Montag, 12. Februar 2018

Lilli Beck / Glück und Glas (1)

Glück und Glas: Roman
Wie schön, jeden Sonntagabend beende ich ein Buch.

Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre
                                           
Die Autorin hat mich mit ihrem Buch erfreut. Wie war das noch mal mit dem trivialen Titel?, siehe Buchvorstellung aus dem letzten Posting. Mir gefällt der Titel zwar noch immer nicht, aber aus dem Kontext erschließt sich, weshalb die Autorin diese Bezeichnung gewählt hat. Sicherlich hätte man dasselbe mit einem anderen Titel ausdrücken können, denn gleich zu Beginn der Lektüre wusste ich auch ohne den Kontext, was Lilly Beck damit sagen wollte. Aber ich beuge mich dem Willen der Autorin dadurch, weil alles andere richtig stimmig war. Allerdings waren recht viele Schreibfehler zu finden. Auf einer Buchseite waren es gleich drei, auf anderen Seiten 1 bis 2 Schreibfehler. Diese sind aber dem professionellen Lektorat des Verlages anzulasten und man sich die Frage als Leserin stellt, ob die Manuskripte eher quer gelesen werden?

Wer von dem Inhalt nur wenig erfahren möchte, diejenigen können diese Passagen Worum geht es in diesem Buch? überspringen.

Zum Schreibkonzept
Ich fand die Struktur, die die Autorin gewählt hat, genial. Das Buch beinhaltet 58 Kapitel. Auf den ersten Seiten ist ein kleiner Vorspann abgedruckt, in dem man historisch in das Jahr 1969 versetzt wird. Die beiden Protagonistinnen Moon und Lore waren zu dieser Zeit erwachsene junge Frauen. 

Das erste Kapitel führt uns in die Gegenwart, 7. Mai 2015, zum 70. Geburtstag der beiden Frauen. Moon bereitet den Geburtstag vor, den sie zusammen mit Lore feiern wird.

Im zweiten Kapitel wird man wieder in die Geschichte geführt, 7. Mai 1945. Beide Mädchen werden geboren, als der Krieg in Deutschland am 8. Mai mit der Kapitulation zu Ende geht.

Drei Jahre später, 1948, drittes Kapitel.

Im vierten Kapitel befindet man sich erneut in der Gegenwart, Fortsetzung der Erzählung aus dem zweiten Kapitel ...

Und so setzt sich der Erzählstoff bis zum Ende fort und am Schluss wird das Ganze richtig rund. Der Roman endet, wo er mit dem ersten Kapitel angefangen hat. Diese Erzählstruktur fand ich wunderschön.

Der Inhalt / Worum geht es in diesem Buch?
Die Handlung spielt in München. Der Roman behandelt nicht nur die Nachkriegszeit, sondern alle historischen Epochen bis in die Zeit der Gegenwart.
  •        Das Wirtschaftswunder bis Ende der 1970er Jahre
  •       1961 Bau der Berliner Mauer
  •       1968 Jugendrevolte der 68er-Bewegung
  •       1970er Jahre Terroristische Anschläge
  •       1980er Jahre aus dem Wirtschaftswunder wird ein Wirtschaftsabfall, dadurch
  •        hohe  Arbeitslosigkeit
  •       1989 Fall der Berliner Mauer
  •       1990erJahre Beginn des digitalen Zeitalters
     Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden viele Menschen obdachlos, da deren Häuser verschüttet lagen. Die Regierung konnte sich nicht um alle Menschen kümmern, und so waren viele auf sich allein gestellt. Elsa Neubauer ist hochschwanger und sie wusste nicht wohin, als sie sich selbst in eine Klinik in München einweist und dort ihr Mädchen Marion zur Welt bringt.

In der Klinik lernt sie schicksalshaft Hilde Lemberg kennen, die am selben Tag auch ein Mädchen geboren hat, die den Namen Hannelore erhält. Elsa ist mit dem Kind alleine, da der Mann sich im Krieg befindet. Sie schildert Hilde ihr Unglück, als Hilde darauf mehr als empathisch reagiert. Sie bietet Elsa an, mit dem Säugling bei ihr einzuziehen, da sie ein Haus besitzt und genügend Räume zur Verfügung stehen hat. Hilde lebt in einer Villa zusammen mit ihrem Mann und ihren Eltern. Damit sich Elsa nicht wegen ihrer Not genieren muss, durfte sie als Gegenleistung für die Familie kochen, nähen und Hausarbeiten verrichten ...

Und so wachsen die beiden Mädchen, Kurznamen Moon und Lore, zusammen auf.

Moon ist rothaarig, Lore schwarzhaarig. Warum ich dies erwähne, weil die Haarfarbe von Moon eine große Rolle in ihrem weiteren Leben spielen wird. Wegen der roten Haare wird sie vom Vater abgelehnt, in der Schule von den MitschülerInnen und den LehrerInnen diskriminiert, und im Beruf später eher präferiert … In der Modelbranche und in der Tanzbar wirken rote Haare auf Männer sexuell anziehend …

Außer dem Geburtsdatum haben die beiden Mädchen erst mal nichts gemeinsam. Sie trennen die wirtschaftliche, die soziale und die gesellschaftliche Herkunft. Während die Neubauer mittellos sind, sind die Lembergs vermögend. Vater Lemberg betreibt erfolgreich eine Schuhfabrik. Während Lore in Liebe und in Geborgenheit aufwächst, wächst Moon eher in einer kalten Familie auf, wobei Moons Mutter ihr positiv zugewandt ist. Auch in der Schule machen sich die Unterschiede breit. Lore wird von den LehrerInnen ganz anders gefördert, während Moon sich in der Schule als ein Arbeiterkind durchbeißen muss. Lore schafft es ins Gymnasium, Moon geht auf die Volksschule, die sie später mit einem schlechten Abschluss verlassen wird, auch, weil Moons Vater eine Klassenwiederholung ablehnt. Er bezeichnet seine Tochter als faul und ist nicht willig, das ungerechte System in der Schule zu durchschauen …  

Die gravierenden Nöte in Deutschland waren bis zum Ende der 50er Jahren noch lange nicht überwunden … Überteuerte Lebensmittel, es gab noch immer nicht genug Wohnraum, und auch die Heizmittel waren knapp. Moon litt gewaltig unter diesen Nöten, sodass sie den Wunsch äußerte, wenn sie erwachsen sei, wolle sie schnellstmöglich reich werden, um nie wieder einen Mangel dieser Art erleiden zu müssen …

Zwischen Moon und Lore hat sich eine geschwisterähnliche Freundschaft entwickelt, die auch dann noch Bestand hatte, als ihre Wege sich trennten. Moon träumte von Paris und wollte unbedingt Näherin und damit verbunden Modedesignerin werden. Lore entwickelte so etwas wie Gerichtigkeitsempfinden und wollte nach der Schule unbedingt Jura studieren.

Auf einer politischen Veranstaltung lernt Lore 1968 einen Mann kennen, der im höheren Semester Jura studiert. Dieser Mann, Robert, aus gutem Hause, beeinflusst bewusst oder unbewusst nicht nur Lores Leben. Er tritt auch in Moons Leben ein. Robert, ein Macho, der es gewohnt ist, zu bekommen, was er möchte. Zudem mag er keine karrierebewussten Frauen …

Wie sich diese Wege der beiden jungen Mädchen weiter entwickeln werden, ob sie ihre Ziele erreicht haben, ihre Träume verwirklichen konnten, und wie sie beide in die Jahre kommen, diese Details sind dem Buch zu entnehmen. Es wird auf jeden Fall sehr spannend.  Längst habe ich nicht alle Themen hier in meiner Besprechung aufgeführt.

Abschließende Meinung
Mich haben der Klappentext und das Buchcover angesprochen, sodass ich mich von dem Buchtitel nicht so sehr habe beeinflussen lassen. 
Ein wunderschöner Roman über eine tiefe Freundschaft und über den Zusammenhalt in einer schweren Zeit. Aber nicht alles geht glatt auf. Man bekommt es noch mit vielen Ungereimtheiten zu tun, wie es nun mal auch im wahren Leben so ist. 

Es gab keine einzige Buchseite, die mich gelangweilt hätte. Die Befürchtung, es könnte ein schnulziger Roman werden, hat sich glücklicherweise nicht bestätigt. Ich fand den Stoff anspruchsvoll.

Und erst am Schluss zeichnen sich zwischen diesen beiden Frauen Gemeinsamkeiten ab. Anfangs hatte man den Eindruck, dass Lore es aufgrund ihrer Herkunft einfacher im Leben hat. Aber auch Lore musste stark für ihr Leben einstehen, und vieles als Frau hinnehmen, um den Erwartungen des Lebenspartners gerecht zu werden. Beide zahlten mit ihrem Leben, für das sie sich entschieden haben, ihren Preis. Am Ende findet zwischen den beiden Frauen eine Aussprache statt, die auch ich als Leserin sehr genossen habe.

Zum Buchcover
Schade, dass auf dem Cover die Unterschiede der beiden Mädchen nicht sichtbar gemacht worden sind. Rote Haare und schwarze Haare passen wohl nicht in die Vorstellung des künstlerischen Betrachters. Denn dort wirken sie eher als hätten beide Mädchen mittelblonde Haare. 

Mein Fazit?
Supergut recherchiert, sehr gut und authentisch geschrieben. Ein Buch, das von Seite zu Seite immer neugieriger stimmt. Dadurch, dass die Autorin teilweise Autobiografisches hat mit einfließen lassen, spürt man deutlich, dass sie manche Episoden aus ihrer eigenen Erfahrung kennt.

Ein Buch, in dem so viel Weisheit steckt.

Meine Bewertung?
2 Punkte: Sprachlicher Ausdruck (Anspruchsvoll, keine saloppe Schreibweise)
2 Punkte: Differenzierte Charaktere
2 Punkte: Authentizität der Geschichte
2 Punkte: Fantasievoll, ohne dass es kitschig oder zu sentimental wirkt
2 Punkte: Frei von Stereotypen, Vorurteilen, Klischees und Rassismus
2 Punkte: Cover und Titel stimmen mit dem Inhalt fast überein

12 von 12 Punkten

Weitere Informationen zu dem Buch

Ich möchte mich recht herzlich beim Verlag Blanvalet für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar bedanken. 

·         Taschenbuch: 512 Seiten
·         Verlag: Blanvalet Taschenbuch Verlag (18. September 2017)
·         Sprache: Deutsch
·         ISBN-10: 373410470X

Und hier geht es auf die Verlagsseite von Blanvalet.
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Wenn du nichts Gutes über einen Menschen sagen kannst, sag gar nichts.
(Lilli Beck)

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Kommentare:

monerl hat gesagt…

Liebe Mira,

deine Besprechung macht so große Lust, sofort das Buch zu lesen! Ich habe es ja Gott sei Dank schon in meinem Regal! Nun werde ich es bewusst herausnehmen und versuchen, in nächster Zeit zu lesen. Ich habe es als eines der Bücher #GegenDasVergessen gelistet und deshalb ist es sowieso bereits in meinem Lesefokus.

Auch mich hat das Cover angesprochen und ich höre immer nur Gutes über die Autorin, die mir über FB auch sehr freundlich und offen rüberkommt. Umso erfreuter bin ich, dass du das Buch nicht als Trivialliteratur abgestempelt hast und freue mich, dass wir wieder ein Buch mehr haben, das unser gemeinsame Interesse geweckt hatte. :-)
GlG vom monerl

Mirella Pagnozzi hat gesagt…

Liebe Monerl,
das Buch wird dir sicher gefallen und ich bin sehr neugietig auf deine Meinung und über den Austausch. Ich hatte erst ganz viel geschrieben, um die Geschichte dadurch besser zu verarbeiten, aber dann habe ich einiges gekürzt, um nicht so viel auszuplaudern. Von dem Verlag Blanvalet habe ich bisher nicht so viel gelesen, gerademal zwei Bücher, und beide Bücher fand ich klasse. Werde nun meine Augen zu diesem Verlag offen halten.
LG, Mira