Donnerstag, 28. Februar 2013

David Safier / Plötzlich Shakespeare

rororo
Miniformat gebunden, 480 S.
02.05.2012
10,00 €
978-3-499-25882-4





Klappentext
ZWEI SIND EINER ZU VIEL! 

Wenn Mann und Frau sich das Leben teilen, ist das ja schon schwierig. Aber wenn Mann und Frau sich auch noch ein und denselben Körper teilen müssen, dann ist das Chaos perfekt!
Die liebeskranke Rosa wird per Hypnose in ein früheres Leben versetzt. In den Körper eines Mannes, der sich gerade duelliert: William Shakespeare. Wir schreiben das Jahr 1594, und Rosa darf erst wieder zurück in die Gegenwart, wenn sie herausgefunden hat, was die wahre Liebe ist. Keine einfache Aufgabe: Sie muss sich als Mann im London des 16. Jahrhunderts nicht nur mit liebestollen Verehrerinnen rumschlagen, sondern auch mit Shakespeare selber, der nicht begeistert ist, dass eine Frau seinen Körper kontrolliert. Und während sich die beiden in ihrem gemeinsamen Körper kabbeln, entwickelt sich zwischen ihnen die merkwürdigste Lovestory der Weltgeschichte. 



Autorenportrait im Klappentext
David Safier, 1966 geboren, zählt zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Autoren der letzten Jahre. Seine ersten beiden Romane "Mieses Karma" und "Jesus liebt mich" erreichten Millionenauflagen. Auch im Ausland sind seine Bücher Bestseller. Außerdem arbeitet David Safier als Drehbuchautor. Für seine TV-Serie "Berlin, Berlin" gewann er den Grimme-Preis sowie den International Emmy (den amerikanischen Fernseh-Oscar). David Safier lebt in Bremen, ist verheiratet, hat zwei Kinder und einen Hund.

Das Buch habe ich in der Buchhandlung entdeckt und der Klappentext hat sich mir als recht originell angehört, sicher mit viel Witz geschrieben.Ich habe die ersten fünfzig Seiten gelesen. Das Buch liest sich recht locker und leicht. Muss auch mal sein, ein Wechsel von den ernsten und schwermütigen Themen  in das Légere. Wenn auch die Liebesthemen keineswegs leicht sind, das sind sie ja nie, so trivial sie meistens auch sind, wird dieses Themen hier in viel Humor gepackt. Mal schauen, wie weit ich komme. 



Mittwoch, 27. Februar 2013

Thomas Mann / Tonio Kröger (1)


Eine Buchbesprechung der o. g. Lektüre

Tonio Kröger habe ich als eine recht langweilige Persönlichkeit erfahren.

Er wächst zwischen zwei Kulturen auf, wobei man nicht gleich erfährt, aus welchem Land die Mutter stammt. Sie wird beschrieben mit feurigem Künstlertalent, schwarze Haare und dass der Vater sie von ganz unten auf der Landkarte hochgeholt habe. Erst dachte ich, das sei Neuseeland, oder gar der Südpol? Nein, die Mutter kommt aus Italien. Da hat es der Dichter nicht so genau genommen mit dem Atlas. Italien ist nicht das Ende der Welt. Auf den folgenden Seiten erfährt man nicht nur, dass seine Mutter Italienerin ist, man erfährt auch, dass sie die Geige beherrscht und eine große Virtuosin ist. Und München, woher Tonios Vater kommt, befindet sich auch wieder nicht hoch oben auf dem Atlas.

Ein wenig fand ich die Erzählung klischeehaft, was ich von Thomas Mann so nicht kenne. Während Tonios Vater von Beruf Kaufmann ist, und als recht strebsam, ordnungsliebend, und als akkurat gilt, versteht es seine Mutter, sich nur auf die Musik zu konzentrieren. Tonio Kröger hat selbst eine Künstlerader in sich wachsen, zeigt großes Interesse gehobener Literatur gegenüber und versucht sich mit dem schreiben von Erzählungen und Gedichten.

In der Schule ist er bei den Lehrern nicht besonders beliebt, da seine Leistungen nicht so hervorragend sind. Tonio war als pubertierender Schüler viel zu verträumt und schwebte in anderen Spären... Der Vater rügt Tonio und wies ihn darauf hin, seine Leistungen zu verbessern. Tonio gab seinem Vater recht, anstatt zu rebellieren und sein Talent als Dichter zu verteidigen, wie das Pubertierende tun, gibt er nach, während er seine Mutter beschrieb, der die Schulzeugnisse ihres Sohnes einerlei waren. Wenn ich an die Buddenbrooks zurückdenke, so war Thomas Buddenbrooks Frau auch Geigenspielerin, schwarzhaarig und Holländerin, und die hauptsächlich mit ihrer Musik beschäftigt war und die Probleme der Familie nahm sie nicht so wichtig. Irgendwie wiederholen sich die Themen bei Thomas Mann immer mal wieder.

Tonio Kröger erkennt zwar, dass er die Gene beider Eltern in sich habe, legt sich dadurch fest, statt etwas Eigenes daraus zu entwickeln. Er ist vierzehn Jahre alt und irgendwie keineswegs auf Disput aus, stellt sich auf die Position seines Vaters, und gegen die Mutter... .
Andererseits aber empfand Tonio, dass der Zorn des Vaters weit gütiger und respektabler sei, und war, obgleich er von ihm gescholten wurde, im Grunde ganz einverstanden mit ihm, während er die heitere Gleichgültigkeit der Mutter ein wenig widerlich fand. Manchmal dachte er ungefähr: es ist gerade genug, dass ich bin wie ich bin und mich nicht ändern will und kann, fahrlässig, widerspenstig und auf Dinge bedacht, an die sonst niemand denkt. Wenigstens gehört es sich, dass man mich ernstlich schielt und Strafe dafür, und nicht mit Küssen und Musik darüber hinweggeht. Wir sind doch keine Zigeuner im grünen Wagen, sondern anständige Leute, Konsul Krögers, die Familie der Kröger… 25
Er betrachtet sich selbst als fremd und außergewöhnlich seinen gleichaltrigen Freunden gegenüber. Er wünscht sich doch ein wenig, wie die anderen zu sein.
 Nicht selten dachte er auch: warum bin ich doch so sonderlich und den Widerstreit mit allem, zerfallen mit den Lehrern und fremd unter den anderen Jungen? Siehe sie an, die guten Schüler und die von solidem Mittelmäßigkeit. Sie finden die Lehrer nicht komisch, sie machen keine Verse und denken nur Dinge, die man eben denkt und die man laut aussprechen kann. Wie ordentlich einverstanden mit allem und jedermann sie sich fühlen müssen! Das muss gut sein… was aber ist mit mir, und wie wird dies alles ablaufen? 25f
Tonio Kroger hat einen besten Freund, Hans, und sie gehen in die selbe Klasse. Hans ist ein sehr guter Schüler und bei den Lehrern gern gesehen. Sein Vater ist ebenso Kaufmann. Tonio Kröger empfindet eine starke Zuneigung zu Hans, er empfindet Liebe für ihn, so dass ich erst glaubte, er wäre homosexuell, konnte sich aber auf den folgenden Seiten nicht bestätigen.  Oder, mir kommt gerade der Gedanke,  dass er ein Problem mit seiner psychosexuellen Entwicklung hatte, und sich nicht wirklich festlegen konnte in der Wahl zwischen Mann und Frau. So viel ich weiß, ist Thomas Mann selbst homosexuell gewesen, die er aber nicht ausleben konnte.

Hans hat ein Problem mit dem Namen Tonio, so dass er in Gesellschaft mit anderen ihn nur mit dem Familiennamen nennt, da es ihm peinlich sei, ihn öffentlich mit dem Vorname zu rufen. Tonio ist die Abkürzung von Antonio, ist also ein fremdländischer und kein geläufiger Name im deutschsprachigen Raum. 32

Aus Tonio wird weder ein richtiger Künstler, nach dem Vorbild seiner Mutter, noch ein Kaufmann, nach dem Vorbild seines Vaters. Er hat nicht gelernt, zu seinen eigenen Talenten zu stehen, fühlt sich hin- und hergerissen zwischen den Fähigkeiten beider Elternteile, statt die eigene Begabung, die Liebe zur Literatur, stärker zu entfalten. Später, im Alter von etwa dreißig Jahren, gerät er in eine Identitätskrise, und versucht herauszufinden, welchen Sinn man einer Künstlernatur nur geben könne?

Tonio zieht es in den Norden, und auf dem Weg dorthin wird er in einem deutschen Hotel von einem Polizisten verhört, da man ihn, aus München kommend, der Hochstablerei verdächtigte. Er ist entsetzt, dass man ihn darin verdächtigt hatte, obwohl doch München seine Vaterstadt sei.
In Dänemark macht er die Erfahrung, dass die Menschen dort alle blond, blauäugig  ehrgeizige Menschen sind, sie dafür auch recht gewöhnliche sind. Damit drückte er aus, dass er sich für das Nördliche entschieden hat, und nicht für das Südländische.

Tonio hat nicht gelernt, aus beiden Kulturen seine Ressourcen zu ziehen. Die Kultur seiner Mutter lehnte er ab, obwohl er Talent hat zu schreiben, entscheidet sich für das Nordische, eher das Gewöhnliche. Dadurch, dass er das Künstlerische in sich ablehnte, konnte er seine Fähigkeit zu schreiben, nicht wirklich entfalten. Er bleibt ein Durchschnittsschreiber... .

Nun, so denke ich doch wohl, dass es auch im Norden Künstler mit Temparamenten gibt und im Süden Kaufleute. Auch im Süden gibt es blonde Menschen mit blauen Augen, sowie im Norden Menschen mit dunklen Haaren... .Tonio trägt ein schwarz / weiß Weltbild mit sich herum....

Ich mache jetzt hier Schluss  So bedeutend ist mir Tonio Kröger nicht gewesen, als dass ich mich jetzt seitenweise über ihn austauschen möchte. Habe mehr erwartet. Ich bin davon ausgegangen,  dass Tonio Kröger eine bedeutende Persönlichkeit darstellen wird... . Darin wurde ich enttäuscht. Aber solche Persönlichkeit gibt es nun mal nicht nur im wirklichen Leben .-).... .

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„Musik ist eine Weltsprache“
         (Isabel Allende)

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Montag, 25. Februar 2013

Thomas Mann / Tonio Kröger...

... und andere Erzählungen; zweiter Band von vier Bänden

Hier war mal ein Cover ... 



Preis € (D) 10,00 |

Gebunden, Miniformat, 104 Seiten

ISBN: 978-3-596-51136-5



Klappentext
Im Werk Thomas Manns stehen die Erzählungen gleichberechtigt neben den großen Romanen. Ihre formale Klarheit und sprachliche Präzision zeichnen sie ebenso aus wie ihr Humor und ihr psychologischer Scharfblick.
Bereits der junge Thomas Mann hat die kurze Prosa als seine Form entdeckt und früh zur Meisterschaft entwickelt. Über Jahrzehnte hinweg hat der Autor immer wieder Erzählungen geschrieben, die zu den bedeutendsten nicht nur des 20. Jahrhunderts gehören.
Mit ›Tonio Kröger‹ (1903) hat sich Thomas Mann eine »Geschichte, die das ganze Gefühl meiner Jugend enthält«, von der Seele geschrieben. Neun Jahre später, 1912, erschien ›Der Tod in Venedig‹, über den Thomas Mann als Fazit seines Schreibens gesagt hat: »Form und Schönheit haben auf irgendeine Weise etwas mit dem Tode zu tun, so sehr sie eine Sache des Lebens sind. Das ist ein Geheimnis, aber es ist so.«


Autorenportrai im Klappentext
 Thomas Mann, 1875 – 1955, zählt zu den bedeutendsten Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. Mit ihm erreichte der moderne deutsche Roman den Anschluss an die Weltliteratur. Manns vielschichtiges Werk hat eine weltweit kaum zu übertreffende positive Resonanz gefunden. Ab 1933 lebte er im Exil, zuerst in der Schweiz, dann in den USA. Erst 1952 kehrte Mann nach Europa zurück, wo er 1955 in Zürich verstarb.

So, ihr Lieben, Pamuk habe ich nun durch und habe für mich beschlossen, die beiden ungelesenen Bücher, die bei mir noch im Regal stehen, auch zu versuchen zu lesen. Für Schnee habe ich bei http://www.perlentaucher.de  gelesen, dass er einen Literaturpreis erhalten hat. Wenn ich mir mit diesen beiden auch schwer tun werde, dann sage ich Pamuk Adieu, reiche ihm geistig meine Hand. 

Mache jetzt mit Thomas Mann weiter. Besitze von ihm vier Bände mit Novellen. BD 1 habe ich durch, beginne heute mit BD 2. Ich lese nicht alle Novellen gleichzeitig. Ein oder zwei, je nach dem wie lang oder kurz sie sind. Einige davon sind mir noch durch die Schule vertraut. 

Tonio Kröger meine ich damals auch gelesen zu haben, weiß aber den Inhalt nicht mehr einzuordnen, während mir andere im Gedächtnis haften geblieben sind. Deshalb lese ich Tonio Kröger ein weiteres Mal. 

Ich schätze Thomas Mann sehr. Er besitzt eine hohe, hohe Beobachtungsgabe und er gehört für mich zu den wenigen Schriftstellern, die zwar sehr rational schreiben, aber dennoch sind Manns Texte recht beseelt. Dadurch zählt er auch zu meinen Lieblingen... . 

Mein Favorit ist  Die Buddenbrooks. Habe das Buch gelesen, den langen Film gesehen aus den 1970er Jahren, immer wieder und immer wieder, hatte ich die Buddenbrooks bei mir laufen. 




Sonntag, 24. Februar 2013

Orhan Pamuk / Das stille Haus (2)

Zweite Buchbesprechung zur o. g. Lektüre

Das Buch ist durch die vielen Ich-Erzähler sehr facettenreich, dass ich nicht auf alle Figuren eingehen kann. Wie immer schreibe ich mir meistens die Stellen aus dem Text heraus, die mich tief bewegt haben.

Der Roman befasst sich mit den Jahren 1980 – 1983.

In dem Haus ist es recht still, denn dort lebt nur noch eine Großmutter mit ihrem kleinwüchsigen Stiefsohn namens Recep, der der Hausdiener der alten Dame ist. Fatima ist schon recht alt und hat viele Menschen aus ihrem Familienkreis durch den Tod verloren. Sie hätte fast alle überlebt, wären da nicht noch ihre drei Enkelkinder, die in der Hauptstadt des Landes leben. Die Namen sind Nigül, Faruk und Netim. Netim geht noch zur Schule und verdient sich ein wenig Geld durch die Nachhilfe in Mathe und in Englisch, da er nach der Schule unbedingt nach Amerika möchte, um dort zu studieren. Amerika ist das Land, wo seine Vorbilder leben. Netim und die anderen Figuren idealisieren recht stark die westliche Kultur. Nicht wenige aus den islaminschen u.a. Ländern zog es dort hin, und erlitten dann einen Kulturschock...
Nigül ist schon fertig mit der Schule und studiert an der Universität. Ich habe vergessen, was sie studiert hat. Faruk ist der älteste von den drei Geschwistern. Er ist von seiner Frau geschieden. Angeblich habe die Frau ihn verlassen, weil er nicht so viel Geld besitzen würde. Dies kritisieren die Ich-Erzähler heftigst, dass sich in der Türkei vieles nur noch ums Geld drehen würde.

Die drei Enkelkinder gehen ihre Großmutter besuchen und bleiben dort für acht Tage. Die Großmutter ist ziemlich geschwächt und liegt im Bett. Aber vom Geistigen her ist sie noch rege und fit. Das Haus ist schon recht alt und müsste eigentlich saniert oder abgerissen werden. Deshalb der Titel „Das stille Haus“, weil außer der Großmutter und Recep niemand mehr dort wohnt. Die Enkelkinder haben ihre Eltern verloren, da waren sie noch recht klein. Woran die Eltern gestorben sind, geht aus dem Text nicht hervor, oder ich habe ihn verpasst. Der Mann von Fatma, Selahattin, ist auch schon gestorben und er galt zu Lebzeiten als ein recht angesehener Arzt. Auch arbeitete er an einer Enzyklopädie und bezeichnete sich als Wissenschaftler nach dem Vorbild der westlichen Welt. Die Enzyklopädie ist eher symbolisch gemeint, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass es in der Türkei keine Nachschlagewerke gibt. Wörter und Begriffe werden von Salahattin untersucht, als habe es bisher noch niemand getan. Da die Menschen dort viele Fragen mit Hilfe des Glaubens erklären, beantwortet der Arzt die Fragen ohne den Glauben, aus seiner Sicht rein wissenschaftlich.… .

Seine Frau dagegen lebte noch recht traditionell, so dass die Ehe in ihren Widersprüchen steckte.

Selahattin zählt  auch zu diesen Ich-Erzählern; Fatma erinnert sich, als sie das Haus gebaut hatten, ganz nach Vorbild Europas:
„Hier wird meine Praxis sein, hier das Esszimmer, hier eine Küche nach europäischer Art; jedes Kind bekommt sein eigenes Zimmer, denn jeder soll sich in sein Zimmer zurückziehen und seine eigene Persönlichkeit entwickeln können, ja Fatma, drei Kinder will ich; wie du siehst, lasse ich an den Fenstern keine Holzgitter anbringen wie an den traditionellen Häusern, Frauen sind schließlich keine Tiere, die man einsperrt, wir sind alle frei, wenn du willst, kannst du mich verlassen, wir bringen Fensterläden an, wie drüben in Europa, überhaupt soll es zwischen dort drüben und hier kein Unterschied mehr geben, und wir lassen auch keine Erker bauen, sondern einen Balkon, ein Fenster zur Freiheit, ist das nicht ein schöner Anblick, Istanbul muss dort hinter diesen Wolken sein, fünfzig Kilometer weit weg, gut, dass wir in Gebze aus dem Zug gestiegen sind, die Zeit vergeht schnell, ich glaube sowieso nicht, dass sich die Dummköpfe lange an der Regierung halten, vielleicht werden die Jungtürken gestürzt, bevor unser Haus überhaupt fertig ist, und dann gehen wir sofort nach Istanbul zurück, (…).“ 38f. 

Selahattin bezeichnet die Kultur der Türkei als total rückständig, unreflektiert und unwissenschaftlich und tut alles, um dies in seiner Lebensweise zu ändern:
" (…) ich glaube fest an die Unentbehrlichkeit der Wissenschaft und daran, dass es bei uns deshalb so elend zugeht, weil wir unwissenschaftlich sind, ich habe zutiefst begriffen, dass auch wir eine Renaissance brauchen, ein Neuerwachen der Wissenschaft, Mir steht eine furchtbar große Aufgabe bevor, und ich kann Talat Pasar nur danken, dass er mich in diese trostlose Gegend verbannt hat, denn ohne die Einsamkeit und die vielen Lese-und Mußestunden wäre ich nicht zu diesen Gedanken gelangt und hätte nie die Bedeutung meines geschichtlichen Auftrags erfasst, Fatma, und auch die Gedanken Rousseaus sind Fantasien eines einsamen Spaziergänger auf dem Land, inmitten der Natur, doch wir beide gehen ja zusammen umher (…)". 107 f
Ja, von Roussau habe ich auch eine Biografie gelesen, und sein Standardwerk Emils Erziehung. Es stimmt wohl, die meisten Gedanken entwickelte Rousseau in seiner Einsamkeit, wobei viele seiner Theorien auch recht widersprüchlich waren... . Roussau hatte jede Menge Probleme mit seinem Land, bedingt durch sein Verhalten und seiner Denkweise, so dass er des Landes verwiesen wurde und lebte als Exilant in einem anderen europäischen Land, wie z.B. England.... . Auch hier erfahre ich eine zu starke Idealisierung.

Ich frage mich, was lehren die Universitäten und die Schulen in der Türkei? Es muss doch auch in der Türkei Geschichte und Wissenschaften geben, eine stärkere Abgrenzung zu Glaube und Religion..
Nun folgt ein Gedanke, der mir recht gut gefallen hat:
"Der Himmel ist auch in Frankreich blau, an Feigenbäumen werden auch in New York die Früchte im August reif, und ich schwöre dir, dass aus Hühnereiern in China genauso Küken schlüpfen wie bei uns, und wenn in London Wasserdampf eine Maschine in Bewegung setzt, dann tut er es auch hier, und wenn es in Paris keinen Gott gibt, dann gibt es hier auch keinen Gott, und die Menschen sind überall gleich und eine Republik ist immer das beste und die Wissenschaft steht über allem." (lol), 247
Ein sehr schönes Zitat, doch der Autor hat ganz vergessen, dass Frankreich ein katholisches Land ist. Auch Europa hat seinen Glauben und seine Religionen, nicht jeder Wissenschaftler ist Atheist.  Und nicht jeder Atheist ist Wissenschaftler. Auch in Europa gibt es viele Widersprüche und viele Differenzen. Das wäre ja schlimm, wenn alle Menschen gleich wären.
Auf mich wirkt Selahattins Bild zu Europa ein wenig zu naiv. Zu undifferenziert, nicht nur der Lebensweise der Menschen gegenüber, sondern auch der Wissenschaft. Auch die Wissenschaft ist nicht in der Lage, alle Fragen zu beantworten bzw. alle Rätseln der Welt zu lösen. Dazu ein Zitat von Einstein:
Fantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt. (Zitat aus einer Tageszeitung)
Ich merke gerade, dass mich Fatmas Mann doch am meisten beschäftigt hat und ich überwiegend die Textstellen herausgeschrieben habe, die er gedacht  hat. Natürlich hat er mit seiner Lebensweise seine Enkelkinder auch geprägt, denn sie sind es, die mit diesen vielen Welten in sich leben und auskommen müssen. Bis sich der Wandel vollzogen hat, können Generationen vergehen.

Die junge Studentin Nigül entwickelt sich zu einer Kommunistin. KommunistInnen sind nicht gern gesehen und so wird sie Opfer von körperlicher Gewalt… . Die Gewalt wurde auch noch von einem Jüngling verübt, der in sie verliebt ist. Merkwürdige Form von Liebe… . Daran wird auch deutlich, wie Frauen behandelt werden, die anders zu leben versuchen… . Aber Nigül, das Mädchen von Welt, wirkt ein wenig arrogant, spricht nicht mehr mit den Menschen, mit denen sie einst mal gleichaltrig gespielt hatte. Diese Überheblichkeit reizt ihren Täter maßlos... .

Selahattin versucht Fatma darin zu überzeugen, dass es Gott gar nicht geben kann und ich füge ein letztes Zitat hinzu:
"Du wirst in lautloser Einsamkeit darben, aus der es kein Zurück gibt; deine Leiche wird im kalten Boden faulen, dein Schädel, dein Mund sich wie ein Blumentopf mit Erde füllen, dein Fleisch zerfallen wie getrockneter Dünger, dein Skelett zerbröseln wie Kohlenstaub, und in der Gewissheit, dass dir kein Fünkchen Hoffnung auf eine Rückkehr gegönnt ist, wirst du in einen fürchterlichen Sumpf tauchen, der dich bis zum letzten Härchen zersetzen wird, in ein unerbittliches Nichts, einen eisigen Schlamm, in dem du zu Grunde gehst: verstehst du mich, Fatma?" 507
Der Roman endet mit einer Tragik, und lässt in mir den Eindruck zurück, dass alte Lebensweisen was Politik, Glauben, Familie und Gesellschaft betrifft, immer wieder auf ihr altes Muster zurückfallen. Bemühungen für neue und moderne Lebensperspektiven konnten sich nicht durchsetzen.
Man spürt sehr deutlich diese Zerrissenheit, die Pamuk, der aus einer gebildeten Familie stammt, innerlich durchlebt. Das Buch an sich fand ich nicht schlecht, nur die Art und Weise, wie er die Probleme hat angehen lassen, fand ich arg anstrengend, zumal er sich oft wie in einem Kreis sich drehend wiederholt.

Mich hat das Buch auch ein wenig deprimiert.
Denn auch ein Wissenschaftler weiß noch lange nicht alles, viele weltliche und religiöse Fragen bleiben auch hier oft unbeantwortet.

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„Musik ist eine Weltsprache“
         (Isabel Allende)

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Orhan Pamuk / Das stille Haus (1)

Eine von zwei Buchbesprechungen zur o. g.  Lektüre

Ich habe das Buch als zu pessimistisch erlebt und auch als recht einseitig und anfangs sogar arg verwirrend, was den Ich - Erzähler betrifft. 
Ich bin mit dem Stil des Ich-Erzählers partout nicht klar gekommen, so dass ich im Internet nach Rezis gesucht habe, um mir eine andere Meinung einzuholen und bin bei www.Perlentaucher.de fündig geworden, die mir sehr hilfreich war. Das Buch besteht aus Monologen, die aber immer aus der Perspektive der fünf Protagonisten heraus erzählt werden. Ich hatte diese Erzählform bisher noch nicht erlebt. Diese erfahre ich jetzt zum ersten Mal. Mitten im Satz wechselt der Ich-Erzähler, in dem plötzlich ein anderer aus seiner Lebensperspektive heraus monologisiert, ohne dass man darauf vorbereitet wird und ich gar nicht mehr wusste, wer denn nun erzählt.

Puh, ist das anstrengend gewesen. Bei www.Amazon.de wird die kleinwüchsige Figur Receg als der Ich - Erzähler benannt, was so nicht ganz richtig ist. Ich hatte diese auch erst vermutet, war dann irritiert, als der Ich-Erzähler plötzlich einen anderen Namen trug..

Also, wenn die anderen Bücher von Pamuk so ähnlich aufgebaut sind, dann werde ich kein Fan von Pamuk mehr bleiben. Habe gehört, dass noch andere Bücher von ihm mit ähnlichem Muster geschrieben sind, was ich gar nicht mag, ein Haufen von Gedanken auf mich niederprasseln zu sehen, was mir zu viel ist und fühle mich geradezu wie durch ein Erdbeben von den erdrückenden Gedanken begraben.
Hochgelobt von zwei Pamuk-Leserinnen wurde das Buch Rot ist der Name, wobei ich vermute, dass das auch nicht mein Buch sein wird, da es ähnlich wie das hiesige Buch durch viele Perspektiven geht, und hoffe nicht, dass es auch so monologisch geschrieben ist. 

Das Bild, das die Figuren zur westlichen Welt haben, (oder vielmehr der Autor selbst) fand ich nicht differenziert genug und ein wenig naiv.
Es gibt doch in jeder Kultur auch Positives, Stärken gibt es, selbst in den rückständigsten Staaten dieser Welt. 
In dem Buch wird die Zerrissenheit der Protagonisten deutlich. Zerrissen zwischen Orient und Okzident, zerrissen wischen Ost und West, zerrissen zwischen Tradition und Moderne, zwischen  derTürkei und der EU.

Ich denke schon, dass sehr viele TürkInnen innerlich gespalten sind. Sie werden aus meiner Sicht diese Zerrissenheit erst überwinden, wenn die Türkei endlich in die EU-aufgenommen wird. Ich sehe ja ein, dass das Problem mit der Vertreibung der Kurden ein sehr ernstes ist, mit daran scheitert ja der Eintritt in die EU. Immer wieder wird die Türkei von der EU zurückgewiesen, das nagt sicher am Selbstwert, vor allem, wenn man sich so um Anpassung der Kulturen bemüht ist. Viele TürkInnen aus den Großstädten haben einen Lebenswandel durchzogen und sind von uns Europäern nicht mehr zu unterscheiden.

Auch die Infrastruktur und das Wirtschaftswachstum ist in der Türkei dermaßen fortgeschritten, dass sie sogar EU - Länder wie z.B. Spanien, Portugal und Italien überholt haben. Ich finde schon, dass die Türkei es verdient hat, in die EU aufgenommen zu werden. Vielleicht würde dadurch auch das Kurdenproblem gelöst werden, wenn die EU verstärkt mit draufguckt. Und das Selbstwert der TürkInnen würde steigen.

Ich wünsche dem Land eine Aufnahme in die EU. und dass die Regierung es schafft, das Kurden-Problem human und menschenrechtlich zu lösen.

Da ich nun so viel zu meinen Eindrücken geschrieben habe, werde ich die Textinterpretation im gesonderten Post dranhängen, um eine Überlänge zu vermeiden.
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„Musik ist eine Weltsprache“
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Montag, 18. Februar 2013

Orhan Pamuk / Das stille Haus


  • Gebunden Mini: 576 Seiten
  • Verlag: Fischer Taschenbuch Verlag; Auflage: 1 (14. Mai 2012)
  • Sprache: Deutsch, 14,00 €
  • ISBN-10: 3596512018



Klappentext

Die Geschwister Faruk, Metin und Nilgün verbringen wie jedes Jahr auch den Sommer 1980 bei ihrer Großmutter am Meer. Jeder kämpft mit seinem Schicksal: Faruk trinkt und trauert seiner geschiedenen Frau hinterher. Metin träumt von einer Zukunft in Amerika. Die Schwester Nilgün taucht in sozialistische Ideen ab. Und die Großmutter hat Angst, dass ans Licht kommt, was sie einst den unehelichen Kindern ihres Mannes angetan hat. Und dann kündigt sich der Militärputsch an. Orhan Pamuk brilliert als Chronist dieser verlorenen Gestalten in einer politisch hoch explosiven Zeit. 


Autorenportrait

Orhan Pamuk, geb. 1952 in Istanbul, studierte Architektur und Journalismus und lebte mehrere Jahre in New York. Für seine Romane erhielt er 1990 den Independent Foreign Fiction Award, 1991 den Prix de la découverte européenne, 2003 der International IMPAC Dublin Literary Award, 2005 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und in demselben Jahr den Ricarda-Huch-Preis, 2006 den Nobelpreis für Literatur und 2007 die Ehrendoktorwürde der FU Berlin als 'Ausnahmeerscheinung der Weltliteratur'.

Von dem Autor habe ich ein Buch mit dem Titel Istanbul gelesen, das mir recht gut gefallen hat und ich Lust bekommen habe, weitere Bücher von dem Autor zu lesen. Es befindet sich noch ein ungelesenes im Regal! 


Jane Austen / Manfield Park (1)

Eine Buchbesprechung zur o. g. Literatur

Das Buch hat mir besser gefallen als die anderen Werke der Autorin.

Wie im richtigen Leben... Manche Menschen verhalten sich recht böse, gönnen anderen nicht die Butter aufs Brot, vor allem Menschen, die über kein Vermögen verfügen. Diese Mrs. Norris ist ja eine ganz Üble gegenüber der jungen Fanny Price, die im zarten Alter von zehn Jahren von ihrer Familie in das Haus Bertrams gezogen ist, mit denen sie verwandt ist. Sie wird hier so richtig stiefmütterlich behandelt. Sie wird als dumm deklariert, weil sie mit zehn Jahren nicht über die selbe Bildung verfügt wie die ihrer Cousinen... . Wer arm geboren wird, wird automatisch als ein schlechter Mensch charakterisiert, als betreten arme Menschen mit einem üblen Charakter die Welt. Im folgenden ein Dialog einer Cousine mit ihrer ihrer Mutter im Beisein ihrer Tante:

"Stell dir bloß vor, liebe Mama, meine Cousine kann nicht einmal die Landkarte von Europa zusammensetzen - oder meine Cousine kann nicht die wichtigsten Flüsse Russlands aufzählen - oder sie hat noch nie von Klein - Asien gehört - oder sie kennt nicht den Unterschied zwischen Wasserfarben und Buntstiften. Wie seltsam! Hast du schon mal etwas so dummes gehört?
"Meine Lieben", pflegte ihre rücksichtsvolle Tante zu erwidern, "das ist sehr schlimm, aber ihr dürft nicht erwarten, dass jeder so leicht lernt und schnell lernt wie ihr." 22 f

Fanny ist unter ganz anderen Voraussetzungen aufgewachsen, hatte nicht die selben Möglichkeiten wie ihre reichen Cousinnen sie haben. Sich über solche Menschen zu stellen, finde ich recht schwach und charakterlos... .

"Denk dir, Mama, sie sagt, sie will weder ein Instrument noch Zeichnen lernen."
"Wahrhaftig, Liebes, dass ist sehr dumm und zeigt einen großen Mangel an Begabung und Eifer. Aber wenn man es recht bedenkt, ist es vielleicht gar nicht so schlecht, dass die Dinge so liegen, denn obwohl ihr wisst (…), dass euer Papa und eure Mama so lieb sind, sie mit euch zusammen aufzuziehen, ist es gewiss nicht nötig, dass sie genauso gebildet wird wie ihr. Im Gegenteil: Es ist viel wünschenswerter, wenn ein Unterschied gewahrt bleibt." 24f
Diese Denkweise finde ich auch heute noch vor, speziell Reiche zu Armen, MigrantInnen zu Einheimischen, etc. man will gar nicht, dass diese Fremden ähnlich den anderen gleich sind. Deswegen wird immer auf die Differenz geachtet und weniger auf die Gemeinsamkeiten... . Jeder Mensch ist bildungsfähig, aber nicht jeder Mensch erhält gleichermaßen Bildung... . Man vergisst hinter der Exotik den Menschen zu sehen, in diesem Fall Fanny, als wäre sie dumm geboren... .

Fanny Price ist hier nicht nur die Protagonistin, sondern auch das schwarze Schaf in der vornehmen Gesellschaft. Sie wird aufgrund ihrer Herkunft und ihres Aussehens als nicht gesellschaftsfähig betrachtet. Demnach wird sie von den Tanzabenden erstmal ausgeschlossen.
Aber Fanny hat auch Glück, denn sie findet sehr viel Beistand und Mitgefühl durch ihren Cousin Edward Bertrand. Zwei junge seelenverwandte Persönlichkeiten, die in den Nöten immer füreinander da sind, und sich gegenseitig beratschlagen.

Die jungen Leute wachsen heran und Fanny hat mittlerweile in dem neuen Familienhaus ihre Heimat gefunden. Dennoch ist sie nach wie vor ein "Stiefkind". Bei der Partnerwahl wird immer wieder das Vermögen des Bewerbers herangezogen. Fanny wird dadurch auf ihren Status festgelegt. Niemand rechnet damit, dass sich jemand Vermögendes für sie interessieren könnte. Das Vermögen entschädigt jegliche Schwäche. Es ist gar nicht mal wichtig, wie gut jemand ausschaut oder welche Schwächen man hat, oder ob man überhaupt zusammen passt, solange das Vermögen stimmt und das Vermögen macht die Paare gefügig. Dabei denke ich an Thomas Manns Werk Die Buddenbrooks.
Mr. Crawford soll mit Fannys Cousine Julia Bertram verbunden werden...
Die Jahre vergehen nämlich und die Kinder befinden sich nun im heiratsfähigen Alter... . Es wird nachgedacht, ob Mr. Henry Crawfort zu Julia Bertram passt. Die Kriterien sind eher oberflächlicher Natur:
"Ach so! Miss Julia und Mr. Crawford. In der Tat ein sehr hübsches Paar. Wie groß ist sein Vermögen?" 140
Die Frage nach dem Vermögen fand ich recht unnatürlich dran gehängt.

Fannys Onkel, Sir Thomas Bertram, Oberhaupt der Familie, besitzt eine gewisse Autorität, die bis in die Spießbürgerlichkeit reicht, die ihn weder bei seinen eigenen Kindern, noch bei Fanny wirklich beliebt macht. Aber er ist der einzige, der nach seiner mehrmonatigen Geschäftsreise eine ordentliche Wandlung gegenüber Fanny vollzogen hat. Er hat sie lieb gewonnen, und ihren Wert zu schätzen gelernt. Selbst Fanny war von ihrem Onkel so positiv überrascht worden, dass sie Gewissensbisse hatte, da sie von ihm keine so hohe Meinung pflegte.

Der Cousin Edmund und Fanny sind für mich die beiden Figuren, die mir am sympathischsten sind.
Die Szene mit dem Theater innerhalb der Familie fand ich auch recht kurios. Fanny durfte nur mitspielen, weil sich für eine weibliche Rolle keine Schauspielerin fand, da diese Rolle sehr erniedrigend war. Nun sollte Fanny einspringen, ihr wurde diese Rolle zugetragen, da sie die einzige sei, die angeblich zu der Rolle passte. Fanny verweigerte... Eine ziemlich versnobte Gesellschaft, wie ich sie schon bei Marcel Proust, Charles Dickens u.a. erfahren habe... .

" Oh! Wir wollen dich nicht von deinem Platz verjagen. Wir brauchen deine Dienste nicht sofort. Wir brauchen sie nur in unserem Stück. Du musst die Häuslersfrau spielen."
"Ich!", rief Fanny und setzte sich in äußerster Bestürzung wieder hin. " Das geht wirklich nicht. Ich könnte nicht spielen, selbst wenn Sie mir die ganze Welt dafür schenkten. Nein, wirklich, ich kann nicht spielen."
" Aber du musst, denn ohne dich geht es nicht. Es braucht dich nicht zu erschrecken; es ist eine richtige Rolle, ein wahres Nichts, insgesamt höchstens ein halbes Dutzend Textstellen, und es macht nicht viel, wenn keiner ein Wort von dem versteht, was du sagst." 172

An dieser Textstelle wird auch noch mal deutlich, wie Fanny abgewertet wird. Sie sei nicht in der Lage, mehr als ein Dutzend Textstellen auswendig zu lernen, während die anderen, was sich fortlaufend lesen ließ, mehr zu bewältigen haben. Und die Häuslersfrau keine wirklich bedeutende Rolle.
Dabei ist es Fanny, die sich verändert und Charakterstärke beweist. Sensibel, fair, feinfühlig mit einer hohen Beobachtungsgabe ausgestattet, zeigt sie sich ihren Mitmenschen gegenüber. Während die anderen, ausgenommen Edward und Sir Thomas, als hätten sie einen Panzer vor ihrer  Brust, haben jegliches Feingefühl niemals entwickeln können. Auch kein Feingefühl gegen diese Ungerechtigkeit. Emotionslos Fanny gegenüber. Fannys positive Charaktereigenschaften zählt  Mrs. Norris als ihr Verdienst und der Familie Bertram zu:
"Bei all ihren Vergünstigungen hat sie wohl Grund, gut auszusehen: immerhin ist sie ja in dieser Familie aufgewachsen und konnte sich an den Manieren ihrer Cousinen ein Beispiel nehmen. Bedenken Sie doch nur, mein lieber Sir Thomas, was für außerordentliche Vorteile Sie und ich ihr verschafft haben. Das Kleid, auf das sie gerade hingewiesen haben, war Ihr eigenes großzügiges Geschenk zur Hochzeit der lieben Mrs. Rushworth. Was wäre aus ihr geworden, wenn wir sie nicht an die Hand genommen hätten?" 317
Dass Fanny aber in dem Haus auch gebraucht wird und Arbeiten verrichtet, für die sich ihre Cousinnen zu fein sind, wird erst am Schluss des Buches wertgeschätzt.

Fanny bekommt von Henry Crawford einen Heiratsantrag gemacht , der eigentlich mit Julia verkuppelt werden sollte. Er ist zwar vermögend, liebt aber die mittellose Fanny trotzdem. Ich gönne ihr so sehr diese Heirat, um viele Neider zum Platzen zu kriegen. Leider interessiert sich Fanny nicht für Henry aber Henry gibt nicht auf, und hofft, dass Fanny mit ein wenig Geduld doch noch einer Heirat zustimmen werde. Henry hatte es einfach falsch angepackt, fiel mit der Tür ins Haus. Einige Verwandte sind der Meinung, dass Fanny ein Mann solcher Größe nicht zustehen würde. Ihr Onkel Sir Thomas und ihr Cousin Edward dagegen befürworten diese partnerschaftliche Verbindung, und versuchen auf sie einzureden, doch Fanny kommt von ihrem Standpunkt nicht ab, da sie der Meinung sei, dass sie Henry mit ihrer Liebe nicht wirklich glücklich machen könne.

Nun kommt es zu einem Skandal, und der Ruf der vornehmen Familie Bertrams ruiniert ist. Maria , die Tochter von Sir Thomas Bertrams, ist mit Fannys Bewerber Henry ausgebrannt, obwohl sie mit Mr. Rushworth vermählt ist. Jetzt, wo Fanny Henry gegenüber nicht mehr gleichgültig ist, brennt er aus. Fanny kann das nicht begreifen, wo er doch unaufhörlich um ihre Hand bat. Kann eine Liebe so schnell erlöschen? sind Fragen, die Fanny beschäftigt. Allerdings suchte Henry in Maria nur einen Seitensprung. Was Fanny nicht weiß, ist, dass er tatsächlich nur in sie verleibt ist, ärgert sich selbst, dass er nun mit diesem Seitensprung die Beziehung zu der Frau seines Lebens auf´s Spiel gesetzt hat und weiß, dass er nicht mehr zu ihr zurück kann.

Die Schuld, dass die beiden jungen Leute, Maria Rushworth und Henry Bertram, ausgebrannt sind, bekommt Fanny von bösen Zungen zugesprochen, hauptsächlich von Mrs. Norris. Hätte sich Fanny nicht so eine lange Bedenkzeit genommen, dann wären Henry und sie schon verheiratet gewesen, und der Skandal wäre nie ausgebrochen... .

Das Scheitern solcher partnerschaftlichen Verbindungen sieht die Autorin Jane Austen als ein gesellschaftliches Problem an. Wenn zu viel auf Äußerlichkeiten Wert gelegt wird, so geht eine Partnerschaft ein erhöhtes Risiko ein, dass sie nicht gelingt. Meist sind es Verbindungen, die von anderen Leuten herangetragen werden. Darin liegt die große Kritik der Autorin. Innere Werte kommen völlig zu kurz... . Für mich sind es Fanny und Edward, die über innere Werte verfügen und letzten Endes als wahre Sieger aus der Geschichte hervorgehen. Oberflächlichkeiten, Neid und Missgunst dominieren in der hohen Gesellschaftsschicht.

Das Buch endet trotzdem positiv, und Fanny bekommt den Partner, den sie verdient hat, ich verrate aber nicht, wen sie geheiratet hat.

Zu Beginn der Lektüre erwähnte ich gegenüber meinen Literaturfreundinnen, dass mich das Buch an Charles Dickens erinnern würde. Nach dem Lesen des Nachworts fand ich mich in meiner literarischen Beobachtung bestätigt. Wobei Jane Austen die eigentliche Vorreiterin war vieler Schriftsteller des Viktorianischen Zeitalter Englands, zu der nicht nur Charles Dickens, sondern auch Makepeace Thackeray und Georg Eliot zählen. Georg Eliot allerdings habe ich noch nicht gelesen, ist mir noch nicht zwischen die Finger gekommen.

Ich freue mich wirklich immer wieder, wenn sich meine Beobachtungen bestätigen lassen, so ganz ohne literaturwissenschaftlichen Studien. Meine literarischen Gedanken und Beobachtungen entstehen größtenteils aus mir selbst heraus, ohne irgendwo abgeschrieben zu haben oder mich anderweitig habe beeinflussen lassen... . . Und so macht mir Lesen Spaß.

Und nun zum Schluss die Frage für was Mansfield Park steht? Es ist ein Ort, in dem hauptsächlich reiche und vornehme Leute verkehren und sich begegnen. Im Folgenden ein Zitat:
"Ihre Gespräche drehten sich jedoch nicht immer um so hohe Themen wie Geschichte oder Moral. Auch andere kamen zu ihrem Recht. Und von denen mit weniger anspruchsvollem Inhalt wiederholte sich keines so oft oder wurde solange zwischen ihnen erörtert wie Mansfild Park, die Beschreibung der Menschen, der Sitten, der Vergnügungen, der Verhältnisse in Mansfild Park. 
Die Themen wurde sehr oft trivialisiert... .
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„Musik ist eine Weltsprache“
         (Isabel Allende)

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Montag, 11. Februar 2013

Jane Austen / Mansfield Park

  • Gebundene Ausgabe: 576 Seiten
  • Verlag: Anaconda (31. Januar 2010)
  •  7,95 €
  • ISBN-10: 3866474814


Klappentext

Die aus ärmlichen Verhältnissen stammende Fanny Price wächst in der Familie ihres Onkels Sir Thomas Bertram im Herrensitz Mansfield Park auf. Von ihren selbstverliebten Kusinen Maria und Julia hat das scheue und gutmütige Mädchen, dem es angeblich an »feiner Bildung« mangelt, Einiges zu erdulden. Doch nach Jahren voller Rückschläge und Irrtümer ist schließlich sie es, die ihre fast schon verloren geglaubte große Liebe findet. In ihrem 1814 erschienenen vierten Roman zeichnet Jane Austen ein facettenreiches Sittenbild des englischen Bürgertums am Beginn des 19. Jahrhunderts.


Autorenportrait im Klappentext

Das Leben Jane Austens (1775 bis 1817) verlief ähnlich unberührt von den historischen Ereignissen ihrer Zeit wie das ihrer Heldinnen und Helden. Ihre Welt war die verträumte Provinz, doch entdeckte sie hier eine überraschende Vielfalt der Temperamente und Typen, die sie mit heiter-ironischem Humor und kritischem Blick in ihren Romanen nachzeichnete. Ihre literarische Welt war die des englischen Landadels, deren wohl kaschierte Abgründe sie mit feiner Ironie und Satire entlarvte. Durch ihre geradezu modern anmutende Kunst der Seelenanalyse entstand ein Bild menschlicher Tugenden und Unzulänglichkeiten, das bis heute nichts von seiner Farbigkeit und Frische verloren hat. Sie starb 41-jährig, unverheiratet und kinderlos.

Von Jane Austen habe ich Verstand und Gefühl, Stolz und Vorurteil gelesen. Die Autorin behandelt die gesellschaftlichen Probleme ihrer Zeit, wie man sie auch in anderen Klassikern oft vorfindet:. Intrigen, Neid, (ungleiche) Verteilung der Geschlechterrollen; Reichtum, Armut, Standesunterschiede, Arroganz, falsche Eitelkeit... .

Ich wette, das sind Themen, die ich auch in diesem Buch vorfinden werde. Oftmals fand ich die Figuren recht langweilig, wie z.B. dass sie ihre Zeit vergeuden durch Tratsch und Klatsch, und in dem sie nach außen hin durch fassadenhaftes Auftreten zu brillieren versuchen, während sie innerlich eher madig sind.

Dennoch, ab und an einen Klassiker zu lesen, finde ich reizvoll. 


Isabel Allende / Mayas Tagebuch (1)

Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre

Das Buch hat mir neben den anderen Allende Büchern auch sehr gut gefallen.
Man erfährt ein wenig über die Diktatur Südamerikas, Chile und Argentinien, wie diese die dort lebenden Menschen geprägt hat. Isabel Allende lässt in allen ihren Büchern das Politische miteinfließen.
An manchen Stellen wurden die Personenbeschreibungen ein wenig Klischeehaft dargestellt, was mir nicht so gut gefallen hat... aber dadurch, dass mir im übrigen das Buch gut gefallen hat, war es für mich zu verschmerzen.

Militärdiktatur, Putsch, organisierte Verbrechen mit mafiose Strukturen und Korruption, dominieren, rückblickend bis 1973 hinführend bis zur Gegenwart, das Land Chile und Argentinien. In diesem Buch geht es aber hauptsächlich um Chile. Argentinien wird am Rande erwähnt. Menschen, die versuchten, sich dem System zu wiedersetzten, wurden gefangengenommen und von ihren Peinigern mit roher Gewalt malträtiert.
Auch der Rassismus, ganz besonders in Chile, grassiert unter den vielen verschiedenen Menschen an Hautfarbe und Herkunft. Politisch benachteiligt sind hierzu hauptsächlich dunkelhäutige Menschen... .
Auch der psychologische Hintergrund der jeweiligen Romanfiguren steht hier im Vordergrund.

Was auch nicht neu ist, sind die spiritistischen Aspekte. Auch in diesem Band werden Freundschaften mit den Geistern geschlossen, Horoskope gelesen, Tarot gelegt, u.a.m.
Aber mich stört das nicht, denn sonst hätte ich Allendes Bücher nicht weiter lesen können. Ihre Bücher lesen sich nicht wie billige Literatur. Das Buch liest sich nicht wie Kitsch oder wie oberflächliche Esoterik-Literatur, wobei es mit Esoterik wenig zu tun hat. Ich glaube, dass das Spiritistische Bestandteile der südamerikanischen Kultur sind.

In diesem Roman geht es um Maya Vidal. Sie ist die Heldin dieses Romans. Sie gehört einer anderen Generation an, dennoch bekommt sie die oben erwähnten politischen Auswirkung zu spüren ...

Maya wächst bei ihren Großeltern auf der Insel Chiloé auf. Ihre Eltern ließen sich scheiden, als Maya noch ein Säugling war. Der Vater ist Pilot von Beruf, dadurch wenig zu Hause und viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, als dass er fähig wäre, sich um die Erziehung seiner Tochter zu kümmern. Die Mutter ist Dänin, und lebt auch in Dänemark, die mit ihrer Tochter gar nichts zu tun haben möchte. Sie hat sich dort eine neue Familie gegründet.

Maya erlebte Dank ihrer Großeltern väterlicherseits eine wohlbehütete Kindheit, dennoch gerät sie im jugendlichen Alter auf Abwegen. Unbewusst leidet ihre Seele darunter, von ihren Eltern verlassen worden zu sein, wie sich dies aus mehreren Therapiegesprächen mitverfolgen lässt.

Eine recht gute Beziehung hatte Maya zu ihrem Großvater gepflegt, der leider noch vor ihrem 19. Lebensjahr verstorben ist. Sie nannte den Großvater Pop. Wenn sie in seelische Nöte geriet, dann war er es, der sie begleitete und ihr mit folgenden Worten beistand:
Mein Pop hat einmal gesagt, die Liebe mache einen gut. Einerlei, wen wir lieben, ob wir wieder geliebt werden oder die Beziehung von Dauer ist. Schon die Erfahrung, zu lieben, verwandelt uns. 257
Dieses Zitat hat mir recht gut gefallen. Ich finde, da steckt ein Kern Wahrheit drin.

Maya wird von ihrer Großmutter zu Manuel geschickt. Manuel ist auch so etwas wie ein Großvater, der allerdings recht verschlossen ist, Nähe wenig zulassen kann, da er durch die Mitliärdiktatur trotz der fortgeschrittenen Zeit noch immer stark gebeutelt ist, spricht aber nicht davon. Wichtige Informationen zwischen Maya und Manuel kommen erst am Ende des Buches zum Vorschein, die ich aber nicht verraten werde. Die Beziehung zwischen Manuel und Maya gestaltet sich emotional anfangs als recht schwierig, wachsen aber mit der Zeit immer mehr zusammen... . Manuel lebt in einem Haus ohne Türen an den jeweiligen Zimmern. Zum Schluss kommt man drauf, weshalb seine Zimmer offen sind. Manuel gehört zu denen, der politisch stark verwundet wurde, Gewalt erlitten hat und dadurch gelernt hat, sich emotional stark abzukapseln. Maya ist diejenige, die ihn durchschaut... .

Maja gerät mit dem Gesetzt in Konflikt und wird aufgrund ihres jugendlichen Alters in ein Internat gesteckt, in dem sie sich therapeutisch zu unterziehen verpflichtet wird. Sie hatte die Wahl zwischen einem Internat und einem Jugendgefängnis. Sie entschied sich für das Internat. Kurz bevor sie alle Therapien abgeschlossen hatte und ihre Entlassung bevorstand, reißt sie aus dem Internat aus, und gerät in den Fängen von Straßenkriminellen, von Drogenbossen, von Drogen und Dealern, von Sexualverbrechern, die junge Mädchen kidnappen und sie wieder wie Dreck auf die Straße werfen, wenn sie sich an den Mädchen befriedigt haben. Dieses Leben findet im reichen Las Vegas statt. Die Stadt der Millionäre, aber auch eine Stadt von Gegensätzen. Parallel dazu gibt es mehrere Elendsvierteln, geprägt von Armut, Drogen, Obdachlosigkeit, und von Süchten.
Diese habe ich mit großer Spannung gelesen, auch weil die Ereignisse sehr facettenreich sind, so verweise ich Weiteres auf das Buch... .

Maya gelingt es, teilweise aus eigener Kraft und teilweise durch Helfer und Helfershelfer aus dieser Szene wieder herauszukommen. Maya versucht sich mit ihrem Freund David, was ihre Erlebnisse betreffen, auszusprechen und ein Zitat hat mir auch ganz gut gefallen:
Als ich Daniel gerade kennengelernt hatte, wollte ich einen guten Eindruck machen, meine Vergangenheit löschen, auf einem weißen Blatt Papier von vorn beginnen und eine bessere Version von mir erfinden, doch als wir uns näher kamen und uns liebten, wurde mir klar, dass das nicht möglich ist und auch nicht wünschenswert. Was ich bin, bin ich durch meine Erfahrungen geworden und auch durch meine groben Fehler. Mich bei Daniel auszusprechen hat gut getan, es hat mich bestätigt, was unser Freund und Psychiater Mike immer sagt, dass die Dämonen an Macht verlieren, wenn wir sie aus den Tiefen holen, wo sie sich versteckt halten, und ihnen im hellen Licht in die Augen sehen (..) 286 f.
Daniel, auch angehender Psychiater, derzeit noch Medizinstudent,  zeigt Verständnis und erwidert dazu:
 (…) also Daniel jedenfalls meint, die Hälfte der Probleme dieser Welt wären gelöst, wenn jeder einen Pop hätte, der ihn bedingungslos liebt, statt eines Überichs, dass ständig Forderungen stellt, weil die guten Eigenschaften durch Zuneigung gedeihen. 290
Ich sehe das ähnlich... . Aber dennoch war Maya nicht vor ihren Problemen geschützt, obwohl sie einen Pop in ihrem Leben hatte. Ein Kind, das den Großeltern abgegeben wird, neigt unbewusst immer zu Überlegungen die zu Selbstanklagen führen, ob sie selbst schuldig sei, weshalb ihre Eltern sie nicht haben wollten. Und hier genau liegt das Trauma... . Menschen, die mit solch einer Schuldfrage, die ihnen nicht mal bewusst ist, aufwachsen, wachsen psychisch oftmals auch recht labil auf. Ohne die Obhut ihrer Großeltern, die zu einer gewissen psychischen Stabilität ihrer Enkelin beitrugen, wäre Maya wahrscheinlich ganz Straßenopfer geblieben, wie ihr junger Straßenfreund, noch ein Kind, namens Freddy, es gewesen ist, der in seinem kurzen Leben in Heimen zubrachte.

Da ich Freddys Leben auch interessant fand, möchte ich ein wenig auf sein Leben eingehen.
 Freddy brach wiederholte Male aus den Heimen aus, auf den Straßen Las Vegas wohnte und dadurch in den Banden der Jugendkriminalität geriet. Er lernte dort das Kiffen und die Anwendung aller möglichen Sorten von Drogen. Als Wohltäter versuchten, ihn von der Straße zu holen als er dort bewusstlos aufgefunden wurde, und ihn in eine Suchtklinik steckten, um ihn an einer Entziehungskur teilnehmen zu lassen, so wurde Freddy, der vorübergehend clean war, so depressiv, dass Maya ihn nicht wieder erkannte. Nach der Entlassung ging Freddy wieder zurück auf die Straße. Freddy war nicht stark genug, ohne Drogen zu leben, obwohl er als Zwölfjähriger noch andere Möglichkeiten gehabt hätte, die ihm angeboten wurden, er sie aber verabscheute, weil Freddy die Straße gut kannte, er kannte das elendige Leben, während ihm das andere, die Resozialisierung in die Gesellschaft, die Heilung, so gar nicht vertraut war... . Freddys Leben war von Geburt aus psychisch schon nicht gesund... .

Zurück zu Maya und Daniel.
Ein anderes Zitat folgt nun, noch immer im Dialog zwischen Maya und Daniel befindend, als es darum geht, woher Maya die Kraft zum Leben gefunden habe, um aus dieser ganzen Misere wieder herauszufinden. Im Gegensatz zu Freddy nahm sie die Behandlungen an, und als sie clean war, zog es sie zu ihrer Großmutter wieder zurück. Pop war ja schon tot.:
Der Geist ist viel interessanter als der Körper, Daniel. (…) Vielleicht findest du heraus, wieso ich so gern leben will, während andere, die gesund sind, sich umbringen. 294
Ja, ich finde auch, dass das eine berechtigte Frage ist, wobei für mich Menschen, die angeblich gesund sind, sich aber das Leben nehmen möchten, nicht wirklich gesund sind und unbewusst auch ihre Defizite haben. Maya hat in ihrem Leben neben der leidvollen Erfahrungen auch viel Gutes erlebt, während Freddys Leben ausschließlich aus negativen Erfahrungen bestand. Aber hier ist nicht Freddy gemeint, sondern ganz normale Menschen jenseits dieses Milieus, in dem Maya, Freddy und viele andere junge Menschen geraten sind.

Leider ist es zwischen Daniel und Maya zu keiner engen Liebesbeziehung gekommen, und Maya erleidet einen psychischen Zusammenbruch, findet aber die Kraft durch die Unterstützung ihres Zweitgroßvaters Manuel wieder heraus. Auch hier baut Maya innerlich Schuldgefühle auf und glaubt, dass ihr Leben für Daniel zu anstrengend und zu kompliziert sei.

Dazu Manuels Theorie:
Liebeskummer nennt man das wohl, laut Manuel die trivialste Tragödie überhaupt, aber weh tut es trotzdem. (lol ) 426.
Ich mache nun hier an dieser Stelle Schluss. Vieles aus dem Buch ist noch unerwähnt geblieben; viele Wendungen und Überraschungen, viele Abenteuer. Das Buch muss man selbst lesen, mehr lesen als darüber reden und den Inhalt, die Personen, in sich nehmen und mit sich tragen, da sie auch ein Teil von uns selber sind... .

Obwohl Maya ihre Erlebnisse in einem Tagebuch festhält, kriegt man davon wirklich wenig mit. Sie erzählt von ihrem Leben, wie es andere Erzähler in der Ichperspektive auch tun, so dass ich manchmal vergessen habe, dass sie über Tagebuchaufzeichnungen verfügt. Das jedenfalls kam nicht wirklich deutlich rüber.

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„Musik ist eine Weltsprache“
         (Isabel Allende)

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Freitag, 8. Februar 2013

Isabel Allende / Mayas Tagebuch


Gebundene Ausgabe
 447 Seiten, 24,95 €
Verlag: Suhrkamp Verlag; Auflage: 3 (2. August 2012)

Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3518422871



Anstelle eines Klappentext´s, Isabel Allende persönlich zu ihrem Buch:



Ich habe die Autorin bisher noch gar nicht in ihrer Muttersprache reden gehört.

Autorinnenportrait

Isabel Allende wurde am 2. August 1942 in Lima/Peru geboren. Nach Pinochets Militärputsch am 11. September 1973 ging sie ins Exil. 1982 erschien ihr erster Roman La casa de los espíritus (dt. Das Geisterhaus, 1984), der zu einem Welterfolg wurde. Der dänische Regisseur Bille August verfilmte den Roman 1993. Allende arbeitete unter anderem als Fernseh-Moderatorin und war Herausgeberin verschiedener Zeitschriften. Heute lebt sie mit ihrer Familie in Kalifornien. Ihr Werk erscheint auf deutsch im Suhrkamp Verlag.

Allende zählt zu meinen LieblingsautorInnen. Ich habe einige Werke von ihr gelesen. Ein Buch steht noch ungelesen im Regal. Ich denke, dass ich nun fast alle Bände von ihr gelesen habe.


Mittwoch, 6. Februar 2013

Ariel Denis / Stille in Montparnasse (1)

Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre

Das Buch hat mir nicht besonders gut gefallen. Es ist arg monologisch aufgebaut. Einige Gedanken finde ich recht gut. Ich schreibe sie hier auf, aber ansonsten war ich froh, als ich auf die letzte Seite gelangt bin und ich es wieder zuschlagen konnte. Aber es kann durchaus sein, dass ich jetzt in der Nachbereitung viel Gutes dem Buch abgewinnen werde, und ich es anders bewerten werde.

Es geht eigentlich recht viel um kulturelle Defizite innerhalb der Gesellschaft wie z.B durch Sport und durch Unterhaltungsmusik. Ich möchte dies an Textstellen belegen:
" (…) Wer für den Sport ist, hat die Massen auf seiner Seite, wer für die Kultur ist, hat sie gegen sich, deshalb sind immer alle Regierungen für den Sport und gegen die Kultur (…). " 18
Tja, da können die Politiker ja auch regieren wie es ihnen beliebt.

Aber hauptsächlich geht um Musik. Musik, die laut ist,  laute Discomusik, die verblöden lässt. In schlechter Musik würde die gute Musik untergehen. Gute Musik würde nach Stille schreien, schlechte nur nach Lärm.
Ohne Musik wäre das Leben ein einziger Irrtum.

Wenn man nicht weiß, wie man etwas ausdrücken soll, dann soll man es nicht sagen, sondern es einfach singen. lol

Der Autor lehnt jede Form von Musik ab, die aus Discomusik und Schlagern besteht. Ich finde, dass er ein wenig arg pessimistisch über die Musik spricht. Es kann nicht jeder eine Zuneigung zur Klassik haben. Seine Kritik ist aber aus meiner Sicht dort berechtigt, wo man Musik aufgedrängt bekommt, wie z.B. in den Kaufhäusern.... . :
"Ihr jungen Discodeppen, ihr alten Neoklassiker aus den Vorstandsetagen, ihr debilen Ideologen der Jugendmusik und der rappenden Postmoderne, ihr ministeriellen Musik - ist-gleich - Musik-Demagogen, ihr Sturköpfe der niederbretonischen Folklore und des Bantu Singsangs, die widerlichen Einheitssoßenmoderatoren, Ruhe, seid endlich ruhig, wer nicht ohne Mikrofon singen kann, soll gehen, wer auf Englisch plärrt, soll den Mund halten, wer behauptet, er würde in Diskotheken auf und Rave-Partys Musik hören, soll bei Tagesanbruch für immer verschwinden, wer Schlagzeug spielt, soll abhauen, ruhe, seid endlich alle ruhig, Rockerinnen und Rocker, Raperinnen und Rapper, Fummler und Zappa, ihr Wanderer ohne Wanderung und die Spaziergänger auf Rollen, ihr Musikjogger und Läufer im Lärm, Träger von Handys mit der kleinen Nachtmusik oder den ersten Takten der fünften Sinfonie, taube Ohren, schreiende Münder, Radio, Fernsehen, Musik für Moneten, Kaufhaushintergrundmusik und die von Flughäfen und von überall, es reicht, zu viele Töne, zu viele Trommel, zu viele Zeugs aller Art, es reicht, seid endlich ruhig, basta la-musica, Stille, nichts als Stille und nur Stille - der Vorhang öffnet sich, das Klavier prälidiere und Hermann Pray beginne zu singen." 47 f.

Anders auf politischer Ebene, als es heißt, dass das Volk mit der der Unterhaltungsmusik zur Volksverdummung führen würde. Auf Seite 104 und folgende spricht der Autor davon, wie den Menschen schlechte Musik aufgedrängt wird, damit die Politiker von sich abgelenkt werden konnten:
" (…) Man zwingt uns unerträgliche Musiken auf, weil man die Musik in Wirklichkeit verachtet, weder kann man Musik ganz normal hören, noch ganz normal lieben, und man rächt sich dafür, in dem man uns in Musik ertränkt, wie ist es möglich, nach Ausschwitz eine schöne Melodie zu hören oder zu komponieren, wir sind dazu verdammt, unter der Musik zu leiden, weil wir sie auf kriminelle und beachtenswerte Weise benutzt haben und es immer noch tun, aus der ersten der Künste ist eine schuldige und erniedrigte Kunst geworden, die universelle Liebe zur Musik ist nichts anderes als das abscheuliche Martyrium der Musik, das bis zur Erfindung der sogenannten Féte de la musique reicht, weil wir den Konzentrationslagern Orchester spielen ließen, weil wir in der Hölle Kinder und Sterbende singen ließen, weil sie es zugelassen haben, dass aus der Kunst der Engel eine Kunst der Dämonen wurde, weil wir die teuflische Möglichkeit erfunden haben, die schönsten Stücke zerstreut und damit beachtenswert zuhören, darum wurden wir dazu verdammt, die Unschuld der Musik zu verlieren, die tonale Einfachheit nicht mehr ertragen zu können, (…)." 104 f.
Dieses Zitat hat mich sehr berührt... , indem Musik benutzt wurde, um von der politischen Kriminalität, der Grausamkeit und der Entmenschlichung abzulenken... Im nächsten Zitat folgt ein Beispiel, wie Musik von der Gesellschaft konsumiert wird.
"(der) millionen und abermillionen junger (und nicht mehr so junger) Dummköpfe glauben lässt, sie lebte im wunderbaren Zeitalter der weltweiten Verbreitung der Musik, für diesen Komfort zahlen wir ständig einen ungeheuren Preis, in dem man uns zwingt, all die abscheulichen weltweiten Discothekenmusik anzuhören, diese entsetzliche Strafe ist uns auferlegt, überall auf der Straße,Horror im Zug, im Flugzeug, sie verfolgt uns bis auf die Toilette, das unerträgliche Zweiertakt-Gehämmere des zusammengefummelten Schlagzeugs, das einen im Hotelzimmer mitten in der Wüste oder am Meer am Lesen hindert und einen nicht schlafen lässt, und wir entkommen dem so wenig, wie sich die Verdammten in der Hölle keine Sekunde den Blick der sie peinigenden Dämonen entziehen können, das ist unsere Strafe: die Musik, die uns die Musik hassen lässt (...).  75.
Also, dieses Zitat hat mich schon auch überzeugt. Aber ich würde jetzt Pop-Musik nicht generell als schlecht begreifen. Auch hier gibt es Unterschiede. Aber ich verstehe auch, dass durch zu viel (schlechte) uns aufdrängende Musik viel Lärm entstehen lässt.

In Frankreich scheint mittlerweile selbst in Museen die Musik zu laufen. Ist mir jetzt bei uns in Germany noch nicht aufgefallen.

Der Buchtitel, Ruhe in Montparnasse als Gegenmittel, was es nämlich nicht ist:
" (…) Der Bahnhof Montparnasse, ein krasses modernes Dekor aus disharmonischen Bruchstücken von beunruhigend zersprengter Einheit, unter dem grauen Himmel des grünen Frühlings, im Sirenengeheul eines Krankenwagens, der in Richtung Hopital Cochin rast - merkwürdig, es heißt Sirene, früher waren Sirenen doch Zauberinnen, deren wundervoller Gesang die Sterblichen in ihrem Innersten aufgewühlte, heute sind Sirenen technische Apparate, die uns mit ihrem apokalyptischen Geheul Bomben, Brände, Unfälle, Krankheit und die Polizei verkünden, so sieht der Fortschritt aus, (…)." 10f. 
Die Quintessenz des Buches lautet für mich also; es ist zu laut in der Welt; es entsteht eine Sehnsucht nach Stille, nach Ruhe, in der die gute Musik, geboren aus der Stille, unterdrückt wird, oder gar untergeht, denn wie die Natur so habe auch die Musik ein Recht auf Stille, 79. und nur in der Stille könne der Mensch Zuflucht finden. Die Unterhaltungsmusik sei dermaßen überflutet, dass diese zum neuen Leitbild einer Musikgesellschaft geworden sei.

Was ich nicht mit dem Autor teile, ist, dass ich nicht glaube, dass es in Zukunft keine Komponisten mehr geben werde, um gute klassische Musik in die Welt zu rufen.

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„Musik ist eine Weltsprache“
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Sonntag, 3. Februar 2013

Ariel Denis / Stille in Montparnasse


Verlag: Atrium-Verlag, Hamburg

2007

Seitenzahl: 141

Mit Audio-CD, 17,90 €

ISBN-13: 9783855359813



Klappentext
Während dem Erzähler auf seinen Spaziergängen Menschen mit dröhnenden Kopfhörern begegnen, denkt er an den einzigen Verbündeten gegen den Krach der Welt. Mit seinem Freund Markus Berger besuchte er hochrangige Konzerte und führte musikalische Gespräche. Seine Gedanken wandern aber auch zu Hermann Prey, dessen Musik ihn in schwärmerische Ekstase versetzt und ihm, dem einsamen Flaneur, Trost bietet.



 Autorenportrait
Ariel Denis, 1945 in Lyon geboren, hat bereits diverse vom französischen Feuilleton hoch gelobte, anspruchsvolle und doch amüsante Romane veröffentlicht. Roland Barthes förderte und schätzte ihn. Ariel Denis ist Professor für Kulturwissenschaften an der Ècole des Beaux-Arts d'Angers. Er lebt in Paris.

Das Buch habe ich als Restseller bei Jokers  für nur 3,99 € erworben. Die Lektüre gibt es beim btb-Verlag in Hörbuchfassung für 13,95 €.

Der Autor ist mir unbekannt und bin auf eine neue Erfahrung gespannt. Ich mag sowohl  französische Filme, und meist auch französische Bücher.

Hat Anne aus meinem großen SuB für mich ausgesucht!



Eowyn, Ivey / Das Schnee Mädchen (1)

Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre

Das Buch habe ich als recht originell erlebt, und teilweise hat es sich wie ein Märchen gelesen.
Von der Sprache her ist es einfach und flüssig geschrieben und trotzdem hat es einen literarischen Anspruch, einfach auch von der Idee her, ein Schneemädchen lebendig zu machen. Da wandert ein älteres Ehepaar in den hohen Norden Amerikas ein, um ein völlig neues Leben zu beginnen in der Wildnis Alaskas, ein Abenteuerleben, wo es heißt, Ärmel hochkrempeln und sich von Null an ein neues Heim als Farmer zu schaffen in einer Gegend, in der man größtenteils auf sich selbst gestellt ist. Kälte, Dürre und Einsamkeit bestimmen dort den Alltag und man muss sehr geschickt sein, dass ein Leben dort gelingt. Es gibt nicht einmal einen Arzt.

In dem Buch geht es auch um wahre Freundschaft.

Mabel und Jack sind die beiden Protagonisten, die als ein älteres Ehepaar eine neue Herausforderung suchen, da ihnen ihr Herzenswunsch, ein Kind zu bekommen, nicht in Erfüllung gegangen ist. Die Initiative ergriff dabei Mabel. Mabel, einst die Tochter eines Literaturprofessors, zeigte sich bereit, von ihrem Wohlstand und aus der hohen Gesellschaft auszusteigen, um woanders neu zu beginnen.

Originell fand ich, dass Mabel schon als Kind mit viel Fantasie ausgestattet war, auch gefördert durch ihren Vater, der ihr abends immer Geschichten vorlas. Dazu gehörte auch ein Buch, das genau das Leben beschreibt, das sie zusammen mit Jack in Alaska führen. Sowohl in dem Buch als auch in Wirklichkeit gab es dieses ältere Ehepaar, das aus der Sehnsucht heraus, ein Kind zu haben, ein Schneekind bauten.
" Es waren einmal ein alter Mann und eine alte Frau. Sie liebten einander sehr und waren ihres Lebens zufrieden. Nur eines erfüllte sie mit großer Traurigkeit: Nie war ihnen ein Kind geschenkt worden." 152
Das Schneekind bekam einen Schal, eine Mütze und Fäustlinge angezogen. Am nächsten Morgen war das Schneekind plattgedrückt und die Winterkleidungsstücke waren nicht mehr vorhanden.

Kurze Zeit danach lernten Mabel und Jack ein kleines Mädchen kennen, das die selben Wintersachen trug, mit denen das Schneekind bestückt war. Sie sahen sich beide recht ähnlich. Das Schneekind und das zugelaufene Kind. Das Mädchen lebte im Schnee und tief in dem Wald, hatte eine Beziehung zu einem Fuchs, den sie als Welpe kannte und ihn aufgezogen hatte.
Jack und Mabel fühlten sich zu dem Kind so stark hingezogen, als wäre es ihr eigenes Kind. Das Mädchen hieß Faina und spürte die Liebe dieses älteren Ehepaares, das ihnen aus Dankbarkeit immer ein paar Geschenke aus dem Wald mitbrachte:
"Als die Kleine an diesem Abend gegangen war, sagten sie immer wieder ihren Namen. Schließlich kam er ihnen leicht über die Lippen. Mabel gefiel es, wie er sich sprach, wie er in den Ohren klang: Hast du gesehen, wie Faina vor dem Essen den Kopf gesenkt hat? Ist Faina nicht ein schönes Mädchen? Was wird Faina bei Ihrem nächsten Besuch wohl mitbringen? Sie waren wie Kinder, die Mutter und Vater spielen, und Mabel war glücklich." 146
Faina war nicht festzuhalten. Sie wirkte recht scheu, schweigsam und zurückhaltend. Sie kehrte nach jedem Besuch von Mabel und Jack immer wieder in den Wald zurück. Wenn der Winter vorbei war, verließ sie die Gegend und zog hoch auf die Berge, auf denen das ganze Jahr über Schnee liegt. Faina ist ohne den Schnee nicht wirklich überlebensfähig. Eigentlich so ein wenig wie das Schneekind, das Mabel und Jack einst gebaut hatten, und wegschmilzt, wenn Tauwetter ist. Bald stellen Maibel und Jack fest, dass Faina kein gewöhnliches Kind ist und das man schwer erziehen kann. Mabel erinnerte sie an eine Elfe. Sie glaubte ganz feste daran, schon aus ihren Kindertagen hielt sie an ihrem Glauben fest:
"Mit acht Jahren war Mabel einmal fest davon überzeugt gewesen, eine Elfe gefangen zu haben. Sie hatte aus Zweigen eine Falle gebastelt und in die Eiche im Garten gehängt. Mitten in der Nacht sah sie vor ihrem Schlafzimmerfenster die Falle im Mondlicht hin und her schwanken, und als Mabel das Fenster öffnete, hörte sie ein hohes Gezwitscher - genauso stellte sie sich das Rufen einer gefangenen Elfe vor. (…) Sie weckte ihre Schwester Ada. Und Ada war aus dem Bett gestiegen, murrend und mit schlafverquollen Augen, sie waren barfuß und im Nachthemd zu der Eiche geschlichen. Doch als Mabel den kleinen Kasten vom Ast nahm und hineinblinzelte, sah sie keine Elfe, sondern einen angsterfüllt lebenden Singvogel. Sie öffnete das Türchen, aber der Vogel wollte einfach nicht heraus fliegen. Daraufhin schüttelte Ada das Kästchen, der Vogel fiel ins Gras, und Mabel erkannte, dass er beinahe tot war. Noch bevor sie ihm im Haus ein Nistkasten auspolstern konnten, war er gestorben." 178 f
Diese Idee, einer Elfe eine Falle zu stellen, um sie zu fangen, fand ich auch total originell.

Mabel, wie schon gesagt, hörte nie auf, an Elfen und Feen zu glauben. Mit der Bekanntschaft Fainas wurde ihr Kinderwunsch wieder lebendig und teilte Jack mit, dass sie in Faina eine Schneefee sehen würde. Jack reagierte darauf ein wenig echauffiert:

"Jeden Sommer zieht sie fort und kommt erst zurück, wenn es schneit. Verstehst du nicht? Sonst… würde sie schmelzen."  
"Großer Gott. Mabel, was redest du da?"
Sie schlug ein Bild auf; es zeigte den alten Mann und die alte Frau auf den Knien neben einem wunderschönen kleinen Mädchen, das bis zum Rumpf im Schnee stand und silberne Juwelen im Haar trug." Siehst du?" Sie sprach wie eine Krankenschwester am Bett eines Patienten, ruhig und einfühlsam. "Verstehst du?"
"Nein, Mabel. Ich verstehe rein gar nichts."  Er schlug das Buch zu und stand auf. "Bist ja nicht mehr bei Sinnen. Willst du mir ernsthaft erzählen, dieses kleine Kind, dieses kleine Mädchen sei eine Art Geist, so etwas wie eine Schneefee? Herr Gott. Herrgott noch Mal." 265
Dass Jack so reagierte, lag auch daran, dass er etwas über Fainas Herkunft in Erfahrung bringen konnte, er es ihr aber nicht weitersagen durfte. Jack hatte Faina sein Versprechen geben müssen.

Faina sorgte für sich selbst. Sie kannte sich in dem Wald aus, wie sonst keiner, nicht einmal ein Farmer kannte den Wald so gut wie sie. Sie war Meisterin im Jagen und im Zerlegen ihrer Beute. Außer dem Ehepaar wusste sonst niemand von ihrer Existenz. Mabel versuchte mit ihren Freunden über Faina zu reden, doch sie glaubten alle, dass Mabel sich das Kind einbilden würde, weil der Kinderwunsch so groß sei.

Das Farmerleben erwies sich als recht hart, aber Mabel und Jack hatten gute Nachbarn, in denen sie Freunde fanden, die ihnen in ihrer schweren Not behilflich waren. Jack kam schwerverletzt aus dem Wald, als er dort Faina suchte.
Als Jack nach längerer Zeit körperlich wieder hergestellt war, kümmerte er sich wieder um seine Farm, die noch immer Hürden aufwies, sie zu kultivieren. Jack schuftet auf der Farm, während Mabel mit der Hausarbeit stark beschäftigt ist:
"Wieder einmal kamen sie vor der großen Leere zu stehen, die zwischen Mabel und Jack lag - Die Leere, die ein Kind hätte füllen können. Ein Mädchen, das Mabel bei der Hausarbeit helfen sollte. Ein Junge für die Feldarbeit." 195
Die Wahrheit, wer Faina wirklich war und woher sie kam, erfuhr Mabel erst sehr viel später. Da ich nicht mehr verraten möchte, verweise ich auf das Buch und beende hier nun meine Notiz.

Das Buch ist noch lange nicht zu Ende!

Das einzige, was mir missfiel, war die ungenaue Altersangaben der beiden Eheleute. Mabel hatte vor zehn Jahren eine Totgeburt. Wie alt mochte sie gewesen sein? Dreißig? Fünfunddreißig? Dann wären Jack und Maibel über vierzig, sie aber wie richtige alte Leute zu beschreiben, als wären sei Greise, fand ich nicht wirklich passend.

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„Musik ist eine Weltsprache“
         (Isabel Allende)

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