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Samstag, 6. Mai 2017

Mirellas Leseprojekte

In meiner mittlerweile fünfjährigen Bloggerkarriere habe ich ein paar Leseprojekte veranstaltet, habe mir aber nie ein Label dazu angelegt. Dies noch nachträglich aufzuholen, wäre sehr zeitaufwendig, da sich mittlerweile sehr viele Bücher angehäuft haben. Deshalb habe ich überlegt, mir nun eine Liste zu erstellen, auf der alle meine Leseprojekte festgehalten sind, damit sie nicht versanden. Anfangs hatte ich noch keine Blogerfahrung, ich konnte noch nicht wissen, welche Schwerpunkte sich mir beim Lesen ergeben würden. Viele AutorInnen kannte ich zwar schon, aber viele kannte ich auch nicht. Wenn ich von gewissen AutorInnen sehr angetan war, hatte ich beschlossen, mir so viele Bücher wie nur möglich von diesen anzuschaffen und sie auch zu lesen. 

Porträt: https://de.wikipedia.org/wiki/Marcel_Proust#/media/File:Marcel_Proust_1900.jpg

Nun habe ich diese Liste doch gestückelt. Hier auf dieser Seite geht es um Marcel Proust. 

Marcel Proust


Gelesen habe ich:
  1. Unterwegs zu Swann (1)
  2. Im Schatten junger Mädchenblüten (2)
  3. Guermantes (3)
  4. Sodom und Gomorrha (4)
  5. Die Gefangene (5) 
  6. Die Flüchtige (6)
  7. Die wiedergefundene Zeit (7)
Mit diesem Leseprojekt habe ich nun auch den siebten Band ausgelesen.  Bisher konnte ich Proust am besten nur in Zeitlupe lesen, nur gaanz langsam. Und am besten, wenn ich Urlaub hatte. Dann schotte ich mich ab und tat fast nichts anderes, als Proust zu lesen. Aus mir wurde trotzdem keine Proustianerin, ordne mich also als Leserin auch nicht der Proust-Zunft an. Ich habe nämlich Proust gegenüber eine sehr kritische Haltung eingenommen, wie man sie aus meinen Buchbesprechungen entnehmen kann. Der fiktive Marcel in den Büchern ist mir schier unsympathisch. Zum Leidtragen der vielen Proust-LiebhaberInnen unter uns, aber auch unter manchen SchriftstellerInnen, wie z. B. Virginia Woolf, die sehr von ihm angetan war. Prousts Einstellung und der Umgang zu Frauen hat mir nicht behagt, außerdem war er für mich ein überbehütetes Muttersöhnchen, der mit seiner Arroganz und seiner Überheblichkeit auch seine Großmutter so manches Mal missmutig gestimmt hat. Marcel, Sozialkritiker in der aristokratischen Klasse, immer darauf aus, andere Menschen zu beobachten und zu kritisieren. Er saugt und verschlingt die Menschen regelrecht in sich ein, um dies mal mit einem Bild auszudrücken, wie ich ihn literarisch wahrgenommen habe ... Er lauert sogar manchen Menschen auf, spioniert und läuft ihnen nach (Stalking), stellte sich unter das Fenster bei einer seiner Hauptfiguren, um herauszufinden, ob diese homosexuellen Praktiken nachgingen, und auch aus Gründen der Eifersucht. Dieser Marcel hat aber viel zu wenig sich selbst in Frage gestellt. Mir kommt er stark neurotisch vor ...

Zu Marcel Proust hatte ich zudem neben seinen Werken auch jede Menge Sekundärliteratur gelesen, aber sympathischer ist er mir dadurch auch nicht geworden. Es gibt sogar ein Marcel-Proust-Lexikon :-).

Die Proust-AnhängerInnen müssen sich damit abfinden, dass es auch Proust-GegnerInnen gibt. Zu gerne hätte ich gewusst, welche Haltung eine Alice Schwarzer Proust gegenüber gehabt hätte. Es gibt eine skandalöse Szene Marcels mit einem kleinen Mädchen, fünf Jahre alt, die bei den Eltern, zu Recht, für Empörung gesorgt hat, und sie Marcels unsittliches Verhalten gegenüber dem Kind zur Anzeige gebracht haben.

Mit dem Übertitel Auf der Suche nach der verlorenen Zeit habe ich mich anfangs dermaßen inspiriert gefühlt, dass ich die Bücher einfach haben und sie lesen musste. Doch meine Anfangseuphorie ist mittlerweile stark abgeschwächt.

Alle sieben Bände sind dem Genre fiktive Autobiografien einzuordnen. Allerdings habe ich auch ein paar Biografien zu Prousts Leben gelesen und vieles fand ich in seinen Romanen wiedergespiegelt. Vor allem das Familiäre, die besondere Beziehung zu weiblichen Bezugspersonen, Mutter und Großmutter, und auch diverse Charaktereigenschaften jener Personen, sich miteingeschlossen, fand ich in seinen Romanen wieder.

Da ich mehr als vier Jahre gebraucht habe, diese mittlerweile sieben Bände zu lesen, befinden sich nicht alle Buchbesprechungen hier auf meinem Blog.

Auf meinen Blogseiten werden die Bände vier, fünf, sechs und sieben besprochen.


Wie geht es nun weiter mit meinem Marcel Proust-Lese-Projekt? 

Irgendwie lässt mich Marcel Proust nicht mehr los. Der siebte Band hat mich mit ihm ausgesöhnt. Am liebsten würde ich mit dem ersten Band wieder von vorne beginnen. Nun hat mich eine Bücherfreundin namens Renate auf die Hörbuchfassung aufmerksam gemacht. Ich habe diese auf dem Bloggerportal finden und probehören können. Sie klingt wirklich vielversprechend. Hier der Link, der zu den MP3-CDs führt.

Des Weiteren habe ich noch die beiden Bände mit Proust-Briefen im Regal stehen, die im letzten Herbst im Suhrkamp-Verlag herausgekommen sind. Und eine Biografie, die mit ihren mehr als tausend Seiten sehr umfangreich ist, habe ich mir auch noch angeschafft, sodass das Leseprojekt weitergeführt werden kann. 


Hier der Link, der zur Suhrkamp-Verlagsseite führt.

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                                                                              06.05.2017
Ich habe nun mit den Briefen begonnen, viel mehr habe ich aus dem ersten Band erst die Chronologie geschafft, die relativ umfangreich ist. Die Briefe daraus beginne ich nächste Woche mit meiner Lesepartnerin Anne-Marit zu lesen. Aus der Chronologie konnte ich viel Interessantes entnehmen, ein paar wenige Fakten möchte ich auch hier festhalten, Weiteres ist meiner separaten Buchbesprechung zu entnehmen.

Wie den meisten bekannt ist, ist Marcel Proust Asthmatiker gewesen. Dadurch hat er permanent den Tod vor Augen gehabt, musste jede Menge Anfälle über sich ergehen lassen. Solche Asthmaanfälle sind schon erschreckend, wenn man sich vorstellt, dass einem die Luft wegbleibt und man zu ersticken droht. Durch seine Atemwegserkrankung ist Proust tatsächlich nicht alt geworden. Er starb mit 51 Jahren (1871-1922).
Als er noch lebte, quälte ihn die Sorge, er würde vorzeitig sterben, ohne seine Recherche beendet zu haben. Außerdem hatte er Angst, seine vielen Briefe, die teilweise sehr persönlich sind, würden veröffentlicht werden, kaum dass er tot sei. Ich denke mir dabei, dass er selbst die Wahl hatte. Er hätte die Briefe vor seinem Tod verbrennen können. Aber er tat das nicht, also stand er einer Veröffentlichung ambivalent gegenüber.

Worunter er noch litt, war sein Ruf. Nicht wenige bezeichneten ihn als einen Snob. Darüber musste ich so schmunzeln, denn auch ich zähle mich zu den Leser*innen, die ihn für arg blasiert hielten, siehe im oberen Text. Interessant, dass ich mit dieser Charakterisierung nicht alleine dastehe.

Sorgen bereitete ihm auch, dass die Leser*innen zwischen dem fiktiven und dem realen Marcel nicht unterscheiden könnten. Diese Sorge ist berechtigt, denn ich selbst stellte mir wiederholt die Frage, weshalb Proust dem Protagonisten aus der Recherche den selben Vornamen verpasst hatte? Nicht nur die Leser*innen sind vor diese Herausforderung gestellt, die beiden Marcels auseinanderzuhalten. Auch er, Marcel Proust, der Vater des fiktiven Marcels, muss selbst vor dieser schweren Aufgaben gestanden haben, beide Marcels auseinanderzuhalten. Wie kann er einen fiktiven Marcel kreieren und gleichzeitig Abstand gewinnen zwischen den beiden gleichen Namensträgern?

In seinen siebenbändigen Büchern gibt es sehr wohl Parallelen zu seinem eigenen Leben. Dies zeigt mir, dass es ihm nicht gelungen ist, sich als realer Marcel von dem fiktiven Marcel zu distanzieren. Warum aber war es ihm so wichtig, seinem Protagonisten seinen Namen zu verpassen? Vielleicht gibt es in den Briefen eine Antwort dazu, denn er muss sich ja etwas dabei gedacht haben.


Donnerstag, 4. Mai 2017

Marcel Proust / Briefe 1879 - 1913 (BD 1 von BD 2)

Lesen mit Anne

Herausgegeben von Jürgen Ritte. 

Aus dem Französischen von Jürgen Ritte, Achim Russer und Bernd Schwibs.

Klappentext
Das Panorama einer ganzen EpocheMarcel Proust war ein äußerst produktiver Briefschreiber. Für den Dichter, der häufig ans Bett gefesselt war, trat der Brief oft an die Stelle des persönlichen Gesprächs. In seinen Korrespondenzen erleben wir den Autor von den verschiedensten Seiten: als Schriftsteller, der mit seinem Verleger bis buchstäblich zum letzten Atemzug um jede Zeile seines Werkes kämpft. Als mutigen Literaten, der im Skandalprozess um den jüdischen Hauptmann Dreyfus früh das Wort ergreift und sich für den zu Unrecht Verurteilten einsetzt. Als Muttersohn und als Werbenden in homoerotischen Freundschaften. Immer wieder brilliert Proust auch als witziger Erzähler mit Blick fürs skurrile Detail. Wie er sich verzweifelt gegen Handwerkerlärm aus der Nachbarwohnung zur Wehr setzt oder auf groteske Finanztransaktionen einlässt, gehört zu den amüsantesten Aspekten dieser Korrespondenz.Diese erste umfassende deutsche Briefausgabe mit ihren annähernd 600 Briefen an Freunde, an die Mutter, an Schriftstellerkollegen, Gesellschaftsmenschen, Kritiker und Verleger dokumentiert aus Prousts unzensiert-privater Sicht seine ganze Entwicklung von den frühen literarischen Fingerübungen bis hin zur Vollendung der Recherche. Einleitung, ausführliche Stellenkommentare, Zeittafel, Kurzporträts aller Briefempfänger und Register erschließen die Briefe und damit das faszinierende Panorama einer ganzen Epoche.

 Autorenporträt
Marcel Proust wurde am 10. Juli 1871 in Auteuil geboren und starb am 18. November 1922 in Paris. Sein siebenbändiges Romanwerk Auf der Suche nach der verlorenen Zeit ist zu einem Mythos der Moderne geworden.Eine Asthmaerkrankung beeinträchtigte schon früh Prousts Gesundheit. Noch während des Studiums und einer kurzen Tätigkeit an der Bibliothek Mazarine widmete er sich seinen schriftstellerischen Arbeiten und einem – nur vermeintlich müßigen – Salonleben. Es erschienen Beiträge für Zeitschriften und die Übersetzungen zweier Bücher von John Ruskin. Nach dem Tod der über alles geliebten Mutter 1905, der ihn in eine tiefe Krise stürzte, machte Proust die Arbeit an seinem Roman zum einzigen Inhalt seiner Existenz. Sein hermetisch abgeschlossenes, mit Korkplatten ausgelegtes Arbeits- und Schlafzimmer ist legendär. In Swanns Welt, der erste Band von Prousts opus magnum, erschien 1913 auf Kosten des Autors im Verlag Grasset. Für den zweiten Band, Im Schatten junger Mädchenblüte, wurde Proust 1919 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet. Die letzten Bände der Suche nach der verlorenen Zeit wurden nach dem Tod des Autors von seinem Bruder herausgegeben.
Anne und ich lesen das Buch in Etappen, da man unmöglich mit Anhang 700 Seiten Briefe lesen kann. Wir lesen parallel noch ein weiteres Buch. 



Weitere Informationen zu dem Buch

Quelle des obigen Bildmaterials.

D: 78,00 € 
A: 80,20 €
CH: 105,00 sFr
Erschienen: 12.09.2016
Leinen, 1479 Seiten
ISBN: 978-3-518-42540-4

Und hier geht es erneut auf die Verlagsseite vom Suhrkamp.


Montag, 6. März 2017

Marcel Proust / Auf der Suche nach der verlorenen Zeit (BD7) (1)

Die wiedergefundene Zeit

Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre

Ich habe es nun geschafft; ich bin durch mit Proust. Alle sieben Bände, und der siebente Band war aus meiner Sicht gesehen der beste. Ich habe so viele Blättchen zwischen den Seiten kleben, dass ich schauen muss, für welche Themen ich mich entscheiden werde …

So sprachgewaltig, mit so vielen philosophischen Gedanken, mit so vielen Bildern, in die Proust seine Gedanken hineingepackt hat, bin ich in diesem Band konfrontiert und bereichert worden. Der Marcel, der Icherzähler, wirkt auf mich viel reifer, der endlich auch mal in der Lage ist, sich selbstkritisch zu hinterfragen ...

Auch hier erlebte ich den Icherzähler Marcel als einen großen Leser verschiedenartiger belletristischer Literatur, V. Hugo, H. Balzac , etc. Er schreibt selbst auch literarische Artikel für den Figaro, wobei der Figaro nicht wirklich ein anspruchsvoller Zeitungsverleger ist, und zu vergleichen ist er heutzutage mit der deutschen Bildzeitung. Interessant fand ich aber, dass dieser Marcel die Figuren aus seinen gelesenen Büchern immer mit irgendwelchen Leuten verband, die er charakteristisch aus seinem Personenkreis her kannte. Dies erinnerte mich an meine eigene Lesezeit in meinen zwanziger Jahren. Auch ich verband fiktive Figuren aus den Romanen mit Personen aus meiner Lebenswelt, auf die ich herabschaute. Das hat sich glücklicherweise gewandelt, bin aus meiner eigenen inneren Blasiertheit herausgewachsen. 😈

Dieser Marcel hat auch in diesem Band nicht aufgehört, andere mit Worten zu zeichnen. Robert Saint-Loup und der Madame Guermantes hatte er nicht nur einen spitzen Vogelschnabel verpasst, nein, auch in Gefieder steckte er sie … Ich musste so lachen. Bloß keinen Proust begegnen, er porträtiert jeden Menschen mit einer peinlichen Visage ...

Aber diese Bilder finde ich trotzdem wunderschön, s. u. und sie charakterisieren exakt bestimmte Figuren im Roman.
(…) und wenn sich dieser zu einem Vogel gewordene Lichtschimmer in Bewegung, in Aktion setzte, wenn ich zum Beispiel Saint-Loup aus einer Soiree erscheinen sah, die ich selbst besuchte, hatte er eine Art, den mit dem goldenen Reiherbusch seines etwas gelichteten Haars gekrönten Kopf seidenweich und stolz aufzurecken und Halsbewegungen zu machen, die weit geschmeidiger, anmaßender und koketter waren als solche, wie Menschen sie zeigen, dass man sich in einer Mischung aus Neugier und halb mondän, halb zoologisch bestimmter Bewunderungen bei seinem Anblick fragte, ob man sich im Faßberg Saint-Germain oder im Jardin des Plantest (zoologischer Garten, Anm. d. Verfasserin) befinde, ob man einen vornehmen Herren oder einen Vogel einen Salon durchqueren oder in seinem Käfig promenieren sehe. Diese ganze Rückkehr jedoch zu der gefiederten Eleganz der Guermantes mit dem spitzen Schnabel und den stechenden Augen wurde für sein neues Laster nutzbar gemacht, indem er sich ihrer bediente, um eine gewisse Haltung aufrechtzuerhalten. (…) Mit etwas Fantasie könnte man den Gesang nicht minder als das Gefieder auf diese Weise deuten. (16)

Mittlerweile sind die Figuren alle älter geworden, und einige vertraut gewordene Namen findet man am Grabstein wieder … Vereinzelt aber sind Figuren im Zweiten Weltkrieg gefallen, im Kampf zwischen Frankreich und Deutschland.

Man findet hier nochmals ein paar wenige Szenen zu Marcels früherer Geliebten Albertine, die ihn damals verlassen hatte, und er sich soweit verändert hat, dass er es nicht mehr nötig habe, Madame Bontemps Geld anzubieten, damit Albertine wieder zu ihm zurückfinden würde. Wieder eine Szene, in der Marcel sich Frauen mit Geld zu erkaufen versuchte. Nun sei er aber ein anderer geworden, und er von dieser Liebe sich mit der Zeit als geheilt betrachten konnte.

Auf den ersten zweihundert Seiten stehen die Kriegsthemen im Vordergrund. Marcel wurde nicht einberufen, da er Asthmatiker ist. Die Unmenschlichkeit des Krieges wird auch hier deutlich gemacht, auch wenn eine Regierung gefallene Soldaten zu Helden auszeichnet ... In Frankreich war es verboten, bei gefallenen Soldaten Trauerkleider zu tragen, sonst wurden, vor allem bei jungen Soldaten, die Eltern von der Trauerfeier ausgeschlossen.
Wenn ihm (dem Vater, Anm. d. Verfasserin) auch der General sagte, es sei alles für Frankreich und sein Sohn habe sich wie ein Held bewährt, schlug der arme Mann, der sich von dem Leichnam seines Sohnes gar nicht trennen konnte, daraufhin nur umso mehr. Schließlich -und deshalb muss man sich an dieses >keiner kommt hier durch< und so weiter gewöhnen - haben doch eben alle diese Leute (…) die Deutschen am Durchkommen gehindert. Du findest vielleicht, dass wir selbst nicht recht vorankommen, aber man darf nicht nach Vernunftgründen gehen, denn eine Armee fühlt sich siegreich aufgrund einer inneren Einsicht (...) Wir aber wissen, dass wir den Sieg erringen werden, und wir wollen es auch, um einen gerechten Frieden zu diktieren, ich meine damit nicht nur, gerecht für uns, wahrhaft und wirklich gerecht für die Franzosen, sondern auch für die Deutschen gerecht. (91)

Wie kann ein Krieg dies leisten? Aber ich finde den Gedanken nicht schlecht, wobei Marcels Haltung nicht immer klar ist. Manchmal zeigt er patriotische Züge und manchmal scheint er davon losgelöst zu sein. Manchmal verachtet er Kriegsverweigerer, die sich nicht für das Vaterland einsetzen, und manchmal zeigt er Verständnis.

Was in diesem Band erhalten ist, sind die vielen Intrigen und Geläster innerhalb jener gehobenen Gesellschaft. Bestimmte Figuren haben sich weiterhin das Maul über Homosexuelle aufgerissen und den Ruf vor allem von Monsieur de Charlus in Misskredit gebracht und damit Schaden angerichtet. Besonders Madame Guermantis und Madame Verdurin waren ganz versessen darauf, über andere Menschen zu lästern. Gegenüber Monsieur de Charlus nahmen die Lästereien durch den Ausbruch des Krieges eher zu, da Charlus Mutter eine aus Bayern stammende Herzogin sei. Aber das fuchste de Charlus nicht, er war sich selbst genug, als dass er sich die Laune habe verderben lassen.

Marcel, der sonst an den Lästereien auch immer beteiligt gewesen war, denn, auch er litt an Vorurteilen gegenüber Menschen, die andersgeartet sind, kommt Charlus gegenüber zu neuen Erkenntnissen:
Zu einer vorurteilslosen Haltung vermochte ich gar nicht zu gelangen. Monsieur de Charlus hingegen hatte das fertiggebracht. In seiner Eigenschaft als bloßer Zuschauer musste ihn nun alles veranlassen, germanophil zu sein, insofern er, wie wohl nicht wirklich Franzose, in Frankreich lebte. Er war sehr feinsinnig; in jedem Land aber sind die Dummköpfe in der Überzahl; hätte er in Deutschland gelebt, hätten ihn zweifellos die deutschen Dummköpfe gereizt, jene, die mit törichten und leidenschaftlichen Argumenten eine ungerechte Sache verfochten. (122)

Madame Verdurin lästerte zudem über den Journalisten Brichot. Im Folgenden ein kleiner Dialog zwischen Madame Verdurin und Cottard, der von Beruf Arzt ist:
Madame Verdurin begann niemals einen Artikel von Brichot zu lesen, ohne sich im Voraus an seinen Lächerlichkeiten zu delektieren, und las ihn mit größter Aufmerksamkeit, damit ihr keine einzige entging. Leider hoffte sie nun vergeblich. Man wartete aber nicht einmal, bis man sie gefunden hatte. Das geglückteste Zitat eines allerdings wenig bekannten Autors - oder aus einem wenig bekannten Werk, auf das Brichot sich bezog -wurde als Beweis der unerträglichsten Pedanterie angeführt, und Madame Verdurin wartete mit Ungeduld auf die Stunde des Abendessens, um bei ihren Gästen Lachstürme zu entfesseln.>>Man muss ihm allerdings lassen, dass seine Artikel sehr gut geschrieben sind.<<
>>Wie? Sie finden das gut geschrieben? (…) Ich persönlich finde, er schreibt wie ein Schwein.<< (146ff)

Diese Szenen sollten nur ein Beispiel sein, mit welchen Lächerlichkeiten diese vornehmen Leute sich ihre Zeit vertreiben. Und Marcel verpasste nie eine Gelegenheit, sich daran zu beteiligen.

Interessant fand ich aber auch, wie Marcel mit den Schlagzeilen umgeht, die Haltung zu dem tobenden Krieg. Ich erlebe ihn hier sehr kritisch gegenüber dem Journalismus und dessen Schlagzeilen:
Die Wahrheit ist, dass die Leute alles durch die Brille ihrer Zeitungen sehen, und wie könnte es anders sein, dass wir persönlich weder von den betreffenden Persönlichkeiten noch von den Ereignissen wissen! (…) Die Leute hassen jetzt Franz Josef, weil ihre Zeitung es ihnen nahelegt. Über König Konstantin von Griechenland und den Zaren von Bulgarien hat die Meinung des Publikums mehrmals zwischen Abneigung und Sympathie geschwankt, weil es abwechselnd hieß, sie würden sich auf die Seite der Entente, oder auf die der Gruppe, Zentralmächte, stellen. (…) (138ff)

Auch Monsieur des Charlus geht kritisch mit den Schlagzeilen um:
>>Erstaunlich ist<<, sagte er, >>dass dieses Publikum, das die Menschen und Dinge des Krieges immer nur nach seiner Zeitung beurteilt, gleichwohl der Ansicht ist, es bildet sich eine Meinung aus eigener Kraft.<< (142)

Das könnten meine Worte gewesen sein, im Umgang mit den Medien, denn das ist ja noch heute so, dass wir LeserInnen stark von den Medien manipuliert werden, ob das Bücher sind, die man unkritisch in sich aufnimmt, oder Zeitungen, die undifferenziert zur nationalen und zur internationalen Problemlage schreiben. Es gibt Länder, die ewig schlecht bei Journalisten abschneiden, das Gute bleibt verborgen, während andere Länder dagegen immerzu von der besten Seite gezeigt werden, und hier bleibt das Schlechte verborgen …

Jetzt habe ich doch so viel geschrieben, ohne dass ich auf den Kern der Frage eingegangen bin. Was ist denn nun mit der wiedergefunden Zeit? Marcel Proust schreibt hier über so viele interessante Dinge, er schreibt nicht nur über Literatur, nicht nur über die Architektur, nein, es sind viele philosophische Gedanken zum Alter und zum Tod, etc. dass ich es so schade finde, nicht alle Weisheiten herausschreiben zu können. Um aber zur Kernfrage zurückzukehren; Ja, er hat erkannt, dass er viel Zeit in der Gesellschaft zugebracht hat, aber aus meiner Sicht war dies nötig, weil er in der Gesellschaft Stoff für seine Bücher sammeln konnte. Vielleicht kann man dies mit einer empirischen Feldstudie vergleichen, in der Icherzähler der Beobachter ist, nur leider nicht immer neutral. Er selbst war ziemlich versnobt und nicht selten beurteilte er andere Menschen von oben herab, weshalb er mir sechs Bände lang unsympathisch war.

Verduris, Guermantes, etc. waren alles Menschen, die für ihr Geld nicht arbeiten mussten, aber vielleicht täte ihnen Arbeit gut, weil sie zu viel Zeit vergeudet haben, über andere herzuziehen. Marcel selber war daran beteiligt, er mochte keine Juden, und auch keine Homosexuellen, er mochte keine Menschen, die anders lebten.  Demnach war er auch nicht immer frei von Vorurteilen. Aber am Ende erkennt er dies, die Zeit, die er in dieser Gesellschaft zugebracht hat und sehnt sich nach seinem Schreibtisch zurück, um an seinem Buch zu arbeiten.

Hier beschäftigt er sich auch mit der Frage, ob er sich zum Schriftsteller eigne?

Dazu kommt er zu interessanten, kritischen Selbsterkenntnissen, die meine Theorien zu dem erzählenden und geschwätzigen Marcel ein wenig untermauern:
Anstatt aber zu arbeiten, hatte ich in Trägheit, in Zerstreuung durch Vergnügen, in Krankheit dahingelebt, mich selbst und meine Manien gepflegt und unternahm mein Werk (…), ohne irgendetwas von meinem Metier zu verstehen. Ich fühlte nicht mehr die Kraft in mir, meinen Verpflichtungen gegen die anderen Menschen noch meinen Pflichten gegen mein Denken und mein Werk, noch weniger aber beiden zugleich gerecht zu werden. (517)
An dieser Textstelle finde ich Marcel wieder, wie ich ihn in seinen anderen Werken charakterisiert hatte. Seine Selbstreflektion ziehen ihn zurück an den Schreibtisch, um endlich mit dem Schreiben zu beginnen.
Ja, es sei nun an der Zeit, mich an dieses Werk zu begeben - das sagte mir jene Vorstellungen von der Zeit, die ich mir soeben gebildet hatte. Es war höchste Zeit; aber, und das rechtfertigt die Angst, die sich meiner gleich beim Eintreten in den Salon bemächtigt hatte, als die geschminkten Gesichter mir den Begriff der verlorenen Zeit vermittelten, war es wirklich noch Zeit, und war ich selbst noch imstande dazu? Dem Geist sind Landschaften gegeben, deren Betrachtung ihm nur eine Zeitlang gestattet ist. (508)

Auf den letzten Seiten findet eine intensive Auseinandersetzung statt zu dem Leben des Icherzählers und weiterhin die dringende Absicht, unbedingt ein Buch darüber zu schreiben. Seine Ausdrucksweise finde ich geradezu genial, weshalb ich sie fast ungekürzt hier festhalten möchte:
Wie viel mehr erschien es mir jetzt so, da ich meinte, dass dieses Leben, das man im Dunkel lebt, aufgehellt und zur Wahrheit dessen, was es war, zurückgeführt, dass dieses Leben, das man unaufhörlich fälscht, in einem Buch verwirklicht werden könnte! (Ebd)
Und nun feilt er seine Gedanken zu dem werdenden Buch in wunderschöne Metaphern aus, wobei er hier von dem Schriftsteller an sich spricht, in idealisierter Form:
Wie glücklich würde der sein, dachte ich, der ein solches Buch zu schreiben vermöchte, doch welche Arbeit liegt auch vor ihm! Um davon eine Vorstellung zu geben, müsste man Vergleiche aus den höchsten und verschiedenartigsten Künsten entnehmen; denn dieser Schriftsteller, der außerdem bei der Gestaltung jedes Charakters, um ihn plastisch darzustellen, die entgegengesetzten Seiten aufzuzeigen hätte, müsste sein Buch sorgfältig unter unaufhörlicher Umgruppierung der Kräfte wie eine Offensive vorbereiten, es ertragen wie die Qual der Ermüdung, wie eine Ordensregel auf sich nehmen und wie eine Kirche erbauen, ihm folgen wie einer ärztlichen Weisung, es überwinden wie ein Hindernis, erobern wie eine Freundschaft, hegen und pflegen wie ein Kind, es schaffen wie eine Welt, ohne jene Geheimnisse außer Acht zu lassen, die ihre Erklärung wahrscheinlich nur in anderen Welten finden, deren erahntes Sein jedoch das ist, was uns im Leben und in der Kunst am tiefsten zu bewegen vermag. In solchen großen Büchern aber gibt es ganze Partien, die aus Mangel an Zeit im Zustand der Skizze geblieben sind und zweifellos auch nicht fertiggestellt werden können, weil der Plan des Baumeisters zu großartig war. Wie viele gewaltige Kathedralen bleiben unvollendet! Man nährt ein solches Werk, man verstärkt seine schwachen Teile, man erhält es, doch dann ist es dieses Werk, das wächst, das unser Grab bezeichnet, es vor Gerüchten und eine Zeitlang vor dem Vergessen bewahrt.(Ebd)

Nun folgen interessante Gedanken zu seinem Buch und zu seinen Lesern, und ich mich sogar angesprochen gefühlt habe, da ich mich recht kritisch in meinen Buchbesprechungen Marcel gegenüber auseinandergesetzt hatte. Seine Ausdrucksweise hatte mir wieder sehr imponiert:
Um aber auf mich selbst zurückzukommen, so dachte ich bescheidener an mein Buch, und es wäre sogar ungenau zu sagen, dass ich an die dachte, die es lesen würden, an meine Leser. Denn sie würden meiner Meinung nach nicht meine Leser sein, sondern die Leser ihrer selbst, da mein Buch nur etwas wie ein Vergrößerungsglas sein würde, ähnlich jenen, die der Optiker in Combray einem Käufer über den Ladentisch reichte - mein Buch, durch das ich ihnen ermöglichen würde, in sich selbst zu lesen. So würde ich auch nicht von ihnen erwarten, dass sie mich loben oder mit Tadel bedenken, sondern nur, dass sie mir sagen, ob es wirklich so ist, ob die Worte, die sie in sich selbst lesen, die gleichen sind wie die, die ich niedergeschrieben habe (wobei die möglichen Abweichungen im Übrigen nicht immer daher rühren müssen, dass ich mich getäuscht habe, sondern vielleicht zuweilen auch darauf zurückzuführen sind, dass die Augen des Lesers nicht zu denen gehören, für die mein Buch das geeignetere Mittel ist, um in sich selbst lesen.) 504


Mein Fazit zu dem Buch?

Am Ende kommt der Icherzähler zu seinem inneren Frieden, er wirkt auch viel ausgeglichener, doch um seine interessanten Gedanken etwas abzukürzen, damit auch ich zum Schluss komme, dazu ein letztes Zitat, das so schön geschrieben ist, dass ich eigene Worte dazu nicht weiter benötige: 
Immerhin würde ich es zuallererst nicht unterlassen, wenn die Kraft mir lange genug erhalten bliebe, mein Werk zu vollenden, darin die Menschen, auf die Gefahr hin, dass sie dann monströsen Wesen glichen, als Figuren darzustellen, die neben dem so beschränkten Platz, der ihnen im Raum reserviert ist, einen anderen, beträchtlichen, im Gegensatz zum ersten nahtlos in die Länge gezogenen Platz einnehmen, da sie ja, wie in die Tiefe der Jahre getauchten Riesen, gleichzeitig so weit voneinander entfernte Epochen berühren, die sie durchlebt haben und zwischen die sich so viele Tage geschoben haben - einen Platz in der Zeit. (527f)

 Das Buch erhält von mir zehn von zehn Punkten.


Weitere Informationen zu dem Buch

D: 17,00 € 
A: 17,50 € 
CH: 24,50 sFr
Erschienen: 29.11.2004
suhrkamp taschenbuch 3647, Broschur, 641 Seiten
ISBN: 978-3-518-45647-7
Und hier geht es auf die Verlagsseite von Suhrkamp. 
Und hier auf Zeit-online gibt es einen interessanten Artikel zu Marcel Proust, geschrieben von einem meiner LieblingsautorInnen Stefan Zweig.

Wie geht es nun weiter mit meinem Marcel Proust-Leseprojekt? 

Ich habe noch die beiden Bände mit Proust-Briefen im Regal stehen, die im letzten Herbst im Suhrkamp-Verlag herausgekommen sind. Und eine Biografie werde ich mir auch noch anschaffen, sodass das Leseprojekt weitergeführt werden kann. 
______
In jedem Land sind die Dummköpfe in Überzahl.
(Marcel Proust)

Gelesene Bücher 2017: 09
Gelesene Bücher 2016: 72
Gelesene Bücher 2015: 72
Gelesene Bücher 2014: 88
Gelesene Bücher 2013: 81
Gelesene Bücher 2012: 94
Gelesene Bücher 2011: 86

Samstag, 25. Februar 2017

Marcel Proust / Auf der Suche nach der verlorenen Zeit (BD 7)

Die wiedergefundene Zeit

Klappentext
Mit dem siebten und letzten Band von Prousts großem Romanwerk Auf der Suche nach der verlorenen Zeit schließt sich der Kreis: Der Erzähler Marcel findet zu seiner schriftstellerischen Berufung und be­ginnt endlich mit der Arbeit an seinem Werk.


Autorenporträt
Marcel Proust wurde am 10. Juli 1871 in Auteuil geboren und starb am 18. November 1922 in Paris. Sein siebenbändiges Romanwerk Auf der Suche nach der verlorenen Zeit ist zu einem Mythos der Moderne geworden. Eine Asthmaerkrankung beeinträchtigte schon früh Prousts Gesundheit. Noch während des Studiums und einer kurzen Tätigkeit an der Bibliothek Mazarine widmete er sich seinen schriftstellerischen Arbeiten und einem – nur vermeintlich müßigen – Salonleben. Es erschienen Beiträge für Zeitschriften und die Übersetzungen zweier Bücher von John Ruskin. Nach dem Tod der über alles geliebten Mutter 1905, der ihn in eine tiefe Krise stürzte, machte Proust die Arbeit an seinem Roman zum einzigen Inhalt seiner Existenz. Sein hermetisch abgeschlossenes, mit Korkplatten ausgelegtes Arbeits- und Schlafzimmer ist legendär. In Swanns Welt, der erste Band von Prousts opus magnum, erschien 1913 auf Kosten des Autors im Verlag Grasset. Für den zweiten Band, Im Schatten junger Mädchenblüte, wurde Proust 1919 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet. Die letzten Bände der Suche nach der verlorenen Zeit wurden nach dem Tod des Autors von seinem Bruder herausgegeben.
Mein letztes Buch aus dieser Proust-Serie. Der Titel passt gerade auch zu meiner momentanen Lebenssituation, in der ich mich permanent mit der Frage beschäftige, weshalb wir Menschen nur so wenig Zeit haben? Ich zähle mich nicht zu Proust-Kreisen, die ihre Zeit vertun, indem sie von einer Gesellschaft in die andere ziehen, und viel zu plappern haben über die Charaktere anderer Leute. Nein, so verbringe ich nicht meine Freizeit, und doch bleibt mir so wenig Zeit. Und noch nie hatte der Mensch durch die Entwicklung der modernen Technik so viel Zeit wie heute. Wir sind schnelllebig geworden, und doch schaffen wir nicht mehr als unsere Vorfahren. Wir vergeuden genauso unsere Zeit mit so viel Unnützem, ähnlich wie Prousts Figuren es tun. Auch wenn wir es nicht wahrhaben wollen. 

Nun bin ich doch wirklich gespannt, wie Proust die verlorene Zeit wiedergefunden hat. Ich habe mich speziell auf diesen Band sehr gefreut. Es dürstet mich regelrecht danach. Ich habe gerade mal 90 Seiten durch, und bis jetzt muss ich sagen, bleibt sich Marcel seinem Schreibstil noch treu. Viele Reflexionen, viele Gedanken über das Leben seiner fiktiven Mitmenschen aus der gehobenen Klasse. 

Was ist hier anders? Wir befinden uns in diesem Band im Ersten Weltkrieg. Hauptsächlich geht es in dem Krieg zwischen Frankreich und Deutschland. Das finde ich spannend. Marcel ist nicht einberufen, weil er kränkelt, macht sich aber viele Gedanken über die Soldaten, die eingezogen werden, und über andere Männer, die nicht eingezogen werden, und diese als zu verweichlichte und feige Männer zählen.

Weitere Informationen zu dem Buch

D: 17,00 € 
A: 17,50 € 
CH: 24,50 sFr
Erschienen: 29.11.2004
suhrkamp taschenbuch 3647, Broschur, 641 Seiten
ISBN: 978-3-518-45647-7

Und hier geht es auf die Verlagsseite von Suhrkamp. 

Sonntag, 20. November 2016

Marcel Proust / Auf der Suche nach der verlorenen Zeit (1)

BD 5 Die Gefangene


Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre

Bevor ich mit meiner eigentlichen Buchbesprechung beginne, hier erstmal ein paar Leseeindrücke:
Ich freue mich sehr darüber, dass ich es nun tatsächlich geschafft habe, den fünften Band nach dem zweiten Anlauf zu Ende zu lesen. Diesmal war ich ziemlich diszipliniert, habe mir jeden Abend nach Dienstschluss meine geplanten fünfzig Seiten vorgenommen und am Wochenende etwas mehr. Dies erfüllt mich schon etwas mit Stolz, dass ich nun alle sechs Bände durchhabe. Ich habe für den vorliegenden Band eine ganze Woche benötigt.

Zur Erinnerung: Beim ersten Mal, das liegt schon etwas länger zurück, musste ich diesen Band abbrechen. Dann habe ich vor lauter Enttäuschung im sechsten Band rumgeblättert, und der sechste Band schien mich mehr anzusprechen. Und bevor ich den Bezug zu Proust verlieren würde, dachte ich damals, zog ich den sechsten Band vor. Darüber habe ich viel geschrieben, sodass ich schnell wieder in die Thematik reinkommen werde, bevor ich letztendlich mir noch den letzten Band vornehme. Doch damit lasse ich mir noch etwas Zeit.

Dieses Buch auszulesen, gestaltete sich für mich schon als ein riesen Prozess. Am Freitagabend stand ich kurz vor dem erneuten Abbruch. Für ein paar Sekunden hatte ich das Buch schon zugeklappt und habe dabei eine gewisse Freiheit verspürt und mir ausgemalt, was ich nun alles mit dieser wiedergewonnenen Freiheit anfangen würde. Das meiste hatte ich schon hinter mir, die letzten 150 Seiten von satten 650 Seiten waren für mich nochmals eine große Herausforderung. Aber dann hat mich ziemlich rasch die Lust wieder gepackt, Proust weiterzulesen; sehr ambivalent mein Verhalten diesem Autor gegenüber. Er überträgt ungewollt etwas von sich auf mich. Einerseits verachte ich ihn, andererseits verspüre ich auch eine gewisse Liebe zu ihm. Da ich mit Proust noch einiges vorhabe, musste ich einfach durchhalten. Mein Leseprojekt ist selbst nach diesen sieben Bänden noch lange nicht fertig.

Ich muss schon sagen, das Durchhalten hat sich gelohnt, habe viele interessante Themen mitverfolgen können. Den fünften Band habe ich als den schwersten von allen sechs Bänden, aber auch als den interessantesten, erlebt.

Und das Schöne? Ich bin jetzt endlich mit Proust ausgesöhnt. So viel Weisheit, wie ich hier habe finden können, haben meine Sympathiepunkte in die Höhe schnellen lassen. Ich fühle mich ja schon zu ihm hingezogen. Wie hätte ich denn sonst diese sechs Bände aushalten können? Ja, man wird für die aufgebrachte Geduld und für die Ausdauer richtig entschädigt.

Was sich für mich als recht schwierig gestaltet hat, waren die vielen Themen, die Proust hier eingebracht hat, und ich mich ein wenig überfordert fühle, alle diese Themen in meine Buchbesprechung zu verfrachten, bis schließlich meine innere Stimme sagte, lies weiter, das wird sich schon geben. Und so war es auch, nun weiß ich, worin ich meinen Fokus setzen werde. Und zwar in die Beziehung zwischen Marcel und seiner Geliebten Albertine. Die Beziehung ist dermaßen facettenreich, dass ich echt Lust habe, darüber zu schreiben ...

Trotzdem möchte ich die anderen Themen nicht unbenannt belassen, sodass andere LeserInnen vorbereitet sind, was Proust hier so alles recht exzessiv beschäftigt hat:
Literatur
Musik
Architektur
Kunst
Die literarischen Gespräche zwischen Marcel und Albertine fand ich äußerst interessant, als es um Dostojewski ging, der in seinen Romanen oftmals kriminalistische Themen behandelt, und Albertine Marcel die naive Frage stellt, ob Dostojewski selber auch kriminell sei?, denn sonst hätte er nicht darüber schreiben können.

Im Weiteren schreibe ich die Leseeindrücke hier auf für alle ProustanfängerInnen. Ich möchte Mut machen … Ich bin allerdings keine Literaturwissenschaftlerin, deshalb kann ich keine Buchbesprechung in dieser Form verfassen und rate literaturwissenschaftlich interessierte LeserInnen auf entsprechende fachgerechtere Seiten, die es sicher zahlreich im Netz zu finden gibt.

Aber ich möchte auch sagen, habt Mut für eigene Interpretationen. Habt Mut für eigene Ideen, für eigene Beobachtungen, denn auch dies ist eine hohe, geistige Leistung, die viele unterschätzen. 


Es gibt viele Methoden, ein Buch anzupacken. Mich interessiert die menschliche Psyche. Ich lese gerne psychoanalytisch. Proust lädt außerdem regelrecht dazu ein. Außerdem ist die Psychoanalyse auch eine Fachrichtung. Sigmund Freud,*1856, gest. 1939, hätte hier seine Freude gehabt, wenn er Proust gelesen hätte.

Ich selbst habe mir im Netz auch Sekundärliteratur bestellt, so viele gibt es leider nicht, auf die ich allerdings noch warte. Aber im Anhang gibt es zahlreiche Hinweise. Wobei ich aber noch anmerken möchte, dass ich viel Wert darauf lege, mir meine eigene Meinung zu bilden.

Als begleitende Lektüre gebrauchte ich ein Proust-Lexikon. Aber es gibt noch eine Proust-Enzyklopädie, beides im Suhrkamp - Verlag erschienen.

Proust hat mich arg an Hans Fallada erinnert. Fallada hat über das Leben der kleinen Leute geschrieben, während Proust über die Angehörigen der Bourgeoisie geschrieben hat. Beide aus der Gesellschaft des 20. Jahrhunderts, wobei Proust, *1871, gest. 1922, etwas älter als Fallada ist, *1893, gest. 1947. Zufall, dass gerade für beide Autoren mein Interesse gilt. Ich habe auf meinem Blog von beiden Autoren Leseprojekte laufen.

Im Folgenden geht es zu meiner Buchbesprechung.

Da das Buch mit „Die Gefangene“ betitelt ist, wird für die LeserInnen recht schnell klar, dass damit Marcels Geliebte Albertine  gemeint ist. Auch lässt sich dies aus den vorangegangen Bänden schon ableiten. Marcel ist der Icherzähler, der alle seine Themen recht subjektiv behandelt. Warum es so schwer ist, dem Erzähler zu folgen, liegt eben daran, dass Marcel so ziemlich alles vermischt.  Innere Erfahrungen sind weit größer als Erfahrungen, die sich auf Tatsachen berufen. Im Umgang mit Albertine wird das sehr deutlich, aber auch in der Beurteilung von zwei Musikern wie Morel und Vinteuil. Aber dies geht auch aus den vorherigen Bänden hervor. Manche mentale Szenen habe ich sogar als recht wahnhaft erlebt. Marcel bezeichnet sich hin und wieder selbst  als wahnhaft. Er steigert sich oft in seine Wahnvorstellungen rein, die Albertine gegenüber so ziemlich negativ besetzt sind. Er lässt sie beschatten, und wirft ihr Homosexualität vor:
Ich hatte Albertine von ihren Komplizinnen trennen und dadurch meine Halluzinationen bannen können; (2004, 25).
 Albertine und Marcel leben in Balbec zusammen, wobei Albertine zu Marcel gezogen ist.

Sein großes Drama ist die Eifersucht. Er kritisiert zwar recht häufig Morels, der Geiger, cholerisches Verhalten, Marcel selbst ist allerdings auch nicht von Wutanfällen frei. Aber er hinterfragt sich manchmal auch selbst, personifiziert allerdings gewisse negative Eigenschaften:
Die Eifersucht ist auch ein Dämon, der nicht beschworen werden kann; immer wieder erscheint er uns in einer neuen Gestalt. Würde es uns gelingen, sie alle auszurotten und die Geliebte ewig für uns zu behalten, so würde der böse Geist eine andere Form annehmen, die noch weit tragischer wäre, die Gestalt der Verzweiflung nämlich, Treue nur mit Gewalt errungen zu haben, Verzweiflung darob, nicht geliebt zu werden. (143)
Häufig stellte ich mir die Frage, ob man Marcel als beziehungstauglich bezeichnen kann. Schon aus den letzten Bänden geht diese Frage hervor, und ich mich immer freue, wenn ich im Text eine hinweisende Antwort finde, indem er sich selbst diese Frage stellt,
(…) ob eine Heirat mit Albertine nicht mein Leben ruinieren würde, einerseits, weil ich damit die für mich zu schwere Aufgabe übernehmen müsste, mich einem anderen Wesen zu widmen, andererseits aber auch dadurch, dass sie mich zwänge, infolge der unaufhörlichen Gegenwart einer anderen Person abwesend von mir selbst zu leben, und mich für immer der Freuden der Einsamkeit beraubte. (33)
Immer wieder gehe ich in meinen Buchbesprechungen auf die Beziehungsproblematik ein, die aus Marcels Kindheit herrührt. Gewisse mütterliche Zärtlichkeiten, Liebkosungen, an denen Marcel bis ins erwachsene Alter hängengeblieben ist. Dazu  folgendes Zitat:
Wie früher in Combray, wenn meine Mutter mich verlassen hatte, ohne mich durch ihren Kuss beruhigt zu haben, wollte ich Albertine nacheilen, ich spürte, dass es keinen Frieden für mich gab, bevor ich sie wiedergesehen hatte, dass dieses Wiedersehen etwas Ungeheures sein würde, was es bislang noch nie gewesen war, und dass, wenn es mir nicht gelänge, mich allein von dieser Traurigkeit zu befreien, ich vielleicht die schmachvolle Gewohnheit annehmen würde, mich bettelnd bei Albertine einzufinden. (156)
Dieses Bettelnde findet man im ersten Band wieder, als Marcel noch ein kleiner Junge war, und er ohne den Gutenachtkuss seiner Mutter nicht einschlafen konnte. Der Vater, der nur ganz selten in den Büchern auftaucht, bezeichnet hierzu Marcels Verhalten als übertrieben verwöhnt.
An solchen Abenden empfand ich bei Albertine nicht mehr jene Befriedigung wie durch den Kuss meiner Mutter in Combray, sondern die Angst jener anderen, an denen mir Mama kaum gute Nacht gesagt hatte oder sogar nicht einmal in mein Schlafzimmer gekommen war, weil sie mir entweder zürnte oder durch Gäste abgehalten wurde. Diese Angst - nicht mehr ihre abgewandelte Form innerhalb der Liebe -, nein, diese Angst selbst, die sich eine Zeitlang auf die Liebe spezialisiert hatte, als sich die Teilung, die Aufteilung der Leidenschaften vollzog und sie nur noch der Liebe zugeordnet war, schien jetzt wieder, von neuem unteilbar geworden, auch über alle anderen gebreitet, als ob alle meine Gefühle , die davor zitterten, Albertine nicht an meinem Bett festhalten zu können – als eine Geliebte, als eine Schwester, als eine Tochter, als eine Mutter auch, nach deren täglichem Gutenachtkuss ich wieder ein kindliches Verlangen zu verspüren anfing-, (154f)
Wie ich mit Hilfe dieses Zitat belegen kann, dass Marcels kindliche Erfahrung, das Versagen mütterlicher Liebkosungen, sich wie ein seelisches Trauma anfühlt, und das sich in der Beziehung mit Albertine fortsetzt.

Und so bestätigt es meinen Eindruck, dass Marcel die notwendige Reife fehlt, sich auf Dauer auf einen anderen Menschen einzulassen. Diese Ambivalenz spiegelt sich im ganzen Roman wieder.

Er stellt Albertine oft zur Rede, ob sie mit bestimmten Frauen wie Andrée verkehre? Er bezeichnet sie als Lügnerin, als sie seine Frage negierte.
Ihre Lügen, ihre Geständnisse beließen mir die Aufgabe, die Wahrheit aufzuhellen: ihre Lügen, die so zahlreich waren, weil sie sich nicht damit begnügte, zu lügen wie jedes Wesen, das sich geliebt glaubt, sondern weil sie, abgesehen davon, eine Lügnerin von Natur war (und so sprunghaft im übrigen, dass sie, selbst wenn sie mir jedes Mal die Wahrheit über das gesagt hätte, was sie zum Beispiel von den Leuten dachte, jedes mal etwas anderes geäußert haben würde); (134f) 
Woher bezieht Marcel seine Theorie zu Albertine, die er oftmals verallgemeinernd auf andere Frauen überträgt? Ganz banal; er achtet auf die Mimik, auf die Wortwahl … Manchmal errötet Albertine auf Marcels peinliche Fragen und das Erröten interpretiert Marcel als ein Zeichen, dass Albertine lügt.

Hier seine Lügentheorien, die er auch auf andere Frauen überträgt:
Ist es überhaupt nötig, dass man eine Tatsache weiß? Kennt man nicht von vornherein schon auf eine ganz allgemeine Art die Lügen und die Verschwiegenheit der Frauen, die etwas zu verbergen haben? Kann ein Irrtum noch möglich sein? Sie machen aus ihrer Diskretion eine Tugend, wo man sie doch so gern zum Sprechen bringen würde. Wir spüren, dass sie  ihrem Komplizen gesagt haben: Ich bin verschwiegen. Von mir wird man nichts erfahren. Ich bin verschwiegen. (133)
Genau diese Szene bezeichne ich als eine Halluzination. Er malt sich etwas aus, das er als Wahrheit bezeichnet. Es bestehen keine handfesten Beweise, dass seine Geliebte sich mehr zu Frauen hingezogen fühlt. Weil sie ihm dieses Geständnis nicht abringen kann, bezeichnet er sie als >>die arme Gefangene, die Frauen liebt<<, dabei ist es Marcel selbst, der der Gefangene ist, und sich in seinem Gedankenkonstrukt immer weiter verstrickt, und Probleme hat, emotional da wieder herauszukommen. Marcel projiziert auf Albertine seine innere Beziehungsproblematik, seine für mich innere Unausgeglichenheit, die ich schon arg als symptomatisch bezeichne.

Eine weitere Lügentheorie, die sich auf Frauen bezieht:

Was ist schon die Lüge: Wir leben mitten in ihr und lächeln nur darüber, wir bedienen uns ihrer und glauben, niemandem weh zu tun, doch die Eifersucht leidet unter ihr und sieht mehr, als sie verbirgt, (oft weigert sich unsere Freundin, den Abend mit uns zu verbringen, und geht ins Theater, nur damit wir nicht sehen, dass sie schlecht aussieht), genauso wie sie oft blind ist, was die Wahrheit verbirgt. Doch sie kann nichts erreichen, denn die Frauen, die schwören, nicht zu lügen, würden sich auch unter dem Messer weigern, ihre Natur einzugestehen. (137f)
Immer wieder kommen ihm Verlustängste auf, Albertine könne ihn wegen einer  Frau verlassen, oder auch, weil ihr die Beziehung mit Marcel zu langweilig sei. Doch auch hier projiziert er seine Ängste auf Albertine, wie sich später herausstellte. Es war seine Angst, die Beziehung könnte ihn langweilen. Tief in seinem Inneren wünschte er sich einen Beziehungsbruch.
Die Anwesenheit Albertine bedrückte mich, ich schaute sie an, wie ergeben und verdrossen sie war, und empfand es als Unglück, dass es zwischen uns nicht zum Bruch gekommen war. (579)
Ich möchte ja nicht allzu viel verraten, aber eine wichtige Szene möchte ich unbedingt noch festhalten.

Proust hält diese vielen „Lügen“ nicht aus. Er will sich von Albertine trennen. Beide befinden sich gerade in Marcels Zimmer, als er Albertine die Trennung ausspricht, allerdings erst zum morgigen Tag. So eine Trennung, die schizoide Formen annimmt, habe ich auch noch nicht erlebt. Albertine wundert sich:
>>Wieso morgen? Ist das wirklich Ihr Wille?<< Trotz des Kummers, den ich empfand, wenn ich von unserer Trennung sprach, als sei sie bereits vollzogen – vielleicht zum Teil auch wegen dieses Kummers-, begann ich, Albertine ganz präzise Ratschläge wegen gewisser Dinge zu erteilen, die sie nach ihrem Fortgang aus dem Haus tun sollte. (489) 
Ich habe mich gefragt, wie so eine innere Zerrissenheit, diese innere Spaltung auszuhalten ist.
>>Wir sind glücklich gewesen, und jetzt fühlen wir, dass wir unglücklich werden würden.<<
>>Sagen Sie nicht, wir fühlen, dass wir unglücklich werden<<,  fiel mir Albertine ins Wort,  >>sagen Sie nicht >wir<, denn nur Sie allein finden das.<< (ebd)
Langsam wirft Albertine Marcel böse Verleumdungen vor, wo sie sonst recht geduldig mit Marcels Vorwürfen umgegangen ist.
>>Darf man vielleicht wissen, wer Ihnen solche schönen Dinge erzählt? Könnte ich vielleicht einmal selbst mit diesen Leuten reden? Und vielleicht auch erfahren, worauf sie sich stützen bei ihren Verleumdungen<< –
Daraufhin Marcels Reaktion: 
>>Meine liebe Albertine, ich weiß es nicht, es handelt sich um anonyme Briefe, aber von Leuten, die Sie vielleicht ziemlich leicht auffinden würden (…), denn offenbar kennen sie Sie gut. Der letzte, muss ich gestehen, (ich zitiere gerade ihn, weil es sich da nur um eine Kleinigkeit handelt und weiter nichts  Arges darinsteht) hat mir gleichwohl den Rest gegeben. Es hieß dort, Sie hätten damals, als wir Balbec verließen, zuerst bleiben und hinterher doch abreisen wollen, weil sie inzwischen einen Brief von Andrée bekommen hätten des Inhalts, sie komme nicht.<< (569)
Es zeigt sich, dass  Marcel derjenige ist, der lügt. Dies wird ihm selbst auch mal bewusst,
>>indem ich log, verlieh ich meinen Worten vielleicht mehr Wahrheit, als ich dachte<<. (508)
Wobei Marcel seine Lügen eher philosophisch aufwertet.

Ich mache nun hier Schluss, da man ja nicht allzu viel verraten darf. Aber im Buch gibt es noch jede Menge interessante Textstellen zu finden. So viele Zettelchen kleben mir noch zwischen den Seiten, die ich leider nicht alle bearbeiten kann.

Der Schluss hat mir sehr gut gefallen, denn hier erhält Marcel von Albertine genau das, was er eigentlich verdient hat. Aber auch, was er sich insgeheim erhofft hat.


Mein Fazit?

Dieser frauenverachtende und besitzergreifende Umgang  hat mich angewidert, der sich in allen Bänden wie ein roter Faden durch die Seiten zieht. Doch mittlerweile sehe ich es etwas gelassener, ebenso  Marcels Überheblichkeit betrachte ich zusammen als nichts Anderes mehr als menschliche Schwächen, von denen wir alle nicht frei sind.

Trotzdem habe ich mich immer wieder gefragt, wie eine um Emanzipation bemühte Frau wie Virginia Woolf Proust so sehr lieben konnte? Diese Frauen- und Beziehungsproblematik sind keine Nebensächlichkeiten. Sie ziehen sich durch das ganze Buch hindurch. Man kann sogar sagen, dass der fünfte Band ein reiner Liebesroman gehobener Art ist, da die Liebesthematik hier den meisten Raum einnimmt, weshalb ich unbedingt darüberschreiben wollte.
Man gibt sein Vermögen, sein Leben für ein Wesen hin, und dennoch weiß man genau, dass man zehn Jahre früher oder später ihm dieses Vermögen verweigern und sein Leben lieber für sich behalten würde. Dann nämlich wäre das Wesen von uns gelöst, allein, das heißt gegenstandslos. (133)
Vielleicht hat Virginia Woolf ähnlich gedacht, auch ein Marcel Proust ist nur ein Mensch, der jede Menge Ideen und gute Gedanken hat. Manchmal leider zu wenig selbstkritisch, vielleicht war er dafür noch zu jung. Das wird sich im siebten Band hoffentlich zeigen. Und hoffentlich hat er seinen inneren Frieden noch finden können. Sein Ausgang, die innere Zerrissenheit, nicht nur den Frauen und allen Homosexuellen gegenüber, auch sich selbst gegenüber, erhoffe ich im siebten und letzten Band mit allen seinen Themen eine Befriedung. 

Wobei sich heute noch viele Menschen schwertun, Menschen, die anders geartet sind, zu akzeptieren und zu tolerieren. Und dies nicht nur auf sexueller Ebene.


2 Punkte: Sprachlicher Ausdruck (Anspruchsvoll, keine saloppe Schreibweise)
2 Punkte: Differenzierte Charaktere
2 Punkte: Authentizität der Geschichte
2 Punkte: Fantasievoll, ohne dass es kitschig oder zu sentimental wirkt
1 Punkte: Frei von Stereotypen, Vorurteilen, Klischees und Rassismus

Neun von zehn Punkten.


Weitere Informationen zu dem Buch:

Taschenbuch: 695 Seiten, 18,00 €
Verlag: Suhrkamp Verlag; Auflage: 1 (29. November 2004)
ISBN-10: 3518456458
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Man träume den Traum des Lebens immer noch am besten in einer Bibliothek.
 (Marcel Proust)


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