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Mittwoch, 6. Juni 2018

Ekaterine Togonidze / Einsame Schwestern (1)

Lesen mit Whatchareadin, Leserunde 

Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre

Ein Buch, das regelrecht nach Menschlichkeit schreit, nach Mitmenschlichkeit, es schreit nach Liebe und nach Zugehörigkeit.

Hier geht es zum Klappentext, der viel zu ausführlich ist. 

Die Handlung
Die beiden mutterlosen, jungen siamesischen Zwillinge, 16 Jahre alt, werden von der Großmutter versorgt. Die Großmutter bezieht Altersrente. Das Geld muss für sie drei gut eingeteilt werden, denn sonst reicht die Rente nicht aus. Die Mutter der Mädchen ist kurz nach der Geburt gestorben. Der leibliche Vater, Rostom Mortschiladze, Hochschulprofessor, ist bis dato unbekannt. Es gibt noch einen Cousin von der Mutter namens Zaza, der ab und zu Besorgungen für die Mädchen macht …

Die Großmutter war in ihrer Erwerbstätigkeit Lehrerin und brachte den Mädchen Lesen und Schreiben bei …

Die siamesichen Zwillinge gehen keinerlei Außenaktivitäten nach, und da sind Bücher ein idealer Zeitvertreib. Zum Selbstschutz sind die Mädchen von der Außenwelt abgeschnitten, um nicht in den Fängen der Ärzte zu gelangen. Die Welt kennen die Mädchen nur aus dem Fernsehen. Als sie noch klein waren, und die Großmutter das Haus wegen diverser Alltagspflichten verlassen musste, wurden sie von ihr an einem Tisch angebunden, damit sie keinen Blödsinn machen konnten.

Die Mädchen sind körperlich eingeschränkt aber geistig völlig gesund. Sie schreiben beide Tagebücher, um ihre tristen Tage darin festzuhalten. Das Tagebuch soll als ein Beweisstück dienen, dass sie existiert haben, wenn sie eines Tages nicht mehr leben sollten. Sie halten darin ihre tiefsten und intimsten Gedanken fest.  

Sie heißen Diana und Lina. Auch wenn sie äußerlich kaum voneinander zu unterscheiden sind, aber ihre Charaktere sind verschieden. Lina scheint die emotionalere von beiden zu sein, während Diana mehr von der Ratio geleitet wirkt. Lina schreibt Gedichte …

Plötzlich wird die Großmutter krank, die sich immer mehr zu einem Pflegefall entpuppt, während die Zwillinge rund um die Uhr für sie bis zur Erschöpfung sorgen, bis sie schließlich stirbt. Lina und Diana sind nun völlig auf sich selbst gestellt. Wohin mit dem Leichnam der Großmutter?
Parallel bekommt man Einblicke in das Leben des Vaters der Mädchen, der bis dato nichts über deren Existenz wusste. Es findet eine DNA-Analyse statt. Er kann nicht glauben, dass diese „missratenen“ Kinder aus seinen Genen stammen sollen. Es findet ein Prozess der Auseinandersetzung statt ...
Mit dem Tod der Großmutter erleiden die Mädchen verschiedene Schicksalsschläge, die ihr Leben komplett in eine andere Richtung lenken ...

Für mich besondere und fragwürdige Szenen
Achtung Spoiler
Ich habe nicht so ganz verstanden, weshalb die Großmutter die Mädchen nicht auf das Leben vorbereitet hat. Sie musste damit rechnen, dass sie nicht ewig für sie sorgen konnte, und dass sie spätestens nach ihrem Tod alleine sein würden. Von welchem Geld sollten sie leben? Nicht einmal Einkäufe konnten sie tätigen ... Traurig fand ich zudem, dass Diana und Lina sexuell nicht aufgeklärt wurden, weil die Großmutter die Sexualität wie ein Tabu behandelt hat. Dadurch konnten die Mädchen kein sexuelles Bewusstsein entwickeln, keine ausreichend entwickelte sexuelle Identität. Das brachte die Mädchen später in große Schwierigkeiten. Diese Fragen sind allerdings der Großmutter gegenüber nicht vorwurfsvoll gemeint, denn sie hat auch Großes geleistet, in dem sie ihren beiden Enkelinnen ein Zuhause gegeben hat und für sie bestmöglich gesorgt hat.

Das Schreibkonzept
Das Schreibkonzept finde ich sehr interessant. Aber ich habe vergessen, darauf zu achten, aus wie viel Teilen das Buch besteht. Ich war so in meinem Lesesog drin ... Auf der allerersten Seite findet man einen kleinen Bibelvers ... 

Inhaltlich bekommt man es mit drei Perspektiven zu tun. Die beiden unterschiedlichen Tagebücher von Diana und Lina und die Perspektive des Erzeugers, des leiblichen Vaters, der vom Staatsanwalt kontaktiert wird. Die Perspektiven wechseln einander ab. Dass die Mädchen nicht lange leben, wird schon recht früh deutlich. Die Gegenwart, in der Lina und Diana über ihr Leben schreiben, während in der Perspektive des Vaters die Mädchen bereits schon tot sind. Aber erst am Ende erfährt man, woran Lina und Diana gestorben sind.

Meine Meinung
Mir hat das Buch sehr gut gefallen. Einmal angefangen konnte ich nicht mehr aufhören zu lesen. Ein Buch, das sehr nachdenklich stimmt. Die Worte der Mädchen sind dermaßen ausdrucksstark, dass sie mich ganz tief in meiner Seele berührt haben. Ich weiß, dass in den ehemaligen Ostbklockstaaten behinderte Menschen bis heute noch gesellschaftlich nicht toleriert werden. Behinderte Menschen werden häufig weggesperrt und in die Obhut des Staates übergeben. Man nimmt sie aus der Familie raus und sperrt sie in staatlich, geschlossene Einrichtungen und bleiben sich selbst überlassen. Sie bekommen lediglich Nahrung und einen Schlafplatz. Integration und Inklusion, wie wir dies hierzulande kennen, sind dort Fremdwörter. Deshalb sind solche Bücher wie das vorliegende Buch sehr, sehr wichtig. 

Aber nicht nur die gesellschaftlichen Probleme zeigt das Buch gekonnt auf. Auch Probleme, die diese Mädchen miteinander haben, fand ich mehr als brisant. Die Vorstellung, keine Privatsphäre zu haben, ist für mich unvorstellbar. Diese beiden Mädchen würden gerne mal für sich sein, aber dadurch, dass sie körperlich miteinander verwachsen sind, gibt es diese Form, sich mal aus dem Weg zu gehen, nicht. Die Sehnsucht nach Freiheit, das Gefühl in beiden Körpern gefangen zu sein, wird in den Tagebüchern immer wieder hervorgebracht. 

Ungeklärte Fragen?
Wo hat die Autorin ihren Stoff her? Darauf wird es sicher eine Antwort auf Whatchareadin geben, da die Autorin sich bereit erklärt hat, im Chat persönlich auf unsere Fragen einzugehen.

Cover und Buchtitel  
Mit dem Cover bin ich nicht ganz klargekommen. Es gibt viele Unstimmigkeiten; Das Cover entspricht nicht der Beschreibung aus dem Buch, was das Alter und die Verwachsung der Körper betreffen. Wieso hat der Verlag Probleme, die Behinderung der Schwestern auf dem Cover darzustellen????
Auch die Äußerlichkeiten waren nicht stimmig. Diana und Lina haben eine helle Haut und blonde Haare. Verlage aus Deutschland, Österreich und aus den nordischen Ländern scheinen blonde und hellhäutige Menschen in der Literatur für sich gepachtet zu haben. Sehr wohl gibt es in Süd und in Südosteuropa auch Haut- und Haarfarben in mehreren Nuancen … Den Buchtitel fand ich treffend ausgewählt. Zu zweit einsam? Einsamkeit? Zweisamkeit?


Was hat mich zu diesem Buch veranlasst?
Die Neugier. Ich war gespannt, wie diese Menschen mit ihrem Anderssein ihr Leben verbringen. Während des Lesens habe ich mich gefragt, ob die Mädchen ihr Leben bewältigen können, oder ob sie sich selbst aus der Welt ausstoßen werden, weil die Gesellschaft keinen Platz für behinderte Menschen bereithält. Diana und Lina wirkten auf mich arg suizidal.


Und hier ein Bild zum Thema Siamesische Zwillinge


Ich zitiere Wikipedia: Die in Siam (heute Thailand) geborenen Brüder Chang und Eng Bunker (1811–1874), auf welche die Bezeichnung Siamesische Zwillinge zurückgeht.

Aufgepasst: Die Doppelfehlbildung auf dem Foto ist eine Art. Es gibt viele verschiedene Arten. Die beiden Mädchen Diana und Lina sind ab der Hüfte nach unten hin mit einem Körper verwachsen.

Begriffsdefinition, hier auf Wikipedia

Mein Fazit?
Ein Appell für mehr Toleranz, Differenz und Vielfalt.

Und hier geht es zu den Fragen an die Autorin.

Meine Bewertung?
2 Punkte: Sprachlicher Ausdruck (Anspruchsvoll, keine saloppe Schreibweise)
2 Punkte: Differenzierte Charaktere
2 Punkte: Authentizität der Geschichte
2 Punkte: Fantasievoll, ohne dass es kitschig oder zu sentimental wirkt
2 Punkte: Frei von Stereotypen, Vorurteilen, Klischees und Rassismus
1 Punkte: Cover und Titel stimmen mit dem Inhalt überein
Elf von zwölf Punkten

Weitere Informationen zu dem Buch
Vielen Dank an den Buchverlag und an Watchareadin für das Leseexemplar.

·         Gebundene Ausgabe: 180 Seiten
·         Verlag: Septime Verlag (19. Februar 2018)
·         Sprache: Deutsch
·         ISBN-10: 3902711744

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Gelesene Bücher 2018: 24
Gelesene Bücher 2016: 72
Gelesene Bücher 2015: 72
Gelesene Bücher 2014: 88
Gelesene Bücher 2013: 81
Gelesene Bücher 2012: 94
Gelesene Bücher 2011: 86




Dienstag, 1. Mai 2018

Celeste Ng / Kleine Feuer überall (1)

Lesen in der Leserunde im Bücherforum Watchareadin

Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre

Was für ein gelungenes Buch. Es gibt nichts, was mir inhaltlich nicht gefallen hat. Zudem sehr interessant vom Aufbau her. Eine spannende Familiengeschichte, die über eine breite Diskussionsgrundlage verfügt …

Ein Buch, das Zivilcourage zeigt.

Die Handlung
Familie Richardson
Die Handlung spielt in Shaker Heights, ein Vorort von Cleveland, Bundesstaat Ohio. Shaker Hights ist eine wohlhabende Wohngegend, die zudem über einen recht hohen Verhaltenskodex verfügt. Starke Reglementierung in der auch Alltagsregeln eingebettet sind, und wer gegen diese verstößt, wird es nicht leicht haben, das Leben in Harmonie fortzuführen. Wir lernen hier die sechsköpfige Familie namens Richardson kennen und es ist Mrs Richardson, die über diese Regeln wacht. Man glaubt anfangs, es mit einer gutbürgerlichen Familienidylle zu tun zu bekommen. Und dies nicht nur innerhalb dieser Familie. Mrs Richardson ist von Beruf Journalistin, ihr Mann Jurist. Die Kinder befinden sich alle im jugendlichen Alter. Die Richardson besitzen zwei Häuser.

In dem einen Haus leben die Richardson, während das zweite Haus mit zwei getrennten Wohnungen untervermietet ist. Mrs Richardson ist es wichtig, die Wohnungen an Menschen zu vermieten, die nicht besonders wohlhabend sind.

Mia und Pearl Warren
An Mia Warren wurde eine von den beiden Wohnungen vermietet. Mia Warren ist Fotokünstlerin und zieht mit ihrer fünfzehnjährigen Tochter Pearl in diese Wohnung ein. Sie ist alleinerziehend. Dies ist die erste Wohnung, die Mia seit Pearls Geburt bezogen hat. Als Künstlerin wollte sie immer unterwegs sein, um Eindrücke für ihre Kunst zu sammeln. Sie lebt von ihrer Kunst und von Gelegenheitsjobs.

Pearl sehnt sich nach einem ganz normalen und sesshaften Leben, nach einem dauerhaften Schulbesuch und nach festen FreundInnen. Mia musste der Tochter versprechen, nicht mehr fortzuziehen. Durch die Richardsonkinder lernt Pearl, was es heißt, in einer Familie zu leben und so fragt sie ihre Mutter wiederholt, wer ihr Vater sei? Mia gibt dazu keine Antwort. Wie Pearl muss sich auch die Leserin in Geduld üben, dass irgendwann sicher noch eine Antwort folgen wird. Pearl freundet sich mit den Richardsonkindern an. Sie wünscht sich ein Leben, in Sicherheit und Wohlstand gebettet, wie es die Richardson kennen. Izzy Richardson dagegen, das jüngste Kind, fühlt sich mit den festen Regeln und dem vielen Komfort eher eingeengt. Sie sehnt sich nach einem Leben, wie Mia es mit ihrer Tochter lebt. Einfach und bescheiden. Izzy ist das schwarze Schaf in der Familie und man bekommt als Leserin den Eindruck, Izzy würde ihr Leben in einem goldenen Käfig verbringen …

Auch Pearl fühlt sich zu den Richardson hingezogen, und so durchleben beide Kinder erst mal eine kleine Identitätskrise … Beide Familien weisen Konflikte auf, die besondere Problemlösungsstrategien einfordern. Mrs Richardson missachtet die Lebensweise von Mia Warren und ist blind für die Probleme innerhalb der eigenen Familie.

Bebe Chow
Auch lernt man die Chinesin Bebe Chow kennen, die ein Mädchen geboren hat. Bebe Chow hat ihr Kind ausgesetzt, weil ihr die Mittel fehlten, für das Kind zu sorgen. Der Säugling wurde gefunden und dem kinderlosen Ehepaar Linda und Ehegatte McCullogh zur Adoption übergeben. Das Ehepaar wünscht sich nichts sehnlicher als ein Kind, und alle Versuche sind gescheitert, selbst ein Kind zu bekommen. Bebe Chow bereut ihren Schritt und möchte ihr Kind  zurückhaben, da sie ihre finanziellen Verhältnisse durch einen Job ein wenig aufstocken konnte. Es finden Gerichtsverhandlungen statt. In der Zwischenzeit liegt das Kind in der Obhut des Staates. Es entstehen juristisch und journalistisch zwei Fronten. Jede Seite kämpft um dieses chinesische Kind. Ein interessanter und extrem moralischer Part.

Zum Scheibkonzept
Zu dem Schreibkonzept muss ich mich diesmal ein wenig bedeckt halten. Das Schreibkonzept ist dermaßen gut konstruiert, dass man gerne darüber sprechen möchte, aber nicht kann, weil man anderen LeserInnen die Möglichkeit nimmt, selbst zu entdecken, wie die Geschichte mit welchem Konstrukt aufgebaut ist.
Die Struktur in drei Teilen: Ein paar Zeilen am Anfang: Auf der allerersten Seite gibt es zwei Zeitungsartikel, die Shaker Heights beschreiben. Auf den folgenden Seiten erfährt man, dass das jüngste Kind der Richardson das Haus in Brand gesetzt hat. Im MIttelteil werden Handlungen von drei Familien. bzw. familienähnlichen Lebensweisen beschrieben. Und das Ende? Der Schluss ist vielversprechend.

Schreibstil
Ein wundervoller Schreibstil, der sich flüssig lesen lässt. Auch die Charaktere aller Figuren sind gut getroffen. Man erlebt facettenreiche und authentische Persönlichkeiten. Eine von den Figuren ist mir von Anfang an unsympathisch gewesen, und meine negativen Eindrücke zu dieser Person haben sich am Schluss bestätigt. Bangen musste ich ich auch um Bebe Chow.

Meine Meinung
Mich haben die Handlungen alle sehr überzeugt. Mich wird die Geschichte noch lange beschäftigen. Von der ersten bis zur letzten Seite habe ich die Geschichte mit großer Spannung verfolgt. Aus dem Probelesen wurde anfangs mehr, ich konnte das Buch nicht mehr aus dern Händen legen. Die letzten fünfzig Seiten waren für mich die aufregendsten.

Ungeklärte Fragen
Ich habe mich gefragt, ob die Geschichte autobiografische Züge aufweist? Das verrät mir sicher das Interview auf der dtv Seite. Das werde ich mir später noch vornehmen.

Cover und Buchtitel?
Sehr gut getroffen. Besitzt einen Wiedererkennungswert. 

Meine Identifikationsfiguren
Mia Warren und Izzy Richardson.

Mein Fazit?
Gelungene Familiengeschichten, sodass ich mir den Namen der Autorin merken werde, und ich mir ihre anderen Bücher auch noch anschaffen möchte.

Meine Bewertung?

2 Punkte: Sprachlicher Ausdruck (Anspruchsvoll, keine saloppe Schreibweise)
2 Punkte: Differenzierte Charaktere
2 Punkte: Authentizität der Geschichte
2 Punkte: Fantasievoll, ohne dass es kitschig oder zu sentimental wirkt
2 Punkte: Frei von Stereotypen, Vorurteilen, Klischees und Rassismus
2 Punkte: Cover und Titel stimmen mit dem Inhalt überein
 Zwölf von zwölf Punkten.

Weitere Informationen zu dem Buch

Vielen Dank an den Verlag für das Leseexemplar.
     
·               Gebundene Ausgabe: 384 Seiten
·         Verlag: dtv Verlagsgesellschaft (20. April 2018)
·         Sprache: Deutsch
·         ISBN-10: 3423281561

Und hier geht es auf die Verlagsseite von dtv
Und hier zur Leserunde von Watchareadin.
Und hier geht es zum Interview mit der Autorin.

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Gelesene Bücher 2018: 19
Gelesene Bücher 2016: 72
Gelesene Bücher 2015: 72
Gelesene Bücher 2014: 88
Gelesene Bücher 2013: 81
Gelesene Bücher 2012: 94
Gelesene Bücher 2011: 86

Montag, 16. April 2018

Kent Haruf / Lied der Weite (1)


Lesen in der Leserunde auf 
dem Bücherforum Watchareadin

Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre
Ein wunderschönes Buch, das sehr zum Nachdenken anregt. Ich mag den Autor aufrichtig. Er behandelt gesellschaftliche Themen recht sensibel, authentisch und facettenreich. Ich werde mich hier in meiner Besprechung nicht so ausführlich über das Buch aufhalten, da in der Leserunde auf Watchareadin jede Menge nachzulesen ist. Ich habe dort auch einiges schon geschrieben und möchte mich nicht wiederholen.

Ich habe unten noch zwei für mich ungeklärte Fragen notiert, die ich in einem Spoiler gesetzt habe, denn wer nicht zu viel von der Geschichte erfahren möchte, so bitte ich, diesen Unterpunkt zu überspringen. Die Fragen lassen sich nicht stellen, ohne etwas von den Hintergründen preiszugeben. 

Die Handlung
Es ist schwierig, über die Handlung zu schreiben, da es mehrere davon gibt. Handlungen von vielen ProtagonistInnen, wo ich eingangs ein wenig meine Schwierigkeiten hatte, sie in meinem Kopf unterzubringen, ihnen dort einen Platz zu geben, weil ich noch nicht wusste, wie ich sie in welcher Façon und in welche Beziehungsmuster einzuordnen hatte. Aber später, nach etwa einhundert Seiten, hat sich alles von selbst reguliert, die Fäden waren in der richtigen Reihenfolge geknüpft. Wie schon im Klappentext steht, lernen wir hier ein junges Mädchen namens Victoria kennen, das 17 Jahre alt ist, und noch auf die Highschool geht. Victoria ist schwanger und wird dadurch von der Mutter aus dem Haus gesperrt. Ihr Freund meint es nicht ernst mit ihr und verlässt sie, bis er eines Tages wieder auftaucht, als er erfährt, dass Victoria von ihm schwanger ist. Ein gewalttätiger Typ, der Victoria unter Druck setzt …

Das Buch beginnt allerdings mit Tom Guthrie, Familienvater zweier Söhne, Ike und Bobby, neun und zehn Jahre alt. Seine Frau, Ella, scheint an schweren Depressionen zu leiden. Später wird aber deutlich, was die Ursachen der Depressionen sind, und wie die beiden Jungen schmerzlich ihre Mutter vermissen, und welche Verarbeitungsstrategie sie wählen, den Mutterverlust zu verwinden, um die Trauer abzuschließen. Tom Guthrie ist Lehrer an der Schule von Victoria. Neben seinen Sorgen mit seiner Frau begleiten ihn auch Sorgen mit einem Problemschüler, der ihm das Leben schwer macht. Dieser Schüler vergreift sich an seine Jungs, um sich an den Lehrer zu rächen, da er ihn in amerikanischer Geschichte wegen mangelnder Leistung durchfallen lässt. Merkwürdige Ansichten hegt der Schulleiter, der keinen Wirbel auf seiner Schule haben möchte und versucht Guthrie zu überreden, dem Schüler die Prüfung als bestanden zu attestieren ...

Victorias Mutter scheint eine eiskalte Person zu sein, als ihre Tochter, von der Schule kommend, sie um Einlass bittet, regelrecht weinend vor der verschlossenen Haustüre steht und nach ihrer Hilfe ruft, dass ich diese Kälte bis zu mir im Wohnzimmer gespürt habe, und ich mich gefragt habe, ob es in Amerika kein Jugendschutzgesetz gibt? Eltern haften für ihre Kinder so lange, bis sie auf eigenen Beinen stehen können. Aber alles Weitere kann man aus der Leserunde entnehmen. Auch mit der Lehrerin von Voctoria namens Maggi Jones bekommt man es hier zu tun. Nach dem Rausschmiss der Mutter sucht Victoria Zuflucht zu der Lehrerin ihres Vertrauens, die sich für die erste Zeit ihrer annimmt. Dann sind da noch zwei alte, einsame Junggesellen, die McPharonsbrüder, die auf einer Farm leben, deren Eltern durch einen Verkehrsunfall ums Leben kamen, als sie noch Jungen waren. Seitdem leben sie alleine und von der Außenwelt abgeschirmt. Sie können scheinbar besser mit ihren Kühen umgehen, als mit Menschen und oder gar mit Frauen.

Wohin geht Victoria? Was passiert mit den Kindern von Tom und Ella Guthrie? Wie entwickelt sich die Geschichte noch weiter? Dies ist in der Leserunde oder im Buch nachzulesen

Zum Scheibkonzept
Alle ProtagonistInnen bekommen eine eigene Bühne. In jedem neuen Kapitel steht der Name jener Figur, um die es auf diesen Seiten hauptsächlich geht. Das erste Kapitel beginnt mit Tom Guthrie, anschließend folgt das Kapitel mit Victoria, weiter geht es mit Ike und Bobby etc. Die Kapitel sind nicht zu lang, aber auch nicht zu kurz. Die Geschichte, bzw. das letzte Kapitel schließt mit der fiktiven amerikanischen Kleinstadt in Colorado namens Holt, in der sich die Handlung abspielt.

Meine Meinung
Mir hat der Schreibstil des Autors gut gefallen, so gut gefallen, dass ich ihn zu meinen Schreibprojekten anreihen werde. Leider werden es nicht viele Bücher sein, die ich noch lesen kann, da der Autor schon verstorben ist. Ich glaube, er hat nur drei Bücher geschrieben, zwei davon habe ich ja nun gelesen. Ich muss noch mal recherchieren.

Cover und Buchtitel?
Das Cover finde ich gut getroffen. Es zeigt für mich die Landschaft und das Haus der Brüder McPherons.


Ungeklärte Fragen
Achtung Spoiler

Für mich sind Fragen offengeblieben, zwei davon möchte ich hier benennen.
Es geht um den Verstoß gegen das Jugendschutzgesetz bzw. um die Gefährdung des Kindeswohls; und eine Frage zur Mutterliebe.
Verstößt in Amerika Mutter/Vater/Eltern nicht gegen das Jugendschutzgesetz, wenn das eigene Kind ausgesperrt wird und dadurch in die Obdachlosigkeit entlassen wird? Dazu noch mit einem werdenden Kind im Mutterleib, wie im Fall von Victoria? Hier würde sogar das Jugendschutzgesetz für Mutter und Kind greifen, da auf beiderlei Hinsicht eine Kindeswohlverletzung vorliegt. 

Gibt es so etwas wie Mutterliebe? Wenn es so etwas wie Mutterliebe wie im Fall von Veronica aber nicht gibt, ist diese Mutterliebe tatsächlich bei fremden Menschen zu finden, wie im Fall von Maggie Jones, Victorias Lehrerin und den beiden Farmern McPherons? Ist der Autor nicht zu idealistisch hervorgegangen, da die McPherons-Brüder einfache Farmer sind, und selbst nicht viel Geld haben dürften? Sie übernehmen alle Kosten, nicht nur für Victoria, sondern auch für das kommende Baby. Da ich die Einzige aus der Leserunde bin, die sich diese Fragen gestellt hat, hat sich auch keine Diskussion darüber ergeben und werde selbst noch weiter recherchieren.

Mein Fazit?

Ein Spiegel aus der amerikanischen Geschichte? Auch wenn nicht explizit hervorgeht, wann die Handlung zu welcher Zeit sich abspielt. In der Leserunde konnte eine Mitleserin das Historische an verschiedenen Faktoren ablesen. Ihr zufolge könnte sich die Geschichte zwischen den 50ern und den 60ern Jahren des letzten Jahrhunderts abspielen.


Und hier eine literaturwissenschaftliche Rezension aus dem Deutschlandfunk.

Meine Bewertung?
2 Punkte: Sprachlicher Ausdruck (Anspruchsvoll, keine saloppe Schreibweise)
2 Punkte: Differenzierte Charaktere
2 Punkte: Authentizität der Geschichte
2 Punkte: Fantasievoll, ohne dass es kitschig oder zu sentimental wirkt
2 Punkte: Frei von Stereotypen, Vorurteilen, Klischees und Rassismus
2 Punkte: Cover und Titel stimmen mit dem Inhalt überein
12 von 12 Punkten


Weitere Informationen zu dem Buch

Herzlichen Dank an den Diogenes-Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Auszeichnungen
 ›Wallace Stegner Award‹ , 2012
 ›Mountains & Plains Booksellers Award‹ , 2000
 ›Whiting Award for Fiction‹ , 1986


Buchausgabe
    • Gebundene Ausgabe: 384 Seiten
    • Verlag: Diogenes; Auflage: 2 (12. Januar 2018)
    • Sprache: Deutsch
    • ISBN-10: 3257070179

    Und hier geht es auf die Verlagsseite von Diogenes.
    Und hier geht es zur Leserunde Watchareadin.
    ___________________
    Da war kein Ort auf der Welt,
    den Louis lieber mochte als die Hauptstadt.
    Es war nicht der Reichtum,
    es war die Vielfalt.
    (Aus Louis oder der Ritt auf der Schildkröte)

    Gelesene Bücher 2018: 16
    Gelesene Bücher 2016: 72
    Gelesene Bücher 2015: 72
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    Gelesene Bücher 2013: 81
    Gelesene Bücher 2012: 94
    Gelesene Bücher 2011: 86


    Sonntag, 1. April 2018

    Michael Hugentobler / Louis oder der Ritt auf der Schilkröte (1)

    Coverbild Louis oder Der Ritt auf der Schildkröte von Michael Hugentobler, ISBN-978-3-423-28152-2
    Lesen mit der Leserunde auf Watchareadin

    Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre

    Hinter dem Buchtitel lässt sich ein Abenteuerroman vermuten, und nicht nur das, sondern auch etwas Skurriles. Denn auf einer Schildkröte zu reiten stelle ich mir unmöglich vor. Sicher gibt es Schildkröten mit großen Panzern, aber ob man darauf reiten kann, aus meiner Sicht, nein, da sie von der Geschwindigkeit her viel zu langsam sind. Dies klärt sich im Verlauf der Geschichte von selbst. Das Cover an sich finde ich wunderschön. Da hat sich der Verlag etwas einfallen lassen. Nicht so ein Nullachtfünzehn-Cover, wie man es immer häufiger auf dem Buchdeckel zu sehen bekommt, das außerdem leicht austauschbar ist.

    Ein Abenteuerroman? Ich habe ihn eher als einen Reiseroman erlebt.
    Bevor ich mit dem Buch angefangen habe zu lesen, fragte ich mich, wer Louis sein könnte? Louis hieß ursprünglich Hans Roth und ist in der Schweiz 1849 in den Bergen geboren. Weil Hans eher kleinwüchsig auf die Welt gekommen ist, und sein Kopf im Verhältnis dazu recht groß wirkte, hatte seine Mutter ihn abgelehnt. Sie konnte sich keine Zukunft für Hans vorstellen, und gibt ihrem Kind immer wieder zu verstehen, dass er in der Welt überflüssig sei.

    Hans ist ein Arbeiterkind, der Vater war von Beruf Kutscher, als dieser vier Jahre nach seiner Geburt zusammen mit der Kutsche von den Bergen stürzte …
    Hans wurde von anderen Kindern wegen seines Aussehens mit Zwerg vom Berg gehänselt, doch er ließ sich nicht unterkriegen. Mit 14 Jahren zog er von zu Hause aus, um von Ort zu Ort die Welt zu bereisen. Zu Hause hielt ihn nichts mehr.

    Mit seinem Namen Hans Roth fühlte er sich unwohl, weshalb er in eine andere Identität namens Louis Montesanto schlüpfte. Wie es dazu kam, ist dem Buch zu entnehmen.
    Louis Montesanto machte sich einen Namen als ein französischer Weltenbummler, der Reiseberichte über die Aborigines Australiens geschrieben hat. Niemand stellte seine Berichte infrage, alle glauben ihm, bis eines Tages Lügen aufgetischt werden. Louis Montesanto entpuppte sich nicht nur zu einem wissbegierigen und weisen Menschen, er entpuppte sich auch zu einem hochnäsigen Hochstapler. Schon auf den ersten Buchseiten wird man mit seinen Lügen konfrontiert, nicht nur, was der Inhalt seines Referates betrifft, sondern auch seine geschwindelte Identität, sodass Hans Roth aus dem Saal fliehen musste …

    Hans Roth ist zwar eine fiktive Figur, doch sie ist angelehnt an Louis de Rougemont, ein Schweizer, ein Abenteurer, den es tatsächlich gegeben hat. Dieser reale Louis wurde 1847 geboren und starb 1921. Ich kann nicht mehr sagen, wo ich das nachgelesen habe …
    Mehr möchte ich nicht verraten. Alles Weitere wird in der Leserunde besprochen. Aber Vorsicht, wer nicht zu viel im Vorfeld über dieses Buch erfahren möchte, diesen LeserInnen rate ich von der Leserunde ab.

    Mein Fazit?
    Mir kamen die Figuren alle ein wenig kühl vor. Ich hatte Mühe, sie zu verinnerlichen. Aber später schließlich, als ich mehr Hintergrundwissen hatte, konnte ich mich besser in diese Figuren hineinversetzen.
    Hans Roth/Louis Montesanto ist absolut kein Sympathieträger aber für das, dass er ohne Mutterliebe aufwachsen musste, hat er das Beste aus seinem Leben zu machen gewusst. Wenn es nach seiner Mutter gegangen wäre, hätte Hans Roth vor der Gesellschaft wegen seines äußeren Erscheinungsbildes im Haus versteckt werden müssen.

    Mir persönlich hat ein wenig die Authentizität der Figuren gefehlt. Viel zu kühl, viel zu distanziert kommen mir die Figuren rüber.Man hätte mehr erfahren sollen, was in den ProtagonistInnen innerlich vorgeht, weshalb sie handeln wie sie gehandelt haben ... Oder was sie denken? Was sie fühlen? Dadurch habe ich die Lesefreude vermisst. Viel zu kopflastig. 

    Meine Bewertung?
    2 Punkte: Sprachlicher Ausdruck (Anspruchsvoll, keine saloppe Schreibweise)
    2 Punkte: Differenzierte Charaktere
    0 Punkte: Authentizität der Geschichte
    2 Punkte: Fantasievoll, ohne dass es kitschig oder zu sentimental wirkt
    2 Punkte: Frei von Stereotypen, Vorurteilen, Klischees und Rassismus
    2 Punkte: Cover und Titel stimmen mit dem Inhalt überein
    10 von 12 Punkten

    Weitere Informationen zu dem Buch

    Vielen Dank an Watchareadin und an den dtv-Verlag für dieses Leseexemplar.

    • Gebundene Ausgabe: 192 Seiten
    • Verlag: dtv Verlagsgesellschaft; Auflage: Originalausgabe (9. März 2018)
    • Sprache: Deutsch
    • ISBN-10: 3423281529

    Hier geht es zur Leserunde. 
    Hier geht es auf die Verlagsseite vom dtv.


       Und hier die audible Version auf Youstube. Der Autor liest selbst.



    ___________________
    Da war kein Ort auf der Welt,
    den Louis lieber mochte als die Hauptstadt.
    Es war nicht der Reichtum,
    es war die Vielfalt.
    (Aus: Louis oder der Ritt auf der Schildkröte)

    Gelesene Bücher 2018: 14
    Gelesene Bücher 2016: 72
    Gelesene Bücher 2015: 72
    Gelesene Bücher 2014: 88
    Gelesene Bücher 2013: 81
    Gelesene Bücher 2012: 94