Montag, 31. März 2014

Susan Abulhawa / Während die Welt schlief (1)

Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre


Ich habe das Buch soeben beendet und es hat mir sehr gut gefallen. Man hat das Gefühl, die Autorin hat die Geschichte, von der sie schreibt, selbst erlebt. Klingt alles recht authentisch und auch der Schreibstil und die Sprache hat mir sehr gut gefallen. Der Roman behandelt einen recht harten Stoff, musste zwischen drin immer mal wieder aufblicken, kleine, Mini-Lesepausen einlegen, da ich nicht aufhören konnte zu lesen. Lediglich die letzten fünfzig Seiten haben mich ein wenig gelangweilt, weil die Geschichte, an der man als Leserin von Anfang an teilnehmen durfte, wieder erzählt wurde an Personen, an Familienmitgliedern, die verschollen waren und dann Jahrzehnte später wieder aufgetaucht sind und die Ereignisse betreffender Personen an denjenigen herangetragen wurden.

Zur Erinnerung noch einmal der Klappentext:
Jenin im Blumenmonat April: Frühmorgens, bevor die Welt um sie herum erwacht, liest Amals Vater ihr aus den Werken großer Dichter vor. Es sind Momente des Friedens und der Hoffnung, die Amal ihr Leben lang im Herzen trägt — ein Leben, das im Flüchtlingslager beginnt, nach Amerika führt und dennoch stets geprägt ist vom scheinbar ausweglosen Konflikt zwischen Israel und Palästina. Über vier Generationen erzählt Susan Abulhawa die bittere Geschichte Palästinas im Verlauf des 20. Jahrhunderts — eine Geschichte über den Verlust der Heimat, eine zerrissene Familie und die immerwährende Hoffnung auf Versöhnung.
Der Stoff, den die Autorin behandelt, gebe zu, dass er recht heftig ist. Doch wenn ich bedenke, mit welchen Problemen wir Angehörigen der westlichen Welt uns befassen, und wie herablassend wir auf die arabische Welt schauen, dann schäme ich mich richtig und habe Achtung vor Menschen, die durch jedes Leid gehen müssen, deren Familien auseinandergerissen werden und Kinder, die nicht mehr zur Schule gehen dürfen, weil der Bürgerkrieg ausgebrochen ist, Menschen, die nicht wissen, was Freiheit ist, die keine Heimat mehr haben, weil man sie ihnen genommen hat, Menschen, die jeden Tag mit Sterben und Tod konfrontiert sind. Kinder, die mit Waffen heranwachsen, statt mit Spielsachen. Die Toten, bzw. die Getöteten haben nicht einmal ein persönliches Grab, sie werden mit anderen Leichen in ein Massengrab geworfen. Niemand weiß, wie die Leichen heißen, die Lebenden können nicht einmal ihre getöteten Verwandten auf dem Friedhof besuchen. Grauenhafte Vorstellung. Was Hitler in Deutschland mit den Juden angerichtet hat, haben die Juden in Palästina das selbe Verbrechen begangen. Asyle und KZ´ wurden für die Palästinenser errichtet. Sie schießen sogar auf Kinder und der Bürgerkrieg scheint kein Ende zu nehmen. Die Welt schaut zu, tut, als wisse sie nichts von diesem Massaker. Die westliche Welt ergreift eher Partei für die Juden. Deswegen ist es gut, dass es Menschen gibt, die solche Bücher schreiben.

Ich überlege, ob ich die vielen Zitate mir herausschreiben soll, oder ob ich darauf lieber verzichte.
Ich werde auf eine Episode eingehen, und den Rest dem Buch überlassen.

Die Autorin schreibt viel über die Kultur Palästinas und von deren Traditionen. In unseren Augen wohl primitiv, doch wer gibt uns das Recht, so streng zu urteilen? Sind unsere Urteile nicht eher primitiv? Ich finde, jeder Mensch verdient Respekt und Achtung, unabhängig davon, aus welcher Kultur er stammt, auch wenn man nicht alles für gut heißen muss. Jeder Mensch muss mit dem zurechtkommen, mit der Welt zurechtkommen, in die er hineingeboren wird. Auch wir stehen unter gesellschaftlichen Zwängen, nur auf eine ganz andere Art und Weise. Es gibt ganz viele arabische Menschen, die ihre Kultur kritisch hinterfragen, viele die es nicht tun, und erstere müssen lernen, damit zurechtzukommen. Sie alle mit einem Pauschalurteil abzukanzeln, ist mir zu einfach, und zeigt mir, wie wenig Ahnung Menschen von der Welt haben.

Es ist nicht die Autorin, die ihre Kultur verteidigt, nein, das bin ich als Leserin. Die Autorin schreibt über die Kultur, über die Traditionen des Landes, so wie sie sind, wertneutral aber auch kritisch.

Im Folgenden gehe ich auf eine Szene ein:

Ein jüdisches Ehepaar wünscht sich Kinder, die Frau kann aber keine bekommen. Der Ehemann ist Soldat und als er mit anderen Soldaten wieder die Palästinenser massakriert hat, befanden sich viele auf der Flucht. Darunter auch eine arabische Mutter mit einem Kleinkind an der Hand und mit einem Säugling im Arm. Der Soldat reißt den Säugling von der Mutter weg. Das arabische Kind mit dem Geburtsnamen Ismael wächst demnach jüdisch auf und erhält den jüdischen Namen David. Ismael trägt, durch einen kleinen Unfall aus seiner Herkunftsfamilie zugetragen, eine große Wunde an seiner Wange, die mit der Zeit vernarbt und zum Stigma wird. Das heißt, er wird später, nach vielen Jahren an der Narbe von seinem größeren Bruder namens Yussuf wiedererkannt.

Beide Brüder werden erwachsen, beide Brüder wachsen von unterschiedlichen Müttern und Religionen auf.

Yussuf, der bei der PLO politisch aktiv geworden ist und sein Heimatland gegen die Israelis verteidigt, wird geschnappt und eingesperrt. Er muss große Folterqualen erleiden. Die israelischen Soldaten stellen eine verblüffende Ähnlichkeit zwischen dem Gefangenen Yussuf und ihrem Kameraden David fest und konfrontieren David damit. David will es nicht wahrhaben und verprügelt Yussuf. Unmöglich, dass David etwas mit den Moslems zu tun haben könnte. Yussuf erkennt den Bruder an der Narbe ...

Jahrzehnte später, Ismael ist Anfang fünfzig, wird er mit der Wahrheit konfrontiert. Sein Ziehvater liegt im Sterben und möchte sein Gewissen entlasten und teilt ihm die ganze Geschichte und seine Herkunft mit. Der Vater stirbt und David gerät in eine Identitätskrise. Er begibt sich auf Spurensuche, sucht seine Herkunftsfamilie auf, er erinnert sich, als er im Knast Yussuf, der ihm wie ein Zwillingsbruder ähnlich war, schwer verprügelt hat. Er sucht seine Herkunftsfamilie, die nur noch aus einer Schwester besteht mit dem Namen Sara. Sara, die viele Jahre nach Yussuff und Ismael zur Welt kam. Sara kennt den Bruder Ismael nur über die Erzählungen ihrer Familie. David kontaktiert Sara, die mittlerweile in Amerika lebt und dort über die Greencard die amerikanische Staatsbürgerschaft angenommen hat. David findet sie und zwischen den beiden Geschwistern entsteht ein wenig Liebe, obwohl Sara weiß, dass David Menschen getötet hat. Aber es gelingt ihr, auch das Gute in ihm zu sehen, zu erkennen, dass er selbst Opfer seiner Zeit war. Wer das kann, ist ein weiser Mensch ...

David findet seine Identität weder als Jude noch als Moslem. Er hat sein ganzes Weltbild über den Haufen geworfen. Um mit dem allem fertig zu werden, greift David zum Alkohol. Mit dem folgenden Zitat beende ich meine Aufzeichnung:
Ich trinke nicht mehr, liebe Schwester. Irgendwie ist das Dein Geschenk an mich. Ich werde nie ganz Jude oder Moslem sein, niemals ganz Palästinenser oder Israeli. Weil du mich angenommen hast, bin ich zufrieden damit, einfach ein Mensch zu sein. Du hast verstanden, dass ich, obwohl ich zu solcher Grausamkeit fähig war, auch zu großer Liebe fähig bin. 
Die Identität als Mensch? Kann es denn etwas Besseres geben?

Das Buch erhält von mir zehn von zehn Punkten.

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In der Musik spricht man mit Gott
(Erik Fosnes Hansen)

Gelesene Bücher 2014: 22
Gelesene Bücher 2013: 81
Gelesene Bücher 2012: 94
Gelesene Bücher 2011: 86











Samstag, 29. März 2014

Susan Abulhawa / Während die Welt schlief

Klappentext
Jenin im Blumenmonat April: Frühmorgens, bevor die Welt um sie herum erwacht, liest Amals Vater ihr aus den Werken großer Dichter vor. Es sind Momente des Friedens und der Hoffnung, die Amal ihr Leben lang im Herzen trägt — ein Leben, das im Flüchtlingslager beginnt, nach Amerika führt und dennoch stets geprägt ist vom scheinbar ausweglosen Konflikt zwischen Israel und Palästina. Über vier Generationen erzählt Susan Abulhawa die bittere Geschichte Palästinas im Verlauf des 20. Jahrhunderts — eine Geschichte über den Verlust der Heimat, eine zerrissene Familie und die immerwährende Hoffnung auf Versöhnung.

Autorenporträt

Geboren als Kind palästinensischer Flüchtlinge wuchs Susan Abulhawa in Kuwait, Jordanien und Jerusalem auf. Als Teenager ging sie in die USA, wo sie heute gemeinsam mit ihrer Tochter lebt. Die Autorin engagiert sich aktiv für die Menschenrechte und die Lebensumstände von palästinensischen Kindern in besetzten Gebieten. Ihr Debütroman Während die Welt schlief wurde in über zwanzig Sprachen übersetzt.

Habe die ersten fünfzig Seiten durch, und es gefällt mir ganz gut.



Freitag, 28. März 2014

Zsuzsa Bánk / Der Schwimmer (1)

Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre

Das Buch hat mir auch ganz gut gefallen. Das zweite, das ich von der Autorin gelesen habe. Ein schöner und poetischer Schreibstil, wenn auch der Stoff recht traurig und relativ heftig ist.

Zu Erinnerung noch einmal der Klappentext:
Ungarn 1956: Die Panzer rollen, der Aufstand schlägt fehl, die Hoffnung scheitert, dass die Welt eine andere hätte werden können. Ohne ein Wort verlässt Katalin ihre Familie und flüchtet über die Grenze in den Westen. Ihr Mann Kálmán verkauft Haus und Hof und zieht fortan mit den Kindern Kata und Isti durch das Land. Während Kálmán in Schwermut ...
Kata ist die Icherzählerin dieses Romans. Sie erzählt aus der Perspektive eines kleinen Mädchen, das sie damals war, als ihre Mutter sie, ihren Bruder und den Vater ohne Abschied verließ. Ein schweres Trauma vor allem für den kleineren Bruder Isti. Und durch den Verlust der Mutter haben die Kinder auch ihre Heimat verloren. Sie waren mittellos und zogen mit dem Vater zu den Verwandten. Doch auch dort durften sie nicht bleiben, und so zogen die Kinder und der Vater immer wieder um, immer wieder zu anderen Verwandten. Ein wenig hat mich das Buch von Jeanette Walls Das Schloss aus Glas erinnert, in der auch ein schweres Kinderschicksal beschrieben wird, die ebenso von Gegend zu Gegend zogen.
Aber die Kinder versuchen, wie Lebenskünstler auch ohne Mutter weiter zu leben.

Auf den ersten Buchseiten beschreibt Kata die Mutter anhand der Fotos, die ihr geblieben waren. Ihre Mutter floh in den Westen, und die Kinder keine Vorstellung davon hatten, was Ost und West sei:
Wir fragten uns, wo der Osten aufhörte, wo unsere Mutter aus dem Zug gestiegen war und warum sie nicht den nächsten Zug zurückgenommen hatte. Wir fragten uns, warum unsere Mutter ausgerechnet mit Vali gegangen war, mit Vali, die als einzige Frau geraucht hatte, (…) Váli, die keinen Mann, keine Kinder hatte, nur einen alten Vater, der sonntags in der Kirche neben meiner Großmutter saß und lauter sang als alle anderen, der im Sommer barfuß ging, im Winter einen Mantel trug, der bis zum Boden reichte und mit dem er im Dorf seine Spuren hinterließ wie mit einem Besen. (228f)
Doch auch die Mutter hatte falsche Vorstellungen von dem Westen und nahm dadurch große Strapazen auf sich.

Die Mutter wird mit schwarzen Augen beschrieben, worunter sie als Kind sehr gelitten haben soll. Sie versuchte, damals die Augen mit Seife heller zu waschen.

Ein interessantes Bild, finde ich.

Wie die Kinder den Verlust ihrer Mutter verarbeiten, das muss man selber lesen.

Der Schwimmer? Wer ist damit gemeint? Der Vater der Kinder kümmert sich nicht sonderlich viel um sie. Er verhindert sogar, dass die Kinder für die Schule angemeldet werden. Schule sei sinnlos, würde nichts bringen, und so lernen die Kinder Lesen und Schreiben über einen Verwandten. Nicht sehr lang, da sie wieder umziehen mussten, vieles haben sich die Kinder später selbst angeeignet. Aber das Schwimmen. Das bringt ihnen der Vater bei. Vor allem Isti ist dadurch ganz dem Wasser verfallen. Wie mondsüchtig fühlt Isti sich dem Wasser magnetisch hingezogen, als er alle Schwimmkünste zu beherrschen wusste.
Unser Vater kaufte feste Schuhe für mich und eine Tasche mit zwei Schnallen für Isti, aber es kümmerte ihn nicht, ob wir etwas lernten oder nicht, wenn wir sagten, wir müssten aber, fragte er uns, für was? Selbst hier am See, wenn Àgi ihm vorwarf, er ziehe seine Kinder schlimmer auf als ein Zigeuner, jeder Zigeuner sorgt sich mehr um seine Kinder, zuckte mein Vater mit den Schultern, stieß den Stuhl weg, auf dem er seine Füße gelegt hatte, stand auf und blies Àgi Rauch ins Gesicht. Ich habe nie verstanden, warum wir nicht geblieben waren, an irgendeinem Ort, warum mein Vater nicht ein Haus bezogen, warum er keinen Garten bestellt hatte, warum er nicht, wie alle anderen, wie jeder, dem wir begegneten, den wir kannten, einfach irgendwo geblieben war und gesagt hatte, hier leben wir. Das einzige Gefühl, das mich in diesen Zeiten nicht verließ, ganz gleich, was mit uns geschah oder wo und bei wem wir waren, war meine Angst um Isti. Sie war wie eine Sicherheit, diese Angst, wie etwas, das nicht verloren gehen konnte, vielleicht, weil es sonst nichts gab, das mir sicher war, nichts, von dem ich wusste, sie gehört zu mir und wird bleiben. Seit dem Herbst, in dem meine Mutter in einen Zug gestiegen war, seit mein Bruder Stunden und Tage damit verbrachte, auf dem Bett zu liegen und zu dämmern, seit er angefangen hatte, Dinge ohne Ton zu hören, hatte ich Angst um ihn, und ich wurde diese Angst nicht mehr los. (132f)
Die Angst um ihren kleineren Bruder war berechtigt, wie sich am Ende des Romans zeigte.

Ich hatte gesagt, die Autorin hat einen schönen, literarischen und poetischen Schreibstil, so schreibe ich folgendes Zitat heraus, weil mir das Bild so sehr gefallen hat:
Der Wind blies und pfiff auch die nächsten Tage, zerrte an den Läden, peitschte den Regen gegen die Fenster, und Virág sagte, ohne Blätter sehen die Bäume aus wie Besen, als könne man den Himmel mit ihnen kehren. (142)
Das Buch zeigt viele Menschenschicksale, nicht nur das der Kinder, sondern auch der Erwachsenen, die durch die verschiedenen Kriege geprägt und gebeutelt waren. Diese Ereignisse konnte eine ganze Nation verändern, von denen selbst die Kinder geprägt wurden, obwohl sie keinen Krieg erlebt hatten, aber die Auswirkungen der Erwachsenen unbewusst deutlich zu spüren bekamen. Belastende, traumatische Ereignisse, die nicht ausreichend bearbeitet wurden, weil sie zu schmerzhaft waren, sich psychogenetisch auf die Kinder der Nachkriegsgeneration abfärbte.

Ich setze hier meinen Punkt. Das Buch ist sehr lesenswert und es erhält von mir zehn von zehn Punkten.

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In der Musik spricht man mit Gott
(Erik Fosnes Hansen)

Gelesene Bücher 2014: 21
Gelesene Bücher 2013: 81
Gelesene Bücher 2012: 94
Gelesene Bücher 2011: 86



Dienstag, 25. März 2014

Zsuzsa Bánk / Der Schwimmer

Klappentext
Ungarn 1956: Die Panzer rollen, der Aufstand schlägt fehl, die Hoffnung scheitert, daß die Welt eine andere hätte werden können. Ohne ein Wort verläßt Katalin ihre Familie und flüchtet über die Grenze in den Westen. Ihr Mann Kálmán verkauft Haus und Hof und zieht fortan mit den Kindern Kata und Isti durch das Land. Während Kálmán in Schwermut...

Autorenporträt
Zsuzsa Bánk, geboren 1965, arbeitete als Buchhändlerin und studierte anschließend in Mainz und Washington Publizistik, Politikwissenschaft und Literatur. Heute lebt sie als Autorin mit ihrem Mann und zwei Kindern in Frankfurt am Main. Für ihren ersten Roman »Der Schwimmer« wurde sie mit dem aspekte-Literaturpreis, dem Deutschen Bücherpreis, dem Jürgen-Ponto-Preis, dem Mara-Cassens-Preis sowie dem Adelbert-von-Chamisso-Preis ausgezeichnet. Für die Erzählung »Unter Hunden« aus ihrem Erzählungsband »Heißester Sommer« erhielt sie den Bettina-von-Arnim-Preis. Zuletzt erschien ihr Roman »Die hellen Tage«.
Von der Autorin habe ich Die hellen Tage gelesen. Ist allerdings schon einige Zeit her. Das Buch hatte mir auch recht gut gefallen.

Der Schwimmer ist auch ein schönes Buch. Lese ich ganz gerne, habe die ersten fünfzig Seiten schon durch. Eine etwas traurige Geschichte ...






Montag, 24. März 2014

Erik Fosnes Hansen / Choral am Ende der Reise (1)

Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre

Das Buch hat mir recht gut gefallen, mit einer einzigen Ausnahme; an manchen Stellen, gegenüber von zwei Literaturfiguren war es mir ein wenig zu klischeehaft. Werde aber dazu nicht näher eingehen. Muss jeder eigene Entdeckungen machen.

Das Buch beschreibt sieben Musiker eines Orchesters, die alle mit einem unterschiedlichen Schicksal behaftet sind. Von den sieben werden fünf Künstler biografisch dargestellt und beschrieben, auch, wie es dazu kommt, dass sie ihr bisheriges Leben hinter sich lassen, um woanders neu zu beginnen. Das Orchester gehört zum Schiffspersonal.

Der Hintergrund der Titanic ist, was das Technische und die Unfallfolgen betrifft, an der echten verunglückten Titanic von 1912 angelehnt. Lediglich die Künstler hat der Autor neu erfunden.

Und das hat er literarisch nach meinem Geschmack recht gut hinbekommen. Guter literarischer sprachlicher Schreibstil, fantasievoll und psychologisch fundiert, dazu noch sehr symbolträchtig.

Der Autor kann schreiben, ohne Frage!

Ich habe mir nun einen weiteren Band des Autors bestellt, und wenn der bei mir auch gut abschneidet, dann nehme ich ihn auf meine Liste mit auf, auf der meine LieblingsautorInnen stehen.

Ich gehe so auf die Biografien ein, indem ich mir von jedem interessante Szenen herausschreibe, die mir wichtig erscheinen, und die ich in meinen Aufzeichnungen immer mal wieder nachlesen möchte. Ich beginne mit Jason Covards Geschichte. Jason ist Kapellmeister dieses Orchesters.

Jason wächst in einer recht wohlwollenden Familie auf. Seine Mutter spielt selbst ein Instrument, der Vater ist Arzt von Beruf. Und irgendwie ist alles darauf angelegt, dass Jason zukünftig in die Fußstapfen seines Vaters treten soll. Früh wird er mit den Naturwissenschaften konfrontiert und gefördert, ohne zu ahnen, was Jason selber für berufliche Ziele hegt. Im frühen Kindesalter bekommt er vom Vater ein Teleskop geschenkt  und gemeinsam betrachten sie abends die Sterne… Das Musische bekommt Jason von der Mutter beigebracht.

Die Eltern reisen aus, gehen beruflich in ein Drittwelt – Land und sterben an einer ansteckenden Infektionskrankheit. Jason kommt zu seiner Tante und seinem Onkel. Jason verändert sich, wird vor allem auch in der Schule psychisch und verhaltensauffällig, schottet sich innerlich ab, möchte mit niemandem über seine inneren Nöte reden. Zu seinen Verwandten schafft er es nicht, eine Beziehung aufzubauen, obwohl sie sich um ihn bemühen. Niemand kann Jasons Eltern ersetzen.

Jason wird auch gewalttätig, verprügelt in der Schule ein adliges Kind. Alle sind empört darüber. Ein adliges Kind zu verprügeln? Das gehört sich nicht. Im Lehrerzimmer wird Jason zur Rede gestellt, als stünde er vor einem Tribunal. Jason gibt schließlich kund, dass er das adlige Kind verprügelt habe wegen eines politischen Motives.  Die Armen würden ihre Armut selbst verdienen. Das brachte Jason in Rage und als Leserin ergreift man dadurch die Partei nicht für das geschlagene Kind, sondern für Jason, der die Armen verteidigt. Er riskiert mit seiner Verhaltensauffälligkeit einen Schulverweis …

Jason ist Medizinstudent und befindet sich in dem Pathologiesaal, in dem die StudentInnen mit Leichen arbeiten, die in Formaldehyd getaucht liegen. Auch das nimmt Jason so ziemlich mit und stellt sich seine Eltern als Leichen vor, aber auch andere Menschen, die er nicht besonders mag:

Frau Bucklingham, seine Wirtin, ist ihm nicht besonders sympathisch.
Sie war die absolute Herrscherin des Logierhauses, ein witziger Mieter hat das Anwesen bereits in Buckingham-Palast umgetauft. Wenn sie gackernd und drohend zu ihm hinaufkam, sah Jason sie an, als sei sie bereits einer jener unschönen, namenlosen Körper im Pathologiesaal, und mit der nüchternen, etwas zynischen Vorstellungskraft des Mediziners sah er sie vor sich, gerupft und aufgeschnitten, die weißen Fettschichten zur Seite geklappt, während sich jemand an ihrer Leber zu schaffen machte. Dies war Jasons Rache. Er konnte sich ertappen, dass er auf diese Weise die ganze Welt sah: Mitstudenten, Professoren, die Waschfrauen, die auf der Straße, in der er wohnte, kamen und gingen, die Gemüsehändler, die Tierbändiger, die zahllosen Straßenmädchen. Alles zusammen erschien ihm vor allem wie ein böser Traum. (141f)
Ich selbst machte die Bekanntschaft von zwei Medizinstudentinnen, als ich mich noch im Studium befand, die so nett waren, mich in den Pathologiesaal mitzunehmen. Diese Erlebnisse mit den Leichen können ganz schön unter die Haut gehen.

Jason befasste sich viel mit dem Tod.

Er bekommt mit, dass jemand ertrunken ist und so versucht er sich vorzustellen, welche Gestalt der Körper eines betrunkenen Menschen annimmt. Und was das Ertrinken mit der Person macht. Ein Bekannter namens Hugo, der viel auf See verweilte, teilte ihm seine Erfahrung mit Ertrunkenen mit:
Zuerst füllen sich die Atemwege mit Wasser, der Ertrinkende versucht weiter zu atmen, das gelingt ihm aber nicht. Er atmet tief ein, und es kommt zu einer Unterbrechung der Atmung von anderthalb Minuten oder so. Dann folgen einige tiefe Atemzüge, bei denen die Lungen ganz voller Wasser gepresst werden, er verliert das Bewusstsein, und nach einigen krampfartigen, finalen Atemzügen tritt der Tod ein. Vier bis fünf Minuten. Es kann schneller gehen, durch den Schock. Während der ersten paar Minuten dieses Prozesses ist man bei Bewusstsein oder teilweise bei Bewusstsein. (149)
Da ich mich früher auch viel mit solchen Fragen beschäftigt hatte, fand ich diese Szenen für mich besonders interessant, weshalb ich sie mir herausschreibe.

Jason geht noch einen schweren Weg ... 

Wer mehr wissen möchte, so verweise ich auf das Buch.

Die nächste Biografie behandelt das Leben von Leo Lewenhaupt. Ebenso wie Jason ist Leo innerlich eine recht einsame Figur. Adliger Herkunft, wo Disziplin, Gehorsam und Profession herrschen. Die Eltern setzen Leo massiv unter Leistungsdruck. Statt mit anderen zu spielen, muss er zu Hause bleiben und sechs bis acht Stunden am Tag schwere Musikstücke üben. Er bekommt die besten Lehrer, den besten Unterricht, den Rest muss David allein bewältigen …

Natürlich achten die Eltern darauf, dass das Wunderkind ausreichend frische Luft und zum Ausgleich ausreichend sportliche Betätigung erhält. Aber Leo ist allein, ohne Spiel und Spaß mit anderen Kameraden. Vom Vater bekommt Leo ein gut durchtrainiertes und teures Pferd geschenkt, das das Pony Bella ablösen soll. Leo wird nicht gefragt, ob er das Pferd haben möchte. Das Pferd erhält vom Vater den Namen Fidelio. (Fidelio – aus der Oper von Ludwig van Beethoven). Leo ist so einsam, dass er zuvor dem Pony schon alle seine Geheimnisse anvertraut hatte. Folgende Szene brachte mich ein wenig zum Schmunzeln, obwohl diese sehr traurig ist: und hatte mich gleichzeitig zutiefst berührt
Als Leo nach und nach mit Fidelio bekannt wurde, entstand ein so nichts verpflichtendes, neutrales Verhältnis. Das Pferd musste gemerkt haben, dass er es aus purer Höflichkeit tritt, aber es hatte gute Manieren und ließ sich nichts anmerken. In die Ponyohren Bella hatte Leo kleine Geheimnisse flüstern konnten, denn er wusste genau, dass sie nicht klatschte, sondern verstand und alles für sich behielt. Bei dem Tier aber, bei Fidelio, konnte man nie wissen, ob er nicht zum Vater ging. Oder zu ihm.Es muss um diese Zeit gewesen sein, als er sich ernstlich eine Art Zynismus zulegte, eine Trennung zwischen seinem Denken und seinem Verhalten. Zugleich ertappte er sich einige Male dabei, dass er im Begriff stand, eine gefährliche Grenze zu überschreiten: Er konnte durch den Wald galoppieren und laut und verrückt antiroyalistische Parolen oder Unanständigkeiten rufen, wenn nur das Pferd es hörte, und nach der Reittour konnte er flehentlich und ernst zu ihm sagen: Du klatschst doch nicht, Fidelio. Du erzählst das doch nicht Vater?Der Vater benutzte nicht allzu häufig den Rohrstock, wäre ihm aber solche Äußerungen zu Ohren gekommen, war es nicht schwer, sich vorzustellen, was passieren würde. (248f)
Leo befindet sich in Paris auf einer Musikschule, die nur die Besten von den Besten aufnimmt. Ähnlich wie bei den Eltern wurde auch hier alles gefordert.
Leo wird krank und kommt in die Klinik:
Nicht viele Monate nach seiner Ankunft in Paris bekam Leo die Masern. Dann bekam er Windpocken und die Masern. Kurz hintereinander kamen diese drei Kinderkrankheiten, und er war lange krank. Mitten in den Windpocken brachte man ihn ins Krankenhaus. Keiner seiner Mitschüler durfte ihn besuchen, der Meister aber kam regelmäßig, inspizierte ihn und sah die sonderbaren Farben und Formen, die er nacheinander annahm. Es schien, als habe das beschützte, überanstrengte Dasein der Kindheit ihn nun aus seiner Umklammerung entlassen und als müsse er nun auf einmal alles nachholen, wozu alle anderen Kinder Zeit gehabt hatten. Er hatte keine Zeit zum Kranksein gehabt. (288f)
Leo sehnst sich nach Heilung und sucht einen besonderen Weg. Doch hier beende ich meine Aufzeichnung zu Leo. 

Ich gehe nun über zu David. Auch ein Einsamer auf seine Weise, der mit seiner großen Liebe nicht fertig wird. Sein Naturell ist eher geprägt von Schüchternheit und Zurückhaltung. Zudem ist er ein wenig introvertiert. David ist eher ein ängstlicher Typ.

Auf einem Jugendcamp, Jungen und Mädchen sind getrennt, beobachten David und sein bester Freund Hannes Mädchen, die nackt in einem Fluss baden. Kleine Voyeure …

David lernt hier seine große Liebe Sofia kennen. Er leidet an einer inneren Leere, die er mit seinem Mädchen auszufüllen versucht, was ihm große Probleme verschafft. Sofia durchschaut ihn und merkt ziemlich schnell, dass David versucht, sie zu besitzen. Sie versucht David deutlich zu machen, dass man Liebe nicht besitzen und auch nicht erzwingen könne. Die wahre Liebe bestehe ausschließlich aus Freiheit, in der sich die PartnerInnen seelisch und geistig weiter einwickeln können. Sofia lernt den Schauspieler eines Berliner Theaters kennen, zu dem sie sich hingezogen fühlt, weil er eine persönliche Note hat, die David fehlt. Der Schauspieler übernahm die Rolle Mephistos, aus Goethes Faust. David wird eifersüchtig und kompromittiert absichtlich den Schauspieler in einer gesellschaftlichen Runde im Beisein von Sofia.
Der Rest des Abends wurde entsetzlich peinlich, weil David seine Verlegenheit verlor und auftaute. Er war nicht an Alkohol gewöhnt, und schon nach zwei Gläsern war er beschwippst. Er wollte beweisen, dass er keineswegs verlegen war, dass die Angst keineswegs durch sein Inneres mit Glasscherben schnitt. Darum unterhielt er sich mit dem Schauspieler Jänner, laut und lebhaft, lächelte, lachte, plusterte das Gefieder auf. Wie sei das eigentlich - könne man den Teufel spielen, ohne selbst der Teufel zu werden, während man auf der Bühne steht? Das wollte er gern wissen: Müsste man nicht ein wenig vom Teufel in sich haben, auch im Alltag? Ihn kennen? Ihn persönlich kennen? Er stellte die Frage sehr provozierend. Sofia warf ihm einen ärgerlichen Blick zu, Jänner jedoch antwortete, ungerührt und gefasst:
"Mein junger Freund - das ist eine schwierige Frage. Schwieriger, als du glaubst. Wenn es den Teufel nämlich gibt-was ich persönlich stark bezweifle; dann ist er ein Wesen von so ungeheurer Bosheit und von einer solchen Hässlichkeit, dass man die Begegnung mit ihm persönlich nicht überstehen würde. Er wäre die Ängste aller Kriege, wie das schadenfrohe Gelächter der gesamten Welt, konzentriert und in einem Wesen verdichtet. Ein solches Wesen lässt sich auf der Bühne nicht darstellen. Das ist unmöglich. Ich stelle nicht den Teufel dar."„(….) Aber dieser Schauspieler, dieser Gauklerteufel, er muss doch auch eine gewisse Bosheit in diesem Augenblick in sich haben, muss von einer gewissen Grausamkeit beseelt sein, damit der glaubwürdig sein kann."„Ja", sagte der Schauspieler ernst, "ich glaube, das muss er."„Genau.“ (…). Sofia packte ihn am Arm, als wollte sie ihn zum Schweigen bringen, der Schauspieler aber legte seine große Hand beschwichtigend auf die ihre und fuhr fort:"Das Sonderbare ist, (…), dass diese Bosheit, in die der Schauspieler sich hinein versetzen muss und die er ganz richtig aus sich selbst holen muss - das Sonderbare ist, dass er niemals szenisch effektiv wäre, ehe er sie beherrscht, ehe er sie durchschaut und überwunden hat. Mit aktiver, persönlicher Bosheit kann er nicht spielen. Er muss sie verwandeln. Und das Kuriose ist, wenn er dieses Stadium, diese Stilisierung erreicht hat, dann kann man bei ihm-dem Schauspieler-nicht mehr von Bosheit sprechen, von dunklen Kräften in ihm. Dann wird daraus eine neue Kraft, eine Leuchtkraft. Auch wenn es für das Publikum so aussieht, als sei es ein Strom aus Dunkelheit, er selbst erlebt es.als Licht, als Güte, als etwas, das hilfreich ist für ihn. Der Sinn ist eher, dass es boshaft aussehen soll. Aber im Übrigen ist es sehr überaus üblich, dass die Repräsentanten des Bösen, die also, die wirklich böse handeln, unschuldig und harmlos aussehen. Ein harmloser Mephisto auf der Bühne aber wäre ein Witz." (404f) 
Zu David folgt nun ein weiteres Zitat, das mich auch tief berührt hat. Er gerät immer mehr in den Strudel von Abhängigkeit und Liebessehnsucht und wendet sich Hilfe suchend an seinen Freund Hannes, mit der Frage, was er noch tun könne, um die Partnerschaft noch zu retten:
"Tun? Meinst du nicht, dass du genug getan hast? (…) Eines musst du verstehen: Du kannst mit einem Mann wie Max Jänner nicht konkurrieren. Du kannst ihn nicht besiegen. So gewinnst du keine Liebe. Er ist jemand, du bist niemand. Sofia fühlt sich nicht zu dir hingezogen, solange du nichts hast, was dir selbst gehört, eine innere Spannung, ein Stück Erfahrungen, die du selbst gemacht hast. Etwas, was du dir angeeignet hast, etwas, wofür du brennst, etwas, das du gesehen und verwandelt hast. (421( 
Eine letzte Szene, die mich bei David stark berührt hat. David identifiziert sich mit der Figur Augustin, aus dem Kinderlied, Oh du lieber Augustin und konfrontiert Hannes mit dem Lied, mit dem Schicksal Augustins. Hannes kennt aber Augustins Geschichte nicht und bekommt sie von David erzählt:
Ich habe gedacht, jeder kennt die Geschichte mit Augustin. Ja, Augustin war vor über dreihundert Jahren Spielmann in Wien. Er hat Dudelsack gespielt und war ein fröhlicher, munterer Musikant-und hatte starke Getränke zu gern. Eines Abends, im Jahr der Pest 1679, betrinkt er sich in einer Kneipe, für einen Spielmann sind es düstere Zeiten, und über Wien hängt Leichengeruch. Auf dem Nachhauseweg geht Augustin über einen Friedhof. In diesen Tagen wütet die Pest aufs Schlimmste, und die Massengräber stehen offen. Augustin passt in der Dunkelheit nicht auf und fällt in eines der Gräber hinein, hinunter zu den Leichen. Dort bleibt er umnebelt liegen, bis zum nächsten Morgen, dann kommt er zu sich, als die Leichenträger neue Pesttote zu ihm hinunterwerfen. Er ist sich im Klaren darüber, wo er ist: in einem Massengrab. Dann stimmt er, ganz ohne zu überlegen, ein neues Lied an.> Oh, du lieber Augustin,Alles ist hin!<Als aber die Totengräber jemanden unten im Grab singen hören, sind sie furchtbar erschrocken. Sie glauben, dass dort vielleicht ein Wiedergänger singt. Die Melodie aber ist so munter. Und als sie über den Grabrand schauen, sehen sie Augustin rittlings auf einer Leiche sitzen, während er singt:> Oh, du lieber Augustin, alles ist hin!<Sie zogen ihn aus dem Grab. Danach lebte er lange und gut, und sein Lied geriet nie in Vergessenheit. Das ist die Geschichte vom lieben Augustin. (423f)
Wie Hannes kannte auch ich die Geschichte vom lieben Augustin nicht, nur das Kinderlied hatte ich im Kindergarten gelernt. Für ein Kind ein doch zu harter Stoff.

War mir äußerst wichtig, Augustins Geschichte aufzuschreiben. Schafft es David, aus dieser konflikthaften Beziehung rauszukommen? Ich setze nun hier meinen Punkt und verweise auf das Buch.

Eine letzte Figur lasse ich nun aus, da ich ja doch recht viel nun geschrieben habe. Es geht um die Lebensgeschichte des Bassisten Petrorius, die dermaßen straight ist, dass ich am besten die Finger von ihr lasse. Sie ist lesenswert, ohne Frage, ein wenig mit Augenzwinkern sollte man sie aber doch lesen. Passt so gar nicht wirklich zu den anderen Musikern. Aber auch Pretorius ist wie die anderen auch eine recht einsame Seele.

Das Buch erhält von mir acht von zehn Punkten. Zwei Musiker wurden, wie ich anfangs schon erwähnt habe, ein wenig klischeehaft beschrieben. Sonst wären es zehn Punkte gewesen.
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In der Musik spricht man mit Gott.
(Erik Fosnes Hansen)

Gelesene Bücher 2014: 20
Gelesene Bücher 2013: 81
Gelesene Bücher 2012: 94
Gelesene Bücher 2011: 86



Donnerstag, 20. März 2014

Erik Fosnes Hansen / Choral am Ende der Reise


Klappentext
Die Titanic war das größte und modernste Passagierschiff ihrer Zeit, und ihre Jungfernfahrt in den Untergang hat die Schriftsteller unseres Jahrhunderts immer wieder beschäftigt. So sehr, daß ihr Name zur Metapher für die apokalyptischen Visionen und Untergangsstimmungen des 20. Jahrhunderts wurde. Die Geschichte beginnt am 10. April 1912. An diesem Tag gehen im englischen Southhampton sieben Musiker an Bord des Luxusliners, der auf seiner fünftägigen Jungfernfahrt mehr als zweitausend Menschen nach New York bringen soll. Die Musiker, eine bunt zusammengewürfelte Truppe aus aller Herren Länder, sind für die musikalische Unterhaltung während der Seereise zuständig. In den fünf Tagen, die ihnen noch an Bord verbleiben, lernt man ihre höchst unterschiedlichen Lebensgeschichten kennen - Biografien voller Hoffnungen und Niederlagen, voller Leidenschaften und Verzweiflung.

Autorenporträt
Erik Fosnes Hansen wurde 1965 in New York geboren und verbrachte die Schulzeit in Oslo. Sein zweiter Roman >Choral am Ende der Reise<, in 30 Sprachen übersetzt und mit vielen Preisen ausgezeichnet, wurde zu einem internationalen Bestseller. Erik Fosnes Hansen lebt in Oslo.
Das Buch habe ich gebunden antiquarisch beim Bücher-Ocxfam erworben. Erschien damals 1912 in der ersten Auflage beim Kiepenheuer&Witsch Verlag. Mittlerweile ist das Werk als Taschenbuch im Fischer-Verlag erschienen. Das Cover stimmt überein.

Erst glaubte ich, es sei ein historischer Roman zu der Titanik, die 1912 untergegangen ist. Ich musste den Anhang vorziehen, um eine Antwort darauf zu erhalten. Der Anhang verweist darauf, dass der ganze Stoff mit wenigen Ausnahmen reine Fiktion sei. Das ist gut, wenn ich dies im Vorfeld weiß, denn so ich gehe mit dem Gelesenen dann diesbezüglich anders um.

Die ersten fünfzig Seiten habe ich durch, und sie haben mir gut gefallen.



Mittwoch, 19. März 2014

Haruki Murakami / Südlich der Grenze, westlich der Sonne (1)

Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre

Das Buch hat mir recht gut gefallen.

Es ist eine reine Liebesgeschichte und kann aus diesem Grund nicht allzu viel darüber schreiben, sonst nehme ich den anderen LeserInnen zu viel vorweg. Gäbe es noch Begleit- oder Unterthemen, dann könnte ich mein Geschreibsel ein wenig auf die anderen Themen verteilen.

Ich kann aber sagen, das Buch ist wie üblich ein wenig surreal ... Wie üblich ist es eine schräge, ernste und fantastische Liebesgeschichte, und auch grenzüberschreitend; alles typische Merkmale für Murakami.

Im Folgenden stelle noch mal den Klappentext rein:
 Wie eine Halluzination taucht die Kindheitsgeliebte des Barbesitzers Hajima nach Jahrzehnten wieder auf, unfassbar und geheimnisumwoben. Immer an regnerischen Abenden erscheint Shimamoto wie eine verführerische Andeutung aus einer fremden Welt und hebt das Leben des tüchtigen Geschäftmannes und Familienvaters aus den Angeln. ›Südlich der Grenze, westlich der Sonne‹ erzählt mit großer Magie vom Einbruch dämonischer Kräfte in ein Leben – und scheut dabei keine Tabus. Als ›Gefährliche Geliebte‹ in der Übersetzung aus dem Englischen erschien, führte der Streit über die Sprache des Romans und seine Darstellung von Sexualität zur Auflösung des »Literarischen Quartetts«.
Wie aus dem Klappentext hervorgeht, bemüht sich der Icherzähler Hajima um ein normales, durchschnittliches Leben, bis seine Jugendliebe Shimamoto nach 25 Jahren wieder in sein Leben tritt. Shimamoto, eine recht interessante Persönlichkeit, die nicht nur ihrem alten Jugendfreund Rätsel hinterlässt, sondern auch mir als Leserin.

Hajima ist ein Einzelkind gewesen und wuchs in seiner Jugend als Einzelgänger auf, dadurch war er für viele Menschen ein wenig unnahbar. Mit zwölf Jahren lernt er seine Klassenkameradin Shimamoto kennen, die ebenfalls ein Einzelkind ist, für die damalige Zeit, 1960er Jahre in Japan, recht ungewöhnlich. Shimamoto war durch einen Geburtsfehler ein wenig gehbehindert, doch Hajima störte das keineswegs. Hajima zog zusammen mit seinen Eltern in eine andere Stadt, sodass die beiden Kinder sich aus den Augen verlieren. Plötzlich taucht Shimamoto nach 25 Jahren wieder in seinem Leben auf.

Shimamoto verdrehte ihm ganz den Kopf und wäre sie nicht wieder so schnell verschwunden, wie sie aufgetaucht war, bin ich sicher, er hätte seine Familie und seine abgesicherte Existenz aufgegeben, für die er so sehr gekämpft hatte, wenn man bedenkt, aus welchem beruflichen Milieu er einst gekommen ist. Ein langweiliger Angestellter in einem Schulbuchverlagswesen als Lektor tätig.

Ein wenig nachdenklich haben mich die anderen Liebespartnerinnen gemacht, die es alle ernst mit Hajima gemeint hatten, doch Hajima verletzte diese ungewollt, indem er sich zu anderen Frauen hingezogen gefühlt hatte. Wobei der Konflikt mit seiner Frau sich schließlich gelegt hatte, seine Frau verzieh ihm die Liebe zu einer anderen Frau.

Lest aber selbst.

Interessant fand ich zudem auch, zu erfahren, dass Hajima unter einer inneren Leere litt, von der er glaubt, dass nur Shimamoto sie ausfüllen könne. Das zeugt neue Probleme. Die Sucht und die Gier nach dieser Frau macht ihn fast wahnsinnig.
Wohin ich auch gehe, ich bleibe derselbe. Meine Unzulänglichkeiten bleiben dieselben. Meine Umstände mögen sich verändern, doch ich bleibe stets derselbe unvollkommene Mensch. Der ewig gleiche fatale Mangel, den ich mit mir herrumtrage, ruft einen unstillbaren Hunger in mir hervor. Dieser Hunger hatte mich stets gequält und wird mich wahrscheinlich immer weiter quälen. Denn gewissermaßen ist es dieser Mangel, der meine Person ausmacht. Das weiß ich inzwischen. Für dich will ich ein neues Ich werden. Und vielleicht gelingt es mir. Es wird nicht einfach sein, aber ich werde mein Bestes geben, und vielleicht kann ich mich ändern.
Das waren die Worte der Versöhnung an seine Frau. Diesen inneren Mangel, der zieht sich quasi durch das ganze Buch. Mehr verrate ich nun nicht.

Neben dem eigentlichen Thema, hier ist es die Liebesgeschichte, interessiert mich z. B. oft, was die Romanfiguren für ein Leben als LeserInnen führen.

Shimamoto galt als eine rege Leserin. Sie trifft Hajima lesend vor einem Sachbuch:
"Was liest du da?" Sie deutete auf mein Buch. Ich zeigte es ihr. Es behandelte die Geschichte des chinesisch-vietnamesischen Grenzkonflikts nach dem Vietnamkrieg. Sie blätterte darin und gab es mir zurück.
"Liest du keine Romane mehr?"
"Doch, aber nicht mehr so viel wie früher. Und neue Romane lese ich gar nicht. Nur die alten überwiegend aus dem 19. Jahrhundert. Welche, die ich früher schon gelesen habe."
"Warum liest du keine neuen?"
"Vielleicht will ich nicht enttäuscht werden. Wenn ich ein langweiliges Buch lese, habe ich das Gefühl, meine Zeit zu verschwenden. Und das frustriert mich. Früher war das anders. Ich hatte viel Zeit, und selbst wenn ich etwas langweilig fand, glaubte ich, es käme auf die eine oder andere Weise doch etwas dabei heraus. Aber jetzt halte ich es nur noch für reine Zeitverschwendung. (…)Liest du noch viel?"
"Ja, die ganze Zeit. Neues und Altes. Romane und Sachbücher. Langweiliges und Spannendes. Im Gegensatz zu dir mag ich es, meine Zeit mit Lesen totzuschlagen."
Das fand ich interessant, denn auch ich lese viel, verbringe fast meine gesamte Freizeit mit dem Lesen. Ähnlich wie Shimamoto lese ich auch querbeet, davon Spannendes und aber auch Langweiliges, wobei ich gerade lerne, gewisse Bücher dann doch abzubrechen, wenn sie mir nicht zusagen. Vor allem wenn es sehr große Wälzer sind. Dafür reicht schließlich meine Ausdauer dann doch nicht. Kommt aber glücklicherweise nicht so oft vor. Wenn es aber vorkommt, bin ich ein wenig bedrückt, wenn ich das Buch abbreche.

Ich mache hier nun Schluss und verweise auf das Buch. Lest es selbst, kommt selbst in den Genuss, diese Art von Liebesroman in euch aufzunehmen.  
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Es gibt eine Grenze, und es gibt Menschen, die sie überschreiten können, und Menschen, die es nicht können.
(Haruki Murakami)

Gelesene Bücher 2014: 19
Gelesene Bücher 2013: 81
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Sonntag, 16. März 2014

Haruki Murakami / Südlich der Grenze, westlich der Sonne

Klappentext
Wie eine Halluzination taucht die Kindheitsgeliebte des Barbesitzers Hajima nach Jahrzehnten wieder auf, unfassbar und geheimnisum-woben. Immer an regnerischen Abenden erscheint Shimamoto wie eine verführerische Andeutung aus einer fremden Welt und hebt das Leben des tüchtigen Geschäftmannes und Familienvaters aus den Angeln. ›Südlich der Grenze, westlich der Sonne‹ erzählt mit großer Magie vom Einbruch dämonischer Kräfte in ein Leben – und scheut dabei keine Tabus.Als ›Gefährliche Geliebte‹ in der Übersetzung aus dem Englischen erschien, führte der Streit über die Sprache des Romans und seine Darstellung von Sexualität zur Auflösung des »Literarischen Quartetts«. Nun wurde er zum ersten Mal direkt aus dem japanischen Original ins Deutsche übersetzt: Ursula Gräfe, die längst zur deutschen Stimme Murakamis geworden ist, legt dabei verborgene Schichten frei und enthüllt einen Roman, den wir alle zu kennen glaubten, auf aufregende Weise neu. Der ideale Zeitpunkt für neue Leser, diesen modernen Klassiker zu entdecken – und für alle, die seinem Zauber schon zuvor verfallen waren, sich neu zu verlieben.

Autorenporträt
Haruki Murakami ist einer der wichtigsten zeitgenössischen Autoren Japans. Die meisten seiner Bücher erzielten Millionenauflagen und wurden mit hohen japanischen Literaturpreisen ausgezeichnet. Der Autor wurde 1949 in Kyoto geboren, studierte Theaterwissenschaften und begann mit dem Schreiben von Drehbüchern. Von 1974 bis 1982 leitete er einen Jazzclub und bedauerte später, dass er während dieser Zeit nicht geschrieben hatte. Er lebte danach viele Jahre in Europa und bis 1995 in den USA. Dorthin war er geflüchtet, weil er die Popularität nach seinem Erfolgsroman "Naokos Lächeln" in Japan nicht mehr ertragen mochte. Murakami sagt selbst: "Ich möchte mich nur aufs Schreiben konzentrieren". In seinen Büchern vermischen sich westliche Ansichten vom Schicksal des Individuums mit Fantasy- Elementen aus der japanischen Götterwelt. 

Von Murakami habe ich die Trilogie IQ84 gelesen. Erst wollte ich es gar nicht lesen, da ich mit so einer fiktiven Welt, wie ich sie im Klappentext beschrieben sah, nicht zurechtzukommen glaubte. Aber mich zog es immer wieder zu ihm zurück, bis ich das das Buch schließlich doch gekauft habe und war von dem Inhalt total angetan. Eine so schöne literarische Sprache und dieser Mix zwischen Fiktion und Wirklichkeit hat mir auch total gefallen. Eine Welt für sich, als müsse diese Welt so sein, wie Murakami sie beschrieben hat. Wenn mir nun das vorliegende Buch auch gefallen wird, dann zählt Murakami auch zu meinen Favoriten als Autor.
Gestern Abend habe ich einige Seiten gelesen, die mir gut gefallen haben. Auf meinem großen SuB liegen noch drei ungelesene Bücher von dem Autor.

Weiteres schreibe ich im nächsten Post, wenn ich das Buch durchhaben werde.




Samstag, 15. März 2014

Lizzi Doron / Das Schweigen meiner Mutter (1)

Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre

Das Buch war mir ein wenig zu trocken … Habe es soeben durchgelesen. Der Schreibstil der Autorin ist nach meinem Geschmack gut gelungen und fantasievoll. Trotzdem weiß ich nicht, woran es gelesen haben könnte, dass mich das Buch nicht wirklich gefesselt hat.

Zur Erinnerung gebe ich noch einmal den Klappentext rein:
Auf der Suche nach dem verlorenen Vater ein Foto. Ein Garten, Tel Aviv, 50er- Jahre. Im Vordergrund ein kräftiges kleines Mädchen, den Blick in die Kamera gerichtet, einen zweifelnden oder auch verzweifelten Blick, vielleicht blendet aber auch nur die Sonne. Im Hintergrund ein Gebüsch, und dort, eingerahmt von einem kleinen weißen Kreis, ein weiteres Gesicht. Fast unkenntlich, winzig und fern. Ist das der Vater, den das Mädchen nicht kannte? Nach dem es wieder und wieder vergeblich fragte und dann - längst erwachsen - zu forschen begann? Eine atemlose Suche nach Sinn und Begründung eines, wie sich zeigen wird, wahnwitzigen Geheimnisses.

Die Icherzählerin heißt Alisa.

Alisa erweist sich schon im Kleinkindalter zu einem fragenden Kind. Sie stellt viele, viele Fragen an die Erwachsenen, an sich, an ihre FreundInnen, an die Welt, sodass das Kind ein gefürchtetes Kind wurde. Alle hatten Angst vor ihren Fragen. Vor allem die Mutter, die es schaffte, die Fragen mit einem eisigen Schweigen zu umgehen.
Ich war wütend auf meine Freundin Dorit und auf meine Mutter, auf sie und auf alle, die geschwiegen hatten. Der Schweiß brannte auf meiner Haut, und all die wehen Stellen meiner Kindheit schmerzten, der Trost, die Küsse und Umarmungen, die mir nie zuteilgeworden waren.Plötzlich, nach Jahren, war es wieder da, dieses Wirken in der Kehle. Was habt ihr mir eigentlich ersparen wollen? Warum habt ihr mir nichts gesagt? Warum habt ihr mir nicht gesagt, dass er lebt? Warum habt ihr mir nicht gesagt, dass er gestorben ist? Was war da? Gab es vielleicht noch etwas anderes, ein dunkles Geheimnis, irgendeinen Wahnsinn? Das fragte ich Dorit, das fragte ich meine tote Mutter, das fragte ich auch mich selbst. Ich hatte das Gefühl, den Verstand zu verlieren. (110)
Diese Fragen ziehen sich bis zum Ende des Buches hin.

Die Episoden reichen bis in die dritte Generation hinein. Ein Wechsel zwischen Gegenwart und Vergangenheit findet statt. Ein wenig gewöhnungsbedürftig.

Ich schreibe mir ein paar Szenen und Gedanken heraus, die mir besonders gut gefallen haben.

Alisa wird zum Flötenunterricht angemeldet, doch der Musiklehrer möchte sie im Unterricht nicht haben, da sie rhythmisch nicht mithalten konnte.
„Ich kann so nicht unterrichten“, sagte der Lehrer zornig.Meine Mutter warf ihm einen hochmütigen Blick zu."Mögen Sie sich ein langes Leben verdienen", sagte sie höflich und beendete damit die Unterredung. Dann nahm sie mich am Arm und führte mich hinaus. Ich war bestürzt.„Warum hast du ihm ein langes Leben gewünscht?", fragte ich wütend.„Damit er noch sieht, wie erfolgreich du sein wirst, und sich die Zähne daran ausreißen kann, bis er alt und grau ist, bis hundertzwanzig", antwortete sie mit einem Lächeln, und bei dieser Gelegenheit versprach sie mir, sie würde meine Flötenlehrerin werden.“ (71)
Diese Szene hat mir besonders gut gefallen. Hier bekommt man eine Mutter mit, die sich für ihr Kind einsetzt, und sie an die Fähigkeiten ihrer Tochter glaubt.

Die Mutter, eine Frau, die viel im Leben erlebt hat, und die alleinerziehend ist. Alisa ist ein Nachkriegskind. Es ist die Mutter, die den Zweiten Weltkrieg miterlebt hat. Sie sind jüdischer Abstammung.

Alisa kennt ihren Vater nicht …
Wer ist er?? Wo ist er geblieben? Die kleine Alisa reißt vom Kindergarten aus, um ihn zu suchen.

Die Mutter gibt eine kleine Party, auf der viele Leute vertreten waren.
„Schau nur, wie sehr dich die Leute mögen", sagte meine Mutter aufgekratzt, als ihre Party zu Ende war.Ich konnte mich nicht beherrschen.
"Warum habe ich keinen Vater?"„Komm, ich frisiere dich auch." Sie tat, als hätte sie meine Frage nicht gehört. "Siehst aus wie Shirley Temple." Sie kämmt meine krausen Haaren, kämpfte gegen die verfilzten Knoten und die Locken."Warum habe ich keinen Vater?" Ich ließ nicht locker, bis ich spürte, wie sie die Kraft verlor, wie ihre Bewegungen mit dem Kamm immer schwächer wurden, wie die Nacht sie wieder niederzwang. (89)
Erst bekommt man Mitleid für die Kleine, doch später, wenn man mehr von der Mutters Vergangenheit erfährt, entwickelt man auch Mitgefühl für die Mutter, deren eisiges Schweigen nichts anderes war als Selbstschutz.

Alisa vergleicht die Mutter mit einem Safe. Alle Familiengeheimnisse trug sie darin verschlossen. (94)

Immer wieder tauchen Szenen auf, die mit dem Nationalsozialismus zu tun hatten, der die Juden innerlich verschlang. Alisa hat diese Zeit nicht miterlebt und doch hat sie eine Ahnung, wenn sie andere darüber erzählen hört. Alisa horcht heimlich an den Gesprächen der Erwachsenen:
Ich wusste, dass es auch heute, auch hier, ein geheimes Leben gab, Geheimnisse blühten im Eck.Das, was gewesen war, war das, was uns verband, dachte ich. Die Eltern, die Kindheit mit dem Stacheldraht um die Seelen, ein Stacheldraht zwischen uns und der Welt, zwischen uns und unseren Eltern. Was uns verband, hatte nichts mit Gemeinsamkeiten dieser Wesensart, der Interessen oder der Lebensweise zu tun.Ich spürte, dass das Zusammensein uns betrübte, die Erinnerungen uns belasteten. Ich wurde ungeduldig. (101)
Der Stacheldraht wird hier als Metapher gebraucht. Der Stacheldraht aus dem Nationalsozialismus. Kriegserlebnisse wirken bis weit in die dritte Generation hinein. Auch dann noch, wenn über die Erlebnisse nicht gesprochen wird, da sie innerlich stark traumatische Erlebnisse bergen.

Alisa wird erwachsen, und noch immer konnte sie nicht herausfinden, wer ihr Vater ist. Selbst ihre Freundinnen gaben keine Antworten auf ihre Fragen:
Deine Mutter wollte dir Leid und Schmerz ersparen. Sie hat jede Gefahr von dir ferngehalten, sie hat dir jede Information verschwiegen, die dich hätte traurig machen können. So hatte sie sich entschieden, das war ihre Art, dich zu schützen. Sie hat das ganze Leid und den ganzen Schmerz auf sich genommen." (210)
Das Kind hatte sich einen Vater ausgedacht. Sie dachte sich Geschichten über ihn aus. Ein Partisane soll er gewesen sein, der dann später nach Amerika emigrierte.

Den tieferen Grund, weshalb die Mutter sich so verhielt, werde ich nicht verraten. ….
Auch die Frage, weshalb das Kind ihren Vater vermisste und ihn nie kennenlernen durfte, verweise ich auf das Buch.

Mein Fazit: Vielleicht hätte mich das Buch mehr erreicht, wenn ich nicht so viel erzählt bekommen hätte, sondern mir selbst meine Gedanken hätte machen können. Obwohl das Buch nur knapp über zweihundert Seiten hat, so finde ich, ist zu viel erzählt worden und immer wieder kreiste man um dieselbe Frage. Auch der Klappentext ist viel zu ausführlich. Ich meine nicht den Klappentext, den ich hier rein gepostet habe, nein, der Klappentext ist auf jeder Seite des Schutzumschlags mit verschiedenen Informationen bedruckt. Das muss nicht sein, man hegt den Anspruch, sich selbst Gedanken zu machen.

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Die Welt ist viel zu gefährlich, um darin zu leben- nicht wegen der Menschen, die Böses tun, sondern wegen der Menschen, die danebenstehen und sie gewähren lassen.
(Albert Einstein)

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Freitag, 14. März 2014

Lizzi Doron / Das Schweigen meiner Mutter

Klappentext
Auf der Suche nach dem verlorenen Vater
Ein Photo. Ein Garten, Tel Aviv, 50er- Jahre. Im Vordergrund ein kräftiges kleines Mädchen, den Blick in die Kamera gerichtet, einen zweifelnden oder auch verzweifelten Blick, vielleicht blendet aber auch nur die Sonne. Im Hintergrund ein Gebüsch, und dort, eingerahmt von einem kleinen weißen Kreis, ein weiteres Gesicht. Fast unkenntlich, winzig und fern. Ist das der Vater, den das Mädchen nicht kannte? Nach dem es wieder und wieder vergeblich fragte und dann - längst erwachsen - zu forschen begann? Eine atemlose Suche nach Sinn und Begründung eines, wie sichzeigen wird, wahnwitzigen Geheimnisses.




Autorenporträt
Lizzie Doron, geboren 1953 in Tel Aviv, studierte Linguistik, bevor sie Schriftstellerin wurde. Ihr erster Roman ›Ruhige Zeiten‹ wurde mit dem von Yad Vashem vergebenen Buchman Preis ausgezeichnet. 2007 erhielt sie den Jeannette Schocken Preis. In der Begründung der Jury heißt es: »Lizzie Doron schreibt über Menschen, die von ›dort‹ kommen, die den Holocaust überlebten und nun zu leben versuchen. In Israel. Fremd, schweigend, versehrt - und stets ihre Würde wahrend. Mit großer Behutsamkeit nähert die Autorin sich ihren Figuren und mit großem Respekt wahrt sie Distanz.«
›Das Schweigen meiner Mutter‹ ist ihr bisher persönlichstes Buch.
Das Buch ist mittlerweile auch als Taschenbuch zu haben.




Donnerstag, 13. März 2014

Morten H. Olsen / Das Kind aus dem Moor (1)

Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre

Ich habe das Buch gestern Abend ausgelesen und bin eher geteilter Meinung. Einerseits hat es mir gefallen, dass der Krimi nicht wie ein gewöhnlicher Krimi aufgebaut ist, andererseits hat mich die Thematik, wie der Autor diese verpackt, bzw. ausgeschmückt hat, nicht wirklich gefesselt.

Der Protagonist dieses Romans nennt sich Francis Falckenberg, der die Geschichte aus der Ichperspektive erzählt. Es liest sich auch ein ganz klein wenig wie ein Schauerroman. Francis erhält Wahrträume von den getöteten Opfern, die ihm den Tötungsort ansagen und den Verbleib der Leichen. Francis wendet sich damit an die Polizei und macht sich dadurch verdächtig ... Ursprünglich sah es so aus, dass die getöteten Personen durch einen (gelegten) Brand ums Leben kamen.

Die Opfer wünschen sich, dass der Mörder gefasst und die Leichen geborgen werden…, und wenden sich an Francis, da er so ziemlich für spirituell medial eingeschätzt wird, als könne er mit Toten kommunizieren.

Zur Erinnerung gebe ich noch einmal den Klappentext ein:
Als Antiquar gehört Francis Falckenberg zu den Honoratioren des norwegischen Städtchens Oscarshavn.   Seit Jahren führt er ein beschauliches Leben: doch plötzlich geschehen merkwürdige Dinge: Bei einem Großbrand im Armenviertel sterben eine stadtbekannte Prostituierte und ihre Tochter – aber die Leichen werden nicht gefunden. War es Mord? Als Francis an einem nebligen Abend nach Hause geht, erscheint ihm ein seltsames kleines Mädchen, das er noch nie zuvor gesehen hat. Es nimmt ihn bei der Hand und führt ihn zu den vermissten Toten – um genauso unbemerkt zu verschwinden, wie es gekommen ist. Als Francis der der Polizei den Fundort meldet, begegnet man ihm mit größtem Misstrauen und er verstrickt sich immer tiefer in ein Gespinst aus Verdächtigungen und Widersprüchen. Ist er der Mörder? Und bald darauf erscheint ihm das Kind erneut und führt ihn ins Moor – wo vor fünfundzwanzig Jahren ein kleines Mädchen spurlos verschwand …
Francis wirkt ein wenig naiv, was das Städtchen Norwegens betrifft. Kriminalität passt so gar nicht in sein Bild. Er bekommt ordentlich die Meinung einer guten Freundin verpasst:
"Es ist nur so, dass ich mich manchmal über dich ärgere, weil du so tust, als wäre Oscarshavm dermaßen liberal und anständig und sauber. Du weißt, dass ich in meinem Büro sitze und seit Jahren alle die anderen Geschichten höre. Manche davon sind Kleinigkeiten, schlimm für die Betroffenen, aber normale, kleine Alltagstragödien: wie die leichten Mädchen von ihren Beschützern behandelt werden, wie das Sozialamt seine Klientel abfertigt, dass die Asylbewerber sich am Freitagabend nicht auf die Straße trauen, aus Angst, zusammengeschlagen zu werden. Andere Geschichten sind schlimmer. Klar, die Stadt wirkt liberal, aber nur, weil einer sich verdammt wenig um den anderen kümmert. Die Stadt ist reich, weil sie geizig ist. Sie steht glänzend da, weil sie keine Rücksicht nimmt, weil diejenigen, die sie bewirtschaften, ihre Entscheidungen eigenmächtig treffen und keinerlei öffentliche Diskussion zulassen." (126f)
Ehrlich gesagt, wer hat nicht so ein perfektes Bild zu Norwegen? Was schreiben die Medien denn schon darüber? Nichts? Oder fast nichts? Nein, wenn etwas zu Norwegen geschrieben wird, dann sind das meistens nur die besten Schlagzeigen … Die innereuropäischen Journalisten beschäftigen sich lieber mit der Kriminalität der ausländischen Länder, die dafür bekannt sind. Darunter fallen alle südeuropäischen Länder. Über diese wird überwiegend negativ berichtet, und die guten Schlagzeilen, für diese interessiert sich kaum jemand. Das hässliche Südeuropa - Bild muss ja schließlich aufrechterhalten werden, so wie das gute Bild der nördlichen Länder ebenso. Deshalb habe ich mich über dieses Zitat so sehr gefreut, so gibt es doch wenigstens, wenn auch sehr wenige, AutorInnen, die sich kritisch und differenziert über ihr Land auslassen. Die meisten Menschen machen sich wenig Gedanken darüber und übernehmen blind die Schlagzeilen der Berichterstatter … Einseitig gut der Norden, einseitig bös der Süden.

Auf Seite 166 macht sich Francis Gedanken über den Menschen, der die kriminelle Tat verübt hat. Und diesen Gedanken fand ich auch sehr schön.
Und doch ist das Erschreckendste für mich, dass der Mörder immer noch ein Mensch ist. Auch ein zerbrochener Spiegel ist noch ein Spiegel. Sie müssen ihn sich als zerbrochenen Spiegel vorstellen. Der Spiegel reflektiert nicht das ganze Bild, weil ihm Stücke fehlen; unserem Mann fehlen die Stücke, die ihn zu einem kompletten Menschen machen würden. Aber er ist trotzdem ein Mensch mit einer Reihe menschlicher Gefühle, nur dass sie so lückenhaft sind, verglichen mit der Komplexität eines normalen Menschen. Aber er leidet. Er träumt, hofft, sehnt, vermisst.
Und hier mache ich nun Schluss. Möchte nicht zu viel verraten. Allerdings schaffe ich es nie, mich lange über einen Krimi auszutauschen. Ich weiß nicht, weshalb Krimis mich immer wieder langweilen.
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Die Welt ist viel zu gefährlich, um darin zu leben- nicht wegen der Menschen, die Böses tun, sondern wegen der Menschen, die danebenstehen und sie gewähren lassen.
(Albert Einstein)

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Sonntag, 9. März 2014

Morten H. Olsen / Das Kind im Moor

Klappentext
Als Antiquar gehört Francis Falckenberg gehört zu den Honoratioren des norwegischen Städtchens Oscarshavn.   Seit Jahren führt er ein beschauliches Leben: doch plötzlich geschehen merkwürdige Dinge: Bei einem Großbrand im Armenviertel sterben eine stadtbekannte Prostituierte und ihre Tochter – aber die Leichen werden nicht gefunden. War es Mord? Als Francis an einem nebligen Abend nach Hause geht, erscheint ihm ein seltsames kleines Mädchen, das er noch nie zuvor gesehen hat. Es nimmt ihn bei der Hand und führt ihn zu den vermißten Toten – um genauso unbemerkt zu verschwinden, wie es gekommen ist. Als Francis der der Polizei den Fundort meldet, begegnet man ihm mit größtem Mißtrauen und er verstrickt sich immer tiefer in ein Gespinst aus Verdächtigungen und Widersprüchen. Ist er der Mörder? Und bald darauf erscheint ihm das Kind erneut und führt ihn ins Moor – wo vor fünfundzwanzig Jahren ein kleines Mädchen spurlos verschwand …


Autorenporträt
Morten Harry Olsen wurde 1960 in Narvik, im hohen Norden Norwegens geboren. Er studierte Kriminologie und Philosophie, musste einige Jobs hinter sich bringen, bevor sein erstes Buch auf den Markt kam. So war Morten Harry Olsen Buchhalter in der norwegischen Armee, Taxi-Fahrer, Herrenkleidungsverkäufer und Bürosekretär an der Universität Oslo. Morten Harry Olsen war in mehreren Schriftstellervereinigungen tätig, auch in deren Vorständen. Außerdem arbeitete er als Lektor bei den Verlagen »Oktober« und »Aschehoug« und als Chef-Lektor für den »Bokklubben Krim og Spenning«. Seit 1998 ist er angestellter Berater für den »Gyldendal Norsk Forlag«.
Morten Harry Olsen lebt geschieden in der norwegischen Hauptstadt Oslo und ist Vater eines Kindes.
Das Buch habe ich beim Bücher - Oxfam antiquarisch erworben.



Samstag, 8. März 2014

Álex Rovira und Francesc Miralles / Einsteins Versprechen (2)

Zweite von zwei Buchbesprechungen

Da ich meine Meinung zu dem Buch in der ersten Buchbesprechung schon kundgegeben habe, mache ich mich nun dran, die schönen und poetischen Textpassagen herauszuschreiben. Diese vorliegende Buchbesprechung ist allerdings nicht für LeserInnen geeignet, die das Buch selber lesen möchten …

In dem Buch findet man jede Menge weise Sprüche von mehreren Autoren. Immer vor dem Beginn eines neuen Kapitels.

Auch zu dem Leben Einsteins fand ich manches recht interessant und ein wenig widersprüchlich. Das hat mich nicht wirklich gestört. Das Widersprüchliche gehört zum Menschsein einfach dazu. Ich hätte mir aber gewünscht, dass die Autoren im Anhang eine Bemerkung hinterlassen hätten mit dem Hinweis, wie sie recherchiert haben, um über den Physiker zu schreiben. Was ist neben dem Kriminalistischen Wahrheit? Was ist Dichtung?

Zur Erinnerung gebe ich noch mal den Klappentext rein:
Kurz vor seinem Tod machte Albert Einstein eine revolutionäre Entdeckung. Er fand heraus, was die Welt im Innersten zusammenhält. Doch er behielt diese Wahrheit für sich. Einsteins junge Biografin Sarah und Drehbuchautor Javier suchen nach dem Geheimnis des Genies. Ihre magische Reise in die Vergangenheit führt sie um die halbe Welt. Sie stoßen auf ein Mädchen, das Einstein viel bedeutete und seinem Leben eine neue Wendung gab. Wer war die Unbekannte? 
Der Protagonist des Romans ist der Drehbuchautor Javier Costa. Verschiedene andere Romanfiguren sind ebenfalls beteiligt, um an Einsteins letzte Erkenntnis zu gelangen, auch wenn die Figuren völlig unabhängig voneinander sind. Die beiden Autoren ziehen dies ein wenig wie einen Krimi auf. Denn wer es schafft, an die letzte Erkenntnis zu gelangen, der kann damit an die Öffentlichkeit gehen, ein Patent anmelden und reich dabei werden.

Eine weitere protagonistische Figur ist Sarah Brunet, gibt sich als junge Französin aus und ist Biografin Einsteins. Beide, Sarah und Javier, entwickeln sich zu einem gemeinsamen Team, woraus sich auch eine Liebesgeschichte zwischen diesen beiden auftut, die für eine große Überraschung sorgt. Wer ist Sarah Brunet denn wirklich? Diese Frage stellt sich Javier irgendwann, als er merkt, dass es im Internet keine Sarah Brunet zu googeln gibt. Sarah Brunet ist Doktorandin und aufgrund ihres beruflichen Status müsste sie schon etwas an wissenschaftlichen Arbeiten veröffentlicht haben, aber Google kennt sie einfach nicht.

Eine ominöse Figur ist auch Sarahs achtzehnjährige Schwester Lorelei. Javier findet erst sehr viel später heraus, dass Lorelei Sarahs Schwester ist. Sie hat blaue Haare und sorgt dafür, andere Wissenschaftler, die an dem Einstein Projekt beteiligt sind, aus dem Verkehr zu ziehen, bringt damit aber auch Javier in lebensbedrohliche Gefahren. Lorelei nimmt ein wenig die Figur einer Psychopathin an. Sie schickt die Leute in den blauen Tod auf eine ganz mysteriöse Weise.
Dies fand ich ein wenig oberflächlich. Später und bis zum Schluss des Romans bleibt Lorelei unerwähnt, und so vermisste ich irgendwie den roten Faden dazu. Auch die vielen Morde blieben nicht weiter Thema. Tauchten thematisch im Text einfach nicht mehr auf. Es ist so, als haben die Autoren aufgehört, über Lorelei zu erzählen.

Der Schluss bringt eine Wende, was Sarah Brunets Identität betrifft und sorgt somit für Überraschung.

Javier und Sarah begeben sich weltweit auf die Suche nach Einsteins Angehörigen. Einsteins Frauen, zur Adoption freigebegebe Tochter und seine Enkelin …

Und nun zu Einsteins Leben und Theorien:

Einstein gilt zwar als eine Größe in der Wissenschaft, aber er ist auch Mensch. Er war mehrmals verheiratet und seine Tochter aus erster Ehe gab er zur Adoption frei, um seinen Ruf als Professor nicht zu gefährden. Es war damals nicht üblich, uneheliche Kinder in die Welt zu setzen. Auch bei Einstein kam es vor, dass er seine Frauen als billige Hausmägde benutzte. Es findet dazu ein Dialog zwischen Javier und Sarah statt:

Sarah:
Zum Beispiel hat Einstein, als die Beziehung schon schlecht lief, seiner Frau drei Bedingungen für eine Fortsetzung ihres Zusammenlebens gestellt: Sie sollte auf jegliches persönliches Verhältnis mit ihm verzichten, das Zimmer immer widerspruchslos verlassen, wenn er es verlangte, und sich darum kümmern, dass seine Bettwäsche stets in Ordnung war.
Javier zeigt sich Sarah gegenüber enerviert, zu Recht, wie ich finde:
„Also, das hat mich an Intellektuellen wie dir schon immer genervt. Einen Mann von der Straße würdet ihr wegen einer unglücklichen Bemerkung, die ihr sofort als Machospruch deuten würdet, bei lebendigem Leibe aufspießen. Aber Genies wie Picasso oder Einstein verzeiht ihr, wenn sie ihre Frauen schlecht behandeln und an den Rand des Selbstmords treiben. (…) Man kann zwar eine Eins in Physik haben, aber eine Sechs in Herzenskunde." (197f)
Interessant fand ich auch, dass Einstein, wie man weiß, die Atombombe zwar erfunden hatte, aber kurze Zeit darauf wurde er Gegner der Atomwaffe. Ihm wurden plötzlich die fatalen Folgen beim Abwurf der Atombombe bewusst.
Einmal hatte ich den Kommentar eines Militärs gehört, der gesagt hatte, auf der Welt müsse es mehr gute Menschen geben als gemeinhin vermutet, da von den ungeheuren Mengen existierender Atombomben bisher nur zwei abgeworfen worden seien.Das Problem sei allerdings, dass diese Bomben weiterhin existierten und die weltweiten Konflikte natürlich nicht einfacher geworden seien. (308)
Nach Einsteins Tod wurde veranlasst, dass sein Gehirn zu Forschungszwecken benutzt wurde. Den Untersuchungen zufolge unterschied sich Einsteins Gehirn nicht besonders von dem Gehirn normaler Menschen.

Sarah und Javier befinden sich in Amerika und finden Einsteins Enkelin als eine alte Frau auf, die in den Bergen wie eine Eremitin in einer Höhle lebt. Sie ist bekannt als die Steinfrau. Eine sehr weise Frau. Javier und Sarah nehmen Kontakt zu ihr auf und erfahren von ihr mancherlei.
Albert Einsteins Gehirn sah genauso aus wie das jedes anderen Menschen. Deshalb muss seine Einzigartigkeit anderswo gelegen habe, wenn schon nicht dort. Und ich weiß auch, wo. (…) Das Geheimnis liegt im Herzen.
Javier wurde skeptisch:
Als Spezialist in Populärwissenschaften hatte ich meine Zweifel an den Behauptungen von Einsteins Enkelin, und ich scheute mich nicht, meine Bedenken zu äußern. Die Steinfrau sah mich freundlich an und entgegnete:"Ich werde dir einen endgültigen Beweis dafür geben, dass nicht das Gehirn unser Schicksal lenkt. Weißt du, welches von allen lebenswichtigen Organen nicht an Krebs erkrankt?""Das Herz", antwortete ich beeindruckt."Genau. Und dafür muss es einen guten Grund geben." (342)
Das war mir bisher noch gar nicht bewusst gewesen, dass das Herz als das einzige Organ keinen Krebs bekommen kann.

Das Herz würde schon anfangen zu schlagen, selbst wenn es noch die Größe eines kleinen Punktes habe.

Das Herz bleibt nun bis zum Schluss des Buches Bestandteil des Themas und führt uns zur Liebe:
Es gibt kein Heilmittel gegen die Liebe, aber Liebe ist das Heilmittel gegen alle Übel. (Autor zitiert Leonard Cohen).
Herz, Liebe, Licht. Im Herzen liegt die Liebe, in der Liebe das Licht ...
Liebe ist Licht, denn sie erleuchtet dem, der sie schenkt und empfängt. Liebe ist Schwerkraft, denn sie bewirkt, dass Menschen sich von anderen Menschen angezogen fühlen. Liebe ist stärker, denn sie vervielfacht das Beste, was wir haben, und ermöglicht es der Menschheit, nicht in ihrem blinden Egoismus zu erlöschen. Liebe offenbart und enthüllt. Aus Liebe lebt man und stirbt man. Liebe ist Gott, und Gott ist Liebe. (…)
Dass Gott Liebe sein soll, fand ich ein wenig oberflächlich, zu abgedroschen, da im ganzen Buch nicht von Gott die Rede ist, taucht jetzt der Begriff Gott zum ersten und zum letzten mal auf, in einem einzigen Satz. Mich hätte interessiert, welche tiefere Einstellung denn Einstein zu Gott hatte?

Nun weiter im Zitat:
Wenn wir wollen, dass unsere Spezies überlebt, wenn wir einen Sinn im Leben suchen, wenn wir die Welt und jedes fühlende Wesen, das in ihr lebt, retten wollen, ist Liebe die einzige und letzte Antwort.Vielleicht sind wir noch nicht so weit, eine Liebesbombe zu bauen, ein Artefakt, das stark genug ist, Hass, Egoismus und Geiz, alles was unseren Planeten verwüstet, zu zerstören. Doch jedes Individuum trägt einen kleinen, aber mächtigen Liebesgenerator in sich, dessen Energie darauf wartet, freigesetzt zu werden.Wenn wir eines Tages gelernt haben, diese universelle Energie zu schenken und zu empfangen, (…) können wir nachweisen, dass Liebe alles besiegt, alle Grenzen überwindet und alles vermag, denn Liebe ist die Quintessenz des Lebens. (373f)
Das fand ich ein wunderschönes Zitat …

Was die Welt im Innersten zusammenhält, dieses Zitat ist mir von Goethes Faust wieder eingefallen, als ich das vorliegende Buch durch hatte.

Es ist die Liebe …
Nicht die Liebe, wie SchlagersängerInnen sie anpreisen, wie z. B. diese im Partner zu finden, der uns glücklich machen soll. Nein, hier geht es um die Liebe, die in uns selber liegt und wer sie nicht in sich spürt, müsse sie in sich noch entdecken...

Die Welt wäre schon längst untergegangen, die Atombomben schon längst geworfen und die Menschheit schon längst vernichtet.

Einstein hat auch an das Gute im Menschen geglaubt ... Ohne dieses Gute wäre die Menschheit schon längst verloren.

Dies führte Einstein zu der Quintessenz, dass jedes echte Wissen aus dem Herzen stammen würde, und nicht, wie WissenchaftlerInnen zu glauben geben, dass alles Wissen alleine der Verstand hervorbringen würde.

Ich hätte mir gewünscht, die Autoren hätten noch einen Anhang beigelegt, indem sie den LeserInnen mitgeteilt hätten, aus welchen Quellen die Theorien zu Einsteins Leben und Wirken sie erworben hätten. Das habe ich vermisst.

Und weil mir auch das Fiktive, Kriminalistische wenig authentisch war, erhält das Buch von mir sechs von zehn Punkten. Siehe auch erste Buchbesprechung ...

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Die Welt ist viel zu gefährlich, um darin zu leben- nicht wegen der Menschen, die Böses tun, sondern wegen der Menschen, die daneben stehen und sie gewähren lassen.
(Albert Einstein)

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