Dienstag, 30. April 2013

Carlos Ruiz Zafón / Das Spiel des Engels




Klappentext
Barcelona in den turbulenten Jahren vor dem Bürgerkrieg: Der junge David Martín fristet sein Leben als Autor von Schauergeschichten. Als ernsthafter Schriftsteller verkannt, von einer tödlichen Krankheit bedroht und um die Liebe seines Lebens betrogen, scheinen seine großen Erwartungen sich in nichts aufzulösen. Doch einer glaubt an sein Talent: Der mysteriöse Verleger Andreas Corelli macht ihm ein Angebot, das Verheißung und Versuchung zugleich ist. David kann nicht widerstehen und ahnt nicht, in wessen Bann er gerät – und in welchen Strudel furchterregender Ereignisse …Mit unwiderstehlicher erzählerischer Kraft lockt uns Carlos Ruiz Zafón wieder auf den Friedhof der Vergessenen Bücher: mitten hinein in einen Kosmos voller Spannung und Fantastik, Freundschaft und Liebe, Schrecken und Intrige. In eine Welt, die vom diabolischen Wunsch nach ewiger Schönheit regiert wird.

Autorenportrait im Klappentext
 Carlos Ruiz Zafón begeisterte mit ›Der Schatten des Windes‹ (Fischer Taschenbuch Bd. 19615) und ›Das Spiel des Engels‹ (Bd. 18644) ein Millionenpublikum auf der ganzen Welt. ›Der Gefangene des Himmels‹ ist der dritte Roman in der großen Barcelona-Tetralogie um den Friedhof der Vergessenen Bücher. Auch ›Marina‹ (Bd. 18624), der Roman, den er kurz vor den großen Barcelona-Romanen schuf, stand wochenlang auf der SPIEGEL-Bestsellerliste. Seine ersten Erfolge feierte Carlos Ruiz Zafón mit den drei phantastischen Schauerromanen ›Der dunkle Wächter‹, ›Der Fürst des Nebels‹ und ›Mitternachtspalast‹, die bei Fischer FJB erschienen sind. Carlos Ruiz Zafón wurde 1964 in Barcelona geboren und lebt heute in Los Angeles.
Auf die Empfehlung meiner Literaturfreundin Sibylle habe ich mir das Buch angeschafft, wobei Zafón mir nicht unbekannt. Gelesen habe ich von ihm Marina und Der Schatten des Windes. Marina hat mich nicht gerade umgehauen, fand ich eher ein Roman für Jugendliche, während Schatten des Windes meine ganze Konzentration  einforderte, da der ganze Roman ziemlich verzwickt war. Verglichen zu Marina hat dieser mir recht gut gefallen.
Ein weiteres Werk Der gefangene des Himmels, wohl ein Fortsetzungsroman des obigen Buches, steht noch bei mir ungelesen im Regal.

Nun bin ich ganz gespannt auf die neue Erfahrung mit diesem Buch... .

Montag, 29. April 2013

Erwin Strittmatter / Der Laden I (2)

Zweite von zwei Buchbesprechungen zur o. g. Lektüre

In dem Buch sprechen die Figuren hauptsächlich den ortsüblichen Dialekt und gebe ihn als solchen in den Zitaten wieder.
In Bossdon, fragt man nicht, wenn man etwas nicht verstanden hat: Wie bitte? Sondern: Was hoaste gesoagt? Oder einfach: Wa? Einmal, als ich schon einige gelesene Bücher hinter mir hatte, fragte ich, als ich etwas nicht verstand, versuchsweise: Wie? Da lachten sie mich aus und bewarfen mich mit Rossäpfeln. Ich hatte gegen den örtlichen Sprachkodex verstoßen. Im Bossdom gab’s kein Mich und kein Dich, es gab in allen Fällen nur Mir und Dir. Noch heute soage ich in meinem Heimatdorf, wenn ich dort einkehre, nicht das leiseste Mich zu verwenden, weil ich nicht will, dass man sich wegdreht und sagt: Der macht sich vielleicht stolz! Mit dem kannste nicht mehr reden! 102 f
Auf den Spruch, der macht sich vielleicht stolz, musste ich so lachen und Esau Matt seine Kindheit über so bemüht damit war, sich nicht stolz zu machen. 

Am 15. Juni 1919 zieht die Familie Matt von einem Niederlausitzer Heidedorf nach Bossdom und eröffnen dort einen Laden. Heinrich Matt wird Bäcker, Lene Matt verkauft. Allerdings nicht nur Backwaren, der Laden ist mehr eine Art Gemischtwarenladen  Eigentlich ist Heinrich ein Multitalent, ist nebenbei, obwohl es hart ist, noch landwirtschaftlich tätig. 

Wie in der letzten Buchbesprechung schon gesagt wurde, ist es Esau, der als kleiner Schuljunge versucht, sich in die Welt der Erwachsenen einzudenken und gibt diese Welt in der Ich-Perspektive wieder.  
Unsere Familie schlägt Wurzeln und wächst langsam in Bossdom ein. Auf den Herbst zu  gibts keinen Winkel im Anwesen, in dem ich nicht hockte, aus dem ich mich nicht hinaus oder zu mir hin träumte.Auf dem Mehlboden umwallen mich die Düfte vom Roggenmehl, Kleie und Leinschrot. Sie nehmen mich mit sich und entdecken mir: was heute Korn ist, ist morgen Mehl, und das Mehl wird Brot, und das Brot wird Kot :), und schließlich wird, was ehemals Korn war, wieder in trocken Halmen sein. Und das häufig, indem ich auf dem Futterboden sitze, das gestern Gras hieß, wird morgen in der Raufe Futter und übermorgen Roßapfel heißen. Wo ich auch hinschaue: Kreislauf und Kreislauf (...).68f
Esau ist schon ein schlaues, kleines Kerlchen, die Art, wie er die Welt aufnimmt, erfordert eine hohe Sensibilität und Beobachtungsgabe. 

Eine Welt kleiner Leute, mit ihrer eigenen Logik, was deren Lebensphilosophie betrifft. Sprichwörter, die Esau allzu genau nimmt und sie nicht so versteht, wie es die Erwachsenen tun. Er hakt oft nach, bekommt aber meist keine zufriedenstellende Antwort. Jede Menge Beispiele sind dazu dem Buch zu entnehmen. 

Gedanken macht sich Esau auch über Geister, Dämonen, über Indianer und schwarze Menschen. Die Drohungen seiner Mutter, es kämen Teufel, um ihn abzuholen, wenn er nicht artig sei, faszinierte Esau. Er probierte aus, lebte untadelig, wartete auf den Teufel, weil er schon immer mal einen echten Teufel oder Engel sehen wollte, aber sie bleiben aus, was Esau enttäuschte.

Schwarze Menschen wurden in der Familie nicht als Menschen bezeichnet. Auch wenn es zu dieser Zeit kaum Schwarze im Dorf zu sehen gab, war Bossdom doch eine Ausnahme, als der Großvater Esau von einem Neger spricht, der wie ein richtiger Mensch Klarinette spielt. 307

Begriffsdefinition. Im Dorf werden drei Männer wegen Vergewaltigung dreier junger Mädchen angeklagt und sich dies überall im Dorf herum spricht  Selbst die Kinder bekommen das Getratsche mit und machen sich über den Begriff Vergewaltigung Gedanken, und nicht so recht wissen, was damit gemeint ist. Ein Junge probiert den Begriff zu definieren, nachdem Eseau den ihn mit einem anderen Begriff vergleicht:
Vergewaltigen? Ich kenne gewaltigen Hunger und gewaltigen Durst. Wenn ich nicht wichtig esse und richtig trinke, vergewaltige ich dann den Hunger und den Durst? Franze Buderitsch, die zuständige Instanz für meine sexuelle Aufklärung, weiß es auch nicht genau: Ich gloobe, es ist etwas mit Mädels hinschmeißen, sagte er. 356
Die Matts sind richtige Geschäftsleute und um jeden Kunden bemüht. Die Kinder Matts, die eine gewisse Vorbild- und Vorzeigefunktion in der Gesellschaft inne hatten, mussten immer adrett auftreten, um den Ruf des Ladens nicht zu beeinträchtigen oder gar zu schädigen. Oftmals auch über eine künstliche und gezwungene Art, wie z.B. vor den Erwachsenen einen Knicks zu machen, auch die Jungen  dazu angehalten. Wenn es Ehekrach oder sonst einen Familienzwist auch mit den Großeltern gab, so war es für Mutter Lene wichtig, dass die Kinder die Familienprobleme nicht hinaustrugen. Eseau hielt sich nicht immer dran, da er unter der vergifteten Familienathmosphäre oft litt, als er einmal bei einem Elternstreit den Tisch umgeschmissen hatte und schreiend hinauslief. Die Reaktion der Mutter:
Ich berichte, was ich den Frauen draußen sagte. Meine Mutter tadelt mich: Hättste nich uffn Hoaf renn könn? Die Leite sin bloß neigierig, warum bei uns der Tisch umgefallen is; sie frein sich über jeden Schoaden, bloß weil wir den Loaden hoaben.der Laden, der Laden! Er will nun auch bestimmen, wohin ich in meinem Kummer zu rennen habe, und er hätte vielleicht gar gern gesehen, wenn ich gelogen hätte. Ich verstehe die Welt der Eltern nicht. 409
Das waren ein paar wenige Beispiele, die ich gerne festhalten wollte.

Mein Fazit zu dem Buch: Es ist sehr authentisch geschrieben. Die Literaturfiguren treten recht differenziert auf, es menschelt so sehr im ganzen Buch. Die Menschen darin schienen mir so nacket :-).

Die Probleme der damaligen Zeit, wie z.B. die Kaiserzeit, abgelöst von dem ersten gewählten Sozialdemokraten Friedrich Ebert, Weltwirtschaftskrise, Inflation, später die Folgen der Weimacher Republik bekam man gut zu spüren. Viele Leute waren bemüht, ihrem Kaiser treu zu bleiben und fühlten sich zwischen Kaiser und Ebert ein wenig gespalten. Allerdings sind diese politischen Hintergrundinformationen eher angedeutet wiedergegeben. Dennoch konnte man gut folgen, was das Verständnis des politischen Lebens jener Leute betrifft, deren Alltagsleben davon ergriffen war. 

Ich gebe dem Buch zehn von zehn Punkten. Gerne werde ich auch BD II lesen. Allerdings ist Esau Matt kein kleiner Schuljunge mehr. Wie aus dem Klappentext zu entnehmen ist, hat auch der Autor, ähnlich wie sein Vater, mehrere handwerkliche Berufe ergriffen, trotz höherer Schule. Meine Neugier, wie das Leben Esau Matts in den anderen beiden Bänden sich fortsetzen wird, ist erhalten geblieben.

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Manchmal muss die Wahrheit erfunden werden
(Siegfried Lenz)

Gelesene Bücher 2013: 29
Gelesene Bücher 2012: 94
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Erwin Strittmatter / Der Laden I (1)

Eine von zwei Buchbesprechungen zur o. g. Lektüre

Ich habe das Buch beendet, BD I, und ich kannte den Autor bislang gar nicht. Und siehe da, nun habe ich, ohne es zu wissen, gleich mit einer Autobiographie begonnen und lerne den Autor über die Literaturfigur Esau Matt kennen. Es warten im Regal noch die Bände II und III. Erwin Strittmatter kann schreiben, ohne Frage. Eine sehr sensible Persönlichkeit, die schon in jungen Jahren das Leben der Erwachsenen stark unter Beobachtung stellte.
Das Buch ist so schön geschrieben, aus der Perspektive eines kleinen Schuljungen... . Humor, schwarzer Humor, kindlicher Humor. Alles vertreten. Ich liebe es.

In dem Buch gibt es einfach viele Lacher, auf die ich in der zweiten Buchbesprechung über Zitate konkret eingehen werde. Hier möchte ich einfach meine Eindrücke festhalten, die unabhängig von Textquellen geschrieben sind. Szenen, die mir besonders wichtig sind.

In dem Buch bin ich auch auf Sodom und Gomorrha gestoßen, und erfahre dadurch, dass die Geschichte aus der Bibel entnommen wurde. Ich verband bis dato ausschließlich damit Marcel Proust, der dem Titel Sodom und Gomorrha einen ganzen Band gewidmet hat und es darin hauptsächlich um Homosexualität geht, für die Proust Abschaum empfunden hatte. Habe selbst mal die Bibel gelesen, kann mich aber partout nicht an den oben besagten Titel erinnern. Der kleine Esau Matt hat diese Bibelstelle in der Schule gelesen und liest sie wieder zu Hause bei einer besonderen unangenehmen sündigen Angelegenheit, ohne aber konkret auf den Inhalt einzugehen.

Esau sitzt in der Kirche und lauscht den Worten des Pfarrers und denkt über das Ehebrechen und das Verbrechen nach und stellt fest: 
Man wird schneller zum Ehebrecher als zum Verbrecher, (...) denn wenn man das Eheweib eines anderen ansieht, ihrer zu begehren, auch wenn man als Verheirateter ein junges Mädchen ansieht, das noch keinen Schapprich hat, ist man schon Ehebrecher. Während man Einbrecher wird, wenn man ein Türschloss aufbricht (...).
Von wegen, alles einfache Leute und keine hohe Lebensphilosophie. Das habe ich allerdings nicht abwertend gemeint. Komme ja selbst auch aus einem Dorf.
Esau Matt wird für die höhere Schule vorgeschlagen und er bekommt von seinem Lehrer Goethe herangetragen, das Buch: "Wahrheit und Dichtung". Die Fragestellung: Wie Goethe Wahrheit und Dichtung definiere? Der junge Grundschüler Esau kam mit dem Buch nicht zurecht und gab zur Antwort: Die ganze Wahrheit Goethes sei erdichtet :).

Erwin Strittmatter selbst muss sich später auch als ein erwachsener Autor die Frage gefallen lassen, was an dem Buch Wahrheit, Dichtung, oder gar Lüge sei? Dabei fällt mir wieder Siegfried Lenz ein, s. Signatur. Für mich gibt es auch eine unbewusste Wahrheit, die sich hinter einer Symbolsprache in Dichtung und Malerei... verbirgt. Und so verstehe ich auch S. Lenz´ Spruch.

Tief berührt hat mich auch in diesem Buch das Thema zu den Schlachttieren. Überall auf der Welt werden Tiere geschlachtet und meist ohne Narkose. Sie werden beim lebendigen Leibe getötet, einfach das Messer an die Kehle gesetzt... Die Schweine schreien schon vor ihrer Exekution wie am Spieß. Sie wissen sehr wohl, was ihnen geschieht. Es gibt viele Dorfkinder, die beim Schlachten zugesehen haben, aber aus ihnen wurden alles keine Vegetarier. Schreckt also nicht jeden ab, mich hat es abgeschreckt, als auch ich im sehr jungen Kindesalter Zeuge verschiedener Tiertötungen wurde. Als Esau das Schweineschlachten beobachtet, wird ihm speiübel und empfindet Mitgefühl für die Tiere und fühlt sich für das Schlachten sogar mitschuldig. Er rennt zu seiner Tante und erkundigt sich, wie sie mit dem Schweineschlachten selbst fertig wird. Dabei erfährt er, dass sie gar kein Fleisch isst, da es ja Quark und Leinöl zu genüge gibt. Ihre Meinung: "Wer sich über die Grausamkeit des Schweinschlachtens ereifert aber Wurst isst, der heuchelt", 467.
Esaus Vorbilder findet er zudem auch noch in der Literatur, in Tolstoi und Rilke, beide waren strenge Vegetarier. Doch als der zweite Weltkrieg ausbrach, Esau war mittlerweile erwachsen, und es nicht mehr genug Nahrungsmitteln gab, fing er wieder an, Fleisch zu konsumieren, um selbst zu überleben. Als der Krieg vorbei war, richtete Esau sein Leben wieder als Vegetarier ein.

Das sind so für mich die wichtigsten Szenen gewesen, die mir sehr angetan waren. Zu dem Titel “
Der Laden werde ich in der zweiten Buchbesprechung mich ein wenig auslassen.

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Manchmal muss die Wahrheit erfunden werden
(Siegfried Lenz)


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Montag, 22. April 2013

Erwin Strittmatter / Der Laden I



Klappentext
Ein folgenschwerer Tag ist jener 15. Juni 1919 für Esau Matt: Die Familie zieht um, von einem Niederlausitzer Heidedorf in ein anderes, nach Bossdom. "Brod-, Weissbäckerei, auch Colonialwarenhandlung" steht über dem Laden, den die Eltern mit nichts als Geborgtem erworben haben. Von nun an wird Esau Bäckersch Esau sein und bleiben, und der Laden wird tyrannisch in den Familienfrieden eingreifen. 
"Seit mein Buch Der Laden erschien, wird in meiner Heimat nachgeforscht: Wer ist wer? Und man kommt dabei zu falschen Schlüssen und behauptet, ich hätte diesem und jenem und solchen etwas angedichtet, was sie nicht getan haben. Und sie bestehen darauf, daß sie die im Roman vorkommenden Leute erkennen, vor allem sich selber. Und es kommen Leserbriefe, in denen angefragt wird, wieviel Prozent von dem, was ich aufschrieb, auf Wahrheit beruht, und wieviel Prozent erdichtet, um nicht zu sagen erlogen, sind. Ich antworte diesen Lesern hiermit: Wahrlich, ich sage euch, dieses Buch da und dieses Buch hier enthalten neunzig Prozent Wahrheit und zehn Prozent Erlogenes. Ich sage absichtlich Erlogenes, weil jene Leser den Unterschied zwischen Dichtung und Lüge nicht anerkennen." Erwin Strittmatter

Autorenportrait
Erwin Strittmatter wurde 1912 als Sohn eines Bäckers und Kleinbauern in Spremberg geboren. Er beendete das Realgymnasium mit 17 Jahren, arbeitete als Bäckergeselle, Kellner, Chauffeur, Tierwärter und Hilfsarbeiter. 1941 wurde er zum Polizei-Reserve-Bataillon 325 einberufen, das später zum Polizei-Gebirgsjäger-Regiment 18 umgebildet und 1943 in SS-Polizei-Gebirgsjäger-Regiment 18 umbenannt wurde, ohne Teil der SS zu sein. Bis Sommer 1944 war er Bataillons-Schreiber, danach wurde er zur Film- und Bildstelle der Ordnungspolizei nach Berlin-Spandau versetzt. Bei Verlegung der Dienststelle setzte er sich mit gefälschten Papieren nach Böhmen ab. Ab 1945 arbeitete er erneute als Bäcker, war daneben Volkskorrespondent einer Zeitung und seit 1947 Amtsvorsteher in sieben Gemeinden, später Zeitungsredakteur in Senftenberg. Seit 1954 lebte er als freier Schriftsteller in Schulzenhof bei Gransee. Er starb am 31. Januar 1994.
Ich beginne heute mit der Trilogie Der Laden. Lese die Bände aber nicht hintereinander, weil ich immer mal wieder Abstand von einem Band zum nächsten benötige.

Erwin Strittmatter als Autor war mir bisweilen kein Begriff. Entdeckt habe ich ihn bei Jokers.  Ein paar Seiten habe ich schon gelesen und es gefällt mir ganz gut. Es hat ziemlich viel Humor.

Da spricht ein Betrunkener zum Vollmond, dass dieser nur alle vier Wochen voll sei, während er, der Trinker, jeden Abend :). .

Das Buch ist so schön geschrieben, aus der Perspektive eines kleinen Schuljungen erzählt... . Humor. Schwarzer Humor. Kindlicher Humor. Alles vertreten. Ich liebe es.









David Guterson / Ed King (1)

Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre


Das Buch, das ich soeben beendet habe, hat mir recht gut gefallen. Während der ersten hundert bis huntertfünfzig Seiten bin ich ziemlich oft überrascht worden. Meine Vermutungen, wie das Buch weiter sich entwickeln wird, habe ich nicht bestätigt bekommen. Später, als mir die ganzen Abläufe bekannt und vertraut wurden, ist es mir gelungen, die weiteren Verläufe vorauszusehen… .

Solche Bücher liebe ich, wenn sie mich ein wenig in die Irre führen und für reichlich Überraschung sorgen.

Aus meiner Sicht gibt es mehrere Protagonisten, nicht nur Ed King, das Findelkind, sondern auch seine jugendliche Mutter namens Diane im Alter von fünfzehn Jahren, die von der Persönlichkeit her mir ebenso bedeutsam erschien ist, wenn auch mir ihre Charakterzüge nicht wirklich sympathisch waren. Sie ist zwar ein Kind einer Prostituierten und lässt manches Unliebsame Verhalten für ihren Auftritt dadurch erklären, dennoch nicht wirklich dauerhaft entschuldigen. Diane kommt aus England, emigriert nach Amerika und bewirbt sich als Au Pair Mädchen bei der Familie Walter Cousins. Eigentlich flieht Diane vor dem Mutterhaus, die in der Wohnung Kunden hielt. Ihre Pläne waren geprägt davon, in Amerika zu schnellem Geld und zu einem guten Leben zu kommen. Auf keinen Fall das Leben ihrer Mutter fortsetzen.

Walter Cousins, Versicherungsagent von Beruf, scheint seinen Verstand in seinen Geschlechtsorganen verlagert zu haben. Seine Gedanken kreisen stets um Sexfantasien. Er lässt sich von der minderjährigen Diane, die einen Plan ausheckt, verführen und schwängert sie. Walter Cousins steht unter Druck, wird von Diane erpresst… Er zahlt sechszehn lange Jahre für das Kind, das Diane ohne seines Wissens ausgesetzt hat. Sie macht ihm weiß, das Kind doch nicht zur Adoption freigegeben zu haben. Diane war nicht die einzige Frau, mit der Walter ein Verhältnis hatte…, aber, weil er erpressbar war, und aus seiner Situation lernte, suchte er sich verheiratete Frauen aus, und setzte so seine Seitensprünge weiter fort, anstatt sich zu fragen, was das ist, das ihn zu anderen Frauen treibt... .

Diane setzte ihren Sohn nach der Geburt aus und so wurde das Kind über Umwege von einer Familie adoptiert. Walter Cousins wird von Diane so ziemlich hinters Licht geführt. Zwar ist sie minderjährig, aber sie weiß zu gut, was sie tut. Ihren Platz in der Welt Amerikas erbeutete sie sich mit unechten Geschäften und Intrigen… .

Der Säugling, geboren im April 1963, wird von der jüdischen Familie King adoptiert, da ihr Kinderwunsch zu der Zeit versagt geblieben war. Das Kind wurde auf den Namen Eddy King getauft. Später erhielt der Junge einen kleinen Bruder namens Simon King.

Die Adoption bleibt geheim. Ed King entwickelte sich zu einem ganz normalen Jungen mit Pubertätproblemen, aus denen er rauswächst, wenn auch auf eine ganz besondere Art, weil die Situation eine ganz besondere ist. Ed King ist begabt , studiert Mathematik und wird erfolgreich in der Computerbranche. Er entwickelt sich zu einem der reichsten Menschen Amerikas. Dadurch, dass er vermögend ist, glaubt er, sich die Welt erkaufen zu können… . Ed King erfährt durch Zufall über seinen Roboter, der über eine enorme künstliche Intelligenz verfügt, dass er adoptiert worden ist. Seine Großeltern und Adoptiveltern waren schon verstorben. Nun beginnt im Alter von 55 Jahren die Suche nach seiner wirklichen Identität.Das Buch schreibt das Jahr 2018.

Auch er stellt sich die Schuldfrage, wie ich sie mir anfangs schon gestellt hatte und so stellt Ed ein paar Hypothesen auf und zieht einige Überlegungen in Betracht:
War Abtreibung 1963 überhaupt erlaubt?Ein ziemlicher Schlamassel schwanger zu werden und nicht weiterzuwissen. Aber fallen Babys einfach so vom Himmel?Sie entstehen doch durch die Dummheit und Geilheit der Leute. Wie so viele andere Probleme auch. Ist also der Sex schuld? Oder die betreffende Person? Wann kann man sagen, dass jemand für etwas die Schuld trägt? Wer auch immer mich verstoßen hat, war nicht bloß ein Opfer der Umstände und zumindest mitverantwortlich für seine Tat, und deshalb habe ich das Recht, wütend auf ihn zu sein. Das Problem mit der Wut ist nur, dass die andere Seite damit zwei Mal gewinnt, , einmal, weil sie mich ausgesetzt hat, und ein zweites Mal, weil ich nichts anderes machen kann, als wütend zu sein. (…) Ich habe das Gefühl, das ist alles nur ein Traum. Aber es ist wahr, ich bin ein Findelkind. 357
Tja, bei Walter Cousins war wohl der Sex und seine Geilheit schuld. Bei Diane ihre Herkunftsprobleme... . Diane, die durch den Beruf ihrer Mutter die Männerwelt recht schnell zu durchschauen gelernt hat und Techniken erlernt hat, gewisse Männer zu verführen... . . 


Es gibt Bücher, damit meine ich nicht die Fantasie Bücher, sondern ganz normale Bücher, die sich mit der Gegenwart befassen, und trotzdem gibt es viele wichtige Szenen, die für mich nicht realitätsecht sind, aber wenn das Buch gut geschrieben ist, dann kann es passieren, dass es mir trotzdem gefällt und ich nicht enttäuscht bin. Zu diesen Büchern gehört auch Ed King.

Als ich das Buch beendet habe, trauerte ich um Ed King, obwohl mir, um es allgemein auszudrücken, die vielen Zufälle, die zu gewissen Ereignissen, und diese zu wichtigen Personen führten,  zu sehr konstruiert erschienen sind. Viel zu viele unnatürliche Zufälle und Begebenheiten... . 

Das Buch zeigt auch den Spiegel zur amerikanischen Gesellschaft, was Wertvorstellungen, Lebensweisen und Ansichten betreffen.

Das Buch erhält von mir dennoch zehn von zehn Punkten, weil es gut, kreativ und was die Figuren betreffen charakterreich geschrieben ist. Um nicht zu viel vorwegzunehmen, habe ich meine Beschreibungen, Szenen zu dem Buch hauptsächlich allgemein gehalten. Das Buch hat den Anspruch, von Anfang an gelesen zu werden und nicht ausschnittsweise.
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Manchmal muss die Wahrheit erfunden werden
(Siegfried Lenz)

Gelesene Bücher 2013: 28
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Donnerstag, 18. April 2013

David Guterson / Ed King



Klappentext
Walter, der als Versicherungsmathematiker davon lebt, Risiken zu berechnen, geht das größte Risiko seines Lebens ein, als er sich von Diane, dem minderjährigen Au-pair der Familie, verführen lässt. Schwanger geworden, erpresst sie Walter und setzt das Baby aus, bevor sie ihr Glück als Escort in Portland versucht. Ihr Baby wird von einem kinderlosen wohlhabenden Ehepaar adoptiert und Edward King genannt, er ist hochbegabt und wird Internet-Tycoon, der "King of Search" - der sein schnelles Erfolgsleben auf ein Schicksal zulebt, das außerhalb seiner Macht steht. In seinem neuen großen Roman erzählt der Autor von "Schnee, der auf Zedern fällt", wie drei Menschen im Kampf um ihren amerikanischen Traum an der zerstörerischen Kraft der Leidenschaft scheitern. 

Autorenportrait
David Guterson, *1956, lebt mit seiner Frau und  seinen Kindern auf Bainbridge Island im Puget Sound westlich von Seattle. Sein erster Roman Schnee, der auf Zedern fällt, für den er den Pen/Faulkner-Award erhielt, machte ihn weltberühmt. Zuletzt erschien von ihm Ed King (2012).

Das Buch wurde durch meine Kollegin Martina an mich herangertragen, die davon sehr begeistert war.
Habe ein paar Seiten schon gelesen, kann mir aber dazu noch keine Meinung bilden.

Das Buch gibt es auch im Taschenbuchformat... .

Ferdinand von Schirach / Verbrechen (1)

Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre

Ich habe nicht alle kriminologische Erzählungen geschafft, da sie recht heftig sind, aber psychologisch gut getroffen und schnell auf den Punkt gebracht.

Schriach kann schreiben, ohne Zweifel. Sein Schreibstil gefällt mir recht gut.

Lediglich die Verbrechen sind insgesamt recht grausam und von Menschen getätigt, die eigentlich nicht zu den klassischen Verbrechern zählen, sondern nur Einmaltäter, die aus Liebe zu einem liebenden Menschen eine Verzweiflungstat verüben.

Ich denke, dass der Autor damit deutlich machen möchte, dass wir Menschen alle solche Anteile zu Verbrechen in uns haben, ob wir es wahr haben wollen oder nicht.

Nur damit ihr eine Vorstellung bekommt, was ich unter hart und grausam verstehe:
Eine Leiche liegt in der Badewanne. Niemand hat die Person getötet, während eines Sexakts bei einer Prostituierten bekam der Kunde einen Schlaganfall und stirbt. Das Mädchen Irina, 19 Jahre alt, die illegal sich in Deutschland aufhält, hat Angst, als Mörderin entlarvt  zu werden, so rennt sie aus der Einzimmer-Wohnung raus, in der sie zusammen mit ihrem Freund Kalle lebt. Als Kalle nach Hause kommt, sieht er die Leiche, und geht von der Annahme aus, dass Irina von dem Kunden schlecht behandelt wurde. Also krempelt er die Ärmel hoch, und  legt die Leiche in die Badewanne. Nun ist er es, der sich um die Leiche kümmert, aus Angst, dass seine Freundin des Mordes angeklagt wird.
Er hatte dem Mann eine Plastiktüte über den Kopf gestülpt, er wollte ihn dabei nicht ansehen. Zuerst hatte er es falsch gemacht und versucht, den Knochen zu durchtrennen. Dann fiel ihm ein, wie man ein Hühnchen zerteilt, und er drehte dem dicken Mann den Arm aus der Schulter. Es ging nun besser, nur die Muskeln und Fasern musste er zerschneiden. Irgendwann lag der Arm auf dem gelben Fussbodenkacheln, die Uhr war noch am Handgelenk. (...) Später kniete er auf dem Boden und nahm die Säge. Drei Stunden später hat er die Gliedmaßen abgetrennt. (Aus der Erzählung "Glück").

Kalle legt die Leichenteile in einen Sack und fährt damit in einen Park, um die Leichenteile dort zu begraben.

Ich möchte jetzt nicht das Ende vorwegnehmen, doch auch hier wird eine Handlung, die normalerweise sofort der Polizei zu melden ist, aus Liebe vertuscht, indem versucht wird, den Tod des Kunden zu vertilgen, damit die Freundin nicht wegen Totschlags ins Gefängnis kommt. Das Besondere an dieser Erzählung ist, dass eigentlich kein Mord vollzogen wurde, die Figuren sich aber verdächtig verhalten… .

Wem solche gruseligen Handlungen nichts ausmachen und Krimis liebt, dem kann ich dieses Buch wärmstes empfehlen. Wie gesagt, die Erzählungen sind dennoch mit viel psychologischer Tiefe geschrieben. Gefallen haben mir die Erzählungen, weil sie zudem so ganz untypisch kriminalistisch aufgezeichnet sind.

Ich gebe dem Buch zehn von zehn Punkten. 

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Manchmal muss die Wahrheit erfunden werden
(Siegfried Lenz)

Gelesene Bücher 2013: 27
Gelesene Bücher 2012: 94
Gelesene Bücher 2011: 86



Montag, 15. April 2013

Ferdinand von Schirach / Verbrechen


 

Klappentext
Ein freundlicher älterer Doktor erschlägt nach vierzig Jahren Ehe seine Frau mit einer Axt, ein führender Industrieller wird des Mordes an einer Prostituierten verdächtigt, eine Frau tötet ihren Bruder … Elf Geschichten über die Abgründe der menschlichen Natur, erzählt von Strafverteidiger Ferdinand von Schirach, basierend auf Fällen, die er in seiner Kanzlei erlebt hat.


Autorenportrait im Klappentext

 Ferdinand von Schirach, geboren 1964, arbeitet seit 1994 als Strafverteidiger in Berlin. Seine Erzählungsbände »Verbrechen« und »Schuld« wurden, genau wie sein erster Roman »Der Fall Collini«, zu internationalen Bestsellern. In mehr als dreißig Ländern erschienen Übersetzungen. Schirach wurde mit dem Kleist-Preis und anderen - auch internationalen - Literaturpreisen ausgezeichnet. »Verbrechen« wird als Serie im ZDF gezeigt, »Schuld« wird demnächst verfilmt. Weitere Kinofilme sind angekündigt.
Klingt stark nach Krimi, aber diesmal hat mich der Klappentext angesprochen. Naja, so ganz ohne Krimi kommt doch kein lesender Mensch aus. Auch an mir als Nichtkrimileserin gehen manche nicht einfach so an mir vorbei.

Desweiteren benötige ich jetzt ein wenig leichtere Kost, nach Ursula Krechels Buch Landgericht.


Es scheinen mehrere Erzählungen zu sein, mal schauen, wie viele ich schaffen werde.






Ursula Krechel / Landgericht (2)

Zweite von zwei Buchbesprechungen zur . g. Lektüre

1948 kam Richard Kornitzer aus dem Exil, von Kuba nach Deutschland, zurück zu seiner Frau Claire. Beide Eheleute mussten sich wieder aneinander gewöhnen und sich neu lieben lernen. Zehn Jahre war eine lange Zeit, die beide verändert hat.
Das Herkommen war verschüttet, eine Zukunft unwägbar, und gerade diese Unbesiegbarkeit hatte er gewählt. Er hatte seit zehn Jahren nichts mehr erwählt, er war eingeordnet, aufgelistet worden, dabei hatte er Glück gehabt, ein ganz ungeheuerliches Glück und nur ganz im Inneren hatte er gewichtet, gerichtet, gezählt, wo er stünde, wo er stehen geblieben wäre, hätte man ihn nicht hinausgeschmissen aus seinem Land, hätte man ihn nicht gezwungen, gezwungen freiwillig zu gehen, seine Frau hoffte er nachkommen lassen zu können. Abgezockt-aus dem Land gejagt-erniedrigt-aus der Staatsbürgerschaft entlassen. 38, 115..
R. K. bezeichnete sich als Juden nur auf dem Papier. Er nahm nicht an den jüdischen Zeremonien teil, besuchte keine Moschee. Demnach bezeichnete er sich nicht einmal als ein richtige Jude. „Er war Jude von Hitlers Gnaden gewesen", 44. Selbst ein Konvertieren in eine andere Konfession ließ Hitler nicht gelten. Einmal Jude, immer Jude.

Kornitzer war geschockt, seine Heimat unter Trümmern aufzufinden. Nun wurde er von Berlin nach Mainz versetzt, um dort seinen Beruf als Richter wieder neu aufzunehmen. Er wäre lieber in Berlin geblieben, in Berlin allerdings wurde er als Richter für Zivilrecht nicht gebraucht. In Mainz herrschte Wohnungsnot. Auch hier zu viele verschüttete Häuser, so dass er seine Ansprüche auf eine richtige Wohnung herunterschrauben musste:
Dass Häuser aus so vielen einzelnen Steinen bestanden, dass so viele Steine, mit denen einmal ein Haus errichtet worden war, einen gewaltigen Berg ergaben, in dessen Ritzen sich Staub ansammelte, Erde, in der sich Samenkörner festsetzten und trieben, erstaunte ihn. Auch der Geruch der Stadt war ihm fremd, branddick und feucht zugleich, es war ein Geruch, wie er ihn noch nie gerochen hatte. 64.
Ihm blieb nichts anderes übrig, als sich ein Zimmer zu mieten, Platz für seine Frau war nicht vorhanden, so dass sie sich Zeit ließ, nachzureißen. 

Die Tochter Selma war vier Jahre alt, als sie Deutschland verließ, Georg(e) war sieben. Nach dem Krieg nahmen die Eltern mit Hilfe der Familienzusammenführung erneut Kontakt zu den Kindern auf und die Mutter fand heraus, dass Selma in ihrer Fantasie die Mutter für tot erklärte, denn wäre sie nicht tot, dann würde sie sich bei ihren Kindern melden und sie wieder zurückholen. Selma entwickelte über all die Jahre Fantasien á la Ödipus und stellte sich vor, wie ihr Vater ihr Lebensretter wurde. Da war kein Platz mehr für die Mutter. 
Wie er mit einem weißen Schiff nach Kuba gefahren sei, komme er eines Tages zurück und hole sie ab, tröstete sich das Mädchen. Und Selma spann diese Vorstellung weiter, malte sie aus zu einem vollkommenen Tagtraum. Es war eine umgewidmete Fantasie vom weißen Ritter oder vom Prinzen, der sie heimholt oder entführte, das war gleichgültig. Wo er war, würde ihr Heim sein, er würde ihr ein Heim, ihrem unsicheren Leben einen Halt und  einen Sinn geben. Verständlich war auch, dass in dieser heftigen Hoffnung auf die Rückkehr des Vaters die Mutter unbewusst geopfert werden musste, damit sie, Selma, an die Stelle der Geliebten treten konnte. Und es gab auch noch eine andere Befriedigung in der Fantasie vom Vater, der mit einem weißen Schiff käme: er käme gewiss zu IHR. Es gab keine Konkurrentin, nirgendwo, er suchte sie, Selma, und keine andere, die Mutter war tot, sie, die Verlorene, die in zu Suffolk abgestellte Selma, war das Ziel seiner Wünsche. 149f
Diese Textstelle hat mich nochmals besonders berührt, besonders betroffen gestimmt.

Eine andere Szene fand ich interessant. Die  Familienzusammenführung scheiterte, aber nicht in Folge des Gesetztes. George war schon zu groß, um ihn wieder aus seiner vertrauten Gegend rauszureißen. Er wollte in England bleiben und dort mit 18 Jahren englischer Staatsbürger werden. Selma, 14jährig, befand sich unfreiwillig wieder in Deutschland bei den Eltern. Sie war recht unglücklich, versuchte aber ihr Bestes. Beide Kinder waren bei einer liebevollen Pflegefamilie untergebracht, Bauern, die ihnen beibrachte, mit Tier und der Natur umzugehen. Sie lernte dort auch Pilze sammeln, die guten von den schlechten Pilzen zu unterscheiden. Also begab sie sich auch in Deutschland auf Pilzsuche, und kam mit essbaren Pilzen wieder zurück, und briet sie in der Pfanne. Die Mutter war verärgert, nahm die Pfanne wieder vom Herd und entsorgte alle Pilze in den Müll.
Einmal möchte Selma auch nett sein, ihrer Mutter etwas Liebes tun(…). Von ihren Streunereien durch die Wiesen und Wälder bringt sie Pilze mit, sie kennt sich aus, sie hat mit den großen Mädchen in England Pilze gesammelt. Sie putzt sie und schmurgelt sie in der Pfanne, als Claire aus der Molkerei kommt. Und sie hatte auch die deutschen Wörter gelernt. Maronenröhrling, Wiesenchampignons. Aber Claire freute sich nicht, sie sah in die Pfanne, sah die strahlende Selma, und auf einmal geriet sie in Panik. Sie, die Berlinerin, verstand nichts von Pilzen, und sie nahm auch an, dass Selma nichts von Pilzen verstand. Und wenn sie etwas verstand, hatte sie einen teuflischen Plan: Sie wollte ihre Mutter vergiften. Dann wäre sie frei. Claire nahm die Pfanne und schüttete sie in den Abfall. 164
Das Misstrauen, das sich hauptsächlich zwischen Mutter und Tochter entwickelte, war auch damit zu erklären, dass sie sich fremd gegenüber waren, die Politik hatte die Familienmitglieder zu Fremden gemacht. Selma zeigte sich der Mutter gegenüber distanziert und ablehnend und erwies sich als schwer erziehbar. Selma, die wieder zurück nach England zu ihrem Bruder und den Pflegeeltern wollte.

Die Reaktion ihrer Eltern fand ich gelungen, gehe aber nicht näher darauf ein und verweise auf das Buch.

Da ja das Buch den Titel Landgericht trägt, so wird es Zeit, ein paar Textpassagen dazu einzubringen.
Richard Kornitzer machte sich über seinen Berufsstand und über die Haltung dieser Gedanken, und findet dazu einen Text eines Staatsrechtslehrer. Was macht einen guten Richter aus?
Welche Eigenschaften, welche Haltung muss der Richter haben, wenn er den ethischen Anforderungen seines Berufsstandes entsprechen will? Der Richter muss in erster Linie Mensch sein, er muss als solcher Verständnis, Güte und Humor auch für menschliche Schwächen zeigen. (…) Deshalb unterliegt der politische Irrtum niemals der richterlichen Beurteilung. Wer sich politisch geirrt und damit sein Volk geschädigt hat, kann und muss unter Umständen aus dem politischen Leben ausgeschaltet und damit politisch unschädlich gemacht werden, aber irgendwelcher strafrechtlichen Beurteilung unterliegt er nicht. Der echte Richter wird deshalb eine Verurteilung wegen politischen Irrtums immer ablehnen, wenn nicht in seinem Gefolge strafrechtliche Tatbestände zur Beurteilung stehen.19
Kornitzer trat als Richter im Zivilrecht selbst zur Anklage in eigener Sache, da sein Antrag auf Wiedergutmachung bei der Wiedergutmachungsbehörde nicht durchging, so setzte er sich einem langen Kampf aus von mehreren Jahren, ihn dieser Kampf aber gleichzeitig gesundheitlich schwächte, sowohl körperlicher als auch psychischer Art. Ich weiß nicht, ob ich mir diesen Stress angetan hätte. Ich glaube, ich wäre dankbar, dass ich nicht zu den sechs Millionen jüdischen Menschen gehören würde, die alles verloren hatten.
Neue Krankheitsbilder, die keinem gängigen Schema zuzuordnen waren, mussten diagnostiziert und den Ämtern vermittelt werden: Entschädigungsneurosen, Entwurzelungsdepression, erlebnisbedingter Persönlichkeitswandel. (…) Die Bearbeitung der Anträge Erfolge im Schneckentempo. Bei den Behörden sei die Meinung verbreitet, etwa ein Drittel der Antragsteller seien Betrüger. 386f
In Kornitzers Seele entwickelte sich immer mehr eine recht starke Neurose. Er erkrankte so schwer, dass seine Frau als die Bevollmächtigte für ihn die Widersprüche und den Schriftverkehr weiterhin tätigte. Kornitzer hörte nicht auf für die Gerechtigkeit zu kämpfen. Auch zitierte er aus dem Grundgesetz:
Art. drei, Abs. III. Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen und politischen Anschauung benachteiligt oder bevorzugt werden.Art. 97,Abs. I. Die Richter sind unabhängig und nur dem Gesetz unterworfen. 434
Seine Schadensersatzansprüche sowohl für sich als auch für seine Frau wurden nur im geringen Maße erstattet. Und das erst nach vielen, vielen Jahren.

Der Buchtitel zeigt mir inhaltlich, dass das Landgericht in Deutschland auch nach dem Nationalsozialismus weiterhin in Frage gestellt werden musste. Die von den Nazis geschädigten jüdischen Menschen wurden auch nach dem Krieg oftmals diskriminiert und bekamen ihre Rechtsansprüche auf Wiedergutmachung entweder nicht in vollem Maße zu- oder ganz abgesprochen.

Weitere interessante Szenen sind dem Buch zu entnehmen. Berührt hat mich z. B. noch Richard Kornitzers Leben in Kuba und verweise auch hier auf das Buch.

Ich beende hiermit meine Buchbesprechung. Ich weiß, dass dieses Buch noch lange in mir arbeiten wird. Aber ich möchte nicht zu den Menschen gehören, die aufgehört haben, über den Nationalsozialismus und den Faschismus nachzudenken, mit der Begründung, dass mittlerweile viele Jahrzehnte seit dem vergangen seien und man nun schließlich einen Schlussstrich ziehen müsse. 
Ich hoffe, dass ich niemals solche Gedanken in mir entwickeln werde... . 

Anm. d. Autorin: Die in fettdruckten Textstellen eines Zitates sind durch mich hervorgehoben
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Manchmal muss die Wahrheit erfunden werden
(Siegfried Lenz)
       
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Sonntag, 14. April 2013

Landgericht / Ursula Krechel (1)

Eine von zwei Buchbesprechungen zur o. g. Lektüre


Das Buch habe ich soeben ausgelesen und es hat mich zum Schluss hin richtig betroffen gestimmt, obwohl es recht sachlich geschrieben ist. Keine Dramatik, obwohl ausreichend Gründe zur Dramatik vorhanden wären. In einer Zeit wie dieser, konnte man sich einfach keine Sentimentalität  leisten und man war gezwungen, streng rational zu handeln, sonst wäre man an den Entscheidungen und den Handlungen regelrecht zerbrochen. Oftmals liest sich das Buch wie eine Dokumentation aber nicht emotionslos. Mich wird das Buch noch eine Weile beschäftigen.

Die Autorin hat souverän recherchiert und ihre Recherchen hat sie recht authentisch wiedergegeben und sie erhält von mir zehn von zehn Punkten. Ich habe vor, mir noch weitere Werke von Krechel anzuschauen, und evtl. zu lesen.

Was mich immer wieder erstaunt, ist,  wie viel belletristische Literatur es zum Nationalsozialismus schon gibt und wie viel neu geschrieben wird. Aber besser Bücher schreiben, Bücher schreiben, Bücher schreiben, als zu verstummen.

Es gab mehrere Punkte, die mich zum Staunen gebracht haben, obwohl mir die Erkenntnisse dazu nicht neu sind.
Erstaunlich, dass Zeitgenossen zu der damaligen Zeit den Hitlerwahn nicht begreifen konnten und glaubten nicht zu wissen, dass es Nazi-Opfer, Nazi-Verbrechen gab. Menschen, die gezwungen waren, das Land zu verlassen, wenn sie überleben wollten, war für viele Deutschen nicht nachvollziehbar. Und wenn Menschen ins Exil flüchteten und nach Kriegsende wieder nach Deutschland reemigrierten, dann wurden viele ähnlich wie Deserteure bezeichnet, die zu feige gewesen wären, in den Krieg zu ziehen.

Erstaunlich, wenn man die eigenen Kinder wegschicken muss, es waren meist Kinder gut situierter Familien, um deren Leben zu retten. Kinder, die äußerlich wohlgenährt und gut gekleidet in England ankamen, hatte man dort erst die Nöte dieser Kinder aus Deutschland nicht wirklich abgenommen.

In diesem Buch geht es um die Familie Kornitzer, Richard und Claire und deren beiden Kinder Georg(e) und Selina. Beide Kinder wurden nach England geschickt, um ihr Leben zu schützen. In England gab es die Quäker, eine Organisation, die verfolgte Kinder aufnahm, und sie schützte.

Richard Kornitzer, Jurist von Beruf, Richter im Zivilrecht, ist auf dem Papier Jude, seine Frau Claire ist Protestantin. Richard K. emigrierte nach Kuba ins Exil, seine Frau Claire sollte nachkommen, aber das Nachreisen durch verschärfte Gesetze misslang und so wurde auch das Ehepaar auseinandegerissen und entfremdet. Durch die Nürnberger Gesetze galt Claire als unrein, und wurde von der Gestapo während eines Verhörs gefoltert.

In Kuba, ein ziemlich korruptes Land Mittelamerikas,  galt Kornitzer als Deutscher und die Deutschen wurden wegen ihrer Präzision in der Arbeit gern gesehen... . Er musste für das Visum nicht nur viel Geld hinlegen, nein, er musste auch Patente nahweisen und an Kuba weiterreichen.

Die Familie Kornitzer war zehn lange Jahre getrennt und hatten sich auseinandergelebt, als der Krieg schließlich vorbei war. Die Kinder, die in einer englischen Pflegefamilie lebten und groß geworden sind, konnten ihre Eltern nicht mehr als Eltern ansehen, zu lange ist es her, als sie sich das letzte Mal gesehen hatten. Sie begriffen die Nöte nicht, dass die Eltern gezwungen waren, das Leben ihrer Kinder in die Auswanderung zu geben, um sie zu retten. Der Sohn George, das ältere Kind, nahm mit 18 Jahren die englische Staatsbürgerschaft an, und wollte mit Deutschland und dem Nationalsozialismus nichts zu tun haben. Zu grauenvoll waren für die Kinder die Verbrechen. Grauenvoll, dass die Eltern sie in ein fremdes Land schickten und sie dort alleine ließen. Es müssen viele Jahre vergehen, bis die Kinder die Reife erlangen , um das elterliche Verhalten zu begreifen.

Richard Kornitzer hat durch seine Frau wieder zurück nach Deutschland gefunden. Claire hatte beim Roten Kreuz eine Vermisstenanzeige aufgegeben.

Nach dem Krieg beantragte Kornitzer bei der Wiedergutmachungsbehörde Schmerzensgeld in Form von Wiedergutmachung, das vielen Juden, die als Nazi-Opfern gelten, zustand. Bei den Behörden sei man allerdings der Meinung, dass ein Drittel der Antragsteller Betrüger seien, so dass der Antrag in vielen Fällen abgelehnt wurde. Kornitzer wurde zwar nicht als Betrüger hingestellt, aber seine Beweggründe auf Antragstellung wurden relativiert, so dass der Antrag erstmal nicht bearbeitet werden konnte. Wenn solche Menschen wie Kornitzer kein Anrecht auf Wiedergutmachung haben, wer denn sonst sollte dieses Schmerzensgeld erhalten?

Wie viele Bücher müssen noch geschrieben werden, um das Unglaubliche, das Unfassbare endlich zu verstehen?

Da ich nun schon soviel von meinen Eindrücken geschrieben habe, ohne meine Zitate einzufügen, werde ich zu dem Buch noch eine zweite Buchbesprechung anschließen.

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Manchmal muss die Wahrheit erfunden werden
(Siegfried Lenz)

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Montag, 8. April 2013

Ursula Krechel / Landgericht


  • Buch bei amazon.de:
  • Gebundene Ausgabe: 492 Seiten
  • Verlag: Jung und Jung; Auflage: 1 (18. Oktober 2012)
  • Sprache: Deutsch, 29,92 €
  • ISBN-10: 3990270249




Klappentext
Was muss einer fürchten, was darf einer hoffen, der 1947 aus dem Exil nach Deutschland zurückkehrt? Nach ihrem gefeierten, 2008 erschienenen Buch "Shanghai fern von wo" geht Ursula Krechel mit ihrem neuen großen Roman "Landgericht" noch einmal auf Spurensuche. Die deutsche Nachkriegszeit, die zwischen Depression und Aufbruch schwankt, ist der Hintergrund der fast parabelhaft tragischen Geschichte von einem, der nicht mehr ankommt. Richard Kornitzer ist Richter von Beruf und ein Charakter von Kohlhaasschen Dimensionen. Die Nazizeit mit ihren absurden und tödlichen Regeln zieht sich als Riss durch sein Leben. Danach ist nichts mehr wie vorher, die kleine Familie zwischen dem Bodensee, Mainz und England versprengt, und die Heimat beinahe fremder als das in magisches Licht getauchte Exil in Havanna. Ursula Krechels Roman lässt Dokumentarisches und Fiktives ineinander übergehen, beim Finden und Erfinden gewinnt eine Zeit atmosphärische Konturen, in der die Vergangenheit schwer auf den
Zukunftshoffnungen lastet. Mit sprachlicher Behutsamkeit und einer insistierenden Zuneigung lässt "Landgericht" den Figuren späte Gerechtigkeit widerfahren. "Landgericht", der Roman mit dem doppeldeutigen Titel, handelt von einer deutschen Familie, und er erzählt zugleich mit großer Wucht von den Gründungsjahren einer Republik. 


Autorenportrait im Klappentext

 Studium der Germanistik, Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte. Lehrtätigkeit an verschiedenen Universitäten. Sie debütierte 1974 mit dem Theaterstück "Erika", das in sechs Sprachen übersetzt wurde. Erste Lyrikveröffentlichungen 1977, danach erschienen Gedichtbände, Prosa, Hörspiele und Essays.
Veröffentlichungen u. a."Erika", Theaterstück, 1974 "Selbsterfahrung und Fremdbestimmung", Essay, 1975 "Nach Mainz!", Gedichte, 1977 "Verwundbar wie in den besten Zeiten" Gedichte, 1979 "Zweite Natur", Szenen eines Romans, 1981 "Vom Feuer lernen", Gedichte, 1985 "Kakaoblau. Gedichte für Erwachsende", 1989 "Die Freunde des Wetterleuchtens", Prosa, 1990 "Technik des Erwachens", Gedichte,1992 "Mit dem Körper des Vaters spielen", Essays, 1992 "Sizilianer des Gefühls", Erzählung, 1993 "Landläufiges Wunder", Gedichte, 1995 "Verbeugungen vor der Luft", Gedichte, 1999.

Auf das Buch bin ich durch den Literatursender hr2 gestoßen, der das Buch nach der Veröffentlichung vorgestellt hatte, und mein Interesse dadurch geweckt wurde. Als ich es mir gekauft habe, legte ich es auf meinen großen Stapel ungelesener Bücher (SuB), bis ich schließlich mit meiner Bücherfreundin Ute über das Buch ins Gespräch kam, die es noch vor mir gelesen hat und meine Erwartungen zu dem Buch noch mehr bestätigte,so fühlte ich mich durch sie angespornt, und habe das Buch auf meinen kleinen SuB verlegt, und es ist jetzt dran, gelesen zu werden.

Die ersten Seiten haben mich nicht enttäuscht und glaube auch nicht, dass es mich noch enttäuschen könnte. Bis jetzt entspricht es meinem Geschmack.

Im Klappentext ist auch ein kleines Foto der Autorin beigefügt, und das Foto wirkt auf mich recht sympathisch. 



Carson McCullers / Das Herz ist ein einsamer Jäger (1)

Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre

Das Buch habe ich gestern Abend zu Ende gelesen, und bleibe bei meiner anfänglichen Meinung, dass es aus meiner Sicht seine zehn von zehn Punkten verdient hat.

Das Buch ist sehr facettenreich geschrieben, was auch für die Differenziertheit der verschiedenen Subjekten und Charaktere der Figuren spricht. Die literarische Sprache fand ich auch sehr angenehm, zudem noch fantasie- und humorvoll.

Das Buch behandelt Themen wie die Weltwirtschaftskrise, Rassismus in Amerika in den 1930er Jahre, Einsamkeit, Tod und Gewaltverbrechen. Die Geschichte spielt im Staat Georgia.

Ich habe viel angestrichen, werde aber nur wenig rausschreiben, aufgrund dessen, weil das Buch so vielseitig ist, möchte ich die Textstellen nicht zu sehr aus ihren Zusammenhängen herausschneiden. 

Das Buch beginnt zwei taubstumme Männer zu beschreiben, Sirus Antonapoulus und John Singer, beide sind durch das gemeinsame Schicksal ihrer körperlichen Behinderung stark verbunden und sie eine enge Freundschaft pflegen, bis eines Tages der Vetter von Antonapoulus ihn in ein Heim einweisen läßt, weit von dem Staat Georgia entfernt. John Singer bleibt seinem Freund treu, und bringt einige Strapazen auf sich, Sirus regelmäßig alle paar Monate zu besuchen. Den weiteren Verlauf dieser Freundschaft ist dem Buch zu entnehmen.

In dem Buch lebt nicht nur ein Protagonist. Neben John Singer gibt es noch die vierzehnjährige Mick Kelly, ein recht intelligentes, verträumtes und musikbegabtes Mädchen, das sich dringend ein Klavier wünscht, im Stillen Stücke komponiert, doch durch tragische familiäre Umstände bleibt dieser Wunsch unerfüllt.

Ihr geht ein Musikstück von Mozart durch den Kopf und summt die Melodie nach. Der Freund Harry erkundigt sich, was sie da singen würde? 
"Ein Stück von einem, der Mozart heißt."
"Klingt wie ein deutscher Name."
"Wird wohl auch einer sein:"
"Faschist?"
"Was?"
"Ich meine, ist dieser Mozart ein Faschist oder ein Nazi?" Mick überlegt eine Weilchen: "Nein. Die sind was Neues und Mozart ist schon eine ganze Weile tot." 
Mick fühlt sich ganz besonders zu John Singer hingezogen. Sie empfindet für ihn eine geheime innere Liebe, die stärker ist als die Liebe zu ihrem Vater.
Auch hier findet die Beziehung eine Wende und sorgt für Überraschung… .

Dann gibt es noch den schwarzen Dr. Copeland, Mediziner von Beruf, und ziemlich enttäuscht und frustriert darüber ist, dass die Schwarzen weiterhin diskriminiert werden, sowohl politisch als auch gesellschaftlich, obwohl sich die Gesetzeslage zu ihren Gunsten verändert hat. 

Gefallen hat mir eine Szene zwischen den schwarzen Dr. Copeland und seiner erwachsenen Tochter Portia. Dr. Copeland bezeichnet selbst alle Schwarzen als Neger, als Portia sich darüber aufregt:
"Die ganze Zeit benutzt du dieses Wort - >Neger< , (…). Das ist so ein Wort, das die Leute verletzt. Sogar das alte einfache> Nigger< ist besser als dieses Wort. Höfliche Leute  ,-ganz gleich, welcher Hautfarbe - sagen immer > Farbige<."
Ich finde, dass die Autorin verglichen mit anderen AutorInnen ihrer Zeit voraus war. Die kritische Auseinandersetzung mit diesen Begriffen wie Neger / Nigger habe ich vor allem bei Mark Twain vermisst, den ich oftmals für rassistisch hielt. Immerhin rechnete er den Weißen aus, wie viel Geld man bei der Haltung von Sklaven einsparen könnte. 
Bin froh zu lesen, dass es andere AutorInnen gab, die sich mit diesen Begriffen kritisch auseinandergesetzt haben. Dann gilt nämlich das Argument nicht mehr, dass zu jener Zeit es üblich war, diese Begriffe zu gebrauchen. In Mark Twains Büchern wimmelt es geradezu von der Bezeichnung > Neger<. Mark Twain ist ein Zeitgenosse von Carsen McCullers.
Selbst meine Generation gebraucht noch immer den Begriff >Negerküsse<… , >Negerlippen<, >Neger<. 
"Jeder hat seine Gefühle - ,völlig egal wer-, und keiner geht gern in ein Haus, wo er weiß, dass seine Gefühle verletzt werden." (127)

Jake Blount ist der alkoholsüchtige Weltverbesserer, der fest an seine Wahrheit glaubt, und überzeugt davon ist, dass, wenn alle Menschen die Wahrheit wüssten, so gäbe es Gleichheit, Brüderlichkeit und Freiheit für alle.

Dann gibt es noch Biff Barron, der ein Café betreibt und ein großes Herz für Kinder und behinderte Menschen hat.

Diese Menschen haben alle eines gemeinsam. Sie sind innerlich extrem einsam und alle fühlen sich mehr oder weniger zu John Singer hingezogen.

John Singer ist jemand, dem man sein ganzes Herz ausschütten kann, ohne darüber zu tratschen. Wie ist ein Tratsch über einen Taubstummen denn auch möglich?

Schon auf den ersten Seiten musste ich ein wenig über gewisse Textstellen schmunzeln, als John Singer ein Kärtchen mit sich herumträgt, auf dem sein Name und darunter seine Behinderung markiert ist:
Ich bin taubstumm, kann aber von den Lippen ablesen. Bitte nicht schreien.  (91)
John Singer ist ein sehr sensibler Mensch, der über seine Seele hört, wie man mit ihm spricht. Nicht über die Akustik.

Worte haben auch im Stillen Potenzial… .

Dasselbe, dass der Mensch auch ohne Worte trotzdem in der Lage ist zu streiten, trifft man nicht nur bei Taubstummen, (122).

John Singer bekommt einmal mit, als der betrunkene Jake Blount sich über ihn lustig macht.
Er wusste, dass der Betrunkene sich über ihn lustig machte. Aber selbst da hatte er seine Würde bewahrt.(138)
Ich habe mich gefragt, wie das möglich ist, die Würde zu bewahren, wenn andere sich über einen hermachen? Ich denke eher, dass John Singer den betrunkenen Jake nicht wirklich ernst genommen hat, und seine Anmache nicht an sich herangelassen hat, und zu ihm Distanz wahrte.
Schön finde ich allerdings später die Entwicklung dieser Beziehung, gehe aber nicht näher darauf ein. 

Der Nationalsozialismus in Europa, speziell aber in Deutschland, weckte in Amerika großes Aufsehen und die Amerikaner verurteilten alle Deutschen zu Naziverbrecher. In der gleichen Zeit wurden in Amerika die Schwarzen weiterhin schwer misshandelt, noch immer ihren Menschenrechten beraubt. Im Grunde begannen sie das selbe Verbrechen den Schwarzen, wie die Nazis in Deutschland den Juden gegenüber. Sie aberkannten den Schwarzen das Recht, Mensch zu sein. Nichts anderes tat Hitler mit den Juden. Noch heute beschimpfen viele AmerikanerInnen die Deutschen als Nazis. Wie kann ein Mensch, in diesem Fall der Durchschnitts - Amerikaner, nur so blauäugig sein, moralisch über andere Länder herzufallen?
Die Nazis berauben die Juden ihrer Rechte, ihres Geldes und ihrer Kultur. Bei den Negern hier ist das schon immer so gewesen. Und wenn man ihnen nicht in tragischer Weise - wie in Deutschland - ihr Hab und Gut in großem Maßstab gestohlen hat, so liegt das allein daran, dass die Neger von Anfang an keinerlei Reichtum erwerben durften. (487f)
Es hat eine lange Entwicklung gebraucht, bis der schwarze Mensch die selben Rechte gesetzlich zugesprochen bekam wie die Rechte der Weißen.

Beeindruckt war ich von einer anderen Figur, Willi, der Sohn vom Doktor, der zu Unrecht ins Gefängnis gesteckt und dort körperlich so schwer misshandelt wurde, dass er an den Folgen litt und ihm seine Füße amputiert werden mussten:
"Ich habe das Gefühl, als wenn meine Füße immer noch weh tun. Ich hab so schreckliche Schmerzen in den Zehen. Da unten, wo meine Füße sein sollten, wenn sie noch an meinen B-B-Beinen wären. Nicht da, wo meine Füße jetzt sind. Das ist so schwer zu verstehen. Meine Füße tun mir immer so schrecklich weh, und ich weiß nicht, wo sie sind. Sie haben sie mir nicht wieder gegeben. Dies sind g-g-ganz woanders. Über hundert Meilen fort." (471)
Der idealistische Jake Bouton sei der Meinung, wie oben schon erwähnt, dass, um das Elend in Amerika zu stoppen, ginge nur über die Wahrheitsfindung. Er kann nicht verstehen, dass Amerika, das als das reichste Land der Welt bezeichnet wird, darin noch immer so viele Menschen hungern müssen. Die Reichen seien nur reich, weil die Armen von ihnen ausgebeutet werden würden. Er stellt sich die Frage, wie man eine ganze Gesellschaft zu Wissenden macht?
Die einzige Lösung ist, dass die Menschen wissend werden. Wenn sie erstmal die Wahrheit kennen, kann man sie nicht länger unterdrücken. Wenn nur die Hälfte aller Menschen die Wahrheit kennt, ist der Kampf schon gewonnen. (…) Wir müssen die Menschen zu Geschöpfen mit sozialem Bewusstsein erziehen, zu Menschen, die in einer geordneten, kontrollierten Gesellschaft leben, in der sie nicht gezwungen sind, Unrecht zu tun, um überleben zu können. (490 / 496).
An dieser Stelle mache ich nun Schluss. Im Folgenden noch mein Fazit:

Es wird immer Menschen geben, die von einer Regierung politisch oder gesellschaftlich ausgegrenzt werden, umso mehr muss man sich mit diesen benachteiligten Gruppen solidarisieren, ein Zeichen setzen und zu ihnen halten.

Der Autorin ist es gelungen, die Probleme in dem Buch authentisch wiederzugeben. 
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 „Wo viel Liebe ist, kann sich das Böse nicht entfalten“
         (Aus „Die Zauberflöte“, Mozart)

Gelesene Bücher 2013: 25
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Freitag, 5. April 2013

Carson McCullers / Das Herz ist ein einsamer Jäger

  • Taschenbuch: 588 Seiten
  • Verlag: Diogenes Verlag; Auflage: 20., Aufl. (1974)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3257201435



Klappentext
Der Roman spielt im Staat Georgia, in einer häßlichen heißen Innenstadt. Es ist die Geschichte eines begabten Mädchens, Mick Kelly, und ihres gewaltsamen Kampfes gegen eine unnachgiebige und harte Umgebung. Carson McCullers' mitleidiges Engagement gilt den einsamen Sonderlingen und Außenseitern, die sich um den taubstummen John Singer scharen, um ihm ihr Herz auszuschütten. 

Autorenportrait
Carson McCullers, geboren 1917 in Columbus (Georgia), gestorben 1967 in Nyack (New York), dort begraben. McCullers wollte eigentlich Pianistin werden. Mit 500 Dollar fuhr sie 18-jährig alleine nach New York, um an der renommierten Juilliard-Musikschule zu studieren. Das Geld verschwand auf mysteriöse Weise, doch sie blieb in New York, arbeitete als Sekretärin, Kellnerin, Barpianistin und beschloss, Schriftstellerin zu werden. Der Erfolg ihres Erstlings, ›Das Herz ist ein einsamer Jäger‹, machte die 23-Jährige zum literarischen ›Wunderkind‹. Mit 23 erlitt sie den ersten von drei Schlaganfällen, ihr Leben wurde bestimmt durch die Krankheit, der sie ihr Werk abrang, und durch Einsamkeit, besonders nach dem Selbstmord ihres Mannes 1953.

Die Autorin ist mir unbekannt und entdeckt habe ich sie über ein Literaturforum, in dem das Buch von mehreren Leserinnen gelesen wurde und sie alle von dem Inhalt sehr angetan waren.
Ich habe gestern mit dem Buch begonnen und mir gefällt es sehr, sehr gut. Habe schon schöne Textstellen mir angestrichen und freue mich, sie später aufzuschreiben.

Ich selbst habe nun meine ersten 150 Seiten durch, und das Buch verdient jetzt schon seine zehn von zehn Punkten.



Donnerstag, 4. April 2013

Erich Kästner / Fabian (1)

Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre

Das Buch habe ich gestern Abend zu Ende gelesen und es hat mir sehr gut gefallen. Ich bin in Kästner ganz aufgegangen. Kästner ist für mich ein Teil seiner Literaturfigur was die Charakterzüge betreffen, und der sich Jakob Fabian nennt. 

Auf jeder Seite gab es etwas anzustreichen. Viele Textstellen sind mit Witz geschrieben. In den Witzen steckt eine großes Potenzial an Absurdität. Die Zeit, aus der Kästner schrieb, Weihmacher Republik bis hin zum Nationalsozialismus, waren viele Handlungen im politischen und gesellschaftlichen System größenteils absurd, mit der Logik einfach nicht zu erklären. Wie kann man sonst eine solche Zeit verstehen und ertragen wenn nicht mit Humor?

Jakob Fabian, knapp über 30, zündet sich in einer Kneipe sitzend eilig eine Zigarette an und rief den Kellner:
"Womit kann ich dienen?" fragte er. 
"Antworten Sie mir auf meine Frage." 
" Bitte schön."
"Soll ich hingehen oder nicht?"
" Wohin meinen der Herr?"
" Sie sollen nicht fragen. Sie sollen antworten. Soll ich hingehen oder nicht?" Der Kellner kratzte sich unsicher hinter den Ohren. Dann trat er von einem Plattfuß auf den andern und meinte verlegen: "Das Beste wird sein, Sie gehen nicht hin. Sicher ist sicher, mein Herr".
Fabian nickte. "Gut. Ich werde hingehen. Zahlen."
" Aber ich habe Ihnen doch abgeraten?"
" Deshalb geh ich ja hin! Bitte zahlen"
" Wenn ich zugeraten hätte, wären Sie nicht gegangen?"
" Dann auch. Bitte zahlen!"
" Das verstehe ich nicht", erklärte der Kellner ärgerlich."Warum haben Sie mich dann überhaupt gefragt?"
"Wenn ich das wüsste", antwortete Fabian. (11f)
Ich stehe auf diese Form von Humor.

Fabian verarscht total den Kleinbürger und den Spießer seiner Zeit. Brachte mich oft zum lachen, obwohl es recht ernst gemeint war.

In dem Buch steckt nicht nur eine große Portion Humor, nein, sondern auch viel Menschlichkeit, wofür Kästner eigentlich auch bekannt ist. In dem Buch ergreift er Partei für die Mitglieder einer Randgesellschaft. Ein Obdachloser, ehemals Bankangestellter, betritt die Kneipe, wird aber von dem Kneipenbesitzer sofort aufgefordert wieder zu gehen. Jakob Fabian setzt sich für ihn ein, und sorgt dafür, dass er bleibt.

Fabian lädt ihn an seinen Tisch ein. Daraufhin der Obdachlose:
"Das geht nicht! Man wird mich vom Tisch wegholen und mich hinausschmeißen."
"Das wird man nicht tun! Nehmen Sie sich zusammen! Bloß, weil Ihr Jackett geflickt ist und weil Ihnen der Magen knurrt, wagen Sie nicht, richtig auf dem Stuhl zu sitzen. Sie sind ja selber mitschuldig, dass man Sie nirgends durch die Tür lässt. (…)" Was sind Sie von Beruf?"
"Bankangestellter, wenn ich mich recht entsinne. Im Gefängnis war ich auch schon. Gott, man sieht sich eben um. Das einzige, was ich noch nicht erlebt habe, ist der Selbstmord. Aber das lässt sich nachholen". Der Mann saß auf der Stuhlkante und hielt die Hände zitternd vor den Westenausschnitt, um das dreckige Hemd zu verbergen. (28)
Das einzige, was ich noch nicht erlebt habe, ist der Selbstmord. Makaber.

Zu dieser Zeit konnte jeder Mensch von heute auf morgen arbeitslos werden.

Fabian bekommt ein Zwischenspiel in einem Kaufhaus mit, indem ein kleines Mädchen beim Diebstahl erwischt wird und der Abteilungschef das Kind zum Direkter zerren wollte. Fabian setzt sich auch hier ein, hier für das Kind, und er sich bei ihm erkundigt, weshalb es den Aschenbecher gestohlen habe und erfährt dabei, dass der Aschenbecher das Geburtstagsgeschenk für den Vater sein sollte. Es ging hin und her, dem Abteilungsleiter war es angeblich sehr wichtig, das Kind dem Direkter vorzustellen… Schließlich setzte sich Fabian durch und kaufte den Aschenbecher und schenkte ihn dem Mädchen. Ein echter Pädagoge.

Kästner bricht in dem Buch auch sämtliche Tabus. Ein Beispiel von mehreren ist die Kinderprostitution:
Ein älterer Herr fand in dem Zimmer, das er zu Vergnügungszwecken betrat, zwar, wie er erwartet hatte, ein 16 jähriges entkleidetes Mädchen vor, aber es war leider seine Tochter, und das hatte er nicht erwartet…
Auf Seite 107 fasst Kästner alle Probleme dieser Zeit zusammen:
"Soweit diese riesige Stadt Berlin aus Stein besteht, ist sie fast noch wie einst. Hinsichtlich der Bewohner gleicht  sie  längst einem Irrenhaus. Im Osten residiert das Verbrechen, im Zentrum die Gaunerei, im Norden das Elend, im Westen die Unzucht, und in allen Himmelsrichtungen wohnt der Untergang."
" Und was kommt nach dem Untergang?"
Fabian pflückte einen kleinen Zweig, der über ein Gitter hing, und gab zur Antwort: "Ich fürchte, die Dummheit." (107)
Das Zitat könnte ich noch weiter in die Länge ziehen. Breche es aber ab, und verweise auf das Buch.

Fabian ereilt dasselbe Schicksal wie vielen seiner Zeitgenossen. Er verliert seinen Job, wird arbeitslos und der Kollege, der bleiben durfte, hatte das Glück, dass er weniger qualifiziert war und dadurch auch weniger verdiente und er nur deshalb den Job behielt. Absurd ist dazu noch, dass sich viele Arbeitslose schuldig fühlen, und die Schuld eher bei sich suchen, statt im System. Sie schämen sich in der Gesellschaft, so auch Fabian, der seiner Mutter erst den Verlust seines Arbeitsplatzes verheimlichte, obwohl sich die Mutter ihm gegenüber immer recht gütig verhielt. Sie ist keine Person, vor der man Angst haben müsste. Die Mutter besuchte ihn eines Tages, blieb über Nacht und Fabian tat am nächsten Morgen so, als würde er zur Arbeit gehen. Er verließ das Haus wie jeden Morgen auch… . Interessante Szene.

Fabian trifft eines Tages seinen alten Schuldirektor, der sich erkundigte, was sein ehemaliger Schüler beruflich so mache:
"Arbeitslos?" fragte der Direktor streng." Ich hatte mehr von ihnen erwartet."
Fabian lachte. „Die Gerechten müssen viel leiden", erklärte er.
"Hätten Sie nur damals ihr Staatsexamen gemacht", sagte der Direktor. " Dann stünden Sie jetzt nicht ohne Beruf da." (…)" 
"Auch wenn ich ihn ausübte. Ich kann Ihnen verraten, dass die Menschheit mit Ausnahme der Pastoren und Pädagogen nicht mehr weiß, wo ihr der Kopf steht. Der Kompass ist kaputt, aber hier, in diesem Haus, merkt das niemand. Ihr fahrt nach wie vor in eurem Lift rauf und runter, von der Sexta bis zur Prima, wozu braucht ihr  einen Kompass?"
Der Direktor schob die Hände unter die Flügel seines Gehrocks und sagte: "Ich bin entsetzt. Es gäbe keine Aufgabe für Sie? Gehen Sie und bilden Sie Ihren Charakter, junger Mensch! Wozu haben wir Geschichte geschrieben? Wozu haben wir die Klassiker gelesen? Runden Sie Ihre Persönlichkeit ab!" (233f)
Geschichte geschrieben, Klassiker gelesen, zeigt, wie viel der Direktor von seiner Bildung, die er anderen herangetragen hat, in seinem Leben wirklich umgesetzt hat? So gut wie gar nicht.

Am Schluss des Buches, vielmehr im beigefügten Anhang, entnehme ich ein Plädoyer für mehr Menschlichkeit und das Recht auf Leben.
Im Dialog mit dem Direktor seines neuen Arbeitgebers, der erfährt, dass Fabian noch einem Nebenberuf nachgeht, regiert dieser völlig entsetzt:
"Sie, Sie haben einen Nebenberuf? Dachte ich mir doch! Was tun Sie denn?"
"Ich lebe", sagte Fabian.
"Leben nennen Sie das?" Schrie der Direktor." In Tanzsälen treiben Sie sich rum! Leben nennen Sie das? Sie haben ja keinen Respekt vorm Leben!"
„Nur vor meinem Leben nicht, mein Herr!" rief Fabian und schlug ärgerlich auf den Tisch."Aber das verstehen Sie nicht, und das geht Sie nichts an! Es besitzt nicht jeder die Geschmacklosigkeit, die Tippfräuleins über den Schreibtisch zu legen. Verstehen Sie das?" (259f)
Ich mache nun hier Schluss, habe viele Textstellen unerwähnt gelassen, um nicht zu viel aus dem Urprungstext herauszuschneiden. Wer sich von dem Inhalt angesprochen fühlt, so verweise ich diese auf das Buch.
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 „Wo viel Liebe ist, kann sich das Böse nicht verbreiten“
         (Aus der Zauberflöte, Mozart)

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