Samstag, 29. Dezember 2012

Carlos Ruiz Zafón / Der Schatten des Windes


Taschenbuch: 855 Seiten

Suhrkamp Verlag; Auflage: 2 (30. Juli 2007)


ISBN-10: 3518459023


12,90 €





Klappentext


An einem dunstigen Sommermorgen des Jahres 1945 wird der junge Daniel Sempere von seinem Vater an einen geheimnisvollen Ort in Barcelona geführt - den Friedhof der Vergessenen Bücher. Dort entdeckt Daniel den Roman eines verschollenen Autors für sich, er heißt >Der Schatten des Windes<, und er wird sein Leben verändern ... Carlos Ruiz Zafón eroberte mit seinem Buch die Herzen leidenschaftlicher Leser rund um den Globus. >Der Schatten des Windes< bildet den Auftakt eines einzigartigen, fesselnden und berührenden Werks, er ist der erste von vier Barcelona-Romanen um den Friedhof der Vergessenen Bücher und die Buchhändler Sempere & Söhne. Auf >Der Schatten des Windes< folgten >Das Spiel des Engels< und >Der Gefangene des Himmels<.


Autorenportrait

Carlos Ruiz Zafón wurde am 25. September 1964 in Barcelona geboren und besuchte dort die Jesuitenschule Sarrià. Beruflich war er später zunächst in einer Werbeagentur tätig. 1993 erhielt der damals 29-Jährige für seinen ersten Roman El príncipe de la niebla (dt. Der Fürst des Nebels, 1996) einen Jugendliteraturpreis. Mit seinem Roman La sombra del viento (dt. Der Schatten des Windes) katapultierte er sich an die Spitze der Bestseller-Listen. Seit 1994 lebt er in Los Angeles, arbeitet als Drehbuchautor und schreibt für die spanischen Tageszeitungen El País und La Vanguardia.

Der Autor ist mir nicht unbekannt, habe von ihm das Buch Marina, gelesen, dessen Inhalt ich mir behalten habe, obwohl es mir nicht besonders gut gefallen hatte. Man sollte einem Autor trotzdem nochmals eine zweite Chance geben. Das obige Buch wurde zudem auch unter Bücherfreunde hoch gelobt, so dass ich von deren Begeisterung ein wenig angesteckt wurde.

Der Suhrkamp hat das Buch in Großdruck herausgegeben, was die hohe Seitenzahl erklärt. 


Freitag, 28. Dezember 2012

Abdel Sellou / Einfach Freunde (1)

Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre

Zu Philippe Pozzo di Borgos Band Ziemlich beste Freunde habe ich nicht so viele schönen Eindrücke wiedergeben können, anders zu dem Band von Abdel Sellous Einfach Freunde.
Das Buch habe ich im Vergleich dazu mit großem Interesse gelesen, während Pozzo ich einfach langweilig fand. Nun bin ich doch motiviert, mir auch die Verfilmung anzusehen.

Zwar ist Abel in seiner Jugend ein Großkotz gewesen, lebte kriminell, ab seiner Volljährigkeit hatte die Justiz keine Rücksicht mehr auf ihn nehmen müssen. Er saß wiederholte Male im Knast, und er beschrieb den Knast fast wie ein Fünfsterne Hotel, aber Kost und Logis frei. Bei diesem Gelabere bekam ich ein wenig Gänsehaut, ich musste an Dickens, Fallada, an Dumas denken, sie alle haben über die Gefängnisse ihrer Zeit geschrieben und ihnen ist es sicher mitzuverdanken, dass die Menschen nicht mehr in dunkle, feuchte Kellerlöcher eingebuchtet werden. Ihnen habe wir es mit zu verdanken  dass die Inhaftierten heute ausreichend mit Nahrungsmitteln versorgt werden und da kommt so ein Abdel Sellous daher und lässt diese Sprüche ab. Es gibt genug Politiker, die diese Meinung auch vertreten und da wäre ich vorsichtig mit solchen Äußerungen... .

Also mich schreckt das Gefängnis kein bisschen. Wenn's dort wirklich so schlimm wäre, würden sich die Häftlinge nach ihrer Entlassung doch gleich eine ehrliche Arbeit suchen, um nie wieder eingelocht zu werden. Ich kann mir mein Sandwich in aller Ruhe schmecken lassen, kein Grund zur Panik.  (…). Zehn Monate Gefängnis also, nicht mal ein Jahr. Das Urteil bringt mich nicht aus der Ruhe. Fast bin ich erleichtert, wie der Obdachlose, der auf freie Unterkunft und Verpflegung aus ist. (…)
Willkommen im Erholungsheim. (...) Die Riegel schnappen auf. Ich strecke und lehne mich, massiere mir den Nacken, gähne ausgiebig. Bald wird der Kaffee serviert, im Flur rollt der Wagen immer näher. Ich strecke meinen Becher aus, greife mir das Tablett, lege mich wieder hin. (…) Frühstückt im Bett, was will das Volk mehr? Ein bisschen Ruhe vielleicht.

Es geht immer weiter so, die Beschreibung aus seinem Knast, assoziiert mit einem Erholungsheim.

Abdel Sellou ist in Algerien geboren und wurde zusammen mit seinem um ein Jahr älteren Bruder mit vier Jahren nach Paris geschickt, zu seiner Tante und seinem Onkel, die seine neuen Eltern werden, ohne Adoptionsverfahren. Für Abdel ist es ganz normal, dass Eltern ihre Kinder fortschicken, ist in seiner Kultur weit verbreitet. Während Schulpsychologen den Elternverlust als Verlust bezeichnen, der zu einer posttraumatischen Belastungsstörung geführt habe, bagatellisiert Abdel sein Erlebnis. Ich kann mir selbst auch vorstellen, dass die beiden Kinder einen Kulturschock erlitten haben... .
Ich kann mir nicht vorstellen, dass man mit gerade mal vier Jahren schon sagen kann was gesellschaftlich  normal und was nicht normal ist.

Abdel belustigt sich über die Kindererziehung in Frankreich. Während französische Kinder an der Leine geführt werden würden, werden afrikanische Kinder recht früh losgelassen, um eigene Erfahrungen zu machen.

Ich konnte mich nicht in andere Menschen rein versetzen. Ich kam nicht mal auf die Idee, es zu versuchen. Hätte mich einer gefragt, wie sich wohl ein Junge fühlt der gerade ausgeraubt wurde, wäre ich in ein hämisches Kichern verfallen. Da an mir alles abprallte, musste es den anderen zwangsläufig ähnlich ergehen, erst recht diese Muttersöhnchen, die mit einem Silberlöffel im Mund auf die Welt gekommen waren.

Die Polizei selbst besaß Kinder und Jugendlichen gegenüber eine recht hohe Toleranzgrenze. Immer, wenn Abdel beim Stehlen erwischt und auf des Revier gebracht wurde, war er innerhalb kürzester Zeit wieder auf der Straße. Grenzen habe er auch von den Polizisten bis zum seinem achtzehnten Lebensjahr nicht wirklich erfahren.

Seine neuen Eltern mischten sich nicht in die Entwicklung des Kindes ein, da ihre Kultur vorschreibt, dass Kinder heranwachsen sollen, indem sie ihre eigenen Erfahrungen machen sollen. Als die Eltern gemerkt haben, dass Abdels Entwicklung immer mehr mit kriminellem Potential behaftet war, war es schon zu spät. Kinder brauchen Grenzen und diese Grenzen hat Abdel nie zu spüren bekommen.

Die Psychologin versuchte Kontakt mit Abduls Eltern aufzunehmen:

Madame Sellou, Monsieur Sellou, ich darf Sie daran erinnern, dass sie für diesen Jungen die Verantwortung tragen, und zwar bis zu seiner Volljährigkeit, die in Frankreich mit 18 Jahren erreicht ist. Bis dahin müssen sie ihn beschützen, auch gegen seinen Willen. Ein Kind bedeutet keine Last, sondern eine Aufgabe, die Eltern zu erfüllen haben.

Die Eltern waren zwar gewillt etwas zu verändern, doch, wie schon gesagt, es war zu spät, Abdel ging weiterhin seinen eigenen Weg.
Und eigentlich ist es Abdel gewesen, der den Eltern sagte, was sie zu tun und was sie zu lassen haben. Die Eltern hielten es für ein Zeichen von Liebe, wenn sie ihren Kindern alles durchgehen lassen. Selten haben sie Verbote ausgesprochen, weil sie nicht wussten, dass diese zu der Erziehung dazugehören. Abdel bezeichnete es so, als fehlten den Eltern für die Kindererziehung die Gebrauchsanweisung.

Abdel lernt Philippe Pozzo di Borgo kennen, als er vom Arbeitsamt die Stellenbeschreibung in die Hand gedrückt bekommt. Pozzo ist ein Tetraplagiker, und er sucht einen Intensivpfleger. Erst konnte Abdel nichts mit dieser Stellenbeschreibung anfangen, ein Großkotz, der jetzt zu sozialem Denken und Handeln herausgefordert wird. Pozzo hatte viele Bewerber, aber er entschied sich ziemlich schnell für Abdel. Abdel, ein Krimineller, daraus machte er kein Geheimnis, hoffte, ihn damit abzuschrecken, doch Pozzo ließ sich nicht abschrecken. Pozzo war in der Lage, tief in Abdels Seele zu schauen, und entdeckten dort ein großes Herz. Nachdem Abdel sich mit dieser Pflegestelle angefreundet hatte, er schlug eine Probezeit vor, weil er sich für diese Stelle als absolut ungeeignet vorkam,  war sein Lebensmotto immer wieder, Menschen müssen in der Not zusammenhalten, schließlich wären Menschen keine Tiere.

Beide Menschen lernen voneinander  es entsteht eine tiefe Freundschaft. Mir hatte auch Pozzo imponiert, dass er diesem Menschen von Abdel unbedingt eine Chance geben wollte. Was Abdel nicht wusste, wusste Pozzo, dass Abdel genau der richtige Mann für ihn war. Mittlerweile konnte auch Abdel diese freundschaftliche Entwicklung mit seinem Patienten nicht mehr aufhalten. Mit viel Humor, Fantasie und Kreativität konnte er Pozzo zehn lange Jahre begleiten und Abdel selbst reifte zu einem Mann heran, der nun weiß, was Verantwortung bedeutet, sich selbst und seinem Gefährten gegenüber. Zur Abwechslung konnte Abdel auch richtig philosophisch werden:

Aber wer bin ich, um über das Leiden zu sprechen, über Scham und Behinderung? Ich habe bloß etwas mehr Glück gehabt als die große Masse der Blinden, die nichts gesehen hatten, bevor sie ziemlich beste Freunde gesehen haben.

Zum ersten Mal erlebe ich Abdul als jemanden, der einen anderen Menschen achten konnte, ihn mit Respekt anzupacken wusste.

Von Monsieur Pozzo schließlich und vor allem, Monsieur Pozzo mit großem M, großem P und allem anderen auch groß von der Intelligenz und dem Banksafe :D bis zur Demut. (…).

Ich reihe nun einen letztes Zitat an, das mir auch gut gefallen hat, weil es die Perspektive zeigt, die plötzlich wie vertauscht zwischen Pozzo und Abdul eine andere wird:

Pozzo hat mir seinen Rollstuhl wie eine Krücke angeboten, auf der ich mich abstützen konnte. Ich benutze sie noch heute.

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„Musik ist eine Weltsprache“
         (Isabel Allende)

Gelesene Bücher 2012: 94
Gelesene Bücher 2011: 86

Mittwoch, 26. Dezember 2012

Abdel Sellou / Einfach Freunde


Ullstein Verlag

TB, 256 Seiten € 9,99 [D]
Erschienen: 12.03.12
SBN-10: 354828518X


Klappentext
In Ziemlich beste Freunde hat er die Zuschauer verzaubert – jetzt erzählt Abdel Sellou, das reale Vorbild für den Pfleger Driss, zum ersten Mal seine eigene Geschichte.
„Letztes Jahr sind Philippe und ich die Helden eines fabelhaften Films geworden: Ziemlich beste Freunde. Plötzlich will jeder mit uns befreundet sein! Alles, was die beiden im Film machen – Verfolgungsjagden im Luxusschlitten, Gleitschirmfliegen, Nachtspaziergänge durch Paris –, haben wir wirklich erlebt. Aber da ist noch viel mehr …“
Mit einem Nachwort von Philippe Pozzo di Borgo.


Autoreportrait im Klappentext
Abdel Yasmin Sellou wurde 1971 in Algier/ Algerien geboren. Er kam im Alter von vier Jahren nach Paris, wo er schon bald auf die schiefe Bahn geriet. Mit Anfa ng zwanzig stellte ihn Philippe Pozzo di Borgo als Pfleger ein – der Beginn einer großen Freundschaft, die beide Männer bis heute verbindet. Heute ist Sellou verheiratet und Vater dreier Kinder, er lebt in Algerien und Paris.

Auf das Buch bin ich aufmerksam gemacht worden über ein Literaturforum, worüber viele so sehr geschwärmt hatten.  Aber mir hat das erste Buch Ziemlich beste Freunde von Philippe Pozzo, die Freundschaft aus seiner Sicht geschrieben, gar nicht gefallen. Ich war ein wenig enttäuscht, was der Grund war, weshalb ich das vorliegende Buch nun als letztes zum lesen aus meinem kleinen SuB ausgewählt habe. Dieser Band dagegen liest sich anders. Ich habe gestern Abend ein wenig darin gelesen, um auf den Vorgeschmack zu kommen, und diesmal bin ich positiv überrascht worden. Mir gefällt das Buch ganz gut..
Mal schauen, ob es auch so bleibt.



Heide Koehne / Der Buchladen (1)

Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre

Das Buch hat mir recht gut gefallen. Es ist nicht so abgehoben gewesen aber trotzdem interessant. Habe mir ein paar Textstellen markiert, die ich hier nun füllen möchte. Die Protagonistin des Romans sollte eigentlich Irma Schrei sein, für mich aber ist es die kleine Tochter Gertrud. Für mich ist sie die Heldin dieser Geschichte. Das Buch spricht aus der Ich-Perspektive, Gertrude, die Tochter von der Buchhändlerin, die erzählt.

Die junge und alleinstehende Irma eröffnet mit Anfang zwanzig eine Leihbücherei, die auch recht gut läuft. Ich wusste nicht, dass es früher so eine Art von Bücherei gab, wo die LeserInnen Kunden waren, die für jedes ausgeliehene Buch eine Gebühr zu entrichten hatten. Es gab sogar Verlage, die ausschließlich Bücher für Leihbüchereien publizierten. Irma war in ihrem Wesen ein recht introvertierter Mensch, der sich in die Bücher ihres Buchladens vertiefte. Sie las ein Buch nach dem anderen, wenn keine Kunden im Laden waren. Die Kunden schätzen sehr ihre ruhige und kenntnisreiche Art, weshalb sich viele Kunden zu ihr hingezogen fühlten. Viele kamen, um sich bei ihr auszusprechen, und Irma hörte zu, ohne viel sprechen zu müssen...

Irma bekommt ein Kind, es ist das Kind eines Buchlieferanten namens Hans Schrei, den sie geheiratet hatte. Hans arbeitete und wohnte in Frankfurt Main, recht weit weg von seiner Familie, während Irma aus dem hohen Norden Niedersachsen kommt, so blieb Hans meist über das Wochenende bei seiner Familie. Eigentlich der ideale Mann für Irma Reich, hätte Hans da mitgespielt.. .

Mich hat dieses Kind so sehr berührt. Gertrud wurde auf eine warme Decke gelegt, am Boden neben dem Schreibtisch ihrer Mutter. Das Kind passte sich der Stille ihrer Mutter an, indem es sich auch still verhält. Kinder haben in dem Alter schon soviel Einfühlvermögen, dass sie sehr genau spüren, was die Mutter braucht, damit sie glücklich ist. Das Kind weiß unbewusst, dass es selbst auch nur glücklich sein kann, wenn die  Mutter glücklich ist. Als es krabbeln konnte, krabbelte es zu den Vorhängen am Fenster, versteckte sich dahinter und hoffte, ihre Mutter würde sie vermissen und nach ihr suchen. Die Mutter, vertieft in ihrem Buch, vermisste das Kind nicht, also blieb dem Kind nichts anderes übrig, als sich ohne viel Lärm wieder zurück auf ihre Decke zu krabbeln.

Ich denke dabei an die Psychoanalytikerin Alice Miller, an das von ihr geschriebene Buch Das Drama des begabten Kindes, wo sich Kinder schon recht früh in die Bedürfnisse ihrer Eltern begeben und vielmals auch deren Bedürfnisse erfüllen, während die eigenen Bedürfnisse auf der Strecke bleiben und sich das Kind emotional nicht weiter entwickeln kann wie es sollte.

Wenn die Ladenglocke ging und Kunden den Laden betreten hatten, pflegte meine Mutter ihr Buch umgekehrt auf den Tisch zu legen und widmete sich ihnen anfangs mit einem leicht abwesenden Gesichtsausdruck, als sei sie immer noch eine der Figuren aus ihrem Buch und lebe nun dort ihr eigentliches Leben.

Die Ehe mit Hans Reich scheiterte, da er ein Mensch war, der oft das Gespräch zu seiner Frau suchte, seine Frau allerdings auf taktlose Art die Gespräche blockierte, da sie auf Konversationen einfach keine Lust verspürte. Auch Gertrud hatte wenig Bezug zu ihrem Vater... .

Wenn der Vater während des Essens ein bisschen von diesem oder jenem erzählte, wie es seine Art war, hat niemand von uns auch nur das Gesicht verzogen geschweige denn selber etwas erzählt, der Vater hatte immer nervöser und das Schweigen, das ihn umgab, hinein gesprochen, bis ihn die Mutter schließlich unterbrochen und gesagt hat, er solle nicht so viel reden, sonst wird das Essen kalt. Dann verstummte der Vater sofort, und obwohl er, um die Fassade zu wahren, den Mund zu einem gleichen Lächeln verzog, half ihm das nicht viel. Denn wir, die Mutter und ich, durchschauten ihn trotzdem - die Mutter sowieso und ich, weil ich war wie sie: Mutters kleiner Schatten.

Hans suchte keinen Streit, sondern zog sich klammheimlich zurück, kam an den Wochenenden nicht mehr nach Hause... .
Am nächsten Morgen, wenn ich aufwachte, war der Vater bereits wieder fort.Ich kann nicht sagen, dass die Mutter traurig gewirkt hat, wenn sie wieder allein war. Sie hat sich zumindest nichts anmerken lassen. Außerdem: wirklich allein war sie nicht, wenn der Vater wieder fort war. Sie hatte ja ihren Buchladen und ihre Bücher. Und dann hatte sie auch noch mich.
Hans Reich ließ sich nicht mehr blicken und suchte sich eine neue Frau, von der er bereits mittlerweile auch ein Kind hatte. Erst ein paar Jahre später erhält Irma und Gertrud wieder Post von ihm. Hans wollte sich scheiden lassen und erwähnte auch darin, dass ihm Gertrud leid täte bei einer Mutter wie Irma aufzuwachsen. Irma war recht erstaunt und auch traurig darüber. Sie verweigerte somit die Scheidung.

Warum ist Gertrud die Heldin? Sie kümmerte sich um die Bedürfnisse ihrer Mutter. Recht früh übernahm sie Haushaltspflichten, kochte zweimal am Tag für sich und für ihre Mutter, und brachte die Küche immer wieder auf Vordermann. Sie konnte der Mutter alle Wünsche von den Augen ablesen... . Sie wurde auch schon recht früh mit einem Einkaufszettel losgeschickt. Als sie eingeschult wurde, konnte sie keinen rechten Bezug zu ihrer Lehrerin finden. Die Lehrerin ignorierte sie. Gertrud war von ihrer Statur her eher ein großes Kind, wirkte dadurch auch älter. Ihre Lehrerin hatte mehr ein Faible für die ganz kleinen und schüchternen Kinder in ihrer Klasse. Gertrud litt darunter, dass sie nicht beachtet wird. Auch ihre Schulkameraden passten sich unbewusst dem Verhalten ihrer Lehrerin an, so dass Gertrud ein Sonderling in ihrer Klasse wurde, niemand wollte mit ihr zu tun haben. Ihre Leistungen waren nicht einmal mittelmäßig, wobei ich der Meinung bin, dass es an dem Verhalten ihrer Lehrerin als auch an ihrer Mutter lag, dass Gertrud eine der schlechteste Schülerin ihrer Klasse war. Mit der Zeit wurde sie auch fettleibig. Ihre Mutter war zu sehr mit sich selbst beschäftigt, so dass Gertruds Entwicklung kognitiver und physischer Art sich eher in die falsche Richtung sich verselbständigte. Gertrud wirkt aber alles andere als unglücklich. Für sie wurde es zur Selbstverständlichkeit, ganz für die Mutter dazu sein, indem sie ihre eigene Bedürftigkeit unbewusst zurücksteckte.

Dies ist der Grund, weshalb für mich die kleine Gertrud die eigentliche Protagonistin für mich ist. An dieser Stelle empfehle ich jedem, der oder die sich für diese Thematik interessiert das Buch von Alice Miller Das Drama des begabten Kindes. Auswirkungen und Probleme entstehen meist erst im erwachsenen Alter.

Es ist noch einiges mehr passiert, verweise aber auf das Buch... .


Hier das Buch:



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„Musik ist eine Weltsprache“
         (Isabel Allende)

Gelesene Bücher 2012: 93
Gelesene Bücher 2011: 86



Sonntag, 23. Dezember 2012

Heide Koehne / Der Buchladen


Verlag: Berlin University Press
2011, 19,90 €
Seitenzahl: 167
ISBN-10: 386280013X


Klappentext

Gertruds Mutter ist 21 Jahre alt, als sie drei Jahre nach Ende des Krieges in einer kleinen Wohnstraße in einer Stadt am Rand der Lüneburger Heide einen Leihbuchladen eröffnet. Die Romane, die sie über einen Leihbuchverlag erhält, ¿waren auf dickem, weißem Papier gedruckt in einer großen, gut leserlichen Schrift. Die Umschläge der Romane erinnerten die Mutter an die Filmplakate, die in den Schaukästen der Kinos hingen. Alle Buchumschläge waren in schwarz-weiß gedruckt und hatten einen leichten Gelbstich, so wie der Himmel aussieht, bevor es ein Gewitter gibt.¿
Gertrud erzählt aus der Sicht einer Elfjährigen von ihrem Leben im Schatten einer ungewollt lieblosen Mutter, von Einsamkeit und Wut unter einer stillen Oberfläche, von ihrem Leben als Außenseiterin; von ihrem Vater, der schon früh wieder aus ihrem Leben verschwindet, von Fräulein Lakaschus, der Nachbarin, und schließlich von Ludwig Herz, der großen Liebe ihrer Mutter ... 

Autorenportrait
 Heide Koehne geboren 1948 in Papenburg, Schauspielerin, seit mehreren Jahren Mitarbeiterin im Spiegel-Verlag. „Der Buchladen“ ist ihr vierter Roman.

Ich selbst kenne die Autorin nicht, das Buch ist mir durch meine Buchfreundin Anne zugekommen, die es mir schenkte. Eigentlich wollte ich das Buch schon längst gelesen haben. Dadurch, dass ich dünne Bücher mir aufhebe für Zeiten die stressig sind, hatte sich für mich die Gelegenheit aus verschiedenen Gründen nicht ergeben.

Nun ist es das zweitletzte Buch aus meinem kleinen SuB, das ich mir nun vornehme.




Jerome David Salinger / Der Fänger im Roggen (2)

Zweite Buchbesprechung zur o. g. Lektüre

Holden Caulfield ist der Held dieser Geschichte. Er ist siebzehn Jahre alt, hat im seitlichen Nacken seit Kindesbeinen eine graue Haarsträhne, die ihm oft nützlich ist, wenn er als Minderjähiger Alkohol kaufen möchte... Das ist sein Erkennungsmal, dass er schon zu den älteren Leuten gehört.

Holden zeigt immense Probleme mit seinem sozialen Umfeld, generell mit der Gesellschaft. Er hat einen älteren Bruder mit den Initialien D.B., der ein erfolgreicher Schriftsteller ist und nicht mehr zu Hause wohnt. Desweiteren hat er zwei jüngere Geschwister, einen kleineren Bruder, der verstorben ist und hat noch eine jüngere Schwester Phoebe, gerade mal zehn Jahre alt und Musterschülerin ist. Auch der verstorbene Bruder war ein Musterschüler, nur Haldon ist das Sorgenkind der Familie. Der Vater ist Rechtsanwalt von Beruf.

Holden fliegt von der vierten Schule, da er durch fast alle Prüfungen gerasselt ist, zumindest war das auf der letzten Schule so. Nicht, weil er dumm ist, im Gegenteil, er ist sehr belesen, liebt die Literatur über alles, hauptsächlich auch die von seinem Bruders D. B. geschriebene. Bruder D. B. ist außerdem sein Lieblingsautor.

Am liebsten mag ich Bücher, die wenigstens ab und zu mal komisch sind. Ich lese eine Menge Klassiker wie "Die Rückkehr von Thomas Hardy" und so, die gefallen mir, und ich lese eine Menge Kriegsbücher und Kriminalromane, aber die hauen mich nicht besonders vom Hocker. Was mich richtig umhaut, sind Bücher, bei denen man sich wünscht, wenn man es ganz ausgelesen hat, der Autor, der es geschrieben hat, wäre irrsinnig mit einem befreundet und man könnte ihn jederzeit, wenn man Lust hat, anrufen.

Holden verarscht die Leute seines Umfelds, denkt sich Lügengeschichten aus, die mich amüsierten, solange ich ja nicht die jenige bin, die er beschummelt.
Holden sollte noch bis Mittwoch im Internat bleiben, da es erst dann Weihnachtsferien gab, aber er hält es dort nicht länger aus, und verläßt die Bildungseinrichtung drei Tage früher, ohne sich von den Kameraden oder den Lehrern verabschiedet zu haben.

Er setzt sich in den Zug, der nach New-York City fährt und dort macht er Bekanntschaft mit Mrs. Morrow, die Mutter seines Klassenkameraden, den er eigentlich verachtet. Aber Holden tut so, als habe er Achtung vor ihm und erzählte der Mutter allerhand tolle Dinge über ihren Sohn:

Die gute Mrs. Morrow sagte gar nichts, aber Mann, die hättet ihr sehen sollen. Die saß fest gewachsen auf ihrem Platz. Jede Mutter will doch bloß nur eins hören, nämlich, was für ein Spitzentyp ihr Sohn ist.

Als die Mutter schließlich ihn fragte, wie er hieß, gab Holdon hier einen falschen Namen an, und zwar den Namen eines ehemaligen Sportlehrers. Mrs. Morrow erkundigte sich, weshalb er so früh schon nach Hause fahre, ob jemand aus der Familie erkrankt sei? Holden verneinte die Frage, in der Familie seien sie alle gesund, aber er sei krank, er habe einen kleinen Tumor im Kopf, der so schnell wie möglich herausoperiert werden müsse. Mrs. Morrow erschrak, als sie schließlich ihre Hand an den Mund legte. Bei dieser Szene musste ich furchtbar lachen, aber auch nur, weil ich wusste, dass Holden log. Denn sonst hätte ich genauso reagiert wie Mrs. Morrow.

Mir stellte sich die Frage, was machen die Leute innerlich mit dem, was man ihnen mitteilt? Holden hat es mir gezeigt... .

Es folgt nun eine weitere Szene, die mir gut gefallen hat. Holden befindet sich mit einem Mädchen im Kino. Der Film schien recht traurig zu sein, zumindest machte er die Augen vieler Zuschauer nass. Das nervt Holden gewaltig:

Was mich aber dann erledigte, neben mir saß eine Dame, die den ganzen verfluchten Film durchheulte. Je verlogener er wurde, desto mehr heulte sie. Ihr hättet wahrscheinlich geglaubt, sie heult, weil sie ungeheuer gutherzig ist, aber ich saß direkt neben ihr, und das war sie nicht. Sie hatte einen kleinen Jungen dabei, der sich ungeheuer langweilte und auf die Toilette musste, aber sie ging nicht mit ihm raus. Ständig sagte sie zu ihm, er soll still sitzen und sich benehmen. Sie war ungefähr so gutherzig wie ein verfluchter Wolf. Da heulen sich wegen so einem verlogenen Kram in einem Film die verfluchten Augen aus, und in neun von zehn Fällen sind sie im Grunde gemeine Ärsche. Ganz im Ernst.

Der Buchtitel Der Fänger im Roggen, damit hat sich Holden identifiziert, indem er sich vorstellt, wie er kleine Kinder vor dem Abgrund auffängt. Aber er konnte ja nicht einmal sich selber auffangen…

Ich fand die Beziehung, die Holden mit seiner kleinen Schwester pflegte, recht schön und auch außergewöhnlich. Es besteht eine große Geschwisterliebe, oder vielmehr eine Liebe, die einer freundschaftlichen Liebe gleicht. Die Schwester, so jung wie sie ist, geigt ihm so richtig die Meinung, als sie ihn recht schnell zu durchschauen wusste, dass er erneut von der Schule geflogen sei. Die Geschichte, die er ihr auftischt, schien ihr nicht glaubwürdig genug und machte sich große Sorgen, dass der Vater ihn umbringen werde, jetzt, nach dem vierten Rausschmiss. Sie beschimpft ihn ein wenig, dass er an allem etwas auszusetzen habe und es nichts gäbe, was ihm gefallen würde... .

 Holden gehen unreife Fantasien durch den Kopf, was seine Zukunft betraf. Er wollte raus aus dem Elternhaus, verschwinden, und in einer ganz neuen Stadt neu anfangen, weit in den Westen, womöglich an einer Tankstelle einen Job bekommen, und sich am Waldrand ein Häuschen bauen:

Ich dachte, ich könnte irgendwo einen Job an einer Tankstelle kriegen und Benzin und Öl in Autos schütten. Mir war's egal, was für ein Job das sein würde. Bloß dass die Leute mich nicht kannten und ich keinen kannte. Ich dachte, dann könnte ich so tun, als wäre ich einer von diesen Taubstummen. Auf diese Weise brauchte ich mit keinem irgendwelche verfluchten dummen sinnlosen Gespräch zu führen. Wenn niemand mir was sagen wollte, müsste er es auf einen Zettel schreiben und mir hin schieben. Nach einer Weile fänden Sie das sicher ungeheuer langweilig, und dann wäre ich mit der Unterhaltung für den Rest meines Lebens durch. Alle würden glauben, ich wäre einfach ein armer taubstummer Arsch, und mich in Ruhe lassen. Sie würden mich Benzin und Öl in ihren dummen Autos schütten lassen und mir dafür einen Lohn bezahlen, und mit der Kohle, die ich dann machte, würde ich mir irgendwo eine kleine Hütte bauen und für den Rest meines Lebens dort wohnen. (...) ich würde immer selber kochen, und später würde ich dann gern heiraten oder so, was weiß ich, ich würde ein schönes Mädchen kennenlernen, das auch taubstumm wäre, und wir würden heiraten, sie würde zu mir in meine Hütte ziehen, und wenn sie was zu mir sagen wollte, müsste sie es auf einen verfluchten Zettel schreiben wie jeder andere auch. Wenn wir dann Kinder hätten, würden wir sie irgendwo verstecken. Wir könnten ein Haufen Bücher kaufen und ihnen Lesen und Schreiben selber beibringen.

Einerseits sehnt er sich nach Familie und nach geregeltem Leben, aber nur nicht so sein wie andere, und andererseits ist ihm alles schnell bieder.

Der Schluss hat mir besonders gut gefallen, indem Holden zu seinen Lesern spricht und sagt, dass er jetzt nicht verraten möchte, wie seine Geschichte weitergehen werde, und dennoch erfährt man doch eine ganze Menge über seine Zukunftspläne, die zusammen mit den Eltern wohl geschmiedet wurden, er sich in Therapie begeben hat, aber man erfährt es eher in einer indirekten Form:
Ich möchte euch nicht mehr erzählen. Ich könnte euch noch erzählen, was ich machte als ich nach Hause kam, und wie ich krank wurde :), und welche Schule ich im Herbst besuchen werde . Und viele fragen mich, vor allem der Psychoanalytiker, den sie hier haben, ob ich mich in der Schule anstrengen werde, die ich im Herbst besuchen werde... 
Für mich las es sich wie ein ausgesöhntes Ende... .

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„Musik ist eine Weltsprache“
         (Isabel Allende)

Gelesene Bücher 2012: 92
Gelesene Bücher 2011: 86


Jerome David Salinger / Der Fänger im Roggen (1)

Erste Buchbesprechung zur o. g. Lektüre

Mir hatte das Buch anfangs ganz gut gefallen, da es an vielen Stellen doch auch recht witzig geschrieben war und es mich arg zum Lachen gebracht hat.
Ab der Mitte des Buches allerdings entwickelte es sich ganz anders. Ich konnte das Buch eigentlich nicht mehr riechen, da alles so furchtbar negativ hinterfragt und kommentiert wurde, was das Verhalten der Mitmenschen der jungen Hauptfigur namens Holden Caulfield, siebzehn Jahre alt, betrifft, da vieles eigentlich doch von seinem Denkmuster her sich wiederholt... . Absolut pubertär, ein wenig arg übertrieben. . Aber vielleicht wirkt das nur so auf mich, da uns Holden an seinen Gedanken und seinen Gefühlen teilnehmen lässt, während der Außenstehende davon nichts mitbekommt und nur die Fassade sieht... .

Erst die letzten Kapitel fand ich wieder interessant und schön, da sich etwas in der Beziehungsdynamik geändert hat, die Beziehung zur kleinen zehnjährigen Schwester, die ihm ordentlich die Meinung geblasen hat, als er von der vierten Schule hinausgeworfen wurde... . Ein junger Mensch, der mich so richtig an Edgar Wibeau zurückerinnern lässt, geschrieben von Ulrich Plenzdorf, Die neuen Leiden des jungen W. , der irgendwie alles und jeden hinterfragt und nichts wirklich gut heißt . Edgar Wibeau hatte sich zwar hauptsächlich auf die unglückliche Liebe bezogen, aber gleichzeitig doch auch die spießige Gesellschaft der 1970er Jahre hinterfragt und abgelehnt hat. Plenzdorfs Geschichte allerdings endet tragisch, während beim Sänger sie positiv endet.

Die Jugendsprache fand ich bei Sänger aus meiner Sicht ein wenig gekünstelt dargestellt... . Da ich nun allgemein meine Eindrücke geschildert habe, schreibe ich die Buchbesprechung im nächsten Posting, s. oben.



Freitag, 21. Dezember 2012

Jerome David Salinger / Der Fänger im Roggen



Verlag: Rowohlt Tb.

2007, 8,99 €

7. Aufl.

Seitenzahl: 272

ISBN-13: 9783499235399
                      




Klappentext

Der sechzehnjährige durch New York irrende Holden Caulfield ist zu einer Kultfigur ganzer Generationen geworden. "Der Fänger im Roggen" war J. D. Salingers erster Roman, mit dem er weltweit berühmt wurde. Allein im Rowohlt Taschenbuch wurden anderthalb Millionen Exemplare verkauft. 


Autorenportrait 

Es gibt auch zu diesem Autor keinen Klappentext und deshalb zitiere ich Wikipdia:

Jerome David Salinger (* 1. Januar 1919 in New York; † 27. Januar 2010 in CornishNew Hampshire,[1] meist abgekürzt als J. D. Salinger,  war ein US-amerikanischer SchriftstellerSalinger wurde als Sohn des polnisch-jüdischen Vaters Solomon Salinger und einer Mutter schottisch-irischer Abstammung geboren. Die Familie des Vaters kam aus Litauen, der Großvater, der Rabbiner Simon F. Salinger, wurde 1860 in Tauroggen geboren. Die Mutter Marie Jillich war vor der Heirat als Miriam Jillich zum Judentum übergetreten.
 Der Autor Jerome David Salinger ist mir unbekannt. Auf das Buch bin gestoßen durch einen Bekannten meiner Dienststelle, der mein Gruppenangebot Literatur nutzt. Nun haben wir es uns beiden zur Aufgabe gemacht, das Buch über die Feiertage zu lesen.







Mohammed Hanif / Alices Bhattis Himmelfahrt (2)

Zweite Buchbesprechung zur o. g. Lektüre

Die Protagonistin des Buches nennt sich Alice Bhattis, Katholikin seit der Geburt, wurde als Jugendliche in eine Besserungsanstalt gesteckt wegen versuchten Totschlags. Dabei reagierte sie aus der Notwehr heraus, als man sie körperlich bedrohte. Aus der Anstalt entlassen, bewirbt sie sich als Krankenschwester im Krankenhaus Herz Jesu (hat eine symbolische Bedeutung). Die Ausbildung erfolgte in der Besserungsanstalt.

Das Krankenhaus tat sich schwer, Alice einzustellen aufgrund ihrer Herkunft..., doch sie hatte es geschafft, hat das Vorstellungsgespräch mit viel Mühe überwunden. Viele Fangfragen musste sie zudem beantworten. Die Klinik klagt unter einer chronischen personellen Unterbesetzung, so dass sie keine große Wahl hat, sich gegen die Bewerberin zu entscheiden. Das Krankenhaus beinhaltete alle möglichen Stationen, so wie auch die psychiatrische Station, "Zentrum für psychische und geistige Erkrankungen". Doch besonders auf der psychiatrischen Station gab es noch weniger Ärzte und Pflegepersonal, und so befinden sich diese kranken Menschen viel mehr in Verwahrung und erhalten alle die selbe medikamentöse Behandlung. Für mich kaum vorstellbar, da auch ich beruflich psychiatrisch tätig bin und die vielen unterschiedlichen Krankheitsbilder kenne. Die Menschen erhalten pro Tag alle eine Dosis von 600 mg Lithiumsulfat und sind auf sich selbst gestellt. Allice geht damit ein wenig humorvoll um und sagt sich, dass zumindest hier Gleichbehandlung bestehe. Die Ironie bezieht sich auf den Geschlechterkampf, wobei ich mir nicht sicher bin, ob der Begriff Geschlechterkampf  hier richtig platziert ist, da die Frauen kaum eine Chance haben, für die Gleichbehandlung der Geschlechter zu kämpfen... . Aber sie kämpften trotzdem auf ihre mögliche Art und Weise... .

Auf die psychiatrische Station werden meist Pflegekräfte geschickt, und hauptsächlich auch Frauen, obwohl sie oft von den Kranken körperlich bedroht werden... . Aber es gibt nicht genug männliche Pflegekräfte. Alice bekommt den Tipp von ihrer älteren Kollegin, sie solle, wenn sie angefasst werde, so tun, als sei alles normal... . Sie dürfen sich nicht beschweren und auch nicht klagen. Nicht nur hier, sondern überall in der Gesellschaft bekommt die Frau immer die Schuld zugewiesen, unabhängig davon, wie sie sich verhält. Da stellt sich mir die Frage, ob die Existenz einer Frau zu einer Schuldfrage wird? Auf den anderen Station übernehmen die Pflegekräfte oft Aufgaben, die hier bei uns nur ÄrztInnen durchführen dürfen. Im Kreißssaal dieses Herz Jesu Krankenhauses z.B. sind es die Pflegekräfte, die die Kinder zur Welt holen. Man kann sich leicht vorstellen, dass viele Säuglinge es lebend nicht schaffen, geboren zu werden.

In der Klinik ist auch Noor eingestellt, der zusammen mit Alice in der Besserungsanstalt war. Noor ist als einfache Schreibkraft eingestellt. Er war Analphabet und wurde in der Klinik von Dr. Pereira alphabetisiert.  Noor und Alice sind noch recht junge Leute. Noor gibt Alice den Tipp zu heiraten:

"Wahrscheinlich solltest du heiraten. Ich habe gehört, ein guter Ehemann sei das beste Heilmittel gegen Albträume. Und weißt du auch warum? Weil du dann mit einem Albtraum schläfst."

Fand ich schon recht ausdrucksstark, selbst von einem Mann gesprochen, und macht deutlich, wie schwer und bedrohlich es Frauen hier haben.

Korruption und Kriminalität dominieren den Arbeitsalltag. Auf der Inneren Station wird Alice ein weiteres Mal bedroht, als sie gezwungen wird, das männliche Geschlechtsteil eines Anwesenden mit ihrer bloßen Hand zu befriedigen, in der anderen Hand hielt der Besucher eine Pistole. Als sie sich wehrt, indem sie ihm mit einem Rasiermesser in den Penis schneidet, kommt es zu bösen Folgen. Ihre ältere und erfahrene Kollegin Hina Alvi rügt sie, indem sie sie für zwei Wochen aus dem Dienst suspendiert, damit der Peiniger sich vorerst an ihr nicht rächen kann:


"Du bist nicht die Erste und wirst auch nicht die Letzte sein, der man gelegentlich etwas unter die Nase hält (…). Es wäre deine Aufgabe gewesen, den Mann zu überreden, ihn wieder zurück in die Hose zu stecken und sie zu schließen. Darin besteht deine Ausbildung. Nicht darin, an jemandem herum zu schnippeln." (…).
" Meinen Sie, ich sollte zur Polizei gehen? Es war Notwehr, das wissen Sie." Alice weiß, dass sie nicht zur Polizei gehen wird - sie hat ihr halbes Erwachsenenleben versucht, der Polizei aus dem Weg zu gehen-, aber sie will wissen, was Schwester Hina Alvi dazu sagt: Diese schüttelt entnervt den Kopf, als wäre Alice Bhatti ein dummes Kind, das ständig fragt, warum die Leute auf der anderen Seite der Erde nicht in den Weltraum fallen, weil die Erde doch rund ist. "Im Krankenzimmer hattest du es nur mit einem Mann zu tun. Auf der Polizei wärst du mit einem ganzen Revier konfrontiert. Du würdest eine Kettensäge brauchen." (…).
" Eigentlich werde ich dafür bestraft, dass ich mich gegen einen bewaffneten Angriff gewehrt habe."

Hina Alvis Ratschläge sind aus ihrer eigenen Erfahrung gesprochen. Sie ist einundfünfzig Jahre alt und war dreimal verheiratet und ist dreimal geschieden worden. Auch sie führte den Geschlechterkampf, einmal mit den Ehen und einmal innerhalb ihres Berufes. Sie konnte nichts erreichen und was ihr blieb, war Resignation oder innere Methoden entwickeln, die ihr das Überleben in dieser patriarchalischen Gesellschaft sicherten.

Obwohl Alice als Frau recht selbstbewusst wirkt, und sie auch gelernt hat, dass Frauen, die sich ausschließlich um ihre Schönheit kümmern, oft zu Opfern werden:

"Alice Bhatti hat ihre eigenen Beobachtungen angestellt und glaubt erkannt zu haben, welcher Typ Frau es ist, der die falsche Art von Aufmerksamkeit auf sich zieht. Diese Frauen stolpern von einem Mann, der sie schlägt, zum nächsten, der ihnen die Nase abhackt, dann in die Arme des unvermeidlich letzten, der ihnen die Kehle durchschneiden wird."

Ein wenig makaber, aber es ist bekannt, dass in solchen patriarchalischen Systemen für den Mann jede Tat legal ist. Selbst die banalsten Dinge können für eine Frau gefährlich werden:

"Alice isst niemals in der Öffentlichkeit. Sich etwas in den Mund zu stecken, kann auf jeden Fall als Aufforderung gedeutet werden, dir irgendetwas Grauenhaftes in die Kehle zu rammen. Wer seinen Hunger zeigt, zeigt offensichtlich ein Verlangen."

Wenn junge Frauen zeigen, dass sie sexuell aufgeklärt sind, werden Männer recht misstrauisch und hegen den Verdacht, dass sie sexuell schon sehr erfahren sind und sie sexuellen Kontakt mit anderen Männern genossen haben. Alice wurde in ihrer Ausbildung zur Krankenschwester aufgeklärt und als sie mit ihrem Mann über Spermien sprach, weil er das Thema gewählt hatte, wäre es beinahe zum Verhängnis gekommen... .

Männer sind immer hungrig und Frauen immer traurig, das fragen sich einige Männer, woran das liegt, dass Frauen traurig sind, obwohl sie glücklich sein müssten:

"Hunger verstehe ich ja noch, weil der Mann jede Nacht schwer arbeiten muss, manchmal sogar mehr als einmal in einer Nacht, aber warum werden die Frauen traurig, wenn sie verheiratet sind? Sollten Sie nicht eigentlich froh sein? Sie haben Ihren Partner gefunden, den Vater ihrer zukünftigen Kinder, den Mann, den sie zwingen werden, so schwer zu arbeiten, dass sie nach seinem Tod begehrte Witwen sind." 

Konflikte gibt es auch oft, wenn Menschen ihre Religiosität zeigen und verbergen sie ganz oft, weil sie oft Nachteile erleiden müssen.

"Eine verheiratete Muslimkrankenschwester ist nicht viel besser als eine ledige christliche. Du wirst höchstens doppelt versklavt."

Alice hat geheiratet, was man eigentlich auch als Leserin nicht erwartet hat, da sie doch eine recht selbstbewusste Frau ist und in der Lage ist, die Welt der Männer zu durchschauen. Dennoch ging sie den Bund der Ehe ein, doch auch diese Ehe verlief nicht glücklich. Überhaupt das gesamte Schicksal Alices verlief nicht glücklich und nur der Chefarzt der Klinik, Dr. Pereiras, weiß um das schwere Schicksal dieser beiden jungen Leute, Alices und Noors:

"Dr. Pereiras Ärger über Alice Bhatti und Noor ist der eines privilegierten gegenüber weniger begünstigten, denen man eine Chance gegeben hat, die jedoch entschlossen sind, sie zu vergeuden. Die Menschen, die sich weigern, das Haus zu verlassen, selbst wenn das Wetter schön ist. Die sich in ihrem Unglück suhlen, wenn auf der Straße getanzt wird. Sich weigern teilzuhaben, wenn Geschichte gemacht wird. Dr. Pereira ist Mensch genug, um zu wissen, dass Alice und Noor ihr Unglück nicht verschuldet haben, aber er hat auch nicht genügend Fantasie, um zu erkennen, wie verzweifelt sie sich bemühen, ihr Schicksal umzuschreiben."

Der letzte Satz hat mich total berührt, das Schicksal umzuschreiben...

"Noor hat genug Zeit im Krankenhaus verbracht, um zu wissen, was man hier wirklich denkt: dass Schwester Alice in der Gosse aufgewachsen ist und noch immer ihren Gestank an sich trägt. Dass Noor im Gefängnis zur Welt gekommen und aufgewachsen ist und ihm der Geruch des Sklaven anhaftet."

Wenn man so etwas liest, kann man nur Mitleid für diese Menschen wie Alice und Noor haben. ich frage mich, wie eine  Feministin Alice Schwarzer in solch einer Gesellschaft überleben würde? Die Frauen hier haben keinerlei Chancen, sich zu emanzipieren. Der Kampf endet schließlich nach innen, um zu überleben und nicht ermordet zu werden. Bei vielen anderen endet er tatsächlich mit dem Tod... .

Zum Schluss geht es nochmal darum, herauszufinden, was gute Menschen sind und weniger gute nach der Definition der katholischen Kirche. Es wird die Frage gestellt, ob nicht Alice Bhattis jemand ist, die man als Heilige bezeichnen könne, die den ganzen Mut aufgebracht hat, im Krankenhaus sich für andere Menschen stark zu machen und sich einzusetzen und selbst ihr Leben zu riskieren? Alice ergreift zum Schluss ein sehr schweres Schicksal, das ich aber offen lassen möchte und schließe somit diese Buchbesprechung. Aber meine ganze Anerkennung zollt diesen Menschen wie Alice, Noor und vielen andere Menschen auch, die in schwere, fundamentalistische und kriminelle Verhältnisse geboren werden. Meine Anerkennung zollt auch dem Autor, auch wenn mir ein paar Szenen nicht wirklich glaubhaft erschienen sind.

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„Musik ist eine Weltsprache“
         (Isabel Allende)

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Mohammed Hanif / Alice Batthis Himmelfahrt (1)

Erste Buchbesprechung zur o. g. Lektüre

Zu Beginn versuchte ich mir vorzustellen, was der Titel des Buches wohl bedeuten mag? Die Antwort erfährt man auf den letzten Seiten, im Epilog sozusagen. Um die Spannung nicht zu nehmen, werde ich mich darüber nicht auslassen. Wenn es sich gar nicht vermeiden lässt, so werde ich mich nur angedeutet und kurz dazu äußern. Es gibt aber noch so viel anderes, das ich mir näher betrachten kann.

Das Buch hat mir insgesamt recht gut gefallen. Auch den Schreibstil fand ich als gekonnt dargestellt. Dass die Welt in dem Buch so furchtbar grausam dargestellt ist, ja, das ist sie, recht grausam, das scheint wohl, wie man das auch aus der Presse recht oft entnimmt, ein Abbild der Realität des südasiatischen Landes Pakistan, aus dem der Autor stammt, zu sein.

Viele, viele Religionen, Pakistan und Indien, von denen ich zuvor noch nie etwas gehört habe. Im Vergleich wahrscheinlich wie bei uns Christen es die Katholiken und die Protestanten gibt. Ich habe mir jetzt nicht alle Konfessionen gemerkt. Muss man auch nicht. Wichtig ist aber der Platz, den die Religionen in dieser patriarchalischen Gesellschaft erhält, und diese den Alltag der dort lebenden Menschen bestimmt. Ich frage mich nur, sind es die Religionen, die die Menschen zu Bestien machen? Oder wird die Religion als Vorwand benutzt? Oder werden Männer von klein auf erzogen, dass Frauen wertlose Geschöpfe seien und sie ihnen dienen müssen, weil der Mann, angeblich als das starke Geschlecht, die Welt regiert... . Aus meiner Sicht ist es die Lust nach Macht, sich bedienen, wonach er verlangt... . Und so werden Frauen oftmals als ein bloßes Objekt gesehen.

Richtig gut gefallen hat mir auch, dass der Autor viel über die Stellung der Frau in der Gesellschaft geschrieben hat. Er ist parteiisch und stellt sich auf die Seite der Frauen, die schlecht behandelt werden. Ein Mann, der sich in eine Frau hineinzuversetzen in der Lage ist, vor dem habe ich Respekt.

Ich habe mich des öfteren gefragt, wie ich mit dem gelesenen Buch umgehen soll, ich, die aus einer völlig anderen Welt komme, und möchte mich aber keineswegs über diese Menschen stellen, dass sie z.B. in rückständigen Systemen leben. Statt dessen möchte ich lieber mitfühlend sein, Menschen gegenüber, die in so eine Welt hineingeboren werden, und sie lernen müssen, dieses System mit ihrem Leben zu überwinden. Wir können oftmals nicht einmal Familienprobleme lösen, wie schwer muss es erst sein, die Probleme eines ganzen Landes zu lösen? Ich möchte nicht urteilen, hoffe, dass es mir gelingen wird. Stattdessen möchte ich mich mit den Opfern und den mutigen Menschen, die sich für eine bessere Welt einsetzen, solidarisieren. Mehr kann ich nicht tun, ein kleiner Beitrag zum Weltfrieden... .

Da ich nun so viel geschrieben habe, Gesamteindrücke, die ich nicht zur Seite schieben wollte, werde ich eine  zweite Buchbesprechung im nächsten Posting schreiben, in der Zitate eingefügt werden.




Mittwoch, 19. Dezember 2012

Mohammed Hanif / Alice Bhattis - Himmelfahrt



A1 - Verlag
272 Seiten 
gebunden 
€ 19,90 
ISBN 978-3-940666-22-2
2. Auflage



Klappentext


Im Zentrum des Romans steht das Herz Jesu Krankenhaus in Karachi. Alice Bhatti, eine junge Christin, bekommt eine Stelle als Assistenzkrankenschwester. Einige Zeit zuvor aus der Besserungsanstalt entlassen und in das Haus ihres Vaters im Christenghetto French Colony zurückgekehrt, gelingt es ihr mit ihrem unerschrockenen, zupackenden Auftreten schon bald, im chaotischen Alltag des vollkommen überfüllten und desolaten Krankenhauses Fuß zu fassen. Unterstützung erhält sie von dem 17-jährigen Jungen Noor, der dort als Schreiber angestellt ist und Alice vergöttert, sowie von der anfangs harschen, unzugänglichen Oberschwester Hina Alvi.


Autorenportrait

Mohammed Hanif, geboren 1965 in Okara/Pakistan, war Pilot der pakistanischen Luftwaffe, bevor er eine Karriere als Journalist einschlug. Ende der neunziger Jahre übersiedelte er mit seiner Familie nach London. Er schrieb Theaterstücke und Drehbücher und absolvierte das renommierte Creative Writing Programme der University of East Anglia. Im Herbst 2008 kehrte er nach Pakistan zurück und arbeitet dort als Korrespondent der BBC. Er lebt in Karachi.»Eine Kiste explodierender Mangos« ist sein erster Roman, der bereits kurz nach Erscheinen für den Man Booker Prize nominiert wurde.


Neu entdeckt habe ich den Autor auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse. Ich habe mir zwei Werke von dem Autor gekauft. Das obige Werk ist das der erste Band, den ich von ihm lese. Mich haben die Klappentexte angesprochen. Literatur aus Pakistan hatte ich bisher noch nicht gehabt. Ich betrete demnach Neuland, speziell aus dem asiatischen Raum. Allerdings habe ich mit islamischer Literatur schon mehrfach zutun gehabt.

Das zweite Buch Eine Kiste explodierender Mangos steht noch ungelesen in meinem Regal.







Dienstag, 18. Dezember 2012

Ernst Augustin / Robinsons blaues Haus (1)

Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre 

Das Buch ist recht kompliziert zu lesen, aber ich schreibe trotzdem darüber, da ich neugierig bin, was sich mir bewusst und unbewusst für Gedanken und Ideen zu dem Inhalt auftun.

Es ist nicht so, dass es mir gut gefallen hat, aber es ist auch nicht so, dass es mir nicht gefallen hat. Der Roman ist voller Bilder und Ideen. Manchmal recht traurige und manchmal verpackt in Humor. Der Roman ist voller Räume, innen und außen... . Man darf nicht fragen, was wahr ist und was falsch ist. Viele, viele Welten treten hier zum Vorschein. Welt innen, Welt außen..., zerlegt in viele kleine andere Welten... , real, surreal und irreal ... . In diesem ganzen Komplex gibt es schließlich aus vielen Realitäten eine einzige Wirklichkeit. Ich selbst habe nicht den Anspruch, diese vielen Welten zu verstehen. Die Welten im Inland, die Welten im Ausland. Das Ausland im Inland (BRD / DDR)... . Alles Räume, die sich Robinson, wie auf einer einsamen Insel lebend, selbst kreiert, um psychisch und geistig überleben zu können. Gebäude und Gemäuer zum Selbstschutz. Aber einige Räume, Gebäude sind recht stilvoll gestaltet... . Man muss diese Welten finden und jeweils einen Namen geben, sollte man jene Orte wieder erkennen.

Auch wenn der Name im Buchtitel mit Robinson versehen ist, so ist dies eher ein Fantasiename des Protagonisten des Romans, ein Nickname für Chatrooms. Sein richtiger Name wurde nur einmal erwähnt, dann nie wieder. Man muss also sehr aufmerksam lesen, um gewisse Details nicht zu verpassen. Erst auf Seite dreiundfünfzig erfährt man den richtigen Namen von alias Robinson. Er heißt Thomas Hilprecht jr. und kommt aus Lübeck. Er ist das einzige Kind dieser dreiköpfigen Familie. Sein Vater ist Bankier und beruflich oft verreist. Von der Mutter erfährt man nicht sehr viel, außer dass sie Hausfrau und Mutter ist und recht früh verstarb.

Der Protagonist ist kein Kind mehr, lässt uns aber retrospektivisch an ein paar Ereignissen seiner Kindheit teilnehmen. Sein Vater z.B., der ihm prophezeite, dass er es im Leben mal schwer haben werde und er auch keine Freunde haben würde, machte es sich mit dieser Mentalität ein wenig einfach, denn er weiß nicht, was es mit dem
Jungen macht, der so eine Welt einsuggeriert bekommt...

Du wirst entdecken, dass du allein bist, dass du dich auf einer Insel befindest - merke dir, mein Sohn - inmitten eines Ozeans von Menschen über Menschen, die alle laut reden und alle etwas anderes meinen. Die Ihre Seele daransetzen werden, dich von dieser Insel - so selig sie immer sein mag - zu vertreiben. Es sind sechs Milliarden, alle miteinander  ... .

Der Vater war nicht autoritär, doch sehr pflichtbewusst und legte viel Wert auf die Durchschnittlichkeit in Form des nicht aus der Rolle fallen, und immer schön brav und anständig dem geregelten Leben nachgehen.  Statt den Sohn noch für andere Berufe neugierig zu machen, sorgte er dafür, dass Thomas nach der Schule auch Bankkaufmann wird und so tritt der Junge in die Fußstapfen seines Vaters. Der Vater wollte den Sohn in sichere Bahnen wissen.

Allerdings lässt dieser Wunsch nach Durchschnittlichkeit noch andere Schlüsse zu. Politische Motive könnten den Vater dazu bewegt haben, nicht aufzufallen, um sich nicht zu gefährden. Der Deutungen, so bin ich sicher, gibt es viele.

"Ich weiß", sagte mein Vater, "dass du in deiner Bank nicht übermäßig glücklich bist. Dass dir diese geordneten Verhältnisse, wie sie geboten werden, wenig erstrebenswert erscheinen, ich weiß. Das gute Ein- und Auskommen, mit Pensionsanspruch, selbst die vorhandenen Aufstiegsmöglichkeiten erscheinen dir wenig verlockend. Also mittelmäßig. Ich weiß. Deshalb lass dir sagen, mein Sohn, Mittelmäßigkeit ist eine Gnade! Das mag dir vielleicht noch nicht einsehen, aber lass dir sagen, sie ist die wahre Tugend, die den Menschen durchs Leben bringt."

Von den Problemen seines Sohnes dagegen wusste der Vater nichts, als dieser noch klein war und von Mitschülern gehänselt wurde, da er berufsbedingt zu selten zu Hause war.
Doch schon in der Schule machte der Junge die Erfahrung, von den Klassenkameraden ausgestoßen zu werden. Um aus dieser Außenseiterrolle zu kommen, hätte er eine schwere Bewährungsprobe bestehen müssen. Doch er konnte sich geschickt drücken, und erfand einen Raum auf dem Hof, wo ihn niemand finden konnte... . Das Versteckenspiel hörte auf, als die Familie schließlich kurze Zeit darauf durch glückliche Umstände den Wohnort wechselte... .

Als Erwachsener beschreibt sich Robinson folgendermaßen:

Er sei ein Mensch, der nichts mit sich herumträgt. Kein Gepäck, keine Taschen, nicht mal einen Schirm, wenn dann nur einen Mantel, den er sich über die Schultern wirft. Jedenfalls kann er jeder Zeit von seinem Platz aufstehen und verreisen, (...) sich in den Zug setzen und nach Kopenhagen zu fahren.

Ein wenig absurd diese Beschreibung. Aber sie gefällt mir. Die Vorstellung auf diese Weise von jetzt auf gleich sich in den Zug zu setzen und verreisen, ist unkompliziert und schön.

Robinson ist der Nickname, abgeleitet von Daniel Defoes Roman Robinson Cruso. Und ich nenne ihn jetzt auch Robinson. Robinson befindet sich im Chat-room und spricht mit Freitag. Es wird hier auch die Anonymität thematisiert, die Gesichterlosigkeit und was daraus folgt:

(…) das Gesicht, ohne Gesicht wird der Mensch waghalsig und schämt sich nicht. D.h. heute schäme ich mich, wenn auch nicht sehr, ich schäme mich virtuell, fast oder beinahe.

Freitag ist die anonyme (Fantasiefigur / aus Robinson Cruso), mit der Robinson sich austauscht. In seiner Vorstellung gibt es auch eine Frau Freitag, doch Herr Freitag negiert diese Figur, tut sie als nichtexistent ab. Frau Freitag, die es nur in seiner Vorstellung gäbe. Und in der Tat. Er verabredet sich mit Frau Freitag, doch Frau Freitag erscheint nicht.

Er geht Schwimmen, seine Mutter bittet ihn, wieder zu kommen. Wieso bittet sie ihn wieder zu kommen? Der Junge assoziiert es mit einem Seemann, der sein Bestes tut, und dass nicht jeder Seemann ein nasses Grab erhielt. Nasses Grab *lol*. Schöne Metapher, auf die ich später noch einmal zu sprechen komme.

In dem Buch tauchen auch zwei männliche Figuren auf, wo ich glaube, dass sie stellvertretend für die Stasi stehen. Sie suchten eines Tages den Vater auf, der Vater selbst befand sich auf der Flucht. Es sagte zu seinem Sohn, dass, wer ihn nicht kennen würde, so könne dieser ihn auch nicht verraten. Der Erwachsene junge Mann machte sich Sorgen um seinen Vater und glaubte, die väterliche Seele in einer Schreibtischschublade gefunden zu haben.

Skizzen und Pläne, einen ganzen Haufen, ich habe geweint. Pläne für Schlafsäcke, für Polsterstiefel, für warme Mützen, Körperhüllen zum Überleben in Eiswüsten. Man bedenke, Eiswüsten! Ausgemessen, berechnet, sorgfältig beschriftet, eine Arbeit zum Weinen. Da ist dieser Mensch, der sich anscheinend nichts sehnlicher wünscht, als dorthin zu gehen, wohin ihm niemand folgen kann. Im Eissack, in der Polarausstattung, man bedenke. Es war nicht so sehr die völlig unsinnige Vorstellungskraft, die mich weinen machte - Amundsen und Ericson hatten auch ihre Einfälle; es war die Sorgfalt, mit der hier ein eisiger Traum geplant worden war, die unbeirrbare väterliche Präzision.

Hier kommen die Nöte des Vaters richtig zur Geltung. Viele Überlegungen, wer es schaffen könnte, das Land zu verlassen, entstehen. Zu seinem Sohn sagt er:

"Sie können dir nicht folgen, weil ihnen Eiszapfen unter der Nase wachsen, bei sechzig Grad Minus. Als Beispiel. Du hast dir erfindungsreich einen Tropfenfänger gebaut, ein Tröpfchen in der Kopfhaube, so dass dir keine Eiszapfen wachsen. Du gehst, gehst immer weiter, fernab das Jaulen der Verfolger".

Eiszapfen unter der Nase wachsen, *lol*. Gefällt mir sehr.

Irgendwann, nachdem Robinson seine eigenen Erfahrungen gemacht hat erkennt er, dass der Mensch selbst sein eigenes Haus sei,

" (…) So kommt er rüber und so geht er raus,mächtig und prächtig,ärmlich erbärmlich,das ist der Mensch und so sieht er aus."

Wirkt auf mich ein wenig pessimistisch aber trotzdem schön.

Auf der Seite zweihundertfünfzig werden andere Häuser beschrieben. Und sie haben mir alle gefallen. Zumindest die Ideen, die Vorstellung solcher Häuser. Robinson verreist, er verreist in den Süden, in den Norden, zu den Afghanen usw..
Das Haus des Nordländers sei nach allen Seiten hin offen und zugänglich. Das Haus würde unter einer dicken Wetterhaube auf freiem Gelände sitzen.
Dagegen das Haus des Südländers sei genau das Gegenteil. Es sei geschlossen und eingemauert. Es besitze weder Fenster noch Türen. Irgendwo in einem Mauergang befände sich die Pforte.
Dagegen das Haus des Japaners bestehe nur aus Papier... . Usw.

Auch gibt es einen Vogel, oder vielmehr ein Adler, der schwarz-weiß gestreift ist, mit einer goldenen Brust, und der recht skeptische Blicke auf Robinson wirft. Ob damit die BRD gemeint ist, sozusagen nach dem Mauerfall, und er sich als Gast begreift und als Gast angenommen wurde?

Auf den letzten Seiten plant Robinson zum Schluss ein großes Haus zu bauen.

Es wird ein großes Haus werden. Mit vielen Korridoren und Ein-und Ausgängen, je nachdem, ob man hinein oder hinaus will, man ist ja nicht immer derselbe. Es geht hinauf und hinab, prächtig symmetrisch soll es werden und zugleich mächtig krumm und unübersichtlich, möglichst verbaut. Es soll genügend abgelegene Winkel haben, Scheintüren und Scheinwände, dass man nie ganz sicher sein kann, wo genau man sich befindet.

Das Haus stehe dafür, sich mit sich selbst dort einzurichten. Sich selbst Räume geben, sich selbst finden, sich selbst Schutz gewähren. Der Autor beschreibt es als ein Haus des Inneren, das ihm ermöglicht, in sich selbst hinein zu gehen. Und er spricht von Landschaften der Seele, auf die man durch die Fenster des Hauses blicken könne. In sich hinein blicken können und Welten entdecken.

Ich komme jetzt nochmal auf das Wasser zu sprechen, da Wasser auch recht symbolträchtig ist. Der Autor spricht von dunklem Wasser, das ganz tief unten fließt, im untersten Keller, im tiefsten Untergeschoss:

Aber es sind schwarze Wasser, die dort fließen, ein schwarzer Strom, schnell, klang und lautlos wie ein Schlangenleib. Sehr tief und sehr weit unten. Das Wasser schwillt, wird breit und bedrohlich und fängt an zu kurbeln. Das sind meine Ängste, die dort herumschwimmen, die verdrücken Gefühle, die Süchte und das ganze Leid. Aber irgendwann, das verspreche ich, werde ich hingehen und ein tiefes Loch in den Bimsstein graben, ich werde nachsehen, was dort unten ist. Luft ist leicht. Erde ist schwer. Wasser neigt zur Hysterie. Und Feuer, lieber Freund, Feuer ist ganz sicherlich hoch kriminell.

Irgendwann auf den ersten Seiten, so erinnere ich mich, als die Frage gestellt wurde, was wichtiger sei, Geld oder Liebe? Dann kam Leerlauf. Nach dem Leerlauf stand geschrieben beides.

Doch jetzt, zum Schluss, gehen wir wieder zurück in den Chat - Raum, zurück ins Internet, um alles, was dort an Leben abgerufen wurde, wieder zu löschen geht. Nur die Liebe, für die man kein Passwort benötige, bleibe für immer, und nur diese könne man überall mit hinnehmen ... .

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„Musik ist eine Weltsprache“ 
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Sonntag, 16. Dezember 2012

Ernst Augustin / Robinsons blaues Haus


2. Auflage 27.01.2012. 
319 Seiten,: Gebunden
C.H.BECK - Verlag
19,95 €
ISBN 978-3-406-62996-9

Klappentext
Es ist die Fabel vom letzten Robinson in einer Welt nicht mehr vorhandener Freiräume. In Grevesmühlen, in blauer Südsee, im Londoner Kerker, im Spiegelhaus auf dem Wyman Tower. Es gibt einen hochpolierten Freitag, eine Dame mit Schritt, es gibt eine abgesoffene Kirche, ein Imperium von Besenkammern und es gibt Luxus, illuminierte Zahnbürsten, Tangomusik, bernsteinfarbenes Licht. Vor allem gibt es eine Unmenge virtuellen Geldes, mit dem man das alles kaufen kann und das sich auf Knopfdruck „löscht“. Und der beste Freund erweist sich dann als der tödlichste. Eine letzte Robinsonade, ja, aber eine poetische von nie gesehener Farbigkeit, genau so – der Autor ist seit drei Jahren erblindet.


Autorenportrait

Ein Autorenportrait gibt es im weiteren Klappentext keinen. Auch der Verlag vom Autor keine biografischen Daten vorliegen.

Bei Wikibedia:
Ernst Augustin, geb. am 31. Oktober 1927 in Hirschberg im Riesengebirge, ist ein deutscher Schriftsteller.verbrachte seine Jugend in Schweidnitz und Schwerin, wo er die Oberschule besuchte. Die HJ-Mitgliedschaft war für ihn mit Langeweile und Stumpfsinn verbunden, dem er sich zu entziehen suchte.[1] Nach Kriegsende legte er 1947 die Reifeprüfung ab. Von 1947 bis 1950 studierte er in Rostock Medizin; danach wechselte er an die Humboldt-Universität zu Berlin, wo er 1952 mit seiner Dissertation mit dem Titel Das elementare Zeichnen bei den Schizophrenen promovierte. Er arbeitete von 1953 bis 1955 als Unfallchirurg in Wismar und 1955 bis 1958 als Assistenzarzt für Neurologie und Psychiatrie an der Ost-Berliner Charité.1958 floh er aus der DDR in die Bundesrepublik. Bis 1961 leitete er ein amerikanisches Krankenhaus in Afghanistan. Er bereiste Pakistan, Indien, die Türkei und die Sowjetunion. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland war er Stationsarzt an der Münchner Universitäts-Nervenklinik. Diesen Posten gab er 1962 auf; er arbeitete aber noch bis 1985 als psychiatrischer Gutachter. Augustin ist Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste und der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.Augustin ist ein eigenwilliger Vertreter der phantastischen Literatur in der Nachfolge Kafkas und der Surrealisten. Vorherrschendes Thema seiner Romane ist die Persönlichkeitsspaltung.Er lebt mit seiner Frau in München. Bei einer Hirnoperation wegen eines Tumors 2009 erblindete er.[1]
 Eine Interessante Persönlichkeit. Das Buch habe ich allerdings nur des Covers wegen gekauft, das mich tief bewegt hat. Man merkt dem Autor an, dass er Psychiater ist, da alle Cover seiner Bücher  sich von anderen so abheben, dass  man ihnen irgendwie etwas Tiefgründiges im Bereich der Psyche ansieht.
Kurze Zeit später wurde das Buch auch  im Literaturradio besprochen... .

Ich habe mal ein paar Seiten gekostet und ich denke, es kommt ein recht schwermütiges Thema auf mich zu.








Ernest Hemingway / Paris, ein Fest fürs Leben (1)

Eine Buchbesprechung zur o. g. Buches

Papa Hemingway von A. E. Hotcher hat mir besser gefallen. Das obige Buch besteht aus unfertigen Manuskripten, Fragmente, da Hemingway sich vorzeitig das Leben nahm, was ich so schade finde. Ich denke, dass in ihm immer die Angst ausbrach, nicht mehr schreiben zu können. Dem ist im Buch sogar ein ganzes Kapitel gewidmet. Seinen Enkelkindern haben wir es zu verdanken, dass wenigsten diese unfertigen Schriftstücke sinnvoll zusammengebracht, bearbeitet und diese publiziert haben. Ohne sie wäre das Buch nie zustande gekommen.

Man hat es hier mit einem recht jungen Hemingway zu tun, Hemingway im jungen erwachsenen Alter. Er war mit Hadley verheiratet und beide hatten ein Kind im Säuglingsalter. Seine Frau rief Hemingway oft mit dem Spitznamen Tatie.
In dem Buch spricht Hemingway oft in der zweiten Person Singular.

In Paris lernte die junge Familie viele Künstler und Schriftsteller kennen, auf die ich später noch zurückkommen werde. Manche Textstellen sind so schön, dass ich die Zitate rausschreibe, aber ohne sie weiter mit dem Inhalt kommentieren zu müssen. Man kann etwas auch zerreden und man verliert sich in überflüssige Erklärungen.

Es war kalt in Paris, und der ein wenig philosophisch gestimmte Hemingway, der recht verfroren ist, wartet sehnsüchtig auf den Frühling, allerdings in großer Sorge:

Manchmal schlug ein stürmischer kalter Regen den Frühling wieder zurück, so dass es schien, als käme er nie und du könntest eine Jahreszeit deines Lebens einbüßen. Das war die einzige wirklich traurige Zeit in Paris, weil sie nicht der Natur entsprach. Im Herbst hast du erwartet, traurig zu werden. Jedes Jahr starb ein Teil von dir, wenn die Blätter von den Bäumen fielen und ihre Zweige kahl in den Wind, in das kalte Winterlicht ragten. Aber du wusstest, immer würde es wieder Frühling werden, so wie du wusstest, dass der zugefrorene Fluss einmal wieder fließen würde. Wenn der kalte Regen anhielt und den Frühling tötete, kam mir das wie das grundlose Sterben eines jungen Menschen vor. Am Ende kam der Frühling in jenen Tagen aber immer; doch war es beängstigend, dass er es beinahe nicht geschafft hätte.

Hemingway war von Beruf Journalist, den er aber an den Nagel gehängt hat, um sich ganz seinem literarischen Schaffen passiv und aktiv widmen zu können. Wenn er länger an seinen Texten gearbeitet hatte, so suchte er danach Abstand über literarische Werke anderer Autoren. Hemingway schrieb also nicht nur viel, er las auch viel.

Um mich nach der Arbeit abzulenken, las ich manchmal Schriftsteller, die meine Zeitgenossen waren, Aldous Huxley, zum Beispiel, oder D. H. Lawrance oder andere, deren Bücher du in Silvia Beachs Leihbücherei bekommen konntest (...).

In Paris lernte Hemingway Getrude Stein kennen, die Künstlerin ist und in Paris ihr Atelier besitzt. Hemingway suchte nach harter getaner schriftstellerischer Arbeit ihre Nähe auf, um sich von seiner Arbeit ablenken zu können.

Wenn ich schrieb, musste ich nach dem Schreiben immer etwas lesen, um meine Gedanken von der Geschichte abzulenken, an der ich gerade arbeitete. Wenn du ständig darüber nachdachtest, ging es für dein Schreiben verloren, bevor du am nächsten Tag weitermachen konntest. Ich musste mich auch sportlich betätigen, mich körperlich erschöpfen, und es tat sehr gut, mit einer Frau zu schlafen, die du liebtest. Das war besser als alles andere. Aber hinterher, wenn du leer warst, musstest du lesen, um nicht zu denken oder dich wegen deiner Arbeit zu sorgen, bis du wieder weitermachen konntest. Ich habe bereits gelernt, den Brunnen meines Schreibens nie zu erschöpfen, sondern stets aufzuhören, wenn im tiefen Teil des Brunnens noch etwas übrig war, und ihn über Nacht von Quellen, die ihn speisten, wieder füllen zu lassen.

Auch in diesem Zitat steckt soviel Weisheit, psychologisches Wissen und Symbole, aber auch die Sorge um seine Arbeit.

Die Künstlerin Gertrude Stein riet Hemingway von Aldous Huxley ab, da Huxley ein toter Mann sei:

"Huxley ist ein toter Mann", sagte Miss Stein. "Wozu wollen Sie einen toten Mann lesen? Können sie nicht sehen, dass er tot ist?"
Ich konnte damals nicht sehen, dass er ein toter Mann war, und sagte, seine Bücher amüsierten mich und hielten mich vom Denken ab.
"Sie sollten nur lesen, was wirklich gut ist oder was rundheraus schlecht ist."
Ich habe den ganzen Winter und auch den ganzen Winter davor wirklich gute Bücher gelesen und werde auch nächsten Winter wieder welche lesen, und rundheraus schlecht Bücher mag ich nicht.
"Warum lesen Sie diesen Schund? Das ist aufgeblasener Mist, Hemingway. Von einem toten Mann."
"Mich interessiert, was die schreiben", sagte ich. "Und solange ich lese, muss ich nicht an mich selber denken".
Doch Gertrude Stein fand auch an D. H. Lawrence etwas auszusetzen, der wie ein Kranker schreiben würde, der zu sentimental und grotesk sei.

Später, Hemingway war vier Jahre mit der Künstlerin befreundet, durchschaute er sie und es wurde langsam auffällig, dass Gertrude Stein an jedem guten Autor etwas auszusetzen hatte.
Auch aus anderen Gründen beendete Hemingway die Freundschaft zu ihr... .

D. H. Lawrence und Hexley habe ich auch gelesen und von Lawrence, den ich mal vor mehr als zwanzig Jahren gelesen hatte, war ich angetan.

Die Gespräche zu anderen Autoren und deren Werke hörte aber damit nicht auf. Paris, nicht nur eine Weltstadt, sondern auch die Stadt der Künstler, gerät man immer wieder in Künstlerkreisen, wenn man selbst Künstler ist.

Da Hemingway seinen Journalismus aufgegeben hatte, fehlte ihm die Einnahmequelle. Familie Hemingway bezeichnete sich dadurch als arm, wobei diese Art von Armut für mich eher als eine relative Armut und nicht als eine absolute Armut zu bezeichnen ist. Haben sich die Eheleute zuvor teure Gemälde und teure modische Kleider geleistet, so mussten sie nun hierbei Abstriche machen.
Durch die relative Armut konnte sich Hemingway keine Bücher kaufen. Also besuchte er regelmäßig  die Sylvia Beach Leihbibliothek. Hemingway hatte noch nicht einmal das Geld, um die Ausleihgebühr zu bezahlen, doch Sylvia Beach zeigte sich Hemingway gegenüber recht wohlwollend, indem sie Hemingway anbot, die Gebühr erst dann zu bezahlen, wenn er dazu in der Lage sei. Er durfte trotzdem Bücher ausleihen.

Aus dieser Bibliothek leihte er sich alle Bücher, die wir heute als Klassiker bezeichnen. Gogol, Tolstoi, Dostojewski u. v. m. . Ich gehe nicht auf alle Autoren ein, zu dem Hemingway sich eine Meinung gebildet hatte. Interessant fand ich die Meinung, beispielsweise seine Erfahrung mit den Büchern von Dostojewski:

Bei Dostojewski gab es Glaubhaftes und Nichtglaubhaftes, aber manches war so wahr, dass es beim Lesen einen anderen Menschen aus dir gemacht hatte; bei ihm konnte man Schwäche und Wahnsinn, Verruchtheit und Heiligkeit und den Irrsinn des Glücksspiels kennenlernen (...).

Ich selbst besitze noch einige ungelesene Dostojewskibücher, so bin ich natürlich durch Hemingway sehr neugierig geworden, und ich nun die Absicht habe, ihn in der nächsten SuB-Spielrunde  zur Auswahl dazu zu nehmen.

Zur Abwechslung möchte ich nun eines Szene wiedergeben, die mich als Katzenliebhaberin sehr erfreut hat. Wie allgemein bekannt, ist Hemingway ein großer Fan von Katzen. Auch in Paris, allerdings nicht in so einer zahlreichen Schar, wie dies in seiner Heimat der Fall gewesen ist. In Paris versorgte er nur eine Katze, die sich auch als Babysitterin einsetzen ließ. Zu der damaligen Zeit war es noch nicht üblich, Kleinstkinder fremden Leuten zur Betreuung anzuvertrauen. Es gab so etwas wie Babysitting noch nicht. Die Katze F. Puss übernahm diese Funktion für das Baby namens Bumby. Es war wieder sehr kalt in Paris, und Ernest Hemingway flüchtete mit seiner Frau zum Arbeiten in Cafés, um sich dort aufzuwärmen. Die Pariser Wohnung war nicht ausreichend geheizt.
Sie konnten aber das Kind nicht immer mit in das Café nehmen, denn:

(...) es war nicht richtig, das Baby im Winter mit ins Café zu nehmen; auch nicht ein Baby, das niemals schrie und alles um sich her beobachtete und sich niemals langweilte. Damals gab es kein Babysitter, und Bambi blieb zufrieden in seinem hohen Gitterbett mit seiner wunderbaren großen Katze, die F.Puss hieß. Manche Leute sagten, es sei gefährlich, ein Baby mit einer Katze allein zulassen. Die am wenigsten Ahnung und am meisten Vorurteile hatten, sagten, Katzen würden einem Baby den Atem wegsaugen und es töten. Andere sagten, Katzen würden sich auf das Baby drauflegen und es mit ihrem Gewicht erdrücken. F. Puss lag neben Bumby in dem hohen Gitterbett und beobachtete mit seinen großen gelben Augen die Tür und ließ niemanden in seine Nähe kommen, wenn wir nicht da waren und Marie, die fémme de menage, einmal weggehen musste. Wir brauchten keinen Babysitter. F. Puss war der Babysitter.

Hemingway war besonders tierlieb, er versuchte sich auch für Schlachttiere einzusetzen, in dem er  ein humanes Schlachten propagierte.
Aber man weiß auch, dass er sehr gerne an Pferdewetten und in Spanien an Stierkämpfen teilnahm.

Als er mit seiner Familie zum Skilaufen fuhr, befand sich auch ein Hund in ihren Kreisen:
Es gab einen Hund, der hieß Schnauz und schlief am Fußende unseres Bettes und begleitete uns gern auf unseren Skiwanderungen, und wenn ich bergab fuhr, trug ich ihn auf dem Rücken oder über der Schulter.
Ich finde, das ist ein schönes Bild.

Hemingway macht Bekanntschaft mit dem amerikanischen Schriftsteller Scott Fitzgerald, der mir durch verschiedene gelesene Werke auch bekannt ist.

Hemingway war nicht so sehr von ihm begeistert, seine Frau ebenso nicht.
Fitzgerald erwies sich Hemingway gegenüber als eine recht komplizierte Persönlichkeit. Er neigt zu Alkohol und zu eingebildeten Krankheiten. Krankheiten, wie z.B. Lungenentzündung, die man sich nur in Europa einfangen konnte, so die These Scotts. Hemingway und Fitzgerald befinden sich in ein Hotel auf dem Rückweg von Lyon nach Paris. Fitzgerald packte die Angst, an einer Lungenentzündung erkrankt zu sein. Obwohl Hemingway seinen Freund durchschaut hatte, tat er alles, was ihm geheißen wurde. Scott bildete sich Fieber ein und hielt Hemingway dadurch auf Trapp.

"Woher willst du wissen, dass ich keine Temperatur habe?"
"Deine Temperatur ist normal, und ich habe gefühlt, dass du kein Fieber hast."
"Das hast du gefühlt", sagte Scott hämisch. "Wenn du wirklich mein Freund  bist, besorg mir ein Thermometer."
"Ich bin im Pyjama."
"Lass eins bringen." Ich klingelte nach dem Zimmerkellner. Er kam nicht und ich klingelte noch einmal und ging dann auf den Flur, ihn zu suchen. Scott lag mit geschlossenen Augen im Bett, atmete langsam und vorsichtig und sah mit seinen wachsbleichen, vollkommenen Zügen aus wie ein kleines totes Kreuzfeuer. Ich hatte das Schriftstellerleben allmählich satt, wenn das, was ich hier tat, dass Schriftstellerleben sein sollte, und schon jetzt fehlte mir meine Arbeit, und ich empfand jede Todeseinsamkeit, die am Ende jedes Tages kommt, den man in seinem Leben vergeudet hat. Ich hatte Scott und diese alberne Komödie satt, aber ich fand den Kellner und gab ihm Geld, ein Thermometer und ein Röhrchen Aspirin zu kaufen (...).

Es ging noch eine ganze Weile so weiter.

Französische Ärzte bezeichnete Scott als miefe Quacksalber.

Fitzgerald verachtete Europa; erst die Italiener, dann die Franzosen, Engländer... , welche Meinung er von den Deutschen und den Österreichern hatte, das konnte Hemingway nicht in Erfahrung bringen. Wahrscheinlich hatte er mit Deutschen und den Österreichern noch nichts zu tun gehabt, so die Vermutung Hemmingways.

Es gab Probleme mit dem Auto, der Motor müsste neu geölt werden, und Fitzgerald weigerte sich, mit der Begründung, dass amerikanische Autos nicht geölt werden müssten, nur schlechte, französische Autos müssten nachgeölt werden.
Sein Auto war ein amerikanisches.

Damals hasste Scott die Franzosen, und da praktisch die einzigen Franzosen, zu denen er regelmäßig Kontakt hatte, Kellner waren, die er nicht verstand, Taxifahrer, Automechaniker und Vermieter, hatte er reichlich Gelegenheit, sie zu beleidigen und zu beschimpfen.

Über die Schriftstellerrei tauschten sich Hemingway und Fitzgerald aus, in der Thematik, ob man sich den Erwartungen der Verlage beugen solle oder nicht. Hemingway gebraucht den Begriff "Hurerei", wenn Schriftsteller in ihren Werken nicht authentisch bleiben und er zeigte sich ein wenig entsetzt, als er hörte, dass Scott sich den Erwartungen der Verlage beugte:

Ich versuchte, ihn dazu zu bringen, seine Geschichten so gut zu schreiben, wie er konnte, und keine Tricks anzuwenden, nur damit sie in  irgendein Schema passten, was er, wie er mir einmal gesagt hatte, meistens tat.

Da ich ja von Fitzgerald selbst auch schon Bücher gelesen habe, ist dies eine interessante Information für mich, dass er zu den Autoren gehört, die sich den Erwartungen der Leserschaft und den Verlagen anzupassen wusste.

Scott sagte, natürlich sei das "Hurerei", aber er müsse das machen, da er das Geld von den Zeitschriften brauche, um anständige Bücher schreiben zu können. Ich sagte, ich glaubte nicht, dass irgendjemand etwas anderes als das Allerbeste, dessen er fähig sei, schreiben könne, ohne sein Talent zu zerstören. Er sagte, er habe gelernt, die Geschichten für die Zeitschrift so zu schreiben, dass sie ihm nicht schadeten. Zuerst schreibe er die eigentliche Geschichte, sagte er, und die Zerstörung und Veränderung schade ihm nicht. Ich konnte das nicht glauben und wollte ihm dies ausreden, brauchte aber einen Roman, der meinen Glauben stärken würde und den ich ihm zum Beweis vorzeigen könnte, und so einen Roman hatte ich noch nicht geschrieben."

Hemingway hätte ihm so gerne einen guten Roman als Beispiel von sich selbst gezeigt. Seine Erwartungen allerdings waren so hoch, dass ich schon fast sicher bin, dass dieses hohen  Erwartungen die plagenden Schreibblockaden, unter denen er so sehr liebt, hervorrief:

Seit ich angefangen hatte, alles, was ich schrieb, in seine Einzelteile zu zerlegen und alles gefälliger auszumerzen und mich auf das Wesentliche zu beschränken, statt es zu beschreiben, war das Schreiben eine wunderbare Sache. Aber es war sehr schwierig, und ich hatte keine Ahnung, wie ich jemals etwas so Langes wie einen Roman schreiben sollte. Oft brauchte ich einen ganzen Vormittag, um einen einzigen Absatz zu schreiben.

Seine Schreibblockaden waren dermaßen stark, dass sich ihm innerlich im Stillen sein negatives, destruktives Gewissen meldete, das ihn vom Schreiben abzuhalten versuchte:

Plötzlich hörtest du jemanden sagen: Hallo, Hem. Was soll das denn werden? Du schreibst im Café? Deine Glückssträhne war zu Ende, und du klappst das Notizbuch zu. Das war das Schlimmste, was dir passieren konnte. Hättest du Ruhe bewahren können? Wäre das besser gewesen, aber ich war nicht gut darin, Ruhe zu bewahren, und sagte: "Du verdammter Hurensohn, was haste denn hier zu suchen?"
"Du brauchst nicht ausfallend werden, nur weil du dich wie ein Exzentriker ausführen willst."
"Halt die Fresse und verzieh dich."
" Das ist ein öffentliches Café. Ich darf hier genauso sein wie du." (…)
" Stell dir vor, du möchtest Schriftsteller sein und spürst das in allen Knochen, und es kommt einfach nichts."

Ein wenig schmunzeln musste ich, als die Gegenstimme ihm vorschlug, Rezensionen zu schreiben, denn da bräuchte er keine Angst mehr zu haben, dass ihm Ideen ausfielen... und er würde immer Leser haben.

Ich schrieb weiter, und allmählich hatte ich Glück und auch noch dieses andere. Stell dir vor, es hat dich einmal fortgerissen wie ein unaufhaltsamer Strom, und plötzlich ist da nichts mehr, und du bist stumm und still.

Und der Dialog geht monologistisch noch weiter. Recht interessant mitzuerleben, wie Hemingway der dunklen Seite in sich eine Stimme leiht.

"... und du bist stumm und still" und ich denke dabei an seinen Tod (Suizid)

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„Es gibt zu viele Erklärer und zu wenige gute Schriftsteller“
         (Ernest Hemingway)

Gelesene Bücher 2012: 89
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