Sonntag, 6. September 2020

Karmen Jurela / Rauschliebe (1)

Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre

Gestern Abend konnte ich diese Lektüre beenden. Es ist eine ganz andere Form von Literatur, als ich sie bisher gewöhnt war. Der narrative Schreibstil ist ein wenig gewöhnungsbedürftig, da man die Hintergründe und die Problematik der Protagonist*innen ausschließlich aus einer Perspektive erfährt. Dadurch lässt es auch wenig Raum für eigene Interpretationen. Dennoch ist es ein wichtiges Buch, wie ich weiter unten noch beschreiben werde.

Das Buch liest sich wie ein Erfahrungsbericht, dennoch sei der Stoff rein fiktional zu betrachten, wie ich dies persönlich von der Autorin auf Facebook erfahren habe.

Karmen Jurela ist Indie Autorin, die ihr Buch im Selbstverlag herausgebracht hat.

Hier geht es zum Klappentext, zum Autorenporträt, zu den ersten Leseeindrücken und zu den Buchdaten.

Die Handlung
Die Thematik dieses Buches ist eigentlich schnell erzählt.

Die beiden Protagonist*innen Stella und Pavlos kennen sich von Jugend an. Stella hat sich mit 15 schon zu Pavlos hingezogen gefühlt.

Pavlos fühlte sich für mich wie Familie an, wie ein großer Bruder, allerdings mit beträchtigem Sexappeal. (2020; 9) 

Pavlos Eltern kamen aus Griechenland, Stellas ihre aus Kroatien. Demnach sind beide in Deutschland mit mehreren Kulturen aufgewachsen, während die Eltern einst wieder in die Heimatländer zurückgekehrt sind. Die Handlung spielt hauptsächlich in Berlin. 

Was vermisst Stella, was sie in Pavlos sucht? Die Antwort könnte im obigen Zitat stecken. Pavlos ist fünf Jahre älter als Stella. Beide wurden im selben Krankenhaus geboren, beide studierten später Medizin. Beide gingen erst mal wieder getrennte Wege und sahen sich für viele Jahre nicht mehr. Pavlos gründete in der Zwischenzeit eine Familie, die aber in die Brüche geht. Zurück bleiben zwei kleine Kinder. Später stellt sich heraus, dass die Ehe an einer Alkoholsucht gescheitert ist ...

Stella und Pavlos kommen wieder zusammen. Stella ahnt noch nichts von den gescheiterten Problemen der ersten Ehe. Zwischen ihnen beiden entwickelt sich eine starke Anziehungskraft hauptsächlich sexueller Art. Unbedingt will Stella Pavlos heiraten, auch dann noch, als sich die Probleme nun auch zwischen ihnen beiden immer weiter zuzuspitzen drohen, da Pavlos hier immer weiter von der Alkohol- und Sexsucht mit anderen Frauen ergriffen wird. Rabiate Gewalteskalationen werden in dem Buch zum Dauerbrenner. Stella führt schier einen fast unlösbaren Überlebens- bzw. Liebeskampf mit dem Partner.

Welche Szene hat mir nicht gefallen?
Ich fand die Szene grauenvoll, als Pavlos es schaffte, Stella zu überreden, sich vor ihm auf die Knie zu begeben und sie ihm eine runterhauen sollte. Obwohl sie es bescheuert fand, hat sie sich doch dafür breitschlagen lassen. Dann erfolgte wie erwartet eine potenzielle Retourkutsche mit schweren Folgen für Stella …

Welche Szene hat mir gefallen?
Mir hat gefallen, dass Stella sich nicht aufgegeben hat. Sie hat versucht, mithilfe von einer konstruktiven Selbstreflexion und diversen anderen Hilfsmitteln an die Problematik zur Überwindung heranzugehen. Gut fand ich, dass ihre Therapeutin ihr zu keiner Trennung geraten hat, da sie selbst einen Weg daraus hat finden sollen. Gefallen hat mir auch, dass ihr Freundeskreis hinter ihr stand. 

Welche Figur war für mich Sympathieträgerin?
Keine.

Welche Figur war mir antipathisch?
Keine. Beide, sowohl Stella als auch Pavlos führten miteinander und gegeneinander einen heftigen Überlebenskampf. 

Meine Identifikationsfigur
Keine. Obwohl ich mich zeitweise an eine eigene komplizierte Paarerfahrung erinnern musste. Auch ich hatte mal einen Partner, der mich in einen Strudel von Destruktivität mitreißen wollte. Die Beziehung dauerte nur drei Monate, weil ich seine miese Masche, mit der er selber ziemlich verstrickt war, schnell durchschaut hatte. Ich löste mich von ihm durch einen radikalen Cut, nachdem er mir mehrmals deutlich zu verstehen gab, dass er nicht an seinen Problemen arbeiten wollte.

Ich hatte auch den Vorteil, dass ich durch mein Studium und durch meine Arbeit in einer Psychiatrie ziemlich viel Hintergrundwissen besaß, sodass ich erst gar nicht in diese Muster von Abhängigkeit jeglicher Form erst schlittern konnte.

Cover und Buchtitel 

Beides fand ich passend, wobei ich diesen freudschen Versprecher von Liebesrausch 
analysieren konnte. Darüber hatte ich in meiner Buchvorstellung geschrieben. Stella war so in der Liebe zu diesem Mann gefangen, dass es mir wie ein Liebesrausch mit bitterem Beigeschmack vorkam. Das Cover bereitet auf jeden Fall die Leser*innen auf Tabus vor, und die Realität, wie sie ist, nicht wirklich sehen wollen/können, sie nicht wahrhaben wollen.

Zum Schreibkonzept
Eigentlich ist das Buch als ein Roman deklariert. Finde ich aber nicht wirklich passend, da der Schreibstil eher eine Tagebuchform besitzt. Man hat den Eindruck, dass die Icherzählerin Stella sich schriftlich die Nöte von der Seele herausschreibt. Diese Art von Stil habe ich bei der Hälfte des Buches als anstrengend empfunden, weil sich die Thematik immerzu aus der selben Perspektive wiederholt hatte.

Das Buch zeigt auf den 251 Seiten wenig Struktur. Es gibt keine Kapitel, lediglich ein Epilog und eine übliche Danksagung zum Schluss. Insgesamt zwei Mal schreibt Stella einen Brief an Pavlos und an dessen Geliebte. Von der Art her aber nicht viel anders als der Erzählstil, nur dass die Personen hier direkt angesprochen werden. Aber man erfährt inhaltlich nicht viel Neues. Ein wenig über Pavlos Reaktion auf die Briefe aber auch wieder über Stella.

Meine Meinung
Mit der im  Klappentext beschriebenen Co-Abhängigikeit bin ich nicht ganz klargekommen, wenn ich so im Nachhinein darüber nachdenke. Warum ist Stella co-abhängig? Wo sind ihre Schwächen? Warum bindet sie sich dermaßen sklavisch an einen Partner, der sie schwerst misshandelt und missbraucht? Was kompensiert sie durch Pavlos? Stella ist für mich kein Opfer, sowie Pavlos auch kein Täter für mich ist. Sie sind für mich beide gleichwertig verantwortlich für ihre Handlungen, und beide sind krank, nicht nur der Partner. Warum entwickelten sich beide im Laufe ihres Lebens so, wie sie waren? Aneinandergekettet, niemand schafft es, sich über eine längere Zeit davon zu lösen, während Pavlos erste Frau sich sehr wohl von den Gewalteskapaden zu befreien in der Lage war. Warum hat Stella mit der Trennung solange gewartet? Was sind die tieferen und weniger die äußeren Hintergründe? Hier hätte man mehr Analysen aus der Kindheit mit einbeziehen sollen. Manchmal wirft Stella situativ bestimmt Schlagwörter durch den Raum, wie z. B. angedeutete Identitätsprobleme durch den Migrationshintergrund, oder die vorübergehende Arbeitslosigkeit des Partners.

Auf Seite 199 begeht die Autorin einen groben Fehler, in dem sie schreibt: 

Promiskuität gehört zum Repertoire Suchtkranker 

In der Arbeit mit psychisch und suchtkranken Menschen kann ich diese Pauschalisierung überhaupt nicht bestätigen. Das ist auch wissenschaftlich nicht belegt. Ich kenne nicht einen Suchtkranken, der auch sexsüchtig war. Und ich kenne viele Suchtkranken, die nicht co-abhängig waren. Einige lebten sogar ohne Beziehung, hatten noch nie in einer festen Partnerschaft gelebt. Hier wird ein Vorurteil forciert, das ich für gefährlich halte, wenn Leser*innen, die nicht vom Fach sind, dies einfach ungefragt hinnehmen und sie womöglich diesen Verdacht auf ihre Alkoholbeziehung auslegen.

Und zur Co-Abhängigkeit gibt es zu sagen, dass es diese in weiter Facon gibt, es würde aber den Rahmen sprengen, sie anhand von Beispielen zu benennen. 

Ansonsten halte ich das Buch absolut für lesenswert für Menschen, die ebenso Probleme mit der Paarbeziehung dieser Art haben. Vielleicht bekommt man durch dieses Buch die eigene Beziehung klarer gespiegelt und fühlt sich angespornt, sich endlich von ihr zu lösen. Es gibt viele Menschen, wie ich dies aus meiner Berufspraxis heraus kenne, die es nicht geschafft haben, sich von ihrer Abhängigkeit zu lösen. Ihnen, so denke ich, sollte dieses Buch gewidmet sein und ihnen helfen, sämtliche Ketten zu sprengen.

Wie ist das Buch zu mir gekommen?
Die Autorin hatte mir eine Anfrage gestellt. Als ich den Klappentext gelesen habe, habe ich mich gefragt, ob ich das Buch in meiner Freizeit wirklich lesen möchte?, da es mich an meine eigene Klientel erinnern würde und ich mich privat nicht auch noch mit diesen belastenden Problemen befassen wollte. >>Ich habe Feierabend<<, hatte ich mir gedacht. Aber weshalb hatte ich mich doch entschlossen, das Buch anzunehmen? Weil ich dadurch die Hoffnung hegte, dieses Buch an meinen betroffenen Klient*innen weiterzureichen. Es ihnen zu empfehlen, weil es sich so schön flüssig lesen lässt, so richtig aus dem Leben gegriffen. Genau für Menschen, die nicht so viel mit Theorien anfangen können. Dies war mein Ziel und ich finde, dass dieses Ziel mit diesem Buch erreicht wurde.

Mein Fazit
Die Liebe geht häufig seltsame Wege und man sollte vorsichtig sein mit vorschnellen Urteilen bei Menschen, die aus schwierigen Beziehungsverhältnissen kommen.

Meine Bewertung

2 Punkte: Sprachlicher Ausdruck (Anspruchsvoll, keine saloppe Schreibweise)
1 Punkte: Differenzierte Charaktere
1 Punkte: Authentizität der Geschichte. (Sie war sehr facettenarm trotz komplexer Problematik)
0 Punkte: Fantasievoll, ohne dass es kitschig oder zu sentimental wirkt (Wenig Phantasie,   da realistischer Erlebnisbericht über die Stella)
1 Punkte: Frei von Stereotypen, Vorurteilen, Klischees und Rassismus
2 Punkte: Cover und Titel stimmen mit dem Inhalt überein

Sieben von zwölf Punkten.

Dankeschön an Karmen Jurela für das Leseexemplar. 

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Jeder kann die Welt mit seinem
Leben ein kleinwenig besser machen.
(Charles Dickens)

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Gelesene Bücher 2011: 86

Der Mensch ist mehr als nur die biologische Erbmasse.
Er ist, was er innerlich denkt und fühlt.
(M. P.)

Die Herkunft eines Menschen
Die Wurzeltheorie verdammt Menschen zu ewigen Ausländer*innen, nur, weil sie eine andere Hautfarbe, eine andere Religion oder einen anderen Namen tragen. Die meisten haben ihre Wurzeln dort geschlagen, wo sie geboren wurden und / oder dort, wo sie ihr ganzes Leben zugebracht haben.

Es lebe die menschliche Vielfalt in Deutschland und überall.
(M. P.)

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