Sonntag, 24. Juni 2012

Verena Lueken / New York (1)

Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre



Das Buch hat mir ganz gut gefallen. Allerdings ist es für mich unverständlich, wenn GegenwartsautorInnen sich noch immer der Begriffe wie "Rasse" und "Irrenanstalt" bedienen. Irrenanstalt, meine Güte, fühle mich ins fünfzehnte Jahrhundert zurückversetzt, dabei schreiben wir das Jahr 2012. 

Doch nun Schluss mit der Kritik und ab in die Buchbesprechung:

Nach dem Lesen dieses Buches wüsste ich nicht, ob ich noch Lust auf das Reisen nach New York hätte. Einerseits eine faszinierende Stadt, andererseits eine Stadt, die wieder abschrecken kann. Eine riesen Metropole. New York zählt als die Hauptstadt der Welt, eine Welthauptstadt mit vielen Gegensätzen und Widersprüchen. Viel Glanz und Glamour, Reichtum, Arroganz, entgegengesetzt Bettler, Obdachlose, Slums, hohe Kriminalität und hohe Mordrate... , wobei ich diese Extreme in einer so riesen Stadt eher als normal bezeichne. Je mehr Menschen in einer Stadt leben, desto größer sind die sozialen und ethnischen Unterschiede. Gewinner und Verlierer gibt es überall auf der Welt und in jeder größeren Stadt.

Der Autor Fitzgerald, der ein Essay zu New York geschrieben hat mit dem Titel My Lost City, der  von der Autorin zitiert wird:
Mit Schaudern sah der New Yorker, was er nicht hatte, dass die Stadt nicht etwa eine endlose Kette von Straßenschluchten war, sondern Grenzen hatte. Und mit dieser schrecklichen Gewissheit, dass New York schließlich doch noch eine Stadt und kein Universum ist, brachte das glänzende Gefüge seiner Imagination zu Boden.
New York, die auch als Gossenstadt bezeichnet wird, ist die Armut vieler Menschen dermaßen hoch, etliche nicht einmal für den Unterhalt ihrer eigenen Kinder aufkommen können. Damit wenigstens Neugeborene  vor Aussetzung bewahrt werden können, hatte man 1894 vor einem Waisenhaus eine Wiege stehen, in der hilflose Mütter ihre Kinder hinein legen konnten... .

Etwas bedauerlich finde ich an dem Buch, dass an vielen Textstellen die Jahreszahl nicht aufgeführt ist, und man gezwungen ist, Nachschlagewerke zu Rate zu ziehen. 1994 zum Beispiel zählte New York über dreißigtausend Obdachlose, dreizehntausend von ihnen waren Kinder. Der damalige New Yorker Bürgermeister Rudolf Giuliani, der die Stadt von 1994-2001 regierte, brachte Ordnung in die Metropole. Obdachlose, Bettler und Menschen mit Kavaliersdeliktfilm wurden schwer gefahndet. Obdachlose wurden aus der Stadt verdrängt.
Giuliani war sich darin einig, dass Bagatellevergehen streng verfolgt werden müsste. Bettler in der U-Bahn, Trinker am Straßenrand, Feuerwerkshändler in Chinatown, Kleindealer, Graffitikünstler und T-Shirt-Verkäufer ohne Lizenz machten bittere Zeiten durch. (...)
New York war von Beginn an die Stadt der Außenseiter. Noch heute trifft man, wenn man an einem strahlenden Tag, wie sie in New York die Regel sind, auf die Straße tritt, die ganze Welt. Es gibt nicht mehr viele Hugenotten, nicht alle Schwarzen auf einen Stammbaum von Sklaven zurück, und die Asiaten und die Latinos haben die Europäer in ihrer Zahl längst übertroffen.
 Mitte des siebzehnten Jahrhundert besetzten die Briten New York, aber sie wurden hier, auch nach einhundertfünfzig Jahren, trotz kultureller Einfluss, niemals heimig. 
In überpropotionaler Zahl belegten sie die Kerker und Gefängnisse, die Armenhäuser und die Irrenanstalten.
 
 New York zählt auch zu der Stadt mit den meisten Brücken..  
Sie umfasst zweitausensiebenundzwanzig Brücken über Flüsse und Buchten, von denen der Archipel umgeben ist, über Straßen, Wege und Senken, Brücken für Fußgänger und Züge, für Lastwagen und Autos.
Dies stelle ich mir sehr schön, vor allem auch die Brücken für Fußgänger. Aber ich kann mir auch vorstellen, dass sich viele Menschen von eine dieser Brücken das Leben nehmen.

New York City zählte 2005 mehr als 8 Millionen Einwohner und im gesamten Bundesstaat über 22 Millionen. Im New Yorker Einwanderungviertel Queens zählen etwa 160.000 verschiedene Nationalitäten.

Viele Menschen, und je mehr Menschen die Stadt umfasst, desto größer kann die Einsamkeit sein, fühlten sich in dieser Masse dermaßen verloren:
Der Schriftsteller William Maxwells bemerkte einmal,  New York könne man auf den Bürgersteigen weinen, in vollkommener Intimität.
Doch es gab auch Menschen in der Politik, die sich konstruktiv für die Stadt eingesetzt hatten. Robert Moses z.B., Stadtplaner in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts, nutzte die Korruption aus, die in der Verwaltung herrschte, um seine Ideen umzusetzen aber ohne sich persönlich zu bereichern. Auch im sozialen Bereich war er recht aktiv:
Er ließ Parks bauen, weitere Brücken und Kinderspielplätze. Für all dieses brauchte er, was New York nicht hatte, nämlich Platz. Also verbreiterte Manhattan, indem er der Insel durch Landaufschüttungen einen schmalen Uferstreifen hinzufügte. Auch ließ er Zigtausende Bewohner umsiedeln, vor allem Arme und unter ihnen wiederum vor allem Schwarze und Puertorikaner, die er in neuerrichteten sozialen Wohnbauviertel in Brooklyn und in der Bronx unterbrachte.
Und nun, noch ein letzter Punkt, der mich interessiert hat, ist, dass New York Mitte des neunzehnten Jahrhunderts als der größte Rindfleischlieferant galt und sowohl die Schlächterei als auch die Fleischverpackung zu dem wichtigsten Wirtschaftszweig zählte. Na, das wundert mich ja nicht bei den Fastfoodketten wie z.B. Mc. Donald, die mittlerweile fast auf der ganzen Welt verbreitet sind.

Ich hatte mal eine Doku im Fern gesehen, als Tierschützer sich für die richtige Haltung der Zuchttiere einsetzten, und sie auch an die Öffentlichkeit gingen. Diese wurden ziemlich stark gemobbt und man drohte ihnen mit ihrem Leben... .

1676 wurde das erste öffentliche Schlachthaus in New York gegründet, und hat somit alle privaten Schlachthäuser verdrängt. Private Schlächtereien wurden verboten, da nur noch in gemeindeeigenen Häusern das Schlachten erlaubt war.

Wenn es nach mir ginge, bräuchten wir gar keine Schlachthäuser mehr. 

Lueken hat einige Autoren zitiert, die zu New York Werke verfasst hatten. Eines davon besitze ich selbst und habe Lust bekommen, es noch einmal zu lesen:

Das Fegefeuer der Eitelkeit, geschrieben von Tom Woolfe. Nehme ich mir in meinen Sommerferien vor, da es ein dicker Wälzer ist. 

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„Die rechte Vernunft liegt im Herzen“ (Theodor Fontane)

SuB:

Amin: Der Klang der Sehnsucht
Dickens: Schwere Zeiten
Donoghue: Raum
Frank: Rücken an Rücken
Lenz: Die Masken
Leroux: Das Phantom der Oper
Manguel: Die Bibliothek bei Nacht
Mann. T. Erzählungen (1)
Miin: Madame Mao
Muawad: Verbrennungen
Obrecht: Die Tigerfrau
Osorio: Mein Name ist Luz
Senger: Kaiserhofstr. 12
Thackeray: Das Buch der Snobs
Zweig: Brennendes Geheimnis

Gelesene Bücher 2012: 45
Gelesene Bücher 2011: 86



  


Samstag, 23. Juni 2012

Verena Lueken / New York

 

Gebundene Ausgabe: 178 Seiten
Verlag: Dumont Buchverlag; Auflage: 2 (10. April 2003)
Sprache: Deutsch
Früher 19,99 €, neu: 3,99 €
ISBN-10: 3832178082

 

 

 

 

Über das Buch

New York, die Stadt, das Faszinosum in all seinen Spiegelbildern spielt die Hauptfigur in der Reportage der Kulturkorrespondentin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Am Gedächtnis von New York entlang, das von Beginn an die Stadt der Außenseiter war, in der sich die die Welt getroffen hat, schreibt Verena Lueken ihre Reportage, in der der Übergang der vergangenen Monate und ein Stück Stadtgeschichte sich verbinden zum Bild des augenblicklichen Zustands einer Metropole. Was wird die "Hauptstadt der Welt" in der Zukunft sein können? Verena Lueken folgt in New York den Bewegungen der Menschen, in den Straßen, über das Wasser und die Brücken; vor allem aber durch das U-Bahnnetz. Sie folgt den Bewegungen des Mülls der Bewohner dieser Stadt, und das ist neuerdings auch der Abtransport der Millionen Tonnen Schutt von Ground Zero. Und schließlich folgt Verena Lueken den spekulativen Strömen des Geldes im nicht mehr ganz heimlichen neuen Finanz- und Unterhaltungsviertel in Midtown.




Autorenportrait 
 Verena Lueken wurde 1955 geboren. Sie studierte Soziologie, Filmwissenschaft und Germanistik in Frankfurt am Main und Tanz in Philadelphia und New York. Seit 1991 arbeitet sie als Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, deren NewYorker Kulturkorrespondentin sie seit 1995 ist. Im Jahre 1992 erhielt sie den Internationalen Publizistikpreis. 



Das Buch habe ich bei Jokers entdeckt und habe es für nur 3,99 € eworben. Wohl noch eine Restauflage, da DUMONT das Buch nicht mehr führt, habe es auch bei anderen Verlagen nicht gefunden.


Donnerstag, 21. Juni 2012

Atik Rahimi / Stein der Geduld (1)

 Eine Buchbesprechung zur o. g. Lektüre


Das Buch habe ich nun durch. Ich habe große Hochachtung vor dem männlichen Autor, der für die Frau, in diesem Fall als das schwache und stark benachteiligte Geschlecht, Partei ergriffen hat. Das Buch ist monologisch aufgebaut, was mir ein bisschen zu viel war, da sich viele Gedanken recht oft wiederholt haben. Das mag für die Verarbeitung der Betroffenen wichtig sein aber für mich als Leserin nicht unbedingt notwendig. Ich war recht schnell gesättigt von dem Buch und bin froh, dass ich es jetzt durch habe. Ein paar wenige Textstellen waren für mich nicht wirklich authentisch, s. u. ... .

 Wie ja schon aus dem Klappentext zu entnehmen ist, kümmert sich eine Frau und zweifache Mutter zweier kleiner Mädchen um ihren im Koma gefallenen Ehemann, der im heiligen Krieg angeschossen wurde. ... . Sie versorgt ihn mit Infusionen, bestehend aus einer Wasser-Salz-Zucker- Lösung, die sie selbst zusammenstellt. Die Frau spricht mit ihrem Mann lange Monologe über ihre benachteiligte Situation als Frau. Sie spricht sich aus, parallel dazu spricht sie Gebete nach dem Rosenkranz. Die Familien, die sie längst verlassen haben, da keine Hoffnung besteht, dass der Mann je wieder aus dem Koma erwachen würde und sei ihn  als tot abgeschrieben haben. Sie bekommt Vorwürfe und Schuldzuweisungen für die ausbleibende Genesung zu hören, da ihre Gebete nicht ausreichend und nicht tief genug wären. 

Sie klagt:"Es ist leicht gesagt, man soll neunundneunzig mal am Tag einen der neunundneunzig Namen Gottes aufsagen… und das neunundneunzig Tage lang! Der Mullah, dieser Schwachkopf, hat keine Ahnung, was es heißt, allein zu sein mit einem Mann, der…", sie findet das Wort nicht oder wagt nicht, es auszusprechen, "…ganz allein zu sein mit zwei kleinen Mädchen!", schimpft sie leise vor sich hin.

Der komatöse Ehemann ist ihr eine Belastung, besser wäre es für sie gewesen, er wäre gestorben, denn dann hätte sie in ihrer Familie, vielmehr in der Familie ihres Mannes einen Platz bekommen. Nun steht sie da, alleine mit den Kindern, ohne Arbeit und weiß nicht wie es weitergeht.
Deine Brüder haben uns im Stich gelassen! Die Feiglinge! Sie haben mich nicht mitgenommen, weil du am Leben warst! Wenn…"  Sie schluckte ihren Speichel hinunter, und mit ihm ihre Wut. Etwas weniger erregt fährt sie fort:" wenn du… tot gewesen wärst, hätte die Sache anders ausgesehen… ." Sie bricht den Gedanken ab. Zögert. Nach einem langen Atemzug entschließt sie sich: " Ein inneres Kichern verstellt ihre Stimme . Vielleicht hätten sie lieber gehabt, du wärst tot gewesen."  Sie zittert. "Dann hätten sie mich… ficken können! Mit ruhigem Gewissen." 
Sie sind zehn Jahre verheiratet gewesen, aber nur drei Jahre haben sie wie Eheleute zusammengelebt. Die anderen sieben Jahre befand sich ihr Mann im heiligen Krieg, der noch immer fortgeführt wird. Sie war sehr jung, als sie ihrem Mann versprochen wurde. Und da er von dem Krieg sobald nicht zurück kam, wurde sie verehelicht mit dem Foto ihres Mannes. Sie beide kannten sich nicht. Als ihr Mann für kurze Zeit von dem Krieg beurlaubt wurde, traf er seine unbekannte Ehefrau bei seinen Eltern vor. Seine Frau musste beaufsichtigt werden. Die eigenen Eltern wurden von den Schwiegereltern abgelöst. In seiner Kriegsabwesenheit idealisierte sie ihren Mann, war stolz darauf, dass er im Namen Allahs kämpfte:
"Das gab mir Hoffnung, machte mich stolz. In gewisser Weise was dir anwesend. In jedem von uns."
Solange der Mann abwesend war, musste sie bei ihrer Schwiegermutter im Bett schlafen, die über sie ound über ihre Keuschheit wachte. Nicht nur die anderen fanden das normal, sie selbsts auch, denn
Zur Zeit meiner Verlobung wusste ich nichts über die Männer. Nichts über das Leben als Paar. Ich kannte meine Eltern. Und was für ein schönes Beispiel?! Mein Vater interessierte sich nur für seine Wachteln, seine Kampfwachteln!
Als sie klein war, rächte sie sich bei ihrem Vater, da er ihnen mehr Liebe entgegengebrachte als seiner Familie.. Sie nahm die Wachtel aus dem Käfig und warf sie der Katze zum Fraß, die sie tötete und auch verzehrte.
Der Vater sperrte sie in den Keller für zwei Tage, zusammen mit wilden Katzen... . 

In dem Buch geht es auch viel um Intimitäten, mit der nicht gespart wird und es mir ein wenig zu viel war, so stark in ihre körperliche Privatsphäre einzudringen, wobei ich mir schon sehr gut vorstellen kann, dass diese Monologe, zu ihrem Mann gesprochen, etwas befreiendes haben kann. 

Letztendlich hat das Buch nichts Neues gebracht, da wir, die westlichen Länder, sehr gut über die Problemlage der Frau und den Umgang der Religiosität der islamischen Länder von den Medien informiert werden. Vielleicht bin ich aus diesem Grund so schnell müde geworden, allerdings diesmal aus der Sicht einer Betroffenen, die es deutlich macht, wie sehr sie sich als Frau unterdrückt fühlt, und wie sehr sie darunter leidet.

Ich mache nun hier Schluss und Verweise bei Interesse auf das Buch. 
__________
Nicht authentisch waren für mich die Szenen, als Soldaten in die Wohnung der Frau eingebrochen sind, und sie ihrem Mann nochmals in den Kopf geschossen hatten, da sie ihn als Feind verdächtigten, und empört darüber waren, dass dieser Mann sich nicht rührte. Die Frau war nicht anwesend. Nun, das fand ich nicht wirklich glaubhaft. Überhaupt wie die ganze Szene dargestellt wurde, eigentlich recht lächerlich aber ich möchte sie nicht wiedergeben, es hat mir gereicht, sie zu lesen. 
Merkwürdig fand ich noch, dass die Frau von dem Schuss nichts mitbekam, und als sie das Zimmer des Mannes erneut betreten hatte, hätte sie sehen müssen, dass der Mann einen Kopfschuss erlitt und nun wirklich tot hätte sein müssen. Aber sie behandelt den Mann weiterhin wie einen Komatösen. Normal erschrickt man über den Anblick, vor allem wenn alles mit Blut verschmiert ist. Aber darüber wurde nicht ein Wort verloren... .
Die nächste Szene, die mir auch nicht glaubwürdig erschien, ist diese Szene mit ihren noch sehr kleinen Kindern, die zwar der Mutter widersprachen, als die Mutter bat, den Vater in seiner Ruhe nicht zu stören. Sie befanden sich weinend in der Wohnung, ohne dass die Mutter sich wirklich um sie gekümmert hat.... .
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„Die rechte Vernunft liegt im Herzen“ (Theodor Fontane)

SuB:


Amin: Der Klang der Sehnsucht
Dickens: Schwere Zeiten
Donoghue: Raum
Frank: Rücken an Rücken
Lenz: Die Masken
Leroux: Das Phantom der Oper
Lueken: New-York
Manguel: Die Bibliothek bei Nacht
Mann. T. Erzählungen (1)
Miin: Madame Mao
Muawad: Verbrennungen
Obrecht: Die Tigerfrau
Osorio: Mein Name ist Luz
Senger: Kaiserhofstr. 12
Thackeray: Das Buch der Snobs
Zweig: Brennendes Geheimnis

 

Gelesene Bücher 2012: 44
Gelesene Bücher 2011: 86











Mittwoch, 20. Juni 2012

Atiq Rahimi / Stein der Geduld

  ISBN-10: 3550087861

  Klappentext

 Ein Mann liegt im Sterben. Seine Frau sitzt bei dem Bewusstlosen und beginnt zu erzählen von Demütigung und Unterdrückung, von alltäglichen Grausamkeiten und vom Drama ihrer Ehe. Die kraftvolle Sprache, die eindrücklichen Bilder wirken wie ein Schrei, der die Stille zerreißt.

In einem Dorf irgendwo in Afghanistan sitzt eine Frau am Bett ihres schwerverletzten Mannes, der im Koma liegt. Im Zimmer ist es still, draußen hört man Schüsse, die Frau betet. Dann beginnt sie zu reden. Sie erzählt ihm, was sie ihm vorher nie sagen konnte, sie berichtet dem reglos Daliegenden von dem Drama, das die Ehe für sie bedeutet. Wie dem magischen »Stein der Geduld« aus der afghanischen Mythologie vertraut sie ihm ihren Schmerz an und beichtet ein Geheimnis, das sie seit langem bedrückt. Doch auch die Geduld eines Steins ist nicht unendlich. Atiq Rahimi hat ein großes, eindrucksvolles Buch geschrieben, erzählt in einer wunderbar klaren und poetischen Sprache.


Autorenportrait im Klappentext

Atiq Rahimi, 1962 in Kabul geboren, studierte Literatur. 1984 floh er nach Frankreich, wo er u. a. als Dokumentarfilmer tätig ist. Sein vielbeachtetes Debüt Erde und Asche wurde 2004 verfilmt, sein dritter Roman Stein der Geduld wurde 2008 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet und stand in Frankreich monatelang auf der Bestsellerliste.

 Ich habe Glück gehabt, habe bei Jokers noch die gebundene Ausgabe bekommen für 4,99 €, statt ursprünglich 18,00 €. Mittlerweile gibt es das Buch als Taschenbuch für 10,00 € im List-Verlag. Gestern habe ich wieder bis weit in die Nacht reingelesen. Ich finde das Buch ganz gut. 

Atiq RahimiDes weiteren hat mich der Autor interessiert. Bei ausländischer Literatur ist es für mich total wichtig, dass sie von einem Einheimischen geschrieben ist. Ich mag es nicht, wenn WestlerInnen in andere Länder reisen, und mit ihren Maßstäben dann das fremde Land beurteilen. Sie festigen oftmals nur die Klischees und die Vorurteile, mit denen sie ins Land reisen, die sie  in ihren Büchern festhalten.




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„Die rechte Vernunft liegt im Herzen“ (Theodor Fontane)

                         SuB:

                        Amin: Der Klang der Sehnsucht
                        Dickens: Schwere Zeiten
                        Donoghue: Raum
                        Frank: Rücken an Rücken
                        Kuan: Die Langnasen
                        Lenz: Die Masken
                        Leroux: Das Phantom der Oper
                        Lueken: New-York
                        Manguel: Die Bibliothek bei Nacht
                        Mann. T. Erzählungen (1)
                        Miin: Madame Mao
                        Muawad: Verbrennungen

                        Obrecht: Die Tigerfrau
                        Osorio: Mein Name ist LuzSenger: Kaiserhofstr. 12
                        Thackeray: Das Buch der Snobs
                        Zweig: Brennendes Geheimnis

                        Gelesene Bücher 2012: 44
                        Gelesene Bücher 2011: 86

                                                    




Montag, 18. Juni 2012

Erich Maria Remarque / Der schwarze Obelisk (4)

Vierte und letzte Buchbesprechung zu o. g. Lektüre



Ich habe das Buch nun durch, aber außer mit dem Ich-Erzähler und der Isabell konnte ich mit den anderen Romanfiguren nicht wirklich warm werden, was ich bei den anderen beiden Werken von Remarque so nicht erlebt habe. In meinem Inneren konnte kein Platz für sie gefunden werden :D. Wahrscheinlich hat das etwas mit dem Thema zu tun, aus der die Figuren stammen. schon allein dieser schwarzen Obelisk schreckt mich ab.
Isabell ist ja nur der Fantasiename und heißt in der Roman-Wirklichkeit Genevieve Terhoven. Sie ist, nachdem die Ursache ihrer Erkrankung beseitigt wurde, tatsächlich von ihrer Schizophrenie geheilt... . Ludwig Bodem, der in diese junge Frau verliebt war, stimmte die Heilung recht kritisch, da sie nun alle ihre innere Wirklichkeiten mit der Behandlung eingebüßt hat... . Genevieve hatte irgendwie Weitblick. Sie spürte eine familiäre Veränderung, noch ehe sie eingetroffen war. Sie sprach von der Pflicht, recht bals sterben zu müssen, und es stellte sich heraus, dass mit der Heilung Isabell selbst gestorben ist. In ihrer Erkrankung gelangte sie an so viel Weisheit ... . Auch was das Gottesbild betrifft und die momentane politische Lage im Land, als sich Ludwig, der von ihr mit dem Namen Rudolf gerufen wird, mit ihr um das Thema Richtig und Falsch austauscht:

"Ach Rudolf, nichts ist falsch."
"Nein?"
"Natürlich nicht. Falsch und Richtig weiß nur Gott. Wenn er aber Gott ist, gibt es kein Falsch und Richtig. Alles ist Gott. Falsch wäre es nur, wenn es außer ihm wäre. Wenn aber etwas außer oder gegen ihn sein könnte, wäre er nur ein beschränkter Gott. Und ein beschränkter Gott ist kein Gott. Also ist alles richtig, oder es gibt keinen Gott. So einfach ist das."

Das passt ein wenig zu meiner Sichtweise, dass Gott nicht für die Verbrechen belangt werden kann, die die Menschen verüben. Wenn Menschen Kriege benötigen, weshalb sollte Gott sie daran hindern, dieses Bedürfnis auszuleben, wenn sie daraus eine nützliche Erfahrung ziehen können? Ich weiß, das klingt grotesk… .

Witzig fand ich, als Isabell erkennt, dass Ludwig gar nicht Rudolf heißt und fragt ihn nach seinem richtigen Namen, er antwortet:

"Ludwig", sage ich überrascht. Es ist das erste Mal, dass sie mich danach fragt.
"Ja, Ludwig, bist du deines Namens niemals müde?"
 Ich wäre nie auf die Idee gekommen, den Vornamen, den man ein Leben lang trägt, überdrüssig zu werden. Von der Idee her finde ich es richtig originell, so dass ich mich tatsächlich frage, weshalb sind wir es nicht Leid, immer denselben Vornamen zu tragen? 

So, ich gehe jetzt über zu einem anderen Zitat, das recht zynisch ist und mich trotzdem amüsiert hat. Es geht um die Zeit, wo sich Hitler in das Land einschleicht und sich die Nazis so langsam herausbilden. Ein neues Deutschlandbild formiert sich langsam. Männer mit kahlen Köpfen, die kommen, um zu philosophieren, nachdem nun die von Gewalt geprägte Kaiserzeit und der Erste Weltkrieg, die Inflation
überwunden ist. Ludwig Bodmers Eindruck allerdings zu den Kahlköpfen ist ein anderer:
"Da wirst du ein sehr einsames Leben vor dir haben. Die Zeit sieht nach Schlagen aus."
Ein Hinweis wohl, auf den zukommenden Nationalsozialismus und den Genozid an Juden, u.a.m.

Ich möchte noch ein paar wenige Gedanken zu dem schwarzen Obelisk schreiben, zu dem ich mich bis jetzt noch gar nicht geäußert habe, da ich noch nicht richtig sicher war, was er symbolisieren sollte, und, wie oben schon gesagt, ist das Bild für mich recht abschreckend.


Remarque bezeichnet das deutsche Volk als etwas hochmütig, vernunftbetont und prinzipientreu, ein Volk, das immer im Recht sein muss:

"Last uns unsere Vernunft feiern, aber nicht zu stolz auf sie sein und ihrer nicht zu sicher! (…) Recht zu haben ist jedes Mal ein Schritt dem Tode näher. Wer immer recht hat, ist ein schwarzer Obelisk geworden! Ein Denkmal!"
Aus dem Anhang ist zu dem Obelisk zu entnehmen:
"Der schwarze Obelisk wird im Roman an einer Stelle als der finstere Steinfinger, der aus der Erde in den Himmel zeigt, beschrieben. Ein vielleicht prophetisch zu nennendes Bild Remarques für Interkontinentalraketen mit atomaren Sprengköpfen? Natürlich steht das Symbol des schwarzen Obelisken für vieles und andere mehr, aber vielleicht doch zentral für den fortdauernden, todbringenden Rüstungswahn der Menschheit."

Ich beende nun hier meine Notizen, da ich nun von dem Buch doch recht gesättigt bin, aber es gibt noch sehr viele bedeutsame Stellen darin, die ich nicht erwähnt habe... . Bitte selber lesen!
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„Die rechte Vernunft liegt im Herzen“ (Theodor Fontane)

SuB:

Amin: Der Klang der Sehnsucht
Dickens: Schwere Zeiten
Frank: Rücken an Rücken
Kuan: Die Langnasen
Lenz: Die Masken
Leroux: Das Phantom der Oper
Lueken: New-York
Manguel: Die Bibliothek bei Nacht
Mann. T. Erzählungen (1)
Miin: Madame Mao
Muawad: Verbrennungen

Obrecht: Die Tigerfrau
Osorio: Mein Name ist Luz
Rahom: Stein der Geduld
Senger: Kaiserhofstr. 12
Thackeray: Das Buch der Snobs
Zweig: Brennendes Geheimnis

Gelesene Bücher 2012: 43
Gelesene Bücher 2011: 86

Sonntag, 17. Juni 2012

Erich Maria Remarque / Der schwarze Obelisk (3)

Dritte Buchbesprechung o. g. Lektüre


  
Es haben sich auf den letzten fünfzig Seiten jede Menge Zettelchen wieder angesammelt, und ich wieder ein paar bearbeiten möchte, um diese in meinen Literaturmappen zu verewigen. 

Ich möchte noch einmal auf Isabells Mond zurückkommen, den kühlen Mond, den sie getrunken hat und ich mich im Stillen fragte, wo sie den her habe, so habe ich nun eine Antwort gefunden.

Der Mond, der in einem Bach schimmert. Das ist der kühle Mond, den sie getrunken hat... ♥ ♥ ♥ Bin neugierig, wie es mit ihr weiter geht. 

Nun wechsle ich über zu den jungen Männern. Männer, die in den Krieg ziehen. Männer, die wieder zurückkehren. Männer, die gefallen sind.
Die jungen Männer, die den Krieg überlebt haben, sind ein wenig orientierungslos. Ständig auf der Suche nach der Identität, als der Krieg vorbei ist, und sie ihn überlebt haben, aber keine Soldaten mehr sind. Auch die sexuelle Identität ist alles andere als gefestigt, trotz der fünfundzwanzig Jahre, die z.B. Bodmer hat. Doch dazu später mehr. 
Die jungen Männer treffen sich zum Frühstück und kommen so auf den Weltschmerz zu sprechen, den Bodmer äußert. Andere wundern sich darüber und fragen nochmals nach, ob er denn welchen habe?
"Ein anständiger Mensch in meinem Alter hat immer Weltschmerz", erwiderte ich fest. "Es ist das Recht der Jugend."
" Ich dachte, man hätte dir die Jugend beim Militär gestohlen?"
" Stimmt. Ich bin noch immer auf der Suche nach ihr, finde sie aber nicht. Deshalb habe ich einen doppelten Weltschmerz. Sowie ein amputierter Fuß doppelt Schmerz" 
Die Zeit, die Bodmer und seine Kameraden im Krieg durchlebt haben, lässt sich anfühlen wir ein leeres Loch, als wäre etwas aus ihrer Jugend heraus geschnitten worden.
Auf der Suche nach der sexuellen Identität, so geht der Erzähler nochmals zurück in die Zeit, kurz bevor er als Soldat einberufen wurde. Sie suchten ein Bordell auf, und wurden von den feinen Damen allerdings abgewiesen, da sie die jungen Burschen von Kindesbeinen an kannten und jagten sie wieder aus dem Bordell mit der Bemerkung, ein Kontakt mit den feinen Damen sei wie ein Kontakt mit der eigenen Mutter. Ein Junge rebellierte und forderte sein auf Geschlechtsverkehr. Jedoch ohne Erfolg und so zogen viele in den Krieg, ohne je zu wissen, was eine Frau sei. Während des Krieges versuchten sie es erneut, als sie schon Soldaten waren:
Ich bin dann noch einmal im Kriege im Bordell gewesen. Das war am Tage, bevor wir ins Feld mussten. Wir waren knapp achtzehn Jahre alt, einige noch unter achtzehn und die meisten von uns hatten noch nie mit einer Frau etwas gehabt. Wir wollten aber nicht erschossen werden, ohne etwas davon zu kennen.
(…) So kam es, dass viele als Jungfrauen ins Feld zogen und siebzehn von uns fielen, ohne je gewusst zu haben, was eine Frau ist.
Eine wichtige adoleszente Lebensphase eines Jugendlichen, die für die psychische Entwicklung wichtig ist, ist ihnen genommen worden. 

Nach dem Krieg wussten viele junge Männer überhaupt nicht, wie sie sich einer Frau gegenüber zu nähern haben, die ihnen ganz besonders ins Auge fielen. Der militärische Drill steckt ihnen so in den Knochen, dass dies auch zu jenem  Kontakt mit der Frau noch zu spüren ist:

In der Gruppe tauschen sich die jungen Leute über die Liebe aus, und die junge Gerda, die es auf Bondmer abgesehen hat, nimm seine Unerfahrenheit wahr und zieht ihn damit ein wenig auf:
"Du gehst an die Liebe heran wie ein bewaffneter Korpsstudent, der glaubt, es ging zum Duell anstatt zum Tanz. (…) Du Knalldeutscher! und dass nur Idioten glauben, dass eine Nation besser sei als die anderer."
"Und dass nur Idioten glauben, dass eine Nation besser sei als die anderer."
Nun ja, das ist ja heute immer noch so. Hierzulande ganz besonders, dass viele Deutsche hier glauben, die Deutschen seien etwas ganz Besonderes und die Südländer etwas ganz Verwerfliches. :D :D :D
Es folgt nun wieder eine amüsante Szene unter Frauen, und die Art, wie Bodmer, der an dieser Gesellschaft teilnimmt, diese Szene beschreibt, gefällt mir besonders gut. Es geht um die   Wahrnehmungskraft mancher Frauen und auf welche Weise diese Fähigkeit von ihnen genutzt wird:
Die Damen begrüßen sich wie lächelnde Polizisten.
" Welche hübsches Kleid, Gerda", gurrte Renée." Schade, dass ich so etwas nicht tragen kann! Ich bin zu dünn dazu."
"Das macht nichts", erwidert Gerda."Ich fand die vorjährige Mode auch eleganter. Besonders die entzückenden Eidechsenschuhe, die du trägst. Ich liebe sie jedes Jahr mehr."
Ich sehe unter den Tisch. Renée trägt tatsächlich Schuhe aus Eidechsenleder. Wie Gerda das im Sitzen sehen konnte, gehört zu den ewigen Rätseln der Frau. Es ist unverständlich, dass die Gaben des Geschlechts nie besser praktisch ausgenutzt worden sind - zur Beobachtung des Feindes in Fesselballons bei der Artillerie oder für ähnliche kulturelle Zwecke. :D .
Ich sage ja, Remarque lässt keinen aus mit seiner Kritik. Er hat ein großes Gerechtigkeitsempfinden. Er nimmt jeden unter seine Lupe und das zu Recht. Diesmal sind es die Frauen gewesen... Frauen, die ihre Fähigkeiten auf Unwesentliches lenken. 

Die Regierung genießt durch die Inflation als einzige ihre Vorteile, denn sie verliert durch die Inflation auf einen Schlag alle ihre Schulden, gleichzeitig aber verliert sie auch ein Großteil ihres Volkes. Wobei ich nicht glaube, dass dieser Volksverlust wirklich betrauert wird.

Morgen folgt die letzte Buchbesprechung zu diesem Werk. Ich habe jetzt noch knapp zweihundert Seiten vor mir.
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„Die rechte Vernunft liegt im Herzen“ (Theodor Fontane)

SuB:

Dickens: Schwere Zeiten
Frank: Rücken an Rücken
Kuan: Die Langnasen
Lenz: Die Masken
Leroux: Das Phantom der Oper
Lueken: New-York
Manguel: Die Bibliothek bei Nacht
Mann. T. Erzählungen (1)
Miin: Madame Mao
Muawad: Verbrennungen
Osorio: Mein Name ist Luz
Remarque: Der schwarze Obelisk
Rahom: Stein der Geduld
Senger: Kaiserhofstr. 12
Thackeray: Das Buch der Snobs
Zweig: Brennendes Geheimnis

Gelesene Bücher 2012: 42
Gelesene Bücher 2011: 86

Erich Maria Remarque / Der schwarze Obelisk (2)


Zweite Buchbesprechung der o. g. Lektüre



Ich befinde mich nun auf der zweihundertsten Seite. 
Interessant finde ich, dass Remarque psychische Erkrankungen relativiert. Es geht um die an Schizophrenie erkrankte junge Frau Isabell, die in ihrer Traumwelt lebt und auf Lebenszeit in einer Psychiatrie untergebracht ist. Mir hat das Bild mit dem trinkenden Mond so gut gefallen:

Sie trinkt den Mond, aber nicht den glühenden Mond, sondern den kühlen. Der Mond würde wie Opal schmecken :D. Sie darf, während der getrunkene Mond durch ihren Körper hindurchscheint, kein Licht anknipsen, denn sonst würde der Mond in ihr verwelken  :D. 
Isabell wirkt alles andere als unglücklich und die Ideen, die ihr in während ihrer Erkrankung erscheinen, sind recht kreativ und recht weitblickend. Die Ärzte allerdings sehen das Krankhafte darin, dass multiple Persönlichkeiten in ihr leben würden, und diese sie zerreißen. Jede Persönlichkeit besitze eine andere Wahrnehmung und eine andere Identität. So flüchtet Isabell in ihre fiktive Welten, weg von der realen Welt. Sie wäre draußen nicht überlebensfähig. Kritisch hinterfragt Ludwig Bodmer das Krankheitsbild:
Hat nicht jeder normale Mensch auch ein Dutzend Persönlichkeiten in Sicht? Und ist der Unterschied nicht nur der, dass der Gesunde sie unterdrückt und der Kranke sie frei lässt? Wer ist der Kranke? 
Da ich ja selbst mit psychisch kranken Menschen zu tun habe und mich diese Frage ständig beschäftigt, sind die Menschen für mich erst wirklich krank, die Seelenschmerzen empfinden und sie aus eigener Kraft nicht mehr herausfinden. Es gibt aber tatsächlich viele Menschen, die auch in meinen Augen ver-rückter erscheinen als die wirklichen Kranken, auch deshalb, weil sie sich nicht in Behandlung befinden und sich selbst nicht hinterfragen, Diagnoselose Kranke bezeichne ich sie. Menschen dieser Art werden sogar in ihrem Umfeld positiv bestätigt, so dass sie ohne Skrupel und ohne Seelenschmerz ihre Unarten weiter ausleben und sie diese nichtsahnend bestimmten Mitmenschen aufdrängen. Ich denke ganz besonders an Leute, die recht erfolgreich in ihrem Leben sind. Menschen in der Politik, Menschen in der Leitungsfunktion, Menschen, die vermögend sind... . Bei diesen Persönlichkeiten ist die Toleranzgrenze von Seiten der Gesellschaft wesentlich höher, und diese Ver-rücktheiten dadurch weniger auffallen. Wenn solche Ver-rückten in ihrem Verhalten bestätigt werden, weshalb sollten sie denn auf die Idee kommen, ver-rückt zu sein?

Bei Isabell habe ich nicht den Eindruck, dass sie an ihrer Erkrankung leidet. Interessant wäre allerdings, ihr Leben außerhalb der geschützten Gemäuer zu verfolgen.

Bodmer verachtet eigentlich auch die Literatur, da sie, aus seiner Sicht, wenig Positives in der Welt bewirkt habe.
"Bücher haben überhaupt keinen Zweck, (…). Wenn man sieht, was hier alles geschrieben ist und wie es trotzdem in der Welt aussieht, sollte man nur noch die Speisekarte in den Lokalen und die Familiennachrichten im Tageblatt lesen."
Ich glaube, dass es in der Welt noch rabiater zugehen würde, wenn wir nicht geprägt wären von der Literatur. Aber (Klein)Krieg führt der Mensch nach wie vor zu jeder Zeit. Geistig gesehen, so meine Meinung, sind wir alles andere als zivilisiert. Eigentlich sind wir immer noch Buschmenschen, Primaten. Im Materiellen hat sich der Mensch natürlich in der westlichen Welt weiter entwickelt.

Es gibt wirklich nichts, worüber sich der Ich - Erzähler keine Gedanken macht. Vom Krieg geprägt, ein richtiger Pazifist geworden, hinterfragt er wiederholt die verschiedenen Religionen unter den verschiedenen Soldaten, die alle an verschiedenen Göttern glauben. Und jeder betet zu seinem Gott, er möge den Krieg in seinem Land gewinnen lassen... :D.
Die Pastor segnen das Denkmal ein; jeder für seinen Gott. Ich habe im Felde, wenn wir zum Gottesdienst befohlen wurden und die Pastoren der verschiedenen Bekenntnisse für den Sieg der deutschen Waffen beteten, oft darüber nachgedacht, dass er ebenso englische, französische, russische, amerikanische, italienische und japanische Geistliche für die Siege der Waffen ihrer Länder beteten, und sie haben mir Gott dann so vorgestellt wie eine Art von eiligem Vereinspräsidenten in Nöten, besonders wenn zwei gegnerische Länder des gleichen Bekenntnisses beteten. Für welches sollte Gott sich entscheiden? :D Für das mit den meisten Einwohnern? Oder das mit den meisten Kirchen? Oder wo war seine Gerechtigkeit, wenn ein Land gewinnen ließ, das andere aber nicht, obschon auch dort fleißig gebetet wurde? Manchmal kam er mir auch vor wie ein gehetzter Alter Kaiser über viele Staaten, der dauernd zu Repräsentationen musste und immer die Uniform zu wechseln hatte - jetzt die katholische, dann die protestantische, die evangelische, die anglikanische, die reformierte, je nach dem Gottesdienst, der gerade gehalten wurde, sowie ein Kaiser bei den Paraden von Husaren, Grenadieren, Artillerie und Marine.
Pastoren sind eben auch nur Menschen, die nichts anderes tun, als ihren Beruf zu vertreten und zu verteidigen. Unsere Welt, der Mensch an sich, besteht eben aus Widersprüchen. Allerdings habe ich ein wenig ein Problem, wenn Gott für alle Taten, die der Mensch verübt, verantwortlich gemacht wird. Heißt es nicht in der Bibel, ich schenke euch die Erde und macht sie euch untertan?

Es gibt keine Antworten auf viele Fragen, wobei es viele Männer  damals gegeben hat, die gibt es heute noch immer, die gerne, heroisch und heldenmütig in den Krieg gezogen sind. Es stellt sich mir andersherum die Frage, braucht der Mensch einen Krieg, um die Sinnlosigkeit besser erfahren zu können? Wobei Krieg für viele Länder  nicht wirklich als sinnlos aufgefasst wird ... .

Es gibt auch ein paar Szenen in dem Buch, die mich recht amüsiert haben, auch wenn sie von einem schwarzen Humor geprägt sind. Es geht um einen Tischler, der in Zeiten des Krieges große Geschäfte macht mit dem Bauen von Särgen. viele Menschen bekommen Angst vor ihm, wenn in der Werkstatt ein Sarg herumsteht. Mit der Ausnahme einer älteren und vornehmen Dame, die so frei war, und ein Probeliegen forderte. Der Tischler berichtet aus seiner Erfahrung:
Einmal, in Hamburg, hat sich eine Dame, der war es egal. Es machte ihr sogar Spaß. Sie war scharf drauf. Ich füllte den Sarg halb voll mit weichen weißen Hobelspänen aus Tanne, die riechen immer so romantisch nach Wald. Alles ging gut. Wir hatten mächtigen Spaß, bis sie wieder heraus wollte. Es war irgendwo noch etwas von dem verdammten Leim an einer Stelle auf dem Boden nicht ganz trocken gewesen, die groben Späne hatten sich verschoben, und die Haare der Dame waren in den Leim geraten und festgeklebt. Sie ruckte ein paar Mal, und dann ging das Schreien los. Sie glaubte, es wären Tote, die sie bei den Haaren festhielten. Sie schrie und schrie (...).
Auf den weiteren Seiten werden recht viele Gedanken festgehalten, von Soldaten, die längst aus dem verlorenen Krieg zurückgekehrt sind, aber ihre Köpfe und Ohren auch jahrelang danach noch voller Kriegsgeräusche behaftet sind. Viele leiden an einer Posttraumatischenbelastungsstörung und sind psychiatrisch untergebracht. Viele sogar auf Lebenszeit.
Das Leben in einem Geschöpf zu beenden ist immer wie ein Mord. Zeitlichen Kriege war, würde ich sogar ungern eine Fliege. Trotzdem hat mit der Stück halb heute Abend gut geschmeckt, dass man getötet hat, damit Sie es essen. Das sind die alten Paradoxe und verhindern Schlussfolgerung. Das Leben ist ein Wunder, auch in einem Kalk und in einer Fliege. Besonders in einer Fliege - diese Akrobaten mit ihren tausenden von Augenfacetten. Es ist immer ein Wunder. Aber es wird immer beendet. Warum töten wir im Frieden einen kranken Hund und nicht einen kranken Menschen? Aber wir morden Millionen in nutzlosen Kriegen.
Mit dem Morden von kranken Menschen sind diejenigen gemeint, die das Leben vor lauter  Schmerzen nicht mehr ertragen wollen. Im Krieg sind viele Soldaten so schwer verwundet gewesen, es war abzusehen, dass sie nicht überleben würden, und man ihrem Bedürfnis nach einer Erlösungsspritze nicht nachkommen wollte,  wonach sie so sehr verlangten.

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„Die rechte Vernunft liegt im Herzen“ (Theodor Fontane)


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Samstag, 16. Juni 2012

Erich Maria Remarque / Der schwarze Obelisk (1)


Erste Buchbesprechung der o. g. Lektüre



Ich bin von dem Buch total angetan. Man hört ja viel über die Inflation, aber Remarque bringt das richtig lebendig rüber. Sich die Zigarette mit einem Hundertmarkschein anzuzünden, das ist schon grotesk. Oder ein Laib Brot, das 1000 Mark kostet ... . Was ich an Remarque besonders schätze und liebe, ist, er ergreift Partei für Menschen, denen es an Gerechtigkeit mangelt, denen es an materiellen Gütern fehlt. Menschen, die durch eine Regierung in existentielle Nöte geraten sind. Menschen, die politisch und gesellschaftlich benachteiligt sind. Ich mag Menschen, die parteiisch sind. ... . Ziemlich schlecht schneidet in dem Buch die katholische Kirche ab. Während die Menschen hungern und nicht wissen, wie sie um den nächsten Tag kommen, sieht bei ihr die Tafel recht prunkvoll aus, wie reichlich deren Tisch gedeckt ist... . Die Rede ist von einer Klinik, die von Ordensschwestern geleitet wird, und der Protagonist, Orgelspieler, dort an der Tafel gemeinsam mit dem Vikar teilnehmen darf als Ausgleich für das geringe Gehalt für sein musisches Engagement.
Remarque schreibt allgemein recht gesellschaftskritisch und nimmt auch das kleine Volk unter seine Lupe... .

Der Protagonist ist der Ich-Erzähler und heißt Ludwig Bodmer, und macht es dem Leser möglich, in Institutionen hinter die Kulissen zu schauen. 
 Ludwig Bodmer ist fünfundzwanzig Jahre jung und hat schon allerhand erlebt aber er bezeichnet sich für zu jung auf manchem Gebiet. Seine Freunde widersprechen ihm, und betrachten ihn als ein Kriegsprodukt - emotional zu unreif, aber erfahren im Morden ... :D. 

Eine Straßenbahnfahrt, hin und zurück, kostet 1000 Mark. Der Eintritt ins Museum 250 Mark, die Tapeten an den Wänden kann man mit Geldscheinen zukleistern... .
Die wirklichen Verlierer sind die kleinen Leute, die Sparer, die durch die Inflation von heute auf morgen ihre gesamten Ersparnisse verloren haben. Gewinner sind die Aktionäre und die Börsianer... . Also, die Reichen, die wussten, wie man Geld anlegt... . 
Folgende Szene hat mich besonders betroffen gemacht. Es geht um einen Suizidanten, der aufgrund seiner Tat auf dem Kirchhof nicht begraben werden darf. Bodmer kann das gar nicht verstehen und nimmt sich mitfühlend der verzweifelnden, trauernden, hinterbliebenen Ehefrau an:

" Sie meinen, dass er deshalb nicht auf dem Kirchhof beerdigt werden darf?", fragte ich.
" Ja. Nicht auf dem katholischen. Nicht in geweihter Erde."
" Aber das ist doch Unsinn!", sagte ich  ärgerlich." er sollte in doppelter geweihter Erde begraben werden. Niemand nimmt sich ohne Not das Leben. Sind Sie ganz sicher, dass das stimmt?"
" Ja. Der Pastor hat es gesagt."
" Pastoren reden viel, das ist ihr Geschäft. Wo soll er denn sonst beerdigt werden?"
"Außerhalb des Friedhofs. Auf der anderen Seite der Mauer. Nicht auf der geweihten Erde. (…) Und das geht nicht. Er war fromm. Er muss-", Ihre Augen sind plötzlich voll Tränen."Er hat es sicher nicht überlegt, dass er nicht in geweihter Erde liegen darf."
" Er hat wahrscheinlich überhaupt nicht daran gedacht. Aber grämen Sie sich nicht wegen Ihres Pastors. Ich kenne Tausende von sehr frommen Katholiken, die nicht in geweihter Erde liegen."
Sie wendet sich mir rasch zu. "Wo?"
" Auf den Schlachtfeldern in Russland und Frankreich. Sie liegen da beieinander in Massengräbern, Katholiken, Juden und Protestanten, und ich glaube nicht, dass das Gott etwas ausmacht." :D
" Das ist etwas anderes. Sie sind gefallen. Aber mein Mann-" (…) der Pastor behauptet, die Todsünde-".
" Liebe Frau", unterbreche ich sie. Gott ist viel barmherziger als die Priester, das können Sie mir glauben."

Er sollte in doppelter geweihter Erde begraben werden, damit will der Autor zu verstehen geben, dass diese Menschen, die so viel Leid erfahren, es besonders verdienen, geachtet und respektiert zu werden.

Und der letzte Satz könnte von mir sein. Denn auch ich bin der Meinung, dass Menschen viel härter im Urteil sind, was die menschliche Schwäche betrifft, sollte es einen Gott geben. Es ist der Mensch, der sich nach Rache und nach Sühne sehnt, nach einer Hölle für seine Feinde. Es ist der Mensch, der sich nach einem strafenden Gott sich sehnt, aber mein Gottesbild ist davon geprägt, dass Gott nur vergeben will. Es ist ja schließlich nicht so einfach, verglichen mit anderen Lebewesen.

Weiter geht es im Dialog. Die Frau geniert sich, dass sie ihre Trauer einem wildfremden Menschen anvertraut. Doch Bodmer versucht sie zu trösten, dass es für diese kritische Zeiten normal sei, so viel mit Toten zu tun zu haben:

"Ja -aber nicht so-"
" doch", erkläre ich. Das passiert in dieser traurigen Zeit viel häufiger als Sie denken. Sieben allein im letzten Monat. Es sind immer Menschen, die nicht mehr ein noch aus wissen. Anständige Menschen also. Die unanständigen kommen durch." 

Es folgt noch ein anderes Zitat, das mir sehr imponiert hat und mir auch aus der Seele spricht. Es geht um die Grabreden, um Todesanzeigen, die immer so positiv und menschenliebend ausfallen. Dieses Zitat möchte ich gerne festhalten, weil es so schön und treffend ausgedrückt ist und auch heute noch aktuell ist:

"Wenn es nach den Todesanzeigen ginge, wäre der Mensch absolut vollkommen. Es gibt nur perfekte Väter, makellose Ehemänner, vorbildliche Kinder, uneigennützige, sich aufopfernde Mütter, allerseits bedauerte Eltern, Geschäftsleute, gegen die Franziskus von Assisi ein hemmungsloser Egoist gewesen sein muss :D, gütetriefende Generäle, menschliche Staatsanwälte, fast heilige Munitionsfabriken :D - kurz, die Erde scheint, wenn man den Todesanzeigen glaubt, von einer Horde Engel ohne Flügel bewohnt
gewesen sein, von denen man nichts gewusst hat. Liebe, die im Leben wahrhaftig nur selten rein kommt, leuchtet im Tode von allen Seiten und ist das häufigste, was es gibt. Es wimmelt nur so von erstklassigen Tugenden, von treuer Sorge, von tiefer Frömmigkeit, von selbstloser Hingabe, und auch die Hinterbliebenen wissen, was sich gehört - sie sind von Kummer gebeugt, der Verlust ist unersetzlich, sie werden den Verstorbenen nie vergessen - es ist erhebend, das zu lesen, und man könnte stolz sein, zu einer Rasse zu gehören, die so noble Gefühle hat.

Szenenwechsel:


Bodmer befindet sich wieder bei einem seiner Freund, als sie zum gemeinsamen Essen verabredet sind:

" Was gibt es heute bei Eduard?"
" Deutsches Beefsteak." 
" Gehacktes Fleisch also. Warum ist gehacktes Fleisch deutsch?"
" Weil wir ein kriegerisches Volk sind und sogar im Frieden unsere Gesichter in Duellen zerhacken." 

zu dem Fettdruck, von mir erhoben, muss ich nichts mehr sagen, die Textstelle versteht sich von selbst.
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„Die rechte Vernunft liegt im Herzen“ (Theodor Fontane)

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Donnerstag, 14. Juni 2012

Erich Maria Remarque / Der schwarze Obelisk




Verlag: Kiepenheuer & Witsch
2009, 8. Aufl.
Seitenzahl: 414
KiWi Taschenbücher Nr.488
ISBN-13: 9783462027259

 Klappentext
Das Inflationsjahr 1923. Die Zeit der Spekulanten und Schieber, der verarmten Rentner und Kriegsversehrten, einer Gesellschaft in moralischer Auflösung. Eine ganze Generation hat gelernt zu überleben - aber nicht sich im Leben zurechtzufinden. Wie Ludwig, der nicht weiß, wohin er gehört. Als Grabsteinverkäufer ist der Tod auch nach dem Krieg sein trauriges Geschäft...
Der Roman einer Generation zwischen den Kriegen: Das Inflationsjahr 1923. Es ist die Zeit der Spekulanten und Schieber, der kleinen Beamten und gro0ßen Kaufleute, der verarmten Rentner und Kriegsversehrten, einer Gesellschaft in moralischer Auflösung. Eine ganze Generation hat auf bittere Weise gelernt zu überleben - aber nicht, sich im Leben zurechtzufinden. Wie Ludwig, der im Krieg wie so viele andere seine Jugend verlor und nicht weiß, wo er hingehört. Auf der Suche nach Liebe in einem Platz im Leben begegnet er der schönen aber schizophrenen Isabelle.

Autorenportrait im Klappentext
Erich Maria Remarque, 1898 in Osnabrück geboren, besuchte das katholische Lehrerseminar. 1916 als Soldat eingezogen, wurde er nach dem Krieg zunächst Aushilfslehrer, später Gelegenheitsarbeiter, schließlich Redakteur in Hannover und Berlin. 1932 verließ Remarque Deutschland und lebte zunächst im Tessin/Schweiz. Seine Bücher “Im Westen nichts Neues” und “Der Weg zurück” wurden 1933 von den Nazis verbrannt, er selber wurde 1938 ausgebürgert. Ab 1941 lebte Remarque offiziell in den Usa und erlangte 1947 die amerikanische Staatsbürgerschaft. 1970 starb er in seiner Wahlheimat Tessin. 

Remarque zählt auch zu meinen LieblingsautorInnen. Gelesen habe ich bisher von ihm:

1. Arrque de Triomph
2. Im Westen nichts Neues

Und beide Bücher haben mich wahnsinnig gefesselt!
Bin jetzt neugierig auf den Folgeband!
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„Die rechte Vernunft liegt im Herzen“ (Theodor Fontane)


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Erzählungen von Thomas Mann BD 1

  Der Bajazzo, eine Erzählung von 54 Seiten


ISBN-10: 3596512255
Nach allem zum Schluss und als würdiger Ausgang, in der Tat, alles dessen ist es nun der Ekel, den mir das Leben - mein Leben -den mir >alles das< und  >das Ganze< einflößte. 

So beginnt die Erzählung von Thomas Mann, ob es nun Zufall ist oder nicht, aber irgendwie passt der Anfang, überhaupt das gesamte Thema, ein wenig zu meiner letzten Lektüre. Auch hier habe ich es mit einem Erzähler zu tun, der über sein Leben voll Abscheu und Ekel spricht.


Die Novelle handelt von einem Ich - Erzähler, zu einer Lebenszeit, als er dreißig Jahre alt war. Man erfährt auf den ersten Seiten ein wenig von dessen Familie. Zwei ältere Schwestern, die aber nach meinem Empfinden als Nebenfiguren keine außergewöhnliche Rolle spielen, bleiben in meiner Buchbesprechung unerwähnt. Der Vater ist in der Öffentlichkeit ein recht angesehener und geachteter Kaufmann, während die Mutter klein, zierlich und recht mädchenhaft wirkt und sie als nicht besonders hübsch beschrieben wird. Sie ist auf dem Gebiet der Literatur und dem Theater sehr bewandert. Das große Interesse für Literatur und Theater machte sich auch recht bald in dem Jungen, dem Erzähler, bemerkbar. Zu Weihnachten bekommt er ein Spieltheater geschenkt, mit dem er leidenschaftlich seine Fantasien auslebt und darin sogar auch Opern erfand… . Er beherrschte recht früh die Fabulierkunst.
In der Schule zeigt er sich dadurch eher verträumt und desinteressiert, und er brachte nicht die Leistungen zustande, die der Vater von ihm erwartete. Mit siebzehn Jahren wurde er somit in die Kaufmannslehre geschickt, und die Schule wurde vorzeitig beendet.

Der Vater zeigt sich nicht gerade entzückt über seine Entwicklung und das Interesse und der Liebe zu den literarischen Künsten. Er bezeichnet seinen Sohn als einen Bajazzo.

Bajazzo, eine Spaßfigur, mit nicht ernstzunehmenden Chraktereigenschaften und Vorlieben, entlehnt aus dem italienischen Volkstheater. Wobei mir der Protagonist gar nicht so erscheint. Auf mich wirkt er, nachdem ich die Novelle durch hatte, ein wenig ernst und nachdenklich, ein Bajazzo würde gar nicht so sehr sein Leben reflektieren. Er wäre durch und durch ein Lebemensch.

Der Junge wirkte außerhalb der Literatur und dem Theater nicht besonders ehrgeizig, aber er begab sich brav und widerstandslos in die Lehre bei dem Holzhändler Schlievogt. Es gelang ihm, sich dort gut anpassen und machte sich bei seinem Meister auch recht beliebt. Mit der Zeit lernte er ein geregeltes und sicheres Leben zu führen, das sich in feste Bahnen bewegt. Diese Lebensform würde aus meiner Sicht partout nicht zu einem Bajazzo passen… . Doch als der Vater verstarb und kurze Zeit darauf auch seine Mutter, erbte er eine fünfstellige Summe, so dass er gut damit seinen Lebensunterhalt bestreiten konnte, ohne weiter seinen Beruf als Kaufmann nachgehen zu müssen.
Er zog in eine andere Stadt, und begann dort ein neues Leben.


Meine Tage vergingen fortab in Wirklichkeit dem Ideale gemäß, das von mir mein Ziel gewesen war. Ich erhob mich von etwa um 10:00 Uhr, frühstückte und verbrachte die Zeit bis zum Mittag am Klavier und mit der Lektüre einer literarischen Zeitschrift oder eines Buches. Dann schlenderte ich die Straße hinauf zu dem kleinen Restaurant, in dem ich mit Regelmäßigkeit verkehrte, speiste und machte darauf einen längeren Spaziergang durch die Straßen, durch eine Galerie, in die Umgegend, auf den Lerchenberg. Ich kehrte nach Hause zurück und nahm die Beschäftigungen des Vormittags wieder auf: Ich las, musizierte, unterhielt mich manchmal sogar mit einer Art von Zeichenkunst oder schrieb mit Sorgfalt einen Brief. Wenn ich mich nach dem Abendessen nicht in ein Theater oder ein Konzert begab, so hielt ich mich im Caffée auf und las bis zum Schlafengehen die Zeitung.


Welche Literaturinteressierten träumen nicht von solch einem Luxusleben?, selbst wenn dieses Leben durch den Erzähler letztendlich doch infrage gestellt wird... . Je mehr er sich der Kunst zuwandte, desto mehr kehrte er der Welt und den Menschen den Rücken. Er hob sich auch von den anderen Menschen deutlich ab:


Die Tage aber verstrichen, und es wurden Wochen und Monate daraus- Langeweile? Ich gebe zu: Es ist nicht immer ein Buch zur Hand, das eine Reihe von Stunden den Inhalt verschaffen könnte; übrigens hast du ohne jedes Glück versucht, auf dem Klavier zu fantasieren, du sitzest am Fenster, rauchst Cigaretten, und unwiderstehlich beschleicht dich ein Gefühl der Abneigung von aller Welt und dir selbst; die Ängstlichkeit befällt dich wieder, die übelbekannte Ängstlichkeit, und du springst auf, machst dich davon, um die auf der Straße mit dem heiteren Achselzucken des Glücklichen die Berufs-und Arbeitsleute zu betrachten, die geistig und materiell zu unbegabt sind für Muße und Genuss.


Eigentlich nimmt der Erzähler schon recht deutlich wahr, dass sein Leben trotz der  vielseitigen Kunst recht einsam verläuft, doch er wagt sich nicht sich dem zu stellen, und wertet sich auf, indem er die arbeitende Bevölkerung, verglichen zu ihm und seinen Möglichkeiten, als unbegabt hinstellt. Letztendlich ist dieses Urteil eher ein Selbstschutz, um sich nicht eingestehen zu müssen, dass ihm im Leben doch auch etwas ganz Wesentliches fehlt.

Auf den folgenden Seiten erfährt man schließlich doch, dass er hin und wieder ein wenig müde von der Einsamkeit ist. Seine Unzufriedenheit nimmt immer mehr zu, so dass er schließlich sich doch eingestehen muss, dass er keinem bestimmten Gesellschaftskreis angehört, indem er Bekanntschaften hätte knüpfen können.


 Übrigens hatte ich hier wohl mit der Gesellschaft gebrochen und auf sie verzichtet, als ich mir die Freiheit nahm, ohne ihr in irgendeiner Weise zu dienen, meine eigenen Wege zu gehen, und wenn ich, um glücklich zu sein, der Leute bedurft hätte, so muss ich mir erlauben, mich zu fragen, ob ich in diesem Falle nicht zur Stunde damit beschäftigt gewesen wäre, mich als Geschäftsmann größeren Stils gemein nützlich zu bereichern und mir den allgemeinen Neid und Respekt zu verschaffen.


Als Geschäftsmann? Wen muss er neidisch machen... ?. Hat er es nötig? Vielleicht hätte er sich im Elternhaus besser durchsetzen müssen, um seine Begabungen in der Kunst weiter zu entfalten. Aber auf einem professionellen Gebiet, auf dem sich noch andere Künstler tummeln, und mit ihnen im Austausch bleiben würde. Aber er besänftigt sich immer wieder mit nicht ganz aufrichtigen Gedanken:


Ah, ich habe aber mein Leben zu meinem Wohlgefallen eingerichtet! Bin ich vielleicht nicht glücklich? Eine Lächerlichkeit, diese Frage, und weiter nichts. (…) Es ist wahr, dass ich allerhand vermag! Ich kann (…) mich am Flügel niederlassen, um mir im stillen Kämmerlein meine schönen Gefühle voll auf zum Besten zu geben, und das sollte mir billig genügen; denn wenn ich, um glücklich zu sein, der Leute bedürfte - dies alles! Allein gesetzt, dass ich auch auf den Erfolg ein wenig Wert legte, auf den Ruhm, die Anerkennung, das Lob, den Neid, die Liebe?
 
Schließlich versucht er >Glück< zu definieren, wobei ich den Eindruck bekomme, dass er >Glück< auch erzwingen will, um sein Leben damit als geglückt rechtfertigen zu können:


 Ich will und muss glücklich sein! Die Auffassung des "Glückes" als eine Art von Verdienst, Genie, Vornehmheit, Liebenswürdigkeit, die Auffassung des "Unglücks" als etwas Hässliches, Lichtscheues, Verächtliches und mit einem Worte lächerliches ist mir zu tief eigentlich, als dass ich mich selbst noch zu achten vermöchte, wenn ich unglücklich wäre. 

Ich denke, dass es nicht so einfach ist zu verkraften, wenn man plötzlich die Erkenntnis machen muss, dass man im Leben etwas ganz Wesentliches versäumt hat, obwohl der Protagonist noch sehr jung ist, und sein Leben durchaus noch umlenken könnte:
 
Was dürfte ich mir gestatten, um glücklich zu sein? Welche Rolle müsste ich vor mir spielen? Müsste ich nicht als eine Art von Fledermaus oder Eule im Dunkeln hocken und neidisch ich zu den Lichtmenschen hinüberblinzeln, den liebenswürdigen Glücklichen? Ich müsste sie hassen, mit jenem Hass, denn nichts ist als eine vergiftete Liebe, - und mich verachten!


Ja, er hat sich auch in eine Frau verliebt, eine hübsche junge Dame, eine Theaterbesucherin, die aber leider einem anderen Bewerber versprochen ist, wie er enttäuscht feststellen musste. Aber zumindest lernt er das Gefühl der Liebe kennen..., selbst wenn er nach dieser Enttäuschung auch die Liebe letztendlich in sich völlig verwirft und sie als eine bloße, lästige Eitelkeit abtut:


Liebte ich, wenn endlich einmal diese Frage erlaubt ist, liebte ich dieses Mädchen denn eigentlich? Vielleicht… aber wie und warum? Weil diese Liebe nicht eine Ausgeburt meiner längst schon gereizten kranken Eitelkeit, die beim ersten Anblick dieser unerreichbaren Kostbarkeit reinigend aufbegehrt war und Gefühle von Neid, Hass und Verachtung hervorgebracht hatte, für die dann die Liebe Vorwand, Ausweg und Rettung war?
Ja, das alles ist Eitelkeit! Und hat mich nicht mein Vater schon einst einen Bajazzo genannt?
 
Sicherlich haben ihn die väterlichen Urteile geprägt, von denen er sich nicht hat lösen können, vielleicht, weil er diese nicht ausreichend genug hinterfragt hat. Ein kleiner Dialog zwischen den Eltern über den Sohn. Der Vater:


Seine Begabung, von der du sprichst, ist eine Art von Bayazzobegabung, wobei ich mich beeile, hinzuzufügen, dass ich dergleichen durchaus nicht unterschätze. Er kann liebenswürdig sein, wenn er Lust hat, er versteht es, mit den Leuten umzugehen, sie zu amüsieren, ihnen zu schmeicheln, er hat das Bedürfnis, Ihnen zu gefallen und Erfolge zu erzielen; mit derartiger Veranlagung hat bereits mancher sein Glück gemacht, und mit ihr ist er angesichts seiner sonstigen Indifferenz im Handelsmann größeren Stils relativ geeignet."
 
Ich denke, dass es genau das ist, was den Jungen beeinflusst hat, weshalb aus ihm nicht mehr geworden ist. Er genießt seine Kunst im Stillen, obwohl er die Fähigkeiten hätte, unter Menschen zu gehen, und im Austausch mit anderen Künstlern diese dort weiter zu entfalten und die Welt mit seinen künstlerischen Fähigkeiten zu bereichern.


Wohlüberlegt, ich kann nicht umhin, mir diese so friedliche und lächerliche Begriffsunterscheidung zugestehen: Die Unterscheidung zwischen >innerem und äußerem Glück< ! >Das äußere Glück<, was ist das eigentlich?- Es gibt eine Art von Menschen, Lieblingskinder Gottes, wie es scheint, deren >Glück< das Genie und deren Genie das >Glück< ist, nicht Menschen, die mit dem Widerspiel und Abglanz der Sonne in ihren Augen auf eine leichte, anmutige und liebenswürdige Weise durchleben, pendeln, während alle Welt sie umringt, während alle Welt sie bewundert, belobt, beneidet wird und liebt, weil auch der Neid unfähig ist, sie zu hassen. :-). 


Zu diesem Zitat muss man gar nichts mehr hinzufügen, ich schreibe gewisse Textstellen eigentlich nur heraus, weil sie mir so gut gefallen. Eigentlich hätte ich in vier Sätzen sagen können, worum die Erzählung handelt, und was die Quintessenz von ihr ist.

Aber was den Erzähler für mich so sympathisch macht, ist die Auseinandersetzungen mit seinem Leben, das Abwägen von Für und Wider, auch wenn die Erzählung nicht gerade optimistisch endet, aber sie keineswegs unrealistisch macht. Er setzt sich auseinander, denkt kritisch über sein Leben nach, aber als Ekel habe ich sein Leben gewiss nicht empfunden.

Mit einem Zitat begonnen, schließe ich mit einem Zitat ab:

Scheint es nicht, dass sich die inneren Erlebnisse eines Menschen desto stärker und angreifender sind, je dégagierter, weltfremder, und ruhiger er äußerlich lebt? Es hilft nichts: Man muss leben; und wenn du dich wehrst, ein Mensch der Aktion zu sein, und dich in die friedlichste Einöde zurückziehst, so werden die Wechselfälle des Daseins dich innerlich überfallen, und du wirst deinen Charakter in ihnen zu bewähren haben, seist du nun ein Held oder ein Narr.
                                                                          ENDE !

Nachgedanke:

Es gibt einsame Menschen, die nach ihren Möglichkeiten nichts unversucht gelassen haben, sich in das gesellschaftliche Leben zu mischen, und brachten Projekte auf die Beine, die jedoch allesamt gescheitert sind. Auch in der Gesellschaft fühlen sich diese Menschen recht einsam, einsamer als die Kunst hinter ihren vier Wänden… .

Mir hat die Novelle gut gefallen und gebe ihr sieben von zehn Punkten. Sieben Punkte und nichtzehn aus dem Grund, da das Thema nicht wirklich authentisch ausgearbeitet war. Den Bajazzo habe ich in dem Protagonisten keinesfalls erkennen können. Dafür war er zu ernst und zu reflektiert. Am Anfang der Novelle wird man auf ein Leben vorbereitet, das von dem Erzähler als recht ekelhaft empfunden wird. Auch das kommt nicht wirklich gut zur Geltung. Ich finde das Leben, das der Erzähler uns mitteilt, alles andere als ekelhaft und abstoßend. 

Ich gebe der Novelle sieben von zehn Punkten. Sieben und nicht mehr, weil mir der Ich-Erzähler als Bajazzo nicht wirklich authentisch wirkte. Sieben und nicht weniger, weil man sich gut in die Erzählung einfinden kann und der sprachliche Ausdruck recht gehoben ist.

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