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Sonntag, 21. Mai 2017

Peter Walther / Hans Fallada (1)

Lesen mit Anne


Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre

Eine sehr schöne und recht umfangreiche Biografie hat der Autor Peter Walther uns LeserInnen hinterlegt. Das ist nun zwar nicht meine erste Biografie zu Rudolf Ditzen alias Hans Fallada gewesen, aber die beste. Mein Bild, das ich von Fallada hatte, konnte nun gut abgerundet werden. Viele neue Informationen konnten sich mir Dank Walther erschließen. Eine sehr gut recherchierte Biografie mit einem Anhang von mehr als 80 Seiten.

Es ist eine sehr reiche Biografie, die zusätzlich mit vielen Fotos versehen ist und ist allen LeserInnen zu empfehlen, die mehr von Hans Fallada erfahren möchten. Ich werde mich hier auf ein paar wenige Themen beschränken, Themen, die mich sehr beschäftigt haben. Weiteres ist unbedingt dem Buch zu entnehmen.

Hans Fallada oder Rudolf Ditzen? Ich gebrauche hier den Künstlername. Wie es zu dem Künstlernamen kam, ein Pseudonym, der dazu diente, die Herkunftsfamilie zu schützen.

Mit welchen persönlichen Gedanken habe ich das Buch beendet? Damit, dass Hans Fallada ein sehr reicher Mensch war. Nicht nur materiell, sondern auch ideell. Geld und Liebe waren reich vorhanden. Aber er verspielte sein Geld, investierte es hauptsächlich in verschiedenen Drogen, und vor allem auch seine Liebe verspielte er. Er hatte viele Menschen um sich, die ihn liebten. Er aber trat auf diese Liebe, als sei sie ein schmutziger Lumpen. Ihm war das durchaus bewusst, er litt auch darunter und nahm dadurch immer wieder neue Anstrengungen in Angriff, sein Leben in positive Bahnen zu lenken, um auch seine Ehe mit seiner ersten Frau Suse zu retten. Aber er scheiterte nach jedem Besserungsversuch. Er erlitt jedes Mal erneut einen Rückfall. Ihn aber anzuprangern, ist nicht meine Absicht, denn er war Mensch und hatte massive Probleme mit dem Menschsein, mit sich selbst, mit seinen Eltern, mit der Gesellschaft und vor allem mit Frauen. Doch primär behandelte Fallada sich selbst am schlechtesten, weshalb ihn so früh, im Alter von 54 Jahren, der Tod durch eine Überdosis an Morphium ereilte. Ich fand sein Leben sehr, sehr traurig. Mir standen am Ende die Tränen in den Augen. Keine Sorge, das Buch ist nicht zu sentimental verfasst. Es ist Falladas Leben, das mich von der ersten bis zur letzten Seite sehr bewegt hat. Die letzten Seiten waren für mich die traurigsten.

Hans Fallada war schon in seiner Jugend recht auffällig und entpuppte sich zum Sorgenkind der Familie, obwohl er 1893 als erster Sohn nach zwei Mädchen der langersehnte Wunsch seiner Eltern war. Zweieinhalb Jahre später folgte ein weiterer Sohn namens Ulli, der es schaffte, die Erwartungen der Eltern zu erfüllen. Umso mehr wurde der ältere Bruder in den Schatten gestellt …

Die Eltern pflegten einen guten gesellschaftlichen Stand. Der Vater war von Beruf Kammergerichtsrat und musste sich häufig für seinen Sohn schämen ...

Auch Falladas Mutter kommt aus einer sehr gebildeten und wohlhabenden Familie. Falladas Eltern ließen den Kindern angeblich nichts fehlen, und trotzdem frage ich mich, ob die Liebe, die sie Hans gegeben haben, ausgereicht hat? Ich glaube eher nicht, da er ein Kind war, das die Erwartungen der Eltern schon recht früh enttäuschen musste.

Doch fragt man sich nach dem Sinn seines Lebens, dann habe ich als Leserin den Eindruck gewonnen, dass er diese Erfahrungen, vor allem auch die wenig guten, machen musste, weil sie zu seinem Leben gehört haben. Er wäre sonst nie der Schriftsteller geworden, der er war.

Hans Fallada war psychisch krank und dadurch auch sehr auffällig. Er litt durch schlechte Erbanlagen an schweren Depressionen und an einer Neurose. Im späteren Alter kamen noch andere psychische Belastungen hinzu, wie z.B. Psychopathie, Alkohol und Morphinabhängigkeit. Diese psychischen Probleme begleiteten ihn durch das ganze Leben. Nicht selten sehnte er sich den Tod herbei und dachte oft an einen Suizid, den er im jugendlichen Alter mit seinem Freund, der ebenso suizidale Absichten hegte, ausüben wollte …

In der Schule wurde er schon von seinen Lehrern gemobbt, weil er sich wie ein „Mädchen“ benahm. Er trug lange Haare, und bei jeder kleinsten schulischen Belastung weinte er im Unterricht sofort los. Ein Lehrer war so dreist und flocht ihm Zöpfe, indem er auch an ihnen zog. Der Lehrer machte den kleinen Hans zum Gespött der Klasse, was seine Lebenssituation schon in diesem jungen Alter negativ geprägt hat. „Dieses ewige Heulen“ bezeichnete der Lehrer als leicht schwachsinnig. Auch die Eltern hielten den Sohn für beschränkt. Dass er aber begabt war, zeigte sich, als das Kind auf eine andere Schule versetzt wurde. Er zählte auf der neuen Schule zu den besten Schülern ... Außerdem spielte Hans leidenschaftlich gerne mit Puppen ...

Schon recht früh besuchte Hans zur psychischen Stabilisierung und Genesung Sanatorien. Später wurde er durch ärztliche Anordnung in der Landwirtschaft eingesetzt, damit er durch körperliche Arbeit psychisch gestärkt werden konnte. Und hier beginnt eigentlich Falladas schriftstellerische Karriere. In diesem neuen Milieu sammelt er jede Menge Stoff für seine späteren Bücher. Er lernt die Lebensweise und den Sprachjargon einfacher Menschen kennen und internalisiert sie. Durch seine Sensibilität saugt er sie wie ein Schwamm in sich auf, sodass man den Eindruck gewinnen konnte, dass er einer von ihnen war, doch
Fallada war nie (…) einzig der >>Kleine Mann<<, für den die Leser ihn häufig hielten. Obwohl er den Standesdünkel seiner Eltern ablehnte, war ihm stets bewusst, wo er herkam, eben nicht von >>unten herauf<<.  Er hat die verschiedenen Lebenssphären kennengelernt und in ihnen den Stoff für seine Literatur gefunden. Häufig ist es die Atmosphäre der ungewaschenen Füße, wie Kurt Tucholsky es treffend nannte, die Fallada am besten einfängt. Die schrägen Typen sind es, die ihn interessieren und die er literarisch mit der größten Überzeugungskraft gestaltet. Sosehr er Teil des Milieus wird, das er schildert – nie geht er ganz darin auf, immer bleibt er im Abstand des Beobachters. (2017, 434f).

Wobei Fallada in allen seinen Büchern Biografisches miteinfließen lässt. Ein Gemisch zwischen Fiktion und Wirklichkeit ist in seinen Büchern behaftet. Auch die Figuren entsprechen Charaktere von Menschen, mit denen er im realen Leben zu tun bekam. Manche Namen tauchen aus dem realen Leben in seinen Büchern auf. Suse, seine erste Frau, nannte ihn immer Junge und Murkel ist der Spitzname seiner Tochter. Beide Namen stehen im Buch Kleiner Mann, was nun?

Fallada war ein Frauenheld. Er wurde von allen Frauen bedingungslos geliebt, aber er behandelte sie alle sehr schlecht. Weiteres ist dem Buch zu entnehmen.

Ich fragte mich zudem, wie Fallada politisch einzuordnen war? Er war 21 Jahre alt, als der Erste Weltkrieg ausbrach und 46 beim Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Immerhin gehörten Falladas Bücher im Nazi - Deutschland nicht zu den Büchern, die der Bücherverbrennung zum Opfer fielen. Auf den letzten Seiten fand ich für mich hilfreiche Antworten, denn es gab Episoden, wo man den Verdacht hegen konnte, Fallada würde mit den Nazis partizipieren. Ich war erleichtert, dass mein Verdacht dazu nicht erhärtet werden konnte. Aber wie kam ich denn darauf? Fallada hegte starke patriotisch-nationalistische Gefühle. Auch wünschte er, der Weltkrieg würde von Deutschland gewonnen werden, damit sein Land die Weltherrschaft erlangen könnte. Ich wunderte mich über seine politische Haltung, die doch von Nazi-Ideologien behaftet zu sein schien. Auch andere, vor allem Journalisten, haben sich gefragt:
Wie war es nur möglich, dass er – wie er selbst sagt – zu >zwölf Jahren erzwungenen Schweigens, Ertragens, ohnmächtigen Sichwehrens< verurteilte arme Fallada-Ditzen ausgerechnet während der Nazizeit literarische Erfolge verzeichnen konnte, die von kaum einem anderem Schriftsteller erreicht worden sind? (386)

Eine Antwort fand ich auf Seite 437:
Es gibt keinen Zweifel, dass der Mensch und Künstler Fallada das Nazi-Regime verabscheut hat. Und dennoch gab es Zeiten, in denen er dem Druck und der Indoktrination erlegen war. Der Essayist Johannes Gross hat mit Blick auf die Nachgeborenen einmal beobachtet: >>Je länger das Dritte Reich tot ist, umso stärker wird sein Widerstand gegen Hitler und die Seinen.<< Bücher wie das Gefängnistagebuch und Lebensgeschichten wie die von Fallada schützen vor Selbstgerechtigkeit beim Rückblick auf die Geschichte, sie schützen davor, abzustürzen auf dem schmalen Grat von moralischem Relativismus und einem wohlfeilen Urteil, das sich auf das Wissen unserer Zeit stützt.


Mein Fazit zu dem Buch?
In einer Menschenwelt muss man viel tun, um sich ein wenig Liebe zu verdienen, man ackert dafür, und es ist nicht gesagt, ob man die Liebe schließlich bekommt, nach der der Mensch so sehr lechzt. Fallada hat diese Liebe ganz umsonst bekommen. Dies hat mich sehr beschäftigt, wobei mir bewusst ist, dass im Elternhaus schon Fehlstellungen gelegt wurden, auch wenn die Eltern ihr Bestes für die Kinder gegeben haben.

Fallada hatte neben seiner schweren seelischen Erkrankung schriftstellerisch so viel Stoff in sich zu bewältigen, dass auch dies ihn noch zusätzlich bedrängte. Er musste sich leerschreiben, und damit dies möglich war, konsumierte er dabei viel Alkohol, und wenn dies nicht ausreichte, versorgte er sich noch zusätzlich mit Morphium.
Das Ungeborene, dem er noch nicht zum Leben verholfen hatte, peinigte ihn, und als vollendete sich die Welt erst im Wort, dichtete er dem Leben nach und erfand sich zu Lust und Leid seine Geschöpfe, die einzigen, die ihm etwas Licht und Lebenswärme spendeten in der lebenslangen Haft seiner grauen Vereinsamung. (437)

Und ich beende nun meine Buchbesprechung mit einem Zitat, das mir meine Gedanken zu Fallada bestätigt und das mir aus der Seele spricht:
Wir alle sind in unseren Anlagen gefangen. Die Sucht war nichts, wonach Fallada gestrebt hätte, sie hat ihn ereilt in Phasen der Schwäche, die regelmäßig und untrennbar auf Zeiten künstlerischer Anspannung folgte. (Ebd.)

2 Punkte: Sprachlicher Ausdruck (Anspruchsvoll, keine saloppe Schreibweise)
2 Punkte: Differenzierte Sichtweisen
2 Punkte: Authentizität der Biografie
2 Punkte: Gut recherchierter Stoff, informativ
2 Punkte: Frei von Stereotypen, Vorurteilen, Klischees und Rassismus
2 Punkte: Cover und Titel stimmen mit dem Inhalt überein

Zwölf von zwölf Punkten.


Telefongespräch mit meiner Lesepartnerin Anne-Marit Strandborg:

Mit Anne hatte ich ein recht ausführliches Telefongespräch. Auch sie ist von der Biografie sehr angetan. In wenigen Punkten unterscheiden sich unsere Ansichten. Siehe Kommentare, die noch folgen werden.

23.05.2017
Nun habe ich mitbekommen, dass auch Anne, die die Biografie heute beendet hat zu lesen, sich mittlerweile mit Fallada ausgesöhnt hat. Sie haderte erst wegen der komplizierten Frauenproblematik.  
Hier geht es zu Annes Buchbesprechung.



Weitere Informationen zu dem Buch

Ich möchte mich recht herzlich beim Aufbau-Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar bedanken. 

Gebunden mit Schutzumschlag, 527 Seiten
Aufbau Verlag
978-3-351-03669-0 
Erschienen 2017. 
25,00 € *)
Inkl. 7% MwSt.


Und hier geht es auf die Verlagsseite vom Aufbau. 

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Gelesene Bücher 2017: 19
Gelesene Bücher 2016: 72
Gelesene Bücher 2015: 72
Gelesene Bücher 2014: 88
Gelesene Bücher 2013: 81
Gelesene Bücher 2012: 94
Gelesene Bücher 2011: 86



Mittwoch, 25. Januar 2017

John Fante / 1933 war ein schlimmes Jahr (1)

Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre

Wenn man 1933 liest, dann denkt man automatisch an das Dritte Reich Deutschlands. Nein, hier ist nicht das Dritte Reich Deutschlands gemeint, denn der Roman führt uns nach Amerika, wo zu dieser Zeit auch die Weltwirtschaftskrise grassierte.

Der Roman behandelt die Geschichte eines 17-jährigen Schülers namens Dominic Molise, dessen Eltern recht einfache Leute sind und die schon in der dritten Generation in Amerika leben. Schon Doms Großeltern wanderten nach Amerika aus. Der Großvater ist mittlerweile verstorben. Seine Großmutter Bettina lebt mit Doms Familie im Haus. Eine recht engstirnige, geizige alte Dame, die nicht viel von Amerika hält, und an ihren Sehnsüchten Italiens hängen geblieben ist. Doms Vater ist selbständiger Maurer und ist von Armut gezeichnet, da er als Maurer nicht wirklich gut verdient, und hoch verschuldet ist. Die Weltwirtschaftskrise erschwert die finanzielle Lage um Weiteres. Der Vater wirkt ein wenig schräg, hält an Idealen fest, mit Dom eine Vater/Sohn-Maurerfirma zu gründen, sobald Dom die Schule hinter sich gebracht hat. Dom möchte aber kein Maurer werden, er träumt stattdessen von einer Karriere als Baseballspieler. Der Vater hält nicht viel von dieser Sportart ... Irgendwie wirkt der Vater recht unsympathisch. Vielleicht auch altmodisch. Außerdem begeht er Seitensprünge, verbringt die meiste freie Zeit im Billardclub, während Doms Mutter wie ein Opfer allein zu Hause sitzt und sich die beste Mühe gibt, ihm noch zu gefallen, da der Vater für sie kaum noch emotionales und sexuelles Interesse zeigt. Dom durchschaut seinen Vater, er weiß um die Seitensprünge …

Ich fand das erste Kapitel total gut. Der Sarkasmus, die bildhafte Sprache und die Selbstreflexionen fand ich sehr bemerkenswert. Dies hat mich etwas an meine Jugendzeit erinnert. Mit 14 und 17 Jahren hatte auch ich komplett mein anerzogenes religiöses und gesellschaftlichen Weltbild auf den Kopf gestellt.

Domenic hält Selbstgespräche:
Zerbrich dir nicht den Kopf darüber, wieso es so viel Böses gibt, wo Gott doch so gütig ist, oder wieso unser allwissender Gott die Menschen nach seinem Ebenbild erschafft, um sie doch in die Hölle zu schicken. (...) Dann kannst du dich zurücklehnen und dir den Kopf darüber zerbrechen, wie Gott wohl aussieht und wieso verkrüppelte Babys zur Welt kommen und wer Hunger und Tod geschaffen hat. (2016,10) 
Zu seiner Grübelei hat mir dieses Bild gefallen, als er sich auch über das Sterben und über Tote Gedanken gemacht hat:
Warum wälze ich solche Gedanken und machte die Welt zu einem Friedhof? Fiel ich von meinem Glauben ab? Oder war es, weil ich arm war? Unmöglich. Alle großen Baseballspieler waren Kinder armer Leute gewesen. (11)
Und auf Seite 19 nimmt er die ganzen Klischees auf die Schippe. Interessant, wenn Menschen fraglos Klischees, die es in einer Gesellschaft gibt, übernehmen und damit sich selbst und andere diskriminieren. Das fand ich ganz klasse. Kennen wir ja auch von uns hier in Deutschland, Vorurteile anderen gegenüber. Für alles gibt es eine Schublade. Die Mutter des Jungen, die nie in Kalabrien und Sizilien gewesen ist, spricht so abfällig über diese Menschen. Da musste ich an Astrid Lindgrens Buch denken, die klischeehaft über Amerika, Italien und Paris geschrieben hat.

Hierzu Doms Gedanken, der sich ein wenig über diese klischeehafte Denkweise seiner Großmutter und seiner Mutter belustigen tut:
Nach Grandma Bettinas Ansicht waren die Leute aus Potenza gleich nach den Amerikanern die lächerlichsten Leute der Welt. Nicht, dass Grandma jemals selber in Potenza gewesen wäre und den Ort mit eigenen Augen gesehen hätte, aber sie hat ihr ganzes Leben wilde Geschichten über die Potenzesi gehört. Weil die Abbruzzer jemanden brauchten, auf den sie hinabschauen konnten, hatten sie sich auf Potenza geeinigt; genauso, wie die Kalabresen die Sizilianer verachteten und die Neapolitaner alles südlich von Neapel verhöhnten, während die Römer sich erhaben über die Neapolitaner fühlten und die Florentiner über die Römer die Nase rümpften. Für die Abruzzen waren die Leute aus Potenza nationale Witzfiguren, als würden dort nur Zwerge in schiefen Häusern wohnen. Mein Vater grinste jedes Mal herablassend, wenn die Rede auf Potenza kam. Er hatte, Gott stehe ihm bei, versehentlich die Tochter eines Mannes aus Potenza geheiratet, aber er trug es mit Fassung und war guten Willens, ironisch über den Streich zu lächeln, den ihm das Schicksal da gespielt hatte; auch hatte er jederzeit die Größe, seiner Gattin ihre Eltern zu verzeihen (…) Mama hielt ein Ohr an Grandma Bettinas Tür, dann schnalzte sie nachsichtig mit der Zunge - denn die Leute aus Potenza schauten ihrerseits auf die Abbruzzer hinab. 
>>Sie meint es ja gut, das arme alte Ding<<, sagte Mama. >>Sie hat so ein schweres Leben gehabt … Alle diese Leute.<<
>>Was für Leute?<<
>>Die aus den Abbruzzen. Kein Wunder, dass sie so grob und schlecht gelaunt sind. Dort gibt es nichts als Felsen und ein paar Ziegen und kein elektrisches Licht. Wie in Kalabrien und Sizilien und all die armen Gegenden.<<
Meine Mutter war nie dort gewesen. War niemals irgendwo gewesen außer in einem Mietshaus am Rand von Chicago. (19)
Diese Textstellen fand ich höchst interessant.


Mein Fazit?

Es ist mir bekannt, dass Italien ein Land ist, in dem die ItalienerInnen Rassimus gegen die eigenen Landsleute hegen. Ich kenne kein anderes Land mit solch einem Rassismus, wie er in Italien "zelebriert" wird. Aber es stellt sich mir die Frage, wenn schon Doms Mutter Italien noch nie gesehen hat, was ist da schief gelaufen, dass sie die Identität als Italienerin übernommen hat? Kulturunreflektierte Menschen hinterfragen das Welt- und Menschenbild nicht in komplexer Form, sie übernehmen somit die Identität ihrer Eltern, die Identität, die ihnen anerzogen wurde. Dies ist aber bei den meisten Menschen, was die Identitätsentwicklung betrifft, nicht anders …

Den Schluss, der für Überraschungen sorgt, mit denen man partout nicht gerechnet hat, fand ich genial. Und auch das Nachwort habe ich mit großem Interesse gelesen, weil Alex Copus wichtige Informationen über die Entstehung und weitere Hintergründe dieses Romans gegeben hat.


2 Punkte: Sprachlicher Ausdruck (Anspruchsvoll, keine saloppe Schreibweise)
2 Punkte: Differenzierte Charaktere
2 Punkte: Authentizität der Geschichte
2 Punkte: Fantasievoll, ohne dass es kitschig oder zu sentimental wirkt
2 Punkte: Frei von Stereotypen, Vorurteilen, Klischees und Rassismus

Die Klischees und die Vorurteile gehören zu dem Inhalt dieses Romans.

Zehn von zehn Punkten.

Und hier geht es zu der Leserunde auf der Seite von Watchareadin.


Weitere Information zu dem Buch:

Ich möchte mich recht herzlich beim Forumsbetreiber des Watchareadin für sein Engagement bedanken, durch den wir im Forum dieses Buch erhalten haben. Das Buch wird derzeit in der Leserunde gelesen, an der ich auch beteiligt bin, aber aufgrund unvorgesehener privater Missstände fehlt es mir gerade an Zeit, mich stärker an der Leserunde zu beteiligen. Werde mich aber morgen anschließen können.

Ich werde später hier auf dieser Seite eine Verlinkung zu dem Forum und der Leserunde vornehmen.

Aber ich pflege auch gerne Gedanken, die andere nicht haben. Ich werde also nicht alles, was ich hier geschrieben habe, in die Leserunde übertragen. 

Einen kurzen telefonischen Austausch hatte ich auch wieder mit meiner Lesefreundin Tina, die ebenfalls an der Leserunde beteiligt ist. Auch Tina ist von dem Buch recht angetan gewesen, und ich habe es wieder genossen, mich mit ihr auszutauschen. Unsere Beobachtungen waren recht ähnlich. 

Ein großes Dankeschön auch an den Aufbau-Verlag, der uns dieses Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. 

Und hier geht es per Mausklick auf die Verlagsseite von Aufbau.

Übersetzt von Alex Capus
Gebunden mit ausklappbarem Vorsatz, 144 Seiten
Blumenbar, erschienen 14.11.2016
978-3-351-05031-3 
16,00 € *)Inkl. 7% MwSt.
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Gelesene Bücher 2017: 04
Gelesene Bücher 2016: 72
Gelesene Bücher 2015: 72
Gelesene Bücher 2014: 88
Gelesene Bücher 2013: 81
Gelesene Bücher 2012: 94
Gelesene Bücher 2011: 86





Montag, 5. Dezember 2016

Philipp Winkler / Hool

Deutscher Buchpreis 2016

Leserunde mit dem Bücherforum 
Watchareadin


 Klappentext
Jeder Mensch hat zwei Familien. Die, in die er hineingeboren wird, und die, für die er sich entscheidet. HOOL ist die Geschichte von Heiko Kolbe und seinen Blutsbrüdern, den Hooligans. Philipp Winkler erzählt vom großen Herzen eines harten Jungen, von einem, der sich durchboxt, um das zu schützen, was ihm heilig ist: Seine Jungs, die besten Jahre, ihr Vermächtnis. Winkler hat einen Sound, der unter die Haut geht. Mit HOOL stellt er sich in eine große Literaturtradition: Denen eine Sprache zu geben, die keine haben.
Einen so knallharten, tieftraurigen und todkomischen Debütroman hat es seit Clemens Meyers „Als wir träumten“ in Deutschland nicht mehr gegeben. Thomas Klupp
Winkler schreibt bewegend, kraftvoll und mit feinem Gespür für die Welt der Außenseiter. Denn eigentlich ist Heiko Kolbe ein hoffnungsloser Romantiker und seine Gewalt ein stummer Schrei nach Liebe. Moritz Rinke
Woher kommt die Wut, was tust du, wenn dir nichts geblieben ist? Verzweifelt, knallhart und voller Herz. HOOL leuchtet aus allen Wunden. Lucy Fricke

Autorenporträt
Philipp Winkler, 1986 geboren, aufgewachsen in Hagenburg bei Hannover. Studierte Literarisches Schreiben in Hildesheim. Lebt in Leipzig. Auslandsaufenthalte im Kosovo, in Albanien, Serbien und Japan. Neben Veröffentlichungen in Literaturmagazinen und -anthologien, erhielt er 2008 den Joseph-Heinrich-Colbin-Preis und 2015 für Auszüge aus Hool den Retzhof-Preis für junge Literatur des Literaturhauses Graz. „HOOL“ ist sein Debütroman.

Auf der Verlagsseite ist auch ein Foto des Autors hinterlegt. Ich finde, er sieht sehr sympathisch aus. Ähnelt ein wenig der Romanfigur Heiko Kolbe …


Meine ersten Leseeindrücke? 

Ich befinde mich gerade erst auf der Seite 35 und es gefällt mir ganz gut.

Zwar muss ich mich an die Boxerei dieser Hooligans noch gewöhnen, aber sie passt zum Kontext, hoffe aber nicht, dass diese Kampfaktionen den ganzen Raum einnehmen ... Interessant finde ich Heiko Kolbes Familie, die auf mich innerhalb der Familienmitglieder recht gestört wirkt, auch wenn Heikos Schwester Manuela das Ganze runterspielt und auf Harmonie macht. Bin echt neugierig auf diese Familie ….

Merkwürdig ist der Vater, der nicht mal einen Blickkontakt zu Heiko sucht und nur die Zigarettenschachtel anstarrt, als er ihn dann schließlich um eine Zigarette bittet.


Weitere Informationen zu dem Buch:

Gebunden mit Schutzumschlag, 310 Seiten
Aufbau Verlag
978-3-351-03645-4 

19,95 € *)
Inkl. 7% MwSt.

Und hier geht es zur Verlagsseite.

Und hier geht es zu unsere Leserunde auf Watchareaadin.