnerstag, 12. Dezember 2013

Maria Àngels Anglada / Die Violine von Auschwitz (1)

Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre


Das Buch habe ich nun durch. Es hat mir recht gut gefallen. Allerdings bin ich ein wenig müde von der Thematik des Nationalsozialismus geworden. Ich habe viele, viele Bücher darüber gelesen. Der Büchermarkt guter AutorInnen ist voll davon und mich wundert es, dass trotzdem noch immer wieder neue Bücher dazu entstehen. Es zeigt mir, dass diese historischen Ereignisse niemals Ruhe finden werden. Damit möchte ich aber nicht ausdrücken, dass wir vergessen sollen.

Zur Erinnerung noch einmal der Klappentext:
Auschwitz 1944: Der jüdische Geigenbauer Daniel erhält vom Lagerkommandanten den Auftrag, eine Geige nach den Maßen einer Stradivari zu bauen. Eine Aufgabe, die ihn inmitten des Grauens zumindest für kurze Zeit die schreckliche Realität vergessen lässt. Doch bald muss er erfahren, dass der Auftrag Gegenstand einer infamen Wette zwischen dem Lagerkommandanten und dem Lagerarzt ist – und so wird die rechtzeitige Fertigstellung des Instruments nicht nur zu einer handwerklichen, sondern auch zu einer menschlichen Bewährungsprobe.
Es ist ein dünnes Büchelchen und kann es jeder oder jedem weiterempfehlen, die oder der mit der Thematik noch nicht abgeschlossen hat. Ich für meinen Teil weiß nun genug darüber und benötige nicht noch mehr Stoff dazu.

Das Buch erhält von mir zehn von zehn Punkten. Es ist literarisch recht anspruchsvoll geschrieben und der Inhalt entspricht der Authentizität eines historischen Werks.
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Gelesene Bücher 2013: 77
Gelesene Bücher 2012: 94 
Gelesene Bücher 2011: 86



Dienstag, 10. Dezember 2013

Maria Àngels Anglada / Die Violine von Auschwitz

Klappentext
Auschwitz 1944: Der jüdische Geigenbauer Daniel erhält vom Lagerkommandanten den Auftrag, eine Geige nach den Maßen einer Stradivari zu bauen. Eine Aufgabe, die ihn inmitten des Grauens zumindest für kurze Zeit die schreckliche Realität vergessen lässt. Doch bald muss er erfahren, dass der Auftrag Gegenstand einer infamen Wette zwischen dem Lagerkommandanten und dem Lagerarzt ist – und so wird die rechtzeitige Fertigstellung des Instruments nicht nur zu einer handwerklichen, sondern auch zu einer menschlichen Bewährungsprobe.

Autorenportrait
Maria Àngels Anglada, 1930 in Vic geboren, 1999 in Figueres gestorben, gilt als eine der renommiertesten Autorinnen Kataloniens, die sowohl für ihre Prosa als auch für ihre Gedichte, literaturkritischen Studien und Essays verehrt wird und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde. "Die Violine von Auschwitz" ist ihr bekanntestes Werk, das sich allein in Katalonien über 100 000 Mal verkaufte und in 12 Ländern erscheint.

Ich wollte mich eigentlich nicht schon wieder mit so einem infernomenalen Thema befassen. Aber nun habe ich das Buch und es will auch gelesen haben. Es ist ein dünnes Büchlein, werde aber danach meine Buchbesprechung kurz halten.

Die Autorin selbst ist mir unbekannt.



Sonntag, 8. Dezember 2013

Maarten t´ Hart / Unter dem Deich (1)

Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre

Ich habe das Buch nun durch und es hat mir sehr gut gefallen, auch wenn ich anfangs Mühe hatte, reinzukommen. Ein wenig passt ja die Thematik zu meiner letzten Lektüre. Zur Erinnerung noch einmal der Klappentext:
In »Unter dem Deich« erinnert sich Maarten ’t Hart an sein Maassluis der 50er-Jahre, an ein Kindheitsparadies, wie es nicht mehr lange existieren sollte: Die alten Häuser unter dem Deich sollen abgerissen werden, viele Menschen drohen ihr Heim zu verlieren. In diesem Viertel wohnt auch die begabte junge Clazien, die aus ärmlichen Verhältnissen stammt und keine höhere Schule besuchen kann. Als Aushilfe in einem Lebensmittelladen lernt sie den stillen Piet kennen und beschließt, bei ihm zu bleiben. Die beiden heiraten, doch Claziens Sehnsucht nach gesellschaftlichem Aufstieg lässt sich nicht unterdrücken. Als sie Jan begegnet, einem Lehrer, der neu in die Stadt kommt, sieht sie in ihm einen Seelenverwandten. Sie verlässt Piet und glaubt, es endlich geschafft zu haben. »Unter dem Deich« entführt uns in eine untergegangene Welt und erzählt die tragische Geschichte der Irrungen und Wirrungen einer rastlosen Frau.
Für die Protagonistin Clazien hatte ich tiefes Verständnis. Ein hoch begabtes Kind, dem die höhere Schule vergönnt geblieben ist. Sie stammt aus einer einfachen Familie mit einem niedrigen Bildungsniveau. Dazu noch mittellos. Ein zu kleines und beengtes Haus, das voll mit Möbeln gestellt ist. In einem Schlafzimmer waren alle Familienmitglieder untergebracht. Zu viele kleine Geschwister. Clazien hatte keinen Raum für sich, in dem sie sich entfalten konnte, nicht die notwendige Ruhe, sich auf die Schule vorzubereiten. Sie schaffte es bis zur Fachoberschule. Die Eltern selbst sahen es nicht ein, das begabte Kind auf der höheren Schule zu begleiten und zu unterstützen. Teilweise auch aus versteckten Neidgefühlen, Angst, die eigene Tochter könne mal mehr wissen, als die Eltern. Auch dies hatte sich in letzter Zeit in vielen anderen Büchern wiederholt; neidende Eltern auf ihre begabten Kinder.

In dem Buch werden viele Geschichten aus dem Leben der Menschen erzählt. Manchmal auch mit absolut schwarzem Humor umrandet.

Im Folgenden geht es um eine männliche Figur, die zweimal verheiratet war:
"Er sprach immer von seiner ersten Frau." Sie war doch so eine prima Frau schon. Immer genau und sauber. Nie keine Probleme mit ihr gehabt. Was sie auch angepackt hat, die konnte alles. Ich wär wirklich zufrieden, wenn ich' nen Ableger von ihr hätte."
Einen Ableger von seiner Frau, *lol*. Auf so eine Idee muss man erst mal kommen. Prima Frau?, nie Probleme gehabt? *lol*.
Und dann fuhr er fort: "aber die, die ich jetzt hab, die is wie ein Knäuel Wolle voller Kletten. Steigt jeden Morgen mit griesgrämigem Gesicht aus dem Bett, während Janetje hier immer mit beiden Beinen zugleich losgesprungen ist. Womit ich sagen will: nie mit dem verkehrten Bein. Ach, ach, meine Janetje! Sie war wie ein Fahrrad, mit dem man spät zu Bett gehen und trotzdem morgens früh wieder bei der Arbeit sein kann. Sie kommt nie mehr zurück " (110f)
Fand ich ein originelles Zitat.

Die Mutter von Clazien ist Schneiderin. Aber sie nähte keine modischen, sondern eher alltagstaugliche Kleider. Der Vater Onderwater ist Arbeiter.
Die Familie bekommt Besuch und dieser zeigt sich erstaunt über das Auftreten der Familienmitglieder:
"Nachdem wir geklingelt hatten, erschien ein traurig dreinblickender Onderwater, der uns in die Wohnstube führte. Im Halbdunkel bemerkte ich eine Frau, die an einer Nähmaschine saß und sich nicht dazu herabließ, von ihrer Flickarbeit aufzuschauen. Offenbar benutzte sie ihren Mund als Nadelkissen; Dutzende von Nadeln ragten zwischen den Lippen hervor. Beim Ofen saß ein Mädchen in einem Lehnstuhl, das älter war als ich; ich hatte sie wiederholt auf dem Marktplatz mit einem Kreisel spielen sehen. Sie grüßte nicht, sondern guckte, als wollte sie uns für ihre Weihnachtstafel schlachten. Mein Vater schaute sie ebenfalls an, und Onderwater sagte:" Ja, ja, meine älteste Tochter! Wie kann sie so wachsen ohne Wurzeln!"
Auch eine starke Metapher, ohne Wurzeln zu wachsen. Drückt aber aus, dass Clazien keinen Platz in der Familie findet. Und beim weiteren Lesen auf den folgenden Seiten nimmt man als Leserin daran teil, wie Clazien nirgends wirklich in der Welt sich zugehörig fühlt. Ein ganz besonderer Mensch, der anders als andere Menschen ist. Andersartigkeit darf aber nicht sein, auch in der Familie Onderwater, die alles so belassen möchte, wie es ist. Als Arbeiter geboren? Als Näherin geboren? Dann finde dich damit ab. Clazien versucht immer wieder einen Weg für sich zu finden. Die Gesellschaft lässt es nicht zu, dass sie, ein Mitglied der niederen Gesellschaftschicht unten am Deich lebend, sie in die höhere aufzunehmen. Und so erfährt sie selbst mit ihrer engsten Freundin Maud und ihrem zweiten Mann eine Form von Diskriminierung und Ausschluss auf eine passive Art und Weise. Passiv deshalb, weil viel hintenrum passiert, Claczien auszuschließen.

Maud und Clazien befinden sich in einem Café:
"Claczien war sich bewusst, dass sie Messer und Gabel - Besteck, (…) nie so würde benutzen können, wie Maud es tat, die seit Kindesbeinen daran gewöhnt war. Alle ihre Bewegungen kamen ihr hölzern und plump vor, ohne die unübersehbare Grazie, die auf der anderen Seite des Tisches so beiläufig an den Tag gelegt wurde. Sie fühlte, die Ober wussten, sahen, erkannten, dass sie ein Mädchen aus dem einfachen Volk war und immer bleiben würde. Sie wandten sich an Maud, fragten Maud, ob es schmeckte, ließen Maud den Wein kosten, brachten Maud die Rechnung. Sie dachte an Goethes Zeilen. Auf der Fachoberschule hatte Clazien genug Deutsch gelernt, um die Verse mehr oder weniger verstehen zu können.
" Könnte man auch glauben, eine Perücke wurde etwas ändern."

Diese Szene fand ich recht traurig und nachdenkenswert zugleich. Man kann es nicht wirklich verstehen, warum Menschen so ticken.

Clazien bereist mit Maud Paris. Sie wollten die Pariser Mode kennen lernen und auch zu den feinen Damen zu gehören. Clazien ist entsetzt, als sie die vielen obdachlosen Menschen sieht, parallel existierend zu dem Glanz und Glamour:
"Wie feinfühlig die Pariser doch sind! So feinfühlig, dass sie es ganz normal finden, bedient zu werden."
Auch wieder ein Zitat gepackt in einem humoristischen Widerspruch... .

Originell fand ich auch eine andere Szene. Wenn die Feuerwehrleute zu wenig Brände zu löschen hatten, dann wurden aktiv Brände gelegt, damit sie Arbeit hatten und sich die Feuerwehr über Wasser halten konnte. Man nennt sie die "Anzündgruppe".
"Wozu braucht man die denn?"" Schau", sagte ein Feuerwehrmann," wir können doch nicht das ganze Jahr auf dem faulen Hintern sitzen. Es muss doch ab und zu ein Feuerchen geben. Sonst verdienen wir doch nichts." 
"Und die Männer legen dann einfach ein Feuer?"
" Wenn es nicht genug normale Brände gibt."
" Ich glaube dir kein Wort."" So, du glaubst also, das ganze ist ein netter Scherz? (…) Werden die Tage länger, werden die Fröste strenger. " (132)
Über diese Art von Logik musste ich arg lachen. Auch wenn sie ernst gemeint ist.

In dem Buch wird auch viel die katholische Kirche aufs Korn genommen. Ich gehe jetzt darauf nicht näher ein und verweise alles andere auf das Buch.

Die Lektüre beginnt mit einem Prolog und endet logischerweise mit einem Epilog.

Mein Fazit

Überaus positiv fand ich, dass der Autor Partei für die Frau ergriffen hat. Indirekt kritisiert er, dass sie in der Kirche und auch in der Gesellschaft stark benachteiligt ist. Das fand ich schön. Man muss im Leben auch mal für eine bestimmte Menschengruppe Partei ergreifen dürfen. Man kann nicht immer nur neutral sein, nur der Objektivität wegen. Man muss sich einmischen, wenn man ein bisschen die Welt verändern möchte.


Aus einer anderen Szene ging zum Beispiel hervor, wie ein Arbeiter seiner Frau die Lohntüte abgegeben hatte, und sie war es, die das Geld einteilte.

Wegen des literarischen Reichtums an poetischer und fantasievoller Ausdrucksweise erhält das Buch von mir zehn von zehn Punkten.
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Gelesene Bücher 2013: 76
Gelesene Bücher 2012: 94 
Gelesene Bücher 2011: 86

Freitag, 6. Dezember 2013

Maarten ´t Hart / Unter dem Deich

Klappentext
In »Unter dem Deich« erinnert sich Maarten ’t Hart an sein Maassluis der 50er-Jahre, an ein Kindheitsparadies, wie es nicht mehr lange existieren sollte: Die alten Häuser unter dem Deich sollen abgerissen werden, viele Menschen drohen ihr Heim zu verlieren. In diesem Viertel wohnt auch die begabte junge Clazien, die aus ärmlichen Verhältnissen stammt und keine höhere Schule besuchen kann. Als Aushilfe in einem Lebensmittelladen lernt sie den stillen Piet kennen und beschließt, bei ihm zu bleiben. Die beiden heiraten, doch Claziens Sehnsucht nach gesellschaftlichem Aufstieg lässt sich nicht unterdrücken. Als sie Jan begegnet, einem Lehrer, der neu in die Stadt kommt, sieht sie in ihm einen Seelenverwandten. Sie verlässt Piet und glaubt, es endlich geschafft zu haben. »Unter dem Deich« entführt uns in eine untergegangene Welt und erzählt die tragische Geschichte der Irrungen und Wirrungen einer rastlosen Frau.

Autorenporträt
Maarten ’t Hart, geboren 1944 in Maassluis bei Rotterdam als Sohn eines Totengräbers, studierte Verhaltensbiologie, bevor er sich 1987 als freier Schriftsteller in Warmond bei Leiden niederließ. Nach seinen Jugenderinnerungen »Ein Schwarm Regenbrachvögel« erschien 1997 auf Deutsch sein Roman »Das Wüten der ganzen Welt«, der zu einem überragenden Erfolg wurde und viele Auszeichnungen erhielt. Seine zahlreichen Romane und Erzählungen machen ihn zu einem der meistgelesenen europäischen Gegenwartsautoren. Zuletzt erschien von ihm auf Deutsch »Unter dem Deich«.
Dies ist mein erstes Buch von dem Autor. Ich fand es anfangs ein wenig schwierig, in die Thematik reinzukommen. Bin halt in der niederländischen Literatur Ausländerin. Habe noch nicht viel aus dem Land gelesen. Dies ist gerade mein zweites Buch.

Mittlerweile habe ich 150 Seiten gelesen und es gefällt mir recht gut. Der Autor hat einen humoristischen Stil, was mir ganz gut gefällt. Später, wenn ich das Buch durch habe, werde ich mich näher damit befassen.

Aber originell finde ich, wenn die Menschen hin und wieder in Reimen miteinander sprechen. Sie haben für jede Lebenslage passende Verse... .



Donnerstag, 5. Dezember 2013

Jane Austen / Emma (1)

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Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre

Das Buch habe ich nun durch und habe in den mehr als siebenhundert Seiten viel Geduld und Ausdauer bewiesen. In Jane Austens Büchern wiederholen sich die Themen von Buch zu Buch, auch wenn die Geschichten andere sind. Es wird in den hohen Kreisen viel geklatscht und getratscht, dass ich nach mehr als dreihundert Seiten ein wenig müde davon geworden bin. Es werden naive Theorien zu anderen Menschen entworfen, ohne sie auf die Echtheit hin zu überprüfen. Ob es jetzt Marcel Proust ist, Jane Austen oder Charles Dickens, überall findet man in der gehobenen Gesellschaftsschicht eine lästernde Gesellschaft vor.

Ich habe mir ein paar Szenen gemarkert, damit meine Statements nicht einfach so lose hier stehen bleiben, sonst komme ich mir selbst wie ein Lästermaul vor. Zur Erinnerung noch einmal der Klappentext:
Emma Woodhouse weiß genau, was andere wollen – ohne jemals danach gefragt zu haben. Wohlmeinend mischt sie sich in das Leben ihrer Freunde und Nachbarn ein. Und ein Chaos des Begehrens nimmt seinen Lauf. Die Komödie, die sich daraus entspinnt, ist nicht nur ein pointiertes Porträt der englischen Gesellschaft im 19. Jahrhundert. 
Ja, Emma tut den ganzen Tag nichts anderes, als das Schicksal anderer Leute zu lenken. Sie analysiert auf triviale Art die Charaktere der Menschen ihres näheren Umfelds. Sie versucht Paare miteinander zu verkuppeln, oder andere Bindungen, die in ihren Augen nicht passen, auszureden. Ihr Vater, Mr. Woodhouse, selbst eine skurrile Figur, warnt seine Tochter:
Ach, mein liebes Kind, lass das lieber, dass Ehe stiften und prophezeien, denn alles, was du sagst, trifft ein. Bitte, stifte keine Ehen mehr. (16)
Emma ist eine junge Frau von einundzwanzig Jahren und sie besuchte einst ein Mädchenpensionat, dessen Ziele und Inhalte, wie und in was Mädchen gefördert werden sollten, vielleicht erklärbar macht, weshalb Emma so viel Trivialität an Themen verbreitet und ihre GesprächspartnerInnen wie ein Strudel neugierig mit hineinzieht:
Emma besuchte ein richtiges ehrbares, altmodisches Internat, wo ein vernünftiges Maß an Kenntnissen zu einem vernünftigen Preis geboten wurde; und wo man Mädchen hinschicken konnte, damit sie auf dem Wege seien und sich ein bisschen Bildung aneigneten, ohne die Gefahr, dass sie als Wunderkinder zurückkamen.(31)
Den Mädchen eine Bildung zu ermöglichen, in ein Internat zu stecken, damit sie aus den Füßen seien,  und sie aber gleichzeitig nicht als Wunderkinder zurückkommen sollen, das muss man so richtig in sich setzen lassen... . Das könnte aber erklären, weshalb Emma in ihrem Verhalten so extrem extrovertiert ist. Keinen Gedanken und kein Gefühl kann sie für sich behalten.

Unaufhaltsam sind die Gespräche geprägt von Heiraten mit dem richtigen Partner aus dem gleichen Stand. Emma versucht zwar erst Ehen zu stiften, sie selbst aber hat gar nicht vor zu heiraten. Ihre Freundin Harriet macht sich Sorgen um Emma:
"Du lieber Gott! Aber was wollen Sie denn tun? Wie ihre Zeit verbringen, wenn Sie älter werden?"
"Wie ich mich kenne, Harriet, habe ich einen unternehmenden, regen Geist und mancherlei Interessen, an denen ich einen unabhängigen Rückhalt habe, und ich sehe nicht ein, warum es mir mit vierzig oder fünfzig schwieriger sein sollte, mich zu beschäftigen, als mit einundzwanzig."(132)
Es klingt, als heirateten die Leute aus purer Langeweile... .

Später erfährt man, dass Emma durch ihre Einmischung in die Privatsphären anderer Leute in böse Schwierigkeiten gerät. Aber es ist ja nicht nur Emma, die ihren Kopf voller Gedanken zu anderen Leuten Leben und Gewohnheiten hat, nein, es sind auch andere, die ihren Mund zu voll nehmen. Glücklicherweise sind das nicht nur Frauen, auch Männer tun oftmals in ihren gemeinsamen Gesprächen nichts anderes.
Mit unleidlicher Eitelkeit hatte sich Emma eingebildet, in die geheimsten Gefühle der anderen eingeweiht zu sein, mit unverzeihlicher Überheblichkeit hatte sie die Geschicke anderer Menschen lenken wollen. Nun wurde ihr bewiesen, dass sie sich in allem getäuscht hatte; und sie war nicht einmal untätig dabei gewesen - sie hatte Unheil gestiftet. (622)
Emma zerriss sich um so mehr das Maul, wenn Paare sich aus unterschiedlichen Ständen bildeten. Das durfte gar nicht sein. Und so kam es vor, dass manche Bindung versteckt und ohne ihres Wissens geschlossen wurde.

Sie bringt ihre naive Freundin Harriet, gewollt oder ungewollt, in emotionale Schwierigkeiten. Harriet ist nur eine Freundin, aber keine Frau ihres Standes. Nun hat sich Harriet durch Emmas Einfluss in einen Mann verliebt, der ihr gesellschaftlich weit höher steht als sie selbst und mit der Zeit gerät Emma dadurch in heftige Selbstzweifel, als ein Freund sich über Emmas Verhalten äußerst kritisch zu äußern weiß:
Ach, hätte sie doch niemals Harriet aus ihrer Verborgenheit herausgezogen! Hätte sie sie doch gelassen, wo sie hingehörte, wo sie (...) an ihrem Platz war! Hätte sie doch nicht mit einer Dummheit, die keine menschliche Zunge ausdrücken konnte, verhindert, dass sie den braven jungen Mann heiratete, der sie glücklich machen und ihr ein achtbares Heim in ihrem Stande bieten wollte - dann wäre alles gut, dann wären alle diese schrecklichen Folgen nicht.Wie konnte Harriet jetzt nur so anmaßend sein, ihre Augen zu Mr. K. zu erheben! Wie wagte sie es, sich zu der Einbildung zu versteigen, sie sei die Auserkorene eines solchen Mannes, und fest daran zu glauben! Aber Harriet war nicht mehr so bescheiden, so zaghaft wie früher. Sie hatte offenbar kein Gefühl dafür, wie wenig sie geistig und ihrer Herkunft nach an ihn heranreichte. (…) Ach, war dies nicht Emmas Werk? Wer anders hatte sich so eifrig bemüht, Harriet Rosinen in den Kopf zu setzen, als sie allein? Wer anders als sie selber hat ihr eingeschärft, sie müsse nach oben streben, sie habe Anspruch auf einen höheren gesellschaftlichen Rang? Wenn die einst so bescheidene Harriet eitel geworden war und hoch hinaus wollte, so war auch dies nur ihre eigene Schuld. (625f)
Als dann schließlich doch eine Bindung unterschiedlichen Standes eingegangen wird, gerät Emma in einen schockähnlichen Zustand, weil diese aus ihrer Sicht und aus der Sicht der Gesellschaft aus der Norm gerät.

Zum Ende hin wendet sich doch alles zum Guten. Da es hier nicht um Action und um gekünstelte Spannung geht, erlaube ich mir, mich kurz über das Ende auszulassen. Wie trivial die Dialoge oftmals geführt werden, möchte ich mit einem letzten Zitat darstellen. Zum Ende hin lassen sich Emma und ihr Gesprächspartner über das Aussehen einer guten Bekannten aus:
"Haben Sie einen solchen Teint gesehen, so klar, so zart? Und doch nicht eigentlich hell. Nein, hell kann man's nicht nennen. Ist es nicht ein ganz ungewöhnlicher Teint und dazu ihre dunklen Wimpern und Haare - eine ganz einzigartige Haut? So einzigartig wie die Dame, die darin steckt. Und nur ein Hauch von Farbe, eben so, dass es schön ist."
"Ich habe ihren Teint immer bewundert", erwiderte Emma, "aber ist mir nicht, als hätten Sie einmal an ihm ausgesetzt, er sei zu blass? Als sie zum ersten Mal von ihr sprachen? Haben Sie das ganz vergessen?" (725)
 Warum verhalten sich Menschen derart?


Mein Fazit:

Natürlich ist es nicht die Autorin selbst, die gerne tratscht und polemisiert, nein, es sind ihre ZeitgenossInnen gewesen, die sich damit ihre Zeit vergeudet haben. Jane Austen hält in ihren Büchern den damaligen Menschen höchstpersönlich den Spiegel vor. Ich bezeichne das Buch schon als eine sehr wichtige Literatur, sozial und gesellschaftskritisch, emanzipiert zugleich, und die Fähigkeit beim Aufzeigen bestimmter Verhaltensmuster der Leute. Das Getratsche der Menschen erfolgte aus meiner Sicht nicht, weil sie von Natur aus so gestrickt waren, nein, sie litten eher an einer krankhaften und notorischen Langweile. Sie hatten einfach zu viel Zeit. Sicher haben sie zu viel Hauspersonal gehabt, die die Arbeiten für sie verrichteten, für die sie sich selbst zu schade fanden. Sie hätten mehr arbeiten sollen, das hilft über die Langeweile hinweg. :-).

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit
(Marcel Proust)
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Samstag, 30. November 2013

Jane Austen / Emma


Klappentext

Emma Woodhouse weiß genau, was andere wollen – ohne jemals danach gefragt zu haben. Wohlmeinend mischt sie sich in das Leben ihrer Freunde und Nachbarn ein. Und ein Chaos des Begehrens nimmt seinen Lauf. Die Komödie, die sich daraus entspinnt ist nicht nur ein pointiertes Porträt der englischen Gesellschaft im 19. Jahrhundert. Austens Roman ist ein literarisches Meisterwerk, das Generationen von LeserInnen bewegt und begeistert.

Autorenporträt
Jane Austen wurde 1775 in Steventon (Hampshire) geboren. Mit sieben Geschwistern wuchs sie im Pfarrhaus von Steventon auf, zu Hause unterrichtet von ihrem Vater, der ihre literarischen Neigungen förderte. Sie blieb unverheiratet und teilte ihr zurückgezogenes Leben mit ihrer Mutter und Schwester Cassandra bis zu ihrem fru¨hen Tod im Jahre 1817 in Winchester.

Von Jane Austen habe ich gelesen:

Verstand und Gefühl
Mensfield Park

Das obige Buch hat mir meine Buchfreundin Anne aus meinem großen SuB zum Lesen ausgesucht. 



Freitag, 29. November 2013

Wolfgang Herrndorf / Tschick (1)

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Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre


Das Buch hat mir nicht besonders gut gefallen. Was sind die Gründe?

Ich gebe noch einmal den Klappentext rein, damit ich nicht alles neu schreiben muss:
Mutter in der Entzugsklinik, Vater mit Assistentin auf Geschäftsreise: Maik Klingenberg wird die großen Ferien allein am Pool der elterlichen Villa verbringen. Doch dann kreuzt Tschick auf. Tschick, eigentlich Andrej Tschichatschow, kommt aus einem der Assi-Hochhäuser in Hellersdorf, hat es von der Förderschule irgendwie bis aufs Gymnasium geschafft und wirkt doch nicht gerade wie das Musterbeispiel der Integration. Außerdem hat er einen geklauten Wagen zur Hand. Und damit beginnt eine unvergessliche Reise ohne Karte und Kompass durch die sommerglühende deutsche Provinz.

Zum einen unterschätzt der Autor dreizehnjährige Gymnasiasten. Ich finde schon, dass Kinder in dem Alter selbst schon recht intelligent sein können und ich ihnen mache unkluge oder zu unreife Verhaltensweisen nicht zutraue. Dass zwei Dreizehnjährige sich mit einem gestohlenen Auto von Berlin aus auf dem Weg machen nach Russland, so ganz ohne Kompass und Altlas, und so ganz nach dem Zufallsprinzip und mit Orakeleien ihren Weg folgen, halte ich nicht für realistisch.

Es sind Sommerferien, Maiks Mutter kommt in ein Sanatorium für mehrere Wochen, der Vater nutzt die Zeit und verreist mit seiner Angestellten und Geliebten, sodass Maik, obwohl er minderjährig ist, die Zeit alleine zu Hause fristen würde, wäre da nicht Tschick gewesen, der ihn in ein Abenteuer treibt. Der Vater verletzt nach dem Kinder- und Jugendschutzgesetz die Aufsichtspflicht und macht sich eigentlich strafbar und deswegen ist mir das Buch wenig authentisch gewesen. Hinterlässt dem Jungen zweihundert Euro, mit denen er klar kommen muss. Maik kommt aus einer wohlhabenden Familie, mit Swimmingpool und noblem Haus.
Tschick dagegen, ein deutsch-russisches Kind, kommt eher aus einer mittellosen Familie.

Zwischen Tschick und Maik entwickelt sich trotz ihrer Unterschiedlichkeit eine tiefe Freundschaft. Die gemeinsame Erfahrung schweißt die beiden während ihres Abenteuers  zusammen. Diese Episoden fand ich recht schön. Aber alles Weitere schien mir wenig glaubhaft. Die beiden Minderjährigen fahren in ein Dorf rein, das total verlassen ist. Kein Mensch lebt mehr dort, die Häuser stehen alle leer, bis auf ein Haus nicht, in dem ein älterer Mann lebt, der die beiden mit einem Gewehr bedroht. Als der alte Mann sieht, dass die beiden Autofahrer recht junge Leute sind, und sie keine Gefahr darstellen, lädt er die beiden in sein Haus ein. Die beiden Jungen fragen nicht mal, warum das Dorf verlassen ist und wo sie sich befinden.

Am Ende des Abenteuers werden die beiden Jugendlichen dem Jugendrichter vorgestellt, als ihre Delikte ans Licht kommen. Maik bezieht von seinem Vater eine ordentliche Tracht Prügel, die eigentlich dem Vater gehört, da er den Jungen alleine gelassen hatte.

Das Buch erhält von mir sechs von zehn Punkten.
Zumindest ist jetzt meine Neugier gestillt. Trotzdem würde mich noch die Meinung von Jugendlichen interessieren, was sie von dem Buch halten und möchte die jungen LeserInnen dazu einladen, mir ihre Meinung zu schreiben.

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Dienstag, 26. November 2013

Wolfgang Herrndorf / Tschick

Klappentext

Mutter in der Entzugsklinik, Vater mit Assistentin auf Geschäftsreise: Maik Klingenberg wird die großen Ferien allein am Pool der elterlichen Villa verbringen. Doch dann kreuzt Tschick auf. Tschick, eigentlich Andrej Tschichatschow, kommt aus einem der Asi-Hochhäuser in Hellersdorf, hat es von der Förderschule irgendwie bis aufs Gymnasium geschafft und wirkt doch nicht gerade wie das Musterbeispiel der Integration. Außerdem hat er einen geklauten Wagen zur Hand. Und damit beginnt eine unvergessliche Reise ohne Karte und Kompass durch die sommerglühende deutsche Provinz.



Autorenporträt
Wolfgang Herrndorf, 1965 in Hamburg geboren, hat Malerei studiert und unter anderem für die «Titanic» gezeichnet. 2002 erschien sein Debütroman «In Plüschgewittern», 2007 der Erzählband «Diesseits des Van-Allen-Gürtels» und 2010 der Roman «Tschick», der zum Überraschungserfolg des Jahres avancierte. Wolfgang Herrndorf wurde u.a. mit dem Deutschen Erzählerpreis (2008), dem Brentano-Preis (2011), dem Deutschen Jugendliteraturpreis (2011), dem Hans-Fallada-Preis und dem Leipziger Buchpreis (2012) ausgezeichnet. Wolfgang Herrndorf starb am 26. August 2013.
Von dem Autor habe ich bisher noch gar nichts gelesen. Bin erst auf ihn neugierig geworden, als ich diesen Sommer von seinem Tod erfahren habe. Habe nun die ersten einhundert Seiten schon durch und es liest sich recht flüssig. Das Buch ist in einem jugendlichen Sprachjargon verfasst, demnach eignet sich die Lektüre auch für junge Menschen ab 16 Jahren.

Mein Neffe, 17 Jahre, hat das Buch kürzlich in der Schule, elfte Klasse, als Schullektüre durchgenommen. Nun hat mich das Buch erst recht neugierig gestimmt,

Montag, 25. November 2013

Astrid Lindgren / DAS ENTSCHWUNDENE LAND (1)

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Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre

Auf dem Cover abgebildet ist das Elternhaus von Astrid Lindgren.

Astrid Lindgren hat wirklich Glück mit ihren Eltern gehabt. Man kann sich ja Eltern nicht aussuchen, so wie Eltern sich ihre Kinder ebenso nicht aussuchen können. Die Eltern verhielten sich sehr vorbildlich. Lindgrens Vater, der seine Frau mehr als liebte und umgedreht auch, war es wichtig, die Liebe, die er empfand, nicht vor den Kindern zu verbergen. Der Vater, Samuel August, lebte ganz nach dem Bilde Pohlem, der gesagt haben soll:
(... ) Es täte Kindern gut, zuzusehen, wie ihre Eltern sich herzen.
Und nun aus der Sicht von Astrid L.:
Einen zärtlicheren Bauern, wie es mein Vater war, hat es nie gegeben, zumindest war es bei smäländischen Bauern unerheblich, seine Gefühle so unverhohlen zu zeigen, wie Samuel August es tat. Wir Kinder waren es gewohnt, tagtäglich zuzuschauen,wie unser Vater, und sei es auch nur für einen kurzen Augenblick, unsere Mutter umarmte und sie herzte .(37)
A. L. durchlebte gemeinsam mit ihren drei Geschwistern eine glückliche Kindheit. Sie genossen die Freiheit, sich so zu entfalten, wie die Kinder es für ihre Entwicklung brauchten. Dennoch mussten die Kinder viel auf dem Gutshof mithelfen. Der Respekt zu den Erwachsenen war trotzdem gegeben. Sie widersprachen ihnen nicht und gingen den Aufgaben ohne Murren nach.

A. L. interessierte sich schon sehr früh für Bücher. Allerdings war es schwierig, an diese heranzukommen. Bücher waren für die Bauersleute eher eine Rarität, da sie gar keine Zeit zum Lesen hatten. Auch hier hatte A. L. Glück, als sie an eine Lehrerin geriet, die ihr half, Bücher zu erwerben. Große Glückseligkeit:
Ein Buch ganz für sich allein zu besitzen - dass man vor Glück nicht ohnmächtig wurde! Noch heute weiß ich, wie diese Bücher rochen, wenn sie funkelnagelneu und frisch gedruckt ankamen, ja, denn zunächst einmal schnupperte man daran und von allen Düften dieser Welt gab es keinen lieblicheren. Er war voller Vorgeschmack und Erwartungen.(…)Dann war man plötzlich zehn Jahre alt und ging in die Oberschule. Im Lehrerzimmer gab es eine Schulbibliothek, und darauf stürzte ich mich wie eine Besessene und verschlang alles, was es dort gab. In diesen Jahren zwischen zehn und dreizehn verschlingt man ja Bücher, und auch ich futterte alles Erreichbare, gleichgültig, ob ich es mir aus der Schulbibliothek holte oder von Mitschülern lieh, die mit Büchern besser ausgestattet waren als ich. Ich las die ganze lange Reihe von Sagen und Geschichten, vom Trojanischen Krieg bis zu Robinson Crusoe  und Onkel Toms Hütte, dazu alles, was ich von Jules Verne ergattern konnte, (…) und dann all die wunderbaren Mädchenbücher. Dass es überhaupt so viele nette und lustige Mädchen in der Welt gab, die einem plötzlich ebenso nahe standen wie Geschöpfe aus Fleisch und Blut! (74f)
Interessant fand ich, dass Pippi Langstrumpf keine Erfindung von A. L. ist. Erfunden hat sie ihre kranke Tochter, die im Fieberwahn lag und ihre Mutter bat, über Pippi Langstrumpf eine Geschichte zu erzählen.
>>Erzähl mir was von Pippi Langstrumpf.<< Ich tat ihr den Gefallen und dachte mir eine närrische Range aus, die zu dem Namen passen konnte, und musste bald entdecken, dass uns eine Pippi ins Haus geschneit war, die wir nicht wieder los werden konnten.(78)
A. L. war eine begabte Schülerin, der man es schon in den jungen Jahren ansah, dass sie eines Tages mal Schriftstellerin werden würde. Aber sie war entsetzt, wenn man sie als die zukünftige Schriftstellerin bezeichnete. Sie hatte gar nicht vor, Schriftstellerin zu werden.

A. L. war auch eine geborene Pädagogin. Dank ihrer glücklich durchlebten Kindheit, dank ihrer vorbildlichen Eltern, besaß sie ein ungeheures Wissen, mit jungen Menschen pädagogisch umzugehen.
Wie weckt man in Kindern das Interesse an Büchern? Sie spricht zu den Erwachsenen:
Was erwünscht und erhofft ihr euch noch für euer Kind? Womöglich hegt ihr gar sehr hohe Erwartungen und träumt davon, dass es eines Tages zu denen gehört, die die Welt verändern und sie zu einem besseren Platz für die Menschen machen? Einige müssen ja in jeder Generation zu den Wegbereitern der Menschheit gehören, warum nicht auch euer Kind? Ja, aber dann müsst ihr ihm den Weg zum Buch weisen! Und das muss jetzt gleich geschehen, denn findet es den Weg nicht als Kind, dann findet es ihn nie und wird auch nie ein Weltverbesserer, glaubt mir! Ihr könnt einmal die Probe aufs Exempel machen: nehmt jetzt zehn lebende Menschen, die ihr hoch schätzt und von denen ihr meint, dass sie wirklich etwas für die Menschheit geleistet haben, geht zurück bis in ihre Kindheit, blättert die Jahre um, und ich bin davon überzeugt, ihr findet zehn kleine Leseratten. (85)
Auch A. L. spricht von dem Reichtum, den Bücher einen stellen, und ebenso beschreibt sie sie als  wichtige Wegbegleiter:
Eines aber könnt ihr tun, ihr könnt dem Kind zeigen, wo Trost zu finden ist, wenn es traurig ist, und wo Freude und Schönheit zu finden sind, wenn das Leben in grau erscheint, und über dies könnt ihr ihm Freunde schenken, die nie enttäuschen… (86)
Interessant fand ich auch den Appell an die Erwachsenen, sich schriftlich so einfach wie möglich auszudrücken, so dass es auch Kinder verstehen.
Ein bedeutender Schriftsteller hat einmal zu mir gesagt: >>meines Erachtens ist die beste Art zu schreiben, so einfach zu schreiben, dass selbst ein Kind es verstehen kann.<< Und doch schrieb er für Intellektuelle Erwachsene: Wie viel nötiger ist es dann erst, dass alle, die für Kinder schreiben, sich so ausdrücken, dass sie von Kindern auch verstanden werden. Einfach schreiben ist auch oberhalb des Niveaus von fünfjährigen keine Schande, es braucht deshalb noch lange nicht banal und dürftig zu sein. Die Dichter erzählen uns von Leben, Tod und Liebe, dem zutiefst menschlichen, meistens in so schlichten Worten, dass jedes Kind sie verstehen kann - ist dir das schon mal aufgefallen? Wenn Du ein Rezept haben möchtest, dann nimm das von Schopenhauer: >>Man brauche gewöhnliche Worte und sage ungewöhnliche Dinge.<<(92f)
Das Zitat von Schopenhauer hat mich tief berührt. Finde ich gut. Und mit diesem Zitat beende ich nun meine Buchbesprechung!

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Man brauche gewöhnliche Worte und sage ungewöhnliche Dinge!
(Schopenhauer zitiert von Astrid Lindgren)

Gelesene Bücher 2013: 73
Gelesene Bücher 2012: 94 
Gelesene Bücher 2011: 86

Sonntag, 24. November 2013

Astrid Lindgren / DAS ENTSCHWUNDENE LAND


Klappentext
Das entschwundene Land, von dem Astrid Lindgren erzählt, ist das glückliche Land ihrer Kindheit. Sie erinnert sich an die Kinderspiele und daran, wie sie mit ihren Eltern und Geschwistern auf dem Hof nahe der schwedischen Kleinstadt Vimmerby in Småland aufwuchs. Sie schreibt von Mägden und Knechten, von Armenhäuslern und Landstreichern - und von der Liebesgeschichte ihrer Eltern, die irgendwann im Jahr 1888 begann und ein ganzes Leben lang dauerte ...
 Autorenporträt
Astrid Lindgren wurde am 14. November 1907 als Astrid Anna Emilia Ericsson auf dem Hof Näs nahe der Kleinstadt Vimmerby in Småland geboren. Mit ihren drei Geschwistern Gunnar (1906-1974), Stina (1911-2002) und Ingegerd (1916-1997) verlebte sie eine glückliche Kindheit auf dem Bauernhof ihrer Eltern Hanna und Samuel August Ericsson. 
Astrid Lindgren zählt zu meinen LieblingsautorInnen. Habe bisher noch gar nichts (auto)biographisches von ihr gelesen. Ich hole das jetzt mit dem obigen Buch nach und bestelle mir noch weitere andere... .

Nach meiner letzten ausgelesenen Lektüre von Julia Franck liegt das obige hier als Kontrast vor mir. In dem es bei Julia Franck geradezu arm an Liebe und Menschlichkeit zugeht, wimmelt es bei Astrid Lindgren geradezu  davon. Und diesen Ausgleich benötige ich jetzt.

Es ist ein dünnes Buch von nur knapp über einhundert Seiten, das ich heute Abend sicher ausgelesen haben werde, da ich die ersten fünfzig Seiten schon durch habe.

Mein Eindruck oder vielmehr meine Erwartung hat sich nicht getäuscht. Tatsächlich geht es in dem Buch um gelebte Liebe und Menschlichkeit., obwohl Astrid Lindgrens Kindheit auch geprägt wurde von den Folgen des ersten Weltkriegs.



Julia Franck / Die Mittagsfrau (1)

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Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre 

Ich habe das Buch nun durch und es war richtig heftig zu lesen. Jede Menge belastender Lesestoff. Jede Menge traurige Menschenschicksale, die mich mehr als betroffen stimmen. Von der ersten bis zur letzten Seite geschehen Dinge, die man schwer nachvollziehen kann. Aber sie geschehen trotzdem, man kann diese konfliktreichen Aktionen als Leserin nicht aufhalten. Auch wenn man es so gerne möchte... . Man muss durch, wenn man das Buch zu Ende lesen möchte. 

Der Schreibstil hat mir recht gut gefallen. Anspruchsvoll und mit viel Fantasie ausgeschmückt. 

Das Buch beginnt mit einem Prolog, und man erfährt darin, dass eine Mutter namens Helene ihr achtjähriges Kind auf einem fremden Bahnhof mit einem Koffer zurück lässt. Das Kind sitzt auf der Bank. Es wartet und wartet auf die Mutter, bis es schließlich dunkel wird. Und so endet der Prolog und man erfährt erst am Ende des Buches, sozusagen im Epilog, was aus dem Kind und der Mutter geworden ist. Doch eigentlich heißt im Prolog Helene anders und zwar Alice... . Dies führte mich ein wenig zu Irritationen... . 

Die Heldin dieses Romans ist Helene. Ein sehr begabtes Kind, das in der Schule mehrere Schuljahre überspringt. Die Eltern dagegen wirken auf das Kind eher ablehnend und auch bildungsneidisch, sodass das Kind nach der Schule nicht weiter gefördert wird. Helene träumt den Traum, Ärztin zu werden... .
Es zeichnet sich ab, dass die Lehrerin in wenigen Monaten ihr gesamtes Wissen an das Mädchen weitergegeben haben würde, ohne dass es das angemessene Alter erreicht hätte. Helene schämte sich dafür, nicht schnell genug älter zu werden. (54)
Besonders Helenes Mutter geht recht destruktiv mit Helenes Begabung um:
Das Mädchen langweilte sich in seinem letzten Schuljahr zu Tode. Es wurde Zeit, dass es sich nützlich machte. Helenes Drängen auf eine höhere Töchterschule zu gehen,um danach Medizin zu studieren, gab die Mutter nicht nach. Wo sie sich schon bisher in der Schule so gelangweilt hatte, schien es in den Augen der Mutter ein allzu kostspieliges Vergnügen, diese gepflegte Faulenzerreien noch um zwei Jahre zu verlängern. (79)
Ich habe das schon öfter gehört, dass es Eltern gibt, die die Intelligenz ihrer Kinder neiden, und unbewusst versuchen, den höheren Bildungsweg zu blockieren.

Martha wird stattdessen gezwungen, beruflich in die Fußstapfen ihres Vaters zu treten... . 

Helene hat eine neun Jahre ältere Schwester namens Martha, die sich für Helene einsetzt, ihr Mut macht, später ihrem Wunsch nachzugehen, um Medizin zu studieren. Martha begibt sich in die Krankenpflegeausbildung, und weist die Schwester in die Theorien ein, damit sie es später in ihrer humanmedizinischen Ausbildung mit Vorkenntnissen einfach haben sollte. Helene ist zwar noch ein Kind, lernt aber problemlos den Stoff ihrer Schwester. 

Da die Mutter Helene nach der Grundausbildung nicht weiter auf die Schule schickt, muss Helene später auf dem zweiten Bildungsweg ihre Hochschulreife nachholen, um anschließend auf die Universität zu gehen. Ob sie es schafft, lest einfach selbst. 

Helenes Mutter zeigt sich emotional ihrer Familie gegenüber als recht kalt. Sie wünscht sich Söhne und vor Marthas und Helenes Geburt war sie zwei Mal schwanger, aber beide Male verlor sie das Kind, beides Mal Söhne, kurz nach der Geburt. Sie betrauert diese Söhne ein Leben lang, sodass den Mädchen eine Mutter abgeht, und sie gezwungen waren, früh erwachsen zu werden, vor allem auch dann, als der Vater an den Kriegsfolgen starb.

Durch den Nationalsozialismus, im letzten Kriegsjahr, wird Helene gezwungen, ihre Identität zu wechseln. Dadurch, dass die Mutter Jüdin ist, ist ihr Leben gefährdet, als sie an die verkehrten Menschen gerät, vielmehr an den verkehrten Mann, von dem sie ein Kind erhält, das Kind, das im Prolog beschrieben wird.
Dieser Mann namens Wilhelm war mir von Anfang an unsympathisch, sodass es mir schleierhaft ist, weshalb Helene als eine so kluge Frau diesen Typ von Mann überhaupt geheiratet hat? Als sie schwanger wurde, bezeichnete er das Kind nicht als sein Kind und als das Kind geboren wurde, schickte Wilhelm seine Frau arbeiten, da er zu Hause keinen Schmarotzer dulden wollte. Als Schmarotzer bezeichnete er den Säugling. Helene hatte natürlich auch Pech mit ihrer Beziehung, denn bevor sie sich mit Wilhelm einließ, war sie mit einem anderen jungen Mann verlobt. Die Bindung war von echter Liebe gezeichnet. Leider starb ihr Verlobter an den Folgen eines Unfalls. 

Ich mache nun hier Schluss. Es ist zu empfehlen, das Buch selbst von der ersten bis zu letzten Seite zu lesen. 
Dies ist das traurigste Buch, das ich in diesem Jahr gelesen habe und es schreit regelrecht nach mehr Menschlichkeit... . 

Das Buch erhält von mir zehn von zehn Punkten.

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Hören wir auf, den Menschen auf sein Gutes und Schlechtes zu belauern, haben wir Mitgefühl mit dem Sein des Menschen.
(Julia Franck)

Gelesene Bücher 2013: 72
Gelesene Bücher 2012: 94 
Gelesene Bücher 2011: 86

Montag, 18. November 2013

Julia Franck / Die Mittagsfrau

Klappentext

1945. Flucht aus Stettin in Richtung Westen. Ein kleiner Bahnhof irgendwo in Vorpommern. Helene hat ihren siebenjährigen Sohn durch die schweren Kriegsjahre gebracht. Nun, wo alles überstanden, alles möglich scheint, lässt sie ihn allein am Bahnsteig zurück und kehrt nie wieder.
Julia Franck erzählt das Leben einer Frau in einer dramatischen Zeit - und schafft zugleich einen großen Familienroman und ein eindringliches Zeitepos.

Autorenporträt
Julia Franck wurde 1970 in Berlin geboren. Sie studierte Altamerikanistik, Philosophie und Neuere Deutsche Literatur an der FU Berlin. 1997 erschien ihr Debüt ›Der neue Koch‹, danach ›Liebediener‹ (1999), ›Bauchlandung. Geschichten zum Anfassen‹ (2000) und ›Lagerfeuer‹ (2003). Sie verbrachte das Jahr 2005 in der Villa Massimo in Rom. Für ihren Roman ›Die Mittagsfrau‹ erhielt Julia Franck den Deutschen Buchpreis 2007. Der Roman wurde in 34 Sprachen übersetzt. Zuletzt erschien der Roman ›Rücken an Rücken‹ (2011).Im Oktober 2012 starten die Dreharbeiten für ›Lagerfeuer‹ unter der Regie von Christian Schwochow.
Die Autorin ist mir nicht völlig unbekannt. Habe von ihr Rücken an Rücken gelesen. Hat mit auch gut gefallen.

Das Buch hat meine Buchfreundin Anne für mich zum Lesen aus meinem großen SuB ausgesucht.






Sonntag, 17. November 2013

Julia von Droste / Die Seidenrose (1)

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Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre

Dass Italienerinnen in dem Buch von der Hautfarbe her wie Mulatten beschrieben werden, das habe ich ja schon im letzten Post geschrieben, dass mich das so ziemlich stört. Am Anfang wurden die ItalienerInnen sogar mit olivbrauner Haut gezeichnet. Woher kommt diese einseitige Beschreibung? Mit Ausnahme vom Schweizer Autor Martin Suter kenne ich keinen deutschen Autoren, der die SüdländerInnen nicht nach klischeehafter und stereotyper Vorstellung darstellen. Italienische Säuglinge kommen genauso mit hellem Teint auf die Welt, wie auch die deutschen Kinder... . Wenn die ItalienerInnen brauner sind als die Deutschen, dann nur, weil die warmen und heißen Monate länger andauern als bei uns in Deutschland, und die kalten Monate kürzer. Schade finde ich auch, dass die Italienerinnen immer als arm beschrieben werden... . Zu einem etwas bunten Italienbild möchte ich nun beitragen: Leute, in Italien gibt es neben der differenzierten Hautfarbe auch blonde, rote, scharze, braune Haarfarben, guckt mal genau hin... . Und es gibt nicht nur arme und mittellose ItalienerInnen. Auch in Italien gibt es viele reiche Leute. Und ähnlich wie in Deutschland, so ist auch nicht jeder Italiener gläubig. Und nicht jeder Italiener/in ist ein Arbeiter, Bauer oder Pizzabäcker, auch wenn die italienischen Akademiker in ihrem Land geblieben sind, während andere nach Deutschland mit dem Ende des zweiten Weltkrieges emigrierten. Doch auch in Italien gibt es Ärzte, Architekten, Journalisten, Polizisten u.v.a.m., nur weil wir wenige hier im Land von ihnen mit dieser Berufsbezeichnung kennen, heißt es nicht, dass es sie nicht gibt. Leider tauchen diese akademischen Italiener in keinem der deutschsprachigen Bücher auf... . Z.B. Maria Montessori (1870 - 1952) war eine der ersten Ärztinnen Europas, die in Italien Medizin studierte... . Des Weiteren ist sie auch bekannt als Reformpädagogin und als Philosophin...

Leider wimmelt es auch in diesem Buch nur so von diesen Klischees... , auch wenn hier zwei weibliche Protagonistinnen sich ein unabhängiges Leben außerhalb ihres Heimatlandes Italien aufbauen... .

Zur Erinnerung hier noch einmal der Klappentext:
New York 1907: Im Kosmetiksalon ihrer Tante Antonietta erlebt die junge Waise Mirella Rossi die faszinierende Welt des Luxus und der Schönheit. Als Antonietta unerwartet stirbt, hinterlässt sie ihrer Nichte jedoch ein dunkles Geheimnis. Mirella steht vor dem Nichts. Aber sie lässt sich nicht entmutigen und baut sich gegen viele Widerstände ihr eigenes Kosmetikunternehmen auf. Doch dann entpuppt sich Antoniettas ehemaliger Angestellter als bitterer Feind. Unterstützt von ihrer großen Liebe, dem Rennpferdetrainer Nick, nimmt Mirella den Kampf um ihr Lebensglück auf. Eine Geschichte von tiefer Freundschaft, der Kraft der Liebe, und der unerschöpflichen Quelle der Phantasie.
Ansonsten hat mir das Buch recht gut gefallen. Es ist nicht rassistisch geschrieben. Das ist ja schon mal was, denn sonst hätte ich das Buch nicht zu Ende gelesen.

Antonietta Rossi verließ ihr Heimatland Italien im zarten Alter von achtzehn Jahren, um sich in Amerika ein neues Leben aufzubauen, das frei von Armut und Abhängigkeit sein sollte. Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts herrschten in ganz Europa  große wirtschaftliche Nöte, sodass viele Europäer nach Amerika emigrierten. Deutsche, Iren, Italiener, Engländer, etc.

Antonietta Rossi ist eine recht ungewöhnliche Frau, die ihren Beruf mehr liebte, als den Bund der Ehe einzugehen. Das war damals selbst in Amerika unüblich, dass Frauen ihren Unterhalt selbst verdienten. Verheiratete Frauen, die neben der Ehe einem Beruf nachgingen, zeugten für einen schlechten Ruf, denn es galt bei diesen, dass der Ehemann nicht genug im Beruf verdienen konnte, um sich und seine Familie zu versorgen... . Antonietta lebte nach einer einzigen Formel, um sich nicht zu binden:
"Eine Frau braucht einen Mann nur für die Liebe. Alles andere kann sie alleine." (288)
Sie blieb demnach ehe- und kinderlos.

Auch im modernden Amerika galt es, Sitten und Gebräuche an erster Stelle zu setzen. Erwerbstätige Ehefrauen waren in Amerika nicht gern gesehen. Antonietta war erfolgreich im Beruf, verdiente sich mit ihrer Selbstständigkeit einen gewissen Wohlstand, wäre da nicht ihre Spielsucht gewesen, die ihr ganzes Vermögen aufzehrte... .
Ihre Nichte Mirella konnte sich auch als Kosmetikerin einen Namen machen, unterwiesen durch ihre Tante, sodass sie mit ins Geschäft einsteigen konnte. Auch Mirella entwickelte sich zu einer ehrgeizigen Geschäftsfrau, die ihre Produkte selbst herstellte und patentieren ließ.
Mirella geht eine tiefe und aufrichtige Freundschaft mit Nora ein... . Und beide versuchen ihre Frauenrolle emanzipiert auszuleben. Und beide aber gingen verglichen zu Antonietta eine Ehe ein und deren Männer hatten Probleme damit, dass ihre Frauen ökonomisch selbstständig lebten. In Amerika galt zu dieser Zeit sogar ein Gesetz, dass das Trinken von Alkohol in Gaststätten für Frauen verboten war. Erst der Erste Weltkrieg brachte eine gewisse Wende herbei, durch den Mix verschiedener Kulturen. Nora und Mirella im Restaurant sitzend. Nora bestellt für sie beide ein Glas Wein:
Nora: "Ich bin froh, dass die Zeiten vorbei sind, in denen Frauen im Restaurant keinen Alkohol trinken durften. Wenn dieser Krieg für eines gut ist, dann dafür, dass wir Frauen endlich wie Menschen behandelt werden und nicht mehr wie Porzellanpüppchen!" (476)
Noras Ehe ging in die Brüche. Die Ehe brachte aber zwei Kinder hervor. Ihr Mann zeigte sich als recht gewalttätig, wenn Nora versuchte, für ihre Interessen einzustehen. Ein Trennungsversuch scheiterte, da die Eltern von Nora zu ihrem Mann hielt und sie alles taten, dass die Ehe nicht in die Brüche ging. Und so waren für viele AmerikanerInnen das Einhalten von Traditionen wichtiger als z.B. das Glück ihrer erwachsenen Töchter. Nora durchlebt eine schlimme Krise und widersetzt sich den Erwartungen ihres Ehemannes und denen ihrer Eltern und Schwiegereltern trotzdem. Sie macht das, worauf sie Lust hat, flirtet mit anderen Männern, trägt die Haare kurz, und trinkt Alkohol, so viel sie Lust hat.
"Willst du einen Skandal? Die Leute starren euch schon an, dass ihnen fast die Augen aus dem Kopf fallen." " Das ist mir einerlei", entgegnete Nora und prostete dem Tänzer mit ihrem Cocktail zu. "Mein ganzes Leben habe ich darauf Rücksicht genommen, was die Leute denken und was hatte ich davon? Nichts!" (…)
 Nicht zu glauben, dass die Eltern die Gewalt des Sohnes / Schwiegersohnes an dessen Frau duldeten, nur um keinen Skandal vom Zaun zu brechen. Die Frau hatte ihr Leben ganz nach ihrem Mann zu richten, und wenn ihr das nicht gelingt, dann ist sie selber Schuld für die Prügel, die sie einkassiert. Ein passives Befürworten von körperlicher Gewalt an Frauen.
Mitte Juni, nachdem Mirella ihr zweites Kind geboren hatte, fühlte sie sich erholt genug, um die Geschäfte wieder selbst in die Hand zu nehmen. Über Nora las sie fast jeden Tag Geschichten in der Klatschpresse. Mit ihrem Aussehen provozierte sie jede Menge Kommentare, und mit ihrem Benehmen sorgte sie immer wieder für Skandale. Ganz New York tratschte, weil Nora öffentlich rauchte und trank, Ausdrücke in den Mund nahm, von denen man noch bis vor kurzem geglaubt hatte, dass eine Dame sie nicht einmal kannte, und sich mit einem verheirateten Brodwaystar amüsierte, der zu allem Überfluss auch noch dunkelhäutig war. Noras Eltern waren entsetzt, aber sie konnten nichts tun. Ihre Tochter stellte sich gegenüber ihrer Bitten und Vorwürfen taub. Von klein auf hatte sie den Wünschen ihrer Eltern entsprochen und hatte sich als erwachsene Frau den Erwartungen ihrer Schwiegereltern untergeordnet und die Misshandlungen ihres Ehemannes ertragen. Seit sie begriffen hatte, dass sie das nur unglücklich gemacht hatte, tat sie grundsätzlich das Gegenteil von dem, was von ihr erwartet wurde." (478)

Mir ist Nora von ihren Ansichten her recht sympatisch. Diese gesellschaftlichen Sitten und Gebräuche, die die Wünsche von Frauen hintenanstellen ließen, kannte man eigentlich nicht von Amerika, sondern eher von ganz anderen Ländern, die wir als rückständig bezeichnen... .

Mirellas Mann Nick zeigte erst auch wenig Verständnis für ihre beruflichen Pläne und für ihren Ehrgeiz. Erst der Einzug in den Krieg, die Ausweisung nach Europa, stellte der Leutnant Nick seine kritischen Ansichten zu seiner Frau unter einem ganz anderen Licht. Die zeitliche und die räumliche Distanz brachte ihn durch den Krieg zu neuen Erkenntnissen. Er befindet sich gerade im Lazarett, um nach seinen verletzten Soldaten zu schauen. Dabei bewundert er die Arbeit der vielen Roten-Kreuz-Schwestern und kommt mit einer ins Gespräch:
"Wenn ich Ihnen und den anderen Schwestern zusehe, wie Sie sich unermüdlich um die Verwundeten kümmern, oder wenn ich an Mirella denke, die dieselbe Salbe herstellt, die Narben heilt und Entstellungen mildert, dann wird mir klar, dass wir Männer in diesem Krieg alles zerstören, während die Frauen helfen und heilen. Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn nicht wir Männer, sondern Frauen die Geschicke der Welt lenken würden. (…) Ich meine es ernst. Ich war oft dagegen, dass Mirella Geld verdient. Aber ihr Schönheitssalon und ihre Cremes fügen niemanden Schaden zu. Sie bringen niemanden um oder machen ihn zum Krüppel." (…)Und wieder dachte Nick, dass Frauen die Grausamkeiten dieses Krieges linderten, während Männer ihre ganze Kraft einsetzten, um zu töten und zu zerstören. (496 f)
Leider habe ich dazu eine ganz andere Sichtweise. Viele Frauen sind auf eine ganz andere Weise grob und zu Unruhestifterinen geneigt. Hätte man sie wie Männer erzogen, so würden auch Frauen in den Krieg ziehen und Menschen morden.

Dass Kriege große Schäden anrichten, dass Kriege absurd und sinnlos sind, das liest man auch bei dieser Autorin:
"Am 11. November 1918 ging nach über vier Jahren der Krieg zu Ende, in dem zweiunddreißig Länder rund um den Erdball verstrickt gewesen waren und der siebzehn Millionen Menschenleben gefordert hatte. New York feierte den Sieg für  >>Freiheit, Recht und Gerechtigkeit<<, wie Präsident Wilson es nannte, als er vor dem Kongress die Nachricht von der Kapitulation Deutschlands verlas." (513)

Mein Fazit

Mir hat insgesamt gut gefallen zu lesen, wie die Frauen es schaffen, für ihre Ideale einzustehen und dafür zu kämpfen. Auch die Frauenfreundschaften finde ich schön, wie sie in dem Buch gelebt werden. Nicht oberflächlich, sondern verantwortungsbewusst.

Das Buch erhält von mir wegen der am Anfang erwähnten kritischen Betrachtungen sieben von zehn Punkten. Leider kann man das Buch nur noch antiquarisch erwerben. Amazon hält noch ein paar gebrauchte Restexemplare bereit. Das Buch wurde nach der ersten Auflage nicht mehr wieder aufgelegt. Weitere Bücher von der Autorin sind auch nicht zu beziehen.
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Donnerstag, 14. November 2013

Timur Vermes / Er ist wieder da



Klappentext

Sommer 2011. Adolf Hitler erwacht auf einem leeren Grundstück in Berlin-Mitte. Ohne Krieg, ohne Partei, ohne Eva. Im tiefsten Frieden, unter Tausenden von Ausländern und Angela Merkel. 66 Jahre nach seinem vermeintlichen Ende strandet der Gröfaz in der Gegenwart und startet gegen jegliche Wahrscheinlichkeit eine neue Karriere - im Fernsehen. Dieser Hitler ist keine Witzfigur und gerade deshalb erschreckend real. Und das Land, auf das er trifft, ist es auch: zynisch, hemmungslos erfolgsgeil und auch trotz Jahrzehnten deutscher Demokratie vollkommen chancenlos gegenüber dem Demagogen und der Sucht nach Quoten, Klicks und "Gefällt mir"-Buttons. Eine Persiflage? Eine Satire? Polit-Comedy? All das und mehr: Timur Vermes' Romandebüt ist ein literarisches Kabinettstück erster Güte.




Autorenporträt
Timur Vermes wurde 1967 als Sohn einer Deutschen und eines 1956 geflohenen Ungarn geboren, studierte in Erlangen Geschichte und Politik und wurde dann Journalist. Er schrieb für die "Abendzeitung" und den Kölner "Express" und arbeitete für mehrere Magazine. Seit 2007 veröffentlichte er als Ghostwriter vier Bücher, zwei weitere sind in Vorbereitung.


Buchbesprechung 

Da ich das Buch parallel gelesen habe, und zwar dienstlich in meiner Literaturgruppe, habe ich mir nicht so viel notiert und gebe hier nur im Kurzen meine Gedanken wieder.

Am Anfang des Buches fanden wir das Buch total lustig und mussten fast Tränen lachen. Es gleicht an vielen Stellen einer Satire... . Hitler, der wieder auftaucht, plötzlich von jetzt auf gleich, und kann nicht sofort realisieren, dass er sich in einer anderen Epoche befindet. Er kommt mit der entwickelten Technologie nicht zurecht (TV, PC, PC-Maus u.v.m.). Andersherum die Bevölkerung kommt mit Hitler nicht klar und jeder glaubt, er sei nur Schauspieler, der seine Rolle gut einstudiert habe... .
Es stellten sich uns auch Fragen, wie z.B. ob Hitler es schaffen wird, mit dem neuen Deutschland zurechtzukommen, und erneut sein Ziel verfolgen wird, Menschen, die nicht in sein Deutschlandbild passen, zu verfolgen, um sie auszurotten? Wir stellten mehrere Hypothesen auf:

Ja, Hitler, wird es schaffen, das Volk wieder für sich zu gewinnen...
Nein, Hitler wird es nicht noch einmal schaffen, das Volk für sich zu gewinnen... . Das Volk habe aus der Vergangenheit gelernt.

Ich war für die erste Hypothese... .

Später wurde das Buch immer langweiliger. Wir fanden es nicht mehr so lustig, nicht, weil das Thema ein komisches, ernstes sein sollte, nein, von der Art her, wie es weiter aufgebaut wurde. Jede Menge Luftblasen.... Hitler & Co hatte uns nur noch gelangweilt. Viele MitleserInnen konnten sich später nicht mehr so recht auf den Inhalt konzentrieren. Im Buch wurde viel zu viel rumgelabert, ohne dass politisch wirklich etwas geschehen ist.

In der Presse hat das Buch auch nicht wirklich gut abgeschnitten... . Ich weiß aber nicht mehr, aus welcher Zeitung ich die Kritik entnommen habe. Normal lasse ich mich von öffentlichen Meinungen nicht so sehr beeindrucken und bilde mir oft meine eigene Meinung. Aber in diesem Fall mache ich mal eine Ausnahme, indem ich meine Meinung mit der von der Presse gerne vergleiche... .

Den Schluss fand ich ein wenig nachdenklich und diskussionswürdig. Ich würde gerne noch etwas darüber schreiben, aber ich möchte nicht so viel Spannung vorwegnehmen.
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